Der Feind hauste nicht so schlimm in dem armen Gebirgsorte, als die

Schwarzseher vorausgesagt hatten. Zwar war er an Begehr von Gut

und Geld, von Gewandung und Nahrung nicht gar bescheiden, aber an

lebendiger Ware nahm er nur das, was sich freiwillig als solche ausbot.

Der Führer des Nonnenzuges, genannt der Tischler Sepp, ist der Erzähler

dieser Begebenheit. Wenn der Leser etwa erwartet haben sollte, daß

zwischen diesem jungen Menschen und der schönsten Nonne sich unterwegs

eine Liebschaft entspinnen würde, so irrt er leider. Es hat sich eine

solche nicht entsponnen und der geneigte Leser muß schon einmal mit

einem guten Werk ohne Liebesgeschichte fürlieb nehmen.

Als Hans der Grete schrieb.

»Ist sie daheim, die Kühgretl?« rief eine schnarrende Männerstimme zum

Fenster herein in den Stall, »ein Briefel von der Post hätt' ich da,

gehört der Margarete Krautwascherin. Schreibst dich ja so, Gretl?«

Die junge, rotwangige und flachshaarige Magd, die just unter der

scheckigen Kuh saß, den Melkzuber zwischen den Beinen, erhob sich

jetzt: »Die bin ich, die Gretl, ja freilich bin ich sie, und von wegen

-- gelt, er ist so gut und tut ein Eichtl warten, da muß ich wohl den

Bauern fragen, ich sag', 's steht wo zu lesen und er wird's wissen, wie

ich mich schreiben lass'. Mich däucht wohl, Krautwascherin, ja, mich

deucht wohl.« Und etwas leiser, zutraulicher: »Auf dem Briefel steht's

'leicht drauf? Und von wem denn?«

»Gar von einem Kaiserlichen. Ist zu weiten Landen, kann selber nicht

mehr durchs Fensterl rucken, ruck halt du, sein Brieferl, hinein. Wirst

ihn nix kennen, Gretl, Hans Kinigl heißt er.«

»Uh Jessas, aber na!« jauchzte das Mädchen auf, »bin ich aber

erschrocken! Auweh!« Die Milch sickerte zur Hälfte auf die Streu. Dann

leise murmelnd: »Jetzt hab' ich aber Schaden tan, uh mei, jetzt hab'

ich Schaden tan!«

Der Bote war fort. Die Gretl wischte ihre Arme und Finger säuberlich

an der Schürze ab, und nahm dann völlig schamhaft das Brieflein vom

Fensterbrett. Sie guckte es an, sie kehrte und wendete es: »Mein

Lebtag, der Hansl hat geschrieben. Und verpetschiert ist er auch, ganz

verpetschiert. Wer macht mir ihn auf? Ich nicht, ich trau' mich nicht

drüber.« Sie guckte noch lange, sie ging in den dunkelsten Winkel, weil

die Scheckige gar so neugierig herüberglotzte. »Brauchst derweilen just

nicht alles zu wissen.« Im geheimsten öffnete sie den Brief mit Müh'

und Not -- was er denn schreibt, wie's ihm denn geht? Gesund wird er

mir leicht doch sein. -- Daß er gar zuletzt muß kriegführen gehen?

Die Kuh schellte an der Kette und schnupperte. Sie kannte den Hans

recht gut; wie er in derselbigen Nacht stecken blieben ist im Fenster,

das ist eine dicke Glasscheiben gewesen.

Endlich war der Brief offen, entfaltet und überrascht rief die Gretl

aus: »Der Närrisch, das ist aber ein rechter Närrisch!« Sein Konterfei

war oben an der Ecke des Briefes, sein leibhaft Konterfei mit dem

Czako, dem weißen Röckel und der blauen Hose, frisch und hell gemalt,

und der Schnurrbart dabei. »Jegerl, uh mein! Aber sauber ist er,

freilich wohl rechtschaffen sauber. Und wie er ihm gewachsen ist, so

viel gewachsen, der Schnauzbart! -- Na, der Hansl, was wird er denn

schreiben? -- Jessas, jetzt kann ich nicht lesen! Wer hätt' mir's denn

gelernt? Daß so ein Briefel kunnt kommen, auf so was hätt' eins von

klein auf gar keine Gedanken. Aber na, daß ich nicht lesen kann!«

Sie preßte das Papier wohl zum Mund und langsam glitt die Hand damit

nieder gegen den Busen so jung und zart -- ließ den Brief dort ruhen.

Plötzlich aber zuckte sie ihn weg: »Sapperwald, Hansl, das darf nicht

sein! Nein, Hansl, das darf nicht sein!« Und noch lebhafter flüsternd:

»Ich bitt' dich um alles in der Welt, sein darf's nicht!« -- Dann

später, wie aus einem Traum erwachend, ruhig: »Weil eins meint, er

wär's selber -- wie er da so sauber gemalt ist.«

So lehnte sie im dunkeln Winkel an ihrem Bettchen. Da zeterte draußen

vom Hofe her plötzlich eine Stimme: »Gretl, ja weiger, was ist denn

das heut', bist 'leicht in den Milchzuber gefallen? Hast keinen Fuß

nit? Hast keinen? So ein junges Mädel wie du, hat meine Mutter allfort

gesagt, soll nit so lang müßig sein, als eine Taube ein Korn aufpickt.

Ich, wie ich in den jungen Jahren bin gewesen, über drei Zäun' bin ich

gesprungen, hab' ich ein Federl sehen liegen. Und heutzutag -- Muß ich

dir weiterhelfen vom Kuhstall heraus?«

Die Bäuerin war's. Schnell verbergen den Brief unter den blauen

Busenlatz, an dem heut' ein Schnürchen war zersprungen, und der Arbeit

zu. Im Dienst, im Bauerndienst! 's ist halt eine schwere Sach'; wenn

so ein Mägdelein auf einen Buben wollt' denken, beileib' nit, das wär'

Sünd', so viel Sünd'!

Die Gretl hatte an demselbigen Tag alles verkehrt angefaßt. Die Streu

im Hof kratzte sie mit der Mehlschaufel zusammen, und als sie auf

der Tenne Korn in den Mühlsack fassen sollte, wollte sie es mit der

Streugabel tun, und als sie zu Mittag die Suppe salzen sollte, da hat

sie das ganze Salzfaß in den Waschkessel geschüttet. Sie hatte ja das

ungelöste Rätsel des Schreibens auf dem Herzen -- die arme Gretl.

Am Nachmittag, als sie die alten zwei Kühe einspannte und damit auf die

Granitzwiese um Futter fuhr, sagte sie zu sich selbst: »Die Christl

kunnt schon lesen, sie braucht ja ein Betbüchel in der Kirch', die

Christl.«

Die Christl war des Schwanenwirts Weiddirn, die an Kirchtagen auch die

Gäste bedienen half, die auch den Hans Kinigl kannte, rechtschaffen gut

kannte. Und die Christl war Gretls G'spanin, wenn's am Fronleichnam

zum Kranzelaufsetzen kam. Indes, ohne daß eine von der anderen wußte,

allbeide waren dem Hansl verbunden; er hat nie drein geredet, wenn sie,

weiß gekleidet, das Jungfraukranzel im Haar, bei der Prozession gewesen

sind; er hat, wie's ja Recht und Sitte ist, die Knöpfchen seines

Rosenkranzes abgebetet und nicht ein Wörtl hat er geplaudert.

So ist er nachher gestellt worden, haben ihn abgemessen -- er ist halt

lang genug gewesen -- ist blieben beim Militär. Ein sauberer Soldat ist

er worden, der Kaiser nimmt halt von seinem Land die schönsten Leut'.

Ich tät's auch. Jetzund ist seitdem schon ein ganzer Sommer vorbei.

Die zwei Kühe trotteten hin über den Steinweg, der Granitzwiese zu, und

der Karren knatterte und die Gretl, die drauf saß und in süßen Gedanken

war, wurde recht arg dabei geschüttelt. Freilich so ein Schütteln und

Hopsen ließe man sich gefallen, wenn eins nur das Lesen hätt' gelernt.

Versterben kunnt man, hat man seinen Brief in der Hand und weiß nicht,

was er schreibt.

Sie war schon dort, wo der Wald aufhört und die Wiese anhebt -- tat

sie auf einmal einen Juchschrei und sprang vom Karren. Sie hatte die

Christl gesehen, die hinter dem Zaun drüben Eschenlaub sammelte.

»Bist 'leicht auch da, Christl?« schrie sie hinüber, »geh', magst nicht

ein Eichtl herüberhupfen zu mir, ich zieh' dir zwei Stangen aus.«

Aber die Stangen waren störrig und die Lücke in den Zaun nicht so

leicht gemacht. So lehnten sich beide nur daran und ließen die Stangen

und Stecken, wie sie waren, dazwischen.

»Wirst es nicht meinen, ich hab' was Neues bei mir,« sagte die Gretl

freudestrahlend, »einen Soldatenbrief von Hans -- ja von Hans,

freilich, und sein Pultree (Porträt) ist auch dabei, und für mich, für

die Margareta Krautwascherin gehört er, der da -- der Soldatenbrief.«

Die Christl hatte mit beiden Händen emporgezuckt: »Geh, laß schauen!«

Sie sah den gemalten Krieger an. Sie steckten die Köpfe zusammen,

Christls Hände zitterten fast und wollten der anderen das Papier aus

den Fingern zerren.

"Na, du, auslaß ich ihn nit!« sagte die Gretl, »aber dasselb' bitt'

ich dich, lesen tu mir ihn; kannst dafür wissen, was drin steht. Gelt,

Christl, lesen, das wirst mir nicht versagen, nit, gelt?«

Da versetzte die andere: »Weißt, Gretl, das ist halt so, sagen will ich

dir's wohl, wie's ist. Drucklesen schon, aber Schriftlesen, weißt, das

hab' ich halt nicht gelernt. Vom Herzen gern, daß ich's tät.«

Die Gretl war durch dieses Wort niedergeschlagen. »Ja so,« sagte sie

dann kleinlaut, »das Schriftlesen, dasselb' kannst nicht. Das ist mir

aber schon rechtschaffen unlieb; jetzt, was heb ich an? -- Ja so,

nur Drucklesen. Und Schriftlesen, dasselb' nicht, meinst. Nu, wenn

du's halt nicht kannst. Aber na, ich weiß mir jetzt frei keinen Rat.

Ich weiß mir keinen Menschen in der Gemein und ich trau' mich nicht;

freilich trau' ich mich nicht. -- Ging dir halt nicht von statten,

meinst, das Schriftlesen? Wenn du's aber dennoch im Gottesnamen tät'st

probieren -- leicht ging's, Christl.«

»Einen tät' ich wohl wissen, der's kunnt,« sagte die Christl nach

einigem Nachdenken, ein wenig unsicher, wie lauernd; »will dir's wohl

sagen, der alt' Schmiedrochel ist ein grundgelehrter Mann.«

»Der alt' Schmiedrochel, meinst?«

»Kennst ihn doch, den alten, tauben Mann -- stocktaub -- kennst ihn ja.«

»Freilich wohl, aber -- Christl, weißt, das ist so, der soll's halt nit

wissen, das mit dem Hansl. Mein Vormund ist er, der Rochel.«

»Um so besser,« rief die Christl.

»Nein, ich -- weißt, er soll's halt nicht wissen, und -- wirst stehn

bleiben, Scheckin! Ob'st mir gleich stehn bleibst, Scheckin! -- Er

leidt's nicht, daß ich mit dem Hansl was hab' -- ich weiß, daß er's

nicht leid't -- freilich nit.«

»So braucht er auch von der ganzen Geschicht' nichts zu wissen,« sagte

die Christl schalkhaft; »mußt ihn den Brief denn gerad' ~still~ im

Gedanken lesen lassen? ~Laut~ soll er ihn lesen, dir vorlesen soll er

ihn, und ich sag' dir's, bei seiner Taubheit, er versteht kein Wort

davon -- kein Wort.«

Da hob die Gretl ihr frisches einfältiges Gesichtchen: »Meinst? Ja --

weißt, ich versteh' das zu wenig, hab' mein Lebtag keinen Buchstaben

angeschaut, mein Lebtag keinen. Aber, ich hätt' doch gemeint, wenn er

den Brief selber lesen tät', daß er's 'leicht wissen kunnt, was drin

steht.«

»Aber ich bitt' dich gar schön, Gretl, was du heut' für einen Unsinn

redest! Wenn er laut liest und kein Wort hört, wie soll denn das sein,

auf alle Mittel und Weis'!«

»Ja freilich wohl, ich lass' dir's gern gelten.«

»Sagst halt, mußt ihm's aber ordentlich ins Ohr schreien, ~mir~ tät'

er zugehören, der Brief, von meiner Muhm' in Kirchbach, und ich hätt'

dich damit geschickt und ließ ihn bitten, er soll dir ihn lesen, daß du

mir's kunnt'st sagen, was drin steht.«

»Das ist gescheit -- wird wohl gescheit sein,« sagte die Gretl, »bist

ein' ausbündige Dirn', du. Du wärst die Erst' bei der Hochzeit, tät'

mich der Hansl heiraten. -- Wie's aber grasen, meine Küh'; wollen

'leicht das Futter lieber im Magen, wie auf dem Karren heimbringen.

Schaut völlig so aus. Dank' dir Gott, Christl, für den guten Rat, und

lass' dir Zeit und Weil' zum Laubrechen -- ja, lass' dir Zeit!«

Das Mädchen eilte zu den Kühen, mähte das Futter, füllte den Karren in

hoher Schicht, spannte an, fuhr heim.

Die Christl aber lauerte hinter dem Zaun und kicherte: »Leicht ist

sie wirklich so dumm und zeigt den Brief ihrem Vormund. Und weiß der

alte Luzifer die Geschicht' von Hans und Gretl, nachher stehen die

zwei nimmer zusammen. Nachher, mein lieber, sauberer Schatz, weiß der

Briefbot' mein Fensterl auch zu finden. Hi, Hansl, Hott, Gretl!« Und

laut: »Kei (kippe) die Fuhr' nicht um, Gretl!«

»Selb gib ich schon acht, freilich, selb gib ich schon acht!« rief

diese noch aus dem Walde zurück.

Die gute Gretl ging neben ihren Kühen her. Wieder zog sie das Briefchen

hervor: »Schau, Scheckin, das schickt mir der Hans!« Sie hielt das

Papier den Rindern hin, diese glotzten es an, lesen konnten auch sie

nicht.

Und als es Feierabend war, schlich die Gretl fort vom Haus, wo sie

diente, und hinein in die Talschlucht, gegen die kleine Schmiede. Aus

dem Schornstein sprühten Funken, der Alte war noch in der Werkstatt.

Mit Bangen und Zagen nahte sie ihrem Vormund, ihrer einzigen Stütze,

seitdem Vater und Mutter gestorben.

»Die Dirn' ist da,« brummte er, als sie in die Schmiede trat. Mägde und

Weibervolk genug, aber »Dirn« gab's ihm nur eine einzige auf der Welt,

seine Mündel; Dirn, das war ihm der zärtliche Ausdruck für Schützling,

Tochter, Kind.

Ehe das Mädchen noch ordentlich über die Schwelle kam, es stolperte

schier, rief es: »Von der Schwanenwirt-Christl bin ich geschickt, den

Brief da soll mir der Vatermann lesen und laut, daß ich's ihr kann

sagen, der Schwanenwirt-Christl.«

Dreimal mußte es die Worte dem Alten ins Ohr schreien, ehe dieser seine

rußigen, mächtigen Glasaugen hervorholte.

»Was wird's denn sein? So einen Brief lesen, wird auch just keine

Hexerei sein!« Er machte sich aber doch wichtig.

»Von der Schwanenwirt-Christl ihrer Muhm' ist er!« rief das Mädchen

schnell.

Der Alte wendete sich gegen die ausschnaufende Esse, daß der Brief, den

er nun öffnete, rot beleuchtet war: »Kreuz und Eisenstern übereinand,

da ist ja gar ein Kaiserjäger oben!«

»Halt ja, ein Soldat, halt ja,« zitterte die Gretl, »der

Schwanenwirt-Christl ihrer Muhme ihr Sohn.« --

»Der Schwanenwirt-Christl ihrer --«

»Muhme ihr Sohn. Ja freilich, freilich wohl. Laut, nur gleich laut

lesen, weil -- weil ich nicht recht Zeit han. Muß gleich wieder heim,

aber gleich wieder.«

Der Alte verstand kein Wort. Er las bereits. Mit dem einen Fuß trat er

den Blasebalg, daß er an der Esse eine Leuchte hatte. Mit dem anderen

stand er fest, recht fest. »Du verschwefelt's Volk!« rief er plötzlich.

»Also vorlesen soll ich dir die Schrift, vorlesen? Recht gern.

Innigstgeliebte Margaretha! -- steht's geschrieben.«

Da ward's dem Mädchen wie zum Umfallen. -- Taub ist er freilich, aber

so heraus hat er's geschrien, er kunnt's verstanden haben. »Just gar so

laut, dasselb' ist keine Notwendigkeit, Vatermann.«

»Ich grüße Dich tausendmal und wünsche, daß Dich mein Schreiben in

bester Gesundheit antreffen möge. Ich bin Gott sei Dank gesund und

mache Dir zu wissen, und daß ich vor etlichen Tagen zum Korporal

avanciert bin und ich in ein' Jahr auf Urlaub zu Haus kommen werde,

was mich wegen Deiner so freut, vielgeliebte Margaretha, und ich denk'

bereits Tag und Nacht auf Dich, und Dein Zellerpreverl trage ich auf

der Brust, daß mich mit Gottes Hilf' kein' Kugel trifft. So schau' ich

aus wie das Gemal (Gemälde) da oben, und ich bitte Dich, daß Du mir

getreu bleibst, und glaube der Leut' Reden nicht, weil sie einen Neid

haben auf uns Zwei. Und ich möcht' auch wissen, das von der letzten

Kirchweih, wie ich fortgegangen bin, wird Dir nicht geschadet haben.«

Der Alte hielt inne, starrte das Mädchen an. Dieses sagte mit einer

packenden Keckheit:

»Hör' schon, Vatermann, recht gut hör' ich, freilich!«

Und der Alte fuhr fort:

»Und sei so gut, tu' auf mein tuchenes Gewand schauen, von wegen der

Schaben, und schreib' mir paar Zeilen, wie es Dir geht und was Neues

ist, und für den Brief brauchst nicht zahlen. Und auf Dich kann ich

nicht vergessen bis in den Tod, innigstgeliebte Margaretha, und so

vielmals als Stern sein am Himmelszelt und Tropfen im Meer und

Blümlein auf der Welt, sollst Du von mir gegrüßet sein. Halt' mir

nichts für Übel, und ich schließe mein Schreiben im Schutze Gottes

und verbleibe bis ins kühle Grab

Dein Johann Kinigl,

Korporal, 27. Infant.-Reg. König der Belgier.«

Der alte Schmiedrochel schüttelte sehr lange den Kopf. -- »Von der

Schwanenwirt-Christl ....?«

»Ja,« rief die durch den Brief entzückte Gretl, »der

Schwanenwirt-Christl ihrer --«

»Dirn!« rollte jetzt die Stimme des Alten dazwischen wie ein

niederstürzender Eisenklumpen. Da sah die gute Gretl alles verraten,

verloren. Still war's, nur der Blasebalg pfauchte.

»Er hat mir's versprochen,« hauchte das Mädchen, ihre Finger

ineinanderhäkelnd und sehr laut, »'s Heiraten hat er mir versprochen

und es hat so sein müssen, weil der Herr Pfarrer hat predigt, die Ehen

werden im Himmel geschlossen.«

»Ja, und die Torheiten auf Erden begangen. Heiraten! Und einen

Habenichts vom Militär! Hörst, einer, der einmal den Tornister auf dem

Buckel trägt, gewöhnt sich den Höcker nicht mehr ab, hängt, hat er

sonst nichts, den Bettelsack um.«

»'s schickt sich nicht, daß ich was red', Vatermann, aber mich

deucht halt, rechtschaffen fleißig bei der Arbeit wär' der Hansl,

rechtschaffen fleißig und brav; tut nicht trinken und nicht spielen;

kann schreiben wie der Herr Verwalter und tut manigsmal gern in den

Büchern lesen --«

»Ja, in solchen 'leicht, wo man die Blätter mit dem Knie umwendet.

Marsch in deinen Stall, Dirn! -- Mein Lebtag hab' ich noch kein Mädel

gesehen, das einen heiraten will, der gar nicht da ist. -- Kommt der

Hans heim und er red't noch wie heut', und du hast ein' ehrliche Frag'

-- ich halt dich nit auf. Jetzt weg mit dem Wisch da, den brauch' ich

nit!«

Glückselig erfaßte sie das Papier, küßte seine Hand zum Dank und eilte

ihrem Hofe zu.

Am nächsten Sonntag besorgte der Vatermann das Antwortschreiben in

ihrem Namen:

»Lieber Hans!

Das Schreiben lass' bleiben. Kommst heim, bist brav, sollst mich

haben.

Margaretha Krautwascherin.«

Wie war sein Brief so gut und treu und »gottsunmöglich schön«, und

wie war diese Antwort so kurz und kalt. Die Gretl litt viel Marter

und Pein, aber sie vermochte nichts über den Alten, nur daß sie noch

heimlich zwei Blümlein in den Brief zu schmuggeln verstand. Ein

Vergißmeinnicht und eine brennende Lieb'.

Sie konnten zusammen nicht kommen.

Der Halter vom Schieberpaß sprach im Dorfe beim Kaufmannshaus zu,

nachdem er ins Auslagefenster geguckt hatte, ob auch Kirschbranntwein

oder Weichselgeist vorhanden wäre. Er sah so etliche Flaschen, es

konnte aber auch Öl sein oder Sauerwasser. Dann trat er ein: »Guten

Morgen, Frau Stäuberin!«

»Ja, was willst denn?« Damit stand sie vor dem Jungen in ihrer

stattlichen Gestalt. Das lichte Haar hatte sie kranzartig um das Haupt

geflochten und der lange, dunkelblaue Kittel rauschte, weil er gestärkt

war. -- Wenn nur ich auch gestärkt wäre, dachte der Hirte und lugte

gegen eine der Flaschen. »Der Wirt braucht einen Sack Reis und ich soll

ihn gleich mitnehmen. Zahlen tut er selber.«

»Eilt nicht,« antwortete sie und ließ ihm das Verlangte in den Korb

packen.

»Haben's da auch Tabakpfeifen feil?« fragte der Bote etwas stotternd.

Die Frau zog aus dem Pult eine Lade, da drinnen gab's derlei. Der Junge

nahm eine hölzerne Tabakspfeife in die Hand, dann ein Pfeifenrohr, dann

ein Taschenmesser, dann einen messingenen Uhrschlüssel, dann einen

blechernen Handspiegel, drehte solche Dinge eine Weile über und über

und legte sie wieder in die Lade zurück.

»Haben's da auch einen Weichselgeist?« fragte er dann langsam.

»Willst was oder nicht?« fragte die Kaufmannsfrau und faßte die Lade

fest an, daß der Inhalt reixelte.

»Hab' eh kein Geld,« antwortete der Halter träge und wandte sich

unentschlossen dem Ausgang zu. Als er schon draußen auf dem

Antrittsstein stand, kehrte er wieder um und sagte: »Bei der Frau

Stäuberin han ih was auszurichten. Von der Alm. Vom Latschenwirt. Er

laßt sagen, die Frau sollt' doch bald einmal hinaufkommen zu ihm.«

»So, der Latschenwirt?« Ihr rundes rotes Gesicht war auf einmal noch

viel röter. »Gehst eh gleich wieder zurück?« fragte sie den Jungen.

»Nachher sag' dem Latschenwirt, du hättest deine Post ausgerichtet und

die Frau Stäuberin hätt' gesagt, er hätt' nach Migelbach nicht weiter,

wie sie auf die Alm, und herab ginge es leichter wie hinauf. Hast es

gehört?«

»Jo.« Er stand und starrte drein und rührte sich nicht.

»Was willst denn noch?«

»Der Latschenwirt hat gesagt, ich tät gewiß ein Stamperl Weichselgeist

kriegen. Zum Botenlohn. Bei der Frau Stäuberin.«

»Schau du?« und ihr Rundgesicht schmunzelte nicht uneben. »Daß mir

deine Post ein Stamperl Weichselgeist wert wäre, meint er? Recht ist's,

da, komm' her einmal!« Sie nahm eine der Flaschen und goß ein winziges

Kelchgläschen voll. Der Junge setzte an und trank den roten Geist

wie Wasser und verkutzte sich dabei, daß er ganz blau wurde und die

Kaufmannsfrau ihre Hand wohl zehnmal auf seinen Rücken schlug, um ihn

wieder zu Atem zu bringen.

Als er am selben Abend oben im Gebirge beim Latschenwirt zusprach,

erzählte er, einen Weichselgeist hätte er wohl bekommen und Schläge

hätte er auch bekommen.

»Und was hat sie gesagt? Kommt sie einmal herauf?«

»Das weiß ich nit.«

Dachte der Latschenwirt: 's ist wohl allemal am gescheitesten, man gibt

dem Buben einen Kreuzer und geht selber.

Nur war es leider, daß er selber nicht gehen konnte, so flink seine

Beine auch gewesen wären. Das Gehen hätte ihm viel weniger Mühe

gekostet als das Bleiben, und das Sprechen viel weniger als das

Schreiben, aber endlich war der Brief doch fertig:

»An die ehrsame Frau Amalia Stäuberin, Kaufmännin in Migelbach.

Vor etlichen Tägen habe ich einen Boten geschickt, der ist nix nutz

gewest. Wann mein Brief nit mehr ausrichtet, alsdann tut's mir leid

ums Schulgeld, das mein Vater für mich hat springen lassen. Ich selber

kann jetzt nit los vom Wirtshaus, jetzt im August ist die beste Zeit

und darf man keinen Gast versäumen. Wenn ich ein Weib hätt', alsdann

kunnt ich schon weg und alsdann wollt' ich wahrscheinlich nicht weg,

weil's daheim im Nest auch schön warm sitzen ist, gelt? Wir wissen's

halt allzwei beide, wie das ist verheirateter Weis', haben's gleiche

Unglück ausgehalten, und dessenthalben sollten wir auch jetzt allzwei

beide nach dem gleichen Glück greifen -- verstehst? Seit meinem

letzten Aufenthalt in Migelbach, wo ich bei dir den guten Kaffee

hab' getrunken, muß ich alleweil dran denken. So ein Weiberl, das

guten Kaffee kocht, tät mir halt taugen -- und sonst auch. Ist bei

der Wirtschaft der Mann, so fehlt's Weib, und du wirst wahrscheinlich

's umgekehrt sagen können, gleichwohl ich weiß, wie tüchtig du seit

deines Alten Absterben haushalten tust. Im Alter hätten wir auch

keinen großen Unterschied und jetzt bin ich bei dem guten Rat, Frau

Stäuberin, du sollst mich zum Mann nehmen. Spaß und Ernst auch, du

wirst mit mir zufrieden sein. Willst überhaupt, so sag's, in

Kleinigkeiten, wo wir etwan nicht gleich sind, werden wir schon

gleich werden. Ich beschließe mein Schreiben, bei dem ich eh bin

schwitzend worden, und verbleibe dein aufrichtiger Freund Stefan

Mairinger.

Einen halben Laib Emmentaler Käse und zwei Kilo Sechzehner-Kerzen

kannst mir auf Rechnung schicken, mit dem Steinführer.«

Mehr als ein Tintenschweinchen unterbrach die Schrift, die Zeilen waren

auch etwas ungleich, hier so eng beisammen wie ein zärtliches Ehepaar,

dort so weit auseinander wie zwei Leutchen, die zur Ehescheidung

laufen. Oder steht zwischen den Zeilen etwas? Nein, der Mairinger

sagt's ganz ehrlich heraus, was er will -- heiraten will er.

Die Frau Stäuberin hat schon eine zierlichere Schrift und treibt auch

nicht Schweinezucht in ihren Briefen. Also antwortete sie ihm sittsam:

»An den hochgebornen Herrn Stefan Mairinger, Latschenwirt auf dem

Schieberpaß.« Wenn einer so hoch auf der Alm daheim ist, da muß man

schon »hochgebornen« schreiben! denkt sie und kichert.

»Dein liebes Schreiben nehme ich für Ernst, erstens, weil man mit

so wichtigen Sachen keinen Spaß treibt, und zweitens, weil es einem

Frauenzimmer mit dem Heiraten allemal gleich ernst ist, wenn nur ein

Mann halbwegs an die Tür klöpfelt. Wenigstens stehen wir im Ruf,

daß wir schier nit derwarten mögen, bis einer kommt -- wer den Ruf

aufgebracht hat, weiß ich nicht, wir Weibsleute sind überhaupt so, wie

uns die Männer herrichten. Das kannst dir gleich merken, sollst einmal

mit mir nicht zufrieden sein. So, jetzt habe ich schon ja gesagt.

Wenn du ein Weib brauchst und ich einen Mann, da gibt's freilich kein

besseres Mittel, als zusammenheiraten. Komm' nur ehzeit herab, daß

wir alles ausreden können, und sollten sich derweil ein paar Gäste

verlaufen, so mußt halt denken, besser die Gäste als die Braut. Käse

und Kerzen gehen mit dem Steinführer ab.

Deine aufrichtige Freundin

Amalia Stäubinger.«

Als sie den Brief durchgelesen hatte, hieb sie mit der Faust drauf. Ist

es gut so? Den Mannsbildern darf man keine Verliebtheit zeigen. Nicht

einmal, wenn eine vorhanden ist. Wer gern kauft, dem schätzt man die

Ware gleich teurer. Ist einmal so. Vielleicht habe ich ohnehin zu viel

gesagt, daß er mir's nachher vorwirft, ich hätt' nach ihm geplangt.

Zerknittert ist jetzt das Papier auch. Ei was, ich schreib' noch

einmal. Sie schrieb den Brief das zweite Mal:

»An den Herrn Stefan Mairinger, Latschenwirt auf dem Paß.

Geschichten aus Steiermark · 第 5 / 22 段