Albrecht. Ein wunderlicher Alter! Ganz wie ein welkes Blatt unter
grünem Laub, das der Wind hängenließ!
Agnes. Er erinnert mich an meinen Vater! So wird der einmal
aussehen!
Albrecht. Nun sind wir denn hier! Wie trieb er! Soviel ich ihm
auch zugute halte, es verdroß mich fast, dies ewige
Sich-in-den-Weg-Stellen und Klirren mit dem Schlüsselbund!
Agnes. Und ich schämte mich! Aber es rührte mich doch! Er kann
keinen Flecken an seinem Herzog dulden, und er hielt mich für deinen
Flecken!
Albrecht. Nun, ihr Wände? Wenn ihr Zungen habt, so braucht sie,
damit ich endlich erfahre, warum wir gerade hierher zuerst kommen
sollten! Ich glaubte, dieser sei eine überraschung zugedacht, aber
ich sehe ja nichts!
Agnes. Schön ist es hier! Dies braune Getäfel ist so blank, daß es
uns abspiegelt! Das ist gewiß Regensburger Arbeit! Und die bunten
Glasfenster mit den vielen, vielen Bildern darin!
Albrecht. Ja, das machen sie jetzt am Rhein, seit sie in Köln den
Dom bauen! Lauter Legenden! Man wird heilig, wenn man durch solche
Scheiben sieht! Aber ich kann mir doch nicht denken, daß wir hierher
gerufen sind, um uns die zu erklären!
Agnes. Und die Aussicht! Oh!
Albrecht. Das alles ist jetzt dein! Aber freu dich nicht zu sehr!
Du mußt auch manches mit in den Kauf nehmen. Zum Exempel den alten
krüpplichten Baum da, und dort die Hütte ohne Dach!
Agnes. Mein Albrecht, du bist so fröhlich, das ist mein größtes
Glück!
Albrecht. Oh, ich bin heute ein Maulhänger gegen das, was ich morgen
sein werde, und so fort und fort! Ja, Agnes, so ist's! Ein
Entzücken ist bei mir immer nur der Herold des anderen, größeren, und
jetzt erst weiß ich's, warum wir Menschen unsterblich sind.
Agnes. Nicht mehr! Ich halt's nicht aus! Die Brust zerspringt mir!
(Sie erblickt den Betschemel.) Da! Da! (Sie wirft sich hin und
betet.)
Albrecht (mit einem Blick nach oben). Nun segnest Du! Und ich weiß
auch, durch wen!
Agnes (steht wieder auf, an dem Betschemel öffnet sich, wo sie kniete,
ein geheimes Fach, sie bemerkt es nicht).
Albrecht. Jetzt ist meine Mutter nicht mehr im Himmel, sondern
wieder auf Erden und hier bei uns, aber ihre Seligkeit ist gleich
groß!
Agnes. Ach, auf mich war sie nicht gefaßt!
Albrecht (bemerkt das geheime Fach). Aber, was ist das?
Agnes. Perlen und Kleinodien! Oh, welche Pracht!
Albrecht. Ihr Schmuck! Das denk ich wenigstens, denn getragen hat
sie ihn wohl nur, eh' ich geboren wurde! Und ein Brief! (Er nimmt
den Brief.) An dasjenige meiner Kinder, das hier zuerst nach mir
betet! (Reicht ihn Agnes.) Also an dich! Da ist das Geheimnis!
Sieh! sieh! Da hatte dieser Gang doch einen Zweck! Das hätte dir
bei der Trauung prächtig gestanden! Freilich, wir hatten sie hinter
uns, eh' wir kamen!--Nun?
Agnes (reicht ihm den Brief).
Albrecht (nachdem er ihn gelesen hat). Wär' ich's gewesen, so hätt'
ich dich damit schmücken dürfen, nun sollst du's selbst tun. Das ist
auch besser!
Agnes. Nicht dies, nicht das!
Albrecht. Und was darunterliegt, ist für den, der nicht betete. Das
wird nicht so glänzen und funkeln! Gute Mutter, du hast vorausgewußt,
wer das sein würde; ich seh dich, wie du den Zeigefinger gegen mich
erhebst! (Zu Agnes.) Aber nun mach doch! Wie lange soll ich um den
letzten Tannenbaum, den sie mir aufrichtete, herumhüpfen, eh' ich ihn
plündern darf? Nimm rasch das Deinige weg, daß ich zum Meinigen komm!
Agnes. Wie sollt' ich!
Albrecht. Du bist ihr freilich keinen Gehorsam schuldig, aber ich,
und wahrlich, ich will ihn der Toten am wenigsten weigern. Du wirst
mich nicht hindern wollen, ein frommer Sohn zu sein! Also! (Er
nimmt die Perlen und will sie schmücken.)
Agnes (tritt zurück). Nicht doch! Was bliebe noch für eine
Prinzessin!
Albrecht. Willst du trennen, was zusammengehört? Da gäbst du meinem
Vater, den du so fürchtest, ein böses Beispiel! Mach's schnell
wieder gut, daß er sich nicht darauf berufe! Komm! Gleiches zu
Gleichem! (Er schüttelt die Perlen, daß sie klappern.) Das heißt
hier: Hagel zu Schnee! (Er hängt sie ihr um.) Nun mögen sie sich
streiten, wer weißer ist!
Agnes. Schmeichler!
Albrecht. Agnes, hat man's dir schon gesagt, daß der rote Wein, wenn
du ihn trinkst, durch den Alabaster deines Halses hindurchleuchtet,
als ob man ihn aus einem Kristall in den andern gösse? Aber, was
schwatz ich! (Er nimmt das goldene Diadem.) Ich habe ja noch ein
Paar zu vereinigen! (Er will es ihr aufsetzen.)
Agnes. Es würde mich drücken!
Albrecht. Du hast recht, daß du dich jetzt noch mehr sträubst, wie
vorher, denn hier ist die Ebenbürtigkeit noch mehr zweifelhaft! Dies
Gold und das (er deutet auf ihre Locken), der Abstand ist zu groß!
Dies ist der Sonnenstrahl, wie er erst durch die Erde hindurchging
und an ihre Millionen Gewächse sein Bestes abgab, dann verdichtete
sich der grobe Rest zum schweren toten Korn! Das ist der
Sonnenstrahl, der die Erde niemals berührte, er hätte eine
Wunderblume erzeugt, vor der sich selbst Rosen und Lilien geneigt
haben würden, doch er zog es vor, sich kosend als schimmerndes Netz
um dein Haupt zu legen! (Er setzt ihr das Diadem auf.) Aber nimm's
nicht so genau, wir finden nichts Beßres.
Agnes. Nur, um zu sehen, wie's ihr gestanden hat!
Albrecht. Das Auge ist so edel, daß es nicht geschmückt werden kann,
noch diesen Ring an den Finger--er ging lange genug nackt!--noch
dieses Armband, und (er führt sie ritterlich vor) die Kaiserin ist
fertig! Denn, das ahntest du nicht, eine Kaiserin wollt' ich machen,
und sie steht da, setz dich auf den ersten Thron der Welt, und in
tausend Jahren wird nicht kommen, die sagen darf: erhebe dich! Nun
will ich aber auch mein Teil sehen! (Er nimmt eine Menge welker
Blumen usw. aus dem Fach.) Welke Blumen und Blätter, die fast
zerstäuben, wenn man sie anrührt? Was mag sich so ankündigen?
Heraus! (Er erblickt einen Totenkopf und erhebt ihn.) Ah, du bist's,
stummer Prediger? Du redest noch besser, wie Salomo, aber mir sagst
du nichts Neues; wer, wie ich, auf Schlachtfeldern aufwuchs, der weiß
es auch ohne dich, daß er sterben muß! Doch erst will ich leben! Im
Himmel gibt's Halbselige, sie blicken nach der Erde zurück, und
wissen nicht, warum! Ich weiß es, sie haben ihren Kelch nicht
geleert, sie haben nicht geliebt! Ja, Agnes-