Alle Rechte vorbehalten
~Amerikanisches Copyright 1915 by Egon Fleischel & Co., Berlin~
Zeichnung für den Umschlag und den
Original-Einband von +Curt Vogt+
Dieses mit bangem Herzen geschriebene
Büchlein widmet ihrem verehrten Freunde
+Herrn Hermann Sudermann+
in Dankbarkeit die Verfasserin
Leise und zögernd zog der Abend nach dem langen, heißen Sommertag
ins Zimmer. Die Umrisse der Möbel wurden unbestimmt, die Bilder an
den Wänden zerflossen in Schatten, auf dem Teppich schlich noch ein
Stückchen Tageslicht hin wie eine wellig gekrümmte, fast farblose
Schlange. Alles war weich und mild und lind geworden, und die
Großmutter sagte mit ungewohnt sanftem Ton: „Komm einmal her zu mir,
Maria.“ Und Maria, die, ganz in sich zusammengesunken, in einem
riesengroßen, altväterischen Sessel gesessen hatte, erhob sich leise
und ging zur Großmutter hin.
Sie sagte ‚Großmutter‘ zu der alten Frau, obwohl sie ihre
Schwiegermutter war. Maria war am frühen Morgen von Berlin abgefahren;
erst sechs Stunden mit der Bahn, dann, vom Großvater abgeholt, noch
zwei Stunden Wagenfahrt. Sie war müde angekommen, und die Großmutter
hatte ihr ein paar Stunden Ruhe gegönnt und sie erst gegen fünf Uhr zum
Tee rufen lassen.
Die Großmutter wohnte in einem kleinen, hübschen Villenort; sie hatte
mit Großvater den unteren Stock eines netten Landhauses inne und sah
gesund und zufrieden aus. Großvater war nicht zu Hause; er stand
freiwillig auf Brunnenwache, denn irgend jemand im Orte hatte erzählt,
daß die Russen durchziehen und die Brunnen vergiften würden. Da hatte
Großmutter zu ihrem Manne gesagt: „Selbstverständlich wachst du mit“,
und Großvater hatte sich auch freiwillig zur Verfügung gestellt und
erfüllte trotz seiner zweiundsiebzig Jahre aufs gewissenhafteste die
übernommene Pflicht.
Die Großmutter zog Maria zu sich aufs Sofa nieder und legte den Arm um
ihre Schultern. „So, nun erzähl’ vom Jungen!“
Auf dem runden Tisch vor ihnen lag ein Stoß Zeitungen, und die
Großmutter war damit beschäftigt gewesen, einige Artikel auszuschneiden.
„Für den Jungen!“ sagte sie. „Der wird jetzt keine Zeit zum
Zeitunglesen haben; aber später wird er froh sein, daß Großmutter an
ihn gedacht hat.“
„Ich habe auch schon für ihn gesammelt!“ sagte Maria, nicht ohne leisen
Trotz in der Stimme.
Die Großmutter faltete plötzlich ihre Hände und rief laut: „Lieber,
lieber Gott, warum hast du dieses namenlose Leid über uns gesandt?
Siehst du, Maria, du weißt, daß ich fromm bin und ohne meinen Gott
nicht leben konnte! Aber seit er all dies Furchtbare geschehen läßt,
ist es mir jeden Morgen von neuem, als ob ich mit ihm hadern müßte.
Ich kann nicht ruhig mehr sagen: Vater unser, der du bist im Himmel.
Geheiligt werde dein Name! Nein, das kommt mir nicht mehr glatt von den
Lippen, und das ist für eine alte Frau, die eigentlich keinen andern
Halt mehr hat, sehr hart, wenn sie an ihrem Lebensende mit ihrem Gott
in Zwietracht geraten muß!“
„Du hast doch Großvater,“ antwortete Maria, und die alte Frau nickte.
„Ja, und er ist ein guter Mann und hat mich nicht enttäuscht.“ Das
bestätigte die Großmutter sehr kräftig, fast herausfordernd; denn es
war ihr im Laufe der Zeit allerlei zu Ohren gekommen, was man über
ihre späte Heirat gesagt hatte. „Ich halte es mit dem alten Fritz:
Jeder nach seiner Fasson! Es mag alte Frauen in Fülle geben, die das
Alleinsein nicht empfinden, oder die in Kaffeeklatschen Befriedigung
suchen oder irgendwo bei Verwandten unterkriechen. Das genügte mir
nicht. Ich muß jemanden haben, für den ich sorgen kann. Wärest du nach
Alfreds Tod mit dem Jungen zu mir gekommen, oder hättest du wieder
geheiratet und mir den Jungen überlassen, dann hätte ich eben Großvater
nicht genommen. Da dir aber nicht beizukommen war, handelte ich, wie
ich es für gut hielt.“
„Du sagst das immer so, als ob ich etwas gegen deine Heirat gehabt
hätte, Großmutter,“ meinte Maria.
„Das würde dir auch wenig genutzt haben,“ rief die Großmutter und sah
einen Augenblick triumphierend aus, aber dann wurde ihr Gesicht wieder
weich.
„Ich hatte einmal in einem Buch gelesen, Maria, daß eine Ehe zwischen
alten Leuten, die des Lebens Stürme hinter sich haben, unendlich gut
und schön sein müßte. Das ist mir nicht aus dem Sinn gegangen, und als
ob es so hätte sein sollen, mußte der Großvater, der sich ebensosehr
vor der Einsamkeit wie ich fürchtete, mir in den Weg laufen. Schickung!
Und ich muß gestehen, nachdem er seine großen Eigenheiten, die er
anfänglich durchsetzen wollte, abgelegt hat, sind wir recht glücklich
zusammen. Er tut, was ich will, und hat keinerlei Launen mehr. Das ist
eine große Kunst für eine Frau, sich den Mann so zu ziehen, wie sie
ihn haben will, eine Kunst, von der du nicht viel verstehst, Maria. Du
würdest dich in den ersten zwei Wochen unterkriegen lassen.“
„Darum habe ich ja auch nicht wieder geheiratet, Großmutter.“
„Schlimm genug für dich und den Jungen, der ohne Vater aufwachsen
mußte.“
„Ist denn der Junge nicht sehr gut groß geworden? Du tust mir wirklich
oft Unrecht, Großmutter.“ Aber dann kam der wilde Schmerz all dieser
Tage wieder in ihr auf; sie warf den Kopf in die Arme und weinte.
„Vielleicht ist alles zwecklos gewesen, alles umsonst!“ Großmutter ließ
sie eine Weile so liegen, dann hob sie ihr den Kopf in die Höhe.
„Das Weinen hat gar keinen Zweck, Maria. Damit änderst du absolut
nichts und machst nur dich selbst elend.“
Sie war sehr gut und weich in diesen Augenblicken und zog den Kopf der
Schwiegertochter an ihre Brust.
„Wir sind sehr verschieden, Maria,“ sagte sie, „und werden wohl nie
ganz zueinander hinkönnen; aber wenn du um das Jungchen weinst, habe
ich dich lieb, denn dann fühle ich, daß du doch zu uns gehörst.“
Es war nun ganz dunkel im Zimmer geworden, und die Großmutter sprach
leise, aber nicht ohne Heftigkeit:
„Siehst du nun ein, daß es eine Dummheit ist, wenn eine Frau, die noch
jung ist, den Wahn hat, allein bleiben zu müssen. Man kann sich den
Mann nicht malen, ganz besonders nicht, wenn man so wenig Mittel hat
wie du. Aber, da hat man, wenn ein braver, solider Mann mit reellen
Absichten kommt, gleich große Schlagreden bei der Hand: ‚Ich muß
verstanden sein, muß seelische Gemeinschaft, gleiche Interessen haben!‘
Der lautere Blödsinn, Maria, den sich meinethalben eine Millionärin
erlauben kann. Aber für dich paßte sich das absolut nicht! Nun, wo
Gott dies furchtbare Strafgericht in die Welt geschickt hat, stehst du
gottverlassen da und wärest vielleicht froh, wenn einer käme und dir
Sicherheit böte.“
„Nein, das wäre ich auch heute noch nicht, wenn ich ihn nicht lieben
könnte!“ Der Kopf hob sich von der Brust der Großmutter, und die alte
Kluft war wieder da.
„Dann weine auch nicht! Der Hochmütige darf nicht weich werden.“
Der Großvater trat ins Zimmer. „Warum denn so im Dunkeln?“ fragte er
und ließ den Kronleuchter aufblitzen.
Die Großmutter ward ärgerlich. „Du weißt, daß ich diese plötzliche
Beleuchtung nicht vertrage!“ Und der alte Herr schaltete, mit einem
feinen Lächeln um den Mund, die Krone aus und drehte eine kleine,
gelbverschleierte Lampe an. Er hielt Zeitungen in der Hand und machte
ein bedeutendes Gesicht. „Kann ich noch eine Tasse Tee haben?“ fragte
er; aber als Maria aufspringen wollte, hielt Großmutter sie fest.
„Geh, Alterchen, und klingle der Müller! Sie wird dir schon irgendwas
Trinkbares bringen.“
Die Müller, eine ältliche Frau, die bei den zwei alten Leuten wohnte
und sie bediente, kam schon von selbst mit einer Tasse Tee, und der
Großvater richtete ein paar freundlich scherzende Worte an sie.
„Was Neues?“ fragte die Großmutter; und er las den Hauptartikel aus der
Zeitung vor.
„Also mit Belgien werden sie bald durch sein. Rat Mertens behauptet, in
drei Wochen wären sie in Paris.“
„Rat Mertens soll besser seinen Mund halten,“ schalt die Großmutter.
„In drei Wochen sind wir nicht in Paris, das sagt mir mein klarer
Verstand. Die Franzosen, wenn sie nur einigermaßen ihre fünf Sinne
beisammen haben, werden ihr Paris diesmal zu verschanzen wissen!“
Großvater lenkte ab und wandte sich an die Schwiegertochter: „Nun, hast
du den ersehnten Brief vom Jungen vorgefunden?“
Und Großmutter bat: „Nun erzähl’ endlich, Maria! Aber ein bißchen
folgerichtig, nicht so sprunghaft, Maria. Aus euren paar Briefen und
Karten konnte man so gut wie nichts entnehmen. Also fang’ nur gleich
mit eurer Abreise von Norderney an! Nein, wie ich Gott gedankt habe,
daß ihr die verrückte Idee, in ein belgisches Seebad zu fahren, nicht
ausgeführt habt. Wenn schon einer so viel übrig hat, daß er in ein Bad
fahren kann, dann soll er sein Geld doch lieber im Lande lassen, statt
es den Ausländern in den Rachen zu werfen. Man sieht ja nun, wie sie es
mit uns meinen. ‚Bleib’ im Lande und nähre dich redlich.‘ Dieser Spruch
wird von jetzt an mit Gottes Hilfe wieder zur Geltung kommen.“
Großvater sagte: „Ich meine, Maria sollte erzählen.“ Großmutter ließ
sich nicht gern maßregeln und blickte ärgerlich auf.
„Notabene,“ nahm Großvater wieder das Wort, „Mertens und Hieronymus
wollen heute abend wieder kommen, und vielleicht spricht auch Hauptmann
Prell vor.“
„Aber hoffentlich nicht zum Essen,“ rief Großmutter auffahrend.
„Nein, ganz solide zum Glas Wein nach Tisch.“
Großmutter sagte zu Maria: „Wenn du doch noch je einmal heiraten
solltest, Kind, so mache es deinem Manne gleich zu Anfang klar, daß er
dir nicht ungefragt Leute ins Haus bringt, die auf ein warmes Abendbrot
warten. Du weißt nicht, in welch eine Verlegenheit eine Hausfrau bei
solchen Veranlassungen kommen kann.“
„Ich würde Maria gleich ein ganzes Erziehungssystem für den Fall ihrer
Wiederverheiratung aufschreiben,“ schmunzelte der alte Herr. Und
Großmutter fuhr ärgerlich dazwischen: „Du und Maria, ihr seid immer
eins. Aber nun erzähl’, Kind! Wenn die Herren nach Tisch kommen, müssen
wir zeitig essen. Also in Norderney erfuhret ihr das erste vom Krieg
und packtet eure Koffer. Die Reise dauerte eine Ewigkeit, das weiß ich
aus euren Karten, und dann fuhret ihr nach Berlin. Aber was kam dann?
Vor allem interessiert mich’s, zu wissen, wie der Junge die ganze Sache
aufnahm. Hat er gleich von Anfang an mitgewollt?“
„Erst freute er sich mal, daß es ein Notabitur gab,“ begann Maria.
„Ja ja, das Notabitur. Das kann ich mir denken. Da hat er uns gleich
am nächsten Morgen telegraphiert: ‚Glänzend bestanden‘, weil ich ihm
fünfhundert Mark für den Fall des Bestehens ausgesetzt hatte.“
„Die du dem armen Kerl aber nicht in bar, sondern in einem jetzt
unverkäuflichen Papier ausgezahlt hast,“ fügte Großvater ein.
„Was soll der Junge jetzt mit so viel barem Geld?“ erwiderte die alte
Frau gereizt. „Übrigens laß Maria endlich zu Worte kommen!“ Draußen
klingelte es, und irgendjemand begehrte mit Großvater zu sprechen.
„Wenn er denn gar keine Ruhe hat, dann erzähl’ mir nur allein, Maria!
Also Montags früh bekam er die Nachricht aus der Schule, daß er sich am
Abend einzufinden habe! Was hat er da wohl für ein Gesicht gemacht? Das
hätte ich sehen mögen.“
„Erstmal traf er sich mit drei Freunden, und da erzählte er mir, daß
sie vor allem die Kleiderfrage erörtert hätten. Sie hatten sich doch
einen Gesellschaftsrock zum Abitur bauen lassen wollen. Nun waren bei
uns nicht mal die Koffer zur Stelle, und er mußte im grauen Sommeranzug
gehen.“
„Glaubst du, daß ihm das hart war?“
„Vielleicht für einen Augenblick, aber das verflog doch schnell neben
allem andern. Den ganzen Tag gab es Extrablätter; um Mittag waren wir
Unter den Linden, da hatten sie gerade zwei Spione aufgefangen. Er wäre
gern mit mir in ein Café gegangen, aber natürlich war nirgendwo ein
Platz. So stand man denn und wartete und sah und hörte. Du machst dir
keinen Begriff, wie das in diesen Tagen in Berlin zuging.“
„Das kann ich mir denken und, Maria, so sehr ich mich gräme, daß in
unseren vorgeschrittenen Zeiten solche Barbarei noch gut möglich ist,
ich mußte mir doch immer sagen, daß es für einen jungen Menschen mit
gesunden Gliedern und hellem Verstand gar nichts Wundervolleres geben
kann, als in solch einer Zeit miteingreifen zu dürfen. War er denn sehr
begeistert?“
„Du weißt, daß er sich wenig über alles, was in ihm vorgeht, äußert,
Großmutter.“
„Leider Gottes, und sein Lehrer, der ihn schon jetzt ‚Professor‘
nannte, hat eigentlich recht. Da hatte sein Vater einen ganz anderen
Schneid.“ In Marias Gesicht kam ein ablehnender Zug.
„Also weiter, dann ging’s zur Schule?“
„Ja, und da soll es dann sehr feierlich gewesen sein, der Direktor
begeistert und bis zu Tränen gerührt, und die Lehrer hätten sich wie
die Kameraden gegeben.“
„Das kann man sich denken.“
„Erst bekamen sie ein Sextanerthema zu ihrem Aufsatz: ‚Begeisterung ist
die Quelle zu großen Taten‘, und da hätten sie dann einen heillosen
Blödsinn zusammengeschrieben.“
„Du hast doch hoffentlich seinen Aufsatz aufgehoben? Ich würde jetzt
alles von ihm aufheben, Maria. Du kannst nicht wissen, wie es kommt,
und nachher hast du dann doch wenigstens ein paar Andenken an seine
letzte Zeit.“
„So sollst du nicht sprechen, Großmutter. Ich will nicht denken, daß
ihm etwas passiert.“
„Besser, man macht sich mit so etwas vertraut, Maria, als wenn es
einen ganz unerwartet trifft. Das war ja das Entsetzliche für mich bei
Alfreds Tod, daß die Nachricht wie der Blitz aus heiterem Himmel kam.“
„Du wußtest aber doch, daß er herzleidend war, Großmutter.“
„Aber ich wußte auch, daß die Ärzte zu mir gesagt hatten, er könne
sechzig Jahre alt werden trotz seines Leidens. Laß gut sein, Kind, wir
wollen nicht die alten Geschichten aufrühren! Nur das eine kann ich dir
sagen, Maria: Über den Tod eines Mannes kommt man hinweg, denn selbst
wenn man einem Manne sehr gut ist, so kann man ihn doch nie mit solcher
Liebe lieben wie das Kind, das man unter dem Herzen getragen hat.“
Maria war bleich geworden.
„Aber nun erzähle weiter! Also der Aufsatz war Blödsinn und wurde doch
für gut befunden. Gott, und gerade vor dem Aufsatz hatte er die größte
Angst gehabt, weil sie da oft so verrückte Themata geben. Da sieht man
mal wieder, daß der Mensch sich keine Sorge um das, was die Zukunft
bringt, machen soll. Es kommt immer alles anders als man denkt, im
Großen wie im Kleinen. Wurden sie denn in den andern Fächern überhaupt
geprüft?“
„Ja, er sagte mir, in allem seien sie geprüft worden, aber, weißt du,
so, daß die Lehrer selbst die Antwort gaben oder sie ihnen doch in den
Mund legten. In der Geschichte fragte man ihn: ‚Wann starb die Königin
Luise?‘ und gleich danach: ‚Sie wissen doch, vor zwei Jahren feierte
man ihren hundertsten Todestag?‘“
„Großvater, das mußt du hören!“ rief Großmutter zum wiedereintretenden
alten Herrn, „wie sie den Jungen in Geschichte geprüft haben!“
Großvater hörte liebenswürdig zu, entschuldigte sich aber gleich
wieder. Er hatte von einem Extrablatt, das ausgegeben sein sollte,
gehört und wollte es sich verschaffen, damit die Herren am Abend
nicht den Triumph haben sollten, ihm mit Neuigkeiten zuvorzukommen.
Großmutter war ärgerlich.
„Du kannst mir glauben, Maria, seit diesem unseligen Krieg ist unser
ganzes Zusammenleben zerstört. Großvater ist rein aus dem Häuschen und
schert sich um keine Zeiteinteilung mehr. Es ist zum Verzweifeln.“
Großvater sagte ernst: „Wie kannst du klagen, da wir hier in unserer
behaglichen Sicherheit leben!“ Und die alte Frau nickte: „Ist schon
gut, Alterchen. Jetzt kommt er mit seinen Ostpreußen. Geh’ nur, aber
sieh’, daß du zum Essen zeitig da bist!“ und dann wieder zu Maria
gewandt: „Ja, stell’ dir vor, Maria, wenn ich ihm den Gefallen getan
hätte und mit ihm in seine Heimat nach Ostpreußen gezogen wäre. Ich
war nahe genug daran, aber ich weiß nicht, warum: ich hatte immer
ein Grauen davor, so nahe an der Grenze zu wohnen. Nun denkt aber
Großvater, er hätte ein Recht, mir bei jeder kleinsten Gelegenheit das
Schicksal seiner armen Landsleute vorzuwerfen, statt daß er sich freut,
hier in Ruhe zu sitzen.“
Maria sagte nachdenklich: „Es geht mir manchmal wie Großvater, ich
schäme mich des Wohlergehens! Es klingt frivol, aber oft wünsche ich,
man litte mehr unter dem Krieg, ich meine es jetzt rein äußerlich.“
Das verstand Großmutter nicht.
„Du warst ja immer ein bißchen anders als andere Leute, Maria; aber nun
erzähl’ weiter. Also die Lehrer legten ihm die Antwort beim Examen in
den Mund! Das finde ich famos! Wie ging es denn mit der Mathematik?“
„Die haben sie ihm geschenkt, weil er darin immer besonders gut war.
Übrigens hat er mir das gar nicht so ausführlich erzählt. Was ihnen
allen imponierte, war, daß die Töchter des Schuldirektors ihnen Tee und
Kuchen servierten, und daß alle Lehrer sich mit ihnen unterhielten, als
seien sie völlig gleichgestellt. Zu Ernst hat einer gesagt: ‚Mensch,
wenn Sie nicht trotz allem und allem das werden, was ich von Ihnen
erwarte, dann pfeife ich auf alle meine Menschenkenntnis.‘“
„So, was erwartet er denn von ihm?“ fragte die Großmutter.
„Du weißt doch, sie nannten ihn den Philosophen, weil er so gerne über
alles mögliche nachgrübelt!“
„Ja, das muß ich gestehen, das ist’s, Maria, was mir am allermeisten
mißfallen hat. Kein Schneid! Nenne mir einen Philosophen in der Welt,
der das ergründet hat, was uns nun einmal verborgen bleiben soll!
Gibt’s nicht! Und ich will dir sagen: Zwei- oder dreimal in meinem
Leben habe ich in solche Bücher hereingeschaut und hab’ sie mit Abscheu
wieder zugeschlagen. ‚Esel sind diese Kerle‘ habe ich mir gesagt.
Wollen anderen Menschen weismachen, daß sie mehr wissen als sie, und
führen einen nur irre und nehmen einem die Freude am Dasein. Nein, ich
sehe es als eine Fügung Gottes an, daß der Junge nun doch Soldat werden
muß. Wenn er dann nebenbei das Philosophieren nicht lassen kann, ~à
la bonne heure~ -- aber nicht als Beruf, nicht als Broterwerb!“
„Man kann über so etwas nicht verfügen, Großmutter. Ich glaube, jeder
Mensch muß doch einmal das werden, was in seiner Natur begründet liegt.“
Die Großmutter zuckte die Achseln. „Das sind die heutigen Ansichten.
Am besten, man steckt einen Buben mit elf Jahren ins Kadettenkorps,
dann lernt er nichts anderes kennen. Wie lange hat denn nun diese
Abitursache an jenem Abend gedauert?“
„Um zehn Uhr kam er zurück -- gleich mit der Bescheinigung in der
Tasche. Er hatte sich großartig ein Auto genommen und blieb nur eine
Viertelstunde. Sie hatten sich zu einem Kneipabend verabredet.“
„So so!“ antwortete die Großmutter, und Maria würgte an irgend etwas.
„Denk mal, Großmutter,“ sagte sie dann und stockte gleich wieder.
„Nun, was denn?“
„Um halb ein Uhr kam er zurück; ich lag schon zu Bett, konnte aber
natürlich nicht schlafen. Er war ganz blaß und aufgeregt, und dann
erzählte er, sie seien da in eine Kneipe gegangen, und plötzlich habe
einer von ihnen ein Mädchen an den Tisch gebracht, -- und dann seien
immer mehr gekommen, und auf einmal hätte auch eine neben ihm gesessen.“
Die Großmutter blickte auf, und ein seltsamer Zug lag um ihren Mund:
„Na -- und?“
„Ja, ich weiß nicht -- -- sie hat gesagt: ‚Sag’ doch ‚Hannchen‘ zu
mir und hat ihn gefragt, ob er immer so ledern wäre, und ist ihm ganz
nahegerückt.“