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Anmerkungen zur Transkription.
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des
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Geschichten
aus Steiermark
Von
Peter Rosegger
Elftes bis fünfzehntes Tausend
[Illustration]
1923
L. Staackmann Verlag Leipzig
Alle Rechte vorbehalten
Druck von C. Grumbach in Leipzig.
Inhalt.
Seite
Das Felsenbildnis 5
Föhn 26
Franzosenrummel 38
Sechsunddreißig junge Nonnen 74
Als Hans der Grete schrieb 85
Sie konnten zusammen nicht kommen 97
Nussenspielen 108
Susanna, nit wana! 119
Das geheimnisvolle Bildnis 135
Sein Geld will er haben 144
Die guldene Grete 162
Die Brücke 184
Die höllische Lieb' natürlich! 193
Die Rache der Knechtin 206
Das Christkind von Scharau 239
Die Brüder Stadlhofer 250
Der Bahnwächter 265
Die schlaue Almerin 273
Die heilige Katharina 280
Die grüne Rose 290
Die Blumenmutter 298
Laurentl, der um Rat fragt 326
Ein Kind Gottes 345
Dorfbilder:
Almleute 359
Der Sonntagsbauer 364
Der Sim-Sampel 371
Schalkhafte Bettelleute 374
Das Felsenbildnis.
1872.
In einem kleinen Tale der verlorenen Alpenwildnis stand eine einzige
Hütte. Die Hochwaldbäume, aus denen die Hütte gezimmert war, trugen
zum Teil noch ihre Rinden, unter denen behende Käfer und nagende
Würmchen hausten. Aber das Holz war hart geworden; länger als
vierhundert Jahre war es her, daß dieser Hütte Gezimmer emporgesprossen
als junger, grünender, säuselnder, wohldufthauchender Wald. Das
flache, steinbeschwerte Dach war vermoost, es wuchs ein hellgrüner
Filz darüber, es wuchs Wildfarn darauf und dort und da guckte ein
Tannenwipfelchen hervor, das als beflügelt Samenkörnchen auf das Dach
gehüpft war. Das wollte hier auf dem Dache verbleiben und gegen Himmel
wachsen zu einem großen Baum.
Das Wild- und Waldleben hatte wieder Besitz genommen von dem
Menschenbaue und flocht und wob ihn ein und zog ihn wieder sanft zurück
in den Schoß der Natur.
Das Kostbarste an der Hütte waren die Glasscheiben an den kleinen
Fenstern. Aber diese Scheiben waren altersgrau und schon erblindet; und
längst vergangene Bewohner des Häuschens hatten etwa mit einem scharfen
Nagel Kreuze oder Herzen in die Scheiben eingegraben, auf daß sie auch
ein Denkmal hinterließen an dieser Stätte, die sie lebelang ihr Daheim
genannt.
Über der sehr niedrigen Tür an der Wand war mit einer Kohle in einem
dreieckigen Umriß das Auge Gottes gezeichnet. Dem lieben Herrgott war
die ganze Sach' anheimgestellt.
Felsmassen schlossen die Hütte ein. Seit die Welt steht, war kein
Sonnenblick gefallen in dieses Tal, und wie der Morgen und der Abend
auch glühen mochten oben an den Zinnen und Alpenhörnern, die Sonne
selbst war in dieser Tiefe nicht zu sehen.
Hier lebten und starben Leute, die außer dem Lichte an den Felstafeln
all ihrer Tage keinen Sonnenstrahl gesehen hatten.
Einst standen sechs Hütten in der Talschlucht. Sie waren da seit
undenklichen Tagen, die Menschen wußten ihr Beginnen nicht. Die
Bewohner dieser Hütten nährten sich durch einige Äckerlein, die von
den Vorfahren oben zwischen den Felsblöcken und Schuttriesen waren
ausgereutet worden, und sie nährten sich von den Ziegen, die auf den
Matten des kleinen Tales Futter fanden.
Ihrer Tage mochten unzählige gewesen sein, aber sie vergingen und es
kamen andere.
Da war -- so haben die ältesten Leute des Alpentales erzählt -- ein
weißlockiger Kräuterer niedergestiegen von Gestein zu Gestein bis
in das schattige Tal. Die weißen Haare dieses Mannes waren so lang
gewesen, daß sie weit hinter ihm nachgewallt über Wände und Riffe.
Unten bei den Hütten hatte der Greis um Nachtherberge gebeten, aber
die Leute hatten ihn ausgelacht und gespottet: »Geh, du alter Eisbär,
wickle dich in deine Haare ein, so hast du Dach und Fach genug!« --
Darauf hatte der Kräuterer nichts entgegnet, war wieder aufwärts
gestiegen von Gestein zu Gestein. Aber er war kein Kräuterer, er war
ein Berggeist gewesen, der die Menschen hatte prüfen wollen, und als
darauf die Nacht gekommen war, da ist er wieder herabgefahren gegen
das Tal und seine langen Haare haben Felsen gesprengt, haben Schründe
gerissen im Gebirg -- und Eis- und Schneelawinen sind niedergebrandet,
und alle Wände ringsum haben gellend laut gelacht, und der größte Teil
ist verschüttet worden mitsamt Hütten und Bewohnern. -- Und wie die
übermütigen Leute zuerst den Berggeist lachend verhöhnt haben, so hat
der Berggeist zuletzt sie allesamt ausgelacht. -- So die Sage.
Eine wilde Naturrevolution muß wohl gewesen sein; ein graues Sandmeer
lag nun im Tale, durch das hin wälzte sich der Gletscherbach, breit
und zerrissen, und schwemmte nach allen Seiten hinaus. Heute ging da
sein Bett, morgen dort, das ganze früher grünende Tal gehörte dem
Wildbach. Auf den Vorhügeln, wohl auch einst aus Schutt aufgebaut,
blühten freilich noch die Eriken und wucherte das Gesträuch des
Wacholders und der Alpenkiefer, aber mitten hinein hatte der Berggeist
Felsstücke geschleudert, über die nun die Flechten woben und Eidechsen
glitten. Von den schwindelnden Wänden nieder gingen weiße Sandströme
und graue Schutthalden, in denen es allfort leise rieselte und
rieselte. Wie viele tausend Jahre, bis das ganze, gewaltige Hochgefelse
niedergerieselt sein wird in die Tiefen! Allein, wer rechnet hier mit
Jahrtausenden, wenn sich die ungeheure Burg der Alpen nachbaut herauf
aus dem Urgrunde der Erde!
Zwischen den Schutthalden zog sich wohl hie und da ein Streifen
Erdgelände hinan, auf dem Sträucher und verknorrte Fichten und Lärchen
mühsam fußten. Und am unteren Ende einer solchen Wildwachszunge, die
einige kleine Wiesenhänge wahrte, nicht weit von dem Talsande des
Wildbaches, duckte sich das alte, moosbewachsene Häuschen. Das allein
war übriggeblieben von der Hüttengemeinde im Felsentale, und das war
die einzige und letzte Menschenwohnung weit und breit. Vom Gewände
herab lag und sickerte einer der breiten, schweren Schuttströme; er
würde längst niedergetost sein auf das arme Häuschen, wenn er nicht
ziemlich hoch über demselben von einem Felshorn aufgehalten und nach
links und rechts seitwärts geleitet worden wäre, so daß auf dem Hange
unter dem Felshorn das Wildgesträuche wuchern und die Hütte stehen
konnte. Diese Lehne war wie eine grüne Insel mitten in dem Steinstrome
des Gerölles, und das Felshorn darüber war der Hort.
In der Hütte wohnten vier Menschen, das waren der Schründenhans, dem
die Hütte gehörte, sein Weib, sein Kind und sein Bruder.
Sein Weib hatte sich der Schründenhans vor wenigen Jahren erst vom
Waldgelände hereingeholt. Dort war es eine Holzbrennersdirn gewesen,
deren Mutter eines Tages in die Gluten des Meilers gebrochen und
zugrunde gegangen war. Ihr Vater war ein Wilderer gewesen, aber
alljährlich kaum mehr als ein einziges Reh hatte er sich angeeignet von
den Hunderten, die im Walde mit ihm lebten, auf daß er und sein Weib
und sein Kind das gut' Stücklein Fleisch nicht ganz entbehren mußten.
Aber ein Wilderer war er dennoch, und einmal in der Mondnacht geriet
er mit den Jägern zusammen. Sie fielen über den Holzbrenner her, es
entbrannte ein wildes Ringen, und zuletzt warfen sie ihn die Felswand
hinab, daß der Stürzende den Wipfel eines Baumes knickte, der unten in
der Tiefe stand. Keinen Atemzug hat der Holzbrenner mehr getan. Der
Mond ging nieder und die Sonne ging auf, und das Mädchen daheim sah
allfort zum Fenster hinaus und wartete auf den Vater.
Da ging langsamen Schrittes der Schründenhans vorbei, der wußte von dem
Ereignis und sollte der Waise die Nachricht überbringen.
Aus dem Meiler zuckte ein blaues Flämmchen heraus. »Verlisch es nicht,
Hilda,« sagte der Hans, »es brennt auf der Welt sonst kein Licht für
ihn.«
Hilda hat das Wort verstanden, hat nicht mehr nach dem Vater
ausgesehen, hat sich verschlossen im Holzbrennerhause.
Nach Tagen kam der Hans wieder und sagte: »Hilda, ich habe mir gedacht,
da du jetzo keinen Vater mehr hast, so sollst du einen Mann haben.«
Und nicht lange hernach zog Hilda mit Hans in sein Haus unter den
Wänden. Ein Jahr hierauf hatte Hilda ihrem Manne einen Knaben geboren,
der zur Zeit dieser Geschichte seine Nahrung noch an der Mutterbrust
genoß.
Der vierte Hüttenbewohner nun war Hansens Bruder, der Jok. Der Jok war
ein armer Mensch. Er wußte es aber nicht, wie sehr arm er war, er war
blödsinnig. Er war ein Krüppel mit kurzem Halse und sehr langen Händen.
Er war schon über die zwanzig Jahre alt und konnte noch nicht reden.
Seine Stimme war wie ein Stöhnen und Röcheln. Das einzige Wort »Hans«
konnte er halbverständlich sagen. Mit seinem Bruder war er seit seinem
ersten Lebenstage beisammen gewesen in der Hütte ihres Vaters. Mit
seinem Bruder hatte er die ersten Forellen aus dem Wildbache gefischt;
mit seinem Bruder hatte er die letzte Träne der in Armut und Kümmernis
sterbenden Mutter gesehen und die Segensworte des verscheidenden Vaters
gehört. Diesen Bruder, der nun sein Alles und Einziges war, mußte der
Jok unsagbar liebhaben, ihm nahm er im Tagwerke die schwersten Arbeiten
unter der Hand weg; ihm schob er beim kaum erklecklichen Mahle, das sie
gleich auf dem Lehmgrunde des Herdes zu sich nahmen, die besten Bissen
zu. Und als der Hans das Weibchen ins Haus brachte, lächelte der Jok
glückselig, und als der Jok das neugeborne Knäblein sah, da stöhnte er
vor Freude und haschte gleich mit beiden Händen nach dem kleinwinzigen
Wesen.
Das Aufrechtgehen auf zwei Füßen hatte der Jok auch nicht gelernt,
aber gern und behendig kletterte er mit allen vieren wie die Ziegen
und Gemsen. Ein Jägersmann verglich ihn einmal scherzhaft mit einem
Ziegenbock. Darüber grinste der Jok freundlich; er hielt den Spott für
eine Schmeichelei, denn mit den Tieren hielt er's immer gern. Aber dem
Schründenhans tat der Schimpf weh, dem zuckte sein Herz und sein Auge
und seine Faust: »Du Jäger, wen geht das Elend meines Bruders was an?«
Der Jägersmann schlich von dannen und brummte: »So Leut' verstehen
keinen Spaß.«
Wenn Gottes Sonntag war und die Beile der Holzhauer ruhten, ging der
Schründenhans mit seinem Weibe hinaus gegen das ferne Walddorf, wo
die Kirche stand. Zuweilen redeten sie gern ein wenig mit dem lieben
Herrgott. »Vater unser,« sagte der Hans, und legte seine rauhen,
waldharzigen Hände innig zusammen, »nicht meinetwegen red' ich, aber
unser Bübel laß aufwachsen frisch und gesund.«
Aber die Hilda wendete sich zum Frauenaltar: »Gegrüßt seist du,
Maria, und ein warm Pelzl für den heurigen Winter tät mein Bübel wohl
brauchen!«
Der Jok aber ging nie hinaus in das Walddorf; er hütete daheim stets
das Haus und die Ziegen und kletterte an den Hängen hin auf allen
vieren und pfiff wie die Gemse und bellte wie das Reh.
Von all den Bewohnern der wilden Öde war es seit jeher keinem bewußt
geworden, daß sie lebten mitten in der Größe und Herrlichkeit der Natur
und daß um sie eine Gottheit in der Schöpfungswerkstatt ewig meißelte.
Sie hatten kein Auge für die Erhabenheit ringsum. Nur zu dem Felshorn,
das dem Schuttstrom wehrte, blickten die armen Leute zuweilen auf,
aber auch nicht, weil dieser Turm als Wall ihr Beschützer war, sondern
einer anderen Ursache wegen. Das Felshorn stellte nämlich in seiner
Auszackung und Durchfurchung ein riesiges Bildnis vor, eine sitzende
Frauengestalt mit einem Kinde auf dem Schoße.
»Da ist unsere liebe Frau mit dem Christkinde herausgewachsen aus der
Erden,« so lautete der alte Glauben der Bewohner des Felstales, den
auch der Schründenhans in seinem Herzen pflegte.
Und wahrlich, allzu große Einbildungskraft gehörte nicht dazu, der
Felsturm war die Himmelskönigin mit dem Zepter und der zackigen Krone;
von der Tiefe aus gesehen, saß sie auf dem Throne und hielt das Kind.
Das Bild war etwas vorgebeugt und blickte gerade hinab in die
Talschlucht. Das Bild war den Bewohnern der Hütte der Hausaltar, zu dem
sie gerne beteten. Die Leutchen konnten nicht daran denken, daß die
sonderbare Felsstatue vielleicht Jahrtausende vor der Erwartung des
Erlösers und der Geburt Mariens hier oben in den Stürmen der Urzeit
gestanden haben mochte.
Nun aber war an dem Felsenbilde noch eine andere Merkwürdigkeit. Zur
frühen Morgenstunde, wenn es oben in den hohen Wänden graute und sich
die Tafeln sanft zu röten begannen, klang von dem Marienbilde ein Ton
herab, wie das ferne Läuten einer Glocke. »Die Himmelschöre singen
unserer lieben Frau den englischen Gruß,« sagten da die Hüttenbewohner
und erhoben sich von ihrem Lager und beteten.
Der Ton kam von einer Spalte, die zwischen dem Throne und dem
Marienbilde klaffte und durch die der Morgenwind blies. Das war nicht
seit ewigen Zeiten so, erst seitdem die Hütten waren zugrunde gegangen
im Felsentale, sangen die Chöre.
Da kam nun ein Sommer und ein Herbst, in welchem das liebliche Klingen
dieser Aveglocke in ein tiefes Dröhnen und in ein klägliches Stöhnen
übergegangen war.
»Hans,« sagte da die Hilda einmal, »die Engel läuten nimmer. Was ist
unserer lieben Frau angetan, daß sie so bitterlich tut weinen?«
»Wohl, das hab' ich auch schon bedacht,« antwortete der Hans, »ich hab'
herumgesucht in meinem Gewissen, bin wohl sündig, aber dasselb' deucht
mich doch, schlechter bin ich nicht, wie eh' vor Zeit. Leicht hab' ich
mein Bübel zu gern und tu' es in allzu großer Lieb' verderben.«
»Etwa ist es meines Vaters arme Seelen, die so tut weinen,« meinte das
Weib, »ich will neun Tag' fasten und das Essen der blinden Bachwabi
hinausschicken in das Waldland.«
Sie tat das Buß- und Liebeswerk, auf daß ihr ermordeter Vater erlöst
sein sollte, aber das Marienbild oben weinte und weinte.
Da sagte die Hilda einmal, am Ende sei gar die Zeit nahe, in welcher
nach Prophezeiung der Vorfahren der Drache wieder hervorbreche, der in
irgendeiner Höhle der Felsen lauere.
An das dachte der Hans nicht, obwohl der klägliche Ton von dem Bilde,
der zur Morgenfrühe und gar zuweilen auch mitten in der Nacht zu hören
war, ihm Besorgnis verursachte. Oft, wenn er nach der Tageslast im
Schlummer ruhte oder ein Bild aus Kindeszeiten träumte, erwachte er
plötzlich und hörte das schauerliche Weinen.
Und eines Tages, da stieg der Hans die Halde entlang und kletterte
hinan bis zu dem Felshorn und an ihm empor, so weit es ging, und prüfte
das Gestein. Die Hilda stand vor der Hütte, hielt die flache Hand über
die Augen und blickte hinauf. Wie wenn über den Arm der Mutter Gottes
und auf dem Haupte des Jesukindes eine Fliege hinkrabbelte, so war von
dieser Ferne ihr Mann zu sehen.
Als der Hans dann wieder herabkam zur Hütte, war er sehr schweigsam.
Er setzte sich zur Wiege seines Kindes und wiegte. Er sagte dabei kein
liebkosend Wort wie sonst; er sang kein Liedl. Still und wehmütig
blickte er den lächelnden Kleinen an. Der Jok grinste zum Fenster
herein und kicherte und tat unverständliche Laute. Der Hans glaubte,
ihn zu verstehen und reichte ihm ein Stück Brot durch das Fenster.
Aber nicht Brot wollte der Jok, viel lieber an der Wiege wollte er
sein; allweg wollte er das Büblein tragen und herzen.
Das Weib saß am Herdwinkel und sonderte in Körben die gesammelten Pilze
und Kräuter, die für den Winter bereitet waren.
Als sie lange so still gesessen waren, sagte der Hans halblaut: »Da
oben schaut's nicht gut aus. Mein Großvater hat oft erzählt, er hätte
nicht einmal seine flache Hand in die Felsspalte legen können. Mein
Vater hat schon leicht die Faust hindurchgebracht, und jetzt --« der
Mann brach ab, das Weib ließ die Hände in den Schoß sinken und blickte
ihn fragend an.
»Jetzt,« fuhr er endlich fort, »das muß schon ein flinkes Gemsl sein,
will es die Spalte übersetzen.«
Die Hilda war bei diesen Worten rasch aufgestanden und zur Türe
hinausgegangen. Bald kam sie zurück und setzte sich schweigend an die
Arbeit.
Es kam der Herbst. Stetig rieselte der Bach hin über die Sandfläche;
er hatte hier stellenweise Schluchten gerissen, Felsblöcke
angeschwemmt, als wollte er ein neues Gebirge gründen im Tale. Im
Sande funkelten hier und da winzige Sternchen, als hätten treue Körner
die Sonnenstrahlen von den lichten Höhen mit herniedergebracht in
die ewigen Schatten. Ein Wassersturz rauschte in einer der hinteren
Schluchten. Der Jok stand zuweilen am Bache und sah hinein und wunderte
sich vielleicht, daß ewig das alte Wasser und doch ewig ein neues ist
-- und wo es denn herkommt und wo es denn hingeht? Er lachte die Wellen
aus. Dann legte er sich auf den Sand und starrte schnurgerade in den
blauen Himmel hinein, so viel er davon zwischen den Bergwänden sehen
konnte. Dann lachte er wieder. Sagte die Hilda einmal: »Der Narr lacht
und weiß es nicht, warum.«
»Wenn er nur lacht,« antwortete der Hans, »der gescheiteste Mensch auf
der Welt kann nichts Besseres tun, als lachen.«
Freilich, der Hans selber lachte jetzt selten.
Es kam der Winter. Oben in den Felskanten und durch die Schluchten her
brausten die Stürme. Es toste und wogte und stöberte in den Lüften, und
die grauen Felswände ragten in den Nebel hinein. Es sauste der Wind um
die Ecken der Hütte und er winselte an den Fenstern; aber die Töne des
Marienbildes waren verstummt. Alle Spalten und Schründe waren gefüllt
mit Schnee. Kalte, trockene Luft rieselte nieder von den Mulden der
Wände und mit ihr manches Steinchen, das nicht just festgefroren war.
An den steilsten Sandriesen hielt sich kein Schnee.
In der Hütte war Dämmerung und die längste Zeit Nacht. Das Herdfeuer
knisterte, die Spanlunte im Eisenhaken flackerte und wollte nimmer
ruhig brennen. Warm und trotz aller Einsamkeit traulich war es in dem
Stübchen. Die Hilda pflegte ihr Kind; sie sagte ihm Worte von dem
Vater, der für sie im Waldlande arbeite und allfort sein Kindlein
liebe. Sie sagte dem Kleinen Worte von Gott Vater, der im Himmel lebe
und seine Englein sende, daß sie den Vater auf Erden beschützten.
Da lächelte das Kind zu den Worten, und schloß es die Augen, so sah es
selbst den Himmel und Gott Vater darin, und die Englein flogen an den
lichten Felswänden hin und her.
Der Mannbruder pflegte stets die Ziegen und erzählte ihnen in seiner
Weise seine Freude und sein Leid, wie er's empfinden konnte. Die Ziegen
nahmen teil an allem und gaukelten ihm mit ihren Hörnern vor und
beleckten seinen Hals. Das tat dem Burschen wohl.
Der Hans war im Tagelohn und half Holz schlagen draußen in den
Herrschaftswäldern. Er wollte am liebsten Tag und Nacht arbeiten und
immer ein doppeltes Tagewerk machen; er wollte sich ein Häuschen
erwirtschaften im Walddorfe, wo kein grauenhaftes Felsgebilde drohend
schwebe über dem Scheitel seiner Familie.
Wie karg ist der Tagelohn im Walde, und jede Woche nur einen einzigen
Stein, nur einen einzigen Baum zum neuen Heim konnte sich der Hans
erwerben. Am Sonnabend, wenn er sich durch die Eisschluchten und
Schneewechten seinem Felsentale zukämpfte, tat er immer einen scheuen
Blick hinauf zum Frauenbilde am Hang über seinem Hause. Freilich war es
da häufig schon dunkle Nacht und er konnte es da nicht sehen, wie sich
»Unsere liebe Frauen« immer mehr und mehr von ihrem Throne nach vorn
neigte.
»Es ist zum Erbarmen, Hilda, wie du die ganze Woche in der Einschicht
bist,« sagte der Hans einmal.
»In der Einschicht bin ich nicht,« sprach das Weib, »ich hab' das Kind
und der Jok tut uns hüten. Gib du nur acht im Walde, daß dich kein Baum
mag letzen, und die Stege sind auch vermorscht, gehst du aus und ein
in den Schluchten.«
»Warte nur, Hilda, zur Auswärtszeit (im Frühling) übers Jahr heb' ich
an mit dem Hausbau; hernach leben wir draußen im Dorf bei den Leuten.«
Als ob er's verstanden hätte, so jauchzte jetzt der Kleine und zappelte
mit den Füßchen. Gar dem Weibe selbst zitterte das Herz; so klagend,
sehnend, so eigen waren die Worte gesprochen -- -- -- und leben bei den
Leuten!
Es kam der Frühling. Wochenlang blies der Föhn und von den
Bergschluchten hervor kam der »Maibrunn«, wie die Schneewässer des
Frühjahres geheißen werden. Eine Schneelawine um die andere fuhr nieder
von den Karmulden der Berge und begrub die größten Bäume unter ihrem
Schutt.
Zur selben Zeit verfolgte der blöde Bursche eine Gemse. Sie war
niedergestiegen bis unter das Muttergottesbild und nagte dort an
einigen Fichtenreisern. Dann erhob sie ihren Kopf, daß die krummen,
scharfen Hörnchen gar nach rückwärts standen und lugte herab auf das
Hüttendach, unter welchem sie die Ziegen meckern hörte. Es wollte ihr
schier einsam werden zwischen den Schneelehnen und Felsen, sie wollte
niedersteigen zu Genossen. Das sah denn der Jok, und rechtschaffen
flink, wie wenn er selbst eine Gemse wäre, kletterte er hinan, um
das Tier heimzuholen. Es war nicht das erste, das er auf diese Weise
lebendig heimgeholt hatte, und die Tiere mochten sich denken, der
Jok da, der ist gut, der gehört mehr zu uns als zu den mörderischen
Geschöpfen, die auf zwei Füßen gehen; der Jok, der tut uns nichts.
Und der Jägersmann hinwiederum durfte dem Jok nichts tun, holte sich
dieser auch manches Stück Wild; denn was man mit den Händen fängt in
der Wildnis, das vermeint Gott dem Erwerber zu eigen.
Heute aber machte das Gemslein, als es den Burschen gewahrte, lange
Füße die Lehne hinan; das Tier gestand es ja zu: der Jok mag ein
ehrlicher Kerl sein, aber es traute jetzt nicht. Spärlich Nahrung haben
sie da unten. Wollte man das Gemsel wirklich für den Ziegenstall oder
vielleicht zu etwas anderem? Wer konnte es wissen!
Das Tier war fort und der Jok stand oben beim Felshorn und starrte
verdrießlich drein. Zuletzt kletterte er auf den Felsen, wie er es
von seinem Bruder einmal gesehen hatte und guckte durch die klaffende
Spalte, in der Schnee und Eis und niedergebrochene Steine lagen. Er
guckte eine lange Weile und legte dabei den Kopf auf die rechte Achsel
und auf die linke und röchelte und ballte die Fäuste zuletzt und war
glührot im Gesicht.
Als er hierauf zurückkam ins Tal, wich er der Schwägerin aus; sie
sollte es nicht merken können in seinen Augen, was er oben gesehen.
Wozu der Schreck und die Angst, wenn die Sache verhütet wird? Er
schlich in den kleinen Bretterschuppen, nahm Scheiter und Balken und
eine schwere Axt, trug sie hinan auf den Hang und schlug die Blöcke
durch Schnee und Gestrüppe in die Erde.
Was mag dem Jok wieder eingefallen sein? dachte das Weib bei sich, aber
sie ließ den Burschen gehen und schaffen. Es wurde Abend, die Ziegen
meckerten im Stalle: wo denn heut' der Jok sei? Gar das Bübl in der
Wiege ließ klug seine Äuglein lugen, wo denn der Jok ist, der sonst
gern daneben sitzt und mit den kurzen dicken Fingern Schattenspiele und
sonst allerhand Schwänke macht, daß es zu lachen ist. Der Jok war oben
am Hang; die Hilda sah ihn nicht in der Dunkelheit, aber sie hörte die
Schläge auf die in den Boden zu treibenden Blöcke. Die Schläge hallten
in den Felsen, und als Hilda rief: »Jok!« so hallte es wieder nur in
den Felsen und das Pochen da oben währte die ganze Nacht.
* * * * *
Wanderer, die in das Walddorf kamen, erzählten, daß draußen in den
weiten Tälern das Getreide schon hoch in Ähren schieße und die
Apfelbäume blühten. Im Hochgebirge aber brausten die fahlgrauen,
reißenden Fluten des Wassers und sie wälzten Eisstücke und Bäume und
Steinblöcke aus den Schluchten. In den Schutthalden war es lebendiger
als je; in die Mulden sickerten immer mehr die Schneefelder der
Kare und Schründe zusammen und Wässer rieselten von allen Hängen
in zitternden Schleierfällen, bis die ungeheuren Schneelasten in
den Mulden ins Schieben und Rutschen kamen und mit einem gewaltigen
Donnern, alles vor sich niederwerfend und mitwälzend, in die Tiefen
fuhren.
Da hielten die Holzschläger draußen im Waldland ein bei ihrer Arbeit
und horchten dem dumpfen Gedonner, das hier und dort durch die
Felsschluchten rollte und an den hohen Wänden widerhallte.
Und an einem milden, leuchtenden Maitag war's. Der Hans hatte am
selbigen Morgen unter vermorschtem Gefälle das erste Vergißmeinnicht
gesehen und es gleich auf seinen spitzigen Hut gesteckt. -- Es
knatterte da, es donnerte dort, aber das Waldland war sicher und die
Vöglein haben nie fröhlicher gesungen als an diesem Maitag. Gegen die
Mittagsstunde hin erhob sich im Gebirge ein Krachen und Dröhnen; von
Karlehnen stürzten Schnee- und Erdlawinen nieder; manche Felszacke
löste sich von ihrem Grund; manches Gemslein wurde begraben in
Schnee und Schutt, und aufgeschreckt von dem wüsten Lärm flatterten
grauschimmernde Habichte und Steinadler durch die Luft und schwammen
dem ruhigeren Waldlande zu. Wie lichtgraue, schmutzige Ströme, sich
untergrabend und überstürzend, in breiten, wogenden Tüchern oder in
schmalen, schlüpfenden Schlangen glitten die Lawinen nieder. Kein
Baumwall hielt sie auf, die hundertjährigen Stämme brachen, ehe die
Lasten noch kamen, bloß von dem Drucke des Sturmhauches; nur an
mächtigen Felsnasen schäumten die Schneewogen empor, daß das ganze Kar
in eine Staubwolke gehüllt wurde; aber weiter unten sammelten sie sich
wieder und fuhren mit eherner Gewalt unter dem Beben der Vesten dem
Abgrunde zu.
Da blieben im Waldlande die Wildbäche aus, aber nur für kurze Zeit,
bald hatten sie die Hochwälle der Lawinen durchbrochen und überflutet
und kamen nun wie Ungeheuer herangewogt mit Schutt und Eisblöcken und
Holzstämmen und Felsmassen.
Die Holzhauer schüttelten ihre Köpfe; das ist ein schlimmer Tag! --
Etwan ist im Felsgebirge der Drache losgeworden!
Der Hans hatte lange ruhsam Scheiter gespalten und sich gedacht: 's ist
eben böse Auswärtszeit, aber übers Jahr heb ich an in Gottes Namen,
und im Dorfe ist keine Gefahr mehr, und bislang wird die liebe Frauen
schon Hüterin sein. Als aber das Getöse ärger wurde, da lehnte er die
Axt aus der Hand und horchte; und endlich, als die Erde zu beben anhub
von den tobenden Gewalten im Gewände, da tat der Hans plötzlich einen
großen Sprung und eilte über Stock und Stein hin gegen sein Felsental.
Schuttwälle und Gießbäche schnitten ihm oft den Weg ab, dann starrte er
zuweilen in die Fluten und vermeinte in den heranwogenden Holzblöcken
Teile von seiner Hütte zu erkennen. Das Donnern auf den Höhen und das
Tosen in den Tiefen wollte ihn betäuben, aber die Hutkrempen tief
über die Ohren gedrückt und mit halb geschlossenen Augen wand er sich
ruhelos weiter bis zu dem schroffen Felsentore, das in sein kleines Tal
mündete. Er bog um die Wand, er sah in den Felskessel -- da wollten
ihm plötzlich seine Füße und sein Atem versagen. Er sah am Hange das
Frauenbild nicht mehr. Eine ungeheure Sandhalde ging nieder von den
höchsten Gewänden und schnurgerade der Stelle des kleinen Hauses zu.
Und das Haus stand nicht mehr da.
Der Hans selbst war ein Steinbild geworden.
Erst nach einer Weile begann es wieder zu zucken und zu zittern
in seiner Brust. Wie verloren wankte er dahin -- er suchte die
zerschmetterten Leiber der Seinen, er suchte die Trümmerstätte seiner
Heimat.
Auf dem Platze, wo das Häuschen gestanden, lag ein Berg aus Schnee und
Schutt still und starr, als ob er in Ewigkeit so dagelegen wäre. Aus
ihm hervor ragte ein Teil des niedergebrochenen, kantigen Felshorns.
Daneben hüpften ein paar Ziegen auf und ab und meckerten. Aber an dem
Schuttberg in der Tiefe nagte schon der Wildbach, und jenseits des
Wildbaches -- der Hans fuhr sich mit beiden Händen über die Augen, er
träumte doch nicht, er stand ja mit Füßen im Gestein -- aber jenseits
des Baches im lockeren Sand stand sein Häuschen.
Da dachte der Hans wohl an keine Gefahr, er setzte über Gefelse, er
sprang durch die Fluten, er stand vor seiner Hütte. Sie war ein wenig
schief und verschoben und einige Balken waren geborsten, aber sonst war
sie unversehrt. Die Tür war offen.
Den Atem an sich haltend, trat der Hans ein. Die Hütte hatte kein Flötz
und keinen Herd und keinen Ofen mehr, nur die in sich zusammengefügte
Zimmerung stand da. Und siehe, an der Wand klebte das Wiegenbettchen,
und darin schlief, sorgsam verhüllt und eingeschichtet, das Kind. Es
erwachte nun vor dem hellen Schrei, den der Mann ausstieß; da faßte der
Hans den Knaben in wildem Ausbruche des Gefühles und preßte ihn derb
an seine Brust; den Gewalten der Elemente entgangen, wäre der Kleine
schier von der Liebe des Vaters erdrückt worden.
Bald aber ließ der Mann das Kind wieder auf das Bett sinken, und sein
Auge starrte, und seine Wangen erblaßten. Dort hinter der Tür, sich
noch fest an einen Balken klammernd, kauerte sein Weib. Hilde war
unversehrt, aber -- leblos.
So hatte es der arme Hans gefunden.
Hierauf kamen die Leute des Waldes zusammen, um das Wunderbare zu
sehen. Jeder gab sein Erachten ab, wie das geschehen sein konnte.
Viele meinten wieder, es sei der Drache endlich losgebrochen aus
seiner Höhle und habe das Unheil angerichtet. Andere glaubten, daß
das Häuschen und das Kind erhalten geblieben, sei ein Mirakel von dem
steinernen Marienbilde, das jetzt im Lawinenschutte begraben lag. Ein
alter Hirte sagte, nach seiner Meinung sei es so geschehen: Von den
hohen Mulden sei eine große Lawine niedergegangen, habe das schon
lockere Felshorn mit sich fortgerissen und sei ihre gerade Straße
weitergefahren. Daraus habe sich nun ein Luftdruck entwickelt, welcher
der Lawine vorausgeströmt sei und das Häuschen durch einen plötzlichen
Ruck an das jenseitige Ufer gesetzt habe. Das Kind sei wahrscheinlich
durch die Wände geschützt gewesen, das Weib an der offenen Tür aber
durch den Luftdruck erstickt worden. Es hätte sich bei Lawinenstürzen
schon mehrmals auf ähnliche Weise zugetragen; der Luftdruck bei großen
Abrutschungen vermöge ja ganze Urwälder vor sich niederzuwerfen und die
größten Bäume und Felsklötze über Abgründe zu schleudern.
Die Leute sagten, es werde schon so gewesen sein und gingen
auseinander.
Der arme Hans blieb bei seinem toten Weibe und bei seinem lebendigen
Kinde in der Hütte. Dann ging er vor die Tür hinaus und rief nach dem
Jok. Die Ziegen kamen herbei und blickten ihn mit ihren eckigen Augen
an: sie wüßten auch nicht, wo der Jok war.
Wenn der Knabe schlief, saß der Hans still und einsam in der Hütte. Die
erblindeten Glastafeln an den Fenstern waren nicht zerbrochen; der Hans
betrachtete die dürftigen Zeichen der Vorfahren. Kreuze und Herzen ins
Glas geritzt, solches Erbe haben sie allen Nachkommen im Felsentale
hinterlassen.
Nach zwei Tagen kamen die Leute des Waldes wieder zusammen und trugen
das Weib des Holzers fort aus dem Hause unter den Wänden und hinaus
durch die Felsschluchten auf den kleinen Gottesacker des Walddorfes.
Hans stieg hierauf tagelang in dem Felsentale umher und suchte seinen
Bruder. Er fand ihn nicht. Da schloß er sich einzig und ganz an seinen
Knaben. Im Waldlande, in der Nähe der Holzgeschläge, wo der Hans
arbeitete, haben sie sich aus dicken Baumrinden eine Klause gebaut.
In dem unwirtlichen Felsentale hatten sie nichts mehr zu suchen.
Drei Jahre nach dem Naturereignisse, im Hochsommer, verschmolzen und
verschwemmten die letzten Reste der niedergestürzten Schneelawine und
da fanden sich neben dem zackigen Felshorn im Schutt halb begraben die
Gebeine des armen Jok. Neben ihm lag noch die Axt und ein zugespitztes
Scheit und der Block, mit dem er in den letzten Tagen vor dem Unglücke
an dem Hang Pfähle in den Boden getrieben hatte. Die treue Seele hatte
das drohende Unheil geahnt und wollte durch solche Schutzpfähle das
Haus des Bruders noch retten. Da sind die Wuchten, die keine Lieb'
erkennen, über das Bruderherz hingefahren.
Im Felsentale wächst heute kein Hälmlein mehr -- alles Schutt und
Gestein. Von dem letzten und einzigen Hause haben tosende Gießströme
längst die letzten Reste davongeschwemmt und an den Hochmulden steigen
immer tiefer und tiefer die Gletscher nieder.
So sind aus diesen verlorenen Gründen die Menschen verdrängt worden.
Im Waldland draußen lebt heute noch der Hans als alter Mann. Er lebt
still in sich und ist ergeben; nur im Frühjahre, wenn im Hochgebirge
die Lawinen stürzen, hebt er an zu zittern und umfaßt seinen Sohn mit
beiden Händen.
Sein Sohn, nun, das ist ein hübscher kräftiger Bursche geworden; vom
frühen Morgen bis in die späte Nacht arbeitet er im Walde. Aber der
Hausbau im Dorfe ist heute noch nicht begonnen. In der Dürftigkeit
muß auch der junge Holzer sein Leben verbringen, darf vielleicht gar
sein Herzenslieb nicht freien, weil er kein Daheim hat. Wen soll er
darob anklagen? Etwa die hohen Berge? Er ging einmal von ihnen fort
ins Flachland hinaus, aber die bösen, die lieben Berge, sie zogen ihn
zurück und grüßten ihn wieder mit ihrer Mühsal und Gefahr.
Föhn.
»Wer ohne Christus zur Kommunion geht, der kommt ohne Christus zurück.«
-- Diese Worte schrieb jener fremde Mann dem kleinen Lenzerl ins
Gebetbuch, an dem Morgen, als der Knabe zur ersten Kommunion ging. Der
Vater ließ sich den Spruch zweimal vorlesen, und dann noch einmal und
hernach zeigte er ihn dem Bruder Franz. Der Franz las ihn auch, schaute
verwundert drein und sagte: »Man kennt sich nicht aus. Wer ohne ihn
hingeht, kehrt ohne ihn zurück? Das ist ja nicht. In der Kommunion
kommt Christus doch zu uns und bleibt bei uns.«
Der Vater war nachdenklich und fragte seinen Bruder: »Du, wie ist denn
das? Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Wie lange bleibt denn
eigentlich Christus, der in der Kommunion in uns eingegangen ist -- wie
lange bleibt er denn in uns?«
»Das ist nicht zu ergründen,« antwortete der Franz. »Im Katechismus
steht, er bleibe in der Gestalt so lange, als die Hostie nicht
verzehrt ist. Weiter weiß ich nichts, man soll über so was auch nicht
nachdenken.«
»Wird eh am gescheitesten sein,« sagte der Vater, dann gaben sie das
Gebetbuch dem kleinen Lenzerl, weil es für diesen Zeit war, in die
Kirche zu gehen.
Das Kirchdorf stand weit hinter Berg und Wald, draußen im großen
Tale. Stundenlang hatte er zu gehen. Über dem Gebirge lag ein
dunkelgrauer Himmel, in den die Alpenspitzen mit ihrem hohen Schnee
weiß hineinragten. Auch auf den Waldwegen lag noch weicher Schnee,
die Fichtenbäume hatten ihn abgeschüttelt, sie standen schwarz da und
ihre Äste fächelten im lauen Föhn. Es war um die Osterzeit. Wie der
Kleine mühesam im klebrig-nassen Schnee dahinstampfte, war in den
Wäldern manchmal ein Rollen, als ob ein Gewitter heranzöge; das war der
Widerhall der Lawinen, die weiter hinten im Gebirge niedergingen. Er
kam in die Hohlgrabenschlucht. Dort, an schattigen Stellen lagen noch
überhängende Schneewuchten, von denen es beständig niederbröckelte. Der
Knabe schritt munter über die Brücke, sie war fest gebaut, zitterte
aber ein wenig bei dem Toben des angeschwollenen Baches. Jenseits ging
er hinan zwischen uralten Baumstämmen, deren starre Wipfel im Winde
summten, ohne sich zu biegen. Gestern hatte der Lenzerl denselben Weg
gemacht, hin und zurück. Er war in der Pfarrkirche bei der Osterbeichte
gewesen, so wie er heute zur Osterkommunion ging. Aber so schlecht
war der Weg erst über Nacht geworden. Er bat Gott in Gedanken, daß
nicht die Sünde der Ungeduld über ihn komme, damit er reinen Herzens
zum Altartisch treten könne. Ein- oder zweimal unterwegs setzte er
sich auf einen Baumstrunk, weil ihm heiß war und ein wenig die Beine
zitterten. Er war früh aufgestanden und hatte nichts gegessen. Den
Herrn Jesus muß man nüchtern empfangen. Nachdem er länger als zwei
Stunden an den waldigen Berghängen hingegangen war, kam er ins Tal
hinaus. Da war es noch schlimmer; über Feld und Matten rieselten die
Wässer des schmelzenden Schnees und auf der Straße war der Schnee zu
Kot geworden. Leute, die wie er der Kirche zugingen, waren hoch hinauf
mit Kot bespritzt. Der Knabe kam langsam vorwärts und doch mußte er
trachten, die Stunde der Kommunion nicht zu versäumen. Er freute sich
sehr darauf, und heimwärts -- so dachte er -- wird's schon besser sein,
da ist ja der Herr Jesus bei mir.
Endlich war er ins Kirchdorf gekommen. Alsogleich wollte er in die
Kirche, die schon mit hellen Glocken läutete. Aber es war ihm plötzlich
so schlecht, daß er sich auf einen schwarzen Schragen niedersetzte, der
an der Mauer des Beinhauses stand. Wie ein Leichlein, so blaß kauerte
der Kleine da. Die Tafernwirtin sah es und brachte dem Knaben eine
Schale Fleischbrühe heraus. Er lehnte ab, er gehe zur Kommunion. Eine
Bäuerin trat hin und wollte von einem Fläschchen »Lebensessenz«, das
sie im Sack trug, ihm einige Tropfen zu trinken geben. Der Knabe winkte
mit der Hand ab, er könne nichts zu sich nehmen, weil er zur Kommunion
gehe. Der Gedanke, daß er nur wenige Schritte zur Kirche habe, um
am Altare mit dem Herrn Jesus vereinigt zu werden, gab ihm Kraft.
Noch suchte er mit seinem blauen Taschentuch das schwarze Höslein
von dem angespritzten Straßenkote zu reinigen und dann betrat er mit
Andacht die Kirche. Während der Messe las er in seinem Gebetbuche.
Dabei überkam ihn eine große Angst. Er konnte die Gedanken nicht
beisammenhalten und der heiligen Handlung nicht strenge folgen, er
war zerstreut. Die Angst vor einer unfrommen Zerstreutheit hinderte
ihn an der Andacht. Der Katechet hatte gesagt, daß Unaufmerksamkeit
beim Gottesdienst eine Sünde sei, und wie soll er dann mit einer
Sünde zur Kommunion gehen? Der Kleine kniete vor einem Bilde des
gekreuzigten Christus nieder und betete ein Vaterunser um die Gnade
der Frömmigkeit. Dann wurde ihm leichter. Und als nach der Messe der
Ministrant klingelte und die Leute sich zum Altare drängten, trat auch
der kleine Lenzerl vor, wand sich langsam und demütig zwischen durch,
kniete an das Altargeländer, nahm das weiße Tuch an den Mund, schloß
die Augen, öffnete die Lippen und der Priester legte ihm die Hostie auf
die Zunge. »Das ist der Leib unseres Herrn Jesu Christi. Er bewahre
deine Seele zum ewigen Leben!«
Nach der Kommunion kniete er, wie es Sitte ist, noch vor den übrigen
Altären, die in der Kirche waren, und betete zu Gott und den Heiligen
für sich, für seine Eltern und Geschwister, für Freund und Feind und
für die armen Seelen im Fegefeuer um den Himmel. Denn jetzt war Jesus
in ihm, jetzt konnte das Gebet erhört werden. Der Kleine hatte ganz
rote Wangen bekommen vor Glückseligkeit, mit gefalteten Händen kniete
er da, das Blondköpflein geneigt, die Augen geschlossen.
Als er zu sich kam, war er fast allein in der dämmerigen, frostigen
Kirche. Nur ein paar alte Frauen siffelten noch über den nassen
Steinboden dahin und am Hochaltare war es still und leblos geworden,
die rote Ampel davor kennzeichnete die Stelle, wo vorhin Jesus in den
Menschen eingegangen war.
Als er bei dem rückwärtigen Tor ins Freie trat, pfiff es singend um die
Ecke und der Wind entführte ihm den Hut. Den hatte er bald wieder und
ging dann ins Tafern-Wirtshaus. Es war ja Mittag geworden. Am Ofentisch
nahm er Platz und nun wollte er sich auch etwas Irdisches gönnen. Er
bestellte eine Portion geschmälzte Bretzeln und ein Seidel Wein. Da
blieb nicht ein Krümchen und nicht ein Tröpfchen davon übrig. Doch als
er sich anschickte, fortzugehen, sagte die Wirtin: »Du wirst jetzt doch
nicht heimgehen wollen ins Gebirge hinauf! In diesem ungestümen Wetter.
Just vorhin hat die Feuerwehr geblasen, es kommt großes Wasser.«
»Davor ist man eh auf dem Berg sicherer als im Tal,« antwortete der
Lenzerl, bezahlte seine Sache und ging davon. -- Weshalb sollte er
sich heute fürchten? Es konnte ihm nichts geschehen und wenn Sturm
und Wasser kommt, da ist man doch am liebsten daheim bei Vater und
Mutter. So lange der Mensch noch nicht zehn Jahre alt ist, findet
er's am sichersten bei Vater und Mutter. Der Knabe war nun stark und
mit möglichst langen Schritten setzte er über allerlei Wasser, die
auf dem Wege wie neben dem Wege rieselten und gurgelten. Der Wind war
lau, als komme er aus Öfen, und war so heftig, daß die blattlosen
Wipfel und Äste der Eschen und Ahorne zischend und tosend beständig
nach einer Seite hinstrebten, ohne zurückzuschnellen. Aus dem schweren
Wolkenhimmel kamen Tropfen quer durch die Lüfte gejagt und schlugen
dem Knaben weich ins Gesicht. Auf dem Waldwege schlugen links und
rechts die hohen Fichten hin und her und peitschten einander mit ihren
buschigen Ästen. Der Knabe ging wohlgemut dahin, er hatte den starken
Kameraden bei sich -- da konnte ihm nichts widerfahren. Auf dem Wege,
wo am Morgen noch der patzige Schnee gelegen, schoß jetzt in den beiden
Rinnen der Radleisten das braune Wasser heran, mit seinen großen und
kleinen quirlenden Augen, und wälzte dürre Baumnadeln, Holzsplitter und
Erdwerk mit sich. Stellenweise war der Weg mit Schneehaufen gesperrt,
die von den Hängen niedergerutscht waren; da kreiste das Wasser in
Tümpeln und bohrte und grub, bis es sich Bahn gebrochen hatte, über
den Abhang stürzte, oder auf dem Wege weiter schoß. Als der Knabe sich
über eine solche Schneewucht mühsam weiterhalf, fuhr plötzlich aus der
brausenden Luft ein Baumwipfel nieder und schlug breit und schwer auf
den Weg. Eine Wolke von Schnee und Schmutz hatte den Lenzerl über und
über besudelt, weiter war ihm nichts geschehen. Jetzt machte er keine
größeren Schritte mehr als sonst, es war ja ganz gleich; mitten durch
Wasser und Morast ging er gleichmäßig voran, immer in der Zuversicht:
Mir kann nichts geschehen. An der Lichtung mußte er einmal stehen
bleiben, mit beiden Fäusten den Hut haltend, nach der Leeseite gekehrt,
um Atem holen zu können. Wäre er hier nicht eine halbe Minute stehen
geblieben, so hätte ihn die Schneelawine begraben, die mit dumpfem
Donnern zwanzig Schritte vor ihm herabkam und einen Berg von Schnee und
Schutt auf den Weg warf.
Der Schneeberg wurde freilich überstiegen, aber der Knabe mußte
doch wieder stehen bleiben und schauen. Denn dort drüben ging ein
ganzes Stück Berg nieder. Es zitterte der Boden, langsam glitt der
schneeige Berghang in die Tiefe, dort böschte er sich breit aus und lag
bewegungslos, ein starrer Hügel für die Ewigkeit. Oben klaffte breit
die schwarze Scharte.
Der Knabe ging nun niederwärts gegen den Hohlgraben. Da war der Weg
mit Hunderten von gebrochenen Bäumen verrammelt. Uralte Bestände
in Riesensplittern. Spechte, Raben und Dohlen flatterten, nestlos
geworden, kreischend darüber hin und her. Der Lenzerl brauchte
mehr als zwei Stunden Zeit, um diese zehn Minuten lange Wegstrecke
zu überwinden. Er kletterte, hüpfte und kroch, immer vom Sturmwind
umbraust, vorsichtig voran. Den Hut hatte er lassen müssen und sein
Haar flatterte ihm über Stirn und Augen. An einem der gebrochenen
Stämme hatte sich ein Eichhörnchen festgekrallt. Aber es war tot.
Bei dem Tiere hielt der Knabe sich auf und wurde traurig. Der Kopf
war zerquetscht. Wenn dieses flinke Wesen der Gefahr nicht entkommen
konnte, dann war sie groß. Freilich, das arme Tier hatte keinen
Beschützer gehabt. Er eilte weiter und kam hinab zum Hohlgrabenbach.
Hier war die Brücke abgebrochen und davongeschwemmt. Und so gründlich,
daß nicht zu erkennen gewesen wäre, wo sie gelegen, wenn nicht der
ein- und ausmündende Fahrweg die Stelle gezeigt hätte. Der Bach war
mit seinen braunen, dicken Fluten weit aus den Ufern getreten, er war
rasend. Er donnerte und brauste und an jedem Stein, an jedem Baumstamm
sprang er ellenhoch auf und schleuderte seine Gischten an den Hang
empor. Und vor diesem Ungetüm stand das Bauernknäblein. Es mußte
hinüber, weil es heim wollte zu Vater und Mutter.
Aber es war keine Möglichkeit, hinüber zu kommen. Sollte er nun den
weiten, wüsten Weg wieder zurückmachen müssen bis in das Kirchdorf?
Sollte er in dieser Schlucht übernachten und warten, bis das Wasser
fällt? Sollte er, am Bachesrand hinkletternd, eine Stelle suchen, wo
die Möglichkeit hinüberzukommen eine größere ist? Es war der Abend
nicht mehr fern, der Leib zitterte dem Knaben vor Erschöpfung, und der
braune Strom brüllte und lechzte nach einem Opfer. Der Lenzerl verlor
nicht den Mut, er dachte: Ich werde wohl hinüberkommen. Er legte seine
kleinen Hände aneinander und sagte laut: »Herr Jesu Christ, was soll
ich jetzt tun?«
In den Gründen das Wasser, in den Wipfeln der Wind. Aufgeschreckte
Krähen flogen wirr umher, und an den hohen Stämmen eilten schwarze
Eichhörnchen und hüpften von Wipfel zu Wipfel.
Als der Knabe am steinigen Hang eine Strecke hingegangen war, um
einen Steg zu suchen über den wilden Bach, sah er einen großen,
halbentwurzelten Baumstamm. Der war über den Bach hingesunken und
drüben mit dem Wipfel an der Krone eines verknorrten Tannenbaumes
hängen geblieben. Das ist der Steg, den mir der Herr Jesus gelegt
hat, dachte der Knabe und begann ohne weiteres an dem hängenden Stamm
hinanzuklettern. Das dichte Geäste an dem lehnenden Baume war selbst
wie ein Wald, durch den er sich mühevoll weiterarbeiten mußte, immer
sich sorgfältig festklammernd. Denn unter ihm brandete die rote Flut,
und so sehr er sein Auge hütete, daß es zwischen den Ästen nicht
hinabschaue in das Wallen und Wirbeln, so hub doch alles um ihn
an zu kreisen. Jetzt ist der Schwindel da! konnte er noch denken,
dann verflocht er sich hastig mit Händen und Beinen ins Geäste und
schloß die Augen. Er wollte in solcher Stellung nur warten, bis der
Schwindelanfall vorüber sei, aber siehe, der Wind schaukelte so sanft
den Baum und die Wasser sangen so schön ...
Hoch an dem querüberhängenden Baumstamme, über dem tobenden Wildbach,
war der Lenzerl eingeschlafen. --
Oben im Bergbauernhofe hatten sie müssen das Herdfeuer auslöschen. Der
Wind hatte durch den Schornstein den Rauch zurückgestoßen, daß in Küche
und Stube kein Mensch atmen konnte. Und wollte man Fenster öffnen,
so wirbelte der Sturm herein und sprühte auf dem Herd die Funken
auseinander und an die Holzwand hin. Wer sich ins Freie wagte: Die Luft
unter dem schweren grauen Himmel war so klar, daß die fernsten Berge
deutlich wie die nächsten dastanden, aber ein Stoßen und Stöhnen war
in dieser Luft, daß der Bruder Franz vom »wilden Gjaid« sprach. »Seht
ihr, wie er schlittenfahren tut, der wilde Jäger!« Denn dort an den
gegenüberliegenden kahlen Berghängen ging eine Schneelahn um die andere
nieder, auf dem weißen Schneefelde dunkle Striemen zurücklassend, von
der Höhe bis tief ins Engtal. Man sah, wie klein es oben anhub, ein
dünner, schwarzer Faden, an dessen unterem Ende ein weißer Knäuel hing,
der den Faden in die Länge zog, rasch und immer rascher -- größer,
breiter, bis der Riesenknäuel in der Tiefe verschwand und ein langes
Donnern hinging in den Bergen.
»Wenn ich nur heut' den Buben nicht hätte fortgehen lassen!« rief die
Bäuerin immer wieder aus.
Ihr Mann, der Bauer, tröstete sie: »Am Morgen ist's noch nicht so wüst
gewesen. Er wird gut ins Kirchdorf gekommen sein. Und wird er wohl so
gescheit sein, daß er dort bleibt.«
»Der bleibt nit dort, wie ich ihn kenn'!« sagte sie. »Er hängt
allzuviel an daheim.«
»Na, na, die Tafern-Wirtin hat ihn nicht fortgelassen. Die gibt ihm
schon zu essen und ein gutes Bett, bei der fehlt ihm nichts. Morgen
kommt er heim. So was Wildes kann nicht lang anhalten.«
Die Mutter hat nichts mehr gesagt, hat ihre häuslichen Arbeiten
verrichtet, hat den Leuten das Nachtmahl bereitet. Und während sie
es verzehrten, ist sie davongegangen. Im lodenen Wettermantel ihres
Mannes, in seinen Stiefeln und mit seinem Bergstecken hat sie sich auf
den Weg gemacht, um ihrem Lenzerl entgegenzugehen. Denn, daß er auf
dem Wege war, das galt ihr sicher, und daß er noch nicht daheim war,
obschon es schon zum Abend ging, sagte ihr: Er ist in Gefahr!
Bald war sie unten in der Hohlgrabenschlucht, und da konnte sie nicht
weiter. Die Brücke ist fort! »Mein Gott! Da kann er freilich nicht
heimkommen!« Daß er gerade auf der Brücke gewesen sein konnte, als sie
brach, das fiel ihr nicht ein. »Er ist eben wieder umgekehrt; er kann
nicht her und ich kann nicht hin. Da ist nichts zu machen. Gott wird
ihn beschützen!« -- Sie blickte in den reißenden Strom und je länger
sie hinschaute, je größer und wilder schien er zu werden.