„Ich weiß nicht,“ und Maria senkte den Kopf.
„Er tat mir schrecklich leid an jenem Abend; ich glaube, er fühlte sich
unglücklich!“
„Das ist Blödsinn, Maria. Ein Junge muß mal was erleben. Sieh mal,
Alfred war doch schon mit siebzehneinhalb Jahren Leutnant, da konnte
ich ihn doch auch nicht mehr am Rockzipfel haben!“
„Das ist es auch nicht; ich hatte nur das Gefühl, daß der Junge sich um
etwas grämte, daß ein großer Zwiespalt in ihm war.“
„Laß gut sein, Kind, so was mußte einmal kommen, und vielleicht ist es
ein Glück, daß ihm gerade jetzt noch die Augen geöffnet wurden. Wer
weiß, was sie in den nächsten Monaten zu sehen bekommen.“
„Er ist noch so ein Kind, Großmutter. Du weißt gar nicht, wie sehr er
noch Kind ist, trotz seiner Grübeleien.“
„Dann war es die höchste Zeit, daß er aus seiner Kindheit
herausgerissen wurde!“
„Es tat mir aber weh. Ich hatte plötzlich das Gefühl, als sei er
wieder mein ganz kleines Kind, das ich gegen die Welt schützen müßte.
Überhaupt, Großmutter -- immer in dieser schrecklichen Zeit, jetzt lebe
ich wieder alles von früher durch -- wie er noch ganz mein war -- ganz
hilflos -- ich kann dir das nicht so sagen -- aber es tut alles so
entsetzlich weh -- so als ob einem scharfe Messer im Herzen wühlten.“
Großmutter streichelte Marias Haar.
„Da mußt du dich nun drüber hinwegsetzen, Kind. Du darfst nicht
egoistisch sein. Eine Mutter hat die Pflicht, ihr Kind unter Schmerzen
und Wonne zu gebären, es großzuziehen und dann wieder herzugeben. So
will es die Natur und alles Auflehnen hilft nichts!“
Großvater kam mit seinem Extrablatt. „Die Russen in Tilsit!“ Er war
ganz bleich.
Großmutter lenkte ab: „Laß eben Maria fertig erzählen! Also das Abitur
hatte er, und dann?“
„Dann liefen sie von Kaserne zu Kaserne, um sich zu stellen. Zu
Tausenden standen sie da herum, und er kam an den ersten beiden
Tagen enttäuscht nach Hause. Am dritten aber mittags strahlte er und
hatte einen Fahrschein nach der Altmark -- da sollten sie sich beim
Husarenregiment melden!“
* * * * *
Herr Hieronymus war ein schlankes, kleines Männchen mit eisgrauem Bart.
Er kam als erster, und der Tisch war noch nicht abgeräumt. „Das nenne
ich pünktlich!“ sagte die Großmutter und stellte ihre Schwiegertochter
vor.
„Große Freude, gnädige Frau! Hab’ schon oft von Ihnen gehört, die Frau
Schwiegermutter spricht mit Vorliebe von Ihnen und dem famosen Jungen.
War leider zwei Jahre abwesend, sonst würde ich wohl schon früher das
Vergnügen gehabt haben, Sie zu sehen!“
Er hielt Marias Hand fest und sah ihr in die Augen.
„Nun erzählen Sie aber auch gleich, teurer Herr Hieronymus, daß ich
immer nur das Beste von meiner Maria rede!“
„Es wäre eine Kränkung, das besonders zu versichern,“ sagte das kleine
Männlein, und bevor die Müller noch mit dem Abräumen fertig war, tat
sich die Tür zum zweitenmale auf, und der behäbige Herr Rat Mertens
trat ein. Den kannte Maria schon und gab ihm die Hand, die der Rat an
seine Lippen zog.
„Im Frühjahr sahen Sie blühender aus, liebe Frau Maria. Da sehen Sie
geradezu beneidenswert gut aus. Jetzt sieht man Ihnen an, daß Sie
gelitten haben! Schwere Zeiten, furchtbare Zeiten, die Gott uns gesandt
hat. Heute reichen wir uns noch in Geborgenheit die Hand; wer aber
weiß, wie nahe die Stunde bevorsteht, in der es auch für uns heißt:
Verlaßt eure Heimat, flieht oder sterbt!“
„Na, na,“ sagte die Großmutter ärgerlich; und dann ließ die Müller den
dritten Gast eintreten, den Hauptmann Prell, den Maria noch nicht im
Hause ihrer Schwiegereltern gesehen hatte. Er kam langsam näher und
schleppte den linken Fuß nach. Fein und leidend waren die Züge seines
Gesichtes, die Augen in die Ferne blickend, so wie Menschen, die
viel denken und grübeln, zu blicken pflegen. Ihm kam die Großmutter
liebenswürdiger als den anderen Gästen entgegen. Sie hielt die
Schwiegertochter im Arm und begann herzlich: „Hier ist meine Maria,
Herr Hauptmann; wir haben ja neulich einen geschlagenen Nachmittag von
ihr und ihrem Jungen gesprochen!“
Der Hauptmann beugte sich über die dargereichte Hand. „Ich bin sehr
glücklich, gnädige Frau, Sie zu sehen. Ich bin wirklich sehr erfreut!“
wiederholte er, als die Großmutter sich zu den anderen Gästen wandte,
und zog nun auch die andere Hand an die Lippen.
„Sie haben Ihren Jungen hergegeben -- Ihren Einzigen?“ fragte er, „aber
Sie haben es gern getan, nicht wahr?“
„Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Man will und will nicht;
es ist ein schreckliches Chaos im Kopf und Herzen.“
„Also wo wünschen die Herren zu sitzen?“ rief die Großmutter. „Hier
im Eßzimmer haben wir den Vorteil, alle zusammen am Tisch sitzen zu
können. Gehen wir ins sogenannte Herrenzimmer, müssen sich die Parteien
teilen.“
Der Großvater aber stimmte fürs Herrenzimmer, und die Müller erhielt
einen Wink, Gläser und Flaschen dahin zu bringen.
Hieronymus reichte der Großmutter den Arm, Rat Mertens sprach mit
lauter Stimme auf Großvater ein und Prell ging neben Maria her.
Der behäbige Rat blieb unter dem Kronleuchter stehen und sprach nun
nicht mehr zu Großvater allein, sondern so, als habe er irgendein
unbekanntes Publikum vor sich.
„Unsagbar schwere Zeiten hat Gott über unser armes, tapferes Vaterland
verhängt!“ rief er aus. „Gott ist allmächtig und allgütig und vor
allem: Gott ist gerecht! Das muß man sich in dieser Zeit immer wieder
sagen, denn sonst könnte man der Verzweiflung, die einem beim Lesen der
furchtbaren Geschehnisse ergreift, nicht Herr werden! Ich nehme an,
Gott will den Frevel und den Hochmut derer, die uns hassen, strafen.
Wir sind das Werkzeug dazu, und wir dürfen nicht murren. Ja, wir müssen
uns zum Gottesglauben zwingen! Das ist nicht ganz leicht in diesen
Zeiten, in denen der, der über uns allen waltet, so Grauenhaftes
geschehen läßt. Jammer, Jammer, Jammer! Wo ist ein Herz, das nicht von
Gram verzehrt wurde? Wo ist der Mann, die Frau, die nicht täglich von
neuem um ihr bißchen Lebensmut kämpfen muß? Wäre es uns nicht allen
wohler, wenn wir uns jetzt zu einem Schlaf niederlegen könnten, aus dem
es kein Erwachen mehr gibt?“
„Oho,“ sagte Großmutter, „das wäre ja wirklich sehr deutsch gehandelt.
Nein, lieber Rat, nun erst recht nicht! Und wenn der Krieg zehn Jahre
dauern würde, und wenn ich mit Krankheit geschlagen würde, ich möchte
das Ende abwarten! Jetzt einschlafen, nein, das paßte mir nicht!“
„Sie haben diese wundervoll starken Nerven, gnädige Frau,“ entgegnete
der Rat. „Aber nicht ein jeder hat die Kraft, so zu denken wie
Sie. Unsere lieben Damen verfügen ja auch im allgemeinen über mehr
Optimismus und Naivität als der denkende Mann.“
Großmutter räusperte sich.
„Das sind schöne weibliche Eigenschaften!“ fuhr der Rat fort, „und
kraft dieser Eigenschaften bleibt es ihnen erspart, den grauenhaften
Ernst der gegenwärtigen Zeit in seinem vollsten Umfang zu erfassen.“
„Auch dagegen protestiere ich, Herr Rat!“
„Mit Ihnen ist nicht gut verhandeln,“ lachte Mertens etwas gereizt,
„Frau Maria aber wird mir recht geben. Sagen Sie, gnädige Frau, haben
Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie es sein wird, wenn wir nicht
siegreich sein sollten? Wenn diese siebenfache Meute uns doch so zu
packen kriegt, daß wir am Boden liegen -- daß das edle Blut unserer
Söhne, Gatten, Väter und Brüder umsonst geflossen ist?“