Der ‚alte Mann‘ nimmt den Taler und läßt ihn in die Hosentasche gleiten.
„Da hast du einen Woilach zum Drauflegen; in den andern wickelst du
dich ein, und dann kannst du bis sieben Uhr pennen. Los -- mach’, daß
du ins Stroh kommst!“
Und der kleine, müde Hiller häuft sich das Stroh, aus dem der ‚alte
Mann‘ aufgestanden ist, frisch auf, legt den einen Woilach darauf,
wickelt sich in den anderen ein, und bevor zwei Minuten vergangen sind,
führt ihn sein tiefer, prachtvoller Jungenschlaf aus Leid und Not
dieses Tages hinweg. Das bekümmerte Gesicht wird kindlich und froh. Die
bleichen Wangen röten sich. Und als der ‚alte Mann‘ sich gegen Morgen
einen Scherz macht und ihm mit dem nassen Pferdeschwamm über die Augen
fährt, merkt er’s kaum, dreht sich um und schläft weiter, bis ihn zwei
kräftige Arme an den Schultern packen und hochreißen.
„Heraus, Mensch -- aufgestanden -- sieben Uhr -- ‚Vize‘ ist im Anzug!“
‚Vize‘ ist der Vizewachtmeister Peters; und das Wort ‚Vize‘ genügt,
um den kleinen Hiller im Nu hochfahren zu lassen -- Hände an die
Hosennaht, Hacken zusammengeklappt.
‚Vize‘ ging schweigend und höhnisch an ihm vorüber.
* * * * *
Hiller ist dem ‚alten Mann‘ riesig dankbar, daß er ihm für den Taler
die lange Nachtruhe verschafft hat.
Die Taler fliegen ja erschrecklich glatt und leicht dahin, aber
eigentlich kommt nie ein Brief ohne Einlage an ihn an. Die Mutter
schickt -- Großmutter und Großvater schicken, und es gibt noch ein paar
Onkel und Tanten, die nicht nur Worte und schöne Redensarten für den
jungen Kriegsfreiwilligen übrig haben. Es ist eine ganze Menge, was
so in immer neuen Auflagen in Hillers Brustbeutel zusammenkommt. Er
braucht nicht zu knausern, und das ist gut, denn das Knausern liegt ihm
nicht.
Großmutter schrieb zwar: ‚Daß Du im Restaurant für teures Geld ißt, da
Du das Mannschaftsessen umsonst haben kannst, ist aus zweierlei Gründen
nicht richtig; denn erstens soll ein jeder in diesen schweren Zeiten
sein Geld zusammenhalten oder es fürs allgemeine Wohl hingeben, und
zweitens ist es besser, wenn Du Dich schon jetzt an das Kasernenessen
gewöhnst, damit es Dir später im Feld nicht schwer wird!‘
Aber sie legt getreulich jedem Brief einen Schein bei, und darum kann
Hiller die großmütterlichen Mahnreden nicht sehr ernst nehmen.
Er ißt ja auch keineswegs im Restaurant, um sich Leckerbissen zu
verschaffen. Nein, er würde ohne weiteres das Mannschaftsessen genommen
haben, wenn das einfach so möglich gewesen wäre.
Aber hier sitzt der Haken: er ist Einjähriger -- er bekommt Geld --
er ist also einfach verpflichtet, mit den finanziell Gutgestellten im
Restaurant zu essen. Man würde ihn sonst nicht für voll angesehen haben.
Und ebenso ist er verpflichtet, sich von den alten Leuten gegen gute
Bezahlung Dienste leisten zu lassen und sie abends in der Kantine
freizuhalten. Sie drängen sich an einen heran und können kolossale
Erleichterungen bringen.
So zum Beispiel dieser lange Schlaf in der letzten Nacht! Dafür ist ein
Taler wirklich nicht zuviel gewesen. Er fühlt sich prachtvoll frisch --
die Welt lacht ihn an.
Oben am Kasernenturm ist die Fahne hochgezogen; man feiert einen neuen
Sieg.
Jetzt weiß man wieder, daß Großes, Gewaltiges sich in Europa abspielt.
-- -- -- Jetzt begreift man, daß man alle Kräfte zusammennehmen muß, um
würdig befunden zu werden zum Mittun!
Der Wachtmeister sagt: „Natürlich suchen wir zum Ausrücken nur die
besten Reiter heraus, denn einer, der sein Pferd nicht beherrscht,
kann im Kriege nichts leisten.“ Das ist eine sehr selbstverständliche
Tatsache, und Hiller begreift an diesem sonnenhellen Morgen plötzlich,
daß der strenge, nicht sehr geliebte ‚Vize‘ keinen leichten Standpunkt
hat. Denn wie er selbst noch ganz und gar unsicher auf seinem Gaul
sitzt, so ist es mit der Mehrzahl der anderen auch, und doch schimpft
jeder von ihnen über den Drill und hat jeder einzelne den heftigen
Wunsch: Hinaus! Hinaus!
An diesem Morgen geschieht es, daß ‚Vize‘ sich am Ende der Reitstunde
neben Hillers Pferd stellt und den Hals des Tieres klopft.
„Reiten noch sehr mittelmäßig, Freiwilliger! Aber man hat doch heute
wenigstens den guten Willen gespürt. Das ist schon etwas, und andere
könnten sich da ein Beispiel dran nehmen!“
Dabei sieht er zu Hipp hinüber, der zweimal über den Kopf seines
‚Anton‘ hinweggesaust ist.
Hillers Herz klopft in jäher Freude. ‚Vize‘ hat ihn gelobt -- ‚Vize‘
hat zum erstenmal nicht mit ihm gewütet.
Die Hand, die den Zügel hält, zittert; er ist außer sich vor Glück.
Keine Spur von Schlappheit mehr -- kein Schmerz mehr in den Knochen.
Eine Riesenkraft fühlt er in sich erstehen, und heißer Mut beseelt ihn.
Oh -- er kann -- er kann -- er kann! Immer in seinem ganzen Leben hat
er noch gekonnt, was er wirklich und mit seinen ganzen Kräften gewollt
hat!
Auf einmal weiß er nun auch, daß er eines Tages Herr seines Pferdes
sein wird. Ja -- daß er all die, die hier mit ihm reiten, überragen
wird. Auch die Bauernjungen, die von Kindheit auf mit Gäulen zu tun
gehabt haben.
Er braucht nur zu wollen, nur wirklich und ernst zu wollen!
Es wird ihm ordentlich schwer, das Lob des Wachtmeisters still
hinzunehmen; gern hätte er ihm gedankt, ihm die Hand gereicht. Aber er
bleibt still und bescheiden sitzen; nur das Herz schlägt heftig.
Nach dem Reitunterricht ist ein Fest in der Kaserne, um den großen
neuen Sieg zu feiern. Der Oberleutnant steht vor seinen Husaren und
hält eine kurze, packende Ansprache, die im Kaiserhoch endigt.
Als sie frei sind, sieht Hipp verächtlich zu Hiller hinüber. „Streber!“
Und der noch allzu empfindliche Hiller erbleicht vor Ärger, aber
Hipp lacht im nächsten Augenblick und schiebt seinen Arm in den des
Kameraden.
„Morgen brüllt er dich doch wieder an. Man kennt diese Menschenschinder
ja!“
Dennoch bleibt Hiller an diesem Tage in gesteigerter Stimmung.
Nach dem eilig eingenommenen Mittagessen geht’s zur ersten Schießübung
hinaus. Zwei Wachtmeister führen einen Trupp von vierzig Freiwilligen
zum großen Schießplatz.
Sie haben eine gute Stunde zu marschieren. Die Hitze ist glühend; die
Sonne glitzert in ihren blanken Knöpfen und spielt mit den grellgelben
Tressen auf den grauen Attilas. Der trockene Boden knirscht unter ihren
Füßen, aber sie gehen wie beflügelt dahin. Mit Ungeduld haben sie
auf diese erste Schießübung gewartet, denn bevor sie nicht schießen
gelernt, können sie natürlich nicht ins Feld. Nun endlich soll es
losgehen!
Einer von den alten Leuten hatte ihnen gesagt: Zwei Wochen Schießübung
-- zwei Wochen Lanzenfechten und Säbelstechen, dann ist die Sache
gedeichselt, dann geht’s los! Dies also ist der eigentliche Anfang; es
werden noch sechs Wochen vergehen, ehe sie herauskommen! Und draußen
wird ein Sieg nach dem anderen erfochten! Wenn das so weitergeht, dann
hat Deutschland ausgekämpft, ehe sie aus ihrem Drill heraus sind.
Bald dehnt sich der Schießplatz vor ihren Blicken aus.
Der Wachtmeister - es ist einer, mit dem sie bislang noch nichts zu
tun gehabt haben -- lehrt sie in erster Linie den Karabiner richtig
handhaben.
Auch er brüllt; auch er schimpft wie ein Unsinniger.
Wachtmeister müssen schimpfen und müssen beim Schimpfen einen
puterroten Kopf bekommen, sonst wird’s nichts.
Der kleine Hiller hat noch so zarte Hände; für ein paar Minuten hat
es den Anschein, als sollte er hier den Sündenbock abgeben, denn der
Wachtmeister tobt immer im Kreise um ihn herum.
Aber es müssen wohl noch Ungeschicktere da sein, denn plötzlich ist
er fort, und nun weiß Hiller auch ganz gut mit seinem Schießprügel
umzugehen.
Es wird ihnen ein Vortrag gehalten:
Der Kavallerist muß in jeder Stellung schießen können. Er muß im
Liegen, im Stehen und vom Pferd herabschießen können! Der Kavallerist
muß überhaupt alles können, was der Infanterist kann! Das hat man ihnen
nun schon oft gesagt, und sie wissen, daß sie doppelte Ausbildung
haben werden. Dafür haben sie dann im Feld den Vorteil, auch dann noch
kampffähig zu sein, wenn das Pferd ihnen weggeschossen wird.
Als Ziel für ihre erste Übung dient ihnen eine Scheibe, die in zwölf
Kreise geteilt und an ein kleines Steinhäuschen gestellt ist.
Sie haben Platzpatronen bekommen und lernen zunächst den Karabiner
in jeglicher Stellung handhaben. Der Wachtmeister erklärt ihnen
umständlich die Scheibe und die Entfernung, und es vergeht eine gute
Stunde mit den Vorbereitungen, ehe sie endlich zum Schießen kommen.
Die wenigsten haben Glück; sie schießen aufs Geratewohl. Hipp lacht,
trotzdem der Wachtmeister schimpft, leise vor sich hin, denn es
belustigt ihn ungeheuer, daß er trotz alles Schimpfens mit keinem Schuß
auf die Scheibe trifft.
Auch Hillers Hand zittert plötzlich. Da er als Knabe viel nach der
Scheibe geschossen hat, hat er das angenehme Gefühl gehabt, hier auf
dem Schießplatz gut zu bestehen und sich womöglich wieder ein Lob des
Vorgesetzten zu holen. Nun aber schleichen sich Angst und Aufregung an
ihn heran. Es ist ihm schon oft im Leben so gegangen: wollte er zeigen,
daß er eine Sache verstand, so mißlang sie erst recht. Der erste Schuß
geht dann auch richtig daneben, und der Wachtmeister steht wieder
drohend nahe dicht bei ihm. Er spürt den Atem des erregten Mannes, und
sein Kopf wird heiß, und das Herz fängt an zu hämmern.
„Kerl, bist du des Teufels?“ Der Wachtmeister richtet ihm den Karabiner
in der Hand zurecht. Hipp sieht schadenfroh zu Hiller hinüber.
Da geht ein Schuß los und trifft fast in die Mitte der Scheibe. „Das
war Zufall,“ sagt der Vorgesetzte kühl und mit leisem Hohn in der
Stimme. „Noch einmal!“ und dreht ihm den Karabiner wieder in der Hand
zurecht. „Ganz gut,“ sagt er dann etwas weniger kühl. „Nun noch einmal,
damit es sich herausstellt, ob es Dusel war oder nicht!“
Nun wird Hiller kühn und hat wieder das triumphierende Gefühl: ‚Ich
kann, was ich will!‘
„Man wird ja später sehen, ob das so bleibt,“ sagt der Wachtmeister
befriedigt, geht zu den anderen und ahnt nicht, in welchen
Freudentaumel er den kleinen Freiwilligen mit dem Knabengesicht
versetzt hat.
Niemand außer Hipp hat an Hillers Schießversuchen Anteil genommen,
niemand beachtet auch, wie die Augen des schmalen Husaren leuchten, wie
er ganz verklärt dasteht.
Das zweite Lob an einem Tage! Das macht ihn ganz toll.
Zur Vesperzeit ladet er in der Kantine zwei alte Leute zum Kaffee ein
und schenkt jedem eine Handvoll von den Zigarren, die Großvater ihm
geschickt hat. Es geht ihm immer so: Hat er selbst eine Freude, dann
muß er auch bei anderen frohe Gesichter sehen.
Er spricht zu niemandem von dem, was ihn bewegt, aber es ist eine
tiefe Liebe zu allem, was ihn hier umgibt, in ihm aufgekommen. Er weiß
jetzt, daß er im Grund seines Herzens immer Soldat gewesen ist, daß
er nur während der langen Schulzeit keine Gelegenheit gehabt hat, den
militärischen Geist, der in ihm steckt, zu erkennen. Nun aber sieht er
seine Zukunft klar und deutlich vor sich. Selbstverständlich wird er
Offizier werden, und zwar Kavallerieoffizier.
Wenn er Glück hat und in den Krieg kommt, ist er in einem halben Jahr
Leutnant, und später wird die Beförderung in Windeseile weitergehen.
Seine Phantasie baut ihm goldene Schlösser.
Mit keinem Gedanken denkt er mehr an die noch gar nicht weit
zurückliegende Zeit, in der er der Mutter mit herablassendem Lächeln
erklärt hat: ‚Offizier? Nein, dafür sind andere da. Der Offiziersberuf
kommt für mich gar nicht in Betracht.‘
Der kleine Hiller ist erst jetzt eigentlich jung geworden. Er war alt
und klug und blasiert gewesen, bevor er wußte, was jung sein heißt. Man
hatte ihm das so anerzogen, so aufgezwungen. Jetzt fällt es ihm wie
Schleier von den Augen; jetzt, in dieser Zeit, in der Deutschland eine
kraftvolle, gesunde Jugend braucht, soll auch er kraftvoll und gesund
werden!
Er ist so hin und her geworfen von all dem Neuen, das auf ihn
eindringt; er liegt noch sehr im Kampf, in ganz unbewußtem Kampf mit
dem, was noch vor ganz kurzer Zeit sein Wesen und Denken bedeutete.
Heimweh wechselt mit Hochmut; Selbstbewußtsein ringt mit tiefer
Niedergeschlagenheit. Heute aber hat Stolz und Freude über alles andere
gesiegt.
Um halb sieben Uhr wird zum Appell versammelt. Hiller strahlt immer
noch und sieht frohbewegt zu der Fahne hin, die hoch über der Kaserne
weht und an den großen Sieg des heutigen Tages erinnert. Ja, es ist
heute für ganz Deutschland ein Freudentag. Man sieht heute nur wirklich
frohe und zufriedene Gesichter; selbst die Wachtmeister scheinen guter
Laune zu sein.
Plötzlich hört er seinen Namen rufen: „Freiwilliger Hiller soll
vortreten!“
Ein Wachtmeister winkt ihn zu sich heran und weist mit der Hand nach
dem vorderen Kasernenhof. „Eine Dame,“ sagt er lakonisch, und Hiller
versteht erst nicht recht, wird dann glühendrot und schreitet langsam,
etwas beschämt, dem vorderen Kasernenhof zu.
„Mutter!“
Wie er sie sieht, strömt ihm das Blut heiß zu Herzen, und er fällt ihr
um den Hals -- ganz instinktiv einer jähen Aufwallung folgend. Aber im
nächsten Augenblick sinken ihm die Arme schlaff herab. Er sieht scheu
nach allen Seiten um sich.
Ob jemand das beobachtet hat, ob jemand gesehen hat, wie er der Mutter
um den Hals gefallen ist?
Auch sie ist verwirrt. Groß und ungläubig sieht sie den Menschen, der
da im schmutzigen Drillichanzug vor ihr steht, an. Ist das Ernst --
ihr kleiner Ernst -- ihr Junge? Dunkelgebräunt ist das Gesicht; die
Mütze ist tief in die Stirn gezogen, und der graue Anzug, dem starker
Stallgeruch entströmt, hängt in großen Falten an seinem Körper herum.
Ein leiser Schmerz ist in ihr.
Sie hat während der ganzen Fahrt hierher das Gefühl gehabt: ‚Das arme
Jungchen ist krank, ist traurig, ist trostbedürftig!‘ Die zerknitterte
Feldpostkarte mit den wenigen Worten: „Ich habe ein wenig Heimweh nach
dir!“ hat sie erschüttert. Nun sieht sie den Jungen gesunder, als sie
ihn je zuvor gesehen. Wie ein gewöhnlicher Soldat steht er vor ihr, und
die Mütze verbirgt das Schönste, was er hat: die hohe, kluge Stirn.
Sie muß sich erst an den Anblick gewöhnen, und so stehen sie sich
sekundenlang beide in einem inneren Kampf gegenüber. Der Junge voll
Unbehagen in dem Gedanken, daß irgend jemand ihn beobachten könnte, und
die Mutter traurig und enttäuscht. Sie hat das wehe Gefühl, daß etwas
Fremdes zwischen sie und ihr Kind gekommen ist, daß sich eine Kluft
zwischen ihr und ihm auftun will.
Hiller führt die Mutter in den Torweg eines der Gebäude, die am
Kasernenhof liegen. „Warum hast du mir nicht erst geschrieben?“ fragt
er zaghaft.
Da kommen ihr die Tränen. „Du schriebst doch, daß du Heimweh hättest,
Ernst!“
Er faßt ihre Hand, denn er kann sie nicht gut traurig sehen. „Das kommt
mal so über einen, geht aber schnell vorüber,“ sagt er. „Wenn du mir
wenigstens vom Bahnhof aus telephoniert hättest, daß du hier bist,
Mutter. Hier in der Kaserne kannst du doch nicht bleiben!“
„Wohin hätte ich denn aber telephonieren sollen?“
„Nun natürlich nach der Kantine; das tun sie doch alle,“ sagt er sehr
selbstverständlich, und sie ist wirklich fast beschämt, daß sie nicht
an die Möglichkeit einer vorherigen telephonischen Verständigung
gedacht hat.
„Darfst du denn überhaupt aus der Kaserne heraus?“ fragt sie fast
schüchtern.
Der Junge besinnt sich. „Wenn ich Urlaub bekomme. Bleibst du denn über
Nacht hier?“
Seine Art ist ihr ganz fremd. Der Schmerz in ihr wird immer bitterer.
„Ich kann doch heute abend nicht mehr zurückfahren, Ernst.“
„Wo willst du denn hier wohnen?“
„Ich muß mir ein Hotel suchen, ich bin gleich vom Bahnhof hier
herausgefahren.“
„Dann mußt du in den ‚Schwan‘ gehen,“ sagt er in freudiger Erinnerung.
„Da habe ich auch die erste Nacht gewohnt, da ist es sehr nett.“
„Wirst du denn sicher Urlaub bekommen?“ fragt sie weitergehend, denn er
führt sie zum Kasernentor hin.
Er fühlt sich entsetzlich unfrei, und doch tut ihm die Mutter leid.
Aber, was soll er hier mit ihr anfangen?
„Ich muß jetzt wieder zurück, Mutter. Aber ich bekomme sicher Urlaub;
denn die anderen haben sich auch schon oft Urlaub geben lassen. Ich
telephoniere dir nach dem ‚Schwan‘. Auf Wiedersehn, Mutter!“ Und bevor
sie noch beim Posten angelangt ist, ist er schon außer Sehweite.
Sie geht ein Stück die Straße entlang und ist wie benommen. Eine
Sekunde lang hat sie das Gefühl: ‚Das war er ja gar nicht! Dieser
braungebrannte, nach Heu und Stall duftende Soldat war doch nicht Ernst
-- der zarte, liebenswürdige, schüchterne Ernst!‘ Aber er war es doch,
und sie muß wieder an Großmutters Worte denken: „Der Junge wird jetzt
ein Mann, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu tun.“
Sehr langsam geht sie weiter und kommt auf den schwarzen Husarenweg.
Die Sonne ist fort, und flach und reizlos dehnt sich das Land vor ihr
aus. Weit kann der Blick hier schweifen, aber vor ihren Augen ist ein
Schleier.
„Ernst -- Ernst!“
Sie fühlt wieder diese heiße, wehe, instinkthafte Liebe für ihn --
diese selbstverständliche Naturliebe, die auch ein Tier für sein
Junges, das ihm entrissen werden soll, empfinden mag.
Wer hat ein Recht, ihr den Jungen zu nehmen? Oft schon in dieser Zeit
seit Ausbruch des Krieges hat es so in ihr getobt, hat eine Stimme
in ihr geschrien: ‚Der Junge ist mein -- mein -- mein! Wer hat ein
Recht, ihn mir zu nehmen?‘ Und hat dann, wenn der Aufruhr im armen,
gepeinigten Herzen vorüber war, den Kopf geneigt und hat an die
tausend und aber tausend Mütter im Deutschen Reich gedacht, die all
dasselbe schwere Opfer darbringen. Und hat auch Zeiten gehabt, in
denen sie ganz ruhig, ganz groß zu denken vermochte; in denen sie sich
stolz und glücklich fühlte, weil ihr Sohn mittun durfte im gewaltigen
Völkerringen, hat wundervolle Zeiten gehabt, in denen sie empfand,
daß es schön und herrlich ist, dem bedrängten Vaterland das Beste und
Einzige, was man besitzt, darzubringen.
Jetzt, da sie im grauen Abenddämmer in der fremden Stadt auf dem
schwarzen, staubigen Weg langsam dahingeht, ist aber all das Große und
Schöne von ihr abgefallen.
Sie ist hierhergekommen, um ein heimwehkrankes zartes, bekümmertes
Kind ans Herz zu nehmen, und hat einem gesunden, fast derben Soldaten
gegenübergestanden.
Auch das tut weh, daß sie ihn so sehen mußte -- so wenig schön, so
ungepflegt, so derb.
Sie geht und geht und weiß nicht, wohin. Tiefer senken sich die
Schatten; vor ihr liegt unbebautes Feld, und es ist sehr, sehr einsam.
Kein Mensch ist in der Nähe, und leise Angst kommt in ihr auf.
Sie geht denselben Weg, den sie kam, zurück. Staubwolken wirbeln, und
ein Hirt kommt mit großer Schafherde durch den schwarzen Staub daher.
Der Hirt strickt an einem Strumpf. Das hat sie noch nie gesehen; nur
aus Erzählungen weiß sie, daß es strickende Hirten gibt. Aber friedlich
mutet sie das Bild dieses graubärtig strickenden Mannes an. Friedlich
auch der Zug der heimkehrenden Schafe und der beiden Hunde, die, ohne
zu bellen, um die Herde herumkreisen. Wie ein Märchen so seltsam! Einen
wunderbaren Kontrast bildet dies stille Bild zu all dem wilden Rasen
draußen in der Welt.
Ihr Herz ist ruhiger geworden. Aus der halben Dunkelheit ragt das alte
Tor ehrwürdig und gigantisch vor ihr auf. Und dann ist sie plötzlich in
einem lustigen Treiben mitten drin. Husaren in der graugelben Uniform,
die auch ihr Ernst trägt, eilen durch die Straßen; auf hohen Heuwagen
sieht sie die bunten Husaren sitzen, und auf Rädern fahren sie an ihr
vorüber. Froher wird ihr zumute, und sie weiß nun auch, warum sie
vorhin so sehr enttäuscht war. Der graue, schmutzige Drillichanzug
mag sein Teil daran gehabt haben. Der Mensch hängt am Äußeren, und
eine jede Mutter mag Schmerz empfinden, wenn sie ihr Kind so unschön
und so nachlässig im Äußeren findet. Sie ist wieder ganz elastisch
geworden. Ein kleiner Junge, dem sie ein Geldstück verspricht, führt
sie zum ‚Schwan‘. Man weist ihr ein behagliches Zimmer an. Ernst meldet
telephonisch, daß er Urlaub erhalten hat, und eine halbe Stunde später
hört sie Sporengeklirr vor ihrer Tür.
Da steht ihr Junge -- schmuck in der gutsitzenden Uniform und den hohen
Reiterstiefeln mit der gelben Einfassung! Er wirft seine Mütze auf den
Tisch und umarmt die Mutter jetzt ohne Scheu -- kindlich und zärtlich
wie früher.
„Jungchen -- mein Jungchen!“
Die Haare sind kurz abgeschoren, und auf der Oberlippe ist ein ganz
leichter Flaum von dunkelblonden Härchen zu sehen. Viel männlicher ist
er geworden! Stramm, mit leuchtenden Augen steht er da.
„Wie gefalle ich dir, Mutter?“ Er tritt vor den großen Spiegel und
staunt sich selbst an. Denn in der Kaserne hat er keine Gelegenheit,
sein Bild in Lebensgröße zu sehen. Sie schaut ihn an und weiß nicht,
was sie sagen soll; ihr Herz ist stolz und doch noch voll Schmerz.
„Unten wartet ein Kamerad von mir,“ sagt er dann. „Er heißt Hipp und
ließ mir keine Ruhe, bis ich ihn mitnahm. Wenn sein Vater ihn mal
besucht, lädt er mich auch ein.“
Sie ist sehr enttäuscht. „Ach, Ernst, an diesem ersten Abend willst du
nicht mit mir allein sein?“
„Das ging nicht anders, Mutter. Aber wir können uns ja auch so alles
erzählen. Hipp ist ein ganz netter Kerl. Wir haben aber nur eine Stunde
Urlaub, und wenn wir noch essen wollen, müssen wir hinuntergehen.“
Da kamen ihr schon wieder Großmutters Worte in den Sinn: ‚Der Junge muß
jetzt ein Mann werden, der hat fürs erste mit der Mutter nichts mehr zu
tun.‘
* * * * *
Das fremde Hotelzimmer grinst sie höhnisch an, als sie es wieder
betritt. Neun Uhr schlägt’s von der Kirche, die nur durch ein drei
Meter breites Gäßchen vom ‚Schwan‘ getrennt ist.
Eine kurze Stunde hat sie unten im Speisesaal mit den zwei gesessen --
ist nicht aus dem Staunen, aus dem Schmerzgefühl herausgekommen. Ihren
Jungen hat sie angesehen, wie man einen Menschen, den man vor Jahren
einmal genau kannte, und der einem dann irgendwo in sehr veränderter
Gestalt entgegentritt, vielleicht anschauen würde.
Der dicke, etwas gewöhnlich aussehende Hipp mit seinem gesunden,
naseweisen Witz stößt sie ab; er stößt sie doppelt ab, weil sie sieht,
wie ihr Junge ganz unwissentlich seine Art anzunehmen versucht. Ernst
hat zu Hause selten einen Witz erzählt, und wenn er es tat, so wartete
er den Erfolg nicht ab. An diesem Abend kommt viel ungereimtes Zeug aus
seinem Munde. Es ist, als wolle er der Mutter zeigen: ‚Sieh, was aus
mir geworden ist, seit ich von dir fort bin!‘ Es kann aber auch sein,
daß er sich gar nichts denkt; es kann sein, daß er in ganz jungenhafter
Weise dem Kameraden beweisen will, daß er kein Muttersöhnchen ist.
Sie weiß an diesem Abend nicht, was sie aus ihm machen soll. Sie weiß
nur, daß sie traurig ist.
Die niedrigen Fensterchen ihres Zimmerchen stehen weit offen. Kühle
Sommerabendluft strömt zu ihr hinein. Sie sitzt auf dem roten Samtsofa
und stützt den Kopf in die Hand.
Morgen will sie noch nicht reisen; für morgen hat er sich noch einmal
Urlaub geben lassen. Übermorgen aber hat es schon keinen Zweck mehr
für sie, hier in der fremden Stadt zu sitzen. Was dann? Wohin soll sie
denn?
Sie hat grenzenlose Angst vor der Einsamkeit in Berlin; sie hat Angst
vor der Wohnung, in der alles an die so kurz verflossenen Zeiten
erinnert. Wenn sie da in ihrem Zimmerchen sitzt, wird sie ewig auf
Ernsts Schritte lauschen; bei jedem Klingeln wird sie zusammenschrecken.
Sie kann zur Großmutter fahren; die hat ihr ja gesagt, daß niemand ihr
die Türen weiter öffnen wird, als sie und Großvater es tun. Gott, sie
kann schließlich auch zu anderen Freunden gehen -- wenn sie fühlt, daß
sie unter Menschen sein muß. Aber sie denkt nur an die zwei, für die
sie in all den Jahren gelebt hat, und die ihr so plötzlich genommen
werden.
Warum -- wodurch wurden sie ihr genommen?
Man vergißt den großen, allgemeinen Schmerz immer wieder über dem
eigenen Kummer -- man liest in den Zeitungen, man denkt an jene, die
draußen im heißen Ringen liegen, und bringt es doch immer wieder
fertig, zu sich selbst, zum eigenen kleinen Leid zurückzukehren.
Erbärmlich, daß man so ist!
Sie hebt den Kopf und fühlt sich freier; tritt zum Fenster und schaut
auf den leeren Marktplatz, der vor ihr liegt. Groß und dunkel ragt
die Kirche auf; davor ein Gebäude mit reichgeschmückter Fassade
und zackigem Giebel. Das wird das Rathaus sein. Links davon eine
Rolandsstatue, steif und hager; wirft einen langen, dünnen Schatten auf
den von Gaslaternen erleuchteten Platz. Still ist’s, der Himmel wölbt
sich hoch und feierlich.
Hin und wieder treten Menschen vor ein großes, rotes Plakat,
das in einem schwarzen Kasten hängt, stehen eine Weile und gehen
wieder auseinander. Die Pferdebahn rasselt mit Schellengeklirr und
Peitschenschlag über einen Schienenstrang, der mitten über den Platz
hinweg in ein enges Gäßchen führt. Aus den Fenstern der Häuser wehen
Fahnen -- große und kleine, und der Sommerwind bewegt sie, daß sie sich
hoch aufbauschen und lautlos wieder in sich selbst zusammensinken.
Der Tag eines großen Sieges! Wie das am frühen Morgen in die Höhe
gerissen hatte, um doch einen so grauen Abend folgen zu lassen!
Warum war der Abend grau? Warum ist das Herz zerrissen? Weil sie
statt eines trostbedürftigen Kindes einen lustigen, gesunden Jungen
vorgefunden hat! Weil der Junge es fertig gebracht hat, sich ohne
weiteres in fremde Verhältnisse einzufügen, und anfängt, sich darin
wohl zu befinden?
Das muß doch so sein -- das ist doch wunderschön, daß es so ist! sagt
ihr Verstand, aber das Herz zuckt.
Der Junge will fürs Vaterland kämpfen -- muß also ein Mann werden
und ist auf dem besten Wege dazu. Er war vor Wochen noch weich und
schmiegsam wie ein Kind, und heute hat sie gefühlt, daß sich etwas in
ihm zu härten beginnt.
Was kann sie Besseres wollen?
Warum aber um alles in der Welt hat er ihr denn die wehmütige Karte
geschrieben? Warum um ihren Besuch gebeten?
Darauf findet sie keine rechte Antwort. Er sah doch an diesem Abend
wirklich nicht aus, als habe er vor ganz kurzer Zeit eine schwache,
heimwehkranke Stimmung gehabt!
Er hat von seinem Pferd erzählt wie von einem guten, lieben
alten Freund; er hat die Wachtmeister nachgeahmt und von seinen
Schießerfolgen berichtet. Dabei haben seine Augen geleuchtet, und er
hat mit einem Bärenhunger gegessen.
Soll das alles nicht wahr sein? Soll das alles nur etwas Angenommenes,
Aufgezwungenes sein? Und hinter der Maske steckt vielleicht doch noch
ihr kleiner, zarter, zum Grübeln geneigter Junge -- ihr weicher Ernst?
Tiefer wird das Dunkel draußen; vom Kirchturm hallen dunkle, schwere
Glockenschläge.
In diesem kleinen Städtchen kommt die Nacht früher als im großen
Berlin. Im ganzen Hotel ist Totenstille, in allen Häusern rund um den
Marktplatz sind die Lichter erloschen.
Aus ihrem Herzen will das Weh nicht heraus. Sie ist auch nicht
fähig, sich zur Größe aufzuraffen. Es ist ihr, als lebe sie in der
Vergangenheit, als habe sie in einem Buch von den Geschehnissen eines
großen, furchtbaren Krieges gelesen.
Daß es jetzt -- in diesen Augenblicken, während dieser stillen Nacht
draußen in der Welt tobt, kann sie heute nicht mehr fassen.
Der Besuch bei der Großmutter -- die aufgeregte Rückfahrt, die bange,
furchtbare Nacht, die folgte, der Abschied im grauen Kasernenhof, die
abziehenden Massen, die Musik, die Rede, Ernsts Karte und die Fahrt
hierher, das Wiedersehen mit ihm -- all das fließt jetzt in ihrem
milden Kopf zu einer einzigen, schweren, traurigen Melodie zusammen.
-- --
Am nächsten Morgen kommt Ernst um die Mittagszeit zur Mutter. Er hat
ohne viel Umstände drei Stunden Urlaub erhalten, trägt wieder die
Extrauniform und sieht auch heute wohl und männlich aus.
Und doch, es ist etwas an ihm, was sie gestern vermißt hat. Eine ganz
kleine Unsicherheit -- etwas Hilfloses -- so, als ob er gern über eine
Sache sprechen möchte und könnte die Worte nicht finden. Er ist auch
viel natürlicher und zärtlicher heute. Sie sitzen nebeneinander auf dem
roten Samtsofa, und Ernsts Hand hat die der Mutter umspannt. Die Attila
mit dem hohen Kragen zwingt ihn zu guter Haltung. Sein Kopf lehnt an
ihrer Schulter.
„Es geht dir also wirklich gut, Ernst?“ fragt sie und sieht ihm in die
Augen, die auszuweichen versuchen.
Er hat an diesem Morgen Unglück gehabt, ist zweimal über den Kopf
seines Pferdes hinausgeflogen, und ‚Vize‘ Peters hat ihn eine volle
Stunde nicht locker gelassen. Die Siegerstimmung vom gestrigen Tag ist
also verflogen. Er hat geglaubt, alle Hindernisse überwunden zu haben,
und ist in die Misere der ersten Tage zurückgeschleudert worden.
Das frißt an ihm -- das hat seinen so hochgewachsenen Stolz verletzt.
„Ja, es gefällt mir gut!“ sagt er zur Mutter. „Es ist natürlich eine
furchtbare Schinderei; aber sonst ist es wirklich schön!“
Aber wie er so neben der Mutter sitzt -- ganz allein mit ihr -- und wie
sie ihm mit der Hand übers glatt geschorene Haar fährt und ihn auf die
Stirn küßt, wird ihm weh zumute. Es ist so rauh und laut da draußen in
der Kaserne. Man ist gar kein Mensch für sich -- man ist eine Nummer.
Alles Gute muß man sich für Geld erkaufen. Schmiert man die alten
Leute, so sind sie hilfreich und freundlich. Gibt man ihnen nichts, so
fangen sie an, zu schikanieren. Man hat auch gar keine Zeit zum Denken
oder Lesen; man verdummt ordentlich. Nicht einmal die Kriegsberichte
erfährt man -- höchstens, wenn ein großer Sieg ist.
Nein -- nein -- nein! Ernst will nicht klagen. Ernst ist zur Mutter
gekommen mit dem festen Vorsatz, ihr alles in rosigen Farben zu
schildern. Er fühlt sich ja auch gar nicht unglücklich; um keinen
Preis der Welt würde er dies Leben aufgeben. Aber er ist’s nun einmal
gewohnt, der Mutter alles, was ihn bewegt, zu sagen. Es kommt einfach
von selbst aus seinem Mund. Er weiß selbst nicht, was er sagt.
Die Mutter küßt ihn, und er legt ihr die Arme um den Hals. In ihr Herz
zieht ein Glücksgefühl. Er ist also doch noch ihr Junge, dieser kleine
Soldat in der bunten Uniform mit dem steifen Kragen und den hohen
Reiterstiefeln!
„Übrigens handelt sich’s ja nur um Wochen, die wir hier in der Kaserne
auszuhalten haben!“ sagte er dann viel froher und richtet sich auf.
„Wenn wir erst im Feld sind -- -- hat die Schinderei von selbst ein
Ende.“
Da kommt ihr das ganze Furchtbare der heutigen Zeit wieder zum
Bewußtsein. Diese blutjungen Menschen, die sich hier drillen lassen,
haben die höchste Mission, die ein Mensch haben kann -- sie werden mit
all den Abertausenden, die schon draußen sind, fürs bedrängte Vaterland
kämpfen, sie ziehen hinaus, um Blut und Leben hinzugeben, um sich
vielleicht zum Krüppel schießen zu lassen.
Sie sieht ihren kleinen Ernst an. Weiß so ein Junge wohl, was er
zu tun im Begriffe ist? Weiß er, was seiner harren kann? Sie weint
plötzlich auf.
„Was hast du, Mutter?“ Er ist ganz außer sich, er glaubt ihr durch
seine Klagen das Herz schwer gemacht zu haben.
„Es ist wirklich nicht schlimm, Mutter. Im Gegenteil, es ist eigentlich
sehr schön. Man muß nur erst sicher auf seinem Gaul sein. Ich hab’ doch
auch noch nie zuvor auf einem Pferd gesessen.“
„Es ist nicht deshalb, Ernst.“
„Was denn sonst?“ Er legt ihr den Arm um die Schulter und ist gut und
zärtlich, wie er es früher gewesen ist.
„Ich möchte bei dir bleiben. Die paar Wochen, die du noch hier bist,
möchte ich in deiner Nähe sein!“
„Das geht nicht!“ sagte er fast hart, denkt dann einen Augenblick nach,
und das Mitleid steigt in ihm auf.
„Ich bekomme ja gar nicht so viel Urlaub, und von der Kaserne ist’s
eine halbe Stunde bis zum Hotel.“
Sie sagt nichts mehr. Vom Kirchturm schlägt die Glocke. Ein Uhr. Der
kleine Husar ist hungrig. Früher hat er sich gern ein paarmal zum Essen
rufen lassen; jetzt ist er es, der drängt, in den Speisesaal zu gehen.
Am ersten Tisch sitzt der alte Infanterieoberst, den Hiller nun schon
kennt; vor dem macht er Front -- grüßt noch nach zwei anderen Tischen
hin und sitzt dann mit der Mutter in einer Nische.
Nun ist er wieder der, der ihr in den paar kurzen Wochen völlig
entwachsen ist, von dem sie sich gar nicht vorstellen kann, daß er noch
vor ganz kurzer Zeit mit seinen Büchern unterm Arm zur Schule schob.
Ein ganz fertiger Mensch ist er, wie er so hier in seiner Uniform bei
ihr sitzt. Er ißt mit demselben famosen Appetit, mit dem er gestern
abend gegessen hat, und erzählt lauter lustige Dinge.
Sie sucht sich ihm anzupassen, auf seine Scherze einzugehen, aber das
Weh im Herzen will nicht weichen. Heute abend oder morgen früh fährt
sie fort von ihm. Er wird es kaum empfinden. Vielleicht, wenn wieder
einmal eine schwache Stunde über ihn kommt, wird er ihr ein wenig
zärtlich schreiben, wird um ihren Besuch bitten. Wie furchtbar schnell
wird eine Mutter überflüssig für ihr Kind!
Sie denkt an die eigene Vergangenheit. Hat sie’s anders gemacht? Hat
sie an der Mutter Trauer gedacht, als sie dem Mann, dem man sie nur
ungern gab, folgte?
Das Herz rebelliert. Ihre Mutter hatte damals doch noch andere
Kinder und hatte den Mann; hatte den großen Haushalt, in den sie
hineingehörte! Sie hat aber nichts außer dem Jungen -- sie hat alles
hergeben müssen, was sie besaß.
„Iß doch, Mutter!“ sagt er, als er sieht, daß sie nichts anrührt.
Er trinkt den Wein, den sie kommen ließ, und sie staunt wieder. Ist
er immer so gewesen? So sicher in seinen Bewegungen? So groß? So
selbstbewußt -- -- oder macht das alles nur die Uniform?
Sie hat das Gefühl, ihn zu langweilen, weil sie nichts zu sprechen
vermag. Sie kommt aus dem inneren Staunen, aus der Erschütterung nicht
heraus. Bleich sitzt sie und denkt an das „Morgen“, das wie eine große,
graue Wüste vor ihr liegt.
Gleich nach Tisch wird der Junge von Unruhe gepackt, er will doch
lieber einmal zur Kaserne zurück. Er hat zwar den bescheinigten
Urlaub, aber er möchte doch nichts versäumen.
„Du bleibst doch heute abend noch, Mutter!“ Und sie nickt, ohne an eine
bestimmte Antwort zu denken.
Um fünf Uhr ist er wieder bei ihr und hat den belebten Zug im Gesicht,
der ihm zu eigen ist, wenn er etwas Gutes zu künden hat.
„In acht Tagen müssen wir den Fahneneid leisten. Dazu kommen viele
Eltern angereist, und weil du doch sagtest, daß du gern bleiben
möchtest, habe ich einen Plan!“
Es war seltsam, wie sehr sie in der kurzen Zeit der Ereignisse ihre
Rollen getauscht hatten. Bisher war sie es gewesen, die ihm mit
irgendeinem Vorschlag eine Freude zu bereiten pflegte; heute lag es in
seiner Hand, sie froh oder traurig zu machen.
„Nämlich den Plan, Mutter, daß du vielleicht doch bleiben könntest. Es
hat nur keinen Zweck, daß du so weit von der Kaserne entfernt wohnst.
Hipp hat gesagt, gleich gegenüber bei uns vermieten ein paar Frauen an
Einjährige, und die hätten ihre Zimmer jetzt leerstehen.“
Er hat wenig Zeit, er will einen schnellen Entschluß.
„Wenn du also willst, kannst du da wohnen.“
Sie begreift das nicht so schnell, aber er drängt.
„Es soll wirklich ganz nett da sein, also komm! Ich hab’ nicht viel
Zeit!“
Dann gehen sie durchs Tor heraus die lange Straße hin, die zur
Kaserne führt, und Ernst erzählt, mit welchen Gefühlen er diesen Weg
zum erstenmal gegangen ist. Und wie er sich diese Angst von damals
zurückruft, fühlt er wieder Stolz und Freude über das, was bis jetzt
schon gewonnen ist, in sich aufsteigen.
Kurz vor der Kaserne verabschiedet er sich von der Mutter, zeigt ihr
das Haus, in dem die Wohnungen zu haben sein sollen, macht vor einem
Vorgesetzten Front und biegt schlank und elastisch am Posten vorbei ins
Kasernentor ein.
Die Mutter blickt ihm nach; jetzt ist er wieder das, was sie noch nicht
begreifen kann! Es ist ihr wieder, als sei das gar nicht ihr Junge, als
sei die ganze Welt, so wie sie jetzt ist, eine Unwahrscheinlichkeit,
ein Traum. Wenn man aus diesem schweren Schlaf erwacht, wird die alte
Wirklichkeit wieder da sein.
In Gedanken verloren betritt sie das Haus, das der Junge ihr gezeigt
hat, geht durch einen schmalen Steinflur, eine graue Steintreppe
hinauf und wird von einem kleinen, zotteligen, grauweißen Köter heftig
angebellt.
„Mirza,“ ruft eine Frauenstimme, „Mirza, bist du denn ganz des
Teufels!“ Eine Frau tritt aus einer der braungestrichenen Türen, die
in den kleinen Flur münden, heraus. Sie sieht die fremde Dame erstaunt
an, und die fragt fast schüchtern, ob es richtig sei, daß hier Zimmer
vermietet würden.
Die Frau antwortet nicht gleich, und aus der Tür tritt eine zweite
weibliche Person -- nach der Ähnlichkeit zu urteilen, die Tochter. Aber
sie ist schlank und von angenehmem Äußeren.
„Zu gewöhnlichen Zeiten vermieten wir an Einjährige!“ sagt die Frau.
„Aber jetzt ist ja alles auf den Kopf gestellt. Für wen suchen Sie denn
Wohnung?“
„Ich möchte selbst ein paar Tage hier draußen wohnen. Mein Junge ist
drüben in der Kaserne.“
„Ein paar Tage?“ Die Frau denkt nach. „Für ein paar Tage, das lohnt ja
gar nicht, was soll ich Ihnen da berechnen?“
„Es kann ja auch etwas länger werden. Sagen wir, ich bezahle Ihnen für
vierzehn Tage, ist Ihnen das recht?“
Die Tochter ist rot geworden.
„Natürlich,“ sagt sie mit einer gewissen scheuen Liebenswürdigkeit.
„Es geht auch für ein paar Tage.“ Und die beiden Frauen nehmen sie in
die Mitte und führen sie in ein nettes Wohnzimmer, an das sich ein
Schlafzimmerchen anschließt. Die Nachmittagssonne fällt durch die
steifen Falten der dunkelgelben Gardine und läßt alles sehr einladend
erscheinen.
„Diese zwei Zimmer gehören zusammen; die können sie haben!“
Über den Preis ist man schnell einig; die Tochter ist sehr freundlich
und schmiegsam und hat im Augenblick das Herz der Frau, die recht
heimatlos hierhergekommen ist, gewonnen. Sie erbietet sich auch, die
Sachen aus dem Hotel zu holen, und ihre Mutter steht indes mit in die
Hüfte gestützten Händen in der Tür und sieht sich die unerwartete
Hausgenossin an.
„Schwere Zeiten!“ sagt sie dann und tritt an den Tisch heran. „Sonst,
wenn ein Mieter kam, wußte man: der bleibt nun für ein ganzes Jahr!
Jetzt nimmt man, was man bekommen kann, nur damit am Ersten die Miete
vollzählig ist. Aber über solche Kleinigkeiten darf man in dieser Zeit
ja gar nicht reden. Man hört jetzt jeden Tag so viel Entsetzliches.
Drüben beim Regimentssattler ist schon ein Sohn gefallen, und die
Mutter, die ein Herzleiden hat, weiß es noch gar nicht. Und oben beim
Stabstrompeter ist die Frau guter Hoffnung und hat noch keine Nachricht
vom Mann, seitdem er ausgerückt ist!“
Die Frau geht hinaus und läßt die neue Bewohnerin allein, und die
sitzt nun am Fenster und schaut hinüber auf die langgestreckten, roten
Gebäude der Husarenkaserne, in denen sich ihres Jungen Leben abspielt.
Es tut ihr wohl, so nahe bei ihm weilen zu dürfen, auch wenn er nicht
oft bei ihr sein kann.
In dem Zimmer, in dem sie sitzt, ist alles etwas kleinbürgerlich
aufgeputzt. In Berlin hat sich selbst der, der über keine großen Mittel
verfügt, von allen Geschmacklosigkeiten freigemacht. Man lebt lieber
in einer Umgebung ohne Schmuck, als zwischen billigem Tand. Aber die
kleinen, unzähligen Figuren, die hier auf dem Vertiko stehen, die
Porzellan-, Glas- und Metallsachen, die Vasen, auf der Spiegelkonsole,
die grellgrüne Samtdecke auf dem Tisch, all das tut hier dem Auge
nicht weh. Es ist unsäglich behaglich -- es ist treu und gut in diesem
Zimmer, man fühlt, daß man bei Menschen ist, die ein Herz haben, die
einen nicht in ganz trostlose Einsamkeit versinken lassen werden.
Mirza, der wüste kleine Hund, drängt sich an die Kleider der neuen
Bewohnerin; er sieht sie aus feuchten, dunklen Augen an, und sie fühlt,
daß sie auch Mirza gern dulden wird.
Die Frau bringt ungefragt eine Tasse Kaffee herein, und draußen zieht
ein leiser Dämmer nach dem anderen vom Himmel herab. Die liebenswürdige
Tochter kommt zurück und fängt an, das Schlafzimmer für die Nacht
vorzubereiten.
Frau Hiller ist es, als sei all das, was hier um sie herum ist, nichts
Neues, als sei es etwas längst Bekanntes. Es gibt Menschen, denen man
gut sein kann, ohne zu wissen, was sie sind und wie sie sind. Man
braucht keine Brücken zu ihnen, man kennt sie gleich und fühlt sich
wohl bei ihnen. Diese sympathische Tochter und die mitteilsame Mutter
können nicht anders als gut und wohlwollend und hilfsbereit sein. Man
fühlt das und ist glücklich und dankbar.
Am Abend kommt der kleine Husar, um zu sehen, ob die Mutter wirklich
gemietet hat. Er schaut sie ganz erstaunt an, weil sie schon so
behaglich dasitzt. Die Frau und die Tochter kommen herein und sehen
sich den jungen Freiwilligen an.
„Noch ein bißchen schmal über der Brust! Aber das macht nichts. Wenn
ein Jahr vorüber ist, wird er ganz anders aussehen.“
Dann fällt ihr plötzlich wieder ein, daß man nicht in normalen Zeiten
lebt, und sie schlägt sich mit der Hand vor die Stirn. „Man vergißt
immer wieder, daß Krieg ist, daß alles ganz anders geworden ist,“ sagt
sie trostlos. „Das kommt, weil wir ja sonst gewohnt sind, die jungen
Leute für ein ganzes Jahr zu haben. Jetzt mag man sich gar nicht
ausdenken, was über ein Jahr sein wird.“
Der kleine Hiller sieht ihr belustigt nach, als sie geht.
„Glaubst du, daß es dir hier gefallen wird?“ fragt er die Mutter.
„Ja,“ sagt sie, und sagt es aus sehr freiem und frohem Herzen.
Das Gefühl der Heimatlosigkeit ist fort; sie wird ein paar gute Tage
hier haben, bevor die große, dumpfe Einsamkeit kommt.
Der Junge setzt sich dicht zu ihr heran und erzählt allerlei aus der
Kaserne. Fräulein Else, die Tochter, deckt den Tisch, denn die beiden
Frauen haben sich entschlossen, ihren Gast in volle Pension zu nehmen.
Mutter und Sohn sitzen an diesem Abend genau so traulich beisammen, wie
sie es all die Jahre hindurch in Berlin gewohnt waren.
* * * * *
Die Großmutter schreibt einen Brief:
‚Das solltest Du nicht tun, Maria, Dich zu dem Jungen in die Garnison
setzen. Das ist eine unnötige Qual für Euch beide. Auseinander müßt
Ihr doch, so wie jede Familie jetzt auseinandergerissen wird. Also,
wozu dies Hängen und Würgen! Sei vernünftig und laß den Jungen sich
entwickeln, wie er sich entwickeln muß. Groß sind die Zeiten, und groß
müssen die Menschen, die in ihr leben, sein. Also sei mutig -- mach’
Dein Herz stark und nimm Abschied von ihm, wie tausend und aber tausend
Mütter es jetzt tun.‘
Der Brief tut weh, denn er zerreißt eine schöne, gute Stimmung. Sie
haben sich wieder ganz ineinander gefunden, die beiden, die sich nie
voneinander getrennt hatten. Die Natur, das Blut reden eine starke
Stimme. Der Junge sagte kurzweg: ‚Ach, gräm’ dich nicht! Es ist schön
und gut, daß du hier bist!‘
Er sagt das lieb und herzlich, sieht aber dabei nicht ganz gerade in
der Mutter Gesicht.
Sie schiebt den Brief beiseite und genießt einen guten Abend. Arm in
Arm geht sie mit ihrem Jungen einen schmalen, dunklen Weg entlang, der
gleich hinter der Kaserne herführt. Er hat ihr den Arm geboten und
führt sie gut und behutsam. Vom Himmel leuchten zahllose Sterne; warm
ist die Luft und geschwängert von einem süßen Duft, der aus großen
Gartenanlagen herüberströmt.
Sie gehen langsam über weichen Sand. Zur Linken fließt der Fluß,
nicht breiter als ein kleiner Bach; er fließt flink und plätschernd,
und man hört in der Stille ein leises Glucksen. Hoch und dunkel
ragen die Pappeln, die zur Seite stehen, auf. Zur Rechten sind weite
Felder. Alles still und traulich. So ein namenloser Friede liegt hier
ausgebreitet, daß man seine Gedanken mit Gewalt dazu bringen muß, an
die furchtbare Disharmonie draußen in der Welt zu glauben.
Pärchen huschen an ihnen vorbei; grau-gelbe Husaren, in deren Arm sich
ein Mädchen schmiegt. Der kleine Hiller stutzt jedesmal, wenn er eines
sieht, und geht mit seiner Mutter dahin, als seien sie selbst ein
glückliches Paar.
Es ist so eine zärtliche Stimmung in der Natur. Vom Himmel zittert ein
Mondstreif auf die Erde herab. Der Herbst steht vor der Tür und war
schon einmal durchgebrochen. An diesem Abend aber ist’s wieder Sommer.
Warm und schmeichelnd streicht die Luft übers Gesicht der beiden. Der
kleine Hiller hat für jeden Abend einen ganzen Sack von kleinen und
großen Neuigkeiten, die der Tag brachte, für die Mutter bereit.
Ihm ist die Erlaubnis erteilt worden, die Abende bis neun Uhr
außerhalb der Kaserne zu sein; und obwohl die Kameraden und besonders
Hipp ihn ein klein wenig mit dem Besuch der Mutter necken, sitzt er
Abend für Abend bei ihr in der netten, kleinen Wohnung, die die
Wachtmeisterswitwe Böhler ihr vermietet hat.
Es tut wohl, sich in einer richtigen Stube aufzuhalten, wenn man den
ganzen Tag im Stall, im Kasernenhof und draußen auf dem Exerzierplatz
gewesen ist. Solange er dies Behagen nicht haben konnte, hat er’s nicht
entbehrt. Nun, da es ihm geboten ist, genießt er es mit großer Freude.
Er fühlt es nicht, daß ihm ein wenig von dem Schneid, der im Anfang
über ihn gekommen war, verloren ging. In die Augen ist wieder das
Dunkelträumerische gekommen. Am Tag beim Dienst ist er bei der Sache,
aber ‚Vize‘ Peters hat ihm nie wieder ein Lob zuteil werden lassen.
Seine Seele hat allerlei durchzumachen in dieser Zeit. Er schwankt
zwischen der Selbständigkeit und Unabhängigkeit und dem jungenhaften
Sichgehenlassen bei der Mutter.
Dazu kommen allerlei Wünsche und Gedanken, von denen er früher
nichts wußte. Sieht er die Liebespärchen am dunklen Flußweg an sich
vorüberwandern, so wird ihm süßweh ums Herz. Ganz unwillkürlich drückt
er dann den Arm der Mutter fester an sich und erschrickt dabei.
Nie im Leben hat er so viel von Liebe und Mädchen und Küssen singen und
reden hören, als seit diesen paar Wochen in der Kaserne. Hipp kennt
überhaupt kein anderes Gesprächsthema; aber der spricht nicht mehr von
der kleinen Blonden in Berlin, der er treu bleiben wollte, sondern der
hat entdeckt, daß es auch hier in der kleinen altmärkischen Garnison
hübsche, zutunliche Mädchen gibt, und schwankt zwischen zweien, die er
auf seinem Sonntagsurlaub kennenlernte.
Für den kleinen Hiller aber sind die Mädchen immer noch wie Blumen, die
in einem fernen Garten blühen, den man nicht betreten darf. Er denkt
wohl an das Hannchen vom Abiturientenkneipabend, und er ist traurig,
wenn er daran denkt. Damals hatte eine Blume sich ihm zugeneigt, und
er ist erschrocken davor geflohen. Heute hat er die dunkle Sehnsucht,
die ihn quält, von der er an jenem Abend noch nichts wußte. Er kann von
allem zur Mutter reden, aber von dem, was seine Seele jetzt am meisten
belastet, kann er nichts sagen. Sie gehen stumm nebeneinander her,
immer den stillen Pappelweg am Fluß auf und nieder.
Die Mutter sieht ins Weite. Ihre Gedanken gehören jetzt nicht dem
Jungen, an dessen Arm sie geht. Ihre Gedanken irren in fremdes,
unbekanntes Land. Sie suchen und suchen vergebens! Auch ihre Seele ist
belastet. Sie möchte sich befreien und vermag es nicht. Seit Jahren
ist ihr Blick getrübt; seit Jahren geht sie einen Weg, der in die Irre
führt. Sie hat auch immer das volle Bewußtsein davon gehabt, hat sich
in Irren und Wirrnissen befunden, hat gekämpft und mit sich selbst
gerungen. Aber ihr Leben ist einsam.
Sie weiß, daß es für sie nur durch die zwei Menschen, die jetzt vom
Vaterland gefordert werden, Inhalt und Zweck gehabt hat. Sie weiß, daß
sie in einer Woche oder zwei nach Berlin zurückkehren muß. Sie schmiegt
sich eng in den Arm ihres Jungen -- sie sucht Schutz und Halt bei ihm.
Der kleine Husar sieht ihr ins Gesicht. Er sagt und fragt nichts, aber
er drückt ihre Hand, so als wollte er ihr durch dies stumme Zeichen
sagen: „Ich verstehe dich -- ich weiß alles, aber ich kann dir nicht
helfen!“
Dann fängt er vom heutigen Reiten zu erzählen an. Hipp ist natürlich
wieder ein paar Male vom Pferd gesaust, und ‚Vize‘ hat ihm gesagt,
er solle sich zur Infanterie scheren. Mit einem Gaul würde er doch
nie fertig, und sein Buckel sei breit genug, um einen Tornister zu
tragen. Hipp aber habe natürlich sein unschuldigstes Gesicht gemacht
und nachher dem wütenden ‚Vize‘ nachgeäfft. Und wie er so recht ins
Erzählen über Hipp gekommen ist, stutzt er plötzlich und muss sich
Gewalt antun, um einen Schrei zu unterdrücken.
Drüben, auf der anderen Seite des Pappelweges, gehen zwei im Dunkeln.
Aber der Mond ist doch hell genug, um die Umrisse ihrer Gestalten
erkennbar zu machen. Das kann kein Anderer als Hipp sein, der da, eng
an ein Mädchen geschmiegt, im Dunkeln hinwandelt. Jetzt bleiben sie
stehen, und Hipp küßt das weiße Gesicht, das vom bleichen Mondschein
beleuchtet wird. Wie entgeistert sieht Hiller zu den beiden hin. In
seinem Herzen beginnt es zu toben. Er fühlt plötzlich einen Haß gegen
Hipp. Wie kommt es, daß dem das Glück in den Schoß fällt, während er
sich mit seiner Sehnsucht plagt?
Er hat oft gelesen, daß es unschöne Menschen gibt, die ihres guten
und vornehmen Wesens wegen vom weiblichen Geschlecht weit höher
eingeschätzt werden als die gut aussehenden. Aber Hipps Charakter
ist nichts weniger als gut und vornehm. Er ist ein echter Berliner
Junge, der sich die Butter nicht vom Brot nehmen läßt. Er hat einen
reichen Vater und weiß den Wert des Geldes zu schätzen. Er ist nur da
freigebig, wo er sich einen Vorteil davon verspricht. Er ist dumm, in
allem, was Wissenschaft anbetrifft, aber daneben ist er das, was der
Berliner ‚hell‘ nennt, in höchstem Maße. Er hält die Leute zum besten;
er spielt mit ihnen und macht sich über sie lustig.
Nein, Hipp ist kein guter, ist nicht einmal ein anständiger Mensch,
und Hiller kann und kann es nicht begreifen, daß ein Mädchen Liebe für
Hipp empfindet. Er kämpft mit sich, denn er hat das Gefühl, zu den
beiden hinüberlaufen, das Mädchen aus Hipps Armen reißen und ihr sagen
zu müssen: ‚Glaub’ ihm nicht! Er spielt nur mit dir, und morgen in der
Kaserne wird er über dich ulken, so wie er es über die, die in Berlin
sitzt und ihm jeden Tag einen Brief schreibt, tut!‘
In Hiller kommt ganz plötzlich der Kavalier zum Vorschein; er muß das
Mädchen schützen. Es verträgt sich nicht mit seiner Ehre, wenn er es
geschehen läßt, daß Hipp diesem armen Geschöpf etwas vorlügt.
Es packt ihn wie ein Krampf. Die Hand, die er frei hat, umspannt den
Säbel. Ganz instinktiv tut sie das; er möchte den Kerl da drüben
niederstechen.
Die Mutter fühlt erst jetzt, daß irgend etwas in ihrem Jungen vorgeht.
Sie weiß nicht, warum, aber ihre Hand umfaßt sein Handgelenk.
„Hast du irgend etwas, Ernst?“ Da fällt ihm die Hand schlaff herab. Er
sieht sehr bleich aus und kann nicht antworten. Sein Gesicht ist wie
verzerrt.
Die Mutter blickt um sich. Was kann es sein, was ihren Jungen
erschreckt hat? Still und einsam ist es um sie her; die Wasser glucksen
auf, und ein ganz leiser Wind streicht durch die Pappeln. Drüben im
Dunkeln gewahrt sie die Umrisse eines Pärchens.
„Komm weiter!“ sagt der kleine Husar, und nach einer kleinen Weile
atmet er erleichtert auf. Nun ist es vorüber. Der Zorn über Hipp ist
schon verraucht -- nur ein kleiner Neid sitzt ihm noch im Herzen.
Dann erzählt er der Mutter im alten, kindlichen Vertrauen, was er von
Hipp und dessen Liebesgeschichten weiß. Ohne es zu wollen, spricht er
gereizt, spricht er so, wie einer, dem Schmerz und Eifersucht am Herzen
fressen. Die Mutter erschrickt.
Das hat sie nicht geahnt, daß so etwas in die junge Seele Einzug
gehalten hat. So spricht nur einer, der das Leben einmal furchtbar
ernst nehmen wird, dem das, was den anderen zur Unterhaltung und zum
Vergnügen dient, eine Quelle des Schmerzes werden wird.
In seinen Augen glimmt es von Leidenschaft. Er leidet um das Weib, ehe
er ihm nahe gekommen ist. Er wird suchen, was nicht zu finden ist. Er
trägt schon jetzt das Ideal eines Weibes im Herzen, und vom erstbesten
Mädchen, das ihm einmal in den Weg läuft, wird er das verlangen, was
nur eine Frau, die selbst von seiner Art ist, zu geben vermag. Er tut
ihr leid; sie fühlt sich schuldig ihm gegenüber. Wenn er ein Herz hat,
das durch große Qualen gehen, das namenlosen Jammer in sich tragen
wird, so hat er es von ihr. Das ist ein trauriges Vermächtnis, das ist
schlimmer, als wenn er die heftige, aber tatkräftige Art vom Vater
geerbt hätte.
Dann fährt Hiller sich mit der Hand über die Stirn, als ob er etwas
fortstreichen möchte, und wie ein ganz Gereifter spricht er jetzt:
„Es ist Blödsinn, ja, es ist frivol, jetzt so viel an sich selbst zu
denken. Sieh mal, wer weiß denn, wie es in ein paar Monaten aussieht!
Gerade Hipp sagt jeden Tag: ‚Pass’ mal auf, ich werde zuerst ins Gras
beißen müssen, weil ich eine so große Angriffsfläche biete.‘ Und wenn
man die Sache so auffaßt, hat er ja eigentlich nicht unrecht, wenn
er sein Leben jetzt noch genießt. Man sollte überhaupt nicht so viel
nachdenken. Wer zuviel denkt, kann nicht forsch sein. Und forsch sein,
bedeutet doch heute alles. Überhaupt, Mutter, ich will dir sagen, seit
dieser Krieg ausgebrochen ist, pfeife ich eigentlich auf alles, was sie
uns all die Jahre in der Schule beigebracht haben. All das, was sie
Kultur nennen, ist ja doch nur leerer Tand, wenn eine solche Zeit wie
die jetzige kommt. Jetzt sind wir doch wieder genau so weit, wie es
die Menschen vor ein paar Jahrhunderten waren. Nun heißt’s: Wer kann
dreinhauen? Wer hat am meisten Courage und am wenigsten Gemüt, denn
mit Gemüt und Herz kann man keine Schlachten schlagen. Und wenn ich
jetzt über Großmutter nachdenke, die immer gepredigt hat: ‚Tu ihn ins
Kadettenkorps; Offizier ist der einzig wirkliche Beruf!‘ dann kann ich
ihr im Grunde nicht mehr so unrecht geben. Von mir sagt ‚Vize‘ fast
jeden Tag: ‚Mensch, du bist auch einer von denen, die das Verrückteste
und Verstiegenste begreifen würden, aber was Vernünftiges, Klares und
Einfaches kriegst du nicht in deinen Döskopp!‘ Und das ist ganz richtig
von ihm ausgedrückt. Das Einfache hat einen überhaupt nicht mehr
interessiert; ein Buch, das einem keine Rätsel aufgab, legte man zur
Seite. Und wenn so ein Wachtmeister einem heut in der einfachsten Weise
was klar machen will, dann muß man den Kopf ordentlich zwingen, das
so aufzufassen, wie es gemeint ist, und nicht irgendeinen verborgenen
Sinn dahinter zu suchen. Ich wünsche mir jetzt oft, ich hätte nicht
mehr als das Allernötigste gelernt; ich wünsche, ich wäre einer von den
Bauernjungen aus unserer Stube, die überhaupt über nichts nachdenken!“
Er bringt all das in heftigem Ton hervor, so, als wolle er mit Gewalt
etwas, was ihn quälte, übertönen.
„Hipp ist nicht anständig und aufrichtig!“ sagt er noch. „Er erzählt
in der Kaserne von einem Mädchen in Berlin und läuft hier mit einer
anderen herum. Ich begreife so etwas nicht!“
Die Welt ist plötzlich dunkel geworden. Der Mond ist von Wolken
überdeckt. Das Pärchen auf der anderen Seite ist von der Dunkelheit
verschlungen. Durch das Laub der Pappelbäume fährt ein rauher Wind, und
das leise, friedliche Glucksen des Flusses wird übertönt.
Auch in die Seele der Mutter des Jungen ist ein Windstoß gefahren. Sie
kann jetzt auf das, was er ihr noch sagt, nichts erwidern. Stumm, fast
willenlos, geht sie an seinem Arm dahin -- und der kleine Husar kommt
weiter ins Philosophieren hinein.
„Aber schließlich, wenn die ganze Welt sich als roh und egoistisch
erweist, warum soll da der einzelne anders sein? Geradezu lächerlich!
Wer anders ist als Hipp und seinesgleichen, ist ein Narr!“
Das letzte stößt er leidenschaftlich, fast bös heraus. „Ich will nicht
zu den Narren gehören!“ Er stampft mit dem Fuß auf und will zu neuer
verbitterter Rede ausholen, da trägt der Wind einen lustigen Klang zu
ihnen herüber. Von der Kaserne her tönt ein Trompetensignal. Hiller
beschleunigt die Schritte.
„Du bist so still, Mutter. Du bist mir doch nicht böse?“ fragt er sanft
und sucht ihr ins Gesicht zu blicken. „Ich ärgere mich nur immer so
furchtbar, Mutter, wenn ich sehe, wie andere ihr Leben genießen und
überall zugreifen, wo es was zu holen gibt. Nicht darüber, daß die sich
das Leben schön und vergnügt machen, ärgere ich mich, sondern darüber,
daß ich ein Esel bin, daß ich nicht auch so sein kann, wie sie!“
„Du wirst noch vieles lernen, Ernst!“ sagt sie. „Und du wirst auch
lernen, daß nicht die, die überall zugreifen, die wirklich Glücklichen
sind!“
Sie kommen auf die breite Chaussee, an der die Kaserne liegt, zurück.
Hier ist es hell, und die Husaren strömen dem Kasernentor zu.
Hiller bringt seine Mutter noch bis in den Flur ihres Hauses, küßt sie
und sagt, um das Vorangegangene gutzumachen: „Es war ja alles Blödsinn,
was ich da gesagt habe, Mutter!“ Küßt sie noch einmal und läßt die Tür
hinter sich zufliegen.
Frau Hiller geht langsam über den grauen Steinflur. Stufe um Stufe geht
sie die Treppe hinan wie eine alte Frau, der das Gehen schwer fällt.
Ist sie plötzlich alt geworden? Es ist ihr, als habe ihr jemand eine
Last aufgebürdet, die zu schwer für ihre Schultern ist.
Oben im Flur steht das sympathische Fräulein Else und spielt mit
Mirza, dem wenig appetitlich aussehenden Pintscher. Sie spricht zu
ihm, wie eine Mutter zu ihrem kleinen Kind sprechen würde: „Lieb sein,
Mirzachen! Da, geh’ zu Frauchen; die ist gut!“ Der Hund springt an Frau
Hiller in die Höhe, und seine nasse Schnauze berührt ihre Hand. Das ist
ihr nicht angenehm, aber sie bringt es nicht über sich, das Mädchen,
das den Hund so zärtlich liebt, zu kränken. Sie streicht ihm übers Fell
und geht mit Fräulein Else in die Küche.
Auf einem kleinen Schrank stehen die Lampen, die in die einzelnen
Zimmer gehören, und Fräulein Else nimmt den Schirm von der
größten herab und läßt ein Streichholz aufflammen. Da kommt die
Wachtmeisterswitwe durch den Flur, und ein Geräusch dringt in die
Küche, halb Seufzen, halb Schluchzen. Das Streichholz fällt Fräulein
Else aus der Hand und sie läuft der Mutter entgegen.
Frau Hiller bleibt allein in der durch ein winziges Lämpchen
beleuchteten Küche, die mehr Wohnzimmer als Küche ist, zurück.
Dem großen, altmodischen Herd gegenüber steht ein mächtiges, braunrotes
Sofa, auf dem gut drei erwachsene Personen Platz haben. Davor ein
ovaler Tisch mit rotgewürfelter Decke darauf. Neben dem Küchenschrank
eine altmodische Kommode mit hohem Pfeilerspiegel darüber, und in einer
Ecke ein Schaukelstuhl aus Rohr. Aus dem Herd, dem eine Grude angebaut
ist, strömt ein lieblicher Duft von gebratenen Äpfeln. Es ist sehr
traulich in der halbdunklen Küche, und Frau Hiller, die sich nicht auf
den Flur, auf dem die beiden Frauen stehen, herauswagt, schaut in die
Glut der verglimmenden Kohlen.
Draußen hört sie nun viele Stimmen. Die Frauen vom Nebenflur und
die von oben und unten aus dem Hause sind im schmalen, dunklen Flur
hier zusammengeströmt. Sie sprechen erregt. Man kann ihre Worte
nicht verstehen; nur so viel hört man, daß etwas Entsetzliches sich
zugetragen haben muß.
Dann dringen sie in die Küche ein und scharen sich um Frau Hiller.
Natürlich wissen sie alle längst alles, was über den neuen Hausgast
zu erfahren war. Bisher sind sie ihr ein wenig scheu aus dem Wege
gegangen; nun aber stehen sie plötzlich um sie herum, als seien sie
alte, gute Bekannte.
Die Wachtmeisterswitwe sagt unter Schluchzen: „Nun ist die Gewißheit
da, gnädige Frau. Der Trompeter von oben ist tot. Und nicht mal
richtig gefallen soll er sein, sondern in Belgien meuchlings ermordet!“
Fräulein Else hat die große Lampe angezündet, und die Augen all der
Frauen sehen in Frau Hillers Gesicht.
Die hat eine Sekunde lang die Hand über die Augen gelegt.
Fräulein Else liegt in einer Ecke des Sofas und hat den Kopf in die
Arme geworfen. Sie weint laut und schmerzlich auf -- sie weint so, wie
nur eine weinen kann, die selbst um jemand bangt!
„Und oben liegt die Frau und erwartet jeden Tag das Kind. Wer bringt
ihr nur das bei?“
Die Wachtmeisterswitwe sagt in bestimmtem Ton: „Laßt erst das Kind da
sein; vorher erfährt sie’s nicht!“ Die Frauen schweigen dazu und sind
einverstanden.
Frau Hiller steht neben dem weinenden Mädchen und möchte am liebsten
mit ihr weinen. Sie streicht ihr übers Haar, und die Frauen um sie
herum beginnen wieder zu sprechen.
Fräulein Else weint und kann sich nicht beruhigen; die leidet wirklich
und leidet furchtbar schwer. Frau Hiller möchte wissen, um wen sie
leidet, aber sie mag sie nicht fragen.
Leise gleitet sie aus dem Kreis der Frauen hinaus; in ihrem netten
Wohnzimmer zittert ein Mondstrahl über Boden und Wand. Drüben liegt
schwer und dunkel die Kaserne und wirft große, schwarze Schatten um
sich.
Die Wachtmeistersfrau tritt mit der großen Lampe zu ihr ins Zimmer,
und Frau Hiller fragt, ohne es eigentlich zu wollen: „Warum weint Ihre
Tochter so sehr? Ist sie verlobt?“
Die Frau sieht sie groß an. „Nein -- die ist nicht verlobt. Es ist der
Jammer im allgemeinen, um den sie weint! Sie ist immer ein bißchen
empfindlich gewesen; viel empfindlicher, als sich’s für unseren Stand
paßt!“
Die Lampe steht auf dem Tisch und wirft einen großen, runden Kreis über
Tisch und Boden.
Die Wachtmeisterswitwe steht noch ein paar Minuten in der Tür; sie
wartet, ob die Frau, die am Fenster lehnt, noch Lust hat, mit ihr zu
schwatzen. Aber die fragt nichts, sondern schaut stumm auf die dunkle
Straße hinunter.
„Ja, ein jeder hat sein Päckchen zu tragen. Gute Nacht, gnädige Frau!“
„Gute Nacht!“ sagt Frau Hiller freundlich, lehnt dann wieder am Fenster
und blickt zur Kaserne.
* * * * *
All die Tage über hat die Sonne ihren Glanz über die Erde ausgegossen
-- September ist es geworden, ein ganzer Monat seit Ausbruch des
furchtbaren Krieges vergangen.
Was hat der Mensch in diesen dreißig Tagen alles fassen müssen! Welche
Umwälzungen sind im Gehirn des einzelnen vorgegangen! Der Stumpfeste
ist aufgerüttelt worden. Jeder hat einen Schmerz, ein Leid oder auch
nur eine Enttäuschung erfahren. Viele, die klein und armselig waren,
sind groß geworden in dieser kurzen Zeit.
Deutschland ist von Sieg zu Sieg gegangen. Jubel ist durch die Lande
gezogen.
Viel Blut ist geflossen -- viel Entsetzliches ist geschehen. Aber die
Sonne hat dazu geleuchtet -- warme Lüfte haben geweht, und die Abende
sind kühl und wonnig gewesen. Wie aber wird es werden, wenn die Stürme
brausen, wenn der Regen unaufhörlich niederströmt, wenn der Himmel grau
und düster über der Erde liegt?
Ein Septembersonntag ist es, der solch bange Ahnungen aufsteigen läßt.
Zum ersten Male seit Wochen treiben schwere, schwarze Wolken am Himmel;
die Straßen sind naß vom Regen der Nacht, und jeden Augenblick kann das
Prasseln von neuem einsetzen. Die Landwirte haben sich’s gewünscht, daß
es so kommen möchte, aber das Herz des Menschen ist bang und schwer.
Man braucht die Sonne, um die Schwere der Zeit tragen zu können.
Im Hof der Husarenkaserne haben sich die jungen Freiwilligen
versammelt. Sie tragen Dienstanzug: die lederne Reithose und ihren
gewöhnlichen Uniformrock mit den verblaßten Tressen. Aber die
Knöpfe blitzen; die haben sie frisch geputzt. Auf dem Kopf die hohe
Husarenpelzmütze mit der roten Zunge, die zur Seite herabfällt. Es ist
der Tag, an dem sie den Eid auf die Fahne ablegen sollen.
Vor der Kaserne stehen scharenweise Zivilpersonen. Väter und Mütter,
die angereist kamen, um dem feierlichen Akt beizuwohnen, und junge
Mädelchen aus dem Ort, die durchs Gitter, das die Kaserne von der
Straße trennt, blicken.
In Reih’ und Glied stehen sie da; die Wachtmeister gehen vor ihnen
hin und her, und dann kommt das Kommando: „In Reihen antreten!“ Sie
marschieren die lange Straße hin, biegen am Husarenweg ein. „Achtung,
Augen links!“ kommandiert der Unteroffizier, und der Infanterieoberst,
der im ‚Schwan‘ wohnt, geht an ihnen vorüber.
Die kleine altmärkische Stadt ist weitläufig gebaut, sie hat schöne,
altertümliche Plätze und eine gutgepflegte Promenade, die sich wie ein
Ring rund um die Stadt zieht. Zwei große protestantische Kirchen recken
ihre Türme hoch über sie hin; die eine ist die alte Marienkirche,
die andere nennt man den Dom. Er liegt an einem freien Platz.
Kastanienbäume breiten ihre Laubdächer aus. Die Wolken treiben noch
immer am Himmel, und die Luft ist schwer und beklemmend.
Auf einer Holzbank im Seitenschiff, an eine Säule gedrückt, sitzt Frau
Hiller. Die Wachtmeistersfrau hat ihr geraten, zeitig zu gehen, denn
zum Fahneneid läuft heute jeder in den Dom herunter. In der ganzen
Stadt mag es kaum eine Seele geben, die nicht ein Interesse an der
heutigen Feier hätte.
Neben ihr sitzt eine andere Mutter -- auch aus Berlin -- auch
hierhergekommen, um dieser feierlichen Handlung beizuwohnen. Sie sitzen
eine gute Stunde dicht nebeneinander auf der Holzbank, ohne ein Wort zu
sprechen.
Es hat etwas Beklemmendes, bei grauem Wetter eine Stunde lang in einem
leeren protestantischen Gotteshaus zu sitzen. Wohl wölbt sich das Dach
hoch, von starken Säulen getragen, über dem Haupt. Man kann nicht das
Gefühl haben, das den empfindsamen Menschen bei grauem Wetter in enger,
niedriger Stube leicht überfällt, das Gefühl, daß Wände und Decken auf
ihn niederzudrücken beginnen. Der Blick hat genügend Spielraum. Über
die langen Reihen der leeren Bänke hinweg kann er zum Altar fliehen --
kann an den weißen Spitzen der Altardecke haften bleiben, zum Kreuz,
das den Erlöser trägt, kann er fliehen. Oder zur Kanzel hinauf oder
noch höher hin zu den herrlichen, großen, bunten Glasfenstern, die
das Schönste und Kostbarste an diesem alten Bauwerk sein sollen. Und
Frau Hillers Blicke irren von einem Ende der Kirche zum anderen; aber
nirgends ein Ruhepunkt. Auch das Bild des gekreuzigten Heilands hält
sie nicht. Warum ist er gestorben? Warum hat er geduldet? Warum hat er
eine Welt erlöst, die doch immer wieder in Zwietracht und Finsternis
versinken muß?
Bang und verzagt sitzt sie an ihrer Säule. Alles Traurige und
Schmerzliche aus ihrem Leben taucht vor ihr auf; Kindererinnerungen!
Auch da schon bitteres Leid ohne äußeren Grund, auch da schon
Schmerzen, für die es keinen Namen gab. Und von der Kindheit in eine
Jugend, die wiederum Nöte und Kämpfe brachte. Eine Ehe, aus heißer
Liebe geschlossen und vom Tod gelöst, nachdem ein mühseliger Weg des
Leidens gemeinsam zurückgelegt war.
„Die Menschen von heutzutage sind nicht mehr einfach genug zum
Glücklichsein!“ sagt die Großmutter. „Zum Glücklichsein gehört
Einfachheit des Gemüts, und wer diese Einfachheit nicht von der Natur
bekommen hat, der soll sie sich erwerben!“
Die Großmutter sagt viel, und man hört leicht über sie hinweg. Aber
nie hat Frau Hiller so oft an die alte Frau und ihre Aussprüche denken
müssen als jetzt in dieser Zeit, die von jedem Menschen Einfachheit und
Stärke fordert.
Sie sitzt an ihrer Säule und sieht in den leeren, weiten Kirchenraum.
Ein einziges Glück hat sie in ihrem Leben gehabt, das ihr treu
geblieben ist, und dies Glück fing an mit dem Tag, an dem das Kind
geboren wurde. Das Kind war das einzig Wirkliche und Große in all dem
Gewoge in ihrer Seele geblieben. Das Kind war wie eine Melodie, die
sie ihr ganzes Leben lang begleitet hat, oft überbraust von wilderen,
rauschenderen Klängen, aber nie verstummt!
Das Kind, der Junge, ist auch heute noch ihr einziges Glück. Aber wenn
sie an ihr Kind denkt, dann ist sie mit ihm in Berlin in ihren Zimmern;
dann ist er der anschmiegende, zarte, feine Junge mit den Träumeraugen!
Der Husar, der jetzt hier in der altmärkischen Garnison lebt und der im
Kampf zwischen Kind und Mann liegt, ist ihr noch zu fremd.
Auch die Frau, die neben ihr sitzt, ist versunken; auch deren Augen
blicken starr und still vor sich hin. --
Die Bänke in den Seitenschiffen beginnen sich zu füllen. Die Glocken
setzen ein -- mächtig hallt ihr Ton in der großen Kirche wieder. Zwei
große Kerzen zu Seiten des Gekreuzigten sind entzündet worden. Ihr
flackernder Schein tanzt um die Leidensgestalt.
Schritte hallen draußen im Vorraum -- eine Bewegung -- ein Rauschen.
Voran der Küster, der die Plätze anweist, und im Augenblick ist die
Kirche gefüllt von den graugelben Uniformen. Die Köpfe derer, die
in den Seitenschiffen sitzen, recken sich. Ein jeder möchte den, um
dessentwillen er hierherkam, sehen.
Lange sucht Frau Hiller nach ihrem Jungen. Sie sehen alle gleich aus,
die glattgeschorenen Köpfe über den bunten Kragen. Ein kleines Grauen
ist in ihr, während sie ihn sucht. So verschwunden in der Masse ist
er; einer ist soviel wert wie der andere! Sie sind nicht mehr Menschen
für sich; sie gehören einer großen Einheit an, die keine Unterschiede
duldet.
Schließlich erkennt sie Ernst an der hohen Stirn und an der Haltung
des Kopfes. Er hat ihr auch fast unmerklich zugenickt; aber dann sieht
er nicht mehr zu ihr hin, sitzt ernst und feierlich zwischen den
anderen.
Die Glocken verhallen, und die Orgel setzt ein.
„Ein’ feste Burg ist unser Gott!“ Ein vielgesungenes Lied in dieser
Zeit. Man braucht das alte Lutherlied jetzt nötiger als sonst. Man
versteht erst jetzt eigentlich so ganz den tiefen Sinn. Mächtig
rauscht der Chor durch die Kirche; ergreifend für die, die in den
Seitenschiffen sitzen, die in so enger Beziehung zu den jungen Sängern
stehen.
„Und wenn die Welt voll Teufel wär’!“ -- Es ist herrlich, mit welcher
Kraft sie das herausstoßen! Die Welt ist voller Teufel -- aber wenn man
diesen Gesang hört, hat man keine Angst vor ihnen.
Frau Hiller kann den Blick nicht von der hohen, reinen Stirn ihres
Jungen loslösen. Er ist jetzt ganz der Sache hingegeben, denkt nicht
mehr an die Mutter.
Der Geistliche ist vor den Altar getreten und spricht ein Gebet. Die
Husaren stehen mit geneigten Köpfen; der Regen schlägt an die hohen
Fenster, und ein rauher Wind heult um die Ecken der Kirche. Die Orgel
setzt wieder ein; das Singen übertönt das Unwetter, das draußen tobt,
und der Pfarrer steigt auf die Kanzel.
„Liebe junge Freunde!“ sagt er. „In anderen Jahren, wenn es galt, den
Eid der Treue an dieser Stätte zu leisten, geschah es bei aufgerollter
Fahne. Heute ist unsere Fahne in Feindesland -- heute gilt es einen Eid
zu leisten, der sogleich in allen Punkten Erfüllung heischen wird!“
Die Worte klingen schwer und wuchtig und werden von den Wänden der
Kirche zurückgeworfen.
„In eine große, ernste und doch herrliche Zeit tretet ihr, die ihr noch
an der Schwelle des Lebens steht, ein! Beneidenswerte Jugend, die ihr
eure ersten, frischesten Kräfte dem bedrängten Vaterlande weihen dürft!“
Die Gesichter der Husaren blicken zur Kanzel empor. Blutjunge Gesichter
sind es zumeist -- ernst, voll tiefer Begeisterung sehen sie zu dem,
der zu ihnen spricht, empor.
Aus den Seitenschiffen klingt es wie leises Schluchzen. Tücher werden
an die Augen geführt. Mutterherzen bluten; Mutterherzen wollen sich
auflehnen gegen das Gewaltige, das von ihnen gefordert wird.
Der oben auf der Kanzel steht, spricht unendlich gütig und liebevoll zu
denen, die heute den Schwur der Treue leisten wollen.
Er spricht von Deutschlands Feinden, die, von Neid, Haß und niedrigen
Instinkten getrieben, den Willen haben, das Deutsche Reich zu
zerstückeln, zu vernichten. All die unerhörten Ereignisse, die diese
Wochen bewegten, läßt er von der Kanzel herab an den jungen Menschen,
die gewillt sind, ihr Vaterland zu schützen, vorüberziehen.
Ein jeder, der in der großen Kirche sitzt, hat alles das, was da
aufgezählt wird, noch frisch im Gedächtnis. Und doch -- wie es hier
aneinandergereiht wird, wie man es förmlich wie die Glieder einer Kette
vor sich erstehen sieht -- da glaubt man wieder, ein Stück aus ferner
Vergangenheit tolle sich hier auf.
Eine jede Mutter, die im Seitenschiff der Kirche sitzt, wird ihre Seele
erschauern fühlen, eine jede wird in furchtbarem Zwiespalt mit sich
selbst sein. Hat sie dafür ihr Kind geboren, daß es, kaum ins Leben
eingetreten, sich schon opfern soll. Hat sie ihr Kind geboren, damit
es in einem Kriege, der tückischer, bestialischer geführt wird als je
ein Krieg aus der Vorzeit, nicht einmal von offener Kugel getroffen,
sondern vielleicht hingeschlachtet werden soll?
Unausdenkbar! Grauenvoll!
Oh, wie zucken, wie bluten die armen, wehen Herzen im Seitenschiff,
während die, an die die Rede gerichtet ist, froh und begeistert zur
Kanzel aufschauen.
Dem, der da oben steht und zu der jungen Schar künftiger Helden
spricht, ist eine herrliche Redegabe verliehen. Mag sein, daß die Größe
der Zeit ihren Teil daran hat; aber es ist, als sei ein Gottgesandter
hier in diesem Raume erschienen -- einer, der das Wort des Herrn mit
der ganzen Gewalt und Inbrunst, die es besitzt, wiedergibt.
Wilder wütet der Sturm ums Gotteshaus; es ist, als höre man Kriegslärm;
es ist, als solle man hier drinnen im Frieden des heiligen Hauses
besonders eindringlich an all das Böse und Wilde, das draußen in der
Welt vor sich geht, erinnert werden.
Ein Gebet wird gesprochen -- ein stilles, gutes, inbrünstiges Gebet zu
dem, der die Geschicke lenkt, der dem Recht zum Sieg verhelfen und das
Unrecht bestrafen muß! Oh, wer so einfach glauben und zu Gott vertrauen
kann!
Die Husaren stehen mit geneigten Köpfen, die Orgel intoniert eine leise
Melodie, und an Stelle des Geistlichen tritt nun ein junger Offizier
vor die Soldaten hin. Hellgrau ist seine Attila und mit silbernen
Tressen besetzt. In voller Gala, mit Bandelier und Schärpe steht er da.
Die Orgel spielt ganz leise, so daß es wie ein geheimes Wogen durch die
Kirche geht. Er liest den Fahneneid:
„Ich schwöre zu Gott, dem Allwissenden und Allmächtigen, einen
leiblichen Eid, daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, Wilhelm
dem Zweiten, meinem allergnädigsten Landesherrn, in allen und jeden
Vorfällen, zu Lande und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten und an
welchen Orten es immer sei, getreulich und redlich dienen, Allerhöchst
dero Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden,
die mir vorgelesenen Kriegsartikel und die mir erteilten Vorschriften
und Befehle genau befolgen und mich so betragen will, wie es sich für
einen rechtschaffenen und ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt. So
wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium.“
Die Husaren haben sich erhoben. Der Offizier weist noch einmal auf den
tiefen, erschütternden Ernst des Augenblicks hin, dann tritt er erst zu
jenen, die anderen Bundesstaaten angehören, und nimmt ihnen den Schwur
ab.
Er spricht die einzelnen Worte vor, und der Schwörende spricht sie --
die Eidfinger erhoben -- nach. Seltsam, fast wie ein Mißklang tönen
die klaren, schweren Worte zum leisen, tragenden Spiel der Orgel. Nur
wenn die Schlußworte kommen, wenn sie sagen: „So wahr mir Gott helfe
durch Jesum Christum und sein heiliges Evangelium!“ klingt beides, die
gesprochenen Worte und das leise Orgelrauschen, wie ein hohes, hehres
Lied zusammen.
Einer nach dem andern schwört mit ernster, fester Stimme sein Leben dem
Vaterlande zu. Ein jeder will bluten, will sterben! Ein jeder will mit
tausend Freuden sein junges Leben dem Vaterland hingeben.
Warum weinen da so viele von den Frauen, die in den Seitenschiffen
sitzen? Warum jauchzen sie nicht? Warum schwillt ihr Herz nicht in
Stolz und Seligkeit darüber, daß sie Söhne geboren haben, die sich der
großen Zeit würdig erweisen?
Ach, immer mag es so im Leben sein: Wer zu großer Tat von den Seinen
wegzieht, dem wird der Abschied nicht schwer. Der ganze furchtbare,
überwältigende Schmerz rast in den Herzen derer, die geben müssen, die
zum Abwarten verdammt sind. Wer bringt dem Vaterland das größere Opfer:
der junge, begeisterte Soldat, der, von tausend Hoffnungen beseelt,
hinauszieht -- oder die, die ihn geboren hat, und die in diesen
Augenblicken, da ihr Kind von einer anderen, größeren Macht gefordert
wird, alle Wonnen, alle Schmerzen, das ganze Leben dieses Kindes von
jener Zeit an, da sie es noch unter dem Herzen trug, wieder durchkosten
muß.
„Groß sind die Zeiten, und groß sollen auch die Menschen sein!“ Frau
Hiller denkt an diese Worte der Großmutter, und doch ist ihr, als müsse
sie aufschreien. Ihr Junge hat mit all den anderen, die preußische
Staatsangehörige sind, die Schwurfinger erhoben. Im Chor mit ihnen
spricht er die Worte, die der Offizier in der hellgrauen Attila ihnen
vorsagt. Die Orgel spielt -- der Regen peitscht gegen die Fenster --
der Sturm ist zum Orkan geworden; er heult und schreit und winselt
ums Gotteshaus. Die Lichter am Altar flackern um das stille Kreuz des
Dulders: „So wahr mir Gott helfe durch Jesum Christum und sein heiliges
Evangelium!“
Ihr Kopf lehnt an der Säule; schwarz ist ihr vor Augen. Eine rohe Faust
martert ihr Herz. Um sie herum ist das Schluchzen der anderen Mütter.
Leiden die alle dasselbe wie sie? Sind sie in diesen Augenblicken
genau wie sie durch Höllen gewandert? Sie fühlt ihre Hand von der ihrer
Nachbarin umschlossen. Eine zitternde Hand ist es, die die ihre umfaßt,
aber es tut wohl.
Alle Mütter in der ganzen Welt, die ihre Söhne dahingeben -- müssen
sich verbunden fühlen in dieser Zeit -- -- -- die höchste und die
niederste müssen sich lieben, denn was ist Rang und Geld und Würde
neben diesem bitterheißen, gewaltigen, heiligen Schmerz, den sie alle,
alle durchkosten müssen?
Der kleine Hiller sucht die Blicke der Mutter und nickt ihr ernst und
kindlich stolz zu. Viel warmes Leben, viel Freude ist in diesem Blick.
Sie staunt darüber, aber sie fühlt, wie das Blut ihr wieder wärmer zum
Herzen strömt.
Die Orgel spielt lauter -- das Haus wird erfüllt von den mächtigen
Klängen. Das Gefühl des Unheimlichen, das Gefühl des Schauerns ist
vorüber. Helleres Licht bricht durch die Fenster -- die Seele wird
emporgetragen.
Vor ein paar Augenblicken, als die jungen Menschen die schwer
feierlichen Worte sprachen, waren die armen Seelen in einem dunklen
Raum gewesen. Eine jede Mutter mochte da wohl ihren Sohn schon verloren
gegeben haben. Nun aber erhält sie ihn wieder. Der Pfarrer steht auf
der Kanzel; er spricht die einzelnen Strophen des wundervollen Liedes:
‚Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten!‘ Und die Orgel jauchzt
-- die Stimmen setzen ein und schwellen an -- keine Mutter schluchzt
jetzt mehr; kein Herz ist mehr dunkel und verzagt.
„Herr, mach’ uns frei!“ braust es durchs Gotteshaus. „+Herr, mach’
uns frei!+“ Und die Wände werfen es zurück -- die Orgel spielt ein
hohes Feierlied. Alle Herzen sind frei geworden; alle bangen Herzen
sind stolz und froh geworden.
Der Pfarrer ist wieder vor den Altar getreten; er breitet die Hände aus:
„Der Herr segne und beschütze dich. Der Herr lasse leuchten sein
Angesicht über dir! Der Herr gebe dir seinen Frieden. Amen!“
Die Husaren verlassen reihenweise die Bänke und versammeln sich um ihre
Führer; die aus den Seitenschiffen strömen dem Ausgang zu. Draußen auf
dem Platz vor der Kirche sehen sie sich wieder.
Das Unwetter hat ausgetobt -- -- durch die grünen Kastaniendächer
bricht leise die Sonne durch.
Die Mütter möchten zu ihren Söhnen eilen und sie ans Herz drücken;
aber die stehen in Reih’ und Glied, und der Offizier hält eine
Ansprache an sie -- eine kurze, knappe, begeisterte Ansprache, die in
einem Kaiserhoch endet. Die Unteroffiziere kommandieren, die Husaren
schwenken in Reihen ab -- kehren zur Kaserne zurück. --
Am Mittag ist lustige Tafel im ‚Schwan‘. Die Husaren haben ihre
Extrauniform angezogen. Die Gesichter glänzen, als sie an die gedeckten
Tische treten, denn sie sind hungrig. Der Oberkellner hat Frau Hiller
zu einem Tisch geführt, an dem schon ein Elternpaar mit einem Husaren
sitzt. Man ist im Augenblick befreundet, und die beiden jungen
Freiwilligen rücken mit Kasernenwitzen heraus. Die Unterhaltung geht im
ganzen Saal von Tisch zu Tisch. Es wird sehr lustig. Die Eltern lassen
Sekt auffahren. Es ist ein Freuden-, ein Ehrentag heute; die Jugend,
die in ein paar Wochen für Deutschlands Ehre kämpfen will, muß gefeiert
werden. Sie läßt sich’s gern gefallen.
Der kleine Hiller hat heute nichts vom Philosophen an sich. Glücklicher
und lebensfroher können keine Augen strahlen, als die seinen es tun.
Hipp kommt nach dem Dessert mit seinem Vater, dem reichen Fabrikanten,
an den Tisch und setzt sich neben Hiller.
Die beiden lachen und schwatzen miteinander, und Frau Hiller muß an
den Abend am Pappelweg denken, an dem ihr Ernst so schwermütig und
ablehnend über die Welt und auch über Hipp geurteilt hat. Heute weiß er
nichts mehr davon. Heute ist er Hipps Kamerad -- heute ist er Soldat
und nichts weiter.
Die Mutter ersehnt den Augenblick, an dem sie den Jungen für sich haben
wird. Sie denkt an den Konfirmationstag zurück. Diesem Tag waren eine
ganze Zahl schwerer Wochen voraufgegangen, denn der junge Philosoph
hatte Gewissensnöte gehabt. Er wollte nicht an den Tisch des Herrn
treten, denn sein Verstand lehnte sich gegen das Gelübde des Glaubens,
das er ablegen sollte, auf.
Die Großmutter, die auf Ordnung hielt, hatte ihn damals zur Vernunft
gebracht. Aber den ganzen, schweren Tag über hatte der Junge damals auf
den Augenblick gewartet, an dem er die Mutter für sich haben würde, und
die Mutter hatte aus einer unbestimmten Angst vor diesem Alleinsein die
Großmutter nicht von ihrer Seite gelassen. Heute tritt das Umgekehrte
ein. Heute ersehnt sie die stille Stunde einer Aussprache, und der
Junge weicht ihr aus.
Sie wollen alle zum Photographen; sie müssen natürlich eine Erinnerung
an diesen Tag haben. Und um fünf Uhr müssen sie zur Pferdetränke in der
Kaserne sein. Am Abend aber hat Hiller auf Wache zu ziehen.
Keine Minute also für die Mutter, und das ist gut. Er will Mann sein;
er will stark und lustig sein! Der Mutter tut das Herz weh, das weiß
er. Aber sie soll es ihm nicht sagen. Es nutzt ja nichts. Hinaus will
er und muß er. Wozu da noch Worte und Tränen?
Der Sekt schmeckt ihm; der reiche Fabrikant hat noch eine Flasche
bestellt und gießt ein. Die Stimmung wird übermütig. Im Saal ist’s
heiß; sie haben gut gegessen -- nun trinken sie und rauchen gute
Zigarren. In den Hof des Hotels zieht eine Musikerbande. Orgel, Pfeife
und Klarinette:
„Die Vöglein im Walde, sie singen
so wunder-wunderschön:
In der Heimat -- in der Heimat,
da gibt’s ein Wiedersehn!“
Die Sangeslust erwacht. Irgendwo an einem Tisch setzt eine Stimme ein.
Vorgesetzte sind nicht im Saal. In die eine Stimme fallen die andern,
draußen orgeln und blasen sie, und drinnen singen sie in all ihrer
jungen Lebensfreude:
„Die Vöglein im Walde, sie singen
so wunder-wunderschön:
In der Heimat -- in der Heimat,
da gibt’s ein Wiedersehn!“
Die Zeit fliegt dahin; halb fünf Uhr. Die Husaren stehen von den
Tischen auf.
„Wiedersehn, Mutter!“ sagt der kleine Hiller -- schnallt den Säbel um,
setzt die hohe Mütze auf den Kopf, geht an Hipps Seite davon und läßt
die Mutter unter den fremden Menschen im Hotel zurück.
* * * * *
Der Eid der Treue ist geleistet, nun gibt es kein Zurück mehr.
Am nächsten Tag geht die Sache verteufelt stramm los! Es nützt
kein Fackeln! Wer weiß, wie bald Deutschland auch seine jüngsten
Kräfte braucht! Man hofft es nicht, und es ist auch kein Grund zum
Schwarzsehen vorhanden. Aber der Feind ist mächtig; der Feind wird
gepeitscht vom elenden Briten. Deutschland soll und muß vernichtet
werden!
Aber Deutschland läßt sich nicht vernichten! Deutschlands Jugend
jubelt: ‚Noch sind wir da, sie sollen nur kommen!‘
Die Begeisterung ist groß, ist riesengroß. Jeder von ihnen wird ein
Held sein, wenn er dem Feind gegenübersteht!
Aber Begeisterung ist etwas, was ewig von neuem geschürt werden will.
Begeisterung muß immer neue Nahrung haben -- genau wie ein Feuer im
Kamin -- sonst erlischt sie.
Der Drill ist aber eintönig, und das ewige Putzen an Pferden,
Sattel- und Zaumzeug und an den Uniformen erst recht! Wo soll da die
Begeisterung herkommen?
Und doch und doch und doch! Sie vergessen es nicht und dürfen es nicht
vergessen, daß dieser Drill dem Dreinhauen vorangehen muß. Alles in der
Welt will gelernt sein -- auch das Dreinhauen, das so einfach scheint.
Neben ‚Vize‘, der zwar sehr stramm, aber auch sehr gerecht ist, haben
sie einen zweiten Wachtmeister bekommen, mit dem im Dienst nicht gut
Kirschen essen ist.
Er ist groß im Androhen von schweren Strafen, aber er ist auch groß im
Verzeihen. Und wenn er guten Willen bemerkt, läßt er sich herab, seine
Anerkennung nicht zu versagen; in der Kantine beim Glas Bier kommt es
vor, daß er außerordentlich gemütlich wird; aber wenn sein Zorn gereizt
wird, kann er rasend werden. Er hat die echtesten Kavalleriebeine
und reitet tadellos; und da er sich rühmt, einen jeden, auch den
störrischsten Gaul zu bemeistern, verlangt er dasselbe von seinen
Schülern.
Er ist entsetzt, daß sie in all der Zeit, die sie nun schon hier sind,
noch so wenig gelernt haben. Ein paar unter ihnen kommen immer noch
nicht glatt durch den Sprunggarten. Das ist ein starkes Stück, aber er
wird ihnen beikommen!
Er kann entsetzlich schreien; die Ohren sausen dem, in dessen Nähe er
steht und der seine Ungnade erworben hat.
Für den kleinen Hiller, dem man zum drittenmal ein neues Pferd gegeben
hat, ist das, welches er jetzt erhalten, ein wenig zu hoch. Es ist
verteufelt schwer, sich in den Sattel zu schwingen. Das Tier heißt
wegen seines Benehmens ‚Verbrecher‘; es beißt und keilt aus. Hillers
Schienbein hat eine starke Anschwellung, die von einem Tritt herrührt.
Er hätte sich daraufhin krank melden können, haben ihm seine Kameraden
gesagt. Aber er mag nicht ins Lazarett, denn er hat das sichere Gefühl,
daß sich irgend etwas Großes in der Welt ereignen wird, wenn er nicht
zugegen ist. Und wenn er sich ausdenkt, daß er eines schmerzenden
Schienbeins wegen im Bett liegt und die anderen vielleicht gerade dann
ausrücken, vergehen die Schmerzen ganz von selbst. Er ist keine Memme
und kann schon was ertragen.
Der neue Wachtmeister braucht eine sehr erhebliche Zeit, bis er einen
vom andern unterscheiden lernt. Er kennt niemand beim Namen und weiß
nicht, wer Einjähriger und wer Dreijähriger ist.
‚Vize‘ hatte darin ein viel feineres Unterscheidungsvermögen.
Zu Hiller sagt er eines Tages: „Zeig’ mal her, du Aas, wie du deine
Sporen sitzen hast!“ Und als es nichts zu tadeln gibt, fragt er: „Wie
heißt du?“
Hiller, ohne es zu wollen, reckt sich, und sein Gesicht nimmt einen
hochmütigen Ausdruck an. Er nennt seinen Namen, und der Wachtmeister
sagt: „Ach so, ’n feines Aas also! Aber hier bist du ein Rekrut wie
alle anderen, merk’ dir das!“
Hiller hat auf den Lippen, zu erwidern: „Sie irren, Herr Wachtmeister,
ich bin Kriegsfreiwilliger!“ Aber er ist schon zu sehr Soldat -- zu
sehr ist ihm Gehorsam und Disziplin schon ins Blut übergegangen.
„Zu Befehl, Herr Wachtmeister!“ sagt er und läßt das ‚Aas‘ auf sich
sitzen.
Abends unterhält sich der Wachtmeister sehr freundschaftlich mit ihm
und fragt ihn nach seinen näheren Verhältnissen aus. „So -- der Vater
ist schon lange tot! Hm -- und er ist das einzige Kind! Schwer für die
Mutter!“ Er wird gerührt und ist wirklich nett und herzlich zum kleinen
Hiller.
Der benutzt die gute Gelegenheit, ganz bescheiden zu erwähnen, daß sein
neues Pferd, der ‚Verbrecher‘, zu hoch für ihn sei und dazu gemein
ausschlage; aber mit diesem Anliegen hat er kein Glück.
Der Wachtmeister reißt den Mund weit auf und läßt gleich wieder die
große Kluft, die den Vorgesetzten vom Untergebenen scheidet, entstehen.
„Mensch, denkst du, daß du dir im Feld einen Gaul aussuchen kannst?
Wenn dir da dein Tier unter dem Leib weggeschossen wird, glaubst du,
daß da gleich ein Dutzend um dich herumwiehern, damit du dir das
bequemste aussuchen kannst? Nee, gibt’s nicht, mein Junge. Und wenn
ein Pferd so hoch ist wie ein Turm, raufkommen muß einer, der sich
Kavallerist schimpft. Sollst mal sehen, was ich von jetzt an für ein
Auge auf dich haben werde, und in spätestens einer Woche kommst du mit
Eleganz auf dein Tier rauf, das schwöre ich dir!“
Teufel, ja -- da hatte Hiller sich was eingebrockt. Der Wachtmeister
ließ ihn nicht mehr aus den Fingern. Fünfmal hintereinander: „Rauf aufs
Pferd und wieder runter!“ Beim fünftenmal ging es gewöhnlich.
„Draußen im Feld wirst du deinem Wachtmeister danken! Da wirst du
dir vielleicht mal sagen: ‚Donnerwetter, der Kerl hat’s gut mit mir
gemeint!‘ Denn das hat schon manchem im Feld das Leben gerettet, wenn
er tadellos auf jeden Gaul hinaufkann. Das kannst du dir da drüben auch
merken, du Sonntagsreiter du! Häng’ mal mit deinen zweihundert Pfund
nicht wie ein Mehlsack auf dem armen Biest!“
Hipp, an den die Worte gerichtet sind, sieht den Wachtmeister in der
gewohnt-treuherzigen Art an.
„Zu Befehl, Herr Wachtmeister, ich wiege nur hundertvierzig Pfund!“
wagte er zu sagen.
„Schnauze halten!“ schreit der Wachtmeister wütend. „Wenn ich sage, daß
du zweihundert Pfund wiegst, dann wiegst du eben zweihundert Pfund. Im
übrigen werde ich auch dich mal im Auge behalten, dann wird dir das
Antwortgeben bald vergehen!“
Hipp und Hiller werden, ohne daß ein besonderer Grund dazu vorliegt,
von allen Kameraden und auch von dem Wachtmeister für etwas
Zusammengehöriges angesehen. Sie haben weder im Äußeren noch in ihrem
Wesen irgendwelche Ähnlichkeit, und auch ihre Leistungen sind sehr
verschieden.
Aber sie sitzen oft beieinander, und wenn Hipps Vater in die Garnison
angereist kommt -- und das tut er häufig -- ladet er den jungen Hiller
jedesmal mit ein.
Weil die Umgebung sie zu Freunden gestempelt hat, sind sie’s auch in
der Tat geworden. Hiller hat jetzt absolut keine Zeit zum Grübeln und
zum Kritisieren, und da Hipp umgänglich und zutunlich ist, nimmt er
ihn, wie er ist.
Der neue Wachtmeister hat sich die beiden in der Tat zu besonderen
Freunden auserkoren.
Er brüllt sie im Dienst an und ist väterlich freundlich zu ihnen,
wenn er sie in der Kantine trifft. Das muß man ihm lassen: er hat ein
eigenes Talent, den Vorgesetzten mit dem Freund zu vereinen. Hat er
Vorgesetzter zu sein, so ist er es ganz und gar; und kann er Freund
sein, so weiß man nichts mehr vom Vorgesetzten in ihm.
Sie haben ihn gern und fürchten ihn, und das ist das Idealste, was ein
Wachtmeister von seinen Rekruten verlangen kann.
Hiller hat sein Pferd, den ‚Verbrecher‘, allmählich liebgewonnen. Er
hat sich mit ihm quälen müssen und ist dann Herr über seine Tücken
geworden; das freut ihn, und er klopft das Tier am Hals und gibt ihm
Zucker.
Aber nun, da er endlich zur Freundschaft mit ihm gelangt ist, muß das
eintreffen, was er im Anfang so oft gewünscht hat. Der ‚Verbrecher‘
läßt den Kopf hängen und frißt und sauft nicht. Hiller redet ihm gut
zu, denn das Tier kennt seine Stimme, und in gesunden Tagen hat es den
Kopf ihm zugewandt, sobald es seinen jungen Herrn kommen hörte.
Jetzt bleibt es teilnahmslos, und Hipp sagt: „Sei froh, das Biest
krepiert!“
Hiller macht dem Wachtmeister Meldung über das Befinden des Tieres, und
der sieht sich den Gaul von rechts und links an, tastet ihm die Glieder
entlang und entdeckt eine Geschwulst. Er läßt ein paar Donnerwetter los
und schickt Hiller zum Veterinär. Eine Stunde später steht der kleine
Husar sehr bleich beim Arzt im Krankenstall und hält ein Bein des
Pferdes hoch. Der Veterinär hat einen tiefen Schnitt in die Geschwulst
gemacht und fährt mit Instrumenten in der wehen Stelle herum. Das
Tier schreit und das Bein zuckt in Hillers Händen. Alles Blut ist ihm
vom Gehirn zurückgewichen; kalte Schauer rieseln ihm über den Rücken,
und die Hände, die das Bein halten, zittern. Er kämpft mit einer
Ohnmacht und fühlt, wie ihn etwas zu Boden reißen will. Auch der Magen
revoltiert, und der Arzt wirft einen prüfenden Blick auf ihn, fährt
aber ruhig in seiner Beschäftigung fort.
Das Tier stöhnt und wirft den Kopf von einer Seite auf die andere. Die
nasse Schnauze streift Hillers Wange, und ihm bricht der Schweiß aus.
Die Kniee wanken unter ihm, und vor den Augen tanzen schwarze Punkte...
Der Arzt räuspert sich: „Ich bitte, das Bein höher halten!“ Hiller
möchte aufschreien. Der Arzt kommt ihm wie ein Schlächter vor. Das Tier
ist halb wahnsinnig vor Schmerz, und er hält das Bein, ohne noch zu
wissen, daß er es hält. Dabei sieht er nach dem Stallausgang. Wenn doch
ein Mensch vorbeikäme, den er anrufen könnte. Aber niemand kommt.
Nun fängt auch das Herz an zu klopfen; bis zum Hals hinauf hämmert es.
Er fühlt, daß das Bein des Tieres ihm entgleiten will, und hat noch
gerade das Bewußtsein, sich zu sagen, daß es schmachvoll für ihn sein
wird, wenn er nicht standhält. Sein Wille arbeitet mit letzter Kraft.
Draußen im Feld wird er Schlimmeres sehen müssen, sagt er sich.
Und wenn er hier nicht standhält, wenn der Arzt vielleicht seinen
Wachtmeistern erzählt: ‚Teufel, da habt ihr aber einen netten Helden
als Freiwilligen! Der wird ja Deutschlands Jugend glorreich vertreten,
wenn er hinauskommt!‘ Wenn dieser Mann mit der breiten Stirn und dem
energischen Mund das von ihm erzählt, dann ist’s um ihn geschehen, dann
läßt man ihn nie und nimmer hinaus. Er weiß nicht mehr, sind es Minuten
oder sind es Stunden, die vergehen, während er hier steht und gegen
seine Schwäche ankämpft. Aber der Arzt fängt nun leise an zu pfeifen
bei seiner Arbeit, und das Tier wird ruhiger.
„Sie können das Bein fallen lassen!“ hört Hiller sagen, und hart läßt
er den Huf auf die Erde aufschlagen.
„Holen Sie Wasser!“ Hiller kommt aus der dumpfen Stalluft ins Freie,
eilt an den Brunnen und kühlt sich das matte Gesicht. Der Körper ist
noch schwach und zittrig, aber der Kopf kann schon wieder klar denken.
Er hat standgehalten, und niemand wird etwas Kränkendes über ihn sagen
können.
Der Arzt spricht, während er sich die Hände wäscht, sehr freundlich mit
ihm.
„Freiwilliger, was? Das war ein gemeines Stück Arbeit an der armen
Kreatur! Verloren ist sie doch, aber es ist genau wie beim Menschen:
Man muß es bis zum letzten versuchen. Und wenn es wirklich zu heilen
ist, so gibt es doch kein Kriegspferd mehr. Sie können sich gleich
ein neues von Ihrem Wachtmeister verschreiben lassen. War ja auch
eigentlich viel zu hoch für Sie, dieser Gaul! Wie sind Sie denn da
überhaupt raufgekommen?“
Hillers Augen strahlen den Arzt an.
„Es ging ganz gut!“ sagt er nicht ohne Stolz, und der Arzt lacht.
„Um so besser für Sie! Draußen wird es Ihnen zugute kommen, wenn Sie
auf jeden Bock hinaufkönnen!“
Zwei Tage später wird der ‚Verbrecher‘ erschossen und in einem Karren
zum Abdecker gebracht. Hiller hat Mühe, seines Schmerzes Herr zu
werden. Am Abend hat er Stallwache und sitzt auf der Futterkiste. Da
kommen ihm fast die Tränen. Er hat jetzt ein Pferd, das besser zu ihm
paßt: einen hübschen, schlanken Fuchs; aber er kann sich noch nicht
darüber freuen. Mit der ganzen Leidensfähigkeit der Jugend durchlebt
er immer wieder die qualvolle Stunde, die das arme Tier vergebens
durchkosten mußte. Der Philosoph wird wieder in ihm geweckt. Er
begreift nicht, warum Gott oder das Schicksal, oder auch nur die
unsichtbare Macht, die über uns waltet, so viel unnötige Qualen in die
Welt schickt. Und von der unnötigen Qual, die das Tier erdulden mußte,
kommt er auf das Leid der Menschheit zurück -- auf diesen entsetzlichen
Krieg, der Millionen und Millionen in Elend und Trauer versetzt. Wer
ist es, der alles das zuläßt? Geht all das wirklich von dem aus, der
die Geschicke der Welten in seiner Hand halten solle, und der der
Allgütige, der Allbarmherzige genannt wird?
Zu Hillers Glück gesellt sich ein Kamerad zu ihm, bevor sein Geist sich
ganz von den düsteren Grübeleien einfangen läßt.
„Donnerwetter,“ sagt der und streichelt das neue Pferd. „Du bist ein
Glückspilz. Du hast jetzt den besten Gaul vom ganzen Beritt. Sag’ mal,
hast du vielleicht noch Moneten, dann könnten wir uns einen ‚alten
Mann‘ zum Wachen kaufen und gehen in die Kantine.“ Ja, Hiller hat Geld,
und der ‚alte Mann‘ ist schnell zur Stelle; aus dem dunstig-warmen,
trübselig erleuchteten Stall kommen sie in den lustigen Kantinenraum.
In der Kantine vergißt man das Denken und Grübeln ganz von selbst. Hier
duftet’s nach kräftigem Essen, Zigarren und Alkohol; hier wird gelacht
und gesungen und politisiert.
Hiller ißt und trinkt mit den anderen. Das Schicksal des armen
‚Verbrechers‘ ist vergessen, und da man ihm von allen Seiten zu seinem
Fuchs gratuliert, fängt er an, sich über das feine, schnittige Tier zu
freuen. --
Am nächsten Tag soll das erste Nachtgefecht stattfinden. Am Tag haben
sie schon ein paarmal diese kriegerischen Übungen gemacht, und es war
schön und interessant, weil man dabei eine blasse Vorahnung vom Krieg
bekam. Nun sollte es zum erstenmal in der Dunkelheit geprobt werden.
‚Vize‘ liest am Morgen die allgemeine Kriegslage vor: Zwei Parteien
werden gebildet, wovon die eine den Freund, die andere den Feind
darstellt. Der Feind trägt die hohe Pelzmütze, der Freund die kleine
Dienstmütze.
Es gilt die Bahn zwischen der altmärkischen Garnison, in der sie sich
befinden, und der Nachbarstation gegen feindliche Angriffe zu schützen.
Mehrere kleine Posten werden in Abständen von je hundert Metern
aufgestellt, und Patrouillen sollen ausgeschickt werden, um Fühlung mit
dem Feind zu halten.
Der Feind hat die Aufgabe, die Bahn zu zerstören; das soll durch einen
Schuß, der direkt vor dem in der Nacht durchfahrenden ~D~-Zug
abzugeben ist, markiert werden. Diejenige der beiden Parteien, die
zuerst zur Bahn gelangt und den Schuß abfeuert, geht als Sieger hervor.
Die Husaren werden verteilt, und jeder bekommt seinen Auftrag. Der
Wachtmeister sucht sich natürlich wieder Hipp und Hiller aus und dazu
einen ‚alten Mann‘, der ihm beim Rekognoszieren helfen soll. Die beiden
Freiwilligen haben nichts weiter zu tun, als sich seinen Anordnungen zu
fügen und sich gut zu Pferde zu halten.
Um sieben Uhr, als gerade die Dämmerung anfängt, in Dunkelheit
überzugehen, reiten sie zu den Kasernentoren heraus: Karabiner über der
Schulter -- die Lanzen im Arm. Der Feind reitet nach rechts -- die mit
den Dienstmützen nach links.
Der zweite Wachtmeister macht ein ernstes, würdiges Gesicht und läßt
einen flotten Trab annehmen. Über den großen Exerzierplatz hinweg
geht’s durch einen dunklen Wald. Hiller ist zwar mit Leichtigkeit
auf seinen neuen Gaul, den Fuchs, hinaufgekommen. Aber nun er oben
ist, büßt er sehr schnell sein Behagen ein, denn das Tier ist sehr
temperamentvoll und nervös; bei jedem unbekannten Geräusch zuckt es
zusammen und scheut.
Im Wald müssen sie über unzählige Hindernisse, und der Wachtmeister
mit dem ‚alten Mann‘ fliegen dahin, als ritten sie über glatten Boden.
Hipp rutscht zweimal von seinem Gaul herab und schimpft und flucht,
und Hiller bearbeitet seinen Fuchs mit Schenkeln und Sporen. Nur mit
größter Not halten sie sich in Sehweite des Wachtmeisters. „Voran!“
brüllt er ihnen zu, und der ‚alte Mann‘ muß zu ihnen zurückreiten, um
ihren Tieren das nötige Tempo beizubringen. Hipp schreit ein paarmal
laut auf und weiß selbst nicht, wie es ihm gelingt, sich oben zu
halten. Aus dem Wald heraus fliegen sie über eine lange Chaussee hin.
Irgendwo in der Nähe ist Pferdegetrappel zu hören, das müssen die
feindlichen Patrouillen sein. In zehn Minuten kommt der Zug, auf den
sie schießen sollen, vorbei.
An einer gedeckten Stelle, ganz nahe der Bahn, läßt der Wachtmeister
halten und lauscht. Das Pferdegetrappel ist ganz nahe, man kann nur
nicht unterscheiden, ob es unmittelbar an der Bahn oder mehr nach dem
Wald zu ist.