Maria war bleich geworden: „Ich will mir das nicht vorstellen.“

„Sehen Sie, sagt’ ich es nicht? Sie will sich nicht vorstellen, sie

macht die Augen zu. Das ist schön, das ist frauenhaft.“

„Blödsinn!“ rief die Großmutter. „Das ist gar nicht nur frauenhaft! Ein

jeder, ob Mann oder Frau, sollte so denken: Siegen oder Untergehen! An

Untergehen denkt man nicht gern, also weiß man, daß man siegen muß.

Aber nun nehmen Sie Platz, meine Herren, und lassen Sie uns so fröhlich

sein, wie man es in dieser Zeit sein kann!“

Mertens hob als erster sein Glas: „Ein Pereat auf das Land der

Perfidie!“

Hieronymus zögerte ein wenig, bevor er sein Glas an das der anderen

klingen ließ: „Das ist mir ein wenig zu pathetisch.“

„Pathetisch?“ ereiferte sich Mertens. „Ist diese Zeit denn nicht

ganz und gar aufs Pathetische gestimmt, und verdienen es diese

neidplatzenden Halunken nicht, daß man ihnen zu jeder Stunde des Tages

einen Fluch nachschleudert?“

„Das nützt uns nur verdammt wenig, lieber Rat.“

„Aber es tut uns wenigstens wohl!“

Über das Gesicht des invaliden Hauptmanns flog ein sarkastisches

Lächeln.

„Man muß nicht alles so allgemein nehmen; man muß auch bei seinem

Feinde die Motive suchen.“

„Teufel, ja,“ sagte der Rat, „die liegen doch bei England klar genug.“

Großmutter warf ein: „Nicht wieder die alten Sachen durchkauen, meine

Herren! Jedes Kind weiß, daß England gemein an uns handelt; jedes

Kind sagt ‚Pfui!‘, wenn es von England spricht. Ich sage auch ‚Pfui!‘

und habe gern in das Pereat auf das edle Britenreich miteingestimmt,

aber damit wollen wir es auch für heute bewenden lassen. Sind Sie

einverstanden, Rat?“

„Mir war es nur, als habe unser Hauptmann Prell etwas andere Ansichten

über unsere englischen Feinde!“ meinte Mertens gereizt. „Wie meinen Sie

das, Herr Hauptmann, wenn Sie sagten, man müsse über die Beweggründe

jedes Landes nachdenken? Frankreich und Rußland verstehe ich -- ganz

besonders Frankreich -- aber England hatte keinen Grund zu diesem

namenlosen Haß. Bei England ist die Triebfeder zu diesem Krieg nichts

als kalte, gemeine Habgier!“

„Das ist in diesen Tagen tausend- und abertausendmal bestätigt worden,“

sagte Prell kühl.

„Nun also, warum betonten Sie denn, man müsse über Englands Beweggründe

nachdenken?“

„Ich habe nicht behauptet: über Englands Beweggründe, sondern über

jedes einzelnen Landes Beweggründe. Stellen Sie sich mal vor, es

wären zehn Jahre vergangen, und man verlangte von Ihnen, daß Sie die

Geschichte dieses Krieges schrieben. Würden Sie da auch nur so einfach

von Englands Perfidie sprechen? Man muß sich doch auch fragen, was

England von uns zu fürchten hätte, wenn unsere Industrie und unser

Handel weiter in dem Maße aufblühen, wie sie es bisher getan. Heute

noch ist England der Großkaufmann und der Bankier der ganzen Welt. Aber

es fühlt, daß Deutschland ihm zu mächtig wird. Es fürchtet ganz einfach

Deutschlands immer weiteres Emporsteigen.“

Der Großvater sagte bedächtig: „Nein, meine Herren, das ist es nicht.

Es ist einzig unser Militarismus, den sie mit scheelen Augen ansehen.“

Die Großmutter warf ein: „Meine Herren, das sind doch alles

Gemeinplätze, über die eine Debatte nicht lohnt! Reden wir doch lieber

von dem, was der Tag gebracht hat. Also die Russen sind einmal wieder

im Land!“

„Im Anmarsch auf Berlin!“ sagte der Rat Mertens schwer.

Maria wandte sich etwas ängstlich an den Hauptmann Prell: „Ist das

wahr, sind die Russen wirklich im Anmarsch auf Berlin?“

Der Hauptmann lächelte: „Wenn es nach dem dicken Rat Mertens ginge,

stände unsere Hauptstadt längst in Flammen. Sind Sie sehr ängstlich,

gnädige Frau?“

„Nicht für mich, aber all der Jammer, der jetzt in der ganzen Welt ist,

macht so schwach und elend.“

„Und es wird doch gerade jetzt so viel von der starken deutschen Frau

gesprochen und gesungen.“

„Dazu gehöre ich nicht,“ sagte Maria und neigte den Kopf.

„Das ist schön, das ist gut, daß Sie das eingestehen. Wenn Sie stark

sein müssen, dann können Sie es auch sein und Sie sind es doch schon im

hohen Maße gewesen, ich habe einen Beweis dafür!“

„So?“

„Nun, zum Beispiel, daß Sie sich in all den Jahren dem Willen der Frau

Schwiegermutter nicht untergeordnet haben. Das heißt doch was, gegen

den Willen einer so praktischen, energischen Frau anzukämpfen. Sie

hat mir vieles von Ihnen erzählt und kann es Ihnen heute noch nicht

verzeihen, daß Sie nicht mit dem Jungen zu ihr gezogen sind, und daß

Sie nicht wieder heirateten. Das nenne ich doch Stärke, denn solch ein

Widerstand bedeutet doch alles andere als Schwäche!“

„Aber jetzt bin ich sehr müde und verzagt, und wenn Großmutter mir

jetzt in dieser Stimmung sagte: ‚Du bleibst!‘ -- ich glaube, dann

bliebe ich.“

„Sie fühlen sich verlassen, weil Sie den Jungen hergegeben haben, das

ist natürlich furchtbar hart für Sie. Aber augenblicklich ist er doch

noch in Sicherheit!“

Der Hauptmann sah Maria mit guten Augen an, während er sprach, und sie

fühlte sich wohl in seiner Nähe.

„Ist das wahr, Hauptmann,“ rief die Großmutter, „daß Sie sich noch

gemeldet haben? Und wozu, wenn man fragen darf?“

„Wozu sie so einen Krüppel noch brauchen können,“ sagte er lächelnd,

„aber ich fürchte, es ist wenig Aussicht vorhanden!“

„Und ich sage Ihnen, daß sie den letzten Mann im Deutschen Reich

gebrauchen werden. Und reichen die Männer nicht mehr, dann kommen die

Greise und Frauen daran!“

„Sie sind toll, Rat!“ rief die Großmutter.

Der Rat stürzte ein Glas Wein hinunter. „Ist das in Belgien nicht auch

der Fall?“ fragte er.

„Teufel, ja, aber eine deutsche Frau schüttet keinem Soldaten heißes

Wasser auf den Kopf. Dafür möchte ich mein Leben einsetzen!“

„Die Leidenschaft, die Wut erzeugt Bestien!“ schrie der erregte

Mann, dessen Gesicht stark gerötet war. „Und ich sage und prophezeie

Ihnen: In einem Jahr wird es nur noch Greise und Kinder im deutschen

Vaterland geben. Wozu durch die rosige Brille sehen? Wozu sich selbst

belügen? Und jene jungen Bürschchen, die jetzt in dieser wunderschönen

Begeisterung als Kriegsfreiwillige in die Kasernen gezogen sind, ihr

Blut wird in Strömen fließen.“

Maria deckte die Hand über die Augen, und der Hauptmann rief zu Mertens

hin: „Nun möchte ich doch ernstlich mahnen -- --“

Aber wenn so ein Mann wie der Rat einmal im Zug war, gab es kein

Bremsen mehr.

„Schenk’ ihm doch nicht immer wieder ein,“ flüsterte die Großmutter

zu ihrem Mann und legte die Hand um die Flasche. Der Hauptmann hatte

Marias Hand ergriffen: „Er redet Blödsinn, er kann keinen Wein

vertragen.“

Sie versuchte zu lächeln, aber es mißlang.

„Nein und tausendmal nein, wir sollen uns nicht selbst betrügen. Wir

müssen wissen, was uns bevorsteht. Der Zar soll geschworen haben:

‚Ich ruhe nicht, bis die Straßen Berlins mit Frauenköpfen gepflastert

sind!‘ Und glaubt einer, daß die Kosaken, wenn sie in unsere Hauptstadt

ziehen, dieses Wort nicht wahr machen?“

„Teufel noch mal,“ rief jetzt die Großmutter außer sich. „Sind Sie

dazu hergekommen, Herr Rat, um uns so die Stimmung zu verderben? Ein

Schwarzseher sind Sie, ein ganz trauriger Schwarzseher. Ich danke für

alles Weitere. Komm, meine Maria! Du bist müde und siehst blaß aus. Die

Herren werden uns entschuldigen. Gute Nacht!“

Sie legte ihren Arm um Marias Schulter und führte sie hinaus. Der

Großvater lenkte die Sache ein, so gut wie es möglich war. Aber nach

einer Viertelstunde hörte man die Türe klinken, und er schloß seinen

Gästen die Gartenpforte auf.

Die Großmutter hatte Maria in das kleine Fremdenstübchen geführt. „Es

tut mir leid, Kind, daß die Müller die dunklen Vorhänge noch nicht

angemacht hat. Aber da du müde bist, wirst du auch schlafen, wenn der

Mond ein wenig hereinscheint.“

Das kleine Zimmer war ganz überflutet von weißem Mondlicht. Auf dem

Teppich zitterte ein weißer, breiter Streifen und zog sich die Wand

hinauf, an der ein fast lebensgroßes Porträt hing. Es war das Bild von

Großmutters einzigem Sohn, Marias verstorbenem Manne. Gespensterhaft

leuchtete es auf die beiden Frauen nieder.

Die Großmutter wurde elegisch. „Daß er diese gewaltige Zeit nicht

miterleben durfte!“ seufzte sie. Aber dann war sie mit ihren Gedanken

gleich wieder im praktischen Leben.

„Ich will eben noch einen Augenblick zu Großvater hinüber, denn wenn er

sich nicht gleich legt, bekomme ich ihn vor Mitternacht nicht zu Bett.

Leg’ du dich nur ruhig schon hin, Maria. Ich komme noch, dir ‚Gute

Nacht‘ sagen.“

Im kleinen Zimmer war eine schwere Luft; die Müller hatte das Fenster

zu früh geschlossen, und die kleinen weißen Ersatzgardinen waren so

angebracht, daß sich auch nicht ein Spalt öffnen ließ.

‚Schrecklich,‘ dachte Maria und wußte, daß eine schlimme Nacht ihrer

harrte. Schwere Luft und das große, helle Bild des Mannes! Das war zu

viel für sie. Und dazu eines von Großmutters massiven Federbetten. Eine

leise Verzweiflung begann in ihr wach zu werden.

Während sie sich entkleidete, hörte sie Großmutter sagen: „Eine

Unverschämtheit vom Rat, sich als Gast anzumelden und dann so

loszulegen. Den brauchst du in der nächsten Zeit nicht mehr

mitzubringen, Alterchen.“ Und er entgegnete liebenswürdig: „Wie du

willst!“

Dann gab es noch einen kleinen Kampf zwischen den beiden, weil

Großvater sich weigerte, sogleich zu Bett zu gehen; aber fünf Minuten

später war er doch im Schlafzimmer, und eine kleine Weile darauf

klopfte Großmutter bei Maria an und setzte sich zu ihr auf den

Bettrand. Sie hielt etwas in der Hand und schien einen Augenblick lang

um ein paar einleitende Worte verlegen zu sein.

„Ich habe Großvater das Versprechen abgenommen, diesen Mertens nicht

mehr ins Haus zu bringen! Das ist doch geradezu eine bodenlose

Unverfrorenheit, einen so in Angst jagen zu wollen. Die Zeiten sind

ohnehin grauenvoll genug, und ich hatte auf einen netten, behaglichen

Abend gehofft. Und doch, Maria, trotzdem es eine Taktlosigkeit vom Rat

war, solche Dinge auszusprechen -- das muß ich dir sagen, daß auch mir

schon ähnliche Gedanken durch den Kopf gegangen sind. Kann denn ein

Mensch wissen, was Gott in seinem unerforschlichen Ratschluß bestimmt

hat? Und wenn er das Furchtbare geschehen läßt, wenn die russische

Meute bis zu unserer Hauptstadt dringt, dann bleibt auch vielleicht

das nicht aus, was der Zar gesagt haben soll. Auf jeden Fall ist dann

über uns Frauen das Urteil gefällt! Ich glaube nicht daran und will

nicht daran glauben, aber sollte es so kommen -- dann, Maria, heißt es

für uns: Schnell ein Ende machen, ehe wir uns auf bestialische Weise

abschlachten lassen! Einen Revolver aber hat man nicht immer zur Hand

oder ist vielleicht zu nervös, ihn im rechten Augenblick abzudrücken.

Aber ein kleines Pulver in der höchsten Not herunterschlucken, das kann

jeder! Sieh mal, was ich hier habe, das soll im selben Augenblick, wo

man es nimmt, wirken. Herzschlag und aus! Woher ich’s habe, verrate ich

nicht. Aber es reicht für dich und mich. Ich hab’s für dich in dieses

kleine Medaillon, das ich dir längst schon geben wollte, gefüllt. Am

besten tust du, du hängst es um den Hals, dann hast du es immer zur

Hand.“

Maria sah erstaunt zur Großmutter auf. Sprach sie im Ernst? Aber das

alte, frische Gesicht war wirklich bekümmert; sie hob Marias Kopf empor

und hing ihr das kleine Amulett um.

„Nun wollen wir zu beten versuchen, Maria!“

Und sie schlang ihre Hände um die der Schwiegertochter und begann:

„Herrgott, himmlischer Vater, der du alle Macht in Händen hast -- --“,

schluchzte dann auf und rief: „Nein, nein, ich finde keinen Weg mehr

zu dem da droben. Mein Herz will sich auflehnen. Sieh du, Maria, ob du

noch zum Glauben zurückfindest!“ und küßte ihr Stirn und Augen, zog ihr

die Decke über die Schultern und ging hinaus.

Marias Augen irrten im Zimmer umher und blieben auf dem hellen Bild

ihres Mannes hängen. Der war nun schon fünfzehn Jahre tot, und es war

doch noch nichts vergessen von all dem, was sich in den paar kurzen

Ehejahren ereignet hatte. Ein armer, herzkranker Mensch war er gewesen,

der sich als junger Offizier sein Leiden geholt und keine Genesung

mehr gefunden hatte. Nein, nicht die Vergangenheit heraufbeschwören,

nicht daran rühren! Sie warf sich zur Seite, so daß sie zur Wand

blickte. Aber an dieser Wand hingen unzählige kleine, ovale Bildchen

im schwarzen Rahmen, so wie man sie in großmütterlichen Einrichtungen

noch findet. Es waren zumeist Kinderbilder von dem Mann da oben an der

Wand; liebe, gute, kluge Gesichtchen -- dunkle, träumerische Augen, so

wie auch der Junge, der jetzt in der Altmark in der Kaserne lag, sie

hatte.

Sie nahm eines von den Bildchen in die Hand und küßte es. Da klapperte

es an dem Amulett, das Großmutter ihr umgehängt hatte, und die Gedanken

kehrten zur Gegenwart zurück.

Die Kosaken nach Berlin! Aber das wollte ihr Verstand nicht aufnehmen;

dagegen lehnte sich irgend etwas in ihr auf.

Wenn sie doch schlafen könnte! Sie hing das kleine Bild wieder an die

Wand und zog die Decke übers Gesicht. Aber das ging nicht, es herrschte

ohnehin eine unerträgliche Hitze im Zimmer. Auf dem Teppich tanzte der

Mondstreif immer heller, immer quälender. Sie schloß die Augen. Da sah

sie das häßliche, braunrote Gesicht des Rates Mertens vor sich. ‚Und

all die jungen Kriegsfreiwilligen in den Kasernen -- ihr Blut wird in

Strömen fließen!‘

Entsetzlich, entsetzlich!

Sie setzte sich aufrecht hin. Die Müller hatte vergessen, ihr

Streichhölzchen hinzulegen, und beim Mondlicht konnte man nicht lesen.

Wieder zog das große, weiße Bild an der Wand ihre Blicke an, und wieder

kamen traurige, quälende Erinnerungen.

Nein, so mit dem Bilde an der Wand konnte sie kein Auge zutun in dieser

Nacht. Ihre Gedanken arbeiteten schon jetzt fieberhaft; die Schläfen

schmerzten, der Puls raste -- das Herz schlug zum Zerspringen.

„Jungchen -- mein Jungchen!“ und sie dachte an das Kind, an den

zarten, blutjungen Kerl, den sie hergegeben hatte -- der so froh, so

selbstverständlich von ihr gegangen war. Der lag nun mit fünfunddreißig

anderen in irgendeinem öden Raum auf einem Strohsack. Der war

vielleicht krank und sie wußte es nicht, der hatte Heimweh und war zu

stolz, davon zu schreiben.

Wo hatten diese jungen, verwöhnten Kerle nur plötzlich die

Entschlossenheit und Größe hergenommen? All diese Jungchen, die zu

Hause so gern gemäkelt hatten, denen nichts gut und bequem genug

gewesen war!

Ihre Hände spielten mit dem Medaillon, das die Großmutter ihr umgehängt

hatte -- und die Gedanken, die sich ihrem Willen schon nicht mehr

unterordneten, flogen wieder zu dem, was draußen in der Welt vor sich

ging.

Sie dachte an all das Grauenerregende, was sie vor zwei Jahren vom

serbisch-bulgarischen Krieg gelesen hatte. All diese greulichen

Metzeleien von Frauen und Kindern.

War es möglich, daß Gott auch vielleicht das zuließ?

Ihre Blicke flogen wieder zu dem Bilde ihres Mannes empor!

Das Chaos in ihrem Kopf war riesengroß geworden. Ein Gedanke jagte den

anderen -- ein Gedanke raste über den nächsten hinweg.

„Ich kann es nicht mehr sehen!“ stöhnte sie, und suchte nach

irgendeinem Gegenstand, um es zu verdecken. Auf dem Tisch in der Mitte

des Zimmers lag eine dunkle Plüschdecke. -- -- -- Die nahm sie, aber

ihre Hände zitterten. Sie stieg auf einen Stuhl und versuchte, die

Enden der Decke an den Bilderhaken zu befestigen -- -- die Bilderhaken

rutschten aus der Wand, das Bild glitt hinab, lag am Boden, und irgend

jemand in der Wohnung schrie auf. Das war die Großmutter, und einen

Augenblick später klopfte sie an und starrte entsetzt auf das Bild.

„Das bedeutet nichts Gutes, wenn ein Bild von der Wand herunterfällt!“

sagte sie tonlos. „Komm’, wir lehnen es an die Wand. Armes Ding, hast

dich erschrocken, was? Warum hab’ ich auch erlaubt, daß Großvater so

ein großes Bild allein aufhing?“

Maria vermochte nicht zu sprechen; die Nerven zitterten in ihr.

„So leg’ dich hin, mein Schäfchen!“ Und die Großmutter streichelte sie.

„Du machst dir Sorgen wegen der dummen Prophezeiungen des Mertens, ja?

Das ist natürlich Blödsinn! So, ich bleib’ ein wenig bei dir, ich kann

auch nicht schlafen!“ Und Großmutter, in einen ganz hellen Morgenrock

gehüllt, saß jetzt auf dem Sofa und sah wie mit Silber übergossen aus.

„Weißt du, Maria, wenn ich so im Mondschein sitze, muß ich an frühere

Zeiten denken. Da hatten wir zu Haus eine alte Magd, die uns im

Mondschein die Karten legte. Mit Gott finde ich mich jetzt doch nicht

zurecht, und da die Welt doch einmal auf dem Kopf steht, werd’ ich

mal ein Spiel holen und probieren, ob’s noch geht. Dazu mußt du aber

aufstehen und dich zu mir in den Mondschein setzen.“

Die Großmutter lief hinaus, und Maria stand in weißem, langem Nachthemd

mitten im glitzernden Lichtstreifen.

Müd’ war sie, daß der Körper sich kaum aufrecht halten konnte -- aber

die Nerven waren zugespitzt, als hätte jeder tausend Leben in sich.

Dann kam die Großmutter mit ihrem Spiel, und die Karten flogen. Die

Großmutter zählte, schob, legte über- und untereinander und sah

mit dem herabhängenden weißen Haar, dem hellen Gewand und den flink

fliegenden Fingern wie ein Wesen aus einer anderen Welt aus.

„Also dem Jungchen passiert nichts. Das Kind soll dir erhalten

bleiben!“ sagte sie, „aber für dich selbst finde ich nichts Gutes,

Maria. Da ist wohl der Herzenskönig, der zu dir hin will, aber

dazwischen liegt die schwarze Karte, und wie ich’s auch mische und

schiebe, sie kommt immer wieder!“

Und plötzlich sah die Großmutter grade zu Maria auf: „Du hältst es doch

nicht mit einem, der dich nicht heiraten will, Maria? Daß du deshalb

vielleicht an keinen anderen denkst? Das wäre ein furchtbares Unglück!“

„Blödsinn, Großmutter!“ sagte Maria ärgerlich, „und ich kann so etwas

wie dies Kartenlegen nicht vertragen!“

„Du zitterst ja!“ rief Großmutter. „Was fehlt dir denn?“

„Es ist so entsetzlich schwül im Zimmer und so hell.“

„Dann machen wir eben das Fenster auf; es geht ja zum Garten, und

niemand kann hineinsehen. Warte, ich hole noch den großen Wandschirm,

den rücken wir vors Bett! Nun meinst du -- -- Herrgott, Kind, es ist ja

auch zum Weinen und Jammern. Der Mann tot, der Junge in der Kaserne und

die ganze Welt voll Greuel. Ich bringe dir noch den Baldrian, der macht

ruhig!“

Und wieder glitt sie über den hellen Lichtstreif hinweg zur Tür hinaus,

kam mit ihrer Baldrianflasche wieder und ruhte nicht, bis Maria ein

getränktes Stück Zucker geschluckt hatte. „So, nun schlaf’!“ Sie rückte

den Wandschirm dicht vors Bett.

„Du kannst morgen so lange liegen, wie du Lust hast. -- Gute Nacht,

mein Kind!“

Durchs offene Fenster strömte die milde Sommerluft, ein Raunen und

Weben ging durchs stille Zimmer. Eine Weile noch quälte sich der arme

Kopf, eine Weile noch hüpften und irrlichterten die Gedanken, dann aber

war es still. Marias Hände hatten das goldene Medaillon umschlossen

-- und es war, als ob Ruhe und Friede aus diesem kleinen Amulett

ausströmten.

Der Rat Mertens, die Kosaken, die Großmutter, das Jungchen in der

Kaserne flogen immer matter durch ihre Gedanken.

‚Dem Jungchen passiert nichts; das Kind soll dir erhalten bleiben!‘

hörte sie die Großmutter noch sagen, und dann kam der Schlaf doch noch

-- ein tiefer, guter, traumloser, langer Schlaf.

Großmutter meinte am späten Morgen zur Müller: „Nein, nicht wecken!“

und wartete geduldig, bis der Mittag nahe war.

* * * * *

Einen Tag später fragte Maria mit etwas ängstlichem Herzen: „Erlaubst

du, daß ich abreise, Großmutter?“ Und Großmutter sagte kurz: „Ich halte

niemanden, der nicht gerne bei mir ist!“

„Nein, so sollst du nicht sprechen!“ bat Maria. „Du weißt nicht,

welche Unruhe in mir ist. Heute habe ich wieder keinen Brief von Ernst

bekommen.“

„Das kannst du auch nicht verlangen, daß er dir täglich schreibt!“

„Läßt du mich reisen, Großmutter? Ich meine, läßt du mich reisen, ohne

böse zu sein?“

Da küßte die Großmutter sie herzlich. „Ich halte dich nicht, Maria,

aber wenn es dich einmal zu mir drängt, so weißt du, daß dir bei

niemand weiter die Türen offen stehen als bei Großvater und mir.“

„Du bist sehr lieb, Großmutter.“ Sie schmiegte sich ganz eng an sie an

und ließ sich streicheln.

„So für zwei oder drei Tage geht es immer ganz gut mit uns beiden,“

scherzte die alte Frau, „und es ist eigentlich das Vernünftigste, daß

wir uns zu keinem längeren Zusammensein zwingen. Also dann sprich nun

mit Großvater; der wird dir wahrscheinlich sagen können, ob und wann

Züge gehen.“

Der Großvater wußte in der Tat genau Bescheid, aber er riet, wieder

einen Wagen zu nehmen und zur nächsten Station, von der aus ein

Schnellzug ging, zu fahren. Die Großmutter protestierte ein wenig wegen

der Kosten und weil man schon um fünf Uhr in der Frühe abfahren mußte,

aber schließlich fügte sie sich.

„Aber nicht den Jungen besuchen und ihm das Herz schwer machen, Maria.

Der führt jetzt sein Leben für sich und hat fürs erste mit der Mutter

nichts mehr zu tun. Schicke ihm jede Woche ein vernünftiges Paket, das

wird ihm lieber sein als alles andere.“

Am nächsten Morgen, als der Großvater mit Maria durch den Vorgarten

schritt, hatte er ein ganz jungenhaft vergnügtes Gesicht. Die alte Frau

winkte ihnen vom Fenster aus zu und rief: „Das Medaillon hast du doch

um den Hals hängen, ja?“ „Natürlich, Großmutter.“ Maria setzte sich auf

den hohen Sitz neben Großvater; der nahm die Peitsche zur Hand, grüßte

noch einmal zur Großmutter hin und schnalzte mit der Zunge. --

„Hast du eigentlich Sinn für Natur, Kind?“ fragte er, sowie sie aus

der kleinen Stadt heraus waren, und ließ die Pferde in langsamerer

Gangart fahren. „Du siehst manchmal so ins Weite, daß man gar nicht

weiß, wo deine Gedanken eigentlich sind. Aber wenn du die Natur liebst,

dann muß dieser frühe Sommermorgen ein Genuß für dich sein. Draußen in

der Welt toben die Schlachten, Grauen und Entsetzen, und hier dieser

stille Friede! Sieh mal, ich habe jeden Morgen, wenn Großmutter noch

schläft, meine schwache Stunde. Wer selbst im Krieg gestanden hat, nur

der kann sich ein klares Bild von dem, was jetzt in der Welt vorgeht,

machen. Und dann bin ich auch zu alt, um mich ganz und gar der frohen

Zuversicht: Wir werden und wir müssen siegen! hinzugeben. Es ist eine

zu gewaltige Übermacht, gegen die wir kämpfen. Aber angenommen, wir

siegen doch, selbst dann kann man nicht mehr froh und glücklich werden.

Ein Mensch, der wie ich am Ende seiner Tage steht, der glaubt, selbst

ein wenn auch noch so winziges Teil zur Kultur beigetragen zu haben,

möchte die Augen schließen bei dem Gedanken, daß so etwas noch möglich

war. Wir sind um fünf Jahrzehnte zurückgeworfen, Maria; wir Alten

können ruhig von uns sagen: wir haben umsonst gelebt!“

„Ich glaube es dir, Großvater,“ sagte Maria. „Aber es ist jetzt für

niemand schön in der Welt. Die, die schon gelebt haben, sehen ihre

Arbeit vernichtet, und die, vor denen noch ein Stück Wegs liegt, haben

die Lust verloren, ihn weiter zu gehen. Beneidenswert sind vielleicht

nur die ganz Jungen, die sich besinnungslos hineinstürzen und gar nicht

zum Denken kommen.“

Großvater wies mit dem Peitschenstiel in die Ferne: „Sieh mal, wie

schön dort drüben.“ Da war der junge Himmel wunderbar zartblau, und

eine leise Wellenlinie von Hügeln hob sich leicht davon ab. Dunkel

ragte ein Stück Wald auf, und grüne Wiesen dehnten sich bis zum Fahrweg

hin.

„Diesen Weg ging ich so manchesmal in diesen letzten Wochen genau zur

selben Stunde wie jetzt. Großmutter ist ärgerlich darüber, weil sie

denkt, das sei zwar ganz nett, wenn junge Leute Frühaufsteher wären;

den alten Mann aber möchte sie in den weichen Kissen halten. So gut

sie es aber auch meint, grade in dieser Morgenstunde ertrag ich’s

nicht, daß ein Mensch neben mir so behaglich und gesund schläft, und

dann nehme ich Reißaus und komme froh und stark genug zurück, um meine

Strafrede in Empfang zu nehmen!“

„Warum hast du eigentlich noch einmal geheiratet, Großvater?“ fragte

Maria.

Er schwieg einen Augenblick, dann sagte er: „Weil sie so wundervoll

gesund ist, Kind! Nichts ist wohltuender und erfrischender für

einen Menschen, der zeitlebens im Kampf mit tausend Erwägungen,

Grübeleien und Zweifeln gelegen hat, als neben solch robuster und

dabei liebevoller Gesundheit zu leben. Sie ist wirklich eine gute,

vernünftige Frau, Maria! Hat vielleicht ein bißchen was von der Frau

aus dem Volke an sich, aber das schadet nichts. Ich habe mich an sie

gewöhnen müssen, aber jetzt möchte ich sie nicht mehr entbehren. Je

älter man wird, um so mehr lernt man das Einfach-Gute im Menschen

schätzen. Ich habe zwanzig Jahre allein gelebt und während der ganzen

Zeit immer auf die sogenannte verstehende Seele gewartet; die wollte

mir aber nicht begegnen. Dafür kam dann Großmutter und ließ mich nicht

mehr locker. Heut weiß ich, daß es vielleicht ein größeres Glück ist,

wenn der stark innerlich lebende Mensch sich an den, der praktisch

und gesund ist, bindet, als wenn zwei grübelnde, ewig-suchende,

selbstquälerische Menschen sich paaren. Das muß ich dir, grade dir klar

zu machen suchen, Maria, da ich immer mehr sehe und fühle, daß auch du

so eine arme, grübelnde Seele bist. Damit kommst du nicht weiter. Es

bleibt immer beim alten, man verlernt das Lachen und bohrt sich tiefer

und tiefer in seine fruchtlosen Betrachtungen hinein. Du solltest es

machen, wie ich’s gemacht habe: einfach mit einem gewaltigen Ruck alles

abstreifen und einen gesunden Menschen suchen, der dich täglich von

neuem in die Wirklichkeit zurückzwingt!“

„Nun kommst auch du mit Heiratsprojekten, Großvater!“

Er lächelte. „Weil du mir leid tust, Kind. Vielleicht aber bringt es

diese Zeit zustande, die Menschen einfacher und gesünder zu machen.

Wenn man aus der überverfeinerten Kultur so mit Gewalt ins Urwesen der

Menschheit zurückgeschleudert wird, kann natürlich die Rückwirkung auf

die Denk- und Anschauungsweise des einzelnen nicht ausbleiben.“

Sie kamen durch ein Dorf, durch das ein silbernes Bächlein floß. Frauen

mit aufgeschürzten Röcken standen am Wasser und spülten Wäsche aus;

barfüßige Kinder liefen umher oder saßen in den niederen Türen der

Häuschen und Hütten. Gänse schnatterten und Hühner gackerten.

„Magst du das leiden?“ fragte Großvater.

„Ja, sehr, ich möchte auch so ein Weib sein, das am Brunnen seine

Wäsche wäscht und nichts dabei denkt. Ist es nicht eigentlich

lächerlich, daß man immer den Wunsch hat, zum Primitiven,

Ursprünglichen zurückzukehren? Wozu ist der ganze Ballast von

Wissenschaft, Kunst und allem, was nicht zur einfachen, reinen Natur

gehört, überhaupt da?“

„Ich weiß es nicht,“ antwortete Großvater. „Und wenn du so alt bist wie

ich, wirst du es auch nicht wissen. Sieh nur zu, daß du deinen Jungen

von seinem grüblerischen Wesen abbringst! Laß ihn ruhig Soldat bleiben,

wenn er gesund aus dem Kriege herauskommt. Er ist jetzt schon so ein

blasser Denkermensch, und Großmutter hat nicht Unrecht, wenn sie sich

Sorgen um ihn macht.“

„Ich kann ja jetzt gar nichts mehr an ihm tun,“ sagte Maria beklommen

und ließ den Kopf hängen. Aber wie sie dann zwischen schwerbehangenen

Obstbäumen dahinfuhren, war der alte Mann fast kindlich froh.

„Sieh diesen Reichtum rund um uns, das tut so wohl, solche

Fruchtbarkeit zu sehen. Ein jeder Baum scheint zuzurufen: Überfluß ist

im Lande und aushungern können sie uns nicht. Der verfluchte Brite!“

Großvater hatte ein feingeschnittenes Gesicht, das ein bißchen

weichlich wirkte. Aber wie er nun dreimal hintereinander ausrief: „Der

verfluchte Brite!“, da wuchs er aus sich selbst heraus.

„Wenn man nur noch mittun könnte,“ seufzte er. „Der Kopf ist noch so

klar und nur der Körper wird gebrechlich. Besser sind heute jene daran,

bei denen der Körper blüht und die Gedanken nachlassen.“

Maria schmiegte sich an ihn an, weil er so bekümmert aussah.

„Großväterchen,“ sagte sie zärtlich, und er strich ihr mit der freien

Hand übers Gesicht.

In der Stadt, von der aus der Schnellzug gehen sollte, fuhr Großvater

vor einem netten kleinen Hotel vor und ließ ausspannen.

„Hier wollen wir frühstücken, und dann bringe ich dich zum Bahnhof.

Nachher habe ich noch eine Menge Besorgungen für Großmutter zu

erledigen und fahre am Nachmittag heim.“

Maria trug einen Brief in der Tasche, den sie am letzten Abend erhalten

und wohl hundert Male schon gelesen hatte: „Ich bin wider Erwarten

schon jetzt in mein altes Regiment eingezogen worden; muß am Freitag

früh zur Stelle sein. Ist ein Wiedersehen möglich?“

Der Brief war mit Verspätung angekommen. Heute war schon Donnerstag,

und die Züge fuhren immer noch völlig unregelmäßig und mit

stundenlanger Verspätung. Sie war in großer Unruhe; sie wußte nicht,

ob sie dem alten Großvater trauen durfte, ob er ganz richtig beraten

war. Sie wollte bitten: „Bleib du hier und laß mich allein zum Bahnhof

gehen!“ Aber als sie zögernd ihr Anliegen vorbrachte, lachte der alte

Mann sie aus.

„So alt bin ich noch nicht, Kind, daß man sich nicht auf mich verlassen

kann. Soweit überhaupt mit Bestimmtheit Züge gehen, soll der deine um

neun Uhr abfahren. Jetzt ist es also noch nicht acht; was willst du

also während all dieser Zeit am Bahnhof?“

Er ließ Tee und allerlei kleine Delikatessen kommen. „Iß, Maria, denn

kein Mensch kann wissen, wann du in Berlin ankommst.“

Der Wirt des Hotels trat zu ihnen und begrüßte den Großvater herzlich.

„Haben Sie schon von den neuen Greueln in Ostpreußen gelesen?“ Und als

Großvater erschrocken verneinte, begann er zu berichten, entpuppte sich

als ähnlicher Schwarzseher wie Rat Mertens und erzählte und prophezeite

so lange, bis der alte Herr Messer und Gabel fallen ließ und dann

unglücklich sagte: „Und unsereins sitzt hier und läßt sich ein üppiges

Frühstück schmecken!“ Worauf der Wirt freundlichere Zukunftsaussichten

eröffnete, aber den Druck, den er auf die Seele seiner Gäste gewälzt

hatte, nicht mehr wegnehmen konnte.

„Komm, Kind, wir gehen zur Bahn.“ Dem Wirt winkte er zu: „Ich komme

zu Mittag wieder,“ schob seinen Arm in den der Schwiegertochter und

schritt langsam mit ihr die Straße hinab. Er war zerknirscht; das

Schicksal seiner Landsleute in Ostpreußen krampfte ihm das Herz

zusammen.

„Es ist scheußlich, Maria, solange man nicht mit brutaler Gewalt aus

seinem Behagen herausgerissen wird, nimmt man die Sache immer noch auf

die leichte Achsel, feiert Feste und verschafft sich Leckerbissen.

Nachher kommen zwar Selbstvorwürfe, aber bei nächster Gelegenheit macht

man es wieder genau so. Scheußlich!“

Sie sagte ihm etwas Liebes, Herzliches, aber seine Stimmung blieb

düster.

„Wenn man pathetisch wäre, müßte man von sich selbst sagen: Du bist

nicht wert, in dieser großen, gewaltigen Zeit zu leben!“

„Wir wollen aber nicht pathetisch sein, Großväterchen!“ Da er ziemlich

willenlos an ihrem Arm hing, gab sie der großen Unruhe, die in ihr

wogte, nach und beschleunigte die Schritte.

Ein heißer Tag zog herauf. Schon jetzt glühte die Sonne auf dem

Asphalt. Großvater nahm den Hut ab und trocknete sich die Stirn. Am

Bahnhofsplatz waren Truppen aufmarschiert. Große Menschenmengen standen

um sie herum. „Die sollen alle über Berlin nach dem Westen,“ hörten

sie erzählen, und irgend jemand sagte: „Zivilpersonen werden heute

überhaupt nicht befördert.“

„So?“ fragte Großvater aufgeregt, erhielt aber keine Antwort mehr.

Maria war bleich geworden. „Das kann nicht sein,“ rief sie außer sich.

„Es scheint aber doch so zu sein, Kind, und du hättest wirklich besser

getan, während dieser aufgeregten Zeit ruhig bei uns zu bleiben. Es

ist ein Glück, daß wir den Wagen haben, und wenn es auch eine kleine

Gardinenpredigt von Großmutter setzt, so kommen wir doch wenigstens

sicher zurück!“

„Nein, nein, Großvater, ich muß fahren, komm mit!“ Und sie drängte

in die Bahnhofshalle hinein und hörte, daß der Neunuhrzug in der Tat

keine Zivilpersonen beförderte. Sie war wie betäubt, so, als habe sie

einen Schlag vor den Kopf erhalten, und lehnte an einer Wand. Großvater

redete auf sie ein.

„Sei doch vernünftig, Kind. Du siehst doch, es ist keine Möglichkeit,

mitzukommen,“ und sprach gut und eindringlich weiter zu tauben Ohren.

„Es hängt doch bei dir auch nichts davon ab, ob du einen Tag früher

oder später kommst. Dein Junge ist in der Kaserne, und sonst wartet

niemand auf dich.“

„Großvater, -- es wartet doch einer auf mich! Großvater, du verstehst

mich doch, du bist doch von meiner Art! Ich bitte dich, Großvater, hilf

mir, daß ich fahren kann. Ich weiß, daß Ausnahmen gemacht werden, wenn

man sagt, daß man zu Angehörigen fährt, die man noch sprechen muß. Und

ich muß nach Berlin, Großvater, ich muß!“

„Maria!“ sagte er staunend und sah sie mit einem großen Blick, in dem

Vorwurf und Mitleid lag, an. „Also doch, Maria, also hat Großmutter

doch recht!“

„Nicht fragen, Großvater, hilf mir!“ Und da gab Großvater sich einen

Ruck, warf die Müdigkeit ab und war der liebenswürdige, ehrwürdige,

alte Herr, dem so leicht niemand das Gehör verweigerte.

„Der Zug hat Verspätung, er fährt erst um zwölf Uhr,“ sagte man

ihm und wies ihn von einer Behörde zur anderen, um seinen Wunsch

anzubringen. Er ließ sich die Mühe nicht verdrießen. Irgendeine tiefe

Verwandtschaft, die er schon längst mit seiner Schwiegertochter gefühlt

hatte, machte ihm jetzt das Herz heiß und die Zunge geläufig. Er wollte

ihr einen großen Schmerz ersparen, denn er hatte aus diesen Augen

gelesen, daß Unsägliches von dem Ja oder Nein, das er ihr bringen

würde, abhinge.

Sie saß auf irgendeiner Bank, zu der der Großvater sie geführt hatte,

sie sah ins Leere -- sie sah in eine dunkle, in eine trostlose Welt.

Die zwei Menschen, um die ihr Leben sich gedreht hatte, rissen sich von

ihr los; die zwei feinen, zarten, liebevollen Menschen, die ihr ganzes

Glück bedeutet hatten, gingen hin und zeigten, daß sie Männer waren,

daß sie fähig waren, alles zu vergessen, alles von sich abzuwerfen,

was ihnen lieb und teuer gewesen war. Schwer mochte ihnen das ankommen

-- und doch und doch! Wie waren sie gewachsen, diese beiden -- der

ganz junge, der sich schon über dem Leben stehend geglaubt hatte,

und der andere, dem die Haare leicht ergrauten, und dessen Herz noch

so unsäglich leidensfähig war. Sie griff wieder nach dem Brief, den

er ihr geschrieben: „Ist ein Wiedersehen möglich?“ Das konnte ein

jeder dem anderen schreiben, das war eine einfache Frage, die keine

Dringlichkeit verriet, und war doch wie ein Schrei, war wie eine

Verzweiflung. „Laß mich so nicht gehen! Komm, komm, um Gotteswillen,

komm!“

Scharen von Menschen drängten an ihr vorüber, eifriges Reden,

Schluchzen, verhaltenes Weinen und tröstende Männerstimmen. Schmerz

und Jammer in der ganzen Welt. Alles, was fest bestanden hatte, war

aufgelöst -- alles zerrissen -- jedes Herz verwundet -- unzählige

Existenzen vernichtet! Man las all das ja täglich in den Zeitungen!

Aber beim Lesen drang es nicht ins tiefste Herz hinein. An einen

Bahnhof muß man gehen, um Leid und Schmerz in ihrer wahren,

herzzerreißenden Gestalt zu sehen.

„Laß mich, laß mich!“ hörte sie in ihrer Nähe rufen, sah, wie ein

kräftiger Mann eine ganz haltlos gewordene Frau von sich schob und

fortraste. Nun stand dies arme Geschöpf mit starren Augen, aus denen

Entsetzen sprach, da -- totenbleich, dem Umfallen nahe.

„Setzen Sie sich!“ sagte Maria und zog sie auf die Bank nieder. Und

die Frau setzte sich, blieb aber starr und verständnislos; ein weher,

hilfloser Jammer, der noch nicht zum Ausbruch gelangen konnte.

„Wenn ein Erdbeben gekommen wäre und hätte die halbe Welt verschluckt,

oder ein Feuerregen oder sonst etwas, was allem mit einem Schlage

ein Ende gemacht hätte -- es wäre nichts gewesen. Aber dieses

Abschiednehmen, dieses Stillsitzenmüssen, dieses wahnsinnige Bangen und

Warten, das nun bevorsteht, dieses Verzweifeln und immer wieder von

neuem Hoffen, das ist wohl das Furchtbarste, was dem Menschen geschehen

kann.“

Das hörte Maria aus dem Munde irgendeiner weinenden Frau, die zu einer

anderen sprach. „Wir Zurückbleibenden sind am schlimmsten daran. Wir

kosten das Elend zehn- und hundertfach durch!“

Da war Großvater plötzlich an Marias Seite, ganz aufgeregt -- das

liebe, alte Gesicht heiß und gerötet.

„Also hier ist deine Karte, Maria. Du mußt dir aber gleich einen Platz

sichern. Ich hab’ das Billett bekommen, weil ich sagte, du hättest

dringende Rücksprache mit einem ausziehenden Angehörigen zu nehmen.

Anders ging es nicht. Aber unvernünftig ist es von dir, im höchsten

Grade unvernünftig. Großmutter darf nicht ahnen, daß der alte, törichte

Mann dir dazu verholfen hat!“

„Großvater, das vergesse ich dir nie, nie im Leben!“ Und sie dankte ihm

innig. Er war ein bißchen verlegen und blickte um sich, aber niemand,

der hier in der Halle war, hatte Zeit, sich um das Gebaren des anderen

zu kümmern. Und so schmunzelte Großvater und sagte leise: „Und doch

sind die zarten, feinnervigen Frauen die einzigen, um die sich’s zu

leben verlohnt!“ Sah einen Augenblick aus, als habe er ein Paradies

verloren, und brachte die Schwiegertochter bis zum Bahnsteig. „Ich darf

nicht mit hindurch, also sieh, daß du einen leidlichen Platz bekommst,

und sei glücklich, Kind -- sei sehr, sehr glücklich!“

„Danke, Großvater!“ Und sie war im Gedränge verschwunden. Der alte Mann

blieb minutenlang sinnend stehen, dann trottete er zur Stadt zurück.

Nein, die Großmutter brüstete sich vergebens, eine Menschenkennerin zu

sein, die hatte keine Ahnung von dieser hier!

Um zwölf Uhr fuhr der Zug ab -- -- fuhr durch sonnendurchglühte

Landschaft, fuhr durch lachende, jauchzende Landschaft. Grüne, saftige

Wiesen mit weidendem Vieh, Bäume, die ihre Früchtelast kaum zu tragen

vermochten. Blumen, silbernes Wasser, tiefblauer Himmel und Sonne,

Sonne, Sonne!

Im engen, überfüllten Abteil eine Luft, in der man nicht zu atmen

vermochte. Schulter an Schulter mit den Soldaten, die kleine Pfeifen

rauchten, saß Maria, sengende Sonnenstrahlen auf den Schläfen -- Angst

im Herzen.

„Junge Frau, was wollen Sie im Zug? Der gehört doch uns!“

Sie versuchte zu lachen.

„Wollen Sie auch ins Feld ziehen?“

„Wenn ich könnte!“

„Na, besser nicht!“

Dann fragte einer: „Haben Sie auch jemand dabei?“ und sah Maria an.

„Ja,“ sagte sie und fühlte die Tränen aufsteigen, stützte den Kopf

in die Hand und war mit allen Gedanken, allen Nerven bei dem, der in

diesen letzten Stunden vor dem Abschied auf sie wartete. Quälende

Stunden in marternder Hitze. Ewiges Anhalten, schneckengleiches

Vorwärtsschleichen und wieder Halten. Wann würde man in Berlin sein?

Die mit ihr fuhren, waren aus dem Osten gekommen, die hatten schon eine

Nacht auf Bretterbänken hinter sich. Denen war es auch gleichgültig,

wie lange sie sich hier noch schütteln ließen, ob sie einen, zwei oder

drei Tage fuhren. Und da fühlte sie wieder die ganze Jämmerlichkeit

ihres Schmerzes! Die um sie herum fuhren hinaus mit der fast sicheren

Aussicht, nicht zurückzukehren, und lachten und scherzten.

War das nicht erbärmlich, nur mit einem Gedanken an sich und ans eigene

Leid zu denken?

Nun sprach einer der Soldaten dasselbe aus, was sie schon in der

Bahnhofshalle aus irgendeinem Munde gehört hatte:

„Ich möchte jetzt keine Frau sein. Die haben’s am allerschlimmsten. Die

sitzen allein und vergrämt da und müssen abwarten, was für sie kommt!

Abwarten ist das allerschlimmste!“

Sie sah ihn dankbar an.

„Jede Kugel trifft ja nicht!“ tröstete ein Soldat und gab ihr die Hand.

Der Kopf tat ihr weh -- -- die Unruhe stieg. Die Sonne sengte nicht

mehr, ganz leise wollte der Abend heraufziehen. -- Wann würde sie da

sein?

Sie dachte an Großvater, der bei Großmutter im stillen Zimmer saß und

ihr irgend etwas erzählte, was nicht den Tatsachen entsprach. Und sie

hörte, wie Großmutter ihr altes Klagelied vorbrachte: ‚Ihre ganze

Jugend hat sie verplempert, und wer weiß, ob sie nun überhaupt einen

Mann findet, wo doch so viele totgeschossen werden!‘

Sie sah Großmutter in ihrer strahlenden Gesundheit unter dem

Kronleuchter stehen, und Großvater kam auf sie zu und küßte sie in

ehrlicher Zärtlichkeit.

Wie war das möglich, da er doch so ganz verschieden von ihr war? War

er wirklich glücklich -- oder täuschte er sich wissentlich über sich

selbst? Ihre Gedanken schweiften ab -- -- ihre Gedanken suchten Halt

bei der Großmutter.

Ach, auch so gesund, so selbstverständlich gesund und praktisch sein

können!

Aus einmal fuhr man durch ein Lichtermeer -- fuhr an Häusermassen

vorbei -- -- -- Berlin! Da war alles fort -- -- -- Großmutter,

Großvater, alles, was sie am langen, heißen Tag gehört und gesehen

-- -- verschwunden.

Nur die Angst, die verzweiflungsvolle Angst: ‚Ist es noch nicht zu

spät?‘

Sie hatte telegraphiert, daß sie kommen würde, aber es war nicht

anzunehmen, daß er hier am Bahnhof war. Bei dieser Unsicherheit, bei

dieser Verspätung!

Und stand doch da -- stand dicht an der Sperre, bleich und aufgeregt,

und faßte sie ums Handgelenk.

„Endlich!“

Was waren das für Augen, die sie anblickten! Abgehetzt, heiß, bang und

doch herrisch!

„Komm, ich hab’ ein Auto. Komm schnell!“

„Wann mußt du fort?“

„Morgen früh vier Uhr ausrücken aus der Kaserne. Ich hab’ drei Stunden

am Bahnhof gewartet. Nun mußt du mit mir fahren; lies, was noch

zu besorgen ist. Keine Satteltaschen in ganz Berlin aufzutreiben!

Irgendein Kerl hat sich für Geld und gute Worte breitschlagen lassen,

sie mir herzustellen. Dann den Revolver abholen, -- Schuster --

Apotheker! Einfach nichts zu haben!“ Und dann riß er sie an sich.

„Oh, Maria, Maria, durch was für Höllen bin ich in diesen paar Tagen,

in denen du fern warst und ich dich so nötig gehabt hätte, gewandelt!

Was ist mir nicht alles klar geworden in diesen Tagen und Nächten! Ein

Verrückter bin ich gewesen, daß ich dich so neben mir leben ließ, daß

ich dich so leiden ließ! Immer die Ungewißheit in deinem Herzen: Meint

er’s gut, meint er’s nicht gut? Warum war ich so, Maria, warum hab’ ich

mich den allgemeinen Regeln entziehen wollen? War es Hochmut oder war

es die angeborene Scheu vor jeder Fessel? Ich weiß es nicht, ich komme

nicht zur Klarheit mit mir selbst. Nur das eine weiß ich, daß ich eine

entsetzliche Grausamkeit an dir begangen habe.“

„Sprich jetzt nicht davon, sag’ mir das jetzt nicht!“

„Doch und doch und doch! Du weißt nicht, wie sich das plötzlich in mir

geklärt hat; wie ich ganz plötzlich begreifen mußte, was du gelitten

hast in all diesen Jahren. Jetzt ist es zu spät, jetzt kann ich nichts

mehr gutmachen. Du warst so lange gut zu mir, nun sei es auch noch die

paar lumpigen Stunden, die nicht einmal uns allein gehören!“

Das Auto raste durch die Straßen; sie lag an ihm, die Augen

geschlossen, sein Mund an ihrem. „Wahnsinn, daß ich mich so von einer

Idee beherrschen ließ!“

Irgendwo im hohen Norden wohnte der, der ihm die Satteltaschen

versprochen. „Komm mit!“

Vier Treppen hoch; oben ein winziges Zimmer mit unerträglicher Luft --

und sie mußten warten -- eine Viertelstunde, eine halbe Stunde.

„Mensch, das ist eine Gemeinheit, daß Sie ihr Versprechen nicht

gehalten haben!“

Er hielt sie bei der Hand.

„Ich kann hier nicht fort, bis ich die Dinger habe! Es ist auf

niemanden Verlaß! Komm!“ Und er zog sie in eine Nische des kleinen

Zimmers.

Sie bat noch einmal: „Quäle dich in dieser Stunde nicht! Ich habe

gelitten, das ist wahr. Besonders des Jungen wegen hab’ ich gelitten,

aber dafür hast du mir doch auch Stunden unsäglichen Glückes gegeben.“

„Armes, armes Herz du! Stunden unsäglichen Glückes sagst du! Das glaub’

ich wohl, aber doch nur, solange wir beisammen waren; sowie du allein

warst, fing die Marter an, nicht wahr? Da hast du gekämpft und gelitten

und gezweifelt. Sag’ nicht nein! Ich weiß jetzt alles. Eine Frau will

Ruhe und Ordnung in ihrem Glück haben -- das ist so natürlich! Und du

hast immer alles verbergen müssen, ich hab’ dich nie zur Ordnung in

deinen Gefühlen, nie zur Ruhe kommen lassen; immer warst du gehetzt,

immer bang, immer erregt! Ich sehe jetzt alles so deutlich, jetzt, da

es zum Abschied geht; jetzt, da ich nicht mehr als ein paar armselige

Stunden für dich habe, da ich, neben dir, an meine Stiefel, meinen

Revolver und meine Koffer denken muß. Was macht denn der Junge, Kind?

Auch den hast du hergeben müssen, alles, alles ist dir genommen worden!“

Das letzte sagte er in der guten, herzlichen Weise, die sie so oft an

ihm bestrickt hatte.

Der Kriegsfreiwillige · 第 8 / 41 题