zwischen den stillen Feldern zurückzulegen, sondern durch die belebte
Stadt zu gehen; auf den Feldern kann man Betrunkenen begegnen oder
sonst etwas Unangenehmes erleben. So folgen sie dem großen, lauten
Treiben bis zum dunklen Tor hin, aber da biegen sie, ohne sich weiter
darüber zu verständigen, doch in die einsame Kastanienallee ein, von
der aus man zum stillen, poetischen Flußweg kommt.
Sie wollen in ihrer guten Stimmung bleiben. Mag morgen kommen, was will
-- heute wollen sie in dem Wahn bleiben, daß die Welt voll Schönheit
und Frieden ist. Die Pärchen, die in großer Zahl herumwandeln, stören
sie nicht; im Gegenteil, so ein Stück lieber Romantik paßt zu dem, was
der schöne, ernste Tag ihnen gebracht hat.
Mag die Welt voll Zorn und Wut und Haß sein -- solange es noch Herzen
gibt, die in Zärtlichkeit und Liebe zueinander hindrängen, solange ist
das Gute im Menschen noch nicht ausgetilgt, solange ist die Hoffnung,
daß eine große Versöhnung, ein wahrer, echter Friede dem wilden Hader
folgen wird, noch nicht verloren.
* * * * *
Der kleine Hiller hat Hauptwache. Das Gewehr über der Schulter,
die hohe Pelzmütze auf dem Kopf, mit einem aus der Kleiderkammer
gelieferten Militärmantel, der bis zur Erde reicht, angetan, wandert er
vor dem Schilderhaus auf und nieder.
Es ist noch kein Jahr her, daß Frau Hiller die letzten Bleisoldaten,
das letzte Schilderhaus ihres Jungen an die Kinder des Portiers
geschenkt hat. Natürlich hat er seit seinem vierzehnten Jahr die
Soldaten nicht mehr angerührt, aber er hatte sich doch auch nicht
entschließen können, sie herzugeben. Nun, da sie ihn selbst als Soldat
vor der Kaserne auf und nieder wandern sieht, muß sie sich an die Stirn
fassen. Ist alles, was sie jetzt erlebt, Wahrheit, oder ist es nur
ein Spiel? Ist das ihr Junge aus Fleisch und Blut, der da hin und her
wandert, oder ist es ein Bleisoldat?
Sie sitzt am Fenster, von der Gardine verborgen, und schaut auf ihn
hin. Er darf nicht wissen, daß sie am Fenster sitzt, denn er will
nicht, daß seine Kameraden viel von der Mutter sehen oder hören. Sein
Gesicht ist ernst, und in dem langen, weiten Mantel sieht er sehr
männlich aus. Kommt ein Vorgesetzter vorbei, dann salutiert er, und
will eine Zivilperson in die Kaserne, so hält er sie an. Der kleine,
weiche Ernst hat das Recht, Menschen anzuhalten und abzuweisen. Das ist
für die Mutter ein so seltsames Gefühl -- das kann sie noch gar nicht
fassen. Und dies hier ist doch nur ein ganz kleines, ganz unbedeutendes
Vorspiel für das, was kommen soll -- was in allernächster Zeit schon
kommen kann.
Solch ein Kind geht mit gegen Deutschlands Feinde. So ein weicher Junge
wird vielleicht Menschen erschießen, wird die Lanze in Feindes Brust
bohren, wird hungern und frieren und wird vielleicht eines Tages
irgendwo in einem Winkel liegen: verwundet, elend, vom bittersten
Heimweh geplagt -- -- --
Sie darf sich das nicht ausdenken -- es ist ihr, als müsse sie den
Verstand darüber verlieren. Tausend Messer wühlen in ihrem Herzen, und
das Blut weicht vom Gehirn zurück. --
Ach, groß sein können! Stark sein können! Sich sagen: ‚Mag kommen, was
will! Stirbt er, so stirbt er fürs Vaterland! Leidet er Hunger und
Durst und andere Schmerzen, so leidet er sie fürs Vaterland!‘
Aber sie ist klein -- sie ist schwach! Ihr Herz blutet aus unzähligen
Wunden. Sie hat es früher nicht gewußt, daß sie den Jungen so
verzehrend, so tierisch liebt, daß es Tage gibt, an denen die ganze,
heilige Mission, die er zu verrichten hat, ihr klein erscheint gegen
das ungeheure Opfer, das sie zu bringen gezwungen ist!
Alle zwei Stunden erhält der Posten seine Ablösung. Dann kann er in
die warme Wachtstube gehen und sich vom Kalfaktor etwas zu essen und
trinken besorgen lassen. In der Wachtstube ist es sehr gemütlich, hat
er ihr erzählt. Wenn sie einen netten Unteroffizier haben, klopfen
sie Karten oder spielen Würfel; sie lesen und schlafen und essen und
trinken.
Es ist wirklich tadellos; gar kein Grund zum Bedauern oder Mitleid
ist da. Die Mutter versucht ihren Gedanken eine heiterere Richtung zu
geben, aber es gelingt ihr nicht recht. -- --
Um die Kaffeezeit kommt die Wachtmeisterswitwe in Hut und Mantel und
sagt: „Ich gehe zur Russenbeerdigung, gnädige Frau. Heute sollen doch
die vier Russen, die hier gestorben sind, beigesetzt werden. Kommen
Sie mit? So etwas sieht man vielleicht nur einmal im Leben.“
Frau Hiller ist ihrer guten Wirtin für diese Ablenkung dankbar. Sie
legt ihr Strickzeug hin und kleidet sich zum Ausgehen an. Draußen weht
ein scharfer, kalter Wind, der Himmel ist grau verhangen. Richtige
Novemberstimmung!
Die vier Russen, die hier ihren Wunden erlegen sind, sollen ein
gemeinsames Grab bekommen und mit allen militärischen Ehren zur letzten
Ruhe getragen werden. Unzählige aus der kleinen Garnison wandern
hinaus, um sich dies Schauspiel anzusehen.
Die Wachtmeisterswitwe hat die Hemden fürs Rote Kreuz abgeliefert und
kann sich einmal ein paar freie Stunden gönnen. Sie hat noch gar nichts
von den Russen gesehen, und da alle Welt vom Gefangenenlager spricht,
schämt sie sich fast, daß sie noch keine Ahnung hat, wie es da draußen
aussieht.
Aber für weichherzige Menschen ist es an solchem grauen Tag
keine Freude, da hinauszupilgern. Der Anblick des doppelten
Stacheldrahtverhaues hat etwas Erschütterndes -- die grauen Massen,
die auf und nieder wogen, der schwere Himmel, der kalte, rauhe
Novemberwind, all das wirkt so unsäglich beklemmend und niederdrückend.
Die Wachtmeistersfrau ist nebenbei auch noch enttäuscht, denn man
bekommt gar keinen richtigen Eindruck von dem Ganzen. Man darf jetzt
nur noch von einer ziemlich beträchtlichen Entfernung aus das Lager
überblicken und sieht nichts anderes als eine gewaltige, wogende, graue
Masse. Der einzelne Mensch ist gar nicht zu unterscheiden. Stumm und
feierlich zieht in einer Entfernung von je zwanzig Metern die große
Zahl der Wachthabenden rings ums Lager her.
Nein, sie wollen hier nicht lange verweilen -- sie wollen sich den
grauen, schwermütigen Tag nicht noch düsterer machen. Aber die
Russenbeerdigung will sich die Wachtmeistersfrau nicht entgehen lassen.
Man hat nun einmal zu diesem Zweck den weiten Weg hierher gemacht und
kann doch nicht unverrichteter Sache wieder nach Hause gehen.
An der Stelle, an der die vier Toten beigesetzt werden sollen, hat
sich schon eine Menschenmenge gesammelt, und man kann nur noch mit
Mühe ein Plätzchen erobern, von dem aus man einen freien Ausblick
hat. Eine große Gruft ist aufgeschaufelt, denn die vier Särge sollen
nebeneinander Platz finden. Viele von den Menschen stehen da, als
warteten sie auf etwas Freudiges, Sensationelles. Die wenigen
Offiziere, die noch in der Garnison sind, kommen angefahren. Eine
Anzahl Husaren und Infanteristen rücken heran, und von der Richtung des
Lagers wird ein Zug sichtbar. Russen in ihren lehmgrauen Mänteln tragen
ihre toten Brüder.
Nun sieht man doch einmal, wie der entsetzliche Feind, der Deutschland
vernichten will, der schon ein Stück von Deutschland mit Mord und Brand
heimgesucht hat, aussieht! -- Aber der Feind, der da mit den Särgen
anrückt, sieht nicht wild und furchtbar aus. Trauer malt sich auf den
Gesichtern, die Köpfe sind geneigt und ernst und würdevoll verrichten
sie ihr düsteres Geschäft.
Der Militärgeistliche, der so wundervoll zu reden versteht, der den
jungen Freiwilligen im Dom den Fahneneid abgenommen hat, tritt an die
Särge heran und breitet die Hand zum Segen, spricht ein Gebet -- und
drückt den Trägern die Hand. Die Särge werden in die Gruft versenkt,
und der junge Russe, dessen Bruder sich unter den Toten befindet,
schluchzt auf; die anderen stehen mit finsteren, undurchdringlichen
Gesichtern.
Der Pfarrer hält eine kurze, herzliche Rede. Er spricht das aus, was
wohl jeder, der hier am großen Grabe steht, in diesen Augenblicken
empfinden mag. „Ob Freund, ob Feind,“ sagt er, „der Tod macht uns alle
gleich. Über den Tod hinaus gibt es keine Feindschaft. Die hier liegen,
haben ihrem Vaterlande ebenso treu und redlich gedient, wie jeder von
den Unseren das tut. Sie haben ihre Heimat nicht wiedergesehen, sie
haben Schweres gelitten und den Tod im Felde gefunden. Darum Ehre ihrem
Andenken! Gott mag ihnen lohnen, was sie für ihr Vaterland getan haben!“
Tiefe Stille. -- Die Russen sind ergriffen. Vielleicht sind sie alle
der deutschen Sprache mächtig und haben verstanden, was der Geistliche
ihren toten Brüdern sagte. Vielleicht auch haben sie nur aus Stimme und
Gebärde entnommen, daß hier gute, freundliche Worte gesprochen wurden.
Sie werfen ihren gefallenen Kameraden ein paar Schaufeln Erde nach und
falten die Hände zum Gebet. Dann aber sind sie wieder Deutschlands
Gefangene und werden von zwei Posten mit geladenem Karabiner zum Lager
zurückgeleitet. Die Menge zerstreut sich. Man hat etwas gesehen, was
man nicht oft im Leben sieht -- man hat gesehen, daß auch der Feind
ein fühlender Mensch ist, und diejenigen, die einen Mann, einen Sohn
oder Bruder fern im Osten stehen haben, werden vielleicht einen kleinen
Trost mit nach Hause nehmen. Wenn der Feind hört, wie wir seine
Gefangenen halten, seine Toten ehren, wird auch er gegen die Unsrigen
nicht ganz barbarisch sein!
Der Regen rauscht stärker, und bis zur Kaserne ist ein gutes Stück Weg;
da tut man besser, man geht durchs Tor in die Stadt hinein und wartet
irgendwo bei einer Tasse Kaffee, ob das Wetter nicht freundlicher
werden will, denn man ist schon jetzt durchnäßt und durchfroren.
Die Wachtmeisterswitwe ist von der Wirtin vom Schützenhaus angesprochen
worden, und die bittet sie, sich doch das Lazarett, das in ihren
Gasträumen eingerichtet worden ist, anzuschauen. Heut und morgen
kann man es noch sehen, in drei Tagen aber sollen schon die ersten
Verwundeten eintreffen. Sie bittet auch Frau Hiller mitzukommen, und
die willigt gern ein. Die beiden Frauen nehmen sie in ihre Mitte, und
wie sie so zwischen den zwei guten, freundlichen Bürgerinnen dieser
Altmärker Garnison dahinwandert, ist ihr ganz traut und heimatlich
zumute. In Berlin bleibt man immer fremd, und wenn man zwanzig Jahre da
wohnt; hier im kleinen Ort aber schlägt man schnell Wurzel und fühlt
sich wohl.
Der große Tanzsaal des Schützenhauses ist zum Lazarett eingerichtet
worden. Weißgestrichene Betten mit weißen Decken und Kissen stehen in
langen Reihen da; weiche, helle Teppiche bedecken den Fußboden, auf
kleinen Tischen stehen Vasen mit gelben Herbstblumen, und die drei
Frauen schreiten auf Zehenspitzen zwischen den weißen Betten einher.
Es ist schön und fromm und feierlich in diesen stillen, hohen Räumen;
man möchte weinen -- man möchte beten. Hier werden sie nun ruhen und
genesen nach all dem Schrecklichen, was sie sehen mußten! Hier werden
die armen Körper heilen und die wunden Seelen wieder Ruhe und Frieden
finden!
Von draußen schlägt der Regen an die Fenster -- draußen toben die
ersten, ganz wilden Novemberstürme; aber die, die in zwei oder drei
Tagen in diesen weißen Betten liegen sollen, werden von Liebe, Güte und
Herzenswärme umgeben sein, und die Stürme, die da draußen tosen, können
ihnen nichts mehr anhaben.
Die Wachtmeisterswitwe hat Tränen in den Augen; sie fühlt sich bedrückt
und verängstigt, wiewohl sie keinen hat, der ihr nahesteht, und der ins
Feld hinausmußte. Sie denkt an alle, und sie leidet für alle, und das,
was sie am heutigen Tage von Kummer und Herzeleid gesehen hat, ist fast
zu viel für sie. Da ist es wirklich besser, man sitzt still zu Hause an
der Maschine und näht die Hemden fürs Rote Kreuz.
Sie bleiben dann noch eine Weile in dem vorderen Gastzimmer und trinken
Kaffee, den die Schützenwirtin ihnen bringt. Sie wollen warten, ob sich
das Wetter nicht ändern will; aber je länger sie sitzen, um so wilder
toben die Stürme, und um so prasselnder fällt der Regen nieder.
Es nützt also nichts; ewig kann man nicht bleiben, und man stirbt ja
auch nicht gleich, wenn man eine halbe Stunde durch Wind und Regen
läuft. Man braucht nur an die Armen, die Tage und Nächte draußen in den
Schützengräben, in Sturm und Unwetter ausharren müssen, zu denken, dann
wird alles, was sonst als schwer und unerträglich empfunden wird, auf
einmal ganz leicht.
Als sie an der Kaserne angelangt sind, machen sie einen Augenblick Halt
und schauen in die erhellte Wachtstube hinein. Der kleine Hiller sitzt
mit seinen Kameraden am Tisch und verzehrt sein Abendbrot. Er hat jetzt
ein paar Stunden der Ruhe, aber in der Nacht muß er wieder zur Stelle
sein.
Frau Hiller ist an diesem Abend gezwungen, bei den Wachtmeistersleuten
in der Küche zu bleiben, denn Fräulein Else hat nirgendwo auch nur ein
halbes Liter Petroleum aufbringen können. So hat man in der ganzen
Wohnung nur eine einzige gefüllte Lampe, und die steht auf dem runden
Tisch in der Küche vor dem braunroten Sofa.
Fräulein Else hat Tee gekocht und Butterbrötchen bereitet; in der
Grude schmoren Äpfel, und die Herdtür steht offen und läßt die Glut
der Kohlen herausleuchten. Auch der junge Arzt ist gekommen und lehnt
schon behaglich in einer Sofaecke. Nach dem Essen sitzen die drei
Frauen strickend da, und um neun Uhr kommt noch ein Fahnenjunker, der
vor dem Krieg ein paar Monate bei den Wachtmeistersleuten gewohnt
hat. Er ist schon im Feld gewesen und als Leichtverwundeter hier in
einem Lazarett untergebracht worden. Die Kugel, die ihm in der Hüfte
gesessen hat, trägt er jetzt in der Tasche und holt sie voll Stolz
hervor. Dann erzählt er von den blutigen Kämpfen bei Dixmuiden. Aber
wie er so warm und lebendig hier in der traulichen Küche sitzt und
sich die geschmorten Äpfel schmecken läßt, hat man das Gefühl, daß er
Geschichten aus längst vergangenen Zeiten erzähle und nicht Episoden
aus diesem unseligen Krieg, der immer noch weitertobt und dessen Ende
nicht abzusehen ist.
Nachdem er gegangen, liest der Doktor noch ein paar Artikel aus dem
‚Altmärker Intelligenzblatt‘ vor; die Wachtmeisterswitwe richtet
Frau Hiller die Ferse einer Socke ein, der Regen prasselt gegen die
Scheiben, und das Petroleum in der Lampe sinkt tiefer und tiefer.
Und da man nicht weiß, ob man am nächsten Tag noch Glück haben und
ein wenig von diesem kostbar gewordenen Stoff erhalten wird, muß die
behagliche Sitzung abgebrochen werden.
Die elfte Stunde ist übrigens da, aber man verplaudert sich so leicht,
wenn man warm und gemütlich sitzt. Oft wird es Mitternacht, bis man
endlich zu Bett findet.
Drüben vor der Kaserne brennen zwei Laternen, und der kleine Hiller
im langen Mantel ist wieder auf Posten und trottet, die Hände in den
weiten Manteltaschen, vor seinem Schilderhaus auf und ab.
Die Mutter setzt sich ans Fenster und blickt zu ihm hinüber. Ob er wohl
friert? Ob er sehr müde ist? Sich unbehaglich fühlt? Sie kann sein
Gesicht nicht erkennen, sie sieht nur die schlanke Gestalt.
Sie hat große Lust, zu ihm hinüberzugehen und ihm ein liebes, warmes
Wort zu sagen -- aber das darf sie nicht. Ihr Sohn ist ja nicht mehr
ihr Kind wie früher! Ihr Sohn ist ein Stück von Deutschland geworden,
und die Liebe und das Mitleid einer Mutter dürfen ihn nicht stören,
wenn er seines Amtes waltet.
Aber sie vermag es nicht, sich zu Bett zu legen, während der Junge
da draußen im Unwetter hin und her marschiert. Sie bleibt am Fenster
sitzen und denkt an ihn. Vielleicht geht ein Strom von ihrem warmen
Fühlen in sein Herz hinüber -- vielleicht tut es ihm unbewußt wohl,
daß die Mutter hier am Fenster sitzt und an ihn denkt! Es soll ja eine
solche Macht des Gefühls geben, die die Menschen unsichtbar miteinander
verbindet.
Am nächsten Mittag kommt der kleine Husar mit geröteten Wangen und
leuchtenden Augen ins Wohnzimmer zur Mutter. Er, der die stramme Nacht
in Sturm und Regen hinter sich hat, ist froh und wohlgemut. Sie aber
ist ein wenig blaß und müd’ vom vielen Denken und Grübeln.
Hiller trägt seine Dienstuniform über dem Arm. „Morgen ist
Kleiderbesichtigung,“ erzählt er, „da muß alles tadellos imstande
sein. Du machst mir doch die Flecken raus, nicht wahr, und wäschst die
Tasche!“
Dann wirft er sich in den Schaukelstuhl und sieht fast übermütig
aus. „Jetzt endlich hört man doch einmal einen Ton vom Ausrücken!“
sagt er. „Es sind hundert feldgraue Uniformen bestellt, und die
Regimentsschuster arbeiten fieberhaft an den gelben Reiterstiefeln für
draußen. Man kann jetzt jede Woche auf das Kommando gefaßt sein.“
Der Mutter zuckt das Herz, wie er so strahlenden Auges berichtet. Denkt
er gar nicht an sie? Fühlt er nicht den leisesten Schmerz, wenn er an
den Abschied von ihr denkt? Ist der Gedanke, draußen mittun zu dürfen,
so groß, so lockend, daß gar kein anderes Gefühl dagegen aufkommt?
Ach, ein Kind geht gar leichten Herzens von der Mutter fort -- das weiß
sie ja noch von sich selbst.
Sie bringt den Uniformrock ins Nebenzimmer, um nur einen Augenblick
allein zu sein, denn die Tränen liegen ihr schwer auf der Brust, und
sie mag ihm nicht zeigen, wie schwach sie ist.
Am Nachmittag steht sie und reibt an der sehr verbrauchten Uniform. Die
Tressen sind verschabt, und das Tuch ist ganz ohne Glanz. Sie reibt
alles, so gut es geht, und leert dann die Taschen aus, um das Futter zu
waschen.
Was so ein Junge nicht alles in der Tasche trägt: Loses Geld und
Bleistifte -- Notizbücher und Zigaretten -- Heftpflaster und Schokolade
-- drei, vier Taschentücher, die man nur behutsam zwischen zwei Fingern
anfassen kann, denn hier dienen die Taschentücher augenscheinlich
vielen Zwecken, sonst wäre die tiefgraue Färbung nicht erklärlich. Dann
noch ein paar beschriebene Zettel, wovon einer auf die Erde fliegt, und
als Frau Hiller ihn aufhebt, sieht sie, daß Verse darauf geschrieben
sind, Verse, in denen Worte, in denen ganze Zeilen ausgestrichen und
von neuem geschrieben sind. So pflegt ein Anfänger eigene Dichtungen
aufzukritzeln.
Frau Hillers Neugierde erwacht und sie liest und liest immer wieder:
„Kalt ist die Nacht,
Ich bin allein,
Ich steh’ auf Wacht
Ich denke dein!
Deutschland in Not,
Vom Feind umstellt,
Deutschland bedroht
Von einer Welt.
Da kam die Liebe
An mich heran.
Ich sagte zur Liebe:
‚Faß mich nicht an!
Ich will keine Liebe!
Mein Land ist in Not!
Viel süßer als Liebe
Ist heut der Tod!‘
Da neigt sich zu mir
Ihr blondes Gesicht:
‚Heut bist du noch hier,
Heut kämpfst du noch nicht
Heut kannst du knüpfen
Mit mir ein Band.
Und später kämpfst du
Fürs Vaterland!‘“
Sie läßt den Rock aus dem Arm fallen, sie muß lächeln und fühlt auch
etwas Wehes dabei. Ihr kleiner Ernst hat also wirklich seine erste
Liebe gefunden. Nun ist er ihr ganz verloren -- das Vaterland und ein
fremdes Mädchen haben Besitz von ihm ergriffen. Das letzte ist so
natürlich -- ist der Welt Lauf!
Warum freut sie sich nicht? Warum gönnt sie ihm das nicht? Warum will
sie anders sein als andere Mütter und den Hauptanteil am Sohn für sich
behalten?
Kein Mensch kann gegen die Natur an. Das hat die Großmutter so oft
gepredigt.
* * * * *
Der kleine Hiller ist zu seiner ersten Liebe ganz gegen seinen Willen,
zum wenigsten ganz ohne sein eigenes gekommen. Das Mädchen, das sein
Herz betört hat, ist weder sonderlich schön noch klug, hat weder Geist
noch Vornehmheit. Sie steht weit unter jenen ganz jungen, weiblichen
Geschöpfchen, die Ernst vor einem Jahr in der Tanzstunde in Berlin in
großer Zahl kennen lernte, und die er durchweg als unglaublich albern
bezeichnete.
Das Mädchen, das ihm durch seinen Freund Hipp zugeführt wurde, hat
irgendeinen kleinen Posten als Stickerin in der Stadt inne. Am Abend um
sechs Uhr, ist sie frei und kann spazieren gehen. Sie hat liebe, blaue
Augen und ein keckes Näschen, blonde Haare, die als Schnecken über den
Ohren liegen, und ein entzückendes, schlankes Körperchen. Sie sieht
wundervoll appetitlich aus und kann über jede Kleinigkeit lachen und
jubeln. Hätte Hipp nicht selbst ein sehr annehmbares Mädchen für sich,
so würde er den kleinen Hiller nicht so großmütig bedacht haben. Aber
da das Mädchen die beste Freundin seiner Freundin ist, muß er für sie
sorgen und empfiehlt sie an Hiller. Der will erst nicht. „Blödsinn,
was soll man mit so einer sprechen!“ Hipp jedoch läßt nicht locker und
schleppt ihn mit zum Flußweg.
Da ist es jetzt nicht mehr wie zur Sommerszeit, da wehen rauhe Winde,
die Pappeln stehen kahl und leer. Der Fluß hat schlammiges Wasser, und
der Boden ist aufgeweicht vom vielen Regen. Man ist froh, wenn man
sein Mädchen getroffen hat, und geht mit ihr in irgendein Gartenlokal,
wo es einsam ist, und wo man in einer geheizten Stube sitzt. Oder man
wandert mit ihr in die Stadt, in ein Kaffeehaus -- oder geht den Weg
zum Bahnhof hinunter -- -- es ist alles gleichgültig. Hauptsache ist,
daß man sich überhaupt sieht, und Hipp macht Hiller klar, daß für ihn
das harte Leben, das sie jetzt führen, erst dadurch erträglich wird,
daß er sich auf den Abend freuen kann.
Hiller bringt der Aufforderung seines Freundes erst wenig Verständnis
entgegen. Es liegt ihm so gar nicht, als galanter Kavalier aufzutreten,
und er ist auch sehr überzeugt davon, daß keine ihn lieben wird.
Er stemmt sich dagegen auf und hat das sichere Gefühl, daß er
außerordentlich schwerfällig sein wird, wenn er so einem lustigen
Mädelchen gegenübersteht. Er wird kaum zu sprechen vermögen, wird
verlegen sein, und Hipp wird ihn auslachen. Also schlägt er erst
rundweg ab. Aber Hipp ist nicht derjenige, der so schnell locker läßt,
wenn er sich etwas vorgenommen hat.
„Du bist ein Esel, Hiller. Du verscherzt dir eine prachtvolle Sache.
Sie ist geradezu entzückend. Sieh sie dir zum wenigsten doch mal an.
Ich hab’ ihr auch schon von dir erzählt und hab’ ihr versprochen, dich
mitzubringen. Ich kann doch wegen deiner Eselei nicht wortbrüchig
werden!“ Hiller schwankt und schwankt! Gewiß, er ist um vieles
lebendiger und lustiger geworden, seit er in der Kaserne ist; er
nimmt das Leben nicht mehr so unsinnig schwer wie früher, ja, er kann
zuzeiten geradezu ausgelassen sein. Aber vor dieser Begegnung mit
einem wildfremden Mädchen sträubt sich doch etwas in ihm. Doch Hipp
ist der Satan in Person und bohrt und bohrt an Hiller herum; greift
ihn bei seiner Ehre an, nennt ihn eine Memme, und es kommt fast zum
Streit zwischen den beiden. Aber schließlich siegt er; Hiller hat sich
gegen die ausdrückliche Versicherung, daß diese Begegnung zu gar nichts
verpflichte, breitschlagen lassen, zieht seine Extrauniform an, spricht
ganz kurz bei der Mutter vor, sagt ihr, daß er heute keine Zeit für sie
habe und geht hochklopfenden Herzens an Hipps Seite zum Flußweg.
Irgendwo lösen sich aus dem Schatten zwei schlanke Gestalten: die eine,
dunkel gekleidet, reicht Hipp die Hand, die andere, im weißen, wollenen
gestrickten Mantel, bleibt etwas abseits stehen. Man kann nicht viel
sehen. In einiger Entfernung brennt eine Laterne und verbreitet
ein unsicheres Licht, und am Himmel zieht eine schwache, umflorte
Mondscheibe hin.
Hipp stellt seinen Freund als Herrn von Hiller aus Berlin vor; und das
blonde Mädchen im weißen Mantel reicht ihm die Hand und sieht ihn aus
etwas ängstlichen blauen Augen an.
Der blutjunge Hipp, der aber jungen Damen gegenüber schon vollkommen
die Haltung eines erfahrenen Mannes hat, hilft über jede Steifheit
hinweg. „Also, Kinder, wie verteilen wir uns? Es regnet nicht, und
die Kälte ist auch nicht unerträglich. Ich für meine Person bin nicht
abgeneigt, den Spaziergang hier am Fluß fortzusetzen -- aber darum bist
du, lieber Hiller, absolut nicht gezwungen, unserem Beispiel zu folgen.
Ich möchte dir sogar vorschlagen, einen andern Weg zu nehmen. Vor neun
Uhr treffen wir uns dann hier an dieser selben Stelle wieder!“ Er
reicht seiner Freundin den Arm. Die Kleine, Weißgekleidete hängt sich
bei Hiller ein, und während Hipp geradeaus geht, biegt das jüngste
Liebespaar in den schmalen, dunklen Feldweg, der zum Bahnhof führt, ein.
Sie gehen schweigend. Leicht wie eine Feder hängt das schlanke
Persönchen am Arm des kleinen Husaren, und doch ist durch sie eine
schwere Last in seine Seele gekommen. Er fühlt sich sehr unbehaglich;
seine etwas schwierige Art, mit Menschen, die ihm nicht sehr von
sich aus entgegenkommen, eine Verbindung zu finden, lastet auf ihm.
Er sinnt nach einem Scherzwort und findet keines. Er will ihr irgend
etwas Gleichgültiges erzählen, aber es fallen ihm nur traurige oder
pathetische Sachen ein. Er ärgert sich über sich selbst -- ist sehr
uneins mit sich selbst, denn er fühlt einmal wieder, daß er anders
ist als andere Menschen, daß er nicht zum Fröhlichsein, zum Genießen
geschaffen ist. Er schämt sich und wird immer unbeholfener. Was mag das
arme Mädchen, das sich gewiß auf einen fröhlichen Abend gefreut hat,
von ihm denken? Er fühlt, wie sie ihn von der Seite anschaut und auf
etwas zu warten scheint. Teufel auch, fällt ihm denn gar und gar nichts
ein, was er ihr sagen kann?
Sie kommen aus dem schmalen Feldweg auf eine breite Straße -- da sagt
die Kleine endlich ein Wort: „Durch diese Straße möchte ich nicht
gehen!“ bittet sie.
„Warum nicht?“ fragt Hiller und biegt wieder nach dem dunklen Feldweg
ein.
„Weil man mich da sehen wird!“ Dabei überzieht sich ihr Gesichtchen
mit dunklem Rot -- aber nun ist wenigstens doch das lastende Schweigen
gebrochen.
Das Mädchen erzählt seine Lebensgeschichte. Sie wohnt bei einer Tante,
die sie erzogen hat; ihre Mutter lebt auch noch, aber nicht hier, und
hat noch fünf andere Kinder. Da hat die Tante sie zu sich genommen
und sie Stickerei erlernen lassen. Sie stickt in einem Geschäft und
bekommt fünfzig Mark im Monat, die sie ihrer Tante gibt. Die Tante
ist gut, doch streng. Sie darf von nichts wissen -- und das Köpfchen
schmiegt sich an Hillers Schulter, und wie ein elektrischer Funke
fliegt’s in dessen Herz. Mit einem Schlage ist alle Unbeholfenheit,
alle Schwerfälligkeit verflogen; heiß wogt’s durch ihn -- ein Gemisch
von Mitleid und Zärtlichkeit.
Er hat noch nie aus sich selbst ein Mädchen geküßt, ist noch nie mit
einem Mädchen auf einsamen Wegen gegangen. Nie hat eine ihm von ihrem
Leben erzählt -- nie hat eine sich an ihn geschmiegt -- denn die Sache
mit Hannchen vom Abiturientenabend war doch nur eine große Neckerei!
Im selben Moment aber, da die Rolle des verstehenden, tröstenden
Liebhabers von ihm verlangt wird, beherrscht er sie auch ganz und gar
-- beherrscht sie mit einer Sicherheit und Sanftheit, die ihn selbst
mit Staunen erfüllt.
Er greift mit der Hand unter ihr Kinn, hebt ihr das Gesicht in die
Höhe, sieht in die blauen Augen, sieht den Mund, der ein wenig geöffnet
ist, und tut das Selbstverständlichste und Einzige, was er in dieser
Lage tun kann: er küßt sie. Und er fühlt dabei etwas, was ihm fast die
Besinnung benimmt. Sie stehen irgendwo in völliger Dunkelheit; sie hat
ihm die Arme um den Hals gelegt, küßt ihn wieder und schmiegt sich
immer enger an ihn an.
Dem kleinen Hiller ist’s, als sei er von der Erde fort in flammende
Herrlichkeit getragen, er weiß nicht mehr, was er ist und was er tut.
Ein fremder Geist ist in ihn gefahren, der für ihn handelt, der die
zärtlichen Worte, die er hervorbringt, für ihn spricht, der das süße
Geschöpf in die Höhe hebt und immer wieder den roten Mund, die Stirn
und die lieben Augen küßt. Er ist wie trunken; er denkt nicht daran,
daß jemand des Weges kommen und ihn sehen könnte. Raum und Zeit sind
für ihn verschwunden -- er fühlt nur ein namenloses, unfaßbares Glück.
Für das kleine Mädchen aber hat diese wild und elementar
hervorbrechende Liebe etwas Beängstigendes. Er hat ihr die Mütze
verschoben, und ihre Haare beginnen sich zu lösen; er hält sie so fest
an sich gepreßt, daß sie kaum Atem holen kann. Er tut ihr weh -- er
ist wie ein Unsinniger -- nein, das hat sie nicht gewollt. Vor dem
Krieg ist sie auch mit einem jungen Einjährigen umhergegangen und hat
sich küssen lassen; aber der ist doch vernünftig geblieben. Hier aber
hat sie Angst, und da er sie auf ihre Bitten nicht losläßt, stemmt sie
die Hände gegen seine Schultern und macht sich mit Gewalt frei. Einen
Augenblick blitzen ihre Augen ihn böse an, aber als sie in sein gutes
und betroffenes Gesicht blickt, ist der Zorn wieder verflogen. „Wie du
mich zugerichtet hast!“ sagt sie und nestelt an ihrem Haar und setzt
die Mütze wieder ordentlich auf den Kopf. „So kann ich mich ja nirgends
sehen lassen!“
Sie lacht aber schon wieder und hängt sich von neuem in seinen Arm.
„Nun wollen wir vernünftig zusammen gehen!“ Dem kleinen Hiller gehen
plötzlich die Augen auf. Er ist von seinen Himmeln auf die Erde
zurückgekommen und kämpft wieder mit Verlegenheit.
Das kleine Fräulein ist sehr zutraulich geworden, plaudert über
alles Mögliche und verrät schließlich, daß sie eine Konditorei weiß,
wo man gut eine halbe Stunde sitzen kann. Da kommt ihm auch das
zum Bewußtsein, daß er ganz vergessen hat, sie mit irgend etwas zu
erfreuen. Er weiß von Hipp, daß man eine Freundin zu Kaffee und Kuchen
einlädt und ihr kleine Geschenke macht. Und nachdem die Rolle des
heißen Liebhabers ausgespielt ist, nachdem sein Herz anfängt, ruhiger
zu schlagen und sein Kopf wieder Herrschaft über die erregten Sinne
gewinnt, findet er sich auch in der Rolle des Kavaliers zurecht,
geht mit ihr ins Café, das sie ihm genannt hat, und bewirtet sie mit
Schokolade, Schlagsahne und Kuchen. Dabei sieht er erst, wie niedlich
sie ist, und kann es jetzt, da sie in vollem Licht bei ihm sitzt, gar
nicht mehr begreifen, daß er den Mut gehabt hat, sie zu küssen. Jetzt
wird er nicht mehr wagen, auch nur ihre Fingerspitzen an seine Lippen
zu ziehen.
Mit Gewalt muß er sich das zurückrufen, wie er vor einer Viertelstunde
mit ihr am Feldweg gestanden hat. Es ist wie ein Traum, wie eine
Unwahrscheinlichkeit.
Kurz vor neun sind sie am Flußweg an der Stelle, an der sie sich
zuerst gesehen. Hipp mit seiner Freundin hat sich schon eingefunden --
lächelnd und prüfend sieht er Hiller und die kleine Blondine an. Er
ist Menschenkenner und weiß sofort, daß alles nach Wunsch gegangen ist
zwischen den beiden. Sie verabreden eine Zusammenkunft.
Die zwei Freundinnen eilen der Stadt zu, und die beiden Husaren wandern
zur Kaserne. --
Von diesem Abend an träumt Hiller oft mit wachen Augen. Die Welt hat
sich für ihn geändert -- etwas Neues und Unsagbares ist in sein
Leben gekommen. Sein Herz ist erfüllt von etwas Hohem, Heiligem; er
geht wie auf Wolken. Freilich, wenn er dem kleinen, blonden Mädchen
gegenübersteht, wenn er sie lachen und plaudern hört, muß er ein
wenig heruntersteigen. Er weiß es nicht, daß nicht sie -- nicht ihre
Person es ist, die er liebt, sondern daß er sich ein Phantasiegebilde
geschaffen hat, das im tiefsten Grunde mit dem Mädchen selbst nicht
das Geringste zu tun hat. Die Liebe mit all den Wonnen und Leiden,
die sie dem tiefgründigen, ernsten Menschen bringt, ist in sein Leben
gekommen, und da sie keinen anderen Gegenstand hat, kreist sie um das
nette Mädchen mit dem kecken Näschen und dem schlanken Figürchen. Seine
Gefühle und Gedanken wogen ins Uferlose hinein. Sein Auge blickt in
weite, goldene Fernen -- er dichtet und träumt -- er leidet und jubelt
-- -- aber heimlich, nur in der Einsamkeit. Denn nur wenn er sie nicht
sieht, ist das große Glück da; sobald er sie greifbar vor sich hat, ist
sowohl er wie sie völlig verwandelt.
Aber gleichgültig -- er liebt! Die Mutter rückt für ihn immer weiter
in den Hintergrund. Die Mutter ist etwas Gutes, Wohltuendes, was man
nicht missen möchte. -- -- -- Doch das alte Kindervertrauen, die alte
Kinderoffenheit ist fort. Von dem, was jetzt in seiner Seele lebt, kann
er trotz aller Liebe und Herzlichkeit zur Mutter nicht reden.
Hipp sagt: „Mensch, du setzt dir doch wohl nichts in den Kopf? Seit du
mit der Kleinen gehst, bist du wie hypnotisiert! Solche Mädchen sind
zum Amüsieren da -- zu weiter nichts!“
Hiller nickt und ist blaß geworden, denn er fühlt sich oft sehr
beschwert und ist unglücklich. Es wäre vielleicht doch besser gewesen,
er hätte sie gerade in dieser Zeit nicht kennen gelernt! -- --
Auch der November neigt sich dem Ende zu, und von einem bestimmten
Termin zum Ausrücken ist immer noch nicht die Rede. Die feldgrauen
Uniformen sind fertig; Schuster und Sattler haben wie im Fieber
gearbeitet, es ist alles bereit, man könnte jeden Tag ausrücken, aber
der Befehl von oben fehlt noch. Statt dessen geht der Drill fort -- man
zieht auf Wache und wartet, wartet, wartet!
Es tut weh, daß das Vaterland sie noch nicht braucht! Sie lernen jetzt
Schützengräben aufwerfen -- werden mehr und mehr zu Infanteriediensten
herangezogen.
Der Krieg hat sich ganz anders gestaltet, als man zu Anfang geglaubt
hat; es kann sich noch lange, sehr lange hinziehen. Die Vorgesetzten
jedoch sagen den ungeduldigen, jungen Kriegern: „Ihr kommt noch alle an
die Reihe! Keiner wird in der Kaserne sitzen bleiben!“ Das ist zwar ein
Trost, aber man hätte doch gern gleich von Anfang an mitgefochten. Aus
den Infanteriekasernen sind sie längst schon ausgezogen und haben sich
ehrenvolle Wunden oder das Eiserne Kreuz oder den Heldentod geholt! Das
Abwarten ist hart, und der Dienst ist eintönig! Man kann doch längst
alles, was man zu können braucht!
Die Großmutter staunt auch und schreibt Briefe, aus denen fast etwas
wie Enttäuschung klingt: „Ja, kommt denn der Junge überhaupt nicht ins
Feld?“
Es will der alten, tatkräftigen Frau nicht behagen, daß ihr Enkel noch
nicht gegen Deutschlands Feinde kämpft. Der alte Hieronymus und der
alte Rat Mertens, dem sie seine Schwarzseherei abgewöhnt hat, fragen
bei jedem Besuch nach dem Jungen, und der Rat hat ihr gesagt, daß man
die Kavallerie fast gar nicht verwenden kann in diesem modernen Krieg.
Das paßt ihr nicht! Ihr starkes Herz will, daß der Enkel in dieser Zeit
zum Helden wird; sie hat viel ehrgeizige Wünsche für ihn. Der Sohn,
der so früh und traurig dahinsiechte, hat ihre stolzen Träume nicht
befriedigt; nun erhofft sie vom Kind ihres Kindes etwas Großes, hofft,
daß der Name starken, neuen, schönen Klang durch ihn bekommt.
Dem Jungen aber tut es weh, als er den Brief der Großmutter liest. Ist
es seine Schuld, daß sie hier noch immer festgehalten werden? Sehnt er
sich nicht mit allen Fasern seines Herzens danach, hinauszukommen? Und
doppelt und dreifach sehnt er sich danach, seit dieses blonde Mädchen
in sein Leben gekommen ist. Das Mädchen, das ihn ablenkt, das ihn
beunruhigt; das ihn oft vergessen läßt, zu welchem Zweck er hier in der
Kaserne eingerückt ist! Er leidet unter ihr, er hat das Gefühl, gegen
seinen Willen an sie gekettet zu sein. Er möchte sich von ihr losreißen
und vermag es nicht mehr. Im Gegenteil, je öfter er sie sieht, um so
mehr zieht es ihn zu ihr hin. Und ist ihm doch innerlich so ganz und
gar fremd, hat doch keine Ahnung von all dem, was in ihm vorgeht, was
sie in seiner Seele ausgelöst hat. Alles muß er vor ihr verbergen,
immer muß er ängstlich bedacht sein, sie gut und oberflächlich zu
unterhalten, nur ja nichts von dem, was so heiß und heilig in ihm
wogt, erkennen zu lassen. Denn wenn sie ahnte, wie er wirklich ist,
dann würde sie über ihn lachen -- und der Gedanke, daß sie über ihn
lachen könnte, ist ihm unerträglich. So also ist Liebe! Schön und doch
quälend! Entsetzlich quälend!
Der kleine Hiller sieht oft sehr betrübt und bleich aus, wenn er bei
seiner Mutter im Wohnzimmerchen sitzt. Das Herz ist ihm übervoll,
und er weiß, daß er sich erleichtert fühlen würde, wenn er sich ihr
offenbarte. Aber es geht -- geht nicht. Er kann die erlösenden Worte
nicht finden!
Die Mutter ist in dieser Zeit noch viel liebevoller als sonst zu ihm;
sie ahnt, daß der Junge jetzt viel durchzukämpfen hat. Sie leidet für
ihn und mit ihm. Er ist Blut von ihrem Blute. Die Liebe wird ihm nie
reiner Genuß sein; schon dieser erste, unschuldige Anfang belastet
seine Seele. Über diese kleine Episode hier in der Altmärker Garnison
wird er zwar hinwegkommen, sowie Größeres ihn in Anspruch nimmt; aber
sie fürchtet für das, was die Zukunft ihm bringen kann. Welche Frau es
auch sei, die in sein Leben tritt -- er wird unter ihr leiden, denn
seine Seele ist tief und wird voll ungelöster Rätsel, voll von Wünschen
sein, die nur Ausnahmemenschen zu befriedigen imstande sind.
Armer, armer, kleiner Husar! Aber darf man so über die heutige Jugend,
gerade über diese Generation, von der so Kolossales gefordert wird,
nachdenken? Wird nicht das ungeheure Drama, darin sie mitwirken sollen,
sie vielleicht von Grund auf ändern? Wird es nicht die Macht haben, die
Seelen ganz einfach, ganz klar zu machen?
Sie weiß es nicht, aber es ist möglich. In der ersten Begeisterung
war ja jeder wie umgewandelt -- hatte jeder von seinem eigentlichen
Ich Abschied genommen, um in der großen Allgemeinheit aufzugehen.
Die erste Begeisterung aber ist ruhiger geworden! Die ersten großen
Gefühlserregungen sind auch von dieser ganz jungen Jugend, die erst
zu Taten ausziehen will, überwunden worden! Der Krieg ist ihnen etwas
fernergerückt als im Anfang. Man läßt sie zu lange warten, man hat
ihnen den großen, heiligen Glauben an sich selbst und die eigene Kraft
dadurch ein wenig geschmälert. Aber auch ihr Tag wird kommen; und das,
was den kleinen Ernst jetzt bewegt und quält, wird in seiner Seele
erlöschen, als wäre es nie darin gewesen.
Und dennoch leidet die Mutter unter den Leiden ihres Jungen; aber nicht
allein darunter.
Eines Abends erzählt Fräulein Else mit lachenden Augen, daß sie den
Jungen mit seiner Freundin am Tor gesehen habe. Am alten, dunklen Tor
pflegen zur Winterszeit die Mädelchen aus der Stadt auf ihre Liebsten
aus der Kaserne zu warten.
Frau Hiller möchte Fräulein Else nach manchem ausfragen, aber sie
vermag es nicht. Sie will nicht aus anderem Munde erfahren, wie die,
der die erste Neigung ihres Jungen gehört, aussieht. Und doch muß sie
oft an das kleine Mädchen, das dem Husaren jetzt nähersteht als die
eigene Mutter, denken; möchte sie gern sehen, so gern ein Wort mit
ihr sprechen. Nein, sprechen nicht, das ist nicht nötig. Nur wissen,
wie sie aussieht, ob sie gut, ob sie ihres Jungen würdig ist. In der
Nacht kommen ihr oft so bange Gedanken, dann malt sie sich aus, daß der
Junge, der so wenig Weltklugheit besitzt, vielleicht an eine geraten
ist, die nicht mehr rein, nicht mehr gut ist.
Ach, sie weiß, daß ein Mensch vieles erleben und dennoch gut und rein
bleiben kann. Sie möchte ja auch gar nicht wissen, woher dieses Mädchen
stammt, was sie vielleicht schon erlebt hat. Nur in die Augen möchte
sie ihr schauen und das Gesicht einmal sehen -- dann weiß sie genug!
Sie richtet es nun manchmal so ein, daß sie am Abend noch, wenn
es schon dunkel ist, eine Besorgung in der Stadt hat, und auf dem
Rückweg weilt sie dann an einer verborgenen Stelle, von der aus sie
die nächste Umgebung des Tores überschauen kann. Aber sie hat kein
Glück; sie sieht wohl kleine, wartende Mädchen, aber unter denen, die
sich zu ihnen gesellen, ist ihr Ernst noch nie gewesen. Bis sie eines
Abends mit Fräulein Else von einem Gang zu der Stadt zurückkommt. Die
flüstert ihr zu: „Diese hier, gnädige Frau!“ Und Frau Hiller sieht in
ein liebes, nettes Gesicht mit keckem Näschen und guten, blauen Augen
-- sieht in ein Gesicht, das nicht sehr viel sagt, und dessen größte
Schönheit seine Jugend ist. Sie ist enttäuscht und auch beruhigt!
Dieses Mädchen ist nicht schlecht und verdorben, ist auch nicht
tiefgründig und verlangt keine schweren Gefühle. Es ist eins von jenen
Mädchen, die so recht eigentlich dazu geschaffen sind, die erste Liebe
eines jungen Menschen zu sein; wie Blumen sind sie, die einen süßen
Duft haben und vergessen sind, sobald man sie nicht mehr sieht. Sie
ist ruhig und versucht sich zu freuen, daß der Junge, bevor das Große,
Gewaltige in sein Leben kommt, ein liebes, heimliches Glück gefunden
hat -- sie will sich freuen, wie eine Mutter sich über das Glück ihrer
Kinder freuen soll; sie will nur noch Mutter sein.
Der Weg vom Stadttor nach der Kaserne hinaus dünkt ihr an diesem Abend
eine Ewigkeit zu sein: ihre Seele ist in Aufruhr -- in ihr ist ein
alter, heißer, wilder Schmerz, eine verzweifelte Sehnsucht wieder
eingezogen.
Müde schleppt sie sich neben Fräulein Else her.
Im Hause steigt sie langsam die Treppe hinan. Oben in der Küche steht
die große Lampe auf dem Tisch vor dem Sofa; das Abendbrot ist bereitet,
und der junge Arzt hat sich auch eingefunden. Aber heute abend kann
sie keinen Menschen mehr um sich haben. Heute abend ist es zu dunkel,
zu trostlos in ihrer Seele.
Fräulein Else entzündet ihr das kleine, in Öl schwimmende Nachtlicht in
ihrem Schlafzimmerchen und fragt, ob sie etwas zu essen bringen darf.
Nein, nichts -- gar nichts -- nur Ruhe -- nur Stille -- nur Dunkelheit.
Alles tut ihr weh, jedes Geräusch, jeder Lichtschein, jeder Nerv
schmerzt sie. So hat der Schmerz sie noch nie übermannt; so schwach, so
elend und klein ist sie noch nicht ein einzigesmal gewesen, seit der
große Aufruhr in die Welt kam.
Der müde Kopf liegt in den Kissen; die Dunkelheit, die große Stille
tun ihr gutes Werk. Gott wird sie nicht ganz verlassen -- -- er wird
ihr die beiden, die sie liebt, die so eng mit ihr verbunden sind,
zurückschicken! Aber Gott läßt so viel Furchtbares geschehen in dieser
Zeit -- -- so viel tausend Frauen haben hergeben müssen, was ihr eigen
war -- -- --. Ihre Hand spielt mit dem kleinen goldenen Amulett, das
die Großmutter ihr bei Beginn des Krieges um den Hals gehängt hat,
und ein dunkler Gedanke flieht durch ihre Seele. -- Der Inhalt dieses
Amuletts sollte sie, wenn es ganz schlimm kam, vor der Bestialität der
Russen, die in Deutschlands Hauptstadt einzudringen beabsichtigten,
schützen. Das aber hatte Gott abgelenkt. Nach menschlicher Berechnung
würde nun nicht einer von den vielen Feinden bis ins Herz des Deutschen
Reiches eindringen! Nach menschlicher Berechnung mußte Deutschland
trotz dieser Welt von Feinden doch noch den Sieg erreichen. Viel Blut
floß -- viele Opfer mußten gebracht werden! Keiner durfte zagen --
keiner durfte klein werden! Man lebt nicht mehr für sich selbst, man
lebt für das Land, in dem man geboren ward, für das Land, das man
jetzt, da es bedroht ist, mit so viel tieferer, heißerer Liebe als in
der Zeit des langen Friedens liebt.
Ihre Hand läßt das Amulett fallen; ihr Kopf ist wieder ruhig -- die
Gedanken nehmen eine andere Richtung. Nicht klein, nicht schwach, nicht
selbstisch sein! Was sie leidet, ist das Leiden einer ganzen Welt --
was sie hergeben muß, geben Millionen in allen Ländern her. Soll sie
kleiner, verzagter, armseliger sein als all diese Millionen? -- -- --
* * * * *
Die Husaren haben Freiturnen im Kasernenhof. Es ist kalt, und ein
rauher Wind weht, aber sie merken es nicht. Nachdem sie eine Stunde
lang Lanzenschwingen und Säbelfechten geübt haben, ist zum Springen
kommandiert worden.
Der Oberleutnant kommt aus dem Dienstgebäude und spricht mit dem
Wachtmeister, und man weiß nicht, ob er nur gekommen ist, um sich die
Sache einmal anzusehen, oder ob etwas Besonderes vorliegt. Man wartet
ja täglich, stündlich auf das Große, das doch nun endlich, endlich
kommen muß.
Aber nachdem die Unterredung beendet ist, läßt der Wachtmeister ruhig
weiterturnen, und der Oberleutnant sieht zu. Die Freiwilligen sind
enttäuscht, und das Springen geht wirklich etwas mangelhafter als sonst
vor sich.
Dann aber kommandiert der Oberleutnant plötzlich: „Halt!“ und sagt
zum Wachtmeister: „Wachtmeister, lassen Sie mal die fünfzig Besten
vortreten -- aber, bitte, nicht die, die hier so miserabel geturnt
haben!“
Die Freiwilligen horchen auf. Was ist das? Was bedeutet das? Geht es
hinaus? Aber nein, das ist nicht möglich, denn vor einer Woche sind
wieder hundert von ihren Pferden nach Halberstadt verschickt worden,
und die, die jetzt noch hier im Stalle stehen, sind zum großen Teil
nicht kriegstauglich.
Der Oberleutnant sieht sich die fünfzig Leute, die herausgerufen worden
sind, an.
„Gut,“ sagt er. „Also, Sie, Wachtmeister, und zwei Unteroffiziere
werden die Reise anführen. Mit dem Herrn Oberst treffen Sie in Budapest
zusammen. Wir haben jetzt vier Uhr; um fünf Uhr geht der Zug. Es ist
also Eile nötig!“
Die Freiwilligen, die herausgerufen worden sind, haben rote Köpfe
bekommen. Nach Ungarn zum Pferdekauf! Das geht unmittelbar dem
Ausrücken voran! Bevor der Landsturm und die alten Leute ins Feld
rückten, sind sie auch nach Ungarn gefahren, um Pferde zu holen. Das
Herz schlägt ihnen hoch. Endlich, endlich!
Der Wachtmeister ist auch plötzlich rosigster Laune. Der Turnunterricht
wird abgebrochen; die, die nicht ausgewählt wurden, haben eine freie
Stunde, und die anderen werden kommandiert, um Futterbeutel und
Tränkeimer in Empfang zu nehmen.
Hillers Herz klopft zum Zerspringen. Er benutzt die kurze
Viertelstunde, die ihnen zum Umziehen gelassen wird, um ganz schnell
zur Mutter hinüberzulaufen.
Mit heißen Wangen und leuchtenden Augen steht er vor ihr. „Wir fahren
nach Ungarn, Mutter. Pferde holen -- dann geht’s ins Feld, Hurra!“
Er weiß gar nicht, was er sagt; er sieht auch nicht, wie bleich die
Mutter wird; sie hat ihn gar nicht richtig verstanden und glaubt im
ersten Augenblick, daß er schon jetzt den großen Abschied nehmen will.
Aber darüber beruhigt er sie. „Nein, nein. Vorerst nur nach Ungarn,
die Pferde holen. Dann müssen sie doch ein paar Tage lang eingeritten
werden. Man kann doch nicht auf ganz fremden Gäulen ins Feld. Unsinn --
Mutter, du brauchst nicht zu erschrecken. Wir kommen ganz sicher wieder
zurück. Zehn oder zwölf Tage bleiben wir aus. Aber das ist doch famos!
So eine schöne Reise!“
Sie will ihm Kaffee bringen lassen, aber er wehrt ab:
„Nein, Mutter, ich hab’ nicht einen Augenblick Zeit. Ich muß gleich
wieder drüben sein. Lebewohl, Mutter; was willst du denn während der
Zeit tun?“ Diese letzte Frage richtet er noch im Hinausgehen an sie,
wartet aber die Antwort gar nicht mehr ab.
Unten vor der Kaserne steht Hipp und hält triumphierend einen
Futterbeutel und Tränkeimer in der Hand. „Teufel,“ sagt Hiller
erstaunt, „du warst doch gar nicht unter den Fünfzig!“
Hipp lacht. „Man muß so was zu deichseln verstehen. Ein armer
Bauernlümmel ist krank geworden; ich habe ihm zehn Mark zur Erholung
geschenkt; da hat er mich als Vertretung vorgeschlagen. Ich werde mir
doch so was wie eine Gratisreise nach Ungarn nicht entgehen lassen!“
-- Er hängt sich in Hillers Arm: „Hast du Mammon? Sonst kann ich dir
aushelfen!“
Aber Hiller hat, was er braucht; Großmutter sorgt immer gut für ihn,
und die Mutter gibt auch. Sie gehen in die Stube und ziehen den
Reitanzug an. Dann noch schnell in die Kantine, um eine Weiße und ein
paar Butterbrote zu verzehren. Für alle Fälle; denn man kann nicht
wissen, wo man zuerst etwas zu futtern bekommt.
Im Hof steht der Wachtmeister mit den zwei Unteroffizieren: „Antreten!
-- Zu Reihen gliedern! -- Marsch!“ Und fort geht’s zum Bahnhof. Vorerst
mal in den Zug nach Magdeburg. -- Dritter Güte -- das ist anständig;
jeder hat seinen Platz, und der Wachtmeister ist fortgesetzt in
rosigster Laune.
„Wenn ihr Lust habt, könnt ihr singen!“
Hipp hat eine Mundharmonika und setzt sie sogleich an. ‚Morgenrot,
Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod!‘ Sie singen es mit leuchtenden
Augen -- der Wachtmeister und die Unteroffiziere auch. Was das für ein
Gefühl ist -- mal endlich aus der Kaserne raus!
„Unsere Damen werden heut’ abend große Augen machen!“ flüstert Hipp, zu
Hiller gewandt. „Schad’t aber nichts; sie müssen sich jetzt langsam von
uns abgewöhnen.“
Über Hillers Gesicht fliegt ein Schatten. Daran hat er in seiner
Aufregung noch gar nicht gedacht, und das Mädchen tut ihm furchtbar
leid. Was mag die denken, daß er sie so einfach im Stich läßt!
Hipp sagt: „Siehst du nun ein, daß es blödsinnig ist, bei so einer
Sache etwas zu fühlen? Immer frei bleiben! Das ist die Hauptsache! Wenn
ein Mädchen flennt und Liebesschmerz hat, was ist dabei? Sie haben ja
sonst nicht viel zu tun. Aber unsereins muß frei bleiben. Ist ja auch
nicht der Mühe wert, oder glaubst du, daß deine Kleine länger als einen
Tag um dich weint, wenn sie vielleicht mal hören soll, daß du gefallen
bist? Nur keine Illusionen!“
Und es ist gut für Hiller, daß Hipp ihn immer wieder aus seiner
Phantasiewelt herausreißt, denn er gehört zur Klasse der reinen Toren,
die überall nur Gutes und Wahres und Reines sehen.
Sie singen ein Lied nach dem andern, und der Zug läuft in Magdeburg
ein, bevor man’s gedacht hat. Am Bahnhof steht ein Trupp Ulanen mit
Wachtmeister und Unteroffizier. Der Vorgesetzte der Husaren tritt zu
dem Kameraden vom Ulanenregiment hin und verständigt sich mit ihm. Sie
haben Befehl, die Reise gemeinsam zu machen. Eine Stunde Aufenthalt in
Magdeburg -- dann weiter nach Dresden, wo die erste Nachtrast sein soll.
Die Freiwilligen -- Ulanen und Husaren -- bekommen Stadturlaub; in
einer Stunde haben sie wieder am Bahnhof zu sein. Sie zerstreuen sich
in Trupps und suchen die dem Bahnhof zunächst liegenden Kneipen auf.
Man kommt sich schnell näher. Die Ulanen sind noch ebenso unsicher wie
die Husaren, ob es nach dieser Ungarnreise nun wirklich hinausgeht.
Man weiß ja wahrhaftig nicht, wozu man noch in der Kaserne sitzt, man
begreift es nicht, daß man solche Mengen von gutem Soldatenmaterial
noch in der Kaserne läßt. Hipp ist mit Hiller und ein paar Ulanen in
einer richtigen Muschkokneipe gelandet. Man sieht nichts anderes als
buntes Tuch und atmet einen üblen Geruch ein. Schadet aber nichts --
man ist wenigstens mal aus dem ewigen Einerlei heraus!
Die Fahrt nach Dresden ist schon ein wenig ungemütlicher als die
vorherige. Sie sind jetzt neunzig Mann und werden vierter Klasse
verstaut. Wer Glück hat, kann sitzen, die anderen stehen. Sangeslust
ist nicht mehr vorhanden, und um die neunte Stunde, um die man sonst
auf seinen Strohsack zu fallen pflegt, lassen die meisten ihre Köpfe
hängen. Macht der Gewohnheit. -- Um neun Uhr meldet sich der Schlaf!
Und ein paar von denen, die einen Sitzplatz haben, fangen an zu
schnarchen.
Um Mitternacht sind sie in Dresden; da ist noch reges Leben am Bahnhof.
Das Rote Kreuz hat einen großen Raum für Verwundete und durchreisende
Krieger eingerichtet, und labt nun auch die Husaren und Ulanen mit
gutem, heißem Kaffee, Butterbrot und Zigarren.
Da die Nacht vorgeschritten ist, kann man nicht mehr zu einer Kaserne
hinaus, um Quartier zu bekommen; man muß am Bahnhof bleiben, zum
wenigsten die, die auf Regimentskosten schlafen wollen. Wer Geld hat,
kann sich in der Stadt ein Unterkommen suchen. Um elf Uhr am nächsten
Morgen hat man sich wieder am Bahnhof einzufinden. Eine ganze Menge von
ihnen verfügt über das nötige Kleingeld und zieht in die Stadt. Schade,
daß man so hundemüde ist; man hat jetzt wirklich nur noch das eine
Verlangen, sich auszustrecken, und zwar sobald als möglich.
Hipp und Hiller und zwei Mann, die sie als ihresgleichen erkannt haben,
betreten ein sehr feines Hotel. Warum soll man nicht für eine einzige
Nacht üppig sein? Ein Vermögen wird’s nicht kosten. Und man schläft
dann wenigstens mal wieder in einem anständigen Bett und bekommt am
Morgen etwas Ordentliches zu frühstücken.
Der Oberkellner sieht die vier Soldaten etwas kritisch an, aber der
weltkundige Hipp hat ihn bald da, wo er ihn haben will. Er versteht es
prachtvoll, jemanden mit drei Worten klarzumachen, wer er ist, und was
er zu beanspruchen hat.
Sie erhalten je zu zweien ein sehr anständiges Zimmer mit Heizung
und elektrischer Beleuchtung; aber sie genießen nicht mehr viel von
diesen Bequemlichkeiten. Kaum, daß sie den Uniformrock und die lederne
Reithose ausgezogen haben, sind sie schon im Schlaf drin und schlafen
nicht schlechter und nicht besser als in ihrer Altmärker Kaserne auf
dem Strohsack.
Aber am nächsten Morgen läßt sich die Sache schon anders an, da kann
man sich erst noch diverse Male umdrehen, ehe man ans Aufstehen denkt,
und sitzt dann unten im Frühstückszimmer vor einem famosen Frühstück,
das durch Hipps Anordnungen noch um vieles delikater gemacht wird.
Die Rechnung ist dann auch einigermaßen erstaunlich, und Hipp läßt beim
Bezahlen seines Anteils die Bemerkung einfließen, daß man in diesem
Hotel nicht sehr patriotisch gesinnt zu sein scheine, denn sonst würde
man freiwilligen Kriegern, die in kurzer Zeit ihr Leben fürs Vaterland
einsetzen wollen, nicht solche Summen abnehmen. Der Oberkellner bleibt
kühl und würdevoll und läßt Hipps Bemerkung an seinem Ohr vorbeigehen,
als ob er sie nicht gehört oder verstanden habe.
Macht nichts! Man ist acht Mark losgeworden, aber man hat doch auch
etwas dafür gehabt. Weiterhin wird man ja keine Gelegenheit zu großen
Ausgaben mehr haben!
Nun läßt sich die Sache wirklich anders an -- viel ernster und
dienstlicher!
Wieder werden sie in Wagen vierter Klasse untergebracht und fahren in
sehr gemäßigtem Tempo der österreichischen Kaiserstadt zu.
In Prag ist längerer Aufenthalt, und am Bahnhof sind Speisehallen
aufgeschlagen. Jeder tritt mit seinem Napf an und bekommt ein Stück
Fleisch, auf das eine heiße, kräftigriechende Suppe gefüllt wird. Es
schmeckt gut, denn sie sind hungrig -- sie können gut und gern die
doppelte Portion vertragen; aber es dauert eine geraume Zeit, bis alle
neunzig Mann gespeist sind, und man muß sich sogar beeilen, seinen Napf
auszulöffeln.
Die Dunkelheit bricht an, als sie sich Wien nähern. Hiller ist in
freudiger Erregung. Das war schon längst sein Wunsch, das schöne, alte
Wien zu sehen! Und es kommt ihm fast unwahrscheinlich vor, daß dieser
Wunsch sich nun so plötzlich erfüllen soll. Am liebsten wäre er gleich
vom Bahnhof mit Hipp und den zwei Mann in die Stadt gelaufen, denn
höchstwahrscheinlich werden sie wieder Nachturlaub erhalten.
Aber am Bahnhof heißt’s: „In Reihen gliedern! -- Marsch!“ Und es geht
durch eine Reihe grauer Straßen immer in Reih und Glied. Man darf den
Kopf nicht nach rechts oder links wenden. Wohin führt man sie? Was hat
man mit ihnen vor?
Ah, nun kommen sie in belebte Gegenden. Die Leute schauen nach ihnen
und bleiben stehen. „Heil -- Hurra -- Deutschland!“ ertönt’s von allen
Seiten. Man bringt ihnen Ovationen dar -- man feiert sie. „Deutschland,
Deutschland über alles!“ erschallt es, und Menschenscharen schließen
sich ihnen an. „Deutsche Husaren und Ulanen. Hurra! Hoch die
Verbündeten! Heil dir im Siegerkranz! Hoch Kaiser Wilhelm! Hoch -- hoch
-- hoch!“
Die Köpfe der jungen Menschen werden heiß. Das Blut wallt ihnen
zum Herzen. Sie wissen, daß der Jubel nicht ihnen selbst, nicht
ihrer Person, sondern dem Lande, das sie hier vertreten, gilt. Und
sie fühlen es mit Wonne und Glück: Wir sind Deutsche! Wir sind in
Freundesland. Man liebt uns.
Ach, endlich einmal wieder Begeisterung und Hoch und Hurra und heiße,
flammende Freude! Endlich einmal wieder kommt es einem zum Bewußtsein,
daß man in dieser gewaltigsten aller Zeiten lebt, daß man zu Hohem,
Heiligem berufen ist.
Sie singen es mit ihren Bundesbrüdern -- sie singen es aus jubelndem,
heißem Herzen heraus: „Deutschland, Deutschland über alles!“
Aber von Wien bekommen sie nichts zu sehen; man hat sie nur von dem
einen Bahnhof, auf dem sie ankamen, zu einem anderen geführt, und
da steht schon der Zug bereit, der sie weiter, der sie direkt nach
Budapest bringen soll. Vorher große Abspeisung und Hurra und herzliches
Willkommen. Die hübschen jungen Mädchen stecken ihnen Liebesgaben
zu: Schokolade, Zigarren, Postkarten, und überall hallt es: „Hoch
Deutschland! -- Hoch die Verbündeten! Deutsche Ulanen und Husaren --
Hurra -- Hoch!“
Die Österreicher haben ihren Waffenbrüdern einen komfortablen Zug zur
Verfügung gestellt: ~D~-Zug, nur mit Wagen zweiter Klasse. Die
Österreicher sind ein höfliches Volk, sie wissen, wie man seine Freunde
ehrt. Jeder hat viel Platz, und sie sitzen sehr bequem auf ihren
Samtpolstern.
Hiller hat noch einen Augenblick mit seiner Enttäuschung zu kämpfen,
als die Lokomotive anzieht. Sie gleiten am nächtlichen Wien vorüber --
ohne etwas anderes als ein paar Straßen gesehen zu haben. Schade -- --
aber dann ist’s auch schon überwunden. Wenn man gesund aus dem Kriege
kommt, wird man Wien schon noch einmal zu sehen bekommen.
Am nächsten Morgen ist Budapest erreicht und gleich Urlaub bis zum
Mittag. Großartig! Und man steht an der Donau und sieht die herrliche
Stadt mit ihren wundervollen Bauten vor sich liegen. Die Sonne
scheint und glitzert auf den Wellen des Stromes. Wirklich famos!
Und Hipp wird in der ihm noch ganz fremden Stadt gleich zum Führer,
schreitet mit Hiller und den zwei Husaren über die Brücke, so als ob
er schon hundertmal dahergegangen wäre, und macht auch gleich ein
Lokal ausfindig, in dem es etwas Anständiges zu frühstücken gibt,
denn am Bahnhof haben sie ihnen im Wartesaal einen miserablen Kaffee
und Knoblauchwürstchen angeboten. Beides Dinge, die man vielleicht
in höchster Not, wenn der Hunger einen schon mächtig plagt, annehmen
würde. Aber jetzt hatte man das noch nicht nötig!
Die Menschen hier in der schönen Stadt sind überaus freundlich. Überall
begrüßt man sie aufs herzlichste, und alle paar Schritte werden sie
angehalten: „Was seid’s für Landsleut? Wer seid’s?“ „~Német~
Husar!“ antwortet Hipp stolz, und: „~Német~ Husar! Hoch
~Német~ Husar!“ tönt es ihnen von allen Seiten entgegen.
Ha, die Ungarn wissen, was für Bundesgenossen sie an den Deutschen
haben. Es ist eine Freude, hier durch die schöne Stadt zu ziehen und
sich anstaunen und feiern zu lassen. Überall steckt man ihnen Zigarren
und Postkarten zu, und junge Mädchen bringen ihnen Blumen. „Hoch
~Német~ Husar! Heil deutsche Waffenbrüder!“
Zu Mittag speist man gut und teuer. Schadet nichts, man ist nur einmal
als Husar in Budapest -- und dann wieder Versammlung am Bahnhof.
Wieder ~D~-Zug mit Wagen zweiter Klasse, und vorbei geht’s an der
schönen, blauen Donau, dann durch flaches Steppenland, bis man an die
Ufer der Theiß gelangt.
Szegedin! Es ist Nacht geworden. Die Wachtmeister von beiden
Regimentern werden von zwei ungarischen Männern, die ein Mittelding
zwischen Bauer und besserem Gutsbesitzer sind, begrüßt. Das sind die
Pferdehändler, die morgen ihr Geschäft machen wollen, und die für den
heutigen Abend die ganze Schar zum warmen Abendbrot und rotem Ungarwein
einladen. Große, gedeckte Tische stehen im Bahnhofsgebäude bereit; es
gibt Suppe, schöne, zarte Schnitzel, Gemüse und Käse! Alles umsonst
-- und in verschwenderischer Fülle. Die Freiwilligen haben einen
Bärenhunger, und der Wein tut ihnen wohl. Aber die Wachtmeister wollen
zur Ruhe kommen.
Kaum hat man den letzten Bissen gegessen, heißt es schon: „Antreten!“
und man zieht durch dunkle Straßen zur 46. Infanteriekaserne hinaus. Da
ist Nachtquartier angesagt. Urlaub gibt’s nicht. Alle zur Kaserne --
gleichgültig, ob man Geld für eigene Unterkunft hat oder nicht.
In der 46. Infanteriekaserne spricht man gebrochen deutsch. Ein
Unteroffizier empfängt sie und weist ihnen drei große Stuben an --
jeder bekommt eine Matratze mit Decken. Zum Kopfkissen rollt man
den Mantel zusammen, und die deutschen Wachtmeister teilen ihren
Freiwilligen noch mit, daß der Oberst, der schon in Szegedin weilt, für
den nächsten Tag bis zum Mittag Urlaub gewährt hat. Dann: Lampe aus --
die Decke über die Schultern und Augen zu! Aus ihren Reithosen kommen
sie fürs erste nicht heraus.
Am nächsten Mittag beginnt der Pferdekauf. Vorher haben sie sich die
Stadt angesehen, haben gegessen und getrunken und haben sich feiern
lassen. Famos! Auf diese Weise haben sie ein schönes Stück Welt gesehen!
Der Pferdekauf findet in einem Gutshof, der nicht weit von der Kaserne
abliegt, statt. Die Wachtmeister nehmen jeder ihre Freiwilligen
zusammen, und während die Ulanen in den Gutshof hineingehen, müssen die
Husaren draußen warten.
Es regnet, und es ist kalt; die Straßen sind aufgeweicht, und die
Freiwilligen frieren trotz der warmen Mäntel, die sie tragen. Die
ungarischen Bauern führen dem deutschen Oberst ihre Pferde vor. Der
besieht sich jedes einzelne von allen Seiten, läßt Trab und Galopp
laufen und diktiert dann dem Schreiber Alter, Farbe und Geschlecht des
Tieres, und für welche Truppengattung es bestimmt werden soll.
Die Ulanen nehmen die Pferde in Empfang und bringen sie zu den Husaren
hinaus.
Es sind durchweg temperamentvolle Tiere, die nicht ruhig stehen wollen.
Hipp und Hiller, von denen jeder zwei Gäule hat, gehen im Kreise mit
ihnen herum. Es ist wirklich keine Kleinigkeit, eine Stunde mit zwei
fremden Gäulen herumzulaufen. Aber mit den zwei ist es noch nicht
abgetan. Die Ulanen bringen immer neue Tiere heraus. Teufel auch! Mehr
als drei kann man doch aber nicht handhaben, besonders wenn die Biester
anfangen, kerzengerade in die Höhe zu steigen.
Da -- nun hat Hipp schon wieder ein neues. Vier Stück, zum
Donnerwetter, das kann gut werden! Auch Hiller bekommt das vierte,
und reißt sich doch schon mit den dreien wie ein Toller herum. Dazu
prasselt der Regen nieder, und die Gäule stampfen in die Pfützen, daß
einem der Kot bis ins Gesicht spritzt.
Gott sei Dank, nun kommt der Oberst heraus -- setzt sich in sein Auto
und fährt davon.
Die Freiwilligen sind wie in einer Schlacht. Jeder zerrt an den sich
aufbäumenden Tieren, und die Wachtmeister schimpfen um sie herum. Das
Schlimmste kommt aber noch. Die Tiere müssen gestempelt werden, und in
dem Augenblick, da sie das heiße Eisen an ihrem Hals fühlen, sind sie
ganz des Teufels.
Hipp fliegt hoch in die Luft, so wirft sich einer von seinen Gäulen
zurück. Er hat das Gefühl, als sei ihm der Arm aus der Kugel gedreht,
und macht ein ganz verzweifeltes Gesicht. Andern geht’s nicht besser;
einer hat die Zügel einfach fahren lassen und muß sehen, wie seine
Tiere in den Gutshof zurückrasen.
Unter Toben und Schreien, Hü und Hott, setzt sich dann der Zug in
Bewegung zum Bahnhof hin. Da stehen die langen Züge mit Viehwagen, und
nun heißt’s aufpassen, daß keiner seine Gäule locker läßt. Die Pferde
scheuen vor den dunklen Wagen zurück. Sie bleiben am Eingang stehen
und sind durch nichts weiterzubringen. Zurufe, Schreien, Stockhiebe
-- alles nutzt nichts. Man muß sich gegen das Hinterteil stemmen und
schieben, bis sie glücklich drin sind.
Stunden vergehen -- es ist später Nachmittag geworden, bis die Tiere
endlich verladen und gefüttert sind; aber dafür ist dann auch der
Rest des Tages und der Abend frei. Erst um Mitternacht hat man sich
wieder am Bahnhof einzufinden. Dann soll’s weitergehen bis dicht an
die serbische Grenze heran; der Oberst kauft Hunderte und Hunderte von
Pferden, und den Freiwilligen wird es immer banger zumute. Wie sollen
sie das bewältigen?
Aber erst mal haben sie jetzt einen freien Abend vor sich, und den
wollen sie sich nicht verkümmern lassen. Mag nachher kommen, was will.
Fürs erste lacht die goldene Freiheit sie an.
Die Straßen der Stadt sind grundlos; bis über die Knöchel waten sie
im Morast. Wohin geht man nun? Wer hat eine Ahnung, wo man hier etwas
Besonderes sehen kann?
Ein Vorübergehender, der sie anspricht und herzlich begrüßt, hat
ihnen in holperigem Deutsch vorgeschlagen, sich mal die Theißanlagen
anzusehen, und das tun sie denn auch pflichtgetreu, trotz des stetig
fallenden Regens und der einbrechenden Dunkelheit. Aber so recht steht
ihnen heute ihr Sinn eigentlich nicht mehr danach, Naturschönheiten zu
bewundern. Sie frieren, sind durchnäßt und wollen etwas Vernünftiges
in den Magen bekommen.
Die ersten Husaren, die vorbeikommen, werden angehalten. „Sagt uns ein
gutes Lokal!“ Die empfehlen das Stammlokal der Szegediner Einjährigen
und weisen ihnen den Weg.
Ja, das war eine gute Weisung. Heiße, ungarische Musik schlägt ihnen
entgegen, noch bevor sie in den hellen, warmen Saal eingetreten sind.
Musik, von einer kleinen ungarischen Kapelle ausgeführt -- feiner
Zigarrenduft und heitere, angeregte Menschen -- Essen und Trinken --
was wollen sie mehr!
„Vorerst einmal Kaffee!“ rät Hipp. Inzwischen wird man die Speisekarte
studieren und sich ein feines Nationalgericht bestellen.
Hipp ist wirklich der geborene Lebemann. Die anderen würden gleich
drauflosgegessen und getrunken haben, aber Hipp weiß ganz genau, daß
ein etwas vernachlässigter Magen erst durch etwas Anregendes gereizt
werden muß. Wenn der Kaffee sie erwärmt und aufgefrischt hat, werden
sie nachher mit viel größerem Genuß speisen können. Man tut ohne
weiteres, was Hipp will, und überläßt ihm auch gern, für alles Weitere
an diesem Abend zu sorgen.
Die Stimmung ist schon sehr angeregt. Ganze Scharen von den deutschen
Husaren und Ulanen haben den Weg in dies famose Lokal gefunden, und
die Ungarn trinken und jubeln ihnen zu: „Hoch ~Német~ Husar! Hoch
~Német~ Ulan!“
Der Kellner bringt eine würzige Suppe von pikantem Geschmack und weißen
Ungarwein zu vier Kronen die Flasche. Hipp schenkt vorsichtig ein. „Nur
nicht gleich drauflossaufen, dann ist es um den feinen Genuß geschehen!“
Dann ein Fischgericht. Ein Fisch, der am Morgen noch in der Theiß
schwamm. Teufel, ja, das muß man den ungarischen Bundesbrüdern lassen;
sie haben eine feine, aparte Küche!
Hipp ißt langsam nach Art der Feinschmecker und trinkt den Wein in
kleinen Schlückchen.
Zum Schluß ein ungarisches Schnitzel, Butter und Käse und etwas Süßes!
Das läßt man sich gefallen! Nicht zu viel und nicht zu wenig! Man ist
nicht überfüttert, sondern in eine prachtvoll behagliche Stimmung
gekommen und hat noch die Fähigkeit, der Musik zu lauschen und die
Umgebung zu beobachten.
Nahe bei dem Orchester sitzt ein junger, verwundeter Offizier, um
den Kopf eine Binde, einen Orden auf der Brust; der hat sich schon
mit den Serben geschlagen. Sie schauen ihn bewundernd an, wie er
vor seiner Flasche Sekt sitzt und den Kopf zu den Tönen der Musik
bewegt. Wenn ein Lied gespielt wird, singt er mit -- laut und dröhnend
-- er hat eine prachtvolle Stimme und viel Temperament. Eigentlich
zu viel Temperament für einen verwundeten Krieger. Wippt mit den
Beinen und schlägt mit beiden Händen den Takt. „Beschwiemelt,“ sagt
Hipp, „total beschwiemelt,“ und die anderen blicken neugierig zu dem
ordengeschmückten Helden hin. Dieser winkt dem Kellner und sagt ihm
etwas; der Kellner scheint ihn nicht zu verstehen. Klatsch -- fliegt
ein Glas Sekt an den Boden. Im Augenblick steht ein neues da.
Nun fängt er mit dem Kapellmeister an -- ruft ihm etwas zu und springt
von seinem Sitz auf. Die Augen funkeln ihm; er reißt ihm die Geige
aus der Hand. Teufel, kaum kann er sich noch auf den Beinen halten
-- aber spielen kann er...! Da ist der Kapellmeister nichts dagegen.
Er spielt, und der ganze Saal lauscht ihm -- er torkelt umher und
spielt herzzerreißend schön, spielt, daß man laut aufheulen möchte vor
Glück und Schmerz; dann ein Knacks -- eine Saite entzwei -- die Geige
fliegt in eine Ecke -- der Verwundete fällt auf einen Stuhl -- stützt
den verwundeten Kopf in die Hand und starrt vor sich hin. Weint er?
Ist sein armer Geist verwirrt? Hat er so Entsetzliches gesehen und
gehört, daß er nicht mehr Herr seiner Sinne ist? Daß er trinken muß,
um Grauenvolles zu vergessen? Wer weiß es? Wer kann sagen, ob er nur
ein liederlicher Kumpan, oder ob er ein Unglücklicher, ein vom Krieg
Erschütterter ist?
Zwei junge Honvedoffiziere kommen an seinen Tisch und reden auf ihn
ein. Er ist wie ein Kind und läßt sich willig fortführen.
Ein paar Minuten bleibt’s still im Saal -- man ist erstaunt und
erschreckt. Dann hebt der Kapellmeister die Geige vom Boden -- zieht
eine neue Saite auf, und die neueinsetzende Musik läßt den kleinen
Zwischenfall vergessen.
Aber an anderen Tischen wird’s nun auch lebendig; der Ungarwein
beginnt seine Wirkung zu tun. Auch deutsche Husaren und Ulanen haben
rote Köpfe bekommen, fangen an zu singen und zu krakehlen. Die wilde
Musik stachelt auf -- die Begeisterung der Ungarn für ihre deutschen
Bundesgenossen steigt; die Luft ist heiß. Und die Begeisterung flammt
immer höher auf.
Die Stunden fliegen, aber Hipp, der Feinschmecker, hält seine
Gesellschaft im Zügel. Auch ihre Köpfe sind nicht ganz frei -- doch
denken können sie noch; sie wissen noch, wo sie sind, und als die
zehnte Stunde vorüber ist, steht Hipp auf, winkt den Kellner heran, um
die Rechnung für sich und die drei Tischgenossen zu begleichen. Der
begeisterte Wirt aber will von einer Bezahlung nichts hören und freut
sich, ihnen, als seinen Bundesgenossen, einen schönen Abend bereitet zu
haben.
Durch den tiefen Morast der Szegediner Straßen tasten sie sich zum
Bahnhof hin. Von allen Seiten kommen sie angetrottet -- in ganzen
Reihen und auch allein; singend und fluchend und lallend -- manch einer
total besinnungslos, auf ein paar Kameraden gestützt. Die Wachtmeister
stehen am Bahnhof und sind wütend, ein Ulan ist am Umfallen und
schwatzt ungereimtes Zeug.
„Kerl, Sie sind ja total betrunken!“ schreit der Wachtmeister
ihn an. „Sie werden Kasten bekommen -- verstehen Sie?“ „Gut --
Herr Wachtmeister!“ „Halten Sie die Schnauze, Kerl!“ „Jawohl, Herr
Wachtmeister -- mach’ ich schon! Aber ich bin nicht betrunken! Sicher
nicht!“
„Halt’ die Schnauze, Kerl!“
„Ich sag’ ja schon nichts mehr, aber betrunken bin ich nicht, Herr
Wachtmeister!“
Der packt ihn mit festem Griff und wirft ihn in ein Abteil. Der Ulan
fällt aufs weiche Polster und bleibt bewegungslos liegen. Sie kommen
alle nicht ganz so glatt hinein -- und als der Zug endlich anzieht,
hört man schon manchen schnarchen in den einzelnen Abteilungen.
Ein paar Stunden darauf sind sie in Mako. Dunkelheit lagert noch über
dem Ort, es ist fünf Uhr früh. Es stürmt und regnet! Eine Kaserne
gibt’s hier nicht. Also wohin?
Dem Wachtmeister wird ein Wirtshaus genannt, das große Säle hat, da
wird man sie aufnehmen. Also los! Die Stiefel bleiben im Schmutze
stecken -- der Regen peitscht ihnen ums Gesicht -- sie sind todmüde und
schlapp.
Im Gasthof sieht man sie staunend an. Wer ist das? Eine verschlafene
Magd kreischt auf und will sich mit dem Besen gegen den eindringenden
Feind wehren.
Wirt und Wirtin erscheinen. „Wer seid’s? Ist das der Serb -- der
Feind?“ -- „Nein, ~Német~ Husar und Ulan, deutsche Waffenbrüder!“
Da leuchten die Gesichter! „Aber gewiß! Tretet’s ein!“ und man ist
traurig, daß man keine Betten hat. Schad’t nichts. Wer so hundemüde
ist, schläft auch ohne Betten! Sie verteilen sich auf die Bänke, die an
der Wand stehen, und wer keine Bank findet, legt sich auf den Boden;
es ist ganz gleichgültig. Die Magd schürt das Feuer im großen Ofen; man
hat eine warme Stube und einen Platz, um sich auszustrecken, mehr will
er nicht.
Die Wachtmeister lassen ihre Soldaten schlafen, bis der Morgen schon
erheblich vorgeschritten ist; der Herr Oberst hat sich erst für elf Uhr
angesagt.
Der ungarische Gasthofbesitzer und seine Frau sorgen für ein
ordentliches Frühstück. Die neunzig Mann stehen ein wenig verkatert
auf, haben aber wieder einen freien Kopf bekommen. Sie trinken Kaffee,
essen Bratkartoffeln und Brot und Schinken.
Aus weiter Ferne hört man dumpfes Dröhnen. Serbischer Kanonendonner!
Ganz nah’ beim Krieg -- ganz nah bei einer tosenden Schlacht sind sie!
Wie lang’ noch, dann sind auch sie mitten drin im Kugelregen!
Die Stiefel sind schwer vom dicken Schmutz, aber es lohnt sich nicht,
sie zu reinigen, denn hier in Mako sind die Wege noch grundloser als in
Szegedin.
Und wieder fängt der Pferdekauf an! Wieder werden die Tiere unter
Geschrei und Getose am Bahnhof verladen, und weiter geht’s in drei,
vier andere Orte, immer weiter nach Serbien zu. Immer deutlicher hört
man den Kanonendonner.
In diesen kleinen Nestern ist’s öd und langweilig -- man hat viel
Arbeit und schlechtes Nachtlager.
Von Gutshof geht’s zu Gutshof, bis endlich der Bedarf an Pferden
gedeckt ist.
Nun zurück nach Deutschland; eine volle Woche sind sie schon unterwegs
und seit sieben Tagen nicht aus den Kleidern herausgekommen. In
Kiskörös werden die Pferde endgültig verladen; immer sechs in einem
Wagen, und in der Mitte liegt eine Schicht Heu, die das Futter für die
Gäule und zugleich auch das Nachtlager für den Soldaten, der bei den
Pferden schläft, sein soll.
Hipp hat dafür gesorgt, daß er in nächster Nachbarschaft mit seinem
Freund Hiller bleibt. Aber diese Nachbarschaft nützt ihnen wenig;
wenn sie miteinander sprechen wollen, müssen sie sich die Worte durch
die kleinen Fenster ihres Wagens zurufen. Da schläft man lieber, wenn
man Zeit zum Schlafen hat. Alle paar Stationen muß man hinaus, um im
Tränkeimer Wasser für die Pferde zu holen oder für sich selbst etwas in
Empfang zu nehmen. Die übrige Zeit liegt man auf dem Heu ausgestreckt
und schläft oder träumt vor sich hin.
Am ersten und am zweiten Tag ist das Heulager im Wagen ganz weich und
mollig, aber je mehr die Gäule verfüttert bekommen, um so spärlicher
und unbehaglicher wird es; und mit der Ernährung ist’s auch eine eigene
Sache. Das letzte Gulasch, das man an der ungarischen Grenze bekam, war
so verpfeffert, daß man den ganzen Tag das Durstgefühl nicht loswurde.
Da hat man am Abend auf eine zweite Portion lieber verzichtet. Der
kleine Hiller ist ein wenig abgemattet, mag es sich aber nicht
eingestehen. Er liegt die beiden letzten Tage der Fahrt Stunde um
Stunde auf der immer dünner werdenden Heuschicht zwischen seinen
Pferden, denkt über tausend Dinge nach, grübelt und philosophiert --
denkt an das blonde Mädchen in der Garnison, das nichts weiter als
Lustigkeit und kleine Aufmerksamkeiten von ihm verlangt -- denkt auch
an die Mutter, die gewiß ungeduldig auf ihn wartet -- und denkt an das,
was nun sehr nahe bevorsteht: ans endliche Ausrücken nach Frankreich
oder Rußland!
Oft hat die Großmutter in einer guten, trauten Stunde zu ihrer Maria
gesagt: „Das Leben für uns Frauen ist nur dann schön und lebenswert,
wenn wir einen lieben Menschen haben, den wir mit unserer Liebe umgeben
und für den wir sorgen können; wenn wir einen Menschen haben, der
ganz und gar zu uns gehört. Wir Frauen sind nun einmal nicht für die
Einsamkeit geschaffen!“
Und wenn Maria, die immer Heiratspläne von seiten der alten Frau
witterte, etwas ablehnend erwiderte: „Ich bin ja nicht allein -- ich
habe ja mein Kind!“ dann hat die Großmutter immer und immer wiederholt:
„Nein, das Kind hast du nicht, das Kind gehört nicht dir -- das gehört
sich selbst! Du mußt einen Menschen haben, der so lange dein ist, bis
Gott einmal anders darüber entscheidet!“ Und daß die Frau ihres Sohnes
sich ihr in diesem Punkt so ganz und gar verschloß, daß sie kalt und
hart wurde, sobald die alte Frau dieses ihr Lieblingsthema berührte,
das war der Grund zu dem langjährigen Mißverständnis zwischen beiden
gewesen.
Die Jugend, die sich stark und selbständig fühlt, mag sich vom Alter
nicht belehren lassen; die Jugend ist hochmütig und lächelt gern über
die Weisheitssprüche der Alten. Ein jeder will sein eigenes Leben haben
-- sein eigenes Glück -- seinen eigenen Schmerz!
Nun ist der Tag gekommen, an dem Maria vom bittersten Schmerz ganz
niedergeworfen, im kleinen Wohnzimmer der Wachtmeistersleute sitzt.
Die alte, fleißige Frau und ihre Tochter sind in der warmen Küche
beim Nähen, und der Junge ist von seiner ungarischen Reise noch nicht
zurück. Es ist still um sie her -- nur eine Uhr tickt, und Mirza, der
zusammengerollt auf dem Teppich liegt, schnurrt leise vor sich hin.
Bange, unruhige Tage und Nächte des vergeblichen Wartens auf eine
Nachricht liegen hinter ihr; entsetzlich wache Nächte, in denen ihre
Augen Grauenvolles, Unfaßbares gesehen haben, in denen sich auf ihre
Seele der Jammer und das Leid einer ganzen Welt gewälzt hat.
In diesen Nächten hat sie es schon gewußt, daß das Schicksal für sie
entschieden hatte -- in diesen Nächten hat sie unbeschreibliche Martern
und Qualen durchgekostet, hat sich mit aller Kraft aufgerafft und sich
gesagt: ‚Was Tausende im Deutschen Reiche dulden müssen, das werde auch
ich ertragen können!‘ Und ist dann doch in der Stunde, in der, was ihre
Seele schon gewußt, äußerlich bestätigt vor ihr liegt, da sie seinen
letzten Brief mit der kurzen Notiz eines Kameraden: ‚Am 20. Oktober bei
Cambray gefallen!‘ in der Hand hält, nicht fähig, der Verzweiflung, die
sie erfassen will, Herr zu werden.
Ganz klein, ganz gebrochen, ganz elend sitzt sie da und starrt vor sich
hin. Und hat es doch viel früher schon, als dieser Krieg ausbrach,
gewußt, daß sie ihn nie besitzen würde, hat es mit tödlicher Sicherheit
gewußt, daß ihre heißen Wünsche nie Erfüllung finden würden.
Sie hat immer -- ihr ganzes Leben lang -- eine so rege Phantasie
gehabt -- hat sich alles, was die Wirklichkeit ihr versagte, immer
durch die Kraft der Phantasie ersetzen können. Aber dieses ist ihr nie
gelungen: nie hat sie sich vorstellen können, daß einmal eine wirklich
glückliche, friedvolle Zeit für sie und ihn kommen würde -- daß aus
der großen Wirrnis dieser schmerzvollen Liebe je ein klarer, guter,
fester Bund fürs Leben erstehen sollte! Hat alles geahnt, hat alles
gewußt, und kann und will es nun doch nicht fassen -- kann sich nicht
vorstellen, daß sie ihn nie wiedersehen soll, daß jene Nachtstunden,
da sie im Auto durch Berlin rasten -- um Satteltasche, Stiefel und
Revolver zusammenzuholen, die letzten gewesen sein sollten! Jene
Nachtstunden, in denen er plötzlich so gut, so weich und so verstehend
geworden war!
Ihr ist in diesen furchtbar dunklen, einsamen Stunden, als sei ihr der
Boden unter den Füßen fortgerissen, als gebe es in der ganzen Welt
nichts mehr, was noch zu ihr gehört und ihr Weiterleben möglich macht.
Sie hat das Gefühl, eine furchtbare Ungerechtigkeit erfahren zu haben;
hat das Gefühl, gegen das Schicksal, das ihr immer -- so lange sie
denken kann -- feindlich gesonnen war, anwüten zu müssen. Die große
Zeit hat sie noch nicht groß und hart genug gemacht!
In den Zeitungen liest man oft von den Heldenfrauen und Heldenmüttern,
die sich nicht beugen lassen -- denen das Vaterland so hoch steht, daß
sie das eigene Ich darüber vergessen; ja, die sich glücklich preisen,
daß sie schmerzhafte Opfer bringen dürfen! Wo mögen sie die Kraft
herhaben? Wer mag ihnen diese Stärke verleihen?
Der Kopf sinkt ihr tiefer und tiefer auf die Brust.
Im kleinen Zimmer ist es dunkler geworden; draußen in der Küche singt
Fräulein Else, Mirza schnurrt im Schlaf und die Uhr tickt.
Maria denkt an die Großmutter und hat Sehnsucht nach ihr. Sie hat den
Wunsch, Großmutter möchte jetzt bei ihr sein, ihr die Hand auf die
Stirn legen, zu ihr sprechen und sie aus der schrecklichen Finsternis,
in die sie immer tiefer hineinsinkt, erlösen. Stunde um Stunde sitzt
sie so in sich zusammengesunken, regungslos im dunklen Zimmer, bis es
denen draußen in der Küche unheimlich wird.
Fräulein Else klopft leise an die Tür und fragt, ob sie die Lampe
bringen darf. Aber Frau Hiller, die erst ein paar Augenblicke braucht,
um sich in die Gegenwart zurückzufinden, will kein Licht; auch kein
Essen; sie mag auch nicht wie sonst zu einem gemütlichen Abend zu
den zwei Frauen in die Küche hinauskommen. Sie fühlt sich sehr
krank und schwach, und im Kopf toben und wüten die Gedanken, gegen
die sie gar nicht mehr ankommen kann. Sie ist wie ein armes Kind,
das darauf wartet, daß irgend jemand sich seiner annimmt. Aber die
Wachtmeistersleute sind viel zu bescheiden, um sich aufzudrängen.
Fräulein Else richtet schweigend das Schlafzimmer her, entzündet das
winzige Öllichtchen, das nun ins Dunkle hineinblinzelt, und geht wieder
hinaus.
Um Mitternacht wird Pferdegetrappel draußen auf der Straße hörbar --
laute Zurufe, Befehle, Schreien und Gewieher, und Frau Hiller, die noch
immer bewegungslos in ihrem Stuhl liegt, schreckt empor.
‚Ernst!‘ zuckt es durch ihre Gedanken, und das Herz schlägt schnell und
laut. Das können nur die Freiwilligen sein, die von ihrer Ungarnreise
zurückkehren!
Sie tritt ans Fenster und sieht im Schein der Laterne, die von der
Kaserne herüberleuchtet, den langen Zug der jungen Husaren und Ulanen,
die mit großer Anstrengung, mit lautem Zurufen und Schreien die
fremden, noch sehr ungebärdigen Pferde zu meistern suchen. Viele von
den Tieren bäumen sich hoch auf, wenn sie in den Kasernenhof hinein
sollen, reißen ihre jungen Führer in die Höhe oder ziehen sie im Kreis
mit sich herum. Erschreckend, fast schauerlich sieht dieser Kampf
zwischen Tier und Mensch in der matten, flackernden Laternenbeleuchtung
aus; jedesmal, wenn so ein armer, junger Kerl sich mit seinen Tieren
durchs weit geöffnete Kasernentor durchschlagen will, hat man das bange
Gefühl, daß ein Unglück geschehen könne, daß die wilden, aufgeregten
Gäule ihn zu Boden werfen und zerstampfen könnten.
Wie Frau Hiller so steht und mit bangem Herzen sieht, wie einer nach
dem anderen von den Husaren seiner schweren Aufgabe Herr wird, wie
sie dann auch ihren Jungen erkennt, der mit fester Hand seine Tiere
regiert, wie sie seine Stimme hört und seine schlanke Gestalt im
weiten, dunklen Kasernenhof verschwinden sieht, da fühlt sie, wie der
starre Schmerz, der sie umfangen hält, weicher wird, und fühlt auch
nicht mehr diese leere Trostlosigkeit um sich herum.
In dem Augenblick, da der Junge wieder in ihrer Nähe ist, weiß sie,
daß sie doch nicht überflüssig auf der Welt ist -- ja, daß ihr Leben
vielleicht niemals notwendiger gewesen ist als jetzt.
Draußen in der Küche rasselt immer noch die Maschine. Die
Wachtmeistersleute haben wieder ganze Stapel von Wäschelieferungen für
Lazarette fertigzustellen, und sie sind unermüdlich, wenn sie so etwas
übernommen haben; sie bringen es dann ohne weiteres fertig, ein paar
Nächte lang ihren Schlaf zu opfern.
Frau Hiller hat plötzlich den Wunsch, mit ihnen zu sprechen; sie geht
hinaus und sieht die Blicke der beiden Frauen staunend und fragend auf
sich gerichtet.
„Die Freiwilligen sind soeben von Ungarn zurückgekommen!“ erzählt sie,
und während sie das sagt, hört sie von der Straße her: „Mutter!“ rufen.
Das Herz schlägt ihr ganz laut; sie läuft mit Fräulein Else die Treppe
hinab, und der Junge steht vor ihr -- ein wenig bleich, aber voll guter
Laune.
„Wir haben nämlich für diese Nacht Urlaub!“ erzählt er. „Wer ein
Unterkommen in der Stadt hat, kann bis morgen früh dortbleiben.“ Er ist
müde und hungrig, und hat vor allem Verlangen nach reiner Wäsche, denn
seit zehn Tagen ist er nicht aus den Kleidern herausgekommen.
Nun wird die Näherei in der Küche beiseite geschoben; der hungrige,
müde Husar geht vor. In der Grude ist heißes Wasser genug, um ein
notdürftiges Bad herzurichten; Frau Hiller sucht reine Wäsche hervor,
und Fräulein Else kocht Tee und bäckt Eier -- schneidet Brot und legt
Aufschnitt zurecht.
Der kleine müde Husar wird von allen Seiten umsorgt. Eine halbe Stunde
später liegt er satt und wohlig in der Mutter Bett ausgestreckt; er
kann es gar nicht sagen, wie gut die weichen Kissen und Decken dem
müden Körper tun, versucht noch etwas Zusammenhängendes von der schönen
Reise zu berichten, aber die Augen fallen während des Erzählens zu. Die
Hand in der Mutter Hand, schläft er ein, und das weiche, junge Gesicht
sieht zufrieden und glücklich aus.
Frau Hiller bleibt still und von einem großen Gefühl überwältigt
bei ihm sitzen. Es ist seit langem das erste Mal wieder, daß sie am
Bett ihres schlafenden Jungen sitzt, und durch ihren Kopf ziehen
Erinnerungen, -- weit zurückliegende Ereignisse fallen ihr ein.
Sie denkt an des kleinen Ernst Vater und an die Jahre der Einsamkeit,
die seinem Tod folgten; an die große Angst, die so oft über sie kam,
weil der Junge allzu früh anfing, schwer und ernst zu denken und zu
grübeln, weil er so selten lachte und jedem Vergnügen aus dem Wege
ging.
Sie denkt daran, wie sie selbst so traurig durchs Leben ging, bis sich
der Freund zu ihr gefunden hatte, der ihr und des Jungen Leben in so
vieler Beziehung umgestaltete. Auch dem Jungen ist er Freund gewesen
-- ja, ihm ist er eigentlich viel tiefer und ehrlicher Freund und
Berater gewesen, als ihr. Und der kleine Ernst hat diese Freundschaft
des älteren und bedeutenden Mannes mit so heißer, kindlicher Inbrunst
erwidert. Wenn er erfährt, daß dieser beste Freund ihm genommen ist,
wird auch in seine Seele tiefer Schmerz einziehen.
Ihr Leid ist nun wieder von neuem erwacht -- der Kopf neigt sich, und
heiße Tränen fallen auf Ernsts Hand.
Man kann nicht in einer Nacht hart werden -- kann nicht in einer
Nacht über den Tod eines Menschen hinwegkommen, und all die Liebe und
Freundschaft, die ihm gehörte, auf einen anderen übertragen.
Eine Frau aber kann sehr wohl zu gleicher Zeit zwei Menschen mit
aller Inbrunst ihrer Seele lieben, und besonders zwei so verschiedene
Menschen, wie diesen etwas harten, aber hoch über dem Alltag stehenden
Mann, der nun irgendwo in der weiten Welt sein Grab gefunden hat -- und
den kleinen, zarten, weichen Ernst.
Sie fühlt, während sie die warme Hand des schlafenden Jungen in der
ihren hält, daß dieses liebe, geliebte Kind ihr den Toten doch nicht
ganz ersetzen kann, und wieder muß sie an Großmutter und deren immer
wiederholte Mahnung denken: „Der Junge gehört nicht dir, der will
sein Leben für sich haben!“ Die Großmutter steht in dieser Nacht so
leibhaftig vor ihr -- wie eine Prophetin -- streng, unbestechlich hart
und im Grunde doch gut und gerecht.
Wenn doch die Großmutter in dieser Nacht bei ihr wäre! Sie ist hilflos;
sie hält die Hand ihres Jungen, und ganz verzweifelte Gedanken gehen
durch ihren Kopf.
Der Krieg will noch so viele Opfer haben. Von allen Seiten wüten die
Feinde immer noch gegen Deutschland an, von allen Seiten wollen sie
über das Deutsche Reich herfallen, um es zu zerstückeln, zu vernichten!
Ungeheure Kräfte gehören dazu, um gegen diese Übermacht anzukommen.
Ach, und das Herz ist so oft ruhig und lässig geworden in dieser
letzten Zeit, denn da die jungen Freiwilligen bis heute noch nicht
eingefordert sind, hat man sich gesagt: ‚Vielleicht werden sie diese
Allerjüngsten doch nicht brauchen!‘ und hat sich in Behagen und
Sicherheit gewiegt.
In dieser Nacht aber sieht Frau Hiller die Dinge, wie sie wirklich
sind; in dieser Nacht drängt es sich ihr mit bitterer Klarheit auf, daß
sie auch den Jungen hergeben muß, daß alle, alle, die wehrfähig sind,
nötig sein werden, um die furchtbaren Pläne der Feinde Deutschlands zu
vereiteln, um das Vaterland nicht untergehen zu lassen.
Die Hand des Jungen zuckt in der ihren, er wendet das Gesicht ihr zu,
schlägt einen Augenblick die Augen auf, sagt ein leises, erstauntes:
„Ach, Mutter!“ und schläft weiter. Sie sinkt vor dem Bett ihres Kindes
auf die Kniee, lehnt das heiße Gesicht an des Jungen kühle Stirn und
streicht leise über das kurz geschorene Haar.
Am nächsten Morgen staunt der kleine Husar, als er sich in der Mutter
Bett findet.
Bis neun Uhr haben sie Urlaub, um sich von den Anstrengungen der Reise
auszuruhen. Die Mutter bringt ihm das Frühstück ans Bett und läßt sich
nun alles erzählen; sie sorgt für warmes Wasser zum Waschen, und umgibt
ihn mit viel kleinen Aufmerksamkeiten, an die er nicht mehr gewöhnt
ist. Das tut ihm wohl, und er möchte sich gern noch länger umsorgen
lassen, aber die Zeit drängt, der Dienst ruft, und die Wachtmeister
haben ihnen angedroht: ‚Wer sich in dieser Zeit etwas zuschulden kommen
läßt, der zieht in den Kasten und nicht in den Krieg.‘
Im Osten wird in diesen Wochen heiß gestritten; man sagt, daß eine
große Entscheidung nahe bevorstehe. Die Russen haben alle Kräfte auf
eine Stelle geworfen; sie versuchen immer wieder neue Durchbrüche,
und die jungen Freiwilligen fiebern vor Ungeduld. Ob auch dieser
Entscheidungskampf wieder ohne sie ausgefochten werden soll?
Es geht hier in der Kaserne alles seinen alten Gang: Man putzt und
exerziert, man turnt und reitet die neuen Pferde ein -- alles wie sonst!
Eine Woche vergeht und noch eine, und es wird sogar ein großer Teil von
den ungarischen Gäulen in andere Garnisonen verschickt. Man ist ganz
niedergeschlagen, und der dicke Hipp hat einen Brief an seinen Vater
verfaßt, in dem er ihm kurz und bündig erklärt: ‚Ich tue hier nicht
mehr lange mit; es ist geradezu lächerlich, daß man uns hier festhält.
Lieber gehe ich zur Infanterie, denn die braucht man doch wenigstens!‘
Und dann kommt ein Sonntag, der genau so anfängt wie alle anderen
Sonntage: Stalldienst -- Kirchgang -- Briefappell -- und die
verlängerte Mittagspause! Um vier Uhr hat man wieder zur Stelle zu
sein, um zu hören, was für den nächsten Tag bestimmt ist.
Hipp und Hiller haben ihre Freundinnen für sechs Uhr ans Tor bestellt
und sind schon in Extrauniform. Hiller will aber zuvor noch eine Stunde
mit der Mutter spazieren gehen, denn wenn er sich ihr am Nachmittag
widmet, kann er sie am Abend mit ruhigerem Gewissen allein lassen.
In Reih’ und Glied stehen sie auf dem Kasernenhof und staunen, daß
außer dem Wachtmeister auch einer von den Offizieren anwesend ist. Sie
sehen sich an und wissen nicht, was sie davon halten sollen; es liegt
überhaupt irgend etwas Besonderes in der Luft -- man hat auf einmal das
ganz sichere Gefühl, daß heute noch etwas Großes, Bedeutsames geschehen
wird.
Und es kommt wirklich! Es kommt -- längst erwartet und ersehnt -- und
wirkt doch wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
„Also, Freiwillige, nun ist auch für euch der große Tag gekommen!“
ruft der Offizier aus, und die Herzen der Freiwilligen zucken in jäher
Freude auf. „Im Osten sind Verstärkungen nötig. Unter unserem großen
Feldmarschall werdet ihr kämpfen!“ Da schallt es aus den jungen Kehlen:
„Bravo! -- Bravo! -- Hurra! -- Hoch!“
Die Vorgesetzten lassen den Sturm der Begeisterung zur Ruhe
kommen. „Wer nicht mit will, der trete vor!“ Aber keiner von den
Hundertfünfzig, die hier auf dem Platz stehen, tritt vor.
„Also, alle wollt ihr mit!“ Und es wird abgezählt und die Namen werden
verlesen.
„So, nun habt ihr eine halbe Stunde für euch frei! Dann antreten, um
eure Ausrüstung in Empfang zu nehmen!“
Sie sind wie die Tollen; ein jeder stürmt, um den Seinen das große
Ereignis mitzuteilen. Diejenigen, die in der Stadt wohnen, laufen zu
den Eltern hin; die anderen setzen Depeschen auf. Hipp läßt sich’s
etwas kosten. Seine Depesche wird so lang wie ein Brief.
Hiller ist zur Mutter ins Zimmer gestürmt und kann kaum sprechen.
„Mutter, Mutter -- übermorgen geht’s ins Feld!“ Und liegt an ihrem Hals
und küßt sie.
„Nicht weinen! Es ist doch so wunderschön, daß es endlich losgeht!
Bitte, nicht weinen! Du hast’s doch gewußt, daß es einmal kommen würde!“
Aus der Küche stürzt die Wachtmeistersfrau mit ihrer Tochter herein:
„Ja, ist es denn wahr, was die Leute unten erzählen -- ziehen Sie denn
nun wirklich los?“
Alles ist aufgeregt; die Leute stehen auf der Straße zusammen, und
an der Kaserne versammeln sich immer mehr Menschen. Die Freiwilligen
stehen in großen Haufen beieinander, und ihre Gesichter strahlen.
Endlich! Endlich!
In den Kleiderkammern liegen die feldgrauen Uniformen bereit; und es
geht alles prachtvoll glatt. Ein paar Unteroffiziere sind zur Hilfe
herankommandiert, und nach Verlauf einer guten Stunde stehen sie alle
in der neuen Ausrüstung da. Nun: Antreten zum Kirchgang -- zum Dom!
Gottesdienst und heiliges Abendmahl!