Dein Schreiben verstehe ich nicht und wenn du was willst, so mußt

schon so gut sein, selber kommen und anfragen. Amalia Stäubinger.«

Das ist besser.

Auf den Stefan Mairinger machten die paar Zeilen gar keinen üblen

Eindruck. Recht hat sie. Das Heiraten ist kein Briefwechsel, da muß man

selber zusammenkommen.

Beim nächsten Nebeltage, als kein Tourist vermutet wurde, sperrte er

sein Wirtshaus zu, die alte Magd, der er's nicht anvertrauen mochte,

schickte er in die Preiselbeeren aus. Er selber ging ins Tal nach

Migelbach.

Sie verabredeten es kurz und nüchtern.

»Über die ersten Dummheiten sind wir hinaus,« sagte der Latschenwirt

und betrachtete sich den niedlichen, mit Waren vollgepfropften

Kaufmannsladen. Sie erkundigte sich nach dem Ertrag des

Latschenwirtshauses, und da dachte er, wirtschaftlich ist sie und

das ist die Hauptsache. Dann begannen sie Zukunftspläne zu machen,

wobei sich aber die Meinungen etwas verwirrten, so daß der Mairinger

auf seinen Paß hinauf mußte, bevor sie fertig werden konnten. Im

Latschenwirtshause begann er hernach die Ehekammer, die seit dem Tode

seiner Ersten etwas öde und unordentlich geworden war, herzurichten.

Schaffte sich ein paar haarige Gemsfelle an als Fußteppich vor den

Betten und rote Fenstervorhänge, damit das kalte Licht, das von den

Eisfeldern herabkam, in Rosen getaucht werde.

Die Frau Stäuberin ließ ihr Haus weißeln, die Fensterbalken grün

anstreichen und sonstiges instand stellen, damit dem neuen Herrn alles

freundlich entgegenschaut. Dem neuen Herrn? Es wäre nicht zu ertragen,

wenn sie nicht gleichzeitig die neue Frau über das Latschenwirtshaus

werden würde!

Als der Latschenwirt demnächst wieder zu ihr kam, hatte er ein

Steirerwäglein bei sich und zwei schwere Hengste drangespannt. Sie

wartete ihm Blumenkohl auf -- in ihrem Garten stand noch einer; er

aß davon mit Mäßigkeit und meinte, von Blumenkohl sei er ein Freund,

besonders gern aber esse er Speckknödeln. Dann packte er mancherlei

Lebensmittel auf den Wagen und die Frau dazu, und so fuhren sie

selbander davon durch das lange Schluchtental, hernach durch Wälder und

über Almen hinan, am Quarzsteinbruch vorbei bis zum Bergjoch. Dort oben

strich ein scharfer Wind, Frau Amalia zog die Tuchjoppe enger zusammen

und sagte: »Husch, husch! Das ist ja ein Bärenloch, da heroben!«

»Aber eine schöne Aussicht, gelt? Man sieht sogar die krainerischen

Berge.«

»Um die geht's mir nicht,« antwortete sie, »mir sind schon die

steirischen zu viel.«

In der Wirtsstube waren Gäste, mit denen die alte Magd nichts

anzufangen wußte. Wenn der Mensch gestehen muß, daß er keinen

Kellerschlüssel hat, so ist das nicht bloß darum zuwider, weil er

dem Durstigen keinen Wein vorsetzen kann, sondern vielmehr wegen

des damit bekundeten Mangels an Vertrauen, den eine alte Magd, die

redlich durchs Leben gegangen ist, nicht ertragen kann, ohne sich in

einem Winkel zu verstecken und zu Tode zu schämen. Die Alte schämte

sich nicht zu Tode, sondern durchstöberte das ganze Haus, als ob der

Kellerschlüssel bloß verlegt wäre. Welch eine Erleichterung also,

als der Wirt kam, und welch ein Schreck, als sie an seiner Seite

eine rundliche Frau sah! Der Latschenwirt ließ seiner werten Gastin

Hirschbraten mit Preiselbeertunke vorsetzen. Sie aß ein weniges, dann

legte sie Messer und Gabel auf den Tisch und sagte: Die Preiselbeeren

habe sie sehr gern, aber das Hirschfleisch modere ihr zu stark.

Der Wirt wartete nun, daß sie mit den Gästen, zwei scharf ausgerüstete

Hochtouristen waren es, ein paar freundliche Worte wechsele oder sie

gar ein bißchen bedienen würde. Aber Frau Amalia blieb auf ihrer Bank

fest sitzen und tat fremd. Er sprach vom ungarischen Wein und vom

Flaschenbier, sie sprach von Kaffee, Seife und Schnittwaren. Er sprach

vom Wirtsgeschäft auf dem Schieberpaß, sie von ihrer Kaufmannschaft zu

Migelbach. Ein großes, unerfahrenes Herz hätte meinen müssen, diese

zwei Leute paßten trefflich zusammen; was er nicht sei, das sei sie,

und umgekehrt. Ein kleines, erfahrenes Weltherz jedoch hätte nach

solchen Anzeigen geschlossen, das gehe schief; was er nicht wolle, das

wolle sie, und umgekehrt.

Indes freute Frau Amalia sich an dem geordneten Anwesen auf dem

Bergjoch, und Herr Stefan rechnete insgeheim aus, welch eine Summe das

schöne Kaufmannshaus samt Geschäft in Migelbach einbringen werde. So

kamen sie wohlgemut auseinander und bei der Heimfahrt, da sie hinter

dem Fuhrmann allein saß, konnte die Frau Stäuberin ihren Hochzeitsstaat

überlegen -- sie denke, einen Rock aus kirschroter Seide, mit schwarzem

Samtbesatz, dazu ein Pariserhütchen, wie es die Frau Kreisrichterin zu

Martan trägt.

Einige Tage nach dieser Zusammenkunft kreuzten sich zwei Briefe, der

eine ging tal-, der andere bergwärts. Der erstere war so gestimmt:

»Liebe Mali!

Eigentlich fürchte ich's gar nicht. Du wirst schon in die Wirtschaft

taugen da heroben, du wirst noch eine prächtige Wirtin werden, wie

du das Zeug hast. Jetzt schaut's freilich noch nicht viel gleich bei

mir, aber wenn wir das Kaufmannshaus verkaufen, so bauen wir uns auf

dem Sattel ein Fremdenhotel, wo ich schon lang dazu eine Freud gehabt

hätt', aber alleweil zu wenig Geld. Das wird ein Geschäft werden im

Sommer, wie kein zweites im Land, denn man muß mit dem Fortschritt

halten und mein Vater selig hat oft gesagt zu mir: Bub, aus dem

Latschenwirtshaus laßt sich was machen. Ich denk', liebe Mali, daß wir

bald zum Pfarrer gehen, schreib' wann's Dir recht ist, bin allezeit

bereit. Richt' nur Deinen Taufschein her und wegen's Katechismus, das

G'sätzel von der Ehe wirst eh noch wissen. Ich hab's schier vergessen

und muß nachbessern.

Dein lieber Stefan.«

Der Brief, der diesen kreuzend vom Tal zu Berge ging, lautete also:

»Lieber Stefan!

Wir haben's letztens nicht recht ausgeredet und wirst eh froh sein,

wenn Du vom Windloch da oben einmal befreit bist. Das Latschenwirtshaus

geben wir derweil in Pacht, bis wir's gut verkaufen können. Das

Migelbacher Geschäft vergrößern wir, mir liegt schon lang die

Mehlhandlung im Kopf, +vis-à-vis+ gegenüber von meinem Haus. In

Wollstoffen wäre jetzt auch was zu machen. Werden schon zu tun haben

allzwei und wird schon gesorgt sein, daß Dir nicht die Zeit lang wird

in Migelbach, und mit Deinem guten Kopf lernst Du die Handlung in paar

Wochen.

Kannst kommen wann Du willst, daß wir anfangen.

Deine Amalia.«

Somit war das in allerbester Ordnung und die zwei Briefe, die sich

schon am nächsten Tage wieder kreuzten, waren noch kürzer und

deutlicher gehalten.

Der von oben: »Das wird wohl nicht geschehen, meine Liebe, daß ich mein

Vaterhaus im Stich laß! Da wird wohl das Weib dem Mann folgen müssen.

Richt' Dich nur zusamm'n! Dein Stefan.«

Und der von unten: »Da werden's mich eher auf den Freidhof

hinaustragen, als wenn ich ins Latschenwirtshaus hinaufgeh'. Willst die

Kaufmännin haben, so wird Dir schier nichts anders übrig bleiben, als

Kaufmann zu werden. Deine Amalia.«

Nach diesem diplomatischen Notenwechsel zwischen dem Schieberpaß

und Migelbach war es ein Weilchen still. Die Frau Stäuberin hatte

schlechte Nächte und sie sann nach, wie der halsstörrige Mann doch

herumzukriegen wäre, damit sie mit dem Erlös des Latschenwirtshauses

ihre Handlung vergrößern könnte. Vor der Hochzeit, wenn man auch wollte

nachgeben, so muß es doch nach der Hochzeit sein, daß ich mir meinen

Kopf aufsetze. Und die Mannsbilder, wenn man ihnen nicht folgt, werden

gern grob und nachher ist der Teuxel los. Na, das kann eine zuwidere

Geschicht' werden.

Da erschien eines schönen Tages der Hirtenknabe wieder im Kaufmannshaus

bei der Frau Stäuberin -- er hätte was abzugeben, und langte säumig

ein Brieflein hin. Dieweilen sie dasselbe las, lugte er wieder auf die

Flaschen. Vermutend, daß heute nichts für ihn ausfallen würde, wollte

er den Weichselgeist wenigstens von außen ansehen. Mit den Augen kann

man die ganze Flasche verschlingen, auch wenn sie einem nicht gehört,

und kriegt doch keinen Rausch. Wie sehr war er verwundert, als die Frau

Stäuberin ein Gläschen füllte und ihn freundlich einlud: »Geh her da,

Bübel, und trink'. Da hast auch ein Zwieback zum Dazubeißen. Laß dir

nur Zeit und trink' aus, ich füll' schon noch einmal nach.«

Und was stand denn in dem Brieflein, das sie so froh gemacht hatte? In

dem Brieflein standen die paar Zeilen:

»Schätzbare Frau Stäuberin!

Ich hab' mir's überlegt. Es ist das Gescheitere, wir lassen's sein.

Daß wir einander nicht ins Unglück bringen. Nix für ungut. Sei so gut,

mir einen Zuckerhut und zwei Kilo Kaffee prima Sorte auf Rechnung zu

schicken.

Mit Achtung

Stefan Mairinger.«

Nussenspielen.

»Mit dem Obst schaut's bei uns halt schlecht aus; ein bissel

Waldkirschen, ein bissel Schlehen, ein bissel Holzäpfel und ein bissel

Lethfeigen,« so sagt der Staggelhofer, meint mit den Lethfeigen aber

schon die Burschen, die zu bequem und zu feige sind, um am Kirchtag

mit ein paar Stuhlfüßen ein paar Kameraden blau zu machen. Die »blauen

Montage« waren fast abgekommen zu Scherersbach. »Das beste Obst,« so

fährt der Staggelhofer fort, »ist bei uns noch das, welches unter der

Erde wachst. Was im Sommer nicht unter der Decken ist, das wachst nicht

-- so frisch ist's bei uns zu Scherersbach.« Unter der Decke -- die

Erdäpfel meint er.

Deswegen geschieht es, daß der Staggelhofer im Spätherbste eines Tages

ein paar Ochsen einspannt und auf einem Leiterwagen etliche Säcke mit

Erdäpfeln ins Untergai schleppt. Dort werden die gelben Erdäpfel mit

rotwangigen Baumäpfeln aufgemessen, und als Draufgabe bekommt der

Alpenbauer noch ein volles Säcklein dazu, das schauderhaft raschelt,

als es auf den Karren geworfen wird. Dann fährt er heim. Die Äpfel

werden zum Jausenbrot genossen, die Kinder bekommen deren extra, wenn

sie folgsam sind; der Halterbub schleicht manchmal heimlich zum Sacke.

»Hat der Adam ~auch~ Äpfel gestohlen,« meint er in Erinnerung an den

genossenen Katechetenunterricht, und setzt aus eigenem bei: »Der Adam

hat's der Eva wissen lassen und so ist's aufkommen. Ich will gescheiter

sein und das Apferl allein essen.« Nach Jahren, wenn er groß und

stark geworden, will er's bei einem lustigen Plausch im Wirtshause

dem Staggelhofer einmal sagen: »Du Bauer, deine Äpfel, die ich dir

gestohlen, haben sehr gut geschmeckt!« Wenn man's eingesteht, nachher

ist's nicht mehr Sünd', denkt er. Zurzeit ißt der Halterbub keinen

Apfel allein, sondern läßt schon allemal auch eine Eva mithalten, hat

also nicht mehr nötig, seine Sünden selber auszusagen.

Herr Jesses, ich verweile mich da bei den Äpfeln und sollt' schon lang

bei den Nüssen sein.

Am Tage des heiligen Nikolaus, am langen Abende, da die Leute nach

verrichtetem kurzen Tagewerk in der Stube beisammen sitzen --

späneklieben, besenbinden, rauchen, schuhnageln, flicken, spinnen,

stricken, tratschen, duseln und was so der häuslichen Arbeiten mehr

sind, raschelt auf einmal etwas. Der Bauer kommt langsam zur Tür

hereingestiegen und bringt eine hölzerne Schüssel voll Nüsse.

Etliche schreien vor Freuden auf, besonders die Weibsbilder, und der

Großknecht langt schon nach dem Spielkartenbüschel.

»Nussenspielen!«

Alles verläßt seine Arbeit und drängt an den Tisch, was nicht schon

dabei sitzt. Eine Kerze wird angezündet, denn das Kienspanlicht ist

nicht heilig genug fürs Kartenspielen, und die Öllampe ist nicht sicher

genug, wenn sie raufend werden.

»Ja, ja, Nussenspielen!« sagt der Staggelbauer und stellt seine

Holzschüssel neben sich auf die Bank, »nix Nussenspielen! Vorher

Nussen ~kaufen~! 's Paar um ein' Kreuzer!«

»Da mögen die Weiberleut' einkaufen, mir sind sie zu teuer!« entgegnet

der Weidknecht.

»Narr!« lacht zu diesem der Oberknecht, »die Weiberleut' sind immer

teuer!«

»Die ~Nussen~ sind mir zu teuer, du Pölli!« schreit der Weidknecht und

fährt auf.

»Hi, hi, hi!« kichert der kleine Bub, der alleweil die Hände im Sack

hat, weil ohnehin die Läufeln barfuß sind.

»Was lachst denn, Lecker?« fragt ihn der Stallbub.

»Weil sie schon raufen wollen und spielen noch gar nit!«

»Wem's Paar um ein' Kreuzer zu teuer ist, der soll zehn um ein' Batzen

haben,« sagt der Bauer.

»So wegen meiner!« antwortet der Großknecht und kauft sich um drei

»Batzen« Nüsse. Der Weidknecht auch so viel, der Stallknecht nicht

weniger. Die Kuhdirn will auch um einen Kreuzer.

»Du kriegst nur achte,« sagt der Bauer, »weil du sie eh samt der

Schalen ißt.«

Gelächter. Aber die Kuhdirn sagt: »Kannst du selber tun, Bauer, mir

täten sie zu viel reixeln im Magen.«

»Der Bauer ißt ja auch die Erdäpfel in der Haut,« spöttelt der

Weidknecht.

»Nau, abziehen werd' ich sie mir nit lassen vor dem Nachtmahl,«

entgegnet der Bauer und zählt jedem die gewünschte Anzahl Nüsse vor.

So sitzen sie nun beim Tisch und jedes hat vor sich einen Haufen

Nüsse. Die sind anstatt Münzen, und für »Nussen« wird jetzt gespielt.

Sie spielen »um den letzten Stich«, wer den hat, der bekommt von jedem

eine Nuß. Das ist leicht faßlich, da kann sogar das Abwaschdirndl

mithelfen; wenn sie auch die Karten noch nicht kennt, allemal eine

Nuß hergeben, das kann sie doch -- heißt das, so lange sie ihrer

hat. Auffallend ist es, wie bei solchem Spiel zwischen beiderlei

Geschlechtern fast allemal die Männer gewinnen und die Weibsbilder

büßen. Man muß aber wissen -- das heißt, man darf es nicht wissen --

wie sich erstere beim Spiel unter dem Tische einander auf die Zehen

treten, ohne daß auch nur ein einziger »au weh!« schreit.

An der männlichen Seite häufen die Nüsse sich zum Verwundern, »und wo

Tauben sind, da fliegen Tauben zu!« sagt die Küchenmagd und schupft mit

der Hand die neuerdings verspielten hinüber.

»Die redet jetzt von Tauben!« bemerkt der Weidknecht.

»Ja, von tauben Nüssen,« sagt der Großknecht. »Die muß lauter solche

haben, von der mag ich keine.«

»Hat der Fuchs gesagt wegen der Trauben!« schreit die Küchenmagd und

hebt die auszuspielende Karte wie einen Dolch: »Gestochen!«

Diesmal hat sie den letzten Stich und nun rascheln ihr von allen Seiten

Nüsse zu, daß sie vor Freuden kichert.

Um so kleinlauter ist die Kuhdirn, ihr Vorrat ist alle, zwei einzige

Nüßlein und noch dazu kleinwinzige (denn die großen hat sie in ihrer

Gutmütigkeit zuerst hergegeben), liegen an ihrer Seite; -- zwei

feindliche Stiche noch, und sie ist fertig.

Und auf diese paar Nüsse lugt ein mitleidiges Auge -- das Auge des

Stallknechtes. »Nit verzagen, Gretel,« sagt er schmunzelnd, »solang

noch das Paar ist, geht die Welt nit zugrund.« Dabei schielt er ein

bißchen auf ihre Karten, die sie wie einen Fächer in der Hand hält,

prüft dann seine Karten in der Hand und tritt dem Nachbar ein wenig auf

die Zehe. Dieser wirft keck das Blatt aus und wird »gezwickt«, denn der

Fußtritt war ein falscher gewesen, hatte den Spieler mißleitet. Die

Stalldirn macht den letzten Stich und ist überrascht von solchem Glück,

daß sie vor Schreck aufschreit, als hätte sie mit ihrem Stiche wirklich

jemanden erstochen. Jetzt rollen ihr die Nüsse zu und bald danach

erklärt der Bauer, es wäre morgen auch noch ein Tag.

»Zum Spielen!« sagt der Weidknecht.

»Zum Korndreschen!« ruft der Hausvater, »früh auf heißt's. Und jetzt

schlafen gehen!«

»Ich tu' früher meine Nussen essen,« meinte der Halterbub und zerdrückt

die erste mit dem Handballen auf dem Tisch. Der Großknecht öffnet seine

Gewinnste mit einem Faustschlag. »Hau!« schreit er, als der rostige

Kern zum Vorschein kommt, »ist so ein kohlschwarzer Teufel drin!«

»Ein schneeweißer Engel wird nit drin sein in Nussen, die einer

erfalschelt,« bemerkt der Weidknecht.

»Wer hat erfalschelt?« schreit der Großknecht und haut auf den Tisch,

daß die Nüsse zu tanzen anheben.

»Oho,« sagt die Küchendirn zu den Nüssen, die sie fängt, »im Advent ist

das Tanzen verboten!«

»Wer hat gefalschelt?« schreit der Großknecht, »~du~!« und schleudert

dem Weidknecht eine Handvoll Nußschalen ins Gesicht. Jetzt fährt der

Weidknecht los, packt den Gegner am Hemdkragen; die anderen wollen

abwehren, aber da die Arme schon einmal zugreifen sollen, so schlagen

sie auch munter drein, die Karten flattern wie Unzücht, die Nüsse

fliegen raschelnd in den Lüften und springen wie gehexter Hagel an alle

Wände, Kästen und Bänke, bis sie zu Boden kollern.

Der kleine Bub reibt sich vergnügt die Fäuste ineinander, denn der

Gewinn ist sein. Alle Nüsse, die sich in den Winkel verkollern, fallen

ihm zu, morgen, wenn er Jagd darnach hält. Heute ist's schon zu finster

dafür, denn auch die Kerze hat ihren Tackel bekommen, und der Bauer

ruft heftig: »Die Saggra sollen aufhören zu balgen, ihre Arme und Beine

zusammensuchen und sich ins Nest trollen!«

»Kein Wunder wär's nit, wenn ich statt meinem einen fremden Fuß

derwisch, bei der Finstern!« scherzt der Weidknecht.

»Und ich muß meinen Kopf verloren haben,« knurrt der Großknecht, »der,

den ich jetzt aufhab', der paßt mir nit. Brummen tut er.«

Unter solch halb scherz-, halb ernsthaftem Warteln zerstreuen sie sich

und bald wird's still im Staggelhof.

Das »Nussenspielen« wiederholt sich nun jeden Abend, gerade so oder ein

bissel anders, durch den ganzen Advent, über die Weihnachtsfeiertage

bis Neujahr.

Und in der Neujahrsnacht ist's, daß die Stalldirn, die Gretel, bei

stets verschlossener Tür, auf ihrem Bette sitzt und die Nussen zählt,

die sie in einer Schürze eingesackelt hat. Sie weiß selber nicht, wie

sie dazukommt, kennt nicht einmal alle Karten und hat einen Gewinn von

etlichen Dutzend aufzuweisen. Hat aber noch keine gegessen. Sie ist

ihnen just nicht Feind, den Nußkernen, die Leute sagen, man würde fett

davon, besonders wenn man auch fleißig Schweinsbraten dazu esse -- doch

so ganz allein mag sie nicht naschen, da schenkt sie das ganze Schürzel

voll lieber weg.

Natürlich fragt jetzt einmal wer zum Fensterl herein, ob sie keinen

Nußknacker brauchen könne? Und natürlich ist's der Stallbub. Wie er

heißt? Wenn sie Grethel heißt, so wird er Hansel heißen, natürlich.

»Ich hab' mir's eh gedacht,« sagt die Gretel.

»Was hast dir eh gedacht?« fragt der Hansel.

»Daß du mir die Nussen hast zugeschanzt, weil du ein falscher Ding

bist! Und daß du sie jetzt wieder haben willst, das weiß ich auch.«

»Das alte Jahr dauert nur mehr eine Viertelstund',« sagt draußen der

Bursche, »aber ich erfrier' noch im alten Jahr, wenn du nit aufmachst.«

»Lapp, so geh in dein Bett, dort wird's offen sein.«

»Mein Bett ist mir nix seltsam. -- Gretel, was zu reden hätt' ich mit

dir.«

»Hast dir auch die richtige Gelegenheit dazu ausgesucht.«

»Weil ich mir vorgenommen hab': noch im alten Jahr red' ich. Jetzt ist

nimmer lang' Zeit. Geh her, greif' meine Hand an. Wie ein Eiszapfen so

kalt.«

Das Handangreifen ist ja nichts Schlechtes, denkt sich die Gretel und

geht zum Fenster; aber die Hand ist wärmer, als sie geglaubt hat.

»Gernhaben sollst mich!« flüstert ihr der Hansel an die Wange.

Das Dirndel haucht: »Gernhaben ist Sünd'.«

»Wer hat denn das gesagt?«

»Der Pfarrer hat's gesagt. Das Gernhaben ohne Heiraten ist grob' Sünd'!

Geh, laß mich aus, du brichst mir ja die Finger ab.«

»Das Patscherl gehört mein,« flüstert er; »und ich möcht' gern, daß wir

Zwei zusammenheiraten.«

»Ja,« meint sie, »auf was denn?«

»Auf dich und mich.«

»Hast ja kein Örtel, keinen Heimgang, und ich hab' auch nit viel mehr.«

»Daß du aber jetzt an solche Sachen denken magst! Wo mir so kalt ist!«

»Der Pfarrer,« so drauf sie, »der will das Heiraten nit erlauben, wenn

zwei Leut' nix haben.«

Jetzt wird dem Hansel warm.

»So!« sagt er, »der Pfarrer will das Gernhaben nit erlauben ohne

Heiraten! und das Heiraten will er auch nit erlauben? -- Was sollen wir

denn nachher machen?«

»Halt schön brav bleiben!« meint das Dirndel.

»Brav bleiben! Brav bleiben! Sollen's andere probieren!« So der Hansel.

Zornig, zornig ist er, und also läuft er in die Nacht hinaus, ins neue

Jahr hinein.

Die Gretel geht traurig zu ihren Bettstufen zurück und sagt: »In

Gottesnamen, muß ich halt meine Nussen allein essen.« Ißt aber keine

einzige. Und vor dem Einschlafen kommt es ihr noch zu Sinn: Wer weiß,

wie kalt ihm gewesen ist!

Am Neujahrstag in der Kirche nimmt sie sich fest vor, brav zu bleiben,

auch im neuen Jahre wie im alten. Freilich, so denkt sie, zwei, wenn

sie nichts haben, wie sollen sie denn zusammenheiraten? Bettelleut'

machen. -- Bleiben sie aber allein, so ist's auch nicht viel besser.

Sie hat niemanden als ein paar arme Verwandte, davon sind ihr jene

die liebsten, die schon gestorben sind. Ja, da heißt's wohl auch:

Verlassen, verlassen, wie ein Stein auf der Straßen! -- In der Kirche

betet die Gretel schon lange nicht mehr um Glück und Segen, das hilft

bei ihr nicht viel, sondern um Geduld, und die erbittet sie. -- Nach

dem Gottesdienste muß sie an der Kugelbahn vorüber, wo mehrere Burschen

kugelschieben. Auch der Hansel ist dabei; der hat's eilig, daß er von

der Kirche auf die Kugelbahn kommt! -- Aber schieben tut er nicht

uneben, der Hansel! Die Gretel bleibt ein wenig stehen, als ob sie

das wollene Umhängtuch besser knüpfen wollt', dieweilen ist sie nur

neugierig, ob er was trifft. Jetzt schiebt der Schachen-Knecht; Jesses,

der wirft weich. Wenn einer nicht einmal den Laden trifft, wie erst

den Kegel! So ein Mann, das wär' eine Freud'! -- Jetzt schiebt der

Domer-Franzl. Hau, der zielt lang'! Mit einem schreckbar großen Schwung

schleudert er die Kugel so heftig hinaus, daß sie draußen anstatt

in die Kegel an die Wand schlägt, hochauf bis zur Decke springt,

zurückprallt und wieder eine Strecke nach rückwärts rollt. Jetzt

schiebt der Hansel. Der zielt ruhig, und ohne viel Anstrengung schupft

er die Kugel aus der Hand. Ganz ebenmäßig rollt sie den Laden hinaus,

schlägt zwei Ecksteher, drei Seitensteher und den König. --

Gerade einen Stoß ans Herz gibt's dem Dirndel, daß der Hansel gar so

gut trifft. Auf so einen kunnt man sich schon was einbilden, denkt sie

und geht weiter.

Am darauffolgenden Abend klopft er wieder ans Fenster. Sie verriegelt

eilends die Tür, löscht das Laternlicht aus und gibt keine Antwort. So

wird's bald wieder still. -- In derselben Nacht träumt ihr, es wäre

Sommer. Auf dem Baum stünde ein Mann und schüttle Nüsse herab und sie

halte die Schürze auf. Der Mann habe ein Gesicht, so schön wie ein

Engel, aber ein falbes Schnurrbärtel drin, weiße Zähne und schwarze

Augen und die Nüsse so groß wie eine Kugel auf der Kegelbahn. Jetzt

schaukelt er sich auf einem Ast, himmlischer Vater, wie schön er sich

schaukeln kann! -- Sie wendet kein Aug' von diesem lieben Menschen. Auf

einmal bricht der Ast, und in ihrer Schürze liegt der Hansel.

So ein dummes Träumen, wo man patschnaß wird vor lauter Schwitzen!

Am nächsten Tag ist Arbeit. Arbeit ist doch ein rechtes Glück, denkt

sich die Gretel, auf was der Mensch für närrische Gedanken käm', wenn

er alleweil müßig umginge! Der erste Feiertag gehört dem Herrgott, der

zweite daneben schon ein bissel dem Teuxel. -- Arbeit macht müd', und

wenn man müd' ist, will man schlafen, und wenn man schlafen will, muß

man das Fenster vernageln mit einem Brett, daß die fürwitzigen Leut'

nicht hereinschauen können, sonst ist kein Fried. --

Mit großem Fleiße verrammelt sie das Fenster und rückt noch

vorsichtshalber einen alten schweren Trog hin, daß die Bretter nicht

weggetaucht werden können. Jetzt ist sie allein beim lieben Vieh und

kein Mensch kann ihr an. Noch ein wenig an ihrer Truhe sitzt sie und

flickt ein geflicktes Jöppel. Je mehr Flicken drauf, je wärmer hält

es. Der Arbeitsmensch muß geflicktes Gewand zweimal so lange tragen,

als ungeflicktes.

»Noch fleißig bist, Gretel!« sagt er, denn auf einmal steht er vor ihr.

Hat sie das Fenster bummfest vernagelt und heute vergessen, die Tür zu

verriegeln!

»Was tust denn du da?« fährt sie ihn an.

»Ein bissel Nussen essen helfen,« flüstert der Hansel.

Susanna, nit wana!

Zu jener Zeit mußte noch ~geschlagen~ werden, um Funken zu erzielen.

So steht Susanna am Herd und schlägt Feuer, bis der Schwamm glost.

Mittagessen kochen für den Vater.

Das Mädel hält noch den anglosenden Buchenschwamm zwischen den Fingern,

als zur Tür der Bursche eintritt. Der Sandbichlersohn.

»Muß schau'n, wer daheim ist in dem Haus da.« So grüßt er.

»Ja schau nur.« So dankt sie.

»Feuerbetteln möcht' ich bei dir.«

»Hast selber keins?«

Geschichten aus Steiermark · 第 6 / 22 段