gesagt, wie er fort ist: Halt dich fest, Nickel, wenn du zurückkommst,
kriegst einen schönen Katzenbeutel. Schau, da ist er, ich nähe ihn
zusammen und ein blauseidenes Ranftel drauf. Siehst es, sauber steht's!«
»Ist das dein Bruder, der Nickel?«
Lachte die Hilda hellauf: »Jetzt glaubt die, das ist mein Bruder!« Und
dann ernsthaft zum vornehmen Fräulein: »Hast denn du keinen Schatz?«
Fast erschrak die Komtesse über eine so plötzliche Frage. Ein schneller
Blick in die Runde, ein engeres Zusammenrücken auf dem Heu: »Wenn --
wenn du mich nicht verraten wolltest. Mama weiß nichts davon, daß ich
einen Freund habe ...«
Die Hilda rieb sich mit Vergnügen die Hände: »Das ist gescheit! Gelt,
der ist gewiß auch recht schön!«
»Gott, meine liebe Freundin, das ist ein schöner Mann!«
»Geh! Aber erzähl, wie schaut er denn aus!«
Der Berichterstatter beklagt es, daß die beiden Mägdlein das weitere
nur geflüstert haben. Von einem spitzen Schnurrbart war die Rede,
von einer roten Pumphose, von einem »tscheppernden« Säbel. So herzig
plaudern, so amüsant kosen könne er! Aber schlimm! Entzückend schlimm!
-- Dann wurde das Flüstern leiser. Auf einmal schrie das Bauerndirndel
hell in die Luft: »Geh', hör' mir auf! Sich nit derwehren können, das
möcht' ich schon sehen! Jede kann sich derwehren, wenn sie will.«
»Sagt doch,« stotterte hierauf die Komtesse, »der Beichtvater selber,
daß der Mensch so schwach sei!«
»Eben deswegen derwehrst dich leicht vor ihm.«
»Gott nein, Hilda, du verstehst mich nicht. Der Mensch -- das ist ja
unsereins selber.«
Die Hilda legte auf ihrem Schoß die Arbeit zurecht und sagte dann gar
ernsthaft: »Bei mir ist es halt so: Ich will den Nickel nit allein
zum Schatz haben, ich will ihn auch zum Mann haben. Zum Mann für mein
Lebtag. Derwehrst dich, so hast ihn. Derwehrst dich nit, so geht er
nachher leicht um ein Häusel weiter, pfeift sein Liedel und denkt: So,
jetzt probier' ich's mit einer anderen.«
»Aber nein doch!« stöhnte die Komtesse auf.
»Ich bitt' dich, lern' du mir die Mannerleut' kennen! Die sind dir so
schlecht, so hundsluderschlecht, daß ...« mit geballten Fäusten bebte
sie ... »Derdrucken möcht' man sie vor Gernhaben!«
»Und meinst du wirklich, daß sie nachher davonlaufen?«
»Meine Mutter sagt immer, sie täten es alle so machen und man sollt
sich hüten!« berichtete das Dirndel.
Hierauf sagte die Komtesse vertraulich: »Ich habe einmal ein sehr
interessantes Buch gelesen. Heimlich. Gott, wenn die Franzosen dieses
Buch unter meinen Kissen fänden!«
»Was steht denn drinnen?« fragte die Hilda.
»Daß in der französischen Schweiz noch ein alter Brauch wäre. Ein ganz
merkwürdiger Brauch. Es soll richtig sein. Heinrich sagt's auch.«
»Na, druck halt los.«
»Ja, er erzählt, daß -- nein, so etwas kann man doch nicht erzählen.
Es ist --. Worauf du früher angespielt hast -- weißt du? Jeder
Bräutigam habe nämlich das Recht, zu -- zu seiner Braut zu kommen --
schon -- -- schon vor der Hochzeit.«
»Nein du, was ~du~ für Sachen weißt!« sagte das Bauerndirndel und
faltete die Hände, zwischen welchen der Katzenbeutel eingeklemmt war.
»Gnaden Komtesse!« zeterte es vom Schachen her. Die Stanzi kam
gewatschelt: »Komtesse, der Tanz hebt an! Sie kommen! Sie sind schon in
Almstein, sagt der Zenz!«
Die beiden Mädchen eilten dem Hofe zu. Hinter dem Stadel war ein
großer Teich, der weiter unten eine Mühle trieb. Als sie an demselben
vorüberkamen, schalkte die Hilda: »Da guck einmal! das ist er, mein
großer Spiegel! Gelt?«
* * * * *
So laut und lebendig es tagsüber zuging auf dem Kürnhof, so still
und feierlich lag er da in der Nacht. Das immerwährende Rauschen des
Brunnens, das Zirpen der Grillen -- sonst nichts. Im hohen weiten
Himmel das schweigende Sternenmeer. Im Tale einige Lichter, kleine und
auch größere. Lagerfeuer? -- Am Hinterteile des Wohnhauses vor einem
offenen Fensterchen kniete der Knecht Lenz. Er rieb seinen Bart am
Fensterbrett und flüsterte den Gasselspruch:
»Tixbuschen, Taxbuschen,
Hast mich g'hört daherduschen,
Mit mein' saggrischen Federbuschen?
Ich geh daher, ich knia daher,
Ich treib' ein fest's Paar Stier daher,
Ein' jungen und ein' alten,
Geh Dirndl, magst mich über Nacht g'halten?«
»Nix da!« sagte drinnen jemand. »Weißt eh, ich bleib' bei meinem
Scherschang, der ist grad gewachsen, der ist mir lieber.«
»Ist er dir nit zu weit weg, dein Franzos?« darauf der Knecht und
machte einen langen Hals zum Fenster hinein.
»Er wird schon nahender kommen, laß nur Zeit. Nachher heiraten wir.«
»Gut ist's, Stanzerl, dich mag ich.«
»Ich und du, glaubst? Ja, Schnecken! Ich und der Scherschang! Haben's
schon ausgemacht miteinander.«
»Hat er dir leicht geschrieben?«
»Er kann ja nit deutsch.«
»Wie könnt's es nachher miteinander ausgemacht haben, möcht ich wissen?«
»Mündlich haben wir's ausgemacht.«
»Wenn er nit deutsch kann!«
»'s Busserlgeben wird eins doch verstehen!«
»Ah, so meinst! Du Dirndl, paß auf, das kann ich viel besser wie der
Franzos.«
»Ja, da müßtest erst dein' Schnautzer wegschneiden, sonst kann man nit
zuwi.«
Am nächsten Tag lachte alles auf, der den Knecht Lenzel sah. Er hatte
sich den Schnauzbart weggeschnitten. »Jess', die Zahnlucken, die der
hat!« Und der Scherschang, so fern er sein mochte, hatte jetzt noch
leichteres Spiel. Selbst der Zenz mit der Hasenscharte stieg an Wert.
Regenzeit war gekommen. Der Kürnhof stand tagelang mitten in den Wolken
und die Dachtraufen fielen nie senkrecht zur Erde, immer von kaltem
Wind quer hingeschleudert an die Wand. Hildas großer Spiegel war
trüb, in den Teich rieselte lehmige Gieß. Die Stuben waren geheizt,
die Gräfin Kronburg beschäftigte sich mit einer Handarbeit oder mit
Lesen. Und wie einsam, wie traurig! Nach dem Abbé sehnte sie sich,
ihrem Beichtvater, einem Mann im feinen Geist aus der Zeit Ludwigs des
Vierzehnten. Und Augustina! Wo nur die Komtesse immer bleibt? +Ah,
quelle misère!+
Die Komtesse saß lieber in der Stallkammer bei der allzeit munteren
Hilda als bei der ernsten Mama. Die Stallkammer war wohl verwahrt.
Die Hilda fing aus dem Schafstalle ein Lämmlein ums andere hervor,
führte es in die Kammer, nahm es zwischen die Knie und schnitt ihm mit
einer großen Schere die Wolle vom Leibe. Die Komtesse hatte anfangs
mit Entsetzen auf diese Tat gestarrt. »Lapperl!« hatte Hilda gesagt,
»das tut lang nit so weh, als wenn dein Gnaden Herr Vater im Wald
ein Reh schlecht trifft und es bleibt lebendig liegen. Schau, dem
Lamperl taugt's, das lauft gar nit davon, wenn ich's auslasse.« Anders
war's, als es auch die Komtesse versuchte, dem Tiere eine Flocke Wolle
wegzuschneiden, da zuckte das Schaf und meckerte. Es war in die Haut
gestochen worden. Wohl trachtete das Fräulein, durch Liebkosungen das
Tier zu versöhnen, dieses aber lief vor ihm heftig trappelnd bis in den
hintersten Stubenwinkel.
»So komm doch, Herzchen!« schmeichelte sie und hielt ihm ein Stück
Kuchen hin, »verzeihe mir nur, ich bin zwar ungeschickt, aber doch
deine gute Freundin --«
»Ja, die dich am nächsten Sonntag verspeisen wird!« lachte die Hilda.
Die Komtesse sah nicht gut aus. Sie war blässer, als sonst der frische
Bergwind zuzulassen pflegt. Nun vertraute sie einmal der Freundin,
daß sie in den Nächten schlecht schlafe. Dem Schnarchen der Mama habe
sie sich zwar entzogen, seit ihr die zweite Schlafkammer eingeräumt
worden, aber der Kettenhund! +Cet animal ne nous laisse pas en paix.+
Einmal habe sie geglaubt, die Franzosen seien schon am Hofe, so heftig
bellte der Hund. Um sich die Zeit zu vertreiben, lese sie im Bette aus
französischen Büchern, die sie von ihrem Freund habe. Mama dürfe nichts
davon wissen.
»Warum denn nicht? Sind schlechte Sachen drin?« fragte das Dirndel.
»Ach, es sind so interessante Bücher. Zum Beispiele vom Schäfer, der
eine schöne Königin entführt und ihr aus Schafwolle ein niedliches
Bettchen macht. Und dann sind sie so glücklich, ach, so glücklich!«
»Geh, hör mir auf! Wenn du immer solche Sachen denkst, da wirst du
freilich hart warten.«
»+Oh chère dame compagnarde!+«
»Geh, red nit immer böhmisch. Für mich ist deutsch auch gut.«
Nun zog die Komtesse eine Weile herum, zupfte an einer Wollflocke, warf
sie in die Luft, fing sie wieder auf und plötzlich sagte sie: »Dein
Bruder, der ist lieb!«
»Der Robert! Wieso kommst du jetzt auf meinen Bruder?«
Da erzählte die Komtesse: »In der Nacht auf den Sonntag war's, oder in
der vom Freitag? Nein, doch in der auf den Sonntag. Ich schlafe wieder
nicht, habe aber kein Licht mehr. Sehe ich dir vor dem Fenster draußen
einen Mann stehen. Anfangs bin ich erschrocken, wie ich aber die
schlanke Gestalt deines Bruders erkenne, öffne ich schnell das Fenster
und frage, was er denn mache da draußen? Und denke dir diese Antwort!
Wacht stehen, daß der lieben gnädigen Komtesse nichts geschieht. -- Ich
habe lange nachher gezittert. So ein Wort! Man sage noch einmal, daß
es im Volke keine Ritterlichkeit gäbe. Der Robert gefiel mir gleich
anfangs so gut. Er schaut einen so an, so gewiß -- ich weiß nicht wie
ich sagen soll. Hernach in der darauffolgenden Nacht hat's geblitzt und
gedonnert und geregnet, und jetzt stelle dir vor -- steht er wieder
draußen. Wenn er unter Dach gehen hätte wollen -- die Tür war nicht
verschlossen.«
»War sie nicht verschlossen?« sagte die Hilda nach und ging ihre
Kammertür zuzumachen, daß die wollewaschenden Mägde im Vorraum nicht
sollten hören können. Dann stellte sie sich vor das Fräulein hin und
wiederholte leichthin: »War sie nicht verschlossen?«
»Ich mußte am Abend zuvor vergessen haben.«
»Weißt, Fräulein,« entgegnete nun das Dirndel, »ich bin auch keine
Klösterin, aber dich versteh ich nit. Schämt sich, wenn eine Kuh
gemolken wird -- und daneben solche Sachen! Erinnerst du dich noch, was
ich dir draußen beim Heuen gesagt hab'?«
»Ist nicht anwendbar!« antwortete die Komtesse, die Finger der
gehobenen Hand schlenkernd. »Heiraten natürlich nicht!« lachte sie,
»nur ein bißchen liebhaben.«
Das Bauerndirndel wurde ganz dunkel im Gesicht. Nach einer Weile sagte
es scheinbar gleichmütig, aber mit einer seltsam gedämpften Stimme,
das folgende: »Umfallen hätt ich jetzt mögen. Und weiß nit, bin ich
dumm oder ist wer anderer schlecht. Nein, schlecht, das will ich nit
sagen. Zuerst geht sie her und liest allerhand Heimlichkeiten. Derweil
ihr Vater sein Leben vor die Franzosenkugeln muß tragen, liest sie
französische Bücheln! Und wird eine so leichtsinnige Person, daß --
daß -- ich weiß gar nit! Na, sei nur still und red nit, du magst es
auslegen wie du willst, ich hab mir jetzt gehört genug und so denkt und
tut ein braves Mädel nit.«
»Aber mein Gott, was habe ich denn Schlimmes gesagt?«
»Still sei!« rief das Dirndel.
Jetzt begann in den Adern der Komtesse das Blut zu wallen, aber nicht
das rote, das heiße, brausende, sondern das blaue. Was nimmt sich
diese Person heraus! Lehensleute! Das kommt davon! Das ist die Folge
allzu freundlicher Herablassung. Mama hat recht. Man wird solchen
Leuten den Unterschied zeigen. Von jetzt an soll sie mir Luft sein ...
Solche Gedanken schossen durch ihr Haupt, aber indem sie sich stolz
aufrichten und mit einem das Dirndel niederschmetternden Blick zur Tür
hinausschreiten wollte, sank sie an der Ofenbank zusammen und begann
heftig zu weinen.
Die Hilda stürzte herbei: »Jesus Maria, aber Augustina! Hab ich dir --
hab ich Ihnen weh getan, gnädige Komtesse! Ich bitt um Verzeihung. Es
ist ja nit bös gemeint gewesen. Meiner eigenen Schwester hätt ich's so
gesagt. Bei dem gnädigen Fräulein hab ich kein Recht, was geht's mich
auch an. Nur weil ich dich gern hab, ich bitt dich, verzeih mir!«
Fast kniete sie nieder vor der Schluchzenden. Diese schob sie mit dem
Arm beiseite. Dann fuhr sie sich mit dem weißen Tüchlein über das
Gesicht, atmete auf und sagte: »Ich habe dir nichts zu verzeihen.
Danken muß ich dir. Du hast recht, Hildegard. Ich sage es offen, was
daran so weh tut. Schämen! Wenn die Gräfin vor der Bäuerin sich schämen
muß! -- Du wirst es nicht wieder erleben.« Sie stand auf, schlank,
würdevoll wie eine Königin, die Hand legte sie an die Brust und
sprach: »Bei dem Leben meines Vaters, der vor dem Feinde steht, kein
leichtsinniger Gedanke mehr in dieser Brust! -- Ich danke dir, Hilda,
daß du mich aufgeweckt hast.«
Das Dirndel wehrte mit beiden Händen ab: »Als ob ich selber so viel
besser wär! Für sündige Gedanken kann ja kein Mensch!«
»Ich will sein wie du, nicht prüde, aber stark.« So die Komtesse. Dann
war ihr zu Mut, als müsse sie die Hilda jetzt auf die Stirn küssen wie
eine Schwester. Getan hat sie's nicht.
* * * * *
Von diesem Tage an hat das gnädige Fräulein über allerhand gesprochen
mit ihrer Freundin, aber nie mehr von Liebe. Der Robert ist auch nicht
mehr auf der Wacht gestanden vor ihrem Fenster in der Samstagsnacht und
die Tür wird stets sorgfältig verschlossen gewesen sein.
Die Männer des Hofes waren übrigens fortgezogen, nur die beiden
Diener der Herrschaft und der alte Bauer waren im Hofe geblieben, um
Anstalten und Vorbereitungen zu treffen zur Vergrabung der Wertsachen,
zur Flucht der Herrschaft, wenn der Feind sich wirklich auch auf dem
Berge zeigen sollte. Wenn das, dann noch höher hinauf ins Gebirge, wo
versteckt in einem grünen Felsenkar eine Sennhütte stand.
In der Gegend waren nämlich schon Franzosen gesehen worden, zuerst
in Rotten, bald in größeren Haufen, auch Reiterei und Wagenwerk. Auf
der großen Wiese vor dem Jagdschloß zu Almstein hatten sie Lager
aufgeschlagen, es hieß, der Bonaparte sei dort und er wolle sich im
Falle einer verlorenen Schlacht das feste Waldschloß zur Zuflucht
herrichten. So unglaublich diese Nachricht klang, so brachten Leute
doch bald Botschaften, die verläßlicher schienen. Der Bonaparte sei
wirklich in Almstein, er verkleide sich mit Vorliebe mit einem alten
Mantel und reite auf kleinem, unscheinbarem Rosse, aber er sei leicht
zu erkennen an seinem bartlosen Gesicht mit den schwarzen Haarfetzen
über der Stirn. Der Bonaparte! Kundschaften tut er wieder!
Das war allen Männern und Knaben, ja sogar den Greisen der Gegend in
die Nerven gefahren und sie zogen aus mit Flinten, Sensen und Hacken,
um den Bonaparte zu fangen. Wenn die Bauern seiner Herr würden, nachdem
die Könige der Erde machtlos vor ihm zitterten -- ~das~ wäre so was für
die Zeitung! Na, vielleicht! Man kann's nicht wissen, welche Werkzeuge
sich Gott auserlesen, um den Weltbösewicht zu vernichten.
In freudigster Erregung war die Herrschaftsköchin Stanzi. Die Franzosen
in der Nähe! Vielleicht auch der Scherschang! Angedeutet hat er ihr so
etwas, als ob er nachkommen wolle auf den Berg. Den Bonaparte wollen
sie fangen, die paar Bauernkrüppel! Es ist zum Lachen! Ewig schade,
wenn die Franzosen den kürzeren ziehen und wieder davonmarschieren
müßten. Diese schönen feinen Herren! Und das ist auch richtig, der
Franzose als Feind ist artiger, wie der Deutsche als Freund. Ist's
nit wahr? -- Sein sollt's nit heutzutag, daß man einen Franzosen gern
hat? Na, das möcht ich schon wissen, wer mir dieses elfte Gebot wollt
aufbringen. Der deutschen Herrschaft schmeckt die französische Küche
recht gut, und unsereiner wollen sie den Scherschang nit vergunnen. Na,
wartet nur, bis sie erst Herren sind im Land! Der Bonaparte hält es mit
den gemeinen Leuten, die hohen Herrschaften mag er nit. Die Grafen und
Barone können nachher krautschneiden und mein Scherschang wird General
....
Solche Betrachtungen hegte die Stanzi, während sie auf dem Brett einen
Krautkopf klein schnitt für einen Salat zum Lämmernen.
Aber noch bevor Salat und Lämmernes auf den Tisch kam, trug sich
das Weltereignis zu. Ein barfüßiger Hirtenjunge kam gelaufen: »Den
Bonaparte! -- den Bonaparte hätten sie! Mit Haut und Haar. Sie hätten
ihn gleich an den Holzbirnbaum hängen wollen, aber der Jäger Balduin
habe gesagt: Nicht umbringen! der gnädigen Gräfin bringen auf den
Kürnhof zum Präsentel. Solch ein Wundertier habe die Gnädige ihr Lebtag
nicht gesehen. Die gibt ein gutes Trinkgeld. Sie werden bald da sein
mit ihm.«
Und nicht lang, so lärmte die Rotte über den Almboden heran, in ihrer
Mitte mit Stricken und Ketten und Riemen gefesselt den Kaiser der
Franzosen. Er hatte sich eng in seinen bekannten Mantel geschlagen
und die Mütze tief in die Stirne gedrückt. »Erzräuber! Welscher
Geier! Kanaille! Galgenstrick!« Das waren die Ausdrücke der Reverenz,
die man dem Welteroberer darbrachte. Der Jäger lief voraus, stürmte
ohne anzuklopfen in die Wohnung der Gräfin: »Gnaden Frau! Ich bitt'
hinausgehen! Ich bitt' untertänigst! Eine Überraschung! Eine große
Überraschung!«
»Was habt ihr denn, Leute?«
»Den Kerl haben wir! In Almstein auf der kleinen Wiese abgefangen. Den
Bo -- Bo -- Bonaparte!«
»Wen, den Napoleon?«
»Nur sich selber überzeugen, Gnaden Frau Gräfin. Komtesserl auch
mitkommen!«
Die Frauen wurden förmlich ins Freie geschleppt. Im Hofe ein
schreiender, drohender, springender Menschenhaufen. Der Gefangene
zwischen sechs Männern, der Lenz und der Zenz darunter, die ihn nach
allen Seiten hin mit Stricken und Riemen festhielten, gleichsam als
wollten sie ihn auseinanderreißen. So kauerte er, halb kniend, auf
Stalldung. Der Zenz schlug ihm die Mütze vom Kopf, der Lenz zerrte
brüllend des Gefangenen Mantel auseinander.
»Der Scherschang!« kreischte die Herrschaftsköchin Stanzi und sprang
mit offenen Armen auf den Gefangenen los. Der Haussohn Robert kam
herbei: »Was macht ihr denn da? Der Bonaparte? Wo? Wer? Der da? Ha,
ha, ha. Das ist ein französischer Feldwebel, soviel ich mich auskenne.
Lockert dem armen Teufel doch den Halsstrick, seht ihr denn nicht, daß
er schon die himmlische Farbe kriegt?«
»-- -- Das ist doch schon des Teufels!« knurrte der Knecht Lenz, »jetzt
haben wir heilig gemeint, wir hätten den Bonaparte. Was lügt er uns
denn aber an, der Hund?«
Wer hatte gelogen? Sie wußten es nicht, er war nicht mehr vorhanden,
der Herr, der in Almstein auf der Wiese geschrien: »Seht jener dort,
der just ins Gebüsch steigt, der ist es! Der ist es!«
Sein tat er es allerdings, aber nicht der Cäsar war's. Der Stanzi ihrer
war's!
Die Gräfin befahl mißmutig, man solle den Mann freilassen. Die Bande
nahmen sie ihm ab, aber frei ward er nicht, denn fest hielt ihn die
Magd umschlungen mit schweren, unlöslichen Armen.
Der Scherschang bekam etwas zu essen, ja man will wissen, etwas sehr
Gutes. Jedenfalls vom Lämmernen nicht das verächtlichste Teil. Er blieb
im Hause und half das Spätheu einbringen. Er benahm sich gutmütig,
sprach einige Worte deutsch, im weiteren verkehrte er mündlich nur mit
der Freundin.
Und das war der Napoleonfang gewesen unten zu Almstein auf der Wiese.
* * * * *
Daß der wahrhaftige Bonaparte noch frei waltete, das hat sich leider
schon in den nächsten Tagen gezeigt. In den Hof kam die Nachricht,
von der Almsteiner Gegend hätten die französischen Streifungen sich
wieder verzogen, hingegen müsse im unteren Tale, in der Umgebung des
Schlosses Kronburg, eine Schlacht entbrennen. Eine große Schlacht, über
den Vorbergen sehe man blauen Rauch aufsteigen und in den Rinwäldern
widerhalle es wie von Kanonenschlägen.
Die Gräfin und die Komtesse, geführt vom Haussohne Robert und gefolgt
von einem Diener, gingen über die Hochmatten hin. Es war ein klarer,
kühler Frühherbsttag. Auf den Almen weideten Herden von scheckigen
Kühen, deren Glockengeläute manchmal wie das Summen einer Hummel ans
Ohr drang. Aus Schluchten schimmerten die weißen Bänder der Sturzbäche.
Die fernsten Berge standen klar und scharf auf in die lichte
Himmelsrunde. Auf einzelnen lag Schnee. Zu den Füßen der Wanderer
standen Kleeblumen und Steinnelken. So gingen sie über die Höhen im
Frieden der Natur, um von Ferne ein Menschenschlachten zu sehen.
»Es ist ganz dumm!« sagte der Bursche Robert im Gespräche mit der
Gräfin. »Wenn man's bedenkt, der Scherschang ist ja auch ein Mensch wie
unsereiner; ich habe ihn gestern in die Wade gezwickt, er schreit genau
so auf wie der Zenz oder ein anderer. Und arbeiten und essen und beten
und lachten tut er auch so. Und so Leute sollen einander wegen was weiß
ich niederbrennen wie Rauberskerle? Es ist eigentlich zu dumm!«
»Das versteht Er nicht,« antwortete die Gräfin. Die Komtesse pflegte
stets, wenn der Robert sprach, die kleinen Ohren zu spitzen, sie fand
es ganz merkwürdig, was der Bursche jetzt gesagt hatte. So etwas war
ihr selber nie eingefallen, hatte es auch nie gelesen oder gehört,
nicht einmal von der Kanzel, daß Leute, die einer sind wie der andere,
einander nicht sollten niederbrennen! Es ist eigentlich doch merkwürdig.
Nach einer Stunde kamen sie zur Stelle, wo die Almmatte plötzlich
aufhört und der senkrechte Abgrund ist. Von unten geschaut, eine wüste
Felswand, der man ihre freundlichen Grasflächen auf dem Scheitel
nicht ansieht. Von dieser Höhe aus ist das ganze Tal zu überblicken.
In demselben lag ein dünner blauer Dunst, aus welchem stellenweise
Rauchballen aufstiegen. Fortwährendes dumpfes Donnern, das aus fernen
Tiefen heraufkam, ließ bald erkennen, was es gab. Auch trug die Luft
manchmal ein feines Knattern daher, als brassle irgendwo ein großes
Feuer. Der Diener sagte: »Euer Gnaden, das ist Gewehrfeuer. Endlich!
Endlich!«
Die Leute auf dem Berg schauten durch das Fernrohr, sahen im Dunste
breite dunkle Massen, die sich sachte verschoben, sahen manches Blinken
und Glitzern, hie und da ein Aufblitzen, weiter war nichts Rechtes zu
erkennen. Der Diener hatte schon einen grauen Bart, aber er wurde jetzt
seltsam unruhig, stampfte mit dem Bein, zuckte mit den Armen, plötzlich
trat er nahe zur Gräfin heran und sprach: »Ich diene der gnädigen
Herrschaft seit fünfundzwanzig Jahren. Aber wenn ich jetzt um einen Tag
Urlaub bitten dürfte!«
»Urlaub? Er uns jetzt verlassen? Was Ihm einfällt!«
Der Diener schnob und trat in den Hintergrund.
Mit bangendem Herzen hatte die Gräfin schon vorher ausgeblickt nach
dem Schlosse. Dort im unteren Tal mußte es doch stehen. Sie sah es
nicht. Erst nach langem Schauen trat aus dem dichten Dunste das winzige
Mauerviereck hervor, aber in seiner nächsten Nähe wogten frische
Rauchballen auf und verdeckten wieder das Schloß. Die Matrone legte
ihre Hände aneinander wie zum Beten. »Mein Gott im Himmel,« murmelte
sie, »unsere alte Stammburg, das liebe Haus! Mit seinen Schätzen!
daß es ~so~ sollte zugrunde gehen müssen. Durch diese schrecklichen
Fremdlinge!«
Über die Matten her kamen mit großen klobigen Schritten zwei Männer
geeilt. Robert erkannte den alten buckligen Holzer Friedl und den
hinkenden Halter Zaggel. Sie trugen über der Achsel Haken und Krampen,
auf dem Rücken Bündel. Der Schweiß rann ihnen von den verwitterten
Gesichtern.
»Wohin so eilig?« fragte der Robert.
»Das kannst dir wohl denken,« antwortete der Halter unwirsch.
Dann sprangen sie den Felsensteig hinab gegen das Tal.
Zwei Augenblicke stand der Bursch unbeweglich still, seine Stirn rötete
sich, seine Augenwimpern zuckten auf und nieder. »Leut'! Ich geh' auch
mit!« schrie er den Männern nach und lief über Schutt und Stein hinab.
Die Frauen schauten ihm sprachlos nach. Die schönen Augen der Komtesse
huben an zu glühen. Das ist derselbe, der vorhin das merkwürdige Wort
gesagt hatte. Und doch geht er jetzt in die Schlacht! In ihrem jungen
Herzen war eine heiße Freude.
Das Donnern in dem Tal währte den ganzen Tag, und als es zu dunkeln
begann, sah man die Blitze und Lagerfeuer, deren unzählige in der
weiten Niederung leuchteten. Endlich war das Krachen der Geschütze
verstummt, aber unsere Frauen standen noch immer am Berghange und
beobachteten die Vorgänge im Tal. Durch das Fernrohr bemerkte die
Gräfin, daß im Schlosse Kronburg alle Fenster beleuchtet waren. Die
fremden Sieger in der alten deutschen Burg! Vielleicht hatte der
Bonaparte selbst sein Quartier aufgeschlagen im Schlosse und macht den
Speisesaal zu einem Pferdestall und feiert ein bacchanalisches Fest.
Betrunkene Offiziere halten Orgien im altehrwürdigen Ahnensaal, rohe
Soldaten strecken sich mit kotigen Stiefeln auf die Sammetsofas im
Boudoir .... Die Gräfin stöhnte auf. -- Mittlerweile begann sich über
dem beleuchteten Schlosse ein roter Qualm zu erheben.