hell. »Aber, Mama! Das ist ja unser Schloß nicht. Das Schloß steht
weiter hinten. Das sind eher die Murhöfe bei St. Johann!«
Mit diesem Troste gingen sie in eitler Nacht dem Kürnhof zu. Am
nächsten Morgen zur frühen Stunde standen sie freilich wieder
draußen an der Wand und schauten hinab. Im Tale war's heute so klar,
daß man den Fluß und die weißen Fäden der Straßen deutlich sah.
Nur stellenweise stieg ein blaues Rauchfähnchen auf. Alles lag so
freundlich wie in tiefster Friedenszeit. Und das Schloß Kronburg --
dort auf dem Hügel stand es und --
»+O Madonna!+« kreischte die Gräfin auf und das Rohr sank aus ihrer
Hand zur Erde.
Das Schloß hatte kein Dach, und seine Fensterhöhlen starrten hohl.
Das Fräulein blieb ruhig und führte die Gräfin über die sonnigen Matten
zurück in den Bauernhof.
* * * * *
Am nächsten Tage kam ein Talbote in den Kürnhof und brachte der Gräfin
den Brief.
»Mein teueres Weib!
Wenn du diese Zeilen in Deiner Hand hältst, wird der letzte Welschmann
aus unserem Tale verschwunden sein. Eine vierzehnstündige Schlacht.
Wir haben gegen zweitausend Tote zu begraben, die Mehrzahl Franzosen.
Leider muß ich dir auch schreiben, daß unser liebes Haus niedergebrannt
worden ist. Nach allem Anschein durch Verrat. Oberleutnant Strulle,
der junge Fant, dem wir so arglos unser Haus offen hielten. Er wurde
mehrmals in Gesellschaft französischer Offiziere gesehen und soll
auch dabei gewesen sein, als sie das Schloß plünderten und in Brand
steckten. Seither ist er nicht mehr zu sehen, mit dem Feinde davon.
Eine bittere Erfahrung.
Mein Weib, mein Kind, ich bitte euch, bleibt aufrecht. Ich hoffe,
daß nun endlich Frieden wird, der General sprach mir von einem
vollständigen Abzug des Feindes. Unser Haus wird in längstens zwei
Jahren wieder erstanden sein, dann soll es nicht um einer Stecknadel
Wert welschen Luxus an sich haben. Deutsches Haus, deutsches Leben! das
habe ich mir geschworen zur Stunde, als das Feuer der Welschen aus den
Dachgiebeln des Schlosses brach. Sie haben uns mit ihrem Brauch und
Tand geschmeichelt, verweichlicht, verführt, dann bekriegt und besiegt.
Mit Hilfe des treuen Volks aus Dorf und Hütte haben wir uns noch einmal
ermannt. Sie sollen nicht wieder kommen!
Auf baldiges frohes Wiedersehen, meine Lieben, küßt euch euer
Gatte und Vater
Hans Graf Kronburg.«
»In Gottesnamen!« sagte die Gräfin, als der Brief gelesen war. Sonst
sagte sie nichts mehr. Auch die Komtesse sagte nichts, je mehr aber
dachte und tat sie. In die Küche ging sie und befahl der Stanzi, vom
Brunnen Trinkwasser zu holen. Während die Köchin fort war, zog sie
rasch aus dem Busen zwei zierliche Büchlein und schleuderte sie ins
Herdfeuer. Als jene mit dem frischen Trunke zurückkam, krümmten sich
noch die letzten Blätter in der Glut. -- Wollte der artige Herr Spender
selbst sich so krümmen in der Glut! Das war des Fräuleins geheimes
Begehr.
Bald darauf war's, daß die zwei Mädchen wieder einmal zusammensaßen in
der Kammer. Die Hilda tat Flachs hecheln und die Komtesse schaute zu,
wie der zarte Strähn sich lind durch die hundertspießige Hechel zog.
»Hilda, ich beneide dich sehr,« sagte plötzlich das vornehme Fräulein.
»Du liebe Gräfin,« antwortete das Bauerndirndel, »freilich ist's jetzt
hart für dich, daß sie euer schönes Schloß zerstört haben.«
»Nicht um dein Haus beneide ich dich. Vielmehr, daß du so arbeiten
kannst. Daß dir alles was du angreifst, so von der Hand geht. Ich denke
mir, wer das kann, dem kann gar nichts geschehen auf der Welt.«
»Wahr ist's. Wir Arbeitsleute sind erst dann arm, wenn sie uns die
Hände abhacken. Aber schau, Komtessel, muß es dir schon noch einmal
sagen, wenn du anstatt der dummen welschen Bücheln eine Arbeit in die
Hand nähmest, so tät's es auch. Und wärst lustiger dabei. Wenn ich dein
Schatz wär' oder dein Mann, solche Sachen wollt' ich dir ins Feuer
schmeißen.«
»Er hätte es nicht mehr nötig,« antwortete die Komtesse leise.
»Augustina, sag' mir einmal, wo steckt er denn jetzt, dein Schatz?«
»Wo steckt denn der deinige?« fragte die Komtesse.
»Der meinige, der Nickel? Der ist schon zurück. Ich kann dir ihn aber
noch nicht aufzeigen, weil er ein großes Pflaster im Gesicht hat. So
ein französischer Lalli hat ihm eine Kugel in den Backen geschossen.
Ist's Loch zu, nachher heiraten wir. Ich mag nimmer länger warten,
weißt du. Ich hab' Angst genug ausgestanden um ihn. Teuxel noch einmal.
Wenn sie mir ihn z'sammgeschossen hätten, nachher kunnt ich als alte
Jungfrau sterben, das wär' noch schöner!«
Betrübt entgegnete die Komtesse: »Als Jungfrau sterben -- wäre ja
freilich auch schön ...«
»Ja, wen's freut. Ich will Kinder kriegen. Ist's nicht wahr? Willst nit
du ihrer auch?«
»Ach, Hilda, bei mir ist's anders geworden. Mein Glück ist vorüber.«
Sagte die Hilda: »Wenn dein Herr Bräutigam ein rechter Bräutigam ist,
so soll er jetzt herfürgehen und sich um dich annehmen und dich in
sein Haus führen, weil du selber keins hast. Er wird doch nit auch
angeschossen sein!«
Nach einem Zögern antwortete die Komtesse: »Er ist tot.«
Daß er mehr als tot war, der Herr Oberleutnant, sie hat's verschwiegen.
--
Im Gasthause zu Almstein feierten die heimgekehrten Sieger ein Fest.
Vormittags Dankamt, nachmittags Tanzmusik. Die Männer und Burschen
zeigten ihre Trophäen auf: Franzosensäbel, Patrontaschen, Mützen,
Blechbüchsen, Pistolen. Der Holzer Friedel und der Halter Zaggel
hatten den Fetzen einer Regimentsfahne erwischt. Der Knecht Zenz wies
mit Stolz eine Tambourtrommel und schlug darauf mit den Fäusten den
Takt zur Tanzmusik. Ein Köhlerjunge hatte einem toten Soldaten das
Verdienstkreuz vom Rocke geschnitten, damit er auch etwas nach Hause
bringe, der wurde zur Tür hinausgejagt. Die merkwürdigste Siegesbeute
brachte der Bauernsohn vom Kürnhofe heim, einen ganzen lebendigen
Franzosen. Mit einem alten Kugelstutzen hatte er dem Mann ein Bein
abgeschossen. Als der Getroffene hinfiel, sprang ihm der Robert bei,
trug ihn aus dem Schlachtgetümmel, legte ihn auf einen Leiterwagen,
vermittelte einen Feldscherer und hat ihn dann mit zwei Ochsen nach
Almstein führen lassen. Im Pferdestall des Wirtes lag der arme Teufel.
Der Robert ging mindestens alle halbe Stunden vom Tanzboden weg und
hinaus zu seinem Gefangenen, um ihm Labnis zu reichen oder den Verband
zu prüfen oder zu sehen, ob der fröstelnde Mann wohl gut zugedeckt sei
mit den Pferdekotzen. Etliche Jungen kamen in den Stall, um sich den
Welschen anzusehen und ihn zu verhöhnen. Denen versetzte der Robert mit
der Peitsche Merks, daß sie auseinanderstoben.
»Den laßt mir in Ruh, der gehört mein!« rief der Bursche, und das
ging alle an, denen es etwa nicht recht war, daß er den verwundeten
Soldaten hegte und pflegte. -- Der gehört sein, den hat er selber
geschossen! -- --
Am nächsten Tage wurde der Verwundete in den Kürnhof hinaufgebracht und
der Robert räumte ihm seine Kammer und sein Bett ein. Die Hausmutter
brachte ihm manches stärkende Süpplein und der Alte saß bisweilen neben
dem Lager, rauchte seine Pfeife und wackelte mit dem Kopf. Und ihr
Fürnehmen war so: Der Welsche soll gesund werden, und wenn er gesund
ist, dann jagen wir ihn ins Franzosenland. Und dann soll er sich's
merken.
Die Komtesse Augustina ging nicht mehr über die Alm hin, nicht mehr
hinaus zum großen Spiegel der Hilda, nicht mehr vorüber an der
Schoppentür, wo Robert oft auf der Schnitzelbank ritt, um Hausgeräte
auszubessern. Sie war aus der Stube nicht hervorzubringen und bat ihre
Mama dringend und dringender, dieses Haus zu verlassen und in die
Landstadt zu ziehen, wo eine Wohnung für die gräfliche Familie bereitet
worden war. Aber als sie Abschied nahm von der Freundin Hilda, kam
ihr die Rede aus: »Wenn Schranken nicht wären, jetzt wüßte ich schon,
welchen! ...« Mit tieferen Wunden, als die Krieger aus der Schlacht,
ist das arme vornehme Fräulein dahingezogen.
Sie soll kein welsches Verführungswerk mehr gelesen, keinem Galan mehr
geglaubt, hingegen aber einem schlichten deutschen Edelmann ihre Hand
gereicht haben.
Die Küchentrabantin Stanzi jedoch ist bei ihrem Franzosen geblieben,
der Scherschang ist Gärtner geworden im neuen Schlosse Kronburg, sein
Spitzname aber war und blieb: »der gefangene Bonaparte«.
Sechsunddreißig junge Nonnen.
(Aus alter Schrift.)
So will ich erzählen. Ein dreiundsiebzigjähriger Mann weiß freilich
nicht, ob ihm das Gedächtnis treu bleibt. Das Gedächtnis ist wie ein
Weib, jungen Männern ist es zugetan, alten wird es gern untreu. Zwar
stehen die Ereignisse, die ich als junger Mensch vor langen Jahren
gesehen, so deutlich vor mir, als ob sie sich gestern zugetragen
hätten, und die Franzosenzeit, wer sie erlebt, vergißt man nicht so
leicht.
Mein Geburtsort liegt im oberen Murboden und heißt Unzmarkt. Der Ort
ist seines alten Schlosses Frauenberg wegen bekannt, in welchem Ulrich
v. Lichtenstein gewohnt hat. Der geht uns aber jetzt nichts an.
Was ich erzählen will, das hat sich im Jahre 1797 zugetragen -- zur
Franzosenzeit. Heute, nach mehr als fünfzig Jahren -- ich schreibe
dieses Stück im Jahre 1849 -- schrecke ich noch vom Schlafe auf, wenn
in meinem Traum der Ruf erschallt: die Franzosen kommen!
Man hatte es wochenlang früher gehört, sie kamen aus Italien. Durchs
Kärntnerland sind sie gezogen. In der Stadt Villach und in der Stadt
Klagenfurt haben sie Feuer gemacht, andere Orte haben sie sauber
ausgeplündert; waren ihre Säcke voll mit Geld und Geschmeide, waren sie
satt an Essen und Trinken, so gingen sie erst auf die Weibsbilder los.
Der Bonaparte, der mit ihnen kommt, ist selber just in dem Alter, in
welchem ein Feldherr die Zucht nicht zu streng beobachtet. Man hat's
gesagt, ich weiß es nicht. Nach meiner Meinung ist es dem Bonaparte
mehr um Länder zu tun gewesen, als um Weiber. Zum Ländererobern gehört
Kraft, sollte man glauben, die Weiber aber machen schwach, so viel man
weiß. Es ist genug, ich will nicht politisieren.
Wenn es einem einfällt, den Bonaparte mit seinem Heer den Besen Gottes
zu nennen, so will ich sagen: es stimmt. Das war ein großer Wust- und
Kehrichthaufen, den er vor sich herblies. Halb Italien floh, und den
braven Kärntnern wurde es auch heiß unter den Füßen. Die Straße von
Neumarkt her war voller Flüchtlinge, die ihr Eigentum mit sich trugen,
zogen und schoben und immerwährend ihre Gesichter nach rückwärts
wandten, ob der Feind nicht schon auf dem Fuß folge. Bauern trieben
ihre Rinderherden heran, Bürger zogen mit Roß und Wagen wohl bepackt;
Amtleute hatten ihre eisernen Kassen mit den landesfürstlichen Geldern
bei sich. Wo die schweren Wagen stecken bleiben wollten im Straßenkot,
da war alles voller Hast bei der Hand, um sie herauszuheben, und wo die
Rösser nach tagelanger Jagd lahm wurden, da spannten sie Leute an die
Deichsel, und die Zweifüßler mußten sich die Peitsche so gut gefallen
lassen wie die Vierfüßler. Priester in schwarzen Kutten ritten auf
Pferden und Eseln und hatten in ihren Säcken goldene Monstranzen und
Kelche, es redet selbst, daß sie das heilige Brot nicht den Franzosen
als Beute hinterlassen haben.
Da geschah es also, daß unter dieser Völkerwanderung fünf große
Wagen zogen, die mit weißen Plachen überspannt waren. Sie wurden von
Maultieren gezogen, und die fünf Fuhrleute, die nebenherschritten,
hatten gelbe, von Staub und Kot belegte Kittel an. In den Wagen saßen
sechsunddreißig junge bildhübsche Weiber, die ein dunkelblaues Gewand
am Leibe trugen, um die Lenden einen Strick und als Kopfbedeckung weiße
Hauben. Über dem Busen hatte jede eine Kette mit silbernem Kreuze.
Etliche dieser lieben Geschöpfe hatten muntere Augen und rote Wangen,
die anderen waren blaß im Gesichte, und in ihren Zügen war Sorge und
Angst.
Als sie in unsern Ort einzogen, beteten einige still ihren Rosenkranz
ab. Andere nagten an Brotrinden, andere plauderten miteinander, und
zwar in welscher Sprache. Sie schienen ihre Mutmaßungen auszudrücken
darüber, wie es ihnen in dieser kleinen Stadt ergehen würde.
Es dämmerte schon der Abend. Die fünf Fuhrleute hielten ihre Wagen
am Posthause an, und ihr Erstes war, daß sie nach dem Bürgermeister
fragten. Der war bald zur Stelle, ein alter grauköpfiger Mann. Nun
stieg eines der jungen Weiber aus dem Wagenkobel und fragte in sehr
schlechtem Deutsch, ob sie mit dem Herrn Bürgermeister Französisch
sprechen dürfe.
Der alte Mann erschrak ein wenig, daß schon Franzosen im Ort wären.
Der Forstmeister, der daneben stand, rief spaßeshalber: »Vor solchen
Franzosen fürchten wir uns nicht, von solchen lassen wir uns gern
belagern!«
Der Bürgermeister sagte, Französisch werde nicht gesprochen zu
Unzmarkt, wenn sie ein Anliegen hätten, so sollten sie es nur deutsch
vorbringen.
Die Sprecherin faltete nun ihre weißen Hände und sagte schlecht und
recht, sie bitte um Schutz. Ihrer seien sechsunddreißig, sie seien
Bräute Christi, und ihr Kloster stehe in der französischen Stadt Lyon.
Sie seien auf der Flucht vor dem heidnischen Bonaparte und seinen bösen
Scharen aus Paris, welche durch die Welt zögen, um die Heiligtümer zu
plündern und die Nonnen zu entehren. Sie wären zuerst nach Italien, wo
sie sich zu Mantua niedergelassen; vom Feinde dort wieder verscheucht,
seien sie ins Gebirge und jetzt durch Kärnten her auf der Flucht; sie
wären nun der Reisemittel bar geworden und flehten die Christenleute im
schönen Lande Steier um Gottes willen an, daß man sie vor dem nahenden
Feind schütze und bewahre.
»Wohin sie eigentlich wollten?« fragte der Bürgermeister.
»Ins Erzherzogtum Österreich, in ein Stift oder zum Kaiser, sie wären
selber noch ratlos. Sie hätten auch noch weitere Wagen mit Gepäck bei
sich, aber die Tiere könnten nicht mehr vorwärts.«
Der Bürgermeister entgegnete, er wolle ihnen einstweilen Obdach
verschaffen, für weiteres könne er aber nicht bürgen; Unzmarkt sei
selbst in Gefahr und man müsse sich dem allmächtigen Gott empfehlen.
Die Nonnen wurden nachher im Schulhause untergebracht; die halbsiechen
Maultiere kamen in die Versorgung mehrerer Bürgershäuser.
Alsbald war im Orte die Ankunft der schönen Nonnen bekannt, und um sie
sehen zu können, brachte man ihnen Brot, Fleisch, Gemüse und Wein. Die
Flüchtlinge ließen sich's wohlschmecken und versprachen für Unzmarkt zu
beten.
Mittlerweile kamen schon die Schreckensbotschaften, daß bei Neumarkt
und dem Stifte Lambrecht blaubehoste Rotten gesehen worden wären. Am
nächsten Tage war die Gegend an der oberen Mur voller Franzosen. Mehr
Gesindel als Soldaten; zerrissene Hosen, zerrissene Schuhe oder barfuß;
in der Kleidung die größte Ungleichheit, der eine hatte blaue Hosen,
der andere rote, die einen lange weiße Röcke, die anderen kurze grüne
Spenser, die einen blaue Strümpfe, die anderen Weibsbilderzwickeln, die
einen runde Lodenhüte, die anderen Lederhauben und alles in Unordnung
und schmutzig. Den geplünderten Speck oder das gestohlene Geflügel
trugen sie, an ihre kurzen Bajonette gespießt, über der Achsel. So
schlotterten sie daher und brüllten ihre Marseillaise. Viele hatten
ihre Weiber und Kinder mit, die nicht weniger zerrissen und von der
Sonne gebräunt waren als die Männer. Das Ganze wie bettelnde, stehlende
und raubende Zigeunerrotten. So druderten sie aus Kärnten heran.
Im Schlosse Schrattenberg hatte sich der Bonaparte festgesetzt.
Ich legte mein schlechtestes Gewand an, ließ alle Wertgegenstände zu
Hause und ging die Straße hin nach Schrattenberg, um den Bonaparte
zu sehen, für den bei uns allen die größte Neugier war. Ich sehe ihn
noch heute, wie er vor dem Schloßtore neben seinem Pferde stand, im
Begriff aufzuspringen. Eine kleine untersetzte Statur, braungelbe
Gesichtsfarbe, eingefallene Wangen, ziemlich große Nase, tiefliegende
schwarze Augen mit scharfem, stechendem Blick und feingeschnittenem
Mund. Soll wenig gesprochen haben, abgebrochen, aber sehr deutlich und
bestimmt. Hohe breite Stirn, ungekräuselte dunkle Haare, die an beiden
Seiten über die Wangen herabhingen. Anzug schlicht und mattfarbig; man
sah in allem, daß er sich mit seinem Äußeren nicht viel beschäftigte.
Im ganzen merkte man bald, daß dieser Mann seinen eigenen Willen
hatte und nicht mit sich spaßen ließ. -- Er sprang aufs Roß und ritt
murabwärts, immer näher gen Unzmarkt.
Die Aufregung im Ort war unbeschreiblich groß. Jeder zitterte für
sein Eigentum, für sein Haus, endlich auch für sein Leben. Denn eine
Gruppe von Bürgern war, die beschlossen hatte, den Ort freiwillig nicht
zu übergeben. Von den Einsichtsvolleren wurden diese Bürger als die
größten Feinde Unzmarkts erklärt.
Auf einen Patrioten wollte sich der wenige Jahre früher eingewanderte
Postmeister ausspielen. Trat bei einer Ratsversammlung der Postmeister
auf und fragte den Bürgermeister, ob die bewußten Nonnen aus Frankreich
noch im Schulhause wären und wohl verpflegt und genährt würden.
Das gehöre nicht in die Sitzung, sagte der Bürgermeister.
»Es gehört in die Sitzung,« rief der Postmeister. »Denn Ihr Nachbarn,
wollen wir nicht ratschlagen, wie wir den Franzosen begegnen sollen?
Begegnen wir ihnen feindlich, so sind sie Feinde. Wir wollen die Herren
der Erde zu Freunden haben. Nicht?«
»Es wird das beste sein,« meinten mehrere.
»Sie werden nicht allein Geld und Gut haben wollen,« sprach der
Postmeister, »sie werden auch anderes haben wollen, was dem Manne
bestimmt ist.«
»Wenn es um unsere Weiber und Töchter geht,« sagte einer, »da raufen
wir mit Pulver und Messer!«
»So ist es!« stimmten die meisten bei.
»So ist es!« sagte der Postmeister. »Wir geben ihnen nicht die Unseren,
wir geben den Franzosen die Französinnen. Versteht ihr mich?«
Sie verstanden nicht sogleich oder taten, als verständen sie nicht.
»Wir liefern ihnen die jungen Nonnen aus!« rief der Postmeister.
»Oh!« sagten die anderen.
»Liefern ihnen die sechsunddreißig Nonnen aus unter dem Vorbehalt, daß
sie unser eigen Fleisch und Blut verschonen.«
»Recht so!« schrien etliche.
Hernach stand ein junger Mann auf, trotzdem die Redner bei solchen
Versammlungen sitzen bleiben, und sprach: »Unzmarkter! Die fremden,
wehrlosen Jungfrauen dem Feinde ausliefern! So schlecht sind wir nicht.«
»Tischler Sepp!« schrie ihm der Postmeister zu, »daß du so redest, ist
kein Wunder. Du hast weder Weib, noch Schwester, noch Tochter.«
Rief ein anderer drein: »Schlagt ihr den Tischler zurück, so gehe ich
voran. Ihr kennt mich alle, ich bin der Gerber. Ich habe Weib und
Schwester und Tochter, und ich halte es mit dem Tischler, die wehrlosen
Nonnen liefern wir nicht aus.«
»Ich bin derselben Meinung,« sprach der Bürgermeister, »sie sind fremd
und hilflos, sie haben denselben Feind wie wir, sie haben sich in
unseren Schutz begeben. Schlechte Männer, wenn wir sie verrieten!«
»Aber unsere ehelich angetrauten Frauen sollen wir verraten?« rief der
Postmeister, »unsere bluteigenen Töchter sollen wir preisgeben? Was
sind ~das~ für Männer! Was sind ~das~ für Väter! Gehen uns die Fremden
etwas an? Hat Gott uns zu ihren Wächtern bestellt?«
»So hat auch Kain gesagt.«
»Sind die Nonnen nicht französisches Blut?« fuhr der Postmeister fort,
»sollen nicht die Franzosen ihre natürlichen Ritter sein? Müssen
uns die Franzosen nicht dankbar sein, daß wir die Mädchen in Obhut
genommen, daß wir ihre Ehre gewahrt haben? Nichts natürlicher, als daß
wir die Französinnen den Franzosen zurückgeben und sagen: »Wir haben
die Euren geschont, so schont nun auch die unseren.««
»Es ist sehr richtig! Es ist sehr richtig!« riefen mehrere. »Es ist
Kriegszeit, da kann man nicht gemütlich sein, wie in Romanbüchern, da
heißt's, zu Hilfe nehmen, was helfen kann. Legen wir den Jungfrauen
weiße Kleider an, strählen wir ihre schönen Haare und setzen wir ihnen
Kränze auf. Am Busen jede eine Rose -- so führen wir sie paarweise
hinaus vor das Tor und den einziehenden Herren entgegen. Es wird ein
feierlicher Empfang sein!«
»Wenn sie eine Ehr' im Leib haben, so müssen sie auf einen ~solchen~
Empfang den Markt sofort in Asche legen!« rief der Bürgermeister
entrüstet.
»Das werden sie nicht tun!« so der Anstifter. »Es sind Soldaten,
Männer. Ein freundlicher Einzug hat auch Friesach gerettet. Heraus mit
den Nonnen!«
Als es so weit war, verließ der Tischler Sepp die Versammlung und
eilte in das Schulhaus. Dort hatten sich die Nonnen im Schulzimmer
zwischen den Bänken ihre Schlafstätten aufgerichtet. Über der Kanzel
war etwas wie ein Altar: ein Bild der heiligen Jungfrau und zwei
brennende Kerzen, vor welchen die Frauen eben ihre Andacht hielten. Sie
schreckten auf, als der junge Mann zur Tür hereinstürmte. Er fragte
sofort die Oberin der Nonnen, ob sie bereit wären, in der kommenden
Nacht ihre Weiterreise anzutreten?
Die Nonnen waren sehr bestürzt, als sie diese Frage vernahmen. Denn
sie waren noch erschöpft und mittellos und der Ruhe bedürftig. Noch
mehr erstaunten sie, als der junge Mann berichtete, sie müßten ihre
Weiterreise ohne Maultier und Wagen beginnen, weil Gefahr drohe. Er
trug sich hernach zum Führer an.
Die Frauen begannen ein Klagegeschrei, sie könnten nicht fort, könnten
ihre Wagen und ihre geringe Habe nicht im Stich lassen und bestürmten
den Tischler, daß er näher erkläre, worin die Gefahr bestehe?
Er drängte nur immer mehr und mehr und schlug vor, daß sie ihren Anzug
entstellen sollten, um eine andere Gestalt zu gewinnen, daß sie ihr
Gesicht schwärzen und ihr Haar abschneiden müßten, und daß sie um
elf Uhr in der Nacht bereit zu sein hätten zur Flucht, falls sie den
Franzosen entgehen wollten.
Während solches im Schulhause geschah, war in der Ratsversammlung der
Beschluß gefaßt worden. Es war schon daran, daß die Nonnen dem Feinde
sollten überantwortet werden, da meldete sich der Pfarrer, der bisher
geschwiegen und den Reden verblüfft zugehört hatte. Er sprach nun wie
folgt:
»Ist das euer Ernst, ihr Männer? Wollt ihr unser Unzmarkt wirklich
zugrunde richten?«
»Wieso?« fragten sie.
»Vor den Toren steht der grimme Feind, der durch die Länder raset wie
ein Ungewitter, der die Heere vernichtet und die Fürsten zertritt. Wir
sind Würmer vor seiner Gewalt. Nur einer kann mit uns sein und uns
erretten, der allmächtige Gott. Und ihr wollt uns auch Gott zum Feinde
machen? Denen, die seine Altäre zerstören, wollt ihr die unschuldigen
Jungfrauen ausliefern, die sich seinem Dienste geweiht haben? So
schwöret ihr in den Tagen der Drangsal, in welchen wir Gottes Gnade
erflehen müßten, Gottes Rache herab? Tut es, wenn ihr den Untergang
Unzmarkts verantworten könnt, wenn ihr euch nicht der Wut eurer eigenen
Mitbürger aussetzen wollt! Ihr guten Christen begeht im Angesicht
schrecklicher Not den abscheulichen Verrat an eurer Religion, führt die
Bräute des Herrn wie Schlachtopfer den Heiden zu. Ich sage nein, und
sage es im Namen aller Bewohner dieses Ortes, die nicht gegenwärtig
sind, im Namen eurer Weiber und Kinder, die ihr vor den irdischen
Feinden beschützen wollt, und die ihr dem Zorn des ewigen Richters
auszuliefern im Begriff seid. Ich sage nein und Amen.«
Auf diese Worte stutzte die Versammlung. Unter dem ersten Eindruck
stellte der Bürgermeister solchen Antrag: Unzmarkt hat Pferde und eine
Begleitung von zwölf Mann aufzubringen, so sollen die Nonnen in der
nächsten Nacht aus dem vom Feinde bedrohten Orte fortgeschafft und über
Judenburg und Admont nach Niederösterreich begleitet werden.
Der Augenblick zündete. Bei der Abstimmung über den Vorschlag des
Bürgermeisters sagten zwar nicht alle ja, aber keiner sagte nein.
Der Beschluß wurde sofort verwirklicht, Unzmarkt, der Ort an der
oberen Mur, beging den Ritterdienst an den schutzlosen Jungfrauen
und der Tischler Sepp ward als Führer des seltsamen Zuges gewählt,
der am nächsten Tage über den Tauern ging, und zur Stunde, als die
ersten Franzosen in Unzmarkt einzogen, die sichere Klosterstätte im
Österreicherland erreichte.