Flüsternd befiehlt der Wachtmeister: „Absteigen!“

Hipp und Hiller bekommen außer den eigenen Tieren und Lanzen noch die

des Wachtmeisters und des ‚alten Mannes‘ zu halten. Der Wachtmeister,

vom ‚alten Mann‘ gefolgt, schleicht in gebückter Stellung dem Bahndamm

zu. Schweigend stehen Hipp und Hiller einander gegenüber. Stockdunkel

ist es um sie her, und der eine kann das Gesicht des andern nicht

erkennen. Gegen den ausdrücklichen Befehl holt Hipp eine kleine

Stallaterne aus der Tasche, hängt sie in die Schnüre seiner Attila ein

und läßt das Licht aufflammen.

Der Fuchs ist unruhig und zwingt Hiller, sich rund im Kreis mit ihm zu

bewegen. Hipp muß die drei anderen Gäule am Zügel halten. Vom Wald her

reiten jetzt ganze Kolonnen nach dem Bahndamm zu; von ferne hört man

das Schnauben und Rasseln des heraneilenden Zuges, ein Schuß ertönt und

noch einer, und Hiller schreit laut auf.

Der Fuchs ist hoch in die Höhe gestiegen und hat sich mit mächtigem

Ruck losgerissen. Nun fliegt er in rasender Schnelligkeit dahin.

„Hipp, hilf!“ schreit Hiller und rennt hinter dem Fuchs her, und Hipp,

selbst auf das äußerste erschreckt, vergißt seine drei Pferde und rast

hinter Hiller her, an ihnen vorbei die freigelassenen Gäule.

„Mensch, sei kein Döskopf!“ Hipp kann kaum mehr Luft bekommen, ist

über einen Baumstamm gefallen und flucht und schimpft. „Laß doch die

verteufelten Biester laufen, wohin sie wollen; oder glaubst du, du

holst deinen Fuchs noch ein?“ Und Hiller bleibt mit hochklopfendem

Herzen stehen. Hipp hat recht; es ist natürlich ein Blödsinn, den

Gäulen nachzulaufen.

Aber was nun? Schweigend gehen sie zu den Lanzen, die sie im Boden

aufgespießt haben, zurück. Hiller hat das Gefühl, ein Verbrechen

begangen zu haben, und auch Hipp ist verlegen.

„Die Schuld hast du,“ sagt er zu Hiller. „Du hast den Fuchs nicht

gehalten! Na, aber laß gut sein, ich petze nicht. Schön werden die

nächsten Viertelstunden ja nicht werden, aber den Kopf kann er uns auch

nicht abreißen. Pst! Da kommt er schon!“

Der Wachtmeister sieht die zwei mit den neben ihnen aufgespießten

Lanzen stehen und ahnt sogleich, was sich ereignet hat. Im Grunde ist

er guter Laune gewesen, weil er den Sieg errungen hat; aber die beiden

armen Sünder, die hier vor ihm stehen, lassen die gemütliche Stimmung

schnell verfliegen.

„Wo habt ihr die Pferde?“ brüllt er sie an.

Hiller will eine Erklärung abgeben, aber Hipp schreit in seiner Angst

in die Dunkelheit hinein: „Durchgegangen, Herr Wachtmeister! Und da

kann kein Mensch was für bei dieser Schießerei! Ich habe sie mächtig

festgehalten, aber so viel Kraft hat kein Mensch, daß er gegen vier

wildgewordene Gäule ankommt!“

„Schnauze halten, ihr Himmelshunde! -- Schlappe Kanaillen! Was denkt

ihr euch nun, was nun werden soll, wie ich nach Hause kommen soll?

Meint ihr, ich hucke die Lanze auf, ich laufe zu Fuß durch den Wald?“

Hipp und Hiller nehmen je zwei Lanzen auf den Arm, und unter

fortwährendem Schimpfen und Fluchen des Wachtmeisters geht es ein Stück

Weg entlang.

Mit so lieblichen Namen wie in dieser Nacht haben die beiden Berliner

Bürschchen sich noch nicht nennen hören. Sie lassen den Wald links

liegen und gehen auf großem Umweg durch ein Dorf. Der Wachtmeister hält

plötzlich in seinem Fluchen inne; von einem Seitenweg kommt jemand auf

sie zugeritten. Ein Unteroffizier, mit zwei Pferden. Es ist Hillers

Fuchs und das Pferd des ‚alten Mannes‘. Die sind unterwegs von der

feindlichen Partei aufgefangen worden.

Donner, ja! Jetzt ist der Wachtmeister auf einmal rosigster Laune

-- steigt auf -- heißt auch den ‚alten Mann‘ aufsitzen und heidi --

fort. Hipp und Hiller mit ihren vier Lanzen sehen sich erst eine Weile

ungläubig an. Hiller zieht eine Generalstabskarte heraus und studiert,

wie lange sie zu laufen haben. Durch den Wald können sie nicht gehen,

also immer rund herum um den Wald -- das bedeutet statt einer und einer

halben Stunde drei Stunden Weges.

Es ist halb elf Uhr, und da sie keine Zeit hatten, vor dem Ausrücken

etwas zu essen, sind sie hungrig. Im Dorf, durch das sie kommen, sehen

sie ein erleuchtetes Wirtshaus. Hiller will erst nichts davon wissen;

sein Gewissen quält ihn, er will auf schnellstem Wege dahin, wo er

hingehört.

Aber Hipp wird böse: „Mensch, sei doch kein Frosch! Wer kann uns

beweisen, daß wir uns nicht verirrt haben? Immer rin! Wenn man im Feld

Hunger leiden muß, dann geschieht das fürs Vaterland und man ist ein

Held; wenn man aber Hunger hat und kommt an einem Wirtshaus vorbei und

geht nicht rein, dann ist man ein Esel!“

Hipp hat etwas Fortreißendes, wenn er mit seiner Philosophie

hervorrückt. Hillers Bedenken fallen demgegenüber immer wie ein

Kartenhaus zusammen. Sie gehen durch einen kleinen, engen Flur ins

Gastzimmer, in dem noch ein paar Bauern beim Kartenspiel sitzen. Ein

gutmütig aussehendes Weib kommt ihnen entgegen und läßt sich ihre

Geschichte erzählen. Sie ist sehr freundlich zu den Freiwilligen; hat

sie doch auch einen Sohn in der Husarenkaserne.

„I wo, das kann Ihnen keiner übel nehmen, wenn Sie nicht in der

Stockdunkelheit den Weg machen. Man wird doch jetzt noch nicht seine

Gesundheit aufs Spiel setzen, da man sie doch später im Felde so

notwendig hat.“ Die Bauern drehen sich nach den Husaren um und fragen

sie aus. Es sind zwei liederliche Kerle, die hier mit schmutzigen

Karten um Geld spielen.

Schlechte Zeiten! Man muß sich zerstreuen! Sie laden die beiden jungen

Menschen ein, an ihren Tisch zu kommen, und Hipp steuert sogleich

hinüber. Die Wirtin ist in der Küche verschwunden und kommt nach einer

guten Viertelstunde mit gebackenen Eiern, Schinken, Wurst, Brot und

Butter wieder. Hipp und Hiller essen mit freudigem Appetit und trinken

ein paar Flaschen Bier. Die Bauern haben Steinhäger vor sich stehen,

und Hipp läßt eine Runde für sie alle auffahren. Aus einer Ecke heraus

fängt ein Grammophon mit rasselndem Ton und krähendem Beiklang an

zu tönen. Irgendeine leichte Walzermelodie -- schrecklich für das

musikalisch gebildete Ohr Hillers, aber höchst anregend für alle

anderen. Hipp kennt ein feines Kartenspiel zu Vieren, höchst einfach;

das lernen selbst die Bauern im Handumdrehen. Aus dem Brustbeutel holen

sie, was sie an Nickel bei sich haben. Die Augen der Bauern beginnen

zu glänzen. Hipp sieht genau aus wie sein reicher Vater, wenn er eine

Pulle Sekt spendiert, und Hiller ist in seinem Bann. Er tut mechanisch

mit, was die anderen tun. Ganz dumpf empfindet er dabei ein Unbehagen.

Mitternacht geht vorüber. Irgendwo hat eine Uhr klirrend geschlagen.

Hiller will gehen, aber Hipp lacht ihn aus: „Mensch, sei kein Frosch!“

Sie sitzen bis ein Uhr und sitzen bis zwei Uhr! Die Brustbeutel werden

leerer. Die Bauern lassen sich von den zwei jungen, reichen Herren

traktieren. Die Köpfe sind rot -- Witze werden erzählt; die Luft in der

kleinen Stube ist zum Ersticken, und die Petroleumlampe will plötzlich

erlöschen.

Über Hiller kommt es plötzlich wie eine Krankheit; er fühlt sich

namenlos unglücklich. Sein Kopf ist nicht mehr ganz frei, aber so viel

begreift er doch noch, daß er sich in einer scheußlichen Umgebung

befindet. Die Bauern haben kleine, ekelhaft verschwommene Augen

bekommen; ihre rohen Gesichter glänzen wie Speck. Sie erzählen gemeine

Witze. Hipp lacht und spielt sich als großen Herrn auf.

Plötzlich springt Hiller in die Höhe. „Ich gehe!“ sagt er mit einer

Bestimmtheit, gegen die Hipp sich nicht mehr aufzulehnen vermag. Die

Bauern bieten gegen entsprechende Vergütung ihre Begleitung an, und man

muß sie annehmen, weil man sich allein doch nicht zurechtfinden würde.

Jeder nimmt eine fahnengeschmückte Lanze in den Arm, und schwankend

treten sie in die Nachtluft hinaus.

Hiller trottet ein paar Schritte hinter den anderen her. Er ist in

einem scheußlichen Zustand. Es ist ihm nicht ganz klar vor Augen, und

doch ist eine Stimme in ihm wach, die immer dasselbe sagt: ‚Pfui Teufel

-- pfui Teufel!‘ Sein Blut lehnt sich auf gegen die Gemeinschaft mit

solchen Menschen. Die schmutzigen Witze, über die Hipp gelacht hat,

haben ihn aufs tiefste verletzt. ‚Pfui Teufel -- pfui Teufel!‘ Hier

in der Wirtsstube haben sie gesessen und um Geld gespielt, und haben

sich von gemeinen Bauernschädeln auf gemeine Weise unterhalten lassen,

und draußen in der Welt fließen Ströme von Blut; draußen in der Welt

spielt sich die größte Tragödie, die je in einer Zeit gewesen ist, ab.

„Katzenjammer!“ sagt Hipp und lacht. „Mensch, du bist der unheilbarste

Esel, den ich je gesehen habe!“

Sie gehen drei volle Stunden; ganz leise wird die Dunkelheit zur

Dämmerung, als sie die kleine Stadt erreichen. Die Bauern lassen sich

ablohnen und überreichen die Lanzen.

Die Kasernentore standen schon offen, als Hipp und Hiller antreten.

Sie eilen zum Stall und finden die ausgerückten Pferde auf ihrem

Platz stehen. Hipp haut dem seinen einen tüchtigen Riemenschlag übers

Hinterteil. „Kanaille!“ Dann laufen sie in den Waschsaal, kühlen sich

die erhitzten Gesichter und sind pünktlich mit allen anderen zum

Stalldienst zur Stelle.

Der Wachtmeister würdigt sie keines Wortes, behandelt sie aber während

des ganzen, langen Reitunterrichtes nicht gerade besonders sanft.

Hillers Kopf bleibt benommen; erst am Abend wird ihm wohler. Hipp steht

im Stall neben ihm und erzählt Geschichten von kleinen Mädchen. Hiller

tut teilnahmslos, und Hipp nennt ihn wieder: „Esel!“

Am späteren Abend in der Kantine erst findet er seinen Frohsinn wieder.

Der Wachtmeister hat ihn angeredet und ist weich geworden. „Nimm dir

das nicht zu Herzen!“ sagt er väterlich. „Jedem kann natürlich mal sein

Gaul durchgehen. Im übrigen macht sich die Sache mit dir!“ Da wird er

ganz froh, fast ausgelassen und läßt trotz der Ebbe in seiner Börse

eine Runde auffahren.

* * * * *

Die Wochen vergehen; der Oktober ist gekommen. Die Zeit der wilden

Stürme ist da. Sie brausen übers märkische Land; sie heulen und klagen

über die weiten Ebenen dahin. Eine wilde, schwere Nacht hat in der

altmärkischen Stadt furchtbare Verwüstungen angerichtet. Am Flußweg

sind zwei große Pappeln ums Leben gebracht. Wie Tote liegen sie lang

über den Weg ausgestreckt. Ein Baugerüst ist umgefallen und hat einen

unter sich begraben, und in jeder Promenade liegen ein paar gefällte

Bäume und ausgerissene Sträucher. Noch ein paar andere Menschen sind

zu Schaden gekommen. Einer Frau ist die Schulter gequetscht worden,

und die ganze Stadt ist voll von dem Unglück dieser einzelnen. Ein

Trunkener, der unter einem Baum gelagert hat, hat ein Auge eingebüßt.

Auch sein Schicksal erregt Mitleid. Ein Landstürmer sagt wütend:

„Wenn unsereins draußen zu Haufen niedergeschossen wird, dann ist das

nichts Besonderes. Aber hier flennt man um ein altes Weib und einen

Trunkenbold!“

Da der Oktober so schwer und wild einsetzt, prophezeien die Leute

einen furchtbaren Winter. Die Leute müssen was zu schwatzen haben; sie

müssen sich vor etwas gruseln machen. Die Ereignisse schreiten jetzt

langsamer voran. Nach dem raschen Siegeszug durchs belgische Land ist

ein Stillstand eingetreten. Großes soll sich vorbereiten! flüstert man.

Eine Schlacht, wie sie die Weltgeschichte noch nicht gesehen, soll

geschlagen werden in nächster, allernächster Zeit.

Die jungen Freiwilligen in der Kaserne werden von Ungeduld verzehrt.

Warum hält man sie noch? Die Infanterie ist schon in Scharen

hinausgezogen; sie aber hält man fest und drillt und drillt. Sie kennen

doch nun wirklich alles, was sie zu kennen brauchen. Auf ihren Pferden

sitzen sie so sicher wie auf einem Stuhl; das Lanzenbohren, das sie an

Strohpuppen gelernt haben, ist ein Kinderspiel. Nun fiebern sie, an den

Feind zu kommen.

Aber es ist noch gar und gar keine Aussicht fürs baldige Ausrücken da.

Nicht mal die feldgraue Uniform haben sie erhalten.

Einer von den alten Leuten, der hier Garnisondienst tut, hat gesagt:

„Paßt mal auf, Weihnachten sitzt ihr auch noch hier! In diesem Krieg

braucht man die Kavallerie kaum noch. Was früher der Kavallerist

erkunden mußte, tut heute der Flieger, und außerdem hat man Autos und

Räder!“

Das klingt so begreiflich; das ist ihnen in die Knochen gefahren!

Herrgott, wenn man sie nun überhaupt nicht brauchte. Wenn man sie eines

Tages nach Hause schickte: ‚Deutschland hat genug Kämpfer! Es bedarf

eurer nicht!‘

Es ist eine Flauheit in die Stimmung gekommen. Man wartet allenthalben

auf etwas Großes, etwas Unerhörtes. Die Pfarrer predigen von der Kanzel

herab: Geduld -- Geduld und wieder Geduld. -- --

Ach, man merkt erst jetzt so recht den Krieg. Damals, vor zweieinhalb

Monaten, als er begann -- mitten im Sommer, damals, als es so toll und

rasend schnell ging --, da war der Krieg ein einziger Jubel -- ein

einziger Triumph! Nun aber, da die Blätter fallen, da die Nächte kalt

und rauh werden -- nun, da die Natur ihre Schönheit abwirft, und der

Winter wie ein böser, dunkler Geist vor der Tür steht, nun lassen die

Schwachen, die Armseligen ihre Köpfe hängen und beginnen zu klagen und

zu jammern: Warum machen sie nicht vorwärts? Warum schlägt man sich

nicht? Wozu das Herumliegen in den Schützengräben?

In der altmärkischen Garnison werden draußen im freien Feld, dicht an

den Exerzierplätzen, Stacheldrähte gezogen. Kolossale Flächen werden

eingefaßt. Die Leute fragen und erkunden: Warum? Wozu? Erst ist es ein

Geheimnis -- aber dann geht’s von Mund zu Mund: Russen kommen hierher;

Tausende von gefangenen Russen und Kosaken sollen hierhergebracht

werden. Die Leute erschrecken: Herrgott, Tausende von Russen so nahe

bei der Stadt! Die Frauen, deren Männer und Söhne ausgezogen sind,

erzittern.

Wenn die nun in der Nacht ausbrechen und über die wehrlosen Leute in

der Stadt herfallen? Gott, o Gott, was man nicht alles erleben muß!

Es vergeht eine Woche und noch eine. Die Stachelverhaue sind längst

fertig, noch nicht ein einziger Russe wohnt darin. Dann war es wohl

doch nur ein Märchen -- und die Herzen beruhigen sich wieder.

Frau Hiller wohnt noch immer im kleinen Städtchen; sie ist wie

festgebannt hier. Sie will nicht schwach werden und ist es doch. Sie

fürchtet sich so namenlos vor der Einsamkeit in ihrer kleinen Wohnung

in Berlin. Hier, in den zwei Zimmern bei der Wachtmeisterswitwe, ist

ihr Herz ruhiger; von hier aus sieht sie das Leben ihres Jungen sich

abspielen. Sie will ihn nicht stören und in nichts beschränken, das

hat sie ihm versprochen. Er soll gar nicht denken, daß sie hier ist.

Nur wenn ihn die Sehnsucht einmal treibt, soll er zu ihr kommen. Der

kleine Husar ist erstaunt, er begreift gar nicht, warum seine Mutter

sich hier wohlfühlt, da sie es in Berlin doch so viel eleganter und

abwechslungsreicher hat.

Er selbst kann ihr ja wirklich nichts sein. Der Dienst ist stramm, und

man sieht es nicht gern, wenn sie viel außerhalb der Kaserne sind. Aber

wenn sie es absolut will, so ist es ihm natürlich recht -- sogar sehr

recht, denn oft freut er sich auf eine Stunde des Alleinseins mit ihr.

Sie darf dann nur nicht traurig aussehen, das verträgt er nicht.

In Berlin sind die Frauen rastlos tätig in der Pflege und in unzähligen

Vereinen für Wohltätigkeit. Ein jeder will sein Scherflein beitragen.

Der Andrang ist so groß, daß gehemmt werden muß. In den Zeitungen wird

gemahnt, der große Eifer solle eingedämmt werden. Auch Frau Hiller

sehnt sich nach einer Arbeit, die sie ausfüllt, die ihre Gedanken

ablenkt vom eigenen Schmerz. Kein Mensch in der Welt hat in dieser Zeit

das Recht, an den eigenen Kummer zu denken. Alles, was im gewöhnlichen

Leben selbstverständlich und gut und berechtigt ist, wird klein und

zwecklos und unbedeutend durch den Krieg. Jeder Schmerz, der im Herzen

des einen wohnt, lebt im Herzen von Tausenden und aber Tausenden.

Wenn jeder ihm nachgeben wollte, so wäre es drin in der Heimat, für

die gekämpft wird, schlimmer und trostloser als draußen auf dem

Schlachtfelde. Aber der Schmerz ist wie ein Pilz; jede Nacht wuchert er

von neuem in die Höhe; jeden Morgen muß er von neuem ausgerissen werden

aus dem armen, bangen Herzen.

Hier, in der kleinen Altmärker Garnison, kann sie sich am allgemeinen

Wohltätigkeitswerk nicht beteiligen. Verwundete sind noch nicht da,

und wenn sie eines Tages eintreffen, werden mehr Hände da sein, als

gebraucht werden können.

Das einzige, was sie hier tun kann, ist das, was jetzt alle Welt

tut. Sie strickt für die, die draußen im Felde sind, und für die,

die erst hinausziehen. Die Wachtmeistersfrau hat es ihr wieder

beibringen müssen, wie ein Strumpf gestrickt wird. Sie hat dabei an die

Kinderjahre denken müssen -- an die tote Mutter und das ganze, längst

versunkene Jugendland.

So ein Zurückschauen ist schön und traurig zugleich. Welche Fülle von

Leid ohne eigentliche Ursache! Und so wie ein Schmerz überwunden ist,

begreift man nicht mehr, daß man so namenlos darunter leiden konnte.

Jedes überwundene Leid hat seinen Glorienschein; man möchte es nicht

missen. Aber jedes neue erscheint unerträglich -- unfaßbar! Das Kreuz,

das man zu tragen hat, wird schwerer, je weiter der Weg geht.

Man sagt: Die Jugend hat die größte Leidensfähigkeit. Aber dafür hat

die Jugend auch die größte Elastizität. Und überhaupt: Wo hört die

Jugend auf, und wo fängt das Alter an? Gibt es eine Regel dafür? Der

eine fühlt sich mit dreißig alt, der andere ist mit fünfzig jung.

Die Großmutter ist zweiundsiebzig Jahre alt und hat noch das junge,

lebendige Herz! Aber nie hat Frau Hiller so sehr gewünscht, sich alt

und ruhig zu fühlen, als jetzt in dieser großen Zeit, in der die Jugend

vor dem Alter zu Grabe getragen wird.

In den vergangenen Wochen, als die Luft noch mild war, als der Regen

noch nicht so unablässig fiel und alle Wege grundlos machte, ist sie

oft stundenlang durch die angrenzenden Dörfer und Felder gewandert. Das

ist jetzt nicht mehr möglich. Man kann es kaum wagen, durch eine der

Promenaden in die Stadt zu gehen, und ist dann froh, wenn man wieder

im Warmen sitzt. Kein Mensch ahnt wie lang die Tage sich dehnen; kein

Mensch ahnt, was für Leidenswege ein armes Herz an solch langen Tagen

zurücklegt.

Oft flieht sie zu den Wachtmeistersleuten in die Küche. Da ist es immer

traulich, da hört man immer etwas Neues. Die alte Frau sitzt an der

Maschine und näht bunte Hemden fürs Rote Kreuz. Das ist Heimarbeit

und wird schlecht bezahlt. Aber man tut es gern. Fräulein Else näht

Knopflöcher, oder sie steht am Plättbrett und plättet. Dabei singt sie.

Sie hat eine hübsche, sympathische Stimme und, was die Hauptsache ist,

sie hat echtes Gefühl.

Wenn sie singt, wird man von einer guten, wohltuenden Traulichkeit

ergriffen, denn sie singt natürlich mit Vorliebe wehmütige Lieder vom

Scheiden und Sterben und Verlassensein.

Wäre sie eine Tochter aus vermögendem Hause, so wäre wahrscheinlich

an diese warme, angenehme Stimme etwas gewandt worden, und sie würde

kunstvoll singen. So aber ist sie wie der Vogel im Wald, der sein Lied

singt, wie es ihm gegeben ist. Und das ist das Wohltuende an ihrem

Gesang.

Daß diese Menschen, die alte Frau sowohl wie die Tochter, keine Damen

sind, daß sie ganz wundervoll einfach sind, das zieht Frau Hiller so

mächtig zu ihnen hin. Die beiden Frauen bringen es fertig, sie für

Stunden ganz gesund, ganz froh zu machen.

Im Anfang hat sie nur gewagt, hin und wieder eine halbe Stunde auf

dem großen, rotbraunen Sofa in der Küche zu sitzen. Sie wollte nicht

stören; sie glaubte, man lege sich ihretwegen irgendeinen Zwang auf.

Und sie hat wohl auch das törichte Gefühl gehabt, sich herabzulassen,

wenn sie bei den Leuten in der Küche säße. Genau wie ihr Junge mag sie

gefühlt haben, der es im Anfang nicht begreifen konnte, daß er sich

hier mit den Jungen aus dem Volk, mit den Bauernsöhnen und Handwerkern

eins fühlen sollte. Wie schnell hat er seine Vorurteile über Bord

geworfen, wie schnell ist ihm alles klein und lächerlich erschienen,

was ihm angeboren, anerzogen war. Heute sind alle Menschen einander

gleich, ein jeder von den wehrfähigen Männern hat denselben Wert fürs

Vaterland -- ein jeder von ihnen will sein Blut geben, und eine jede

Frau, ob aus hohem Stand oder aus einfachem, zittert und leidet um

dasselbe.

Um fünf Uhr, zur Kaffeezeit, liegt das altmärkische ‚Intelligenz- und

Leseblatt‘ in der gemütlichen Küche der Wachtmeisterswitwe, und um fünf

Uhr steht auch die große Kaffeekanne auf dem geblümten Tischtuch, und

Frau Hiller sitzt auf dem Sofa, neben ihr die alte Frau, und auf dem

Stuhl ihr gegenüber Fräulein Else. Das altmärkische ‚Intelligenzblatt‘

bringt gewöhnlich dasselbe, was schon am Morgen in einer Berliner

Zeitung gestanden hat. Die offiziellen Nachrichten sind genau die

gleichen. Aber das, was so ein Provinzblatt sonst noch bringt, ist ihr

neu und scheint ihr eigentümlich. Sie liest den beiden Frauen vor, die,

bis die Dunkelheit völlig einbricht, ihre Arbeit wieder aufnehmen. Die

Herdtür steht offen, die Kohlen glühen und werfen den roten Schein

auf den Boden. Wenn die Wachtmeistersfrau zum Nähen nicht mehr genug

sehen kann, strickt sie im Dunkeln an einem Strumpf, und Fräulein

Else plättet, ohne das, was sie plättet, noch erkennen zu können. Das

Petroleum ist knapp geworden; man darf die Lampen erst anzünden, wenn

man die Hand vor den Augen nicht mehr sehen kann.

Der Mangel an Petroleum ist unangenehm, aber er ist doch nichts

eigentlich Schlimmes, worunter man wirklich leidet. Doch genügt diese

erste Einschränkung, die dem Land auferlegt wird, um den Krieg auch

denen, die noch in Sicherheit, ohne jegliche Entbehrung dahinleben, ein

wenig näherzurücken.

Im Nachbarhaus haben sie davon gesprochen, das Mehl könne ausgehen;

wenn der Krieg bis Weihnachten nicht zu Ende sei, habe man kein Brot

mehr. Im Nachbarhaus wohnen Schwarzseher, das ist bekannt. Aber

dennoch! Fast jeder Krieg führt Hunger und Krankheit im Gefolge. Wer

weiß, was noch kommen wird! Wer weiß, wie der einzelne dastehen wird,

wenn dieses furchtbare Ringen zwischen den Völkern einmal vorüber ist!

Die drei Frauen in der warmen, dunklen Küche haben oft das

niederdrückende Gefühl, daß sie sich das Leben zu leicht und bequem

machen. Man heizt die Öfen und ißt sich satt -- genau wie in

Friedenszeiten. Man singt und erzählt sich Geschichten, und draußen

frieren und hungern und bluten sie. Gewiß, man näht, man strickt; aber

man möchte mehr tun!

Man möchte, möchte! Aber wo soll man angreifen?

Einmal kommt ein junger Arzt zur Wachtmeisterswitwe in die Küche

und trinkt den Kaffee mit den drei Frauen. Er erzählt von einem

Verwundetentransport, der in den nächsten Tagen eintreffen soll. Die

Lazarette stehen zum Empfang bereit; hilfreiche Hände sind zwanzigfach

mehr, als Bedarf ist, zur Stelle. Das ist entmutigend. Frau Hiller hat

früher den Samariterkurs durchgemacht. O, wenn sie helfen könnte! Nicht

im großen Berlin, wo so unzählige auf ihre Berufung warten! Aber hier,

im kleinen Altmärker Städtchen, hier, wo ihr Junge lebt, wo sie das

gute Heim gefunden hat.

Sie weiß genau: Sobald sie großes, wirkliches Unglück sieht, wird das

Leid des eigenen Herzens überwunden sein! Aber der Arzt bleibt dabei:

An Ärzten ist Mangel, an Pflegerinnen Überfluß. Die Wachtmeistersfrau

seufzt: „Es müßte einmal einen Frauenkrieg geben!“ und lächelt dabei;

aber sie rührt in Frau Hillers Herzen an eine wehe Stelle. Es leben so

viele, die überflüssig sind, und es leben so viele, die jede Stunde

gern bereit wären, den großen Weg ins Nichts zu gehen. Draußen lassen

die Besten des Volkes ihr Leben, und im Lande, für das gekämpft wird,

leiden und stöhnen Tausende von Überzähligen weiter.

Oben die Trompetersfrau hat seit drei Tagen ein kleines Mädchen; die

Geburt hat ihr fast das Leben gekostet. Ach, wäre es zu Ende gegangen

mit ihr, bevor das Kind die Augen aufschlug! Nun liegt sie bleich

und müd’ und fragt nach ihrem Mann. Wer wird den Mut haben, ihr die

grausige Wahrheit zu sagen? Wer wird es über sich bringen, ihr zu

sagen: ‚Du bist Witwe und dein kleines Mädchen war Waise, noch ehe es

geboren war!‘ --

Aber ein Unglück überholt das andere. Auch hier im Altmärker Städtchen.

Allein in den paar Häusern, die hier auf einem Block zusammen stehen,

ist Trauer und bitterer Schmerz in eine ganze Reihe von Familien

eingezogen. Eine junge Braut harrt Woche um Woche auf eine Nachricht

von dem, der in der Zeitung unter den ‚Vermißten‘ stand. Die Ärmste,

die mit ihren Gedanken in der weiten Welt herumirren muß, die von einer

Möglichkeit zu anderen tastet, die heute hofft und morgen in die

tiefste Verzweiflung sinkt, sie hat Schlimmeres durchzufechten als die,

der eine bittere, furchtbare Tatsache mitgeteilt wird.

Frau Hillers Mitleid aber gehört der Frau des Trompeters. Das

Schlafzimmer der Wöchnerin liegt über dem ihren. In der Nacht hört

sie das kleine Geschöpfchen schreien. Lange hat sie kein kleines Kind

schreien hören; lange ist es her, seit sie bei einer jungen Mutter

geweilt hat. Wenn sie in der Nacht nicht schlafen kann, hat sie den

Wunsch, oben im Zimmer bei der armen Frau und dem neugeborenen Kind

sein zu dürfen. Eine alte Person aus des Trompeters Verwandtschaft ist

zur Pflege da. Sie schlurft durch die Zimmer, und man hat das Gefühl,

das ihr die Pflege vielleicht zu viel wird, daß sie oft verdrossen ist.

Jede Nacht träumt Frau Hiller, daß sie das Kind im Arm hält und am Bett

der Mutter sitzt. Es wäre etwas so Einfaches und Natürliches, daß sie

hinaufginge und ihre Hilfe anböte. Aber jeden Morgen ist sie verzagt

und weiß nicht, wie sie eine Verbindung finden soll.

Die junge Wöchnerin kann sich nicht erholen. In den Fluren des Hauses

stehen die Frauen und reden und reden. Die Ärmste fragt unablässig

nach ihrem Mann. Warum schreibt er nicht? Das geht doch nicht mit

natürlichen Dingen zu, daß er nicht schreibt!

Die Qual des Wartens reibt sie auf; auch das Kindchen leidet unter der

Pein der Mutter. Die Frauen aus dem Haus sind jetzt übereingekommen,

daß man ihr die Augen öffnen muß. Ewig kann man sie nicht in der Lüge

erhalten, und wenn sie erst auf ist, kann sie es durch irgendeinen

Zufall erfahren. Aber wer fühlt sich berufen, die Nachricht zu

überbringen?

Die Wachtmeistersfrau sieht eines Tages Frau Hiller mit forschenden

Augen an, dann sagt sie: „Am besten ist’s, eine ganz Fremde geht zu

ihr! Alle im Haus haben Angst, es ihr zu sagen!“ Und die Augen der

alten Frau sprechen eine Bitte aus: ‚Wollen Sie es übernehmen‘?

Man sieht ihr neugierig nach, als sie die Treppe hinaufgeht. Es ist

Krieg -- ist Ausnahmezustand: warum soll da nicht die fremde Frau zu

der armen Witwe gehen und ihr das Traurige melden? Die wird am ersten

die richtigen Worte finden.

Ach, aber Frau Hillers Träume hatten sie doch wohl irregeführt. Sie

hat sich gedacht, gleich eine Verbindung von Herz zu Herz zu finden;

doch wie sie oben im halbdunklen Schlafzimmer steht, kommt es wie

Verzagtheit über sie. Die blasse Frau im Bett fühlt sich verlegen und

beginnt, sich wegen der Einfachheit, in der sie lebt, zu entschuldigen.

Das Kind schreit, und die alte Pflegerin steht in der Mitte vom Raum

und macht keine Miene, zu gehen.

Frau Hiller hat ein paar Leckerbissen und Blumen mitgebracht; sie gibt

es der Kranken, und die dankt mit viel zu viel Worten. Die Pflegerin

fragt, ob sie der gnädigen Frau Kaffee bringen dürfe, und weicht nicht

von der Stelle. Frau Hiller rückt sich einen Stuhl neben das Bett und

fragt nach allerlei Dingen. Sie hofft, die Kranke müsse von dem, was

sie bewegt, sprechen. Aber das tut sie nicht, denn sie spricht nur

vom Krieg im allgemeinen, von der Verwirrung im ganzen Städtchen, von

den Umzügen, von dem Alarm drüben in der Kaserne in den ersten Tagen.

Die arme Frau glaubt, ihren Gast unterhalten zu müssen; es hat etwas

Erschütterndes, wie sie darauf bedacht ist, über den eigenen Kummer zu

schweigen.

Die Pflegerin beugt sich über die Kranke und flüstert ihr etwas ins

Ohr. Das Kindchen muß Nahrung haben, und man sieht den Besuch ängstlich

fragend an.

Frau Hiller nimmt das Kind aus dem Arm der alten Frau und legt es an

die Brust der Mutter. Nun sind sie sich um vieles nähergerückt. Die

Frau lächelt sie dankbar an, und wie sie nun in den Kissen liegt,

sieht Frau Hiller erst, wie jung und lieblich dies Gesicht ist. Große,

ausdrucksvolle, dunkle Augen hat sie, und einen schönen, vollen Mund.

Die Pflegerin muß zu Einkäufen in die Stadt fahren. Soll sie warten,

bis das Kleine gestillt ist, oder wird die Dame noch eine kleine

Stunde bleiben? Frau Hiller ist glücklich, daß sie bleiben darf. Sie

sieht, wie das feine Mündchen des Kindes sich in die Brust der Mutter

eingräbt; sie fährt mit der Hand über das weiche Köpfchen. So hat sie

einst ihren Ernst gehalten; so wie dies ganz kleine Kindchen hier zur

Mutter gehört, hat ihr Junge einst ihr gehört! Unausdenkbar, daß man so

eins war, daß so ein Kindchen einmal nichts anderes als ein Stück von

der Mutter war. Weh wird ihr ums Herz, als sie dies stille, traurige

Glück sieht.

Das Kindchen schläft ein; das Mündchen läßt die Brust fahren, und Frau

Hiller trägt das kleine Geschöpf zu seinem Korb zurück. Die Frau bleibt

wie erschöpft in den Kissen liegen; sie wirkt wie ein Bild, von einem

alten Maler gemalt. Solch ein tiefes Leiden in den zarten Zügen! Frau

Hiller nimmt eine der blassen Hände in die ihren. Ihr ist’s, als sei

diese Frau ihre Schwester, als gehöre sie ganz eng zu ihr. Ihr Herz

ist von überquellender Liebe, voll tiefem, tiefstem Mitleiden.

Aus ihrer Hand geht der Strom heißen Fühlens ins Herz der anderen über.

Sie hat jetzt vergessen, daß die Frau, die an ihrem Bett sitzt, eine

Fremde ist. Der matten Hand tut der warme Druck wohl. Die Seele wird

weich und mitteilsam. Und sie macht der, die zu ihr gekommen ist, ihr

das Bittere mitzuteilen, ihr Amt leicht.

„Wenn man weiß, daß einer tot ist, daß es nichts mehr zu hoffen gibt,

dann kommt wenigstens Ruhe in den Kopf!“ klagt sie. Frau Hillers Hand

umschließt die der Kranken fester. Ihr Herz ist erregt, es schlägt so

laut, daß es ihr ist, als müßte man den lauten Schlag im Zimmer hören.

„Jede Nacht höre ich ihn rufen! Jede Nacht sehe ich ihn irgendwo liegen

und höre ihn stöhnen!“

Sie wendet das Gesicht zur Seite, die matte Hand zuckt in Frau Hillers

Händen.

„So viele von uns müssen jetzt dasselbe leiden!“ kommt es zaghaft aus

deren Mund.

Das ist immer ein matter Trost; weiß sie doch von sich selbst, daß

ein Schmerz nicht weniger bitter wird, wenn man sich sagt, daß viele

dasselbe zu leiden haben.

Die Frau im Bett richtet sich auf. Ihr Gesicht hat sich verändert; die

Augen starren in eine Ecke, um den Mund liegt ein harten Zug. „Ich habe

alles verloren, seit ich nicht mehr weiß, wo er ist! Ich kann nicht

mehr beten -- ich kann mich nicht an dem Kind freuen. Ich weiß nur

eines: wenn ich nicht bald Gewißheit habe, verliere ich den Verstand,

und ehe ich den Verstand verliere, mache ich ein Ende -- auch mit dem

armen Wurm da!“

Wie sie das vor sich hinspricht -- ohne Bewegung im Gesicht -- ohne Ton

in der Stimme, fühlt Frau Hiller, daß dies arme Weib wirklich am Ende

seiner Kraft ist, fühlt, daß dieser Kopf nicht viel mehr ertragen wird.

Sie drückt den noch schwachen Körper in die Kissen zurück. Sie beugt

sich so dicht zum Gesicht der jungen Mutter, daß sie es fast mit dem

ihren berührt.

„Und wenn Sie nun die Gewißheit hätten! Wenn jemand ihnen mit

Bestimmtheit sagte: Er lebt nicht mehr! Er hat den schönsten Tod, den

ein Mensch finden kann, erlitten!“ sagt sie unsicher und erregt.

Die Frau sieht sie ungläubig an; das blasse Gesicht verzerrt sich. Aber

dann geht eine Veränderung mit ihr vor. Sie weiß nun auf einmal, warum

die fremde Frau zu ihr herausgekommen ist in ihr armes Stübchen. Sie

begreift mit einem Male alles. Die aus dem Hause haben es längst gewußt

und haben nicht den Mut gehabt, ihr die Wahrheit zu sagen. Da haben sie

die Fremde hier heraufgeschickt. Sie zweifelt keinen Augenblick mehr.

Der Mann ist tot. Sie ist Witwe, das Kind ist Waise. Ein einziges Jahr

des Glückes -- dann aus!

Sie sagt nichts mehr. Übers bleiche Gesicht strömen Tränen. Sie läßt

ihre Hand in Frau Hillers Händen.

Still ist’s um die beiden -- fast dunkel im Zimmer. Aus dem Nebenraum

tönt das Ticken einer Uhr.

Tiefer Frieden hier drinnen. Aber draußen in der Welt tobt die Wut der

Völker weiter; was gilt der einzelne Mensch, der unter den Millionen,

die sich in wildem Haß bekämpfen, steht? Fällt er, so fällt er; sein

ist die Ruhe. Aber jeder, der da draußen sein Leben läßt, stirbt nicht

für sich allein. Jede Wunde, die auf dem heißen Felde geschlagen wird,

reißt schlimmere Wunden bei denen, die zurückblieben, die sich im

Alltag weiterschlagen müssen!

Wer ist schlimmer daran? Wer hat das größere Leid getragen? Der

arme Trompeter ist als Held gestorben, ist erlöst! Wenn man es noch

fertigbringt, an eine Gerechtigkeit jenseits dieser unharmonischen Welt

zu glauben, wird er zu ewiger Glückseligkeit gelangt sein. Die Frau

aber mit dem Kind hat ein langes, schweres, graues Leben vor sich.

Frau Hiller fühlt, wie die Hand in der ihren schlaff wird. Sie beugt

sich über das weiße Gesicht. Die Augen sind geschlossen. Ruhige

Atemzüge -- ein guter, friedlicher Zug um den Mund. Sie schläft.

Durchs Nebenzimmer schlurft die alte Pflegerin und kommt ans Bett.

Frau Hiller löst ihre Hand von der der Schlafenden. „Haben Sie ihr’s

gesagt?“ fragt die Frau und atmet erleichtert auf.

Sie bringt Frau Hiller bis zur Treppe. „Na, nun wird’s ja bald gut

werden. Der Mensch kann alles aushalten -- nur Ungewißheit nicht!“

Unten im Flur springt Mirza an ihr hoch. Der kleine Husar steht in der

Küche bei den Wachtmeistersleuten, denn er hat eine freie Stunde und

will mit der Mutter zu Nacht essen.

Strahlend erzählt er, daß sie gegen Typhus geimpft wurden. „Eine ganze

Menge ist schlapp geworden!“ erzählt er. „Nun weiß man doch wenigstens,

daß die Sache in Gang gebracht wird -- daß man in absehbarer Zeit

hinauskommt!“ Im dritten Monat sind sie in der Kaserne; das soll einer

aushalten. Man putzt Pferde und Knöpfe und Sattelzeug fürs Vaterland,

und bei den anderen Regimentern haben die Freiwilligen schon große

Schlachten mitgeschlagen und Eiserne Kreuze erworben.

* * * * *

Nun kommen die Russen also doch ins Altmärkische Städtchen. Die

Wasserleitung ist bis zu den großen, durch doppelten Stacheldraht

eingezäunten Plätzen hinausgelegt worden. Hohe elektrische Bogenlampen

bestrahlen die weiten Flächen, auf denen jetzt Tag und Nacht gearbeitet

wird. Baracken sind notdürftig aufgebaut, eine große Küche ist

eingerichtet worden. Kaufleute aus der Stadt erzählen von gewaltigen

Aufträgen, die sie zur Verpflegung des Russenlagers erhalten haben.

Alle Welt spricht nur noch von den Russen! Wie mögen sie aussehen? Man

freut sich und fühlt doch ein leichtes Grauen. Fünfzehntausend Mann

sollen gebracht werden! Eine ganze Horde Feinde in allernächster Nähe!

Eines Tages, als die Freiwilligen sich zum Abendapell versammeln,

bekommen sie einen Befehl, der sie mit Freude erfüllt. Sie haben ihre

Pferde zu satteln, werden zum Bahnhof reiten, um die Russen, die am

späten Abend eingeliefert werden sollen, in Empfang zu nehmen. Das

Gesicht der jungen Menschen leuchtet auf. Endlich etwas Kriegerisches!

Endlich mal einen Auftrag, der unmittelbar mit dem Krieg zusammenhängt!

Aber der Wachtmeister legt ihnen einen Dämpfer auf. Ernst und

würdig müssen sie den Feind empfangen. Keiner darf reden -- keiner

irgendwelche Teilnahme bezeigen. Mit gefällter Lanze und geladenem

Karabiner haben sie auf ihrem Pferd zu sitzen und langsam den Zug zu

begleiten. Geschieht etwas Unerwartetes, geht die Sache nicht glatt

von sich, so haben sie auf Befehl von der Waffe Gebrauch zu machen.

Die Russen kommen also doch. Tag und Stunde der Ankunft sollte

Geheimnis bleiben im Städtchen. Aber man hat es doch erfahren.

In einer kleinen Stadt erfährt man eben alles. Wozu sollten die

Absperrungsmaßregeln am Güterbahnhof getroffen worden sein, wenn nicht

für die Ankunft des Feindes? Die Russen kommen! -- die die Russen

kommen!! -- jedes Kind weiß es.

Aber alles Interessante in dieser Zeit geschieht bei Nacht;

Mannschaften und Pferde, die ins Feld ziehen, alles wird bei Nacht

transportiert. Vor kurzem sollen fünfhundert gefangene Franzosen

durchgekommen sein und am Bahnhof eine Stunde gelagert haben. Auch in

der Nacht! Kein Mensch hat etwas von ihnen gesehen! Aber die gefangenen

Russen wird man sehen, denn die bleiben ja nun für lange Zeit am Ort.

Solange der Krieg dauert, bleiben die hier, und der Krieg kann noch

lange dauern. Kein Mensch glaubt mehr daran, daß Weihnachten Friede ist.

Die Deutschen wollen jetzt gar keinen schnellen Frieden mehr! Sie

wollen bis zum Äußersten durchhalten! Was England dem Deutschen Reich

anzutun gedachte, das werden die Deutschen nun den edlen Briten

zufügen! Der Haß gegen die Engländer lebt bis ins kleinste Kinderherz

des ganzen deutschen Vaterlandes hinein.

Man freut sich, wenn Russen oder Franzosen Niederlagen erleiden und

große Verluste haben. Der kleinste Triumph aber über England löst

ungeheuren Jubel aus.

So feig ist der Brite, hat seine Flotte in die Irische See gebracht und

wagt sich zu keinem Angriff vor.

Deutschland soll angreifen, soll sich preisgeben, soll plump

hereinfallen. England lebt nur noch von Lüge und Betrug.

Die erste Nation der Welt hat sich die Lüge zur Politik gemacht. Ob die

Welt das duldet? Ob England sein Ansehen unter den Völkern behaupten

wird, wenn dieser gewaltige, unselige Krieg einmal zu Ende ist? Die

Kinder im Städtchen, die auf den Plätzen und in den Anlagen Krieg

spielen und die Rollen der Feinde untereinander verteilen, geben sich

gern dazu her, Franzosen, Russen oder Belgier zu sein. Den Engländer

aber will keiner abgeben; wer im Spiel Engländer sein muß, der schämt

sich und verlangt dafür, daß er beim nächsten Spiel Deutscher sein muß.

Frau Hiller steht mit Fräulein Else in der Tür des Hauses, als die

Freiwilligen aus dem Kasernentor herausreiten. Wie ihr kleiner Ernst

nun schon sicher auf dem Pferd sitzt! Er nickt der Mutter zu, und der

große Zug schmucker Husaren, den Karabiner über der Schulter, die Lanze

im Arm, bewegt sich die lange Straße hinab, dem Bahnhof zu.

Fräulein Else hat den lebhaften Wunsch, sich die Sache anzusehen. Am

Bahnhof ist natürlich alles abgesperrt, da kann man nicht durch. Aber

wenn man mutig ist, geht man zum Lager selbst hinaus. Es ist ja nicht

gefährlich, denn der Mond scheint, und draußen beim Lager brennen die

hohen Bogenlampen.

Aus der Kaserne kommt der junge Arzt, der die Wachtmeistersleute hin

und wieder besucht und mit ihnen in der Küche Kaffee trinkt. Fräulein

Else läuft ihm entgegen und bringt ihr Anliegen vor.

Der Arzt ist selbst auf dem Wege zum Exerzierplatz. Er hat das Amt,

nach den leichtverwundeten Russen, die schon am Morgen ankamen und im

großen Saal eines Bierrestaurants, dicht beim Lager, untergebracht

sind, zu sehen. Er begrüßt Frau Hiller und erklärt sich bereit, die

Damen zu begleiten. Mirza läuft mit ihnen.

Es ist eine kühle, sternklare Nacht, und sie biegen gleich links von

der Kaserne in einen schmalen Weg ein. Rings um sie herum sind Felder;

ein Bächlein rieselt da durch, der Mond gießt weiches Licht auf die

Erde, und der Arzt erzählt von den Einrichtungen, die für die Russen

getroffen worden sind. Am Bahnhof, in einem Lazarett, liegt eine

Anzahl Schwerverwundeter. Ein paar von ihnen werden in allernächster

Zeit ihren Wunden erliegen. Entsetzliche Verletzungen haben sie

davongetragen.

Arme Teufel! Es ist eine Grausamkeit, daß man sie leiden läßt, daß man

sie nicht erlösen darf, da man doch genau weiß, daß sie in ein paar

Stunden oder Tagen unter namenlosen Qualen sterben müssen.

Frau Hiller hat sich in Fräulein Elses Arm gehängt, denn sie gehen über

Stoppeln, und das Mondlicht tanzt unsicher auf dem holprigen Boden. Es

ist ein weiter Weg bis zum Russenlager hinaus; alles totenstill um sie

her, kein Mensch begegnet ihnen, nur Mirza bellt hin und wieder, wenn

er irgendwo etwas Lebendiges wittert.

Dem Russenlager gegenüber erhebt sich ein kleiner Hügel; wenn man da

hinaufsteigt, überschaut man den ganzen, weiten Platz wie ein Theater.

Der junge Arzt zieht die Uhr. „Die Damen werden noch eine gute Stunde

warten müssen,“ sagt er. „Sind Sie nicht ängstlich?“

Nein, ängstlich sind sie nicht! Wer soll ihnen etwas tun, sie haben ja

auch Mirza bei sich, und wenn er auch nicht viel ausrichten kann, so

würde er doch wenigstens bellen, wenn sich etwas Verdächtiges zeigte.

„Aber es ist kalt, und es wird Ihnen noch etwas langweilig werden,

so lange dem leeren Platz gegenüberzustehen. Wenn Sie Lust und Mut

haben, so kommen Sie mit mir und schauen sich an, wo wir unsere

leichtverletzten Feinde untergebracht haben!“

Fräulein Else kämpft mit einem leisen Unbehagen, aber Frau Hiller ist

freudig überrascht. Nicht Neugierde drängt sie, aber in der Nacht denkt

sie oft über das Schicksal der Gefangenen, die krank ins Land ihrer

Feinde kommen, nach. „Wenn ich nur einen Blick in den Saal werfen

darf!“ Sie nimmt dankbar das Anerbieten des jungen Arztes an.

Er führt sie ein Stück Weges zurück durch einen Garten, in dem den

Sommer über Tische und Bänke standen, und wo sich lustiges Leben

abzuspielen pflegte. Jetzt ist alles dunkel und einsam.

Ein paar Stufen führen zum Eingang des Hauses hinan; man geht durch

den Restaurationsraum, in dem ganz wenige Gäste sitzen, und kommt in

den großen Tanzsaal. Starker Karbolgeruch dringt ihnen entgegen, und

Fräulein Else hält sich die Nase zu. „Hu, wie das riecht!“

Der Arzt geht voran, und die beiden Frauen bleiben am Eingang an einer

Säule stehen. Von der Decke herab hängen große Lampen, die weißes Licht

ausstrahlen. An der Erde, auf Matratzen, die eilig hierhergeschafft

wurden, weil man nicht auf so viele Kranke gerechnet hatte, liegen die

Verletzten; in voller Uniform liegen sie da, und einige haben sogar die

Mütze auf dem Kopf.

Seltsam mutet dies Bild an -- traurig -- öd -- unfreundlich! Die

Lazarette, die in der Stadt sind, haben weiße Betten und weiße Möbel,

alles wirkt da hell und freundlich, so daß man das sichere Gefühl hat:

der hier liegt, muß gute und friedliche Gedanken bekommen.

Dieser Saal aber, der so hastig hergerichtet werden mußte, hat etwas

Beklemmendes. Aber sie liegen zum wenigsten warm. Sie haben Pflege

und reichliches Essen. Gott mag wissen, ob es den Unseren, die als

Gefangene in ihr Land kommen, ebenso gut ergehen mag.

Der Arzt tritt an einen Tisch, an dem zwei junge Leute mit dem

Abzeichen des Roten Kreuzes auf dem Arm stehen. Er läßt sich Bericht

erstatten und geht dann von Bett zu Bett. Die meisten der Gefangenen

sprechen deutsch, und einige von ihnen sehen intelligent aus.

Auf der Matratze eines Schlafenden sitzt ein junger Mensch, der den

Kopf in die Hand gestützt hat. Von ihm kann Frau Hiller ihre Blicke

nicht lösen, denn etwas unsäglich Trauriges geht von ihm aus. Man soll

kein Mitleid mit den Feinden haben! Man soll an die Greueltaten, die

sie schon in unserer Heimat angerichtet haben, denken. Was wollen sie

denn mehr als das, was man ihnen hier bietet: ein warmes Lager, Essen

und Trinken und die nötige Pflege? Geht es uns etwas an, ob sie sonst

noch leiden, ob sie Heimweh haben, ob ihre Seele belastet ist?

Der junge, energische Arzt tritt an das Bett des Schlafenden und

rüttelt den, der wie weltentrückt dasitzt, an der Schulter. Der fährt

auf und sieht den Arzt erschrocken an. Er hat nur einen Streifschuß an

der Hüfte und ist schon fast ganz wiederhergestellt. In einem Tag oder

zwei wird er zu den anderen ins Lager kommen. Der Schlafende scheint

doch aber eher zu den Schwerverletzten zu gehören; der hat einen

Lungenschuß und sein Atem geht röchelnd.

Der Arzt sieht ihn an und läßt ihn schlafen, dann tritt er zu den

Frauen Er erklärt Frau Hiller die einzelnen Fälle. Der junge Mensch,

der wieder in seiner versunkenen Stellung, den Kopf in die Hände

vergraben, dasitzt, ist der Bruder des Schlafenden. Der Arzt hat sich

am Morgen mit ihm unterhalten, denn er spricht deutsch ebenso geläufig

wie russisch, und hat ihm mitgeteilt, daß er ganz nahe der Grenze

zu Hause sei. „Wollen Sie sich mal von ihm selbst seine Geschichte

erzählen lassen?“

Fräulein Else machte entsetzte Augen, und auch Frau Hiller möchte

abwinken. Aber der Arzt ist schon zu dem jungen Menschen hingegangen

und kehrt mit ihm zu den zwei Frauen zurück. Er hat ein sympathisches

Gesicht, und man sieht sogleich, daß er kein gewöhnlicher Mensch ist.

Er sieht jetzt auch gar nicht mehr so schwermütig aus und erzählt

fließend und anscheinend gern, wie er in den Krieg gekommen ist.

Er und sein Bruder, der hier liegt, waren Beamte auf einem großen Gut,

hatten Urlaub bekommen und waren gerade im Begriff, zu Eltern und

Geschwistern in die Stadt zu fahren. Da heißt es: „Großes Manöver!“ Man

rüstet sich und denkt: In drei Tagen ist man frei! Da steht man auch

schon dem Feind gegenüber. Entsetzlich! Kein Mensch hat ihnen etwas vom

Krieg gesagt! Wochenlang liegen sie hinter Wällen -- immer er mit dem

Bruder zusammen -- schlechtes Essen -- trübe Nächte, und die Deutschen

schießen wie die Verrückten! Ende September haben sie sich ergeben --

der Bruder mit einem Schuß in den Rücken, er mit der Hüftwunde, die

schon fast ganz ausgeheilt ist.

Mit dem Bruder war es anfänglich auch nicht so schlimm; er konnte noch

ganz gut gehen und sitzen, aber der lange Transport hat ihm geschadet

-- nun muß er vielleicht sterben! Da nimmt das Gesicht wieder den

schwermütigen Ausdruck an. Die Angst um den Bruder mag ihm das Herz

zuschnüren, denn man sieht und fühlt aus allem, daß er den Bruder

zärtlich liebt. Er ist noch blutjung und hat ein kluges Gesicht. Nun

erfährt er nichts mehr vom Krieg, wird nicht hören, wie es um sein Land

steht, und wie lange die Gefangenschaft dauert!

„Danke,“ sagt der Arzt in dem Augenblick, in dem der junge Mensch

anfängt von seinen Gefühlen zu reden. Das klingt schroff, und Frau

Hiller und Fräulein Else sehen ihn vorwurfsvoll an. Kein Mitleid mit

den Feinden! Frauen aber können sich schwer dem Mitleid verschließen!

Der junge Mensch sitzt wieder ganz versunken am Lager des Bruders. Was

mag er nun gegen die empfinden, denen er Rede stehen mußte über das,

was sie hören wollten, und auf deren Gebot er schweigen mußte, als das,

was er zu sagen hatte, ihnen nicht mehr paßte?

Frau Hiller sieht zu ihm hin und stellt sich vor, daß ihr Junge eines

Tages so im fremden Land sitzt, den Kopf in die Hand gestützt, das Herz

voll Verzweiflung, und daß er vielleicht vorgerufen wird und Frauen

aus Feindesland Rede stehen muß und fortgeschickt wird, sobald ihre

Neugierde befriedigt ist. Sie schämt sich und hat das Gefühl, zum Leid

eines armen Menschen noch Haß und Verbitterung gesellt zu haben.

Der Arzt zieht seine Uhr. Er hat in dieser Nacht hier nichts mehr zu

tun und greift zu Hut und Mantel. „In einer Viertelstunde kann übrigens

der Transport beim Lager ankommen, also gehen wir!“

Draußen atmen sie tief auf. Eine klare Nachtluft empfängt sie und kühlt

den erhitzten Kopf. Mirza, der im Gastzimmer geblieben war, springt

hoch an Fräulein Else in die Höhe. Die Sterne funkeln, und der Mond

macht die Erde silbern. Es ist eine köstliche Spätherbstnacht!

Sie steigen auf den Hügel und sehen die Welt wie ein Märchen vor

sich liegen. Weit dehnen sich die vom Drahtzaun eingefaßten Flächen

vor ihnen aus, und die Bogenlampen werfen ein geisterhaftes Licht

darüber. Zu allen Seiten sind weite Felder, und der Blick kann in die

Unendlichkeiten schweifen. Nirgends ein Hemmnis, denn öd und flach ist

das altmärkische Land!

Frau Hiller wendet sich der Seite zu, wo die Stadt mit ihren

Kirchtürmen liegt. Ganz verschleiert nur sieht man die Umrisse. Es ist

beklemmend still oben auf dem kleinen Hügel; keiner von den dreien

spricht ein Wort, und Fräulein Else hat den frierenden Hund auf die

Arme genommen. Ein leiser Wind raunt durch die letzten Blätter der

Bäume, und hin und wieder schwirrt ein Vogel durch die Luft.

Frau Hiller ist es, als beginne ihre Seele zu fliegen -- sie sieht

Dinge, die noch kein Mensch gesehen; sie weiß und versteht Dinge, die

niemand auf Erden begreifen kann. Ihr ist, als öffnen sich Tore vor

ihr, die sich erst dem erschließen, der sein irdisches Leben abgeworfen

hat.

So oft in diesen unseligen Zeiten, seit der Krieg begann, hat sie

an allem, was sonst ihre Zuflucht gewesen, zu zweifeln begonnen: an

dem Gott, der die Geschicke der Menschen in der Hand hält, der über

Recht und Unrecht entscheidet. In dieser Nacht aber wird ihr ein

Gnadengeschenk. Der Himmel öffnet sich ihr, und sie sieht in Pracht

und Herrlichkeit hinein. Sie sieht mit den Augen eines Kindes, dem ein

Märchen erzählt wird. Sie sieht Gott mit dem milden Antlitz und dem

Glorienschein ums Haupt, wie ihn fromme Kinder sich vorstellen. „Wer

sein Leben unschuldig hingibt, der wird hier oben bei mir die Seligkeit

erlangen!“ hört sie ihn sagen. Da weiß sie wieder, daß das, was man

sie in der Jugend lehrte, doch wahr ist. Die paar Jahre, die der

Mensch hier unten auf der Erde hinzuwandern hat, die sind also nichts

anderes als die Vorbereitung für die Ewigkeit da oben! Alle Menschen

bekommen das in ihrer Kindheit gesagt, aber sie vergessen es, oder

sie wachsen darüber hinaus. Und weil jeder nur an das eine Leben hier

unten denkt, kommt so viel Böses und Hartes und Schlimmes in den Herzen

auf, -- darum auch ist der Neid und der Haß unter den Völkern so groß

geworden -- darum schlachten sich die Menschen jetzt hin! Jeder will

für dies eine Leben, an das er glaubt, alles für sich zusammenraffen --

keiner denkt an die Herrlichkeit da oben und darum will keiner arm und

bescheiden und gut bleiben. Wie verblendet sind die Menschen geworden!

Der Arzt faßt Frau Hiller leise am Arm, und im selben Augenblick ist

die Traumwelt versunken. Vom Dom und von der Marienkirche schallen

Glockentöne: es ist Mitternacht.

Der Arzt deutet mit der Hand nach der großen Straße hin, die vom Tor

hier heraus zu den Exerzierplätzen führt. In weiter Ferne hört man

Pferdegetrappel, hört die Marschschritte der Gefangenen.

„Sie kommen! Sie kommen!“ ruft Fräulein Else und läßt Mirza aus ihren

Armen gleiten.

Das Auge kann erst allmählich unterscheiden; man sieht etwas wie

eine graue Schlange heranziehen. Es kommt näher und näher. Das

Pferdegetrappel schlägt jetzt schon ganz deutlich ans Ohr, man kann die

Umrisse der Reiter erkennen.

Ein Schauer geht durch die beiden Frauen. Der Krieg ist ihnen mit

einmal ganz nahe gerückt! Der Feind, der Deutschland in Stücke zerhauen

will, kommt als Gefangener ins Land! Man hat all die Tage gar nicht

darüber nachgedacht, was das eigentlich so recht bedeutet. Auch vorhin

bei den armen Verwundeten hatte man nicht das Gefühl eines Triumphes.

Nun aber, da der Trupp näher und näher kommt, erschauert man unter der

Größe des Augenblicks.

Sie sind schon ganz nahe! Zwei Vorreiter sind am Stachelzaun angelangt.

Eine Tür wird geöffnet -- eine Anzahl Soldaten bilden Spalier -- die

Husaren verteilen sich rund um den weiten Platz herum, und die ersten

Russen betreten das Lager. Still alles ringsumher, nur das Marschieren

der Truppen und das Aufschlagen der Pferdehufe ist hörbar.

Die Russen tragen braune Mäntel, die sich kaum vom Erdboden

unterscheiden; sie fließen durch die schmale Tür auf den weiten Platz

wie eine Masse, die eine Form füllen soll. Unabsehbar dehnt sich der

Zug der Anmarschierenden hin; man hat gar nicht mehr die Empfindung,

daß diese wogende Menge, die hier einzieht, aus einzelnen Menschen

besteht. Man sieht nur noch das Ganze, das durch die enge Tür quillt,

das anschwillt, das wie ein Meer auf und nieder wogt!

Werden sie alle Platz haben? Wird ein jeder ein kleines Stück Boden für

sich finden, wo er sich zur Nacht ausstrecken kann? In Baracken und

Zelten ist Stroh aufgeschüttet worden. Gegen Sturm und Kälte sind sie

also genügend geschützt. „Viel zu human,“ sagt der Arzt, der zwischen

den beiden Frauen steht. „Wer weiß, wie sie mit den Unseren umgehen,

die in ihr Land kommen?“

Es ist gut für Frau Hiller, daß ihr Mitleid eingedämmt wird, daß sie

es immer wieder hört: „Wie werden die Deutschen, die in Feindesland

kommen, aufgenommen werden?“ Dann denkt sie an ihren Ernst -- und das

Herz wird hart gegen Deutschlands Feinde.

Aber immer wieder bricht der Schmerz und der Jammer um all das Leid,

das in die Welt gekommen ist, in ihrer Seele hervor. Wer hat diesen

furchtbaren Krieg gewollt? Wer hat die Brandfackel in die Welt

geschleudert? Welcher verruchte Kopf ist es, der die Massen aufwiegelte

-- wessen Seele wird einst Verantwortung tragen müssen für das

namenlose Leid, für den grenzenlosen Jammer, der jeden einzelnen, der

doch nichts anderes als ein armes Werkzeug ist, trifft?

Die Husaren auf ihren Pferden stellen sich rund ums Lager auf, immer

noch mit gefällter Lanze, immer noch zum Angriff bereit. Aber die

Gefangenen gehen friedlich, wie Vieh, das in den heimatlichen Stall

zieht, in ihr Lager hinein.

Von der Stadt her kommt der Landsturm angezogen; der hat die Wache zu

übernehmen. Die Nacht ist vorgeschritten; ein Frösteln geht durch die,

die oben auf dem Hügel stehen. Der Wind, der bislang wie ein Raunen

durch die Kronen der Bäume gezogen ist, wird stärker. Am Himmel treiben

Wolken, die Sterne sind verschwunden, und der Mond ist fahl geworden.

Nun ist der letzte Russe ins Lager eingezogen; die Tür schließt sich.

Zwei Wachtmeister kommandieren die Husaren, die sich zu Reihen ordnen.

Frau Hiller schaut auf den Zug, der sich zur Stadt bewegt.

Da kommt wieder das große Staunen in ihre Seele. Das Kind, das bislang

ihr eigen war, ihr kleiner Ernst, ist einer von den Husaren, die hier

eine so ernste, feierliche Mission verrichtet haben. Welcher mag es

sein?

Jeder einzelne wird ein paar Sekunden lang von dem hellen Licht der

Bogenlampen bestrahlt; aber sie hat ihren Jungen nicht erkannt!

Stolz und Schmerz kämpfen wieder gegeneinander. Der Stolz sagt:

‚Freue dich, daß du dem Vaterland einen Sohn zu geben hast!‘ Aber der

eigennützige Schmerz sagt: ‚Ich habe ihn geboren -- ich habe ihn groß

gezogen, und nun, da ich einen guten Kameraden an ihm hatte, muß ich

ihn hingeben!‘

Sie stehen noch eine Weile auf ihrem Hügel; sie sehen, wie der

Landsturm sich rings ums Lager verteilt.

Drinnen, innerhalb des Drahtzaunes, wogen die Massen auf und nieder

-- Tausende von einzelnen Leben, die nun zu einem großen Ganzen

verschmolzen sind! Tausende von Köpfen und Herzen, die hier leiden

werden!

Und zu diesen Tausenden, die hier in der Fremde die Gefangenschaft

erdulden müssen, gehören wieder Tausende in der Heimat, die mit ihnen

leiden -- deren Seelen dunkel und verzagt sind. Die ganze Welt ein

einziger Jammer -- ein einziger Weheschrei! Wer hat diesen unseligen

Krieg heraufbeschworen? Wer trägt die Schuld, daß die Welt in solche

Finsternis geraten konnte?

Der junge Arzt mahnt zur Heimkehr. Das Schauspiel ist vorüber; das, was

man jetzt sieht, wird man durch Wochen -- durch Monate -- vielleicht

noch ein ganzes Jahr hindurch sehen können, denn der Krieg hat noch

lange, lange nicht ausgetobt!

* * * * *

Die Großmutter hat sich zur Reise ins Altmärker Städtchen aufgemacht.

Das ist ein großer Entschluß für sie gewesen, denn mit zweiundsiebzig

Jahren reist man nicht mehr ganz leichten Herzens wie in der Jugend,

durch die Welt. Und ganz besonders in diesen Zeiten nicht, in denen man

noch gar nicht auf regelmäßige Beförderung rechnen kann; in denen noch

immer Überraschungen an der Tagesordnung sind: Truppenverschiebungen,

Gefangenentransporte oder erweiterter Güterverkehr, der die

Personenbeförderung einschränkt.

Großvater ist gar nicht damit einverstanden, daß die alte Frau die

Fahrt, die noch dazu sehr umständlich ist, wagen will. Da sie aber

hartnäckig ist, hat er ihr seine Begleitung angeboten. Doch sie will

nicht, daß die Wohnung ohne männlichen Beschützer bleibt. Sie hat so

ihre Ahnungen, die sie selten täuschen; sie ist sicher, daß sich irgend

etwas Schreckliches ereignen wird, wenn sie beide ihr Heim verlassen,

und sie würde keinen Augenblick der Ruhe haben.

Eine ganze Woche kämpft sie mit sich selbst. Es fällt ihr wirklich

nicht leicht, sich zu der Fahrt zu entschließen, aber der Wunsch,

den Enkel in Uniform zu sehen, der Wunsch, den Sohn ihres Sohnes noch

einmal, bevor der große Abschied kommt, ans Herz zu drücken, ist zu

brennend geworden.

Den ganzen Tag, Stunde für Stunde, muß sie an den Jungen denken. Sie

hat immer gehofft, er würde mal ein paar Tage Urlaub erhalten und sie

besuchen; aber die Freiwilligen bekommen nur dann Urlaub, wenn ganz

zwingende Gründe vorliegen, und die Sehnsucht einer Großmutter, ihren

Enkel wiederzusehen, ist kein zwingender Grund.

Wenn sie also den drängenden Wunsch ihres Herzens befriedigen will, muß

sie sich zur Reise entschließen, und zwar bald, denn der Winter steht

dicht vor der Tür, und man muß von Tag zu Tag auf Schneestürme und

Frostwetter vorbereitet sein. Sie rüstet sich, als habe sie eine Reise

von Wochen vor.

Natürlich kann sie nicht mit leeren Händen kommen. Die Müller hat ihr

helfen müssen, ein paar Eßpakete zu packen; außerdem hat sie einen

ganzen Berg von Wollsachen, den sie und die Müller gestrickt haben. Das

kann der Junge natürlich nicht alles selbst brauchen und soll er auch

nicht. Sie hat nicht für den Enkel, sondern fürs Vaterland gestrickt;

also mag er ärmere Kameraden, die noch nicht im Besitz des Nötigen

sind, mit dem, was sie und die Dienerin verfertigt haben, beglücken.

Der Großvater sitzt neben ihr, als sie im geschlossenen Wagen zur

nächsten Bahnstation fährt. Das Herz ist ihr furchtbar schwer. Es ist

vielleicht doch eine Torheit, daß sie die Reise wagt. Sie legt ihren

Arm in den ihres Mannes und schmiegt ihr Gesicht an seine Schulter.

Wie ein ganz junges Paar sitzen sie eng aneinandergelehnt im Wagen.

Großvater hat ihr genau aufgeschrieben, wo sie umzusteigen hat; aber

am Bahnhof wiederholt er die Reisestrecke noch zwei-, dreimal. Beim

Abschied muß sie weinen und fühlt sich ganz schwach -- aber sobald der

Zug sich in Bewegung setzt, ist alles gut.

Es wird sogar ganz lustig; sie hat nette Reisegesellschaft, hört

allerlei kleine Geschichten erzählen, und ihre Augen beginnen zu

leuchten. Die alte Lebenslust ist wieder da. Sie hat das Gefühl, daß

sie sich wohl zu sehr einkapselt, darum vorzeitig alt wird und die

rechte Verbindung mit der Welt verliert.

Das Umsteigen geht sehr glatt; es ist überhaupt während der ganzen

Reise alles wie zu normalen Zeiten. Nur, daß an Brücken und Tunnels

Wachen stehen, und daß im Wagen ein Plakat angebracht ist: ‚Reisende,

helft unsere Brücken und Tunnels schützen!‘ erinnert an den Krieg.

Der Zug kommt auf die Minute pünktlich im Altmärker Städtchen an; die

Schwiegertochter ist am Bahnhof, und ein Wagen, der sie zur Kaserne

hinausbringt, ist zur Stelle.

Frau Hiller ist im ersten Augenblick, als sie die alte Frau sieht, ein

wenig benommen. ‚Wie ein Bild, das aus seinem Rahmen genommen würde!‘

muß sie denken; denn sie hat die Großmutter eigentlich immer nur in der

zu ihr gehörenden Umgebung und nie an einem fremden Ort gesehen.

Großmutter hält während der ganzen Wagenfahrt die Hand ihrer Maria in

der ihren und läßt sich erzählen. Dabei schaut sie zu den Fenstern

hinaus, findet, daß die Stadt eigentlich ziemlich reizlos sei, und

staunt über den weiten Weg.

Sie begegnen einem Trupp graugelber Husaren, aber Ernst ist nicht

darunter.

Die Wachtmeistersfrau und deren liebenswürdige Tochter begrüßt die

Großmutter mit einer gewissen Herablassung, sieht sich prüfend in den

beiden Zimmern, die ihre Maria hier innehat, um, tritt ans Fenster

und schaut auf die langgestreckten Gebäude der roten Kaserne. Dabei

schüttelt sie den Kopf.

„Daß gerade du es so lange hier aushältst, Kind, wundert mich. Du

bist doch eine Naturschwärmerin und hast auch einen gewissen Luxus in

deiner Umgebung nie gut entbehren können!“ Dabei schaut sie ein wenig

hochmütig auf all das, was hier herumsteht und an den Wänden hängt.

„Ist es nicht hübsch und behaglich hier?“ fragt Maria erstaunt, denn

sie hat das Gefühl, nie im Leben sich so wohl gefühlt zu haben als hier

in den zwei einfachen, traulichen Zimmerchen.

Die Großmutter läßt sich aus all ihren vielen Umhüllungen auswickeln;

Fräulein Else bringt den Kaffee, und nun wird auch die alte Frau warm

und gemütlich. Sie freut sich, daß ihre Maria strickt und näht, und

läßt sich vom Jungen erzählen.

Plötzlich tut sich die Tür auf -- Sporen klirren, die Großmutter

springt mit einem leisen Schrei auf und hält den Enkel am Herzen und

weint und schluchzt dabei.

Der Junge ist ein wenig verlegen, streichelt ihr die Schulter und sagt:

„Aber Großmutter -- Großmutter!“ Er duftet nach Pferdestall, denn er

hat Stallwache.

Die alte Frau schiebt ihn ein wenig von sich ab, legt ihm beide Hände

auf die Schultern und schaut ihn an. Kerzengerade -- schlank und rank

steht er vor ihr -- auf den Lippen den Flaum eines Bärtchens -- die

Wangen rot und die Augen klar und voll Lebenslust. Eine heiße Freude

kommt im Herzen der Großmutter auf. Also wird er doch ein Mann werden

-- kein Träumer -- kein Weltverächter. Blut von ihrem Blut. Der rechte

Sohn ihres Sohnes!

„Siehst du, Maria, daß ich recht hatte! Ein Junge will von Männerhänden

angefaßt sein. Ich kann dir den Vorwurf nicht ersparen. Du hättest ihn

früher hergeben müssen -- -- aber schadet nichts! Das, was ich immer

für ihn ersehnt habe, ist ja nun doch noch gekommen. Er ist auf dem

besten Wege, ein Mann zu werden! Und wie ihn die Uniform kleidet!

Genau wie bei seinem Vater! Zog der Zivil an, dann war er nicht

wiederzuerkennen. Also, Junge, nun bleibst du bei der Stange! Offizier

ist der einzig wirkliche Beruf. Und sollst mal sehen, was das für ein

Avancement gibt, wenn der Krieg vorüber ist. Dann braucht Deutschland

erst seine Offiziere. Und wenn du brav und schneidig bist, dann wird

Großmutter auch ein übriges tun; dann sollst du über die Zulage nicht

zu klagen haben!“

Ihr Gesicht ist heiß vor Erregung; sie hält den jungen Menschen immer

noch an beiden Schultern fest, küßt ihn wieder auf beide Wangen und

lacht dann. „Bringt er immer so einen angenehmen Duft aus der Kaserne

mit, Maria? Aber nun setz’ dich, mein Junge!“ Und sie zieht ihn neben

sich aufs Sofa und bittet die Schwiegertochter: „Pack’ mal das kleinere

der beiden Pakete aus, da ist der Kuchen drin!“

Die Müller hat köstlichen Kuchen gebacken -- dreierlei Sorten. Kein

Luxuskuchen, sondern einen echten, rechten Soldatenkuchen -- kräftig

und gewürzig, mit viel Mandeln und Zitronat, wie ihn der kleine Ernst

immer geliebt hat.

Die Großmutter häuft ihm den Teller voll. „Ein Soldat muß immer hungrig

sein!“ Ihre Hände zittern, und in den Augen stehen schon wieder die

Tränen.

Der Sohn ihres Sohnes! -- So wie dieser jetzt hier sitzt, hat sie das

eigene Kind im Gedächtnis behalten.

An den, der so früh dahinsiechte, der das schwere Leiden in sich trug,

denkt sie nicht gern; alles Kranke, Traurige hat sie immer in ihrem

ganzen Leben von sich abgeschoben.

Das alte, junge Gesicht ist wie verklärt, während der Enkel mit Behagen

seinen Kuchen verzehrt. Das Kind ihres Kindes! Heiße Liebe wallt in

ihrem Herzen auf.

Und die auf der anderen Seite neben ihr sitzt, ist die Mutter ihres

Enkels -- die Frau ihres toten Sohnes. Ach, mögen ihre Naturen

verschieden sein, mag diese Maria ihren Kopf für sich haben, was liegt

daran? Sie gehört ganz eng zu dem lieben, lieben Jungen da -- und

Großmutter, übermannt von den großen, guten, weichen Gefühlen, schlingt

den einen Arm um den Enkel, den anderen um die Schwiegertochter und

küßt den einen und küßt die andere. „Meine lieben, geliebten Kinder --

meine guten, herzigen Kinder!“

Der Junge fängt an zu erzählen. „Du hast einen schlechten Tag zum

Besuch ausgewählt, Großmutter. Heut abend kann ich keinen Urlaub

bekommen. Einfach unmöglich; ich muß im Stall bleiben!“

Frau Hiller denkt daran, einen Besuch beim Oberleutnant zu machen und

für den Jungen um ein paar freie Stunden zu bitten. Aber davon will

die Großmutter nichts wissen. Der Dienst geht vor und morgen ist auch

noch ein Tag.

Sie streichelt die braune, derbgewordene Hand des Husaren und kann sich

nicht satt an ihm sehen. Wie frisch und lebendig er erzählt! Wie ganz

anders als früher er in die Welt schaut -- wie ihm die Augen leuchten!

Die Rührung will ihr immer wieder aufsteigen, die Tränen rollen ganz

von selbst aus den Augen.

Nach einer kurzen halben Stunde springt der Junge auf; er muß hinüber

-- es ist höchste Zeit. ‚Jammerkapaun‘, der Wachtmeister, den sie so

nennen, weil er eine komische Art zu jammern und dazu etwas von einem

stelzenden Vogel hat, hat heute ohnehin seinen bösen Tag.

Stramm steht er vor Großmutter -- die Hacken zusammengeschlagen --

Hände an der Hosennaht. „Bis morgen!“

Da jauchzt ihr Herz. Mit demselben schalkhaften Zug um den Mund hat

auch ihr Junge sie immer angesehen. Fleisch von seinem Fleisch! Geist

von seinem Geist!

„Geh mit Gott, mein Junge!“ Und sie umarmt ihn so inbrünstig, als

sollte das die letzte Umarmung, die sie ihm geben kann, sein.

Vom Fenster aus sieht sie ihm nach. Wie er elastisch dahingeht! Wie er

den Kopf hält! O, daß sie das erleben durfte, ihn so zu sehen! Daß sie

die Gewißheit mit nach Hause nehmen darf, daß er ein echter deutscher

Mann und kein Träumer und Philosoph geworden ist!

Aber damit ist auch ihre Spannkraft erschöpft. Nun fühlt sie plötzlich

wieder, daß sie zweiundsiebzig Jahre alt ist und einen anstrengenden

Tag hinter sich hat. Sie legt sich in eine Sofaecke; aber das ist ihr

nicht bequem genug. Sie hat das Verlangen, sich auszustrecken, und

geht gern auf Marias Vorschlag, sich schon jetzt zu Bett zu legen, ein.

„Alte Leute sollten wirklich nicht mehr reisen!“ seufzt sie, als sie in

den Kissen liegt.

Auch das Bett tut ihr nicht wohl. Sie ist ihre weichen Federbetten

gewohnt und liegt hier auf einer steifen Matratze. „Komm, setz’ dich

zu mir, Kind. Sprich mit mir; meine Seele ist bang geworden!“ Die alte

Hand zittert und die Stimme klingt nicht so voll wie sonst.

Oben schreit das kleine Kind der Trompetersfrau, und Frau Hiller

erzählt der Großmutter die traurige Geschichte dieser Leute; erzählt,

wie sie hinaufgegangen ist zu der armen Witwe und ihr das Schreckliche

beigebracht hat, und erzählt weiter, daß die Frau nun schon wieder ganz

ruhig ist, ja geradezu erstaunlich ruhig und gefaßt ist, und daß es

sie eigentlich enttäuscht hat, daß ein so furchtbarer Schmerz so bald

überwunden werden konnte.

Die Großmutter denkt anders darin. „Solche Frauen brauchen wir heute,

Kind, die sich mit dem Leben abfinden können, das ist jetzt die

Hauptsache. Tatsachen hinnehmen und sich sagen: Vorwärts! Nur nicht

zurückschauen -- nicht grübeln -- nicht ändern wollen, was nicht zu

ändern ist. Das solltest du auch lernen, Maria!

„Seit deinem letzten Besuch bei mir ist es mir zur Gewißheit geworden,

daß etwas an dir nagt, daß du mir vieles verbirgst. Du trägst eine

Liebe im Herzen, Maria, die du vor der Welt verheimlichen mußt. Ich

weiß nicht, warum! Ich will es auch nicht wissen. Du bist alt und

selbständig genug, um selbst über dein Leben zu verfügen; das aber

glaube mir, solange ein Mensch sich nicht mit sich selbst im klaren

ist, solange kann er sich auch in der Welt nicht wohl fühlen.

„Du denkst von mir: die Großmutter ist eine derbe, praktische Frau, die

mich nicht versteht. Zugegeben, Maria, daß ich derber und praktischer

bin als du! Aber ein heißes Herz hab’ auch ich gehabt und hab’ es heute

noch; und ich weiß auch, was es heißt, eine hoffnungslose Liebe in sich

tragen. Keine Krankheit des Körpers kann solche Qualen verursachen, wie

ein krankes, gemartertes Herz. Ich weiß das alles. Aber ich weiß auch,

daß der Mensch dagegen an kann, wenn er es mit aller Kraft will.

„Man kann sich in einen Schmerz hineinsteigern oder man kann suchen,

eines Schmerzes Herr zu werden!

„Man kann erwachsene Kinder haben und noch sehr jung sein. Ich bin

um ein Menschenleben älter als du und brauchte doch auch noch einen

Menschen, dem ich gut sein kann.

„Eine heiße, wilde Liebe ist dazu nicht nötig. Die großen

Leidenschaften gehören der ganz jungen Jugend. Was dir fehlt, Maria,

das ist ein guter, lieber Gefährte, der es treu und einfach mit dir

meint. Alles Einfache ist von Bestand. Alles, was sich zu weit von der

Natur entfernt, ist halt- und wurzellos.

„Sieh’ zu, daß du einfach wirst; sieh’ zu, daß du frei wirst! Und wenn

der Junge heut oder morgen von dir fortzieht, wenn ganz dunkle Zeiten

für dich kommen, dann denke, daß du eine Zuflucht bei der Großmutter

hast. Dann lasse dich von deiner derben, praktischen Großmutter gesund

machen.

„So, und nun bin ich müd’, Kind! und will dir was sagen: Laß mich

gleich morgen früh wieder abreisen. Den Jungen habe ich gesehen,

und das Bild, das ich jetzt von ihm mitnehme, ist ein so liebes und

schönes, das ich in gar nichts verändert haben möchte. Und dir hab’

ich gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, damit ist genug.

„Großvater hat mir die Züge, mit denen ich fahren kann, genau

aufgeschrieben; sorge du, daß ein Wagen zur Stelle ist und sei nicht

böse, daß ich so schnell wieder abreise. Mit zweiundsiebzig Jahren kann

der Mensch sein Heim nicht mehr lange missen! Gute Nacht, mein Kind --

mein liebes, gutes Kind!“ Und sie küßte die Frau ihres Sohnes, als sei

sie das eigene Kind, küßte sie wieder und wieder.

Der kleine Hiller ist erstaunt, die Großmutter nicht mehr vorzufinden,

als er am nächsten Mittag herüberkommt. Schadet aber nichts, denn er

hat wieder kaum eine halbe Stunde Zeit! Am Mittag soll’s nach Magdeburg

gehen; in Magdeburg aus der Kaserne rücken die Freiwilligen schon

aus und brauchen Pferde. Da müssen die graugelben Husaren die ihren

hergeben. Dreißig Mann sind kommandiert, um neunzig Pferde nach dort zu

bringen. Sein Gesicht strahlt. Famos, daß man einmal aus der Kaserne

herauskommt!

Die Großmutter hat einen Schein für ihn zurückgelassen. Den steckt er

schmunzelnd in seinen Brustbeutel, ißt hastig zu Mittag und eilt zur

Kaserne zurück.

Eine halbe Stunde später reiten sie los; dreißig junge Kerle -- jeder

auf einem Pferd, einen Stock in der Hand und zwei Pferde am Halfter

führend. Die Pferde tanzen um die Reiter herum; bei der scharfen

Biegung um die Ecke stiegen einige von ihnen kerzengerade in die Höhe.

Gefährlich sieht das aus, und Frau Hiller, die oben am Fenster steht,

fühlt ihr Herz erbeben. Wie sollen die ans Ziel kommen, wenn das hier

schon so wild angeht!

Der Wachtmeister schreit sich heiser; es will keine Ordnung in den

Zug kommen. „Teufel noch mal, seid ihr nicht Herr über die paar

unschuldigen, eingerittenen Gäule? Und wollt bereit sein, ins Feld zu

ziehen?“

Die Stöcke sausen über die Rücken der widerspenstigen Tiere; die Hand,

die die Zügel führt, wird eisern. Man wird doch drei Pferde regieren

können! „Los!“ Und nun geht’s auf einmal.

Der kleine Hiller nickt zum Fenster hinauf. Er hat neben dem Zügel eine

Blume in der Hand. Eine feuerrote Rose!

„Von wem mag er die haben?“

Die Wachtmeistersfrau lacht vergnügt: „Von wem soll ein junger Husar

wohl eine Blume zum Geschenk erhalten? Die Wachtmeister pflegen ihren

Rekruten keine roten Rosen zu schenken!“

Frau Hiller fühlt, wie ihr das Blut ins Gesicht steigt. Sie denkt an

die Pärchen, die abends am Fluß entlang wandern; sie denkt an jenen

Abend, an dem ihr Ernst so hart über Hipp geurteilt hat. Die rote Rose

will nicht aus ihren Gedanken heraus. Ernst, ihr kleiner Ernst, will

wirklich ein ganzer Mann werden.

Darum ist sie auch so erschüttert, als sie am Abend einen Brief in der

Hand hält, der wie mit Blut geschrieben erscheint. Darum erschauert sie

vor sich selbst, möchte sich vor sich selbst verbergen! Gelten diese

heißen, inbrünstigen Worte ihr, der Mutter Ernsts? Und darf sie das

lesen, immer wieder lesen? Darf ihr Herz so heiß schlagen? Darf sie

dieser wehen, großen Sehnsucht, die heut in ihr aufsteigt, nachgeben?

Während dieser ganzen Monate, die sie nun hier weilt, und während deren

ihr Junge dies harte, stramme Leben in der Kaserne lebt, liegt sie im

ewigen Kampf mit sich selbst.

Sie will nur noch Mutter sein -- sie will alt -- will ruhig sein. Sie

hat kein Recht mehr, wie die ganz Jungen zu fühlen! Aber das Herz

rebelliert -- das Herz läßt sich nicht mit Vernunftgründen zur Ruhe

bringen.

Wochen hat es gegeben, in denen sie glaubte, gesiegt und überwunden

zu haben -- und gerade heute, als der kleine Husar die rote Rose, das

Pfand der ersten Liebe, in der Hand hielt, ist es wie ein Blitz durch

sie gefahren: ‚Nun ist er an der Reihe -- nun muß dein Herz still und

alt und ruhig werden!‘

Der Brief brennt in ihrer Hand. Der Brief sagt Dinge, die sie

erschauern machen. Tiefer, heißer und beredter kann kein Mensch zum

andern von einer großen, übermächtigen Liebe sprechen, als er es hier

tut. Der Körper ist gesund und unversehrt, schreibt er, aber das Herz

ist krank und jammert nach ihr.

Sie steht am Fenster und lehnt den Kopf an die Scheiben. Draußen ist

dunkle Nacht. „Ernst -- Ernst!“ ruft sie.

Sie weiß es plötzlich mit tödlicher Gewißheit, daß der, der ihr diesen

Brief geschrieben, ihr nie ein guter, lieber Lebensgefährte werden, daß

er ewig unzufrieden mit sich und dem Leben bleiben wird. Kein Mensch

kann über sich selbst hinaus!

Sie sieht wieder die rote Rose in Ernsts Hand und sieht die kalte

Einsamkeit an sich herankriechen. Sie hat niemand -- das Kind

entgleitet ihr, und dieser Mann wird ihr nie ein stiller, treuer

Gefährte sein.

* * * * *

Der nächste Tag ist ein Sonntag, der letzte des Oktobers. Die Sonne

scheint, und es ist warm. Wehmütige Spätherbstschönheit liegt in der

Natur.

Ernst hat der Mutter eine lustige Karte aus einem kleinen Dorf, auf

halbem Weg nach Magdeburg, geschrieben. Da haben sie Nachtruhe gemacht,

und mit dem dicken Hipp hat er Unterkunft in einem Bauernhaus gefunden.

‚Bürgerquartier -- aber großartig!‘ schreibt er. In zwei Tagen werden

sie wieder in der Altmärker Garnison sein, und dann wird er was zu

erzählen haben.

Vor Frau Hiller liegt der schöne, sonnenhelle Sonntag wie eine

Ewigkeit! Sie fürchtet sich vor der Länge des stillen Tages. Sie weiß,

daß die Gedanken sie wieder rückwärts führen werden, daß, während sie

näht und strickt, das Leid der Vergangenheit und all die Unruhe und

Not, die das Auf- und Niederwogen der Geschehnisse dieser großen,

schweren Zeit in jedem Menschen erzeugt, sie überwältigen werden.

Fräulein Else kommt zu ihr ins Zimmer. Die hat am frühen Morgen schon

ein ganzes Tagewerk hinter sich, hat Stuben gereinigt und Stiefel

geputzt, hat das Feuer im Herd und in den Öfen entzündet, hat das

Frühstück bereitet und Flur und Treppen gekehrt. Nun wird sie hier

in Frau Hillers Zimmer weiterarbeiten. Die Mutter sitzt schon seit

Stunden in der Küche an der Maschine. Bis zum ersten November hat sie

einen ganzen Stapel von Hemden ans Rote Kreuz abzuliefern, da muß die

Tochter alles, was sonst die Mutter besorgt, mit verrichten. Aber heute

soll sie einen freien Nachmittag haben. Sie sieht bleich aus, und die

Wachtmeisterswitwe sorgt sich um das schmale, überschlanke Mädchen.

Fräulein Else hat keine Freundin und hat keinen Liebsten in der Stadt.

Wohin soll sie gehen? Einsame Spaziergänge sind keine Freude! Am

liebsten pilgert sie noch zum Russenlager hinaus und schaut auf das

große Volk von Gefangenen; dabei können die Gedanken in die weite Welt

fliegen und dabei kann man sich tausend Geschichten zusammenreimen.

Daß Fräulein Else kein gewöhnliches Mädchen ist, hat Frau Hiller gleich

in den ersten Tagen ihres Hierseins gewußt. Beide -- Mutter und Tochter

-- die durch die Verhältnisse, in denen sie leben, klein gehalten

wurden, könnten ebensowohl Damen der Gesellschaft sein. Sie denken und

urteilen tief und richtig über alles, was sie sehen und hören; und sie

haben einen Takt, den manch einer, der Rang und Würden trägt, nicht

besitzt.

An diesem Sonntag, der von draußen so hell und leuchtend durch die

Fenster blickt, und der doch so trostlos vor der Mutter des kleinen

Husaren liegt, empfindet sie fast etwas wie Zärtlichkeit für das gute,

liebe Mädchen, das sie bedient, und das jeden Tag von neuem besorgt

ist, ihr das Wohnen hier in den beiden Zimmern angenehm und behaglich

zu machen.

Sie erinnert sich, daß Fräulein Else vor kurzem einen Wunsch geäußert

hat. Sie hat ihr erzählt, daß sie seit Jahren nicht aus ihrer kleinen

Heimatstadt herausgekommen ist, auch nicht in die allernächste

Umgebung. Und möchte es doch so gern -- möchte nur einmal einen

einzigen Sonntag draußen sein! Nur einmal etwas anderes sehen als diese

Straßen, in denen sie jedes einzelne Haus malen könnte, so genau kennt

sie alles hier. Den ganzen Sommer über hat sie umsonst gehofft, daß ihr

Wunsch sich erfüllen möge; nun steht der Winter vor der Tür, und sie

wird wieder auf den nächsten Sommer hoffen müssen.

Frau Hiller steht auf und geht zu Else hin. „Die Sonne scheint so schön

-- vielleicht zum letztenmal in diesem Jahr! Haben Sie Lust, mit mir zu

wandern, Fräulein Else?“

Sie wird rot vor verlegener Freude. „Wenn die Mutter es erlaubt,“ sagt

sie leise, und sie gehen zusammen zur Wachtmeistersfrau in die Küche,

die gern die Erlaubnis gibt.

„Wenn Sie schon aus der Stadt heraus wollen, dann sollten Sie sich

Tangermünde ansehen, gnädige Frau. Das muß man gesehen haben, wenn man

so lange in der Altmark gewesen ist.“

Als Fräulein Else neben Frau Hiller zum Bahnhof geht, unterscheidet sie

sich in nichts von einem jungen Mädchen aus besten Kreisen. Ihr Gesicht

ist leicht gerötet und sieht sehr lieblich aus -- vielleicht ein wenig

zu schmal. Ihre Stimme ist klangvoll, und ihre Bewegungen sind ruhig

und fein. Sie gehen den Weg am Fluß entlang, an dem die Liebespärchen

bei Dunkelheit zu wandern pflegen.

In der Stadt selbst ist es sehr lebendig. Auf den freien Plätzen werden

die Infanteristen einexerziert; ein Zug Husaren, der zum Pferdekommando

nach der Mark gekommen ist, marschiert singend an ihnen vorüber. Am

Bahnhof werden durchziehende Truppen gespeist, und ein Samariterzug ist

gerade eingelaufen.

Es ist sehr kriegerisch geworden in der kleinen Altmärker Stadt; auf

freien Feldern werden Infanteriesignale geübt, und überall steht der

Landsturm als Wache. Seit die Russen hier angekommen sind, ist der

ganze Ort zu einem großen Kriegslager geworden.

Nach Tangermünde führt eine Kleinbahn, die klingelnd durch die stille

Altmärker Landschaft fährt. Noch sind die Weiden grün, und das schöne,

kräftige Vieh grast in großen Scharen darauf. Der strickende Hirt mit

der Schafherde zieht seine Straße hin, und sonntäglich gekleidete

Frauen und Kinder sieht man vor den Häuschen der Dörfer, durch die man

fährt.

Je weiter man sich von der Garnisonstadt entfernt, um so schöner und

stiller wird es: Keine Uniformen mehr -- keine laute Musik -- keine

militärischen Kommandos -- Eine leise, süße Friedensahnung zieht durch

die Seele.

Frau Hiller hat viel von Tangermünde reden hören; sie weiß, daß die

Leute aus den umliegenden Städten am Sonntag hier gern herauspilgern,

und daß es schöne, altertümliche Bauten in Tangermünde gibt. Da

sie schon so viel von der Welt gesehen hat, ist nie der Wunsch in

ihr aufgekommen, gerade dieses Städtchen kennen zu lernen. Von dem

Augenblick an aber, da sie aus dem Bahnhof herausgetreten sind,

fühlt sie ihre Seele ganz eigentümlich berührt. Ihr ist, während sie

neben dem lieben Mädchen dahingeht, als sei sie in eine andere Welt

eingetreten. Etwas Fremdes, Neues und doch schon Vertrautes empfängt

sie.

Sie geht durch die Straßen mit ihren kleinen, niederen Häusern und hat

das Gefühl, ein Stück Mittelalter zu erleben. Die vorragenden Giebel,

die Inschriften in den Türen, die niederen, von rotem, herbstlichem

Wein umrankten Fenster, all das wirkt so seltsam auf sie. Und

Sonntagsstimmung, wie man sie in anderen Städten nie verspürt; Ruhe und

Frieden überall!

Die Menschen hier haben Gesichter, als wäre noch kein Wort vom Krieg

bis zu ihnen hingekommen, alles geht behaglich, bürgerlich, wundervoll

zufrieden daher.

Die engen Straßen steigen an und fallen ab, und herbstliche Gärten

liegen vor und hinter den Häusern. An den Kaufläden sind die Fenster

verhangen, und auf der Einfassung eines Brunnens sitzen halbflügge

Mädchen still und feierlich in schwarzen Kleidern. Sie sind am Morgen

eingesegnet worden -- die ganze Stadt sieht aus, als wäre sie am Morgen

eingesegnet worden.

Die beiden Frauen sprechen kaum miteinander, weil sie beide von etwas

Gutem, Großem, Geheimnisvollem ergriffen sind. Sie gehen planlos durch

die Straßen, so wie man zuerst durch einen fremden Ort zu gehen pflegt.

Am Markt liegt das Rathaus, ein uralter Bau, hoch und imposant gegen

all die kleinen, niederen Häuser rund umher, und dahinter das große,

schwere Tor, das die Stadt abschließt. Die Sonne leuchtet, und kein

Lüftchen weht. Die Natur will sterben und will vor ihrem Heimgang

noch einmal auferstehen, will noch einmal alle Schönheit, die ihr zur

Verfügung steht, zusammenraffen. Es ist eine traurige, stille, wonnige

Herbstschönheit!

In einer engen Straße liegt ein Gasthof, der den Namen ‚Zur Königin

Luise‘ trägt. Ausgetretene Steinstufen führen zum Flur hinauf, und die

Sonne läßt die Inschrift an der Tür aufblitzen. Hier hat einst die

Königin Luise eine Nacht verbracht -- eine traurige Nacht -- sagt man.

Es klingt so wundervoll mit dem Charakter dieses kleinen Städtchens

zusammen, daß gerade diese Frau hier geweilt, hier gelitten hat.

Man kann es sich so gut vorstellen, wie sie hier durch die stillen

Straßen geschwebt ist. Wie sie im altväterischen kleinen Gasthof in

irgendeinem der niederen Stübchen gedacht und gelitten haben mag. Kein

Name in der Welt hätte sich harmonischer in das Bild, das diese kleine,

weltvergessene Stadt heute bietet, eingefügt, als der dieser zarten,

guten und doch starken Fürstin.

Frau Hiller und Fräulein Else sind von einem unbekannten Hochgefühl

getragen; sie sitzen im kleinen Speisesaal und nehmen ein einfaches

Essen. Von draußen lacht die Sonne herein, läßt die Bilder an den

Wänden plastisch hervortreten und spiegelt sich am Fußboden. Frau

Hiller hat das Gefühl: ‚Wenn du einmal ganz zerrissen, ganz krank und

elend bist, dann möchtest du in diesem lieben Haus, in dieser kleinen

Stadt Zuflucht suchen!‘

Die beiden fühlen sich so wohl und behaglich in dem kleinen, uralten

Gasthof, daß sie sich gar nicht davon trennen möchten. Aber sie haben

ja das Eigentliche, weswegen sie hergekommen sind, noch nicht gesehen,

und Fräulein Else drängt zum Aufbruch. Die Tage sind kurz, und die

Sonne hat in dieser vorgerückten Herbstzeit früh ihre Bahn vollendet.

Langsam wandern sie aus der Stadt hinaus, und eine mit Kastanienbäumen

bepflanzte Allee führt sie zum Schloß hinauf. Das Laub ist gelb und

dunkelrot, aber es bildet ein fast noch lückenloses Dach, wiewohl der

Fuß durch raschelnde Blätter schreitet. Die Luft ist rein und abgeklärt

und regt zum Sinnen an.

Ach, die Natur ist wie der Mensch -- der Frühling ist die schwere,

sehnsuchtsvolle, ungebärdige Jugend; der heiße Sommer ist der reif

gewordene Mensch, der ebensowohl jauchzen wie tief leiden kann, und der

Herbst ist das herannahende Alter, das die Stürme überwunden hat, das

rein und still und klar geworden ist. Aber die meisten Menschen wollen,

solange sie jung sind, nichts vom Alter wissen, die meisten Menschen

wollen länger, als die Natur es vorgeschrieben hat, in der Jugend

verharren.

Warum nur?

Nein, die Jugend ist nicht das Schönste und Begehrenswerteste. --

Jugend bedeutet für den tiefen und ernsten Menschen oft nur Leiden.

Jugend bedeutet oft nur Sturm. Erst wenn man aus der Ferne auf sie

zurückschaut, wird auch die Jugend schön und gut und harmonisch.

In jedem Jahr geht es Frau Hiller so. Erlebt sie den Frühling mit

seinem Stürmen und Brausen, so wirft er sie nieder -- schaut sie aber,

wie heute, aus einem stillen, abgeklärten Herbsttag auf die wilde

Auferstehungszeit in der Natur zurück, so hat sie die Angst und Not

jener Tage vergessen, und nur das Jauchzende, Herzerfreuende ist in

ihrer Erinnerung geblieben.

Der Weg führt sie bergan; und aus der Allee ist allmählich ein Park

geworden. Ein Farbenrausch vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Braunrot

umgibt sie, und die Sonne leuchtet darüber. -- Die Sonne ist wie ein

mildes, segnendes Antlitz, aus dem tiefer, stiller Friede ausstrahlt.

‚Ist es wahr,‘ muß Frau Hiller denken, ‚ist es wahr, daß Krieg in der

Welt ist?‘ Unbegreiflich will ihr das hier erscheinen -- unausdenkbar!

Je weiter sie gehen, um so herrlicher wird es; man wandelt wie durch

einen wundervollen Saal: das raschelnde Laub ist der Teppich -- die

Kronen der Bäume sind die Decke, und die Sonne ist der große, gewaltige

Kronleuchter, der ein fast magisches Licht verbreitet. Sie gehen

langsam; sie gehen, wie wenn sie durch eine Kirche schreiten. O stille,

schöne, geweihte Welt!

Dann sind sie plötzlich an einer großen, weißen Terrasse angekommen;

zwei Denkmäler aus der Zeit der Kurfürsten erheben sich da. Und der

Kopf geht so willig auch in diese Vergangenheit mit. Man ist ja ohnehin

schon längst aus der Gegenwart heraus; man hat vorhin mit der Königin

Luise gelebt, nun geht man ein Stückchen weiter zurück und lebt mit

den Kurfürsten. Hat man wirklich nur durch Bücher und Schulstunden

etwas von der Kurfürstenzeit gehört? -- Oder hat man da schon gelebt?

Man kennt doch diese Gestalten, die da oben in Stein gehauen stehen,

so genau, man hat sie doch von Angesicht zu Angesicht gesehen, hat sie

sprechen hören!

Gibt es nicht Stunden, in denen der Mensch es nicht begreifen will, daß

er nicht von Anbeginn der Welt an gelebt hat? Daß er nicht alles, was

je in der Welt vor sich gegangen ist, mit eigenen Augen geschaut, mit

leiblichen Ohren gehört haben soll? Stunden, in denen man es gar nicht

fassen will, daß jedem Menschen nur eine kurz bemessene Frist zum Leben

gegeben ist, und daß alles, was er von der Vergangenheit weiß, nur

gelernt, nur durch Bücher oder Erzählungen übermittelt worden ist!

Frau Hiller schaut wie gebannt zu den Denkmälern hinauf, bis plötzlich

andere Menschen aus dem Weg, aus dem sie gekommen sind, auftauchen,

miteinander sprechen und sie aus ihren tiefen Sinnen aufrütteln.

Sie wendet sich Fräulein Else zu, geht ein Stück weiter durchs

raschelnde Laub und sieht dann etwas, was sie mit Staunen und Jubel

erfüllt. Die Elbe sieht sie, die wie ein silbernes Band durch die

stille Landschaft fließt. Kähne und Flöße ziehen ihren Weg dahin;

eine Fähre führt zum gegenüberliegenden Ufer, und der Blick schweift

weit -- schweift in Unendlichkeiten, wie überall in diesem flachen,

altmärkischen Land, das so viel feine Reize besitzt.

Im Gasthof ‚Zur Königin Luise‘ hat man ihnen geraten, über die Elbe

zu fahren und zum Dorf Fischbeck zu gehen. Das ist der Lieblingsort

der Tangermünder, zu dem sie an schönen Sonntagen in großen Scharen

wallfahrten. Auch heute drängen sie sich unten an die Fähre, und die

paar Bänke, die an beiden Seiten des Fahrzeuges angebracht sind, sind

schnell gefüllt. Frau Hiller und Fräulein Else müssen froh sein, noch

ein bescheidenes Plätzchen unter all den Menschen zu finden. Sie

gleiten über das stille Wasser und schauen weit dem Flüßchen nach, das

hier so klein und bescheiden noch ist und weiter unten zu so gewaltigem

Strome anschwillt. Immer noch leuchtet die Sonne, immer noch streicht

die Luft mild und leis ums Gesicht.

Am anderen Ufer verteilen sich die Menschen und beeilen sich, um

zu ihrem Kaffee zu kommen. Fräulein Else aber bleibt stehen und

stößt einen Schrei des Entzückens aus, denn sie sieht das herrliche

Bild, das vor ihr liegt, und ist wie benommen. Tangermünde, vom

gegenüberliegenden Ufer aus gesehen, mit seinem Schloß, seinen

Denkmälern und Kirchtürmen! Tangermünde in letzter Herbstschönheit, von

leuchtender Sonne übergossen! Der Anblick hat etwas Ergreifendes, etwas

Hohes; er trägt über das armselige Leben mit seinen Leiden und Nöten

hinweg. -- Trotzig wie eine Feste liegt dieses wundersame Bild da, und

doch so mild, so voll überwältigender Schönheit.

Frau Hiller, die viel Großes und Wunderbares in der weiten Welt gesehen

hat, kann den Jubel des armen Mädchens, das nie aus seinem Heimatsort

herauskam, wohl begreifen. Auch ihr ist es, als habe sie nie in

tiefere, ergreifendere Schönheit geblickt als an diesem Tage.

Sie können sich gar nicht entschließen, ins Dorf hineinzugehen; sie

wollen keine Menschen sehen, wollen allein hier am Ufer weilen und das

glitzernde Wasser und die alte, schöne Stadt mit Schloß und Türmen vor

sich haben.

Fräulein Else sagt mit leiser, zitternder Stimme: „Nun werde ich für

Wochen zufrieden und glücklich sein! Nun habe ich etwas, woran ich

denken kann, wenn ich traurig bin!“

Dieses Mädchen ist sechsundzwanzig Jahre alt und ist nie aus dem

Heimatort, nie von der Mutter fortgekommen. Eine zarte, empfindsame

Seele hat sie und ist einsam, immer einsam gewesen, wird vielleicht

immer einsam bleiben müssen, und fügt sich so still darein, ist nie

verbittert, nie unwillig! Frau Hiller hat oft das Gefühl, als müßte sie

sich vor der Größe dieses Mädchens neigen.

Sie gehen dann doch ins Dorf. Fräulein Else sieht so blaß aus und hat

sich vielleicht auf den Kaffee gefreut. Im warmen Gastzimmer sitzen sie

unter vielen lebhaften Menschen, und da fällt auch manches Wort vom

Krieg; aber man vergißt es sogleich, wenn man wieder draußen ist.

Die beiden wandern auf einsamen Feldwegen zur Stadt zurück; die

Dämmerung zieht nieder, und man spürt nun doch, daß es Herbst ist. Die

Luft ist kühl geworden -- der Himmel wölbt sich blau und klar, Sterne

leuchten auf, und eine blasse Mondsichel zieht ihre Bahn dahin.

Als sie wieder am Ufer der Elbe stehen, ist es dunkel geworden.

Tangermünde hebt sich in schwarzen Umrissen vom Himmel ab -- viel

ernster und schwerer als zuvor in der Sonne. Ein Schiffer bietet seinen

Kahn an und bringt sie hinüber. Und sie wandern wieder durch die engen

Gassen und sind wieder in Schweigen versunken.

Wozu reden, wenn jeder über so vieles, was in ihm vorgeht,

hinwegzukommen hat? Wozu reden, wenn so Schönes und Großes in die Seele

gedrungen ist?

Sie haben ein Stück tiefen Friedens mitten im Krieg genossen -- letzte,

wonnige Herbstschönheit hat sich ihnen offenbart. Wenn der Winter sehr

dunkel und trostlos sein wird, haben sie eine Zuflucht, indem sie an

diesen Tag voll friedlicher Schönheit zurückdenken.

Die Seele ist stärker und ruhiger geworden, und man hat wenigstens

nicht für Stunden das quälende Gefühl gehabt, daß alles, was in der

Welt fest sein sollte, ins Schwanken geraten ist.

Die Natur hat ihre reine, starke Sprache geredet; man sagt sich:

‚Sollte der Krieg wirklich alles Äußere nehmen, sollten wir in Armut

und Elend geworfen werden, aber Gott läßt uns die Fähigkeit, die

Schönheit seiner Natur in uns aufzunehmen, so können wir nie ganz in

Finsternis geraten, nie ganz in Verzweiflung versinken!‘

Es ist Nacht geworden, als sie am Bahnhof ihrer Garnisonstadt

angelangt sind. Ein Verwundetentransport ist angekommen, und die

Beamten vom Roten Kreuz sind in eifriger Tätigkeit. Ein paar Bahren

werden herangetragen, denn der Zug soll weitergehen, und nur die

hoffnungslos Daliegenden werden hier im Bahnhofslazarett untergebracht.

Die freigewordenen Seelen der beiden fühlen, wie etwas vom alten Druck

wieder in sie hineinwill.

Drin in der Stadt ist reges Leben. Urlaubstag! Die Straßen sind voll

von Uniformen aller Art. Die Pferdebahn rasselt mit Glockengeläut und

Peitschenknall ihren Weg; es wird gesungen und gelacht.

Der Kriegsfreiwillige · 第 14 / 41 题