finster schwarz an beiden Seiten die steilen Waldberge aufragten, so
grau lag der Abendhimmel und legte sein blasses Licht nieder auf die
Holzbrüche. Davor stand ein großer Mann, der Holzknecht Wendelin. Er
hatte in seine Waldhütte gehen wollen den Bach entlang und hatte die
Verheerung gesehen. Die Bäuerin fragte den Mann gleich nach ihrem
Knaben, ob er nichts von ihm gesehen hätte?
»Still sei!« sagte er und schaute gespannt auf einen Baumstamm, der
quer über dem Bach lehnte und mit dem Wipfel hier an einer Tanne hängen
geblieben war. »Dort oben ist was,« sagte er und zog die Bäuerin
an der Hand der Stelle näher. »Ich hab' das Ding schon eine Weil'
betrachtet, es kommt mir nicht recht für. Als ob was Lebendiges im
Astwerk wär', gar ein Mensch. Aber es rührt sich nichts. Da hat gewiß
einer herüberkrauchen wollen und ist hängen geblieben.«
»Jeß Maria! Nachher ist's mein Lenzerl!« schrie die Bäuerin hellauf.
»Schrei nit so, Weibmensch! Daß er jäh erschrickt und ins Wasser
patschen kunnt!«
Aber das Rauschen des Wildbaches sorgte dafür, daß keine menschliche
Stimme hinaufdrang. Der Holzknecht war auf die Tanne geklettert, spähte
nach dem Wesen im hängenden Stamm und bedeutete der Bäuerin herab,
sie solle ruhig sein, er sehe schon, was es sei, er wolle den Vogel
bald haben. -- Es währte nicht länger als drei Minuten, aber sie waren
die qualvollste Zeit, die das Weib je erlebt hatte. Sie sah ihr Kind
hundertmal ins Wasser stürzen und davonrinnen und ertrinken. -- Ein
Holzknecht weiß sich zu helfen bei den Bäumen. Seine Joppe hatte er
herabgeworfen, dann stieg er, immer vom Sturme umbraust, von Ast zu
Ast die Tanne höher hinan, schwang sich oben auf den herübergefallenen
Baum, kletterte an dem schwankenden Stamme hinaus, erfaßte mit fester
Hand den Knaben am Arm. Der erwachte und schrie. Seine ins Astwerk
verklemmten Glieder loszulösen war nicht leicht -- doch es gelang,
der Holzknecht brachte den Lenzerl herab und stellte ihn neben seiner
Mutter fest auf den Erdboden.
Dieweilen war auch der Bergbauer gekommen, seinem Weibe nach, und war
der Franz gekommen, seinem Bruder nach, zu helfen, wenn wo zu helfen
wäre. Wo die Brücke abgebrochen war, kamen sie alle zusammen. Und
haben unter Dankgebeten den Knaben heimgetragen.
Dann sind sie sehr glücklich beisammen gesessen im Bergbauernhause.
»O mein Kind!« sagte die Mutter, »wenn du nicht den Herrn Jesus von der
heiligen Kommunion bei dir gehabt hättest, da wär's wohl nicht so gut
ausgegangen. Er hat dich heimgeführt. -- Und jetzt, Lenzerl, denke ich,
du gehst in Gottesnamen schlafen.«
Ehe der Kleine das tat, kniete er in den Wandwinkel hin, faltete die
Hände, schloß die Augen und sah vor sich stehen den lieben Herrn Jesus,
der in der Kommunion zu ihm gekommen war.
Bald hernach war es im einschichtigen Bauernhause dunkel geworden.
Über das Dach dahin brauste der wilde Föhn, der Urwaldstämme bricht
und Berge stürzt, aber an dem frommgläubigen Kindesherzen vergeblich
rüttelt.
Franzosenrummel.
Das war ein hartes Wandern! Weitaus das härteste, das sie je erfahren
hatten. Gewohnt, aufs Volk ~hinab~zuschauen. Und jetzt mußten sie so
steil zum Volke ~hinauf~.
Zwei bärtige Männer kletterten unter großen Bündeln eingeknickt hinan
den steinigen Waldweg. Zwei andere Männer, die an ihren blauen Fräcken
glänzende Knöpfe hatten, führten jeder eine Frau am Arm. Der eine
die weißhaarige Matrone, die sich seufzend und schwer an seinen Arm
stützte; der andere ein schlankes junges Fräulein, das am liebsten
ohne Führung und Stütze auf allen vieren gelaufen wäre. Der Hohlweg
war danach. Wasser sickerte zwischen den Steinen, Erlsträucher und
Kiefernstrupp wucherten bösartig nieder und kratzten, wenn es leicht
sein konnte, das feine, blasse Mägdlein an den Wangen.
Vor einem anrückenden Trupp Franzosen geflohen, hatten sie ihrer Väter
stattliches Schloß verlassen, um zu einem Lehenhofe hinaufzusteigen,
der hoch im Gebiete der Almmatten liegt. Sie kamen an einen lichten
Platz unter Lärchen, wo der Blick frei ward ins Tal, das schon blauend
fern in der Tiefe lag, und wo in der andern Richtung ein silberweißes
Steingebirge stand, wie es die Frauen bisher nie gesehen, nur manchmal
nennen gehört hatten von den Gemsjägern. Die Matrone suchte mit ihren
Augen das Schloß und fand es nicht. Der Begleiter erst mußte es weisen:
Jenes graue Würflein mit den schwarzen Punkten. Und das winzige Ding
soll die alte große Kronburg sein? Ein Würfel! Mit dem der Himmel jetzt
lost um Menschenglück!
»Ich glaube gar, auf dem Turm steht die Trikolore schon!« sagte der
Führer und guckte durch das Rohr seiner hohlen Faust hinab.
»+Mon Dieu+, ich ertrage es nicht!« sagte die Matrone mit leiser
Stimme. »Wir hätten doch den Willen des Grafen tun sollen.«
»Nein, Mama!« rief jetzt das Fräulein, »niederbrennen nicht, das liebe
Haus!«
»Lieber in Asche, als daß dieser schreckliche Feind drinnen haust!
Kannst du je eine heimliche Stunde haben in den Mauern, die durch
diesen korsischen Bluthund entweiht worden sind?«
»Nein, Mama, der Bonaparte wird nicht kommen.«
»Er wird schon im Schlosse sein!« eiferte die Matrone.
Darauf sagte einer der Männer: »Schade, daß einem so was nicht früher
einfällt. Wir haben die Pulverfässer in der Muhrhöhle versteckt. Die
wären im Schloßkeller viel besser aufgehoben gewesen. Mit offenem
Deckel. Und ein Kerzenlicht drauf hingestellt!«
»Bum!« machte der andere. »Gegen Himmel sprengen, den Lumpen! Zur Höll'
fahren wird er nachher schon selber.«
»Lasset das, Leute,« verwies die Frau, »es wird einer kommen, der
stärker ist als er. Trachtet nur, im Kürnhof ein leidliches Asyl zu
schaffen. Für ein paar Wochen. Lange kann's ja nicht dauern.«
Als sie noch so sprachen, kam den Berg herab eine stattliche
Weibsperson, diese eilte sofort der Matrone zu: »Eure Gnaden, da oben
ist's nix. Wir müssen wieder 'nunter!«
»Kein Platz?«
»Drei Stuben. Der Kürnhofer hat sich mit Weib und Kind schon in den
Heustadel gezogen. Aber nichts zu essen, Gnaden, Frau Gräfin! -- Wohl,
wohl, Milch, Mehl, Butter genug, aber diese Küche! Gott, da schaut's
aus! Die Küche ist Holzasen, Schlafkammer und Hühnerstall zugleich,
meiner Tag hab' ich's nicht gesehen. Und dieser Rauch! Und dieser Ruß!
Und dieses Geschirr! Drei Hafen, drei Schüsseln, eine alte Pfanne,
eine Feuerzange, ein Reibeisen, ein Kochlöffel, ein Schabmesser --
jetzt sind wir fertig mit dem Zeug, damit soll der Mensch kochen! Nein,
Gnaden, da tu ich nit mit! Da gehe ich lieber zurück, zu den Franzosen
hinab, wo man alles herzunehmen hat!«
»Sei nicht dumm, Stanzi!« verwies die Gräfin. Dann sind sie weiter
angestiegen.
Der Kürnhof lag auf flacher Almhöhe. Nach zwei Seiten sah man hinab
in die bergige Welt; hinter dem Hause stand ein Schachen mit alten
finsteren Wettertannen. Vor dem Hause ein gurgelnder Brunnen, ein
verwildertes Gärtlein mit Nelken, Königskerzen und kümmerlichem Salat.
Auf dem Anger Schweine mit Ferkeln, in der umzäunten Halde Schafe mit
Lämmern, auf der Weide Kühe mit Kalben, auf der Planke Hühner mit
Küchlein, an der Haustüre ein gutmütig knurrender Kettenhund, auf
dem Firste eine scheckige Katze, um den Giebel kreisende Schwalben.
Im Innenhofe war eine Magd, die hackte grüne Fichtenzweige zu Streu.
In der Holzhütte war ein Knecht, der schnitt einen Block entzwei.
Weiterhin waren Mähder und Heuer und mit der Peitsche knallende Hirten.
Das Haus war alt, hatte ein bemoostes Bretterdach, braune Holzwände mit
kleinen Fenstern und einen Söller, an welchem bunte Zeuge hingen, so
daß das Fräulein im ersten Augenblick meinte, der Kürnbauer hätte zu
Ehren der Ankömmlinge beflaggt. Es war aber nur Wäsche zum Trocknen.
Der Hausvater kam zur Tür heraus und trat den Gästen entgegen. Ein
alter, hagerer Mann, an dem alles krumm war: die Beine, die Arme, die
Finger, die Nase, und alles eckig: die Backen, die Stirn, die Achseln,
die Ellbogen, die Knie. Die letzteren hielt er weit auseinander,
als hätte er ein Pferd zwischen den Beinen. Die Schenkel dünn und
mit falber Lederhose eng umspannt. Die Lodenjacke so kurz, daß man
zwischen ihr und der Hose am Rücken das lehmfarbige Rupfenhemd sah.
Der Hals lang und voller Runzeln, die Wangen rot wie ein Hahnenkamm
und sorgfältig rasiert. Der Mund ging so breit auseinander und die
grünlichen Äuglein zuckten so munter aus der halb gesenkten Hülle
hervor, daß es schien, der Mann lache immer. Mit weiten schnellen
Schritten ritt er heran, seinen breitkrempigen Filzhut tat er herab, so
daß das schüttere graue Haar im Winde flog. So schritt er mit hastigen
Schritten heran und rief mit dünner Stimme: »Hopassa, da seins! -- Der
Herr Gnaden Graf nit da? der tut leicht Franzosen derschlagen? Brav.
Die Frau Gräfin tu ich eh schon kennen, ei ja, das wohl. Ist das die
Tochter? Saggra, das ist eine bildsaubere Gredl!«
Wie drollig wäre es gewesen, dem plaudersamen Bergmenschen nur so
unterwegs zu begegnen! Aber den als Gesellschafter, wer weiß, wie viele
Wochen lang!
»Ja, ist schon recht, Kürnhofer,« antwortete ihm einer der tragenden
Männer, »weiset uns nur die bereitete Wohnung an, daß die hohen
Herrschaften sich ausruhen können.«
An der Tür stand die Hausmutter, ein kleines dickes Weib, dessen blaue
Schürze an beiden Seiten bis hinten reichte. Das Hemd weit über die
vollen Arme zurückgestreift, dann ein Kopf und ein Kropf. Der Kropf
hatte zur rechten Seite einen kleinen Knollen und zur linken einen
großen. Der Kopf war mit turbanartigem Tuch umbunden, das Gesicht rund
und frisch hatte für einen mit guten Augen tausend feine Runzeln, für
einen mit schlechten -- gar keine. Das Näschen saß bescheidentlich
zwischen den vollen Backen, der kleine Mund war fast viereckig, so daß
sie kein Verstecken spielen konnte mit der einen Zahnlücke zwischen dem
kräftigen Gebiß. An ihrer Schürze hingen ein paar Kinder, vielleicht
auch drei, oder noch mehr, es war gerade nur so regsam lebendig um das
Weib herum.
Gegen ihren Mann einen heftigen Deuter machte sie: »Schwatzen sollst
nit so viel!« Dann trat sie vor und wollte den Frauen bescheidentlich
die Hand küssen.
»Lasset das gut sein, Kürnhofbäuerin,« sagte die Gräfin ernsthaft.
»Jetzt sind wir ärmer als ihr da auf dem hohen Berge. Gott prüft uns
hart. Es wird wohl bald wieder in die Wege kommen und dann soll es
unvergessen sein, daß ihr uns Unterstand und Schutz gegeben habt in
Zeiten der Not.«
»Mein Gott, Euer Gnaden! Aber so was!« entgegnete die Bäuerin, da
kugelten ihr auch schon ein paar Tropfen über die Wangen. »Wir sind
ja der gnädigen Herrschaft Dienersleut'! Zu tausendmal gern, was wir
tun können. Aber geduldig sein heißt's wohl bei uns! Bitt gar schön,
uns es doch nit übel aufmessen, wenn ich was Ungeschicktes mach, oder
wer sonst und wenn wir's halt nit so bieten können, wie's die gnädige
Herrschaft gewohnt ist. Alles ist halt bei uns so viel dreckig.«
Kaum gesagt, war's ihr selber zu Mut: Um ein Wort zu viel geredt hast!
Derweil du dich ~seiner~ schämst, machst du es selber noch dümmer! Und
es ist auch gar nicht wahr. Hast nicht seit einer halben Woche gefegt
und gescheuert, daß dir heut noch der Buckel krumm ist? Zu was denn
sich selber heruntersetzen, wenn's nit wahr ist!
Die Stuben, in welche die Frau Gräfin nun geführt wurde, waren
ja überaus proper. Kein Spinnwebfaden in den Winkeln, kein
Fliegenpünktlein an den Fenstergläsern, und auf den Fußdielen hätte
man Nudelteig walzen können, so blank waren sie gescheuert. In der
Schlafstube stand ein großer Kachelofen, ein Tisch mit Wandbänken und
zwei Stühlen, dann waren zwei Kästen da und zwei hoch aufgedonnerte
Betten mit schneeweißer Wäsche und blauen Steppdecken. Es war eine
hellblickende und frisch tickende Schwarzwälderin da, am Wandröllchen
ein mit roten Streifen gesticktes Abwischtuch, und es waren ein paar
böhmische Glasbilder an der Wand, den heiligen Florian vorstellend
und den heiligen Josef mit dem Kinde. Und am Türpfosten hing ein
grünglasiertes Weihbrunngefäß.
»Euer Gnaden müssen halt schon zufrieden sein mit der Einrichtung,«
sagte die Hausmutter und bei sich dachte sie: Da können sie freilich
leicht zufrieden sein, wenn man ihnen alles Gute und Schöne
zusammenschleppt vom ganzen Haus. Feiner mag sie's wohl haben in ihrem
Gschloß, aber besser nit, selb glaub ich nit.
Als die Gräfin in der Stube allein war, schlug sie die Hände zusammen
und starrte verzweifelt umher. -- »Und da sollen wir wohnen, ich und
mein armes Kind! Wenn alles fehlt, aber gar ~alles~! Der Waschtisch,
die Vorhänge, die Spiegel, die Armleuchter. Und dieser Geruch! wie
morsches Holz! +Oh! ces maudits Français!+«
Dem Riechen nach morschem Holz sollte abgeholfen werden. Der
Kürnhofbauer trat in die Stube, setzte sich an das Fußende des Bettes,
fragte nach diesem und jenem, was es Neues gebe und ob der Franzos auch
Weibsbilder fresse? Dabei begann er sich mit Stahl und Stein Feuer
zu schlagen für eine Pfeife Tabak. Die Dame antwortete rasch, die
österreichische Armee sei im Anmarsch und sie würde doch mit Gottes
Hilfe den Feind bald überwältigen, und sie -- die Gräfin -- wolle jetzt
hinaus in die reine Luft und ein bißchen die Gegend betrachten.
»Ist eh recht!« sagte der Alte, blieb sitzen und rauchte die Stube so
dick mit stinkendem Tabakqualm an, daß die blauen Wolkenstreifen wie
schlangenhafte Ungeheuer langsam umherschwammen im dämmerigen Raum. Die
Hausmutter kam, jagte den Rauch zu den Fenstern hinaus und den Alten
zur Tür.
Die Köchin Stanzi war im Hofe auf Entdeckungsreisen begriffen, sie
mußte die Quellen der Milch, der Eier, der Schinken erforschen. Zwei
Knechte arbeiteten im Wagenschuppen, der Lenz und der Zenz. Der Lenz
hatte ein rauhes braunes Gesicht und einen gelben buschigen Schnurrbart
drin, der wie ein zerfetztes Strohdach den Mund verdeckte. Der Zenz
hatte gar keinen Bart, aber eine aufgestülpte Nase und an der Oberlippe
eine Hasenscharte. Die beiden sahen schmunzelnd dem rundlichen
Weibsbild zu, das planlos umherstrich. Am Hoftor stellte der Zenz sich
eng in den Weg, faßte sie ruhig an der Achsel und sagte lachend: »Gut
ist's. Die ist schön herzunehmen.«
»Weg die Bratzen!« gab sie zur Antwort, erinnerte sich aber sofort
ihrer vornehmen Stellung und sagte in zierlichem Schuldeutsch: »Das
bitte ich mir sehr aus, meine Herren! Sie dürfen ja nicht glauben,
wissen's! Mir gfallt's überhaupt nicht da ban enk heroben! Da sein ma
die Franzosen noch lieber, de san wenigstens sauber gwachsen!«
Schupfte der Lenz seinen Bartwisch und sagte: »Der Sprach' nach bist
nit weit her. Vom Franzosenland gewiß nit.«
»Aber kriegt hab' ich doch einen!« eiferte die Stanzi. »Ich wollt,
ich wär' unten im Tal. Ich bin mein Lebtag kein sölchener Traumihnit
gewest, wie die dasigen Mannerleut. Vor den Franzosen hab' ich mich
mein Lebtag nit gefürchtet.«
»Gelt, und vor uns wirst dich auch nicht fürchten,« begütigte der Zenz
und legte seinen Arm um ihre Mitte.
Mittlerweile war das junge Fräulein, die Komtesse Augustina, drüben
an der Esche gestanden, versunken im Anschauen der Gegend. Ihr Auge
war ungeübt im Weitschauen, das verstand nicht hinauszufliegen ins
ätherblaue Bergrund, es ging diesen schönen schwarzen Augen wie den
gefangenen Vöglein, wenn sie plötzlich frei werden. Sie wußte kaum, ob
das, was sie sah, Berge oder Wolken waren, und im Tale die Dörfer, wie
tief, wie fern, wie kaum zu erkennen! Heftig mußte sie atmen in der
dünnen kühlen Luft. -- Auf diesen hohen Berg, so dachte sie, kann er
nicht herauf, der schreckliche Feind mit seinen Rössern und Kanonen.
Wenn nur auch Papa da wäre und -- zwei Schwalben schwirrten, einander
munter verfolgend, so nahe an ihr vorüber, daß sie den Wind des
Flügelschlages fühlte an den Wangen. -- Daß es doch so lebendig sein
kann in dieser Einöde. +Et comme ces oiseaux se caressent! Je voudrais
que mon chevalier fût près de moi!+ -- Sie ging langsam zwischen den
Gebäuden des Hofes dahin. An einer offenen Stalltüre stand sie still
und sah, wie drinnen ein junges Dirnlein unter einer Kuh saß und mit
den Fingern Milchstrahlen in einen Zuber leitete. Was ist denn das?
Gott, das ist aber komisch! -- Die Komtesse hatte noch nie eine Kuh
melken gesehen. Sie errötete und eilte weiter.
In der Werkzeughütte auf einer Schnitzbank ritt ein junger Bursche
und schnitt mit dem Reifmesser einen Spatenstiel zurecht. Er war in
Hemdärmeln, hatte einen glatten strammen Nacken, und ein schönes falbes
Flockenhaar. Das Gesicht sah sie nicht. Die Hobelspäne haben einen so
merkwürdig feinen Geruch, sie blieb stehen.
»So! gut ist's, mein lieber Haustiel!« sagte der Bursche zu seinem
Werke und wog es in den Händen, ob sich das Ding auch gut wird halten
lassen. »Jetzt bist fertig, jetzt kannst heiraten.« Er steckte den
Stiel an eine eiserne Haue und die junge Gräfin mußte hellauf lachen,
daß dieser Mensch mit einem Stück Holz plauderte. Er wandte sich um,
stand auf und sagte artig: »So sauber, jetzt werd' ich ausgelacht.«
»Nein, das nicht,« entgegnete sie rasch, »es ist nur so lustig, wie die
Schwalben tanzen.«
»Ja, die haben freilich leicht tanzen, weil sie ihre eigenen Spielleut
sind,« lachte der Bursche. Dann trat er ihr näher: »Ich glaube gar, das
Töchterl von der gnädigen Herrschaft!«
Und sie dachte: Ein hübscher Junge ist's! Nur die Stirnknochen sind zu
groß und den Schnurrbart hat der über den Augen. Sind aber auch die
danach! +Les beaux yeux des hommes tournent la tête aux dames.+
»Sie bereiten sich da gewiß eine Waffe gegen den Feind!« sagte hernach
die Komtesse, weil jetzt doch unweigerlich etwas gesagt werden mußte.
»Waffe? Ich?« fragte der junge Mann. »Aber schon gar nit, Mädel. Die
Haue habe ich mir angeschaftet, zum Erdäpfel ausgraben.«
»Sie sind doch ein gesunder Mensch?« sagte das Fräulein und wollte
schon die Frage tun, warum er nicht bei den Soldaten sei in solcher
Zeit. Als ob es der Bursch erraten hätte, entgegnete er: »Es muß halt
zum Hauswachten auch wer da sein. Haben eh schon in voriger Woche hinab
wollen, ich und der Lenz und der Zenz, da hat der Vater gesagt: Wenn
die Herrschaft kommt, da heißt's daheim bleiben. Auf ja und nein können
ihrer ein Schippel da sein, wer hätt' die Verantwortung!«
»Also unsertwegen sind Sie zu Hause geblieben?«
»Jawohl, Dirndel!« rief er und faßte sie an beiden Händen. »Wir wollen
miteinander Erdäpfel graben, gelt, hopsa!« Er schob sie in der Runde
um sich. Dem Fräulein kam das schrecklich unpassend vor, aber ganz
lustig. +Moins une chose est convenable plus nous la goûtons+, sagt der
Franzose.
Nun wurde von einem Hirten die Herde zum Brunnen geleitet. Die vordere
Kuh hielt ihre große Schnauze in den Trog und schlürfte mit Behagen das
Wasser ein, daß die Bauchteile auf und nieder wogten. Rückwärts drängte
ein grauer Stier, den dürstete auch, und vor Ungeduld hieb er sich mit
dem buschigen Schweif mehrmals über den Rücken. Weil die Kuh nicht
fertig werden wollte, so sprang er mit den Vorderfüßen an sie hinauf.
»Aber sehen Sie doch!« rief die Komtesse erschrocken, »wie eine Kuh auf
die andere springt!«
»Das eine ist ja keine Kuh!« lachte der Bursch.
»Robert!« schmetterte die Hausmutter von der Türe her.
* * * * *
Daß die Morgensonne auch wagrecht ins Zimmer scheinen kann, das hatten
die beiden Damen bisher kaum je einmal gesehen. Heute sahen sie's, die
Sonne schien so zum Fenster herein, daß ihre Lichttafel schier oben
an der Decke war. Über fernsten Bergen war sie heraufgekommen, ein
glühendes Rad und draußen sangen die Finken, die Schwalben, die Amseln,
die Lerchen. In einen Pelzmantel gehüllt eilte die Gräfin ins Freie, um
zu sehen, ob im Tale irgendeine Spur der feindlichen Stellungen gesehen
werden konnte. Im Tale lag ein weißer See, der erst am hohen Vormittag
in leichten Wirbeln emporstieg, in dünnen Schleiern sich löste. Dann
lag das Tal da, wie es gestern gelegen, nur daß zu dieser Tageszeit
die Kirchtürme und Burgen im Lichte standen. Aber die Kronburg konnte
man nicht sehen vom Kürnhofe aus.
Die alte Gräfin setzte sich zum Hausvater, der auf einem Stuhle ritt,
der Stuhl hatte ein Amboßlein aus Stahl und darauf dängelte er eine
Sense. Sie saß da, weil sie gerne mit dem Alten etwas gesprochen hätte,
aber bei den gellenden Schlägen war ein Plaudern nicht möglich. -- Sie
schaute viel umher, beobachtete allerlei und wurde immer mißmutiger.
+Fi donc!+ Alles rings herum auf diesem Berge, die Gebräuche, die
Menschen, die Tiere -- alles so unsittlich!
»Ich weiß nicht, wie ich sagen soll, Kürnhofbauer. Meine Tochter hat
eine sehr sorgfältige Erziehung genossen ...«
»Eh recht,« sagte der Bauer und dängelte: däng, däng, däng.
»+En effet, oui+, wie unseren Augapfel haben wir sie bewacht ...«
»Wird eh so sein.« Däng, däng, däng.
»+Le barbare ne comprend pas!+ Eure Tochter -- mit der mein teures Kind
umgehen soll -- sie ist wohl ganz unschuldig noch? Ich meine ...«
»Die Hilderl? Meine Hilderl?« fragte der Alte und ließ den Hammer auf
dem Amboß ruhen. »Unschuldig? Ich denk' wohl, Euer Gnaden. Aber wissen
wird sie's schon, daß sie ein Weibsbild ist.« Däng, däng, däng.
»-- -- -- Mir ist das durchaus nicht gleichgültig, Kürnhofer. Mein Kind
ist kaum siebzehn. Vollkommen uneingeweiht in gewisser Beziehung ...«
»Euer Gnaden,« sagte der Bauer. »Wird eh sein, wird eh sein, aber --
den Mentscherln darf man nit trauen. Kleines Engerl, großes Luderl.«
Däng, däng, däng.
Die Gräfin ging mit einem Seufzer von dannen. Sie suchte die Komtesse
und fand die Köchin Stanzi, welche hastig von der Scheune herkam und
mit Neuigkeiten beladen war. »Im Haferstroh! Im Haferstroh!« rief
sie fast außer Atem, »habe ich Eier gefunden, frische Eier, und die
Franzosen, hat der Zenz gesagt, sind schon in Almstein!«
»Wo ist die Komtesse?«
»Im Heu oder beim Vieh. -- Im Haferstroh, sagt der Zenz, kunnt man
ihrer alle Tag' finden.«
»Laß jetzt die Eier und bringe mir mein Kind!«
Komtesse Augustina hatte eine Genossin gefunden. Das Mädchen, welches
gestern unter der Kuh gesessen, schüttelte auf der Matte mit einer
langen Gabel die Heuschichten auseinander, das Schloßfräulein half
munter dabei mit.
Als auf der Matte das Heu flach gelegt war, daß es die Sonne trocknen
und dörren konnte, sprach die Haustochter Hilda zu ihrer neuen
Gefährtin: »So, das letzte Haufel schütteln wir nit auseinander, da
setzen wir uns drauf und wollen rasten und Milch trinken.« Sie nahm den
Plutzer vor.
»Ist das dieselbe Milch, welche --« Das Fräulein zuckte ab und begann
zu kichern. Dann zog es ein elegantes Handspiegelchen hervor, beguckte
sich drin und tastete mit den weißen Fingern an dem über der Stirn hoch
aufgelockerten Haar herum. »Wollen Sie auch hineingucken?« fragte sie
das Dirndel.
»Dank schön. Ich hab' einen viel größeren.«
»O, den haben wir auch!« sprach mit einiger Ernsthaftigkeit die
Komtesse. »In unserem Speisesaal auf Kronburg hängt einer, der ist so
groß, wie euer ganzes Hausdach.«
»Ein Spiegel?«
»Ein Spiegel!« wiederholte das Fräulein stolz.
»Da hab' ich einen noch viel größeren,« sagte die Hilda. »Ja, ja, ganz
im Ernst! Werd ihn schon einmal herzeigen, wenn ich gut aufgelegt bin.«
»Gut aufgelegt! Sie sind wohl immer lustig, nicht wahr?«
»Ja, wenn ich nit bös bin. Wenn ich bös bin, da bin ich nit gut!«
lachte die Hilda.
»Lustige Leute liebe ich!« gestand die Komtesse.
»Weißt was,« sagte das Bauerndirndel, und legte den Arm um ihren
Nacken, »tun wir lieber Du sein miteinander.« Dabei schaute sie aus
ihrem frischen Rundgesicht mit den kleinen Grauaugen schalkhaft auf
die Komtesse. Die war zu allem aufgelegt, wendete aber immer das
Köpfel einmal zur Rechten, einmal zur Linken hin, ob wohl Mama nicht
in der Nähe sei. Aus dem Plutzerkragen Milch trinken, das machte ihr
Spaß, obschon sie sich das erstemal, zu rasch übergestülpt, die Milch
aufs Busentuch geschüttet hatte. Die Hilda hatte aus der Kitteltasche
Nähzeug geholt und tat jetzt mit einem weißgegerbten Fellchen um.
»Was hast du denn da?« fragte die Komtesse.
»Das ist ein Katzenbalg. Weißt, davon kriegt er einen Tabaksbeutel,
wenn er heimkommt und brav Franzosen derschlagen hat.«
»Aber wie du sprichst!« sagte die Komtesse. »Wer denn?«