zwischen Mauer und Stadt exerzierten, zog aus einer Gasse im Nordwesten der
Stadt, wie aus dem Boden auftauchend, eine feierliche prunkvolle Prozession
geradeswegs über die Chaussee auf das Wohnhaus Chao-hoeis zu. Es mußte sich
um ein freudiges Ereignis handeln; die Männer, die zwei goldgeschmückten
Sänften folgten, trugen lange rote Schärpen über ihren schwarzen Gewändern.
Mit Gongschall und »Platz«rufen marschierte man unter dem warmen
Sonnenlicht; der Zug schlängelte sich rasch den einsamen Magnolienhügel
hinan. Das Väterchen ohne Zunge, Chaos Haussklave, nahm unter grotesken
Verbeugungen die riesige rote Visitenkarte entgegen, die ihm aus einer
Sänfte gereicht wurde. Der schlanke Mandarin im Haus legte seine
Perlenkette um, ging an der Türe des Saales der zwölf grünen Säulen seinen
Gästen entgegen. Ein unbekannter mandschurischer Name hatte auf der
Visitenkarte gestanden. Sechs der Fremden, in ernster Haltung, starke
ausdrucksvolle Gesichter, traten in die Halle; Wang-lun und fünf Gefährten.
Wang stellte sich zuerst vor unter dem mandschurischen Namen der
Visitenkarte, mit frei erfundenen die andern, dann setzte man sich auf
Einladung des Wirtes an einen kleinen Tisch zwischen zwei Pfeilern und
schwieg. Chao-hoei schlug in die Hände nach Diener und Tee; das Blut stieg
ihm ins Gesicht; es kam niemand. In Scham bat er seine Gäste um
Entschuldigung, er klatschte nochmal, vor Erregung zitternd. Aber die
Fremden lenkten begütigend ein, sie seien geschäftlich anwesend, zu Schiff
eingetroffen, würden nur kurze Zeit verweilen; auf das Gesinde sei nirgends
Verlaß.
Man sah sich prüfend an. Chao-hoei wollte in einer plötzlichen Regung sich
erheben, um nach den Dienern zu sehen, aber wiederum baten die Fremden,
sich nicht anzustrengen; sie würden ja in Raschheit ihre Angelegenheit
erledigt haben.
Wieder schwiegen sie. Wang, in einem schwarzen Gewand, das ihm nicht den
Knöchel bedeckte, zog den Fächer aus dem Gürtel, preßte das Gesicht
zusammen, sagte mit kaltem, festem Blick, er und seine Begleiter kämen als
Brautwerber in das Haus des ruhmreichen Generals; er hätte bei einem
Aufenthalt im Hia-ho von der gebildeten und kunstverständigen Hai-tang, der
Tochter des ehemaligen Tsong-tous von An-hui, Hwang-tsi-tung, gehört; von
der Feinheit und Wohlerzogenheit der Tochter spreche die Stadt; so
ungewöhnlich das Vorgehen sei, so bliebe doch seinem Herrn, in dessen
Auftrag er erschiene, keine andere Möglichkeit, die Verbindung anzuknüpfen.
Er reichte mit seinem langen Arm ein großes rotes Kuvert mit dem
Personalschein über den leeren Tisch.
Der General steif, zuckte mit den Mundwinkeln. Wang sprach ruhig weiter,
lud ein, das Kuvert zu öffnen; das Volk singe: »Wie fängt man an, Holz zu
spalten? Ohne ein Beil kann es nicht geschehen. Wie fängt man an, eine Frau
zu nehmen? Ohne eine Mittelsperson kann es nicht geschehen.«
Als der General mit einem Blick auf die Visitenkarte die Lippen bewegte,
den Mund öffnete, tonlos fragte, wer er sei, antwortete der Gast, die
Visitenkarte sei zur Täuschung der Dienerschaft gegeben; er sei Wang-lun,
ein Anführer der Belagerer; er werbe für einen der Mingprinzen, der den
Thron besteigen solle; freilich, es handle sich um einen Chinesen; aber so
niedrig achte kein Chinese die Mandschus, daß er nicht die wohlerzogenen
Mandschutöchter zu rechtlichen Frauen werben möchte.
Der Mandarin, aufgesprungen, stürzte an das Gong, schrie: »Diener!
Tai-tsung! Tai-tsung!«
Die Fremden erhoben sich im Tumult, als der Mandarin an ihnen vorbei ans
Fenster stürzte; zwei deckten das Fenster; Chao-hoei ausgleitend,
hinfallend, wurde von ihnen gehoben, unter Verneigungen, mit eisernen
Händen an seinen Platz gedeichselt.
Wang lauschte an der Tür, am Fenster; im Nu stand er vor dem heftig
stöhnenden General, dessen Augen entgeistert blickten. Der große
Personalschein sei gebracht; die Werbung vorgetragen; den Schein der Braut
zu bringen und das Glück und Unglück der acht Ehezeichen bestimmen zu
lassen, läge dem General ob. Sie würden sich Antwort holen.
Der General schlug auf den Tisch, explodierte: »Verbrecher! Schurken!« Vier
hielten ihn, banden mit roter Schärpe Arme und Beine, legten ihn auf den
dunklen Gang vor der Tür. Wang flüsterte: »Überlegen Sie, General. Wir
kommen wieder.« Und er malte mit dem breiten Tuschpinsel, den er von einem
Wandregal nahm, auf den polierten Boden des Saals die drohenden Zeichen der
Mingdynastie. Schon bestiegen zwei der Männer draußen im Hofe die Sänften;
Gongs, »Platz«rufe; blitzrasch setzte der Zug den Magnolienhügel herunter,
verschwand in einer Seitengasse.
Fünf Offiziere, die zum Mittag bei Chao-hoei eingeladen waren, fanden eine
halbe Stunde später zwei Haussklaven im vordern Hof geknebelt im Schmutz.
Das Väterchen, befreit, rannte heulend ins Haus; das Haus dröhnte vom
Geschrei. Die Frauen kamen aus den Gemächern, als das Väterchen flennte.
Der Schwarm suchte mit Angstrufen nach dem General, über den man stolperte.
Im hellen Empfangssaal hielt Hai-tang seinen besudelten Kopf; er seufzte;
man flößte ihm Wein ein; er betrachtete blaß die vielen, die sich um ihn
drängten. Die Offiziere nahmen mit den Dienern die Spuren der Fremden auf;
es dauerte Stunden, ehe man ermittelte, in welche Gasse der Zug
verschwunden war. Die militärische Durchsuchung aller Häuser des Viertels
ergab nichts Verdächtiges; die wenigen Bewohner der Gasse wurden sofort
ausgepeitscht; das Ergebnis der Untersuchung, das am Abend Chao-hoei
vorgetragen wurde, lautete: die Belagerer müssen in der Stadt viele Freunde
haben. Da ein Eindringen der Rebellen von der Mauer aus unmöglich ist,
müssen die Fremden vom Meere gekommen sein; die Polizei am Seezollamt ist
zu verstärken; auf die befreundeten landenden Seeräuber und Schiffer, die
Proviant bringen, ist ein wachsames Auge zu richten.
Man stöberte in der Stadt alle Keller, verfallenen Häuser nach Wang und
seinen Begleitern auf. Chao-hoei ging im Zimmer der Hai-tang; er riß sich
von ihr los: »Was bleibt, Hai-tang? Du bist so klug und verstehst nicht,
was so klar ist. Ich bin zum Gespött der Stadt geworden, zum Gelächter der
Feinde.«
»Deine Feinde sollen nur lachen, sie werden bald kreischen, wie sie in
Pe-king gekreischt haben. Den teuren Lao-sü haben sie geschlagen, dich
haben sie hingelegt, nach der feinen Nai wollen sie greifen. Die
Seidenschnur gehört nicht dir, sondern den Stadtbehörden, dem Präfekten
Tang-schao-i und den andern. Räche dich, Hoei!«
»Es nützt nichts; wir werden uns nicht halten können. Sie dringen vom Meere
ein. Sie laufen auf der Straße, auf dem Markte zwischen uns herum;
vielleicht grüßen sie uns, wir erkennen sie nicht. Sung hat recht: wenn die
Sandkörner gegen die Menschen sind, sollen die Menschen weggehen. Wir
Mandschus werden gehaßt. Mich machen sie zum Gespött.«
»Wenn Hai-tang in dir wäre, Hoei! Es ist dein und mein Kind, das man
bespeit. Ich will das nicht hinnehmen. Wenn du nicht Rache willst: ich will
sie.«
»Was redest du, Hai-tang? Hier im Haus haben sie gesessen, jetzt sind sie
-- wo? Räche dich, wenn du im Käfig sitzst.«
»Tang-schao-i ist ein Betrüger. Er glaubt nicht an dich; er fürchtet für
sich; er hat den Rebellen diese Schandtat ermöglicht, mit dir will er es
nicht verderben. Die seidene Schnur ist für ihn.«
Chao öffnete das Fenster; die Ulmen standen mit spärlichem Laub gegen den
roten Himmel; laue Luft wehte herein; plötzlich süßes Singen aus dem
Garten.
Hai-tang trippelte neben ihn an das Fenster: »Das Kind singt«, sie bog
entzückt den Kopf auf die linke Schulter. »Warum haben wir die Zeit der
Pfirsichblüte versäumt, als Juen-chings Eltern fragten wegen der Heirat?
Sie wäre nicht mehr bei uns.«
»Ich will das zarte Kind noch behalten.«
»Aber jetzt wünscht Chao-hoei auch, er hätte sie verheiratet zur Zeit der
Pfirsichblüte. Sie werden noch kommen, die Verbrecher, dich fesseln, die
Sklaven fesseln, mich fesseln, das Kind entführen. Sie wollen sie stehlen,
sie werden sie stehlen, o wenn Nai nicht mehr bei uns wäre!«
»Still, Hai-tang, das Kind hört dich. Sie singt wieder. Das Haus ist
gesichert. Meine Wache verdoppelt. Die tollen Hunde werden nicht noch
einmal auf meinem Hofe bellen. Ich werde Tang-schao-i einsperren lassen.
Das Grinsen werde ich dem Gauner vertreiben.«
»Was nützt Tang-schao-i mir? Wenn du siebzig einsperren läßt, kommen
siebenhundert neue. Das Kind singt. Wie lange wird es singen? Wo soll ich
es hinbringen? Hoei, was soll mit meinem Kind geschehen?«
Hai-tang saß auf der Matte, wiegte sich weinend. Die Tränen verwischten die
roten Schminktupfen ihrer runden Wangen. Gefärbte Tränen tropften schmierig
vom Kinn auf das hellblaue Oberkleid: »Für wen hat Wang-lun geworben?«
»Wang-lun? Für einen Mingprinzen, es ist lächerlich, den er nicht beim
Namen nannte. Er gab zu verstehen, welche Gnade der Mingprinz übe, indem er
eine Mandschutochter heiraten wolle. Wir wollen nicht davon sprechen.«
»Ich weiß nicht, was an den Mandschus und den Chinesen schlecht ist. Aber
wäret ihr nicht ungerecht gewesen, wäre es nicht zu diesem Aufstand
gekommen. Sieh Tang-schao-i an; in allen Städten solche Gauner. Mußte es
nicht zum Aufstand kommen? Und wir haben zu leiden. Es ist ein Zeichen von
eurer Schwäche und Unklugheit, daß im Lande Rebellion entsteht; werft die
Bündler nur hin; nach zehn Jahren kommen sie wieder. Wie helf ich Nai? Wo
ist Juen-ching?«
»Juen-ching tut Dienst an der Mauer.«
»Ich möchte ihn gerne sehen. Du mußt jemand schicken und ihn auffordern
lassen, zu uns zu kommen.«
»Er kann in den nächsten Tagen nicht fort; ich weiß auch nicht --«
»Aber ich weiß. Ich will mit ihm reden. Ich will ihn sehen. Ich will seine
Eltern sprechen. Wir müssen beraten, was mit Nai geschehen soll. Wir haben
es abgeschlagen, im Frühjahr sie wegzugeben; jetzt ist Not.«
»Es wird keine guten Zeichen geben.«
»Du brauchst nicht zu sagen, es wird keine guten Zeichen geben, du brauchst
mich nicht noch unglücklicher zu machen, Hoei. Es ist unser Kind, und wir
können nicht am Fenster stehen und zuhören, wie sie singt, und singt und
nichts weiß. Was wird diese Nacht bringen, was wird morgen der Tag bringen?
Sie muß mit ihren Dienerinnen in meinem Zimmer schlafen. Ich will
Juen-ching sehen, ich will mit seinen Eltern sprechen. Oder, ich will dir
sagen, wenn Wang-lun wieder kommt, er kommt wieder, verlaß dich drauf, er
kommt wieder, will ich dabei sein. Ich will ihn sehen, ich will ihn fragen,
für wen er wirbt. Der Prinz soll zu uns kommen, wenn er kein schlechter
Mensch ist. Und er soll Nai haben. Ja, Hoei, die Chinesen sind nicht
schlimmer als die Mandschus; es wird gut tun, wenn wir uns versöhnen. Ich
will mein Kind nicht wegen eurer Laster verlieren.«
»Jetzt, liebe Hai-tang, weißt du nicht, was du sprichst. Nein, du weißt es
nicht. Weißt du, was für ein Schurke dieser Wang-lun ist. Ein Mingprinz! Er
will uns zeigen, wie gefährdet wir sind und was er mit uns machen kann.«
»Ich will Juen-ching sprechen. Er muß für einen Tag, für morgen, vom
Wachdienst befreit werden. Nein, lache nicht, Hoei. Ich kann nicht leben.
Wenn ich ein Weib bin, brauchst du nicht zu lachen. Ich hab den ganzen
Jammer zu tragen; wenn dich ein Spott trifft, greifst du nach der seidenen
Schnur. Hilf mir, Hoei, hilf der Hai-tang, die du einmal geliebt hast.«
Die Verhandlungen der beiden Familien verliefen rasch. Inzwischen, da das
Belagerungsheer noch nicht zum Sturm vorgehen konnte, seine Ergänzung sich
langsam vollzog, weil Detachements der Provinzialtruppen die Verbindung
südlicher Rebellen mit dem Tschi-li-heere verhinderten, ging Wang in dem
Treiben der Stadt auf. Er imitierte fast mit Bewußtsein seine Jugend in
Tsi-nan. Als der Tao-tai Tang-schao-i aus seinem Jamen geholt, im
Halskragen auf den Markt geführt wurde, stand Wang mitten unter den
Gaffern, die das Schild lasen, das dem giftig schielenden Beamten auf Brust
und Rücken gebunden war: daß alle in der Stadt sich ein Beispiel an dem
Tao-tai nehmen sollten, die direkt oder indirekt Sympathien mit den
Aufrührern äußerten und versäumten, Verdächtigen nachzuspüren. Wang war der
erste, der das scheue Umschleichen und Flüstern um den mächtigen Mann
beendigte, indem er von dem Boden faulige Kürbisreste aufhob und sorgsam
nach dem Gesicht des Mannes zielte, ohne zu schleudern. Als die Ladung dann
in die Augen des Gefesselten feuerte, hörte das allgemeine Höhnen, Hänseln,
Anspeien erst auf nach dem Einschreiten des lahmen Aufsehers, der im
schwarzlackierten Strohhelm mit schwarzer Hahnenfeder hockend, von einem
toten Fisch an der Hand getroffen wurde und brüllend mit dem kurzen Bambus
unter die Menge schlug.
Bei einem Bonzen in dem schmierigen Tempelchen einer kindergewährenden
Kuan-yin lungerte er ein paar Tage; er fühlte sich gönnerisch in die
bescheidenen Betrugsmanöver dieses pulverbereitenden harmlosen Geizhalses
hinein, dann flanierte er mit falschem, grauen Bart herum, schäkerte mit
Kindern, denen er spannende und drollige Geschichten erzählte. Nur
gelegentlich sprach er bei den Freunden vor, um Neuigkeiten von der
Reorganisation des Heeres zu hören. Er gurgelte seine Pfeife stundenlang
auf einer sonnenbeschienenen Veranda eines Restaurants, in seinem
Dahinbrüten vermißte er nur das Bauernmädchen, das im Lager geblieben war.
Am Meer nördlich der Anlegestelle lagerte er sich in den steinigen Sand. An
manchen Morgen blickte ihn die See giftig an aus gelben lehmigen Augen,
spie klumpigen Schleim aus, murrte. Dann wieder war ihr Aussehen wechselnd
zwischen grauschwarz und purpur, von einer kaiserlichen Pracht. Unter dem
frischen Wind stolzierten lange Wellenzüge, Karosserien mit blitzendem
Geschirr an das Gestade. Die Ruhe des händerieselnden Sandes. Hier eine
Mulde, da eine Düne. Auftauchen und Hinschwanken der Segel. Anklimmen
großer Dschunken die Kugel des Meeres herauf über die verschwebende
Horizontlinie. Hun-kang-tsun lag südöstlich. Kleine schläfrige Augen machte
Wang-lun, wand seinen Zopf auf.
Am zehnten Tage nach dem Erscheinen der Räuber im Hause des Generals
verlautete, die Hochzeit der Tochter mit ihrem Verlobten, dem jungen
Juen-ching, wäre vorbereitet. In dieser Nacht erwachte die Braut, weckte
Mutter und Dienerinnen, die in demselben Zimmer schliefen. Auffahrend im
Dunkeln hörten auch sie auf dem Gang draußen sonderbares Scharren und
Rumoren. Geraume Zeit wagten die Frauen sich nicht zu bewegen. Als das
Geräusch fortdauerte, stieß Hai-tang ein Fenster auf, gellte Angst in den
hinteren Hof, wo die Bewachung schlief. Fast im Nu flogen die Fackeln über
die dunkle Fläche her, das Haus scholl. Hai-tang lüftete die Türe und wich
zurück. In dem hellen Fackellicht stand ein breiter Tisch vor der Tür, der
aus dem Empfangssaale geholt sein mußte; die verblüfften Köpfe der Männer
steckten sich zusammen über dem feinen Zepter aus Gold, den silbernen
Ringen, den beiden Beutelchen aus Seide, dem Kästchen der gedoppelten
Glückszeichen. Ein Scharren tönte ganz nah; die Männer leuchteten unter den
Tisch; da schnatterten in einem Holzkäfig zwei rotbemalte Gänse und
schlugen mit den Flügeln, vom Licht geblendet, gegen die Leisten. Über
Nacht hatte jemand heimlich Brautgeschenke ins Haus gebracht; die schwarze
an der Wand stehende Fahne mit den Mingzeichen sagte, wer.
Die Diener erschraken nicht weniger als Hai-tang, die man dann ohnmächtig
in ihr Zimmer trug. Ihr Schluchzen und das Jammern der Tochter erfüllten
die Frauengemächer bis zum Morgen, wo sie sich ankleiden und schmücken
mußten für den Hochzeitstag. Chao-hoei fragte nicht, als die Soldaten und
Diener in der Nacht zurückkamen vom Durchsuchen des Geländes in der
Nachbarschaft; er wußte schon, daß sich nichts finden würde.
Die besten Astrologen der Stadt hatten sich widersprochen in der
Festsetzung des Termins, ja in der Frage, ob die Ehe dieser beiden zu
billigen sei; von fünf Astrologen fanden drei Tag, Stunde gut für die
Verbindung, ein vierter las aus den acht Schriftzeichen von Geburtsjahr,
Monatstag, Stunde der Verlobten das zweifelhafte Ehebündnis dritter Klasse;
der fünfte warnte dringend vor dem geplanten Termine; die Verlobten
gehörten zwar zu den harmonischen Elementen Metall und Wasser; aber die
Hochzeit erfordere einen Monat unter den Zeichen des Pferdes oder der
Ratte, nicht in dem verhängnisvollen Hundemonat. Die schreckliche Ehe der
fünf Dämonen müsse er berechnen.
Eine nebelverschleierte Sonne beleuchtete den Hochzeitstag. Von dem
hinteren Balkon des Hauses Chaos hing reglos eine Fahne aus roter Seide
herunter, bestickt mit den Charakteren: »Drachen und Phönix verkünden
Glück.« Die Ehrendame, eine ältliche Verwandte Hai-tangs, ärmelloses Gewand
und roter Schleier, bestieg am Nachmittag die einfache Sänfte; man trug sie
durch die Straßen, die eine größere Unruhe als sonst zeigten, weil Fischer
soeben berichtet hatten, daß ein Truppenkontingent aus vereinigten
Provinzialsoldaten Tschi-lis und Schan-tungs kaum eine Tagereise hinter der
Stadt stünde und in der Belagererarmee große Bewegung herrsche. Im Hof der
Sung-Familie war ein Zelt errichtet; drin speisten die Herren; die
Ehrendame im Hause weihte mit dem Duft von neun Räucherkerzen den
rotseidenen Brautschleier, füllte eine Vase mit Hirse, Weizen, Bohnen,
richtete das Brautbett. Unter dem Schall der Pauken, Trompeten und Gongs
legte ein Kind vier Äpfel auf die Ecken des Bettes, schützte das Zimmer mit
zwei Stückchen Holzkohle auf der Schwelle. Schon glitt die Dame wieder
hinaus, bestieg den Maultierkarren, gelangte im Geleit von Vorreitern,
Weghütern und Treibern weit vom Magnolienhügel im schweigenden starren
Hause des Zolldirektors Chao-sin, eines Vetters des Generals, an.
Hierhin hatte man in der grauen Frühe die Braut und ihre Angehörigen
getragen, um die Hochzeit in Heimlichkeit zu begehen. In der Sänfte flehte
Hai-tang den General an, die Hochzeit einen Tag zu verschieben nach dieser
grausigen Nacht. Aber Chao-hoei sagte mit drohenden Augen: »Nein.« Hai-tang
wußte, wie schwer sie ihm schon die Heimlichkeit der Hochzeit abgerungen
hatte, schwieg, wand die Hände.
Die zarte Nai stand vor ihrer Mutter, ein goldenes Wunder, bewegte sich
nicht in der überirdischen Kostbarkeit, die Hai-tang über sie gehäuft
hatte, purpurnes Hochzeitskleid mit den weiten Ärmeln, metallblitzendes
Diadem auf dem hochgetürmten Haar; die blauen Orchideen blühten auf den
Ärmeln, das zauberische Einhorn lief über die vorquellenden blaugrünen
Untergewänder, zwei Enten schwammen einträchtig über einen Teich; hell
zwitscherte der aufstrebende Phönix. Hai-tang herzte die Hände ihrer
Tochter, die aus ängstlichen Augen blickte; sie spielte lachend mit dem
duftenden Brautschleier, den die Ehrendame ihr gab; sie plauderte, sang der
Tochter das Lied vor, das sie neulich aus dem Garten gehört hatte. Da
näherte sich Musik; die acht Herren, die die Braut holen sollten, fuhren
vor. Laternenträger, Schilderträger, Musikanten voraus; sie trugen lustige
grüne Röcke mit roten Tupfen und flache Filzhüte. Viele Kinder sprangen auf
dem Hof herum; sie sperrten mutwillig vor den Herren das Tor; die klopften,
warfen ihnen Geldmünzen hinein, bis das Tor sich unter dem Kreischen und
Jauchzen der Kinder öffnete und die Musikanten eindrangen. Chao-hoei hatte
die Überwachung des Zuges in eigene Hand genommen trotz der Warnung
Hai-tangs, die gegen alle militärischen Maßnahmen war. Nachdem er im
Empfangssaale des Hauses mit den acht Herren gespeist hatte, ging er
hinüber in die Frauengemächer, in denen die Braut Abschied von ihrer Mutter
nahm, mit zuckendem Gesicht, fliegenden Lippen herumtrippelte und nicht zu
weinen wagte. Teppiche waren über die Stufen des Hauses in den Hof gelegt;
auf dünnen Sohlen rauschte die kindliche Braut neben ihrem Vater, der die
kaiserliche gelbe Ehrenjacke mit der Perlenkette trug; die Pfauenfeder
schwankte an der Mütze; in schwarzseidenen Stiefeln trat er auf. Vor den
Stufen umschlang er seine Tochter, trug sie auf den Armen herunter in die
geschlossene rote Sänfte; das Kind sah ihn demütig an. Ein Trompetensignal;
die Sänftenträger in blauen Jacken, gelben Hosen hoben an, langsam
schritten sie vorwärts; der Zug formierte sich und die helle Musik klang im
Echo von dem stolzen Hause nieder, das düster über die abendliche Stadt
blitzte. Chao-hoei folgte getrennt vom Brautzug in geschlossener Sänfte.
Zunehmendes Gewimmel in den Straßen. Dreißig Soldaten, zehn Berittene, die
Leibwache des Generals, eskortierten ihn mit Hellebarden. Es wurde dunkler,
während man sich über die Straßen schlängelte, durch die Märkte wühlte.
Laternen flammten. Die Trompeten wechselten ab mit dem Flötengesang.
Ohne Zwischenfall erreichte man das rasch aufgesperrte Tor des Juenhauses,
an dessen Eingang die festlichen Herren warteten. Aus der Mitte des Hofes
stieg weißlicher Rauch: über die glühenden Kohlen hoben die Sänftenträger
die feine Braut.
Da, während Diener im Begriff waren die Tore zu schließen, entstand ein
Getümmel der zuschauenden Menschenmasse, die stark mit Soldaten gemischt
war. Das Gedränge schleuderte ein paar vornstehende Frauen und Männer in
den Hofraum hinein. Sie versuchten, in den Haufen zurückzuschlüpfen,
wurden, da sie andere stießen, geschlagen. Heftiges Zanken und Kreischen
erhob sich am halbdunklen Tor, die Menschen schoben sich, indem sie sich
einmischten, in Erregung und Neugier über den Hof. Die Sänftenträger hatten
die Braut noch nicht an die Schwelle des Wohnhauses getragen, da
überfluteten die sich schlagenden gedrängten Männer den ganzen
teppichgeschützten Platz, keilten die Sänfte ein, rissen eine Anzahl der
geschmückten, vor der Tür harrenden Herren seitlich fort. In das strömende
Durcheinander hieben unter »Platz«rufen Soldaten und Polizisten mit Stöcken
und Peitschen. Viele drehten sich um, stolperten über die Teppiche, wurden
umgeworfen, glitten unter die Füße der Menge. Ein langer Soldat, der mit
seinem Stab blind auf Mützen und Schädel trommelte, wurde von zwei Männern
angegriffen. Man wand ihm den Bambus aus der Hand, mit spitzen Fingern
stachen ihm einige in die Augen. Auf den dumpfen Schrei: »Mord! Mord!«
bemächtigte sich einer gewissen Zahl der Menschen sinnlose Angst. An
mehreren Stellen sowohl der Straße wie des Hofes begannen Soldaten und
Bürger zu ringen, sich die Kleider abzureißen. Waffen kamen bei Fischern,
Lastträgern, gutgekleideten Spaziergängern zum Vorschein.
Die Berittenen und Soldaten des Hochzeitszuges, zusammen mit Chao-hoei an
die Hinterwand des Hofes gedrängt, dessen Tor zum zweiten Hof sie nicht
öffnen konnten, fällten luftschnappend ihre Hellebarden bajonettartig. Die
Berittenen spornten die Flanken ihrer geputzten Pferde, die von dem Gejohle
scheu gemacht, sich auf den Hinterbeinen aufrichteten, mit ihren Hufen die
Menschen niederschmetterten, auf den Körpern ausglitten, niederstürzend
Männer begruben. Im Moment war der leere Raum von fallenden, anklammernden,
brüllenden Menschen bedeckt. Vor den Hellebardenstößen suchten die
vordersten auszuweichen. Auf die rückwärtsstehenden aufgemauert krümmten
sie sich, die Leiber einziehend; sie wurden von der Menschenmenge, die sich
wie eine Gasblase ausdehnte, auf die Spieße geschoben, wenn sie sich nicht
hinwarfen und von dem Zentnergewicht der Pferde und Menschen ersticken und
zersplittern ließen.
Chao-hoei kehlte heiser im Winkel nach der Sänfte seiner Tochter. Der
letzte Berittene rief zurück, daß er einen roten Tuchhaufen und zerbrochene
Holzstangen in der Mitte des Hofes sähe, bevor er die Arme aufwarf,
seitlich mit seinem von unten aufgeschlitzten Tiere abkippte. Die
Hellebarden der Soldaten niedergetreten, die Blaujacken umfaßt und
verschlungen, zerrieben von der mit sich ringenden Menge.
Mit Krach barst das überlastete hintere Tor. Die Eingeklemmten, Chao-hoei,
taumelten, flogen rücklings über den zweiten Hof.
Auf der Straße, in der Mitte des Vorderhofes, bekamen die Männer die Arme
frei. Jetzt sah man zwischen sich die Zertretenen und Erstickten.
Horden von kräftigen Männern, an mehreren Stellen im Gedränge arbeitend,
schrien mit verbissenen Gesichtern: »Auf die Präfektur! Die Soldaten
nieder!« Dolche, Messer, Schwerter schwangen sie. Sie spannten und knickten
die Menge auseinander auf der Straße: »Die Soldaten morden uns!«
Bürger, der Liegenden, Niedergeschlagenen, Aufgespießten ansichtig,
stimmten, die Augen verdeckend, besinnungslos in den Ruf ein. Über die
Nachbarstraßen flackerte das entsetzte Geschrei. Gruppen rennender und
tobender, blutender, zerrissener, wutgetragener Männer und Frauen schlossen
sich zusammen. Überall krachten die eingetretenen Haustore auf unter den
Fußstößen der »Mord! Die Soldaten morden uns!« Heulenden.
Die Straßen lagen im Dunkeln.
Aus allen Straßen schäumte es.
Die fernere Stadt erwachte. Über den Präfekturmarkt hallten die Schreie
zuerst. Einzelne Menschen schossen wie Bälle aus den Seitengassen. Dann
warfen die Straßen größere Fetzen einer Menschenmenge über den ungeheuren
Platz. Schließlich stand diese Menge selbst, gleichzeitig aus allen
umliegenden Straßen aufwachsend, ein tausendarmiger Buddha schwarzen
Gesichts vor der stummen Präfektur, dem Gefängnis, der Stadtkaserne.
Trübe Laternen glommen verstreut, schwammen wie Boote über eine Brandung.
Die stummen Gebäude umgürteten den rotäugigen Buddha, dessen Leib schwoll;
sie stachelten in seine Haut. Die Fackeln näherten sich, gierige Wölfe den
Höfen, den Torhäusern der Präfektur.
Bevor noch die Flamme, die im Jamen schmauste, den weißen Kopf aus dem
Fenster steckte, hatte man das Gefängnis erbrochen, die Eingesperrten
losgerissen.
Tang-schao-i erkannt, im Nu erwürgt und zerfleischt.
Das wollüstige Juchzen, das die unsichtbaren Mörder anstimmten, den Kopf
des Tao-tai auf eine Polizeistange gestoßen, hetzte die entfernteren, die
ungesättigt im Chor »Feuer! Niederschlagen!« riefen. Als der weiße
Flammenbogen über das Präfekturdach und den Torweg des Gefängnisses stieg,
tanzte der besessene Riese, johlte gleichmäßig, verzückt, brünstig: »Feuer!
Feuer! Niederschlagen! Zerreißen!« Mit den Armen rissen sie aneinander,
kletterten sich auf die Schultern.
Frauen, aufgesogen von dem vorüberspritzenden Menschenstrahl, verdrehten
die Augen, zerrten sich Kämme aus den Haaren, röchelten, suchten sich zu
entkleiden, zogen einen weißen Schaum durch die mahlenden Zähne. Ihre
Pupillen wurden klein wie Punkte. Sie hantierten an den Schultern und
Nacken von Brüllenden, die sich mechanisch abwischten. Hie und da hing sich
ein schlanker Mann, ein zarter, erschreckter einem Fremden um den
schweißigen Hals, seufzte widerstrebend, als die blaugrüne Flamme in
breiter Ausdehnung aus den Brüsten der Menge brach: »Wie schön, wie schön.«
Schon flackerten seine Arme wie der hitzige Schein. Er war mit walzendem
Gehirn in den steifen strengen Drang hineingenommen.
Die Luft über den Köpfen brodelte.
Innerhalb der westlich auf dem Platz gelegenen Kaserne sperrten zweihundert
alarmierte Soldaten den Torweg. Beim Knistern der Holzspalten dicht über
sich schmissen sie Bogen und Säbel hin, sprengten gegen den Ruf der
Offiziere die Tür. In dem schmalen Eingang entspann sich das Würgen. Die
Menge schraubte sich auf die Höfe.
Von Zeit zu Zeit verhüllte der Qualm das große Licht der Dächer. Dann
leuchtete die Flamme, plötzlich den grauen Mantel ablegend, über den Markt,
entlarvte die tausend verzerrten Tiergesichter, die die schwarze Nacht
versteckte.
Sechs Rotten stürmten die breiten Straßen nach Norden herauf; von dem Lager
und der Mauer trommelten die Kompagnien herunter. Trompetenstöße,
Handgemenge in finsteren Straßen. Von Dächern und nahen Hügeln hauchende
Pfeilschüsse, sausende Speerwürfe in die gebäumte tolle Menge. Die Massen
stauten sich. Neue Kompagnien bullerten von Norden her, pfählten sich in
die Aufrührer, schwangen sich auf die niedrigen Dächer, schossen in langen
Reihen, Straße über Straße bildend auf den Markt. In die kürzeren Pausen
des Johlens klang ein fernes, wildes Blasen, Schurren, Rumoren; ein
Bergrutsch: die Rebellen draußen berannten die Tore. Unbarmherzig drängte
die Masse nach Norden, zerrieb sich an der Barriere der Soldaten.
Als das blitzartige Hinsinken der Pfeilgetroffenen begann, spie man in die
Richtung der Soldaten. Dann dehnte man sich unter Wutgeheul nach den
südlichen Ausgängen, zertrümmerte, was in den Weg kam. Verwundete
bröckelten ab, von der Masse losgelassen. Sie warteten nicht, bis der
Hauptzug, von den Kompanien zurückgeschlagen, über den qualmdicken Markt
zurückhetzte, und das Brausen der Soldatenrufe und die steinernen
Trommelwirbel das Gröhlen, die Hetzrufe, Pfeifen überschallten.
Der Kampf von Gruppen auf Markt und Seitenstraßen dauerte eine Stunde. Die
Kaiserlichen, im Besitz der nördlichen Stadt und des Marktes, protzten auf
vor den verrammelten südlichen Zugängen. Heftiger krawallte es von der
westlichen Mauer.
Am nächsten Morgen schwangen die siegreichen Belagerer auf dem größten
Umfang der Mauer die schwarzen Fahnen, in ihr eigenes Lager marschierte
aber die Vorhut der Provinzialarmee ein. Der entscheidende Kampf dieses
Tages vollzog sich in den ersten Vormittagsstunden. Die an Zahl schwächeren
Aufständischen wurden von den frischen regulären Truppen nach dem härtesten
Ringen geworfen. Sie flohen südöstlich, geführt von Wang-lun und der Gelben
Glocke.
Am Nachmittag fand ein wenig rühmlicher Kampf zwischen den alten
Ilisoldaten, die durch Provinzialmannschaften verstärkt waren und den
städtischen Aufrührern statt. Auch die Piraten nahmen an dieser Phase der
Schlacht teil, indem sie zunächst die Dschunken der Flüchtigen zum Kentern
brachten, dann an Land steigend einen kleinen Teil der verzweifelt
Kämpfenden umstellten und gefangen nahmen.
Chao-hoei wurde bei diesem nachmittaglichen Endgefecht von
Provinzialsoldaten im zweiten Hof des Juen-Hauses aufgefunden. Er lag in
einem Schuppen auf dem Gesicht, mit Quetschwunden beider Arme und Hände, in
einer Art Schlummer oder Verwirrtheit. Er kam zu sich. Man trug ihn durch
die verwüsteten Straßen in einer Mietssänfte in sein Haus.
Wenige Stunden später brachte man auf grauverdeckter Bahre die Leiche der
jungen Nai, die erstickt, dann zur Unkenntlichkeit zertreten war.
Das Kampfgetöse entfernte sich von der Stadt.
Rote Fahnenstangen grub man in die Erde vor Chaos Haus, die totenlockenden
Seelenbanner spannte man daran auf. Auf dem Podium des überdachten vorderen
Hofes stand der offene Sarg mit der Leiche. Blaue Schuhe, bestickt mit
Pflaumenblüte, Kröte, Gans, sahen unter der kostbaren gelben Decke hervor,
die das zerschmetterte Gesicht bedeckte. Die Gebetsformeln des Stoffes
überschütteten die Tote. Um den Hals unter dem Leichentuch hatte ihr
Hai-tang eine goldene Kette mit einem winzigen Glaskrug geschlungen, ein
Briefchen in den Krug geschoben; in dem nannte sie den Namen der Liegenden,
ihrer Sippe, ihr Alter. Sie beschrieb die Schönheit, Wohlerzogenheit und
Unschuld, das Schicksal, das sie erlitten hatte. Die Geister mögen sie
herzlich aufnehmen und mögen sich nicht beklagen, daß sie nicht mehr den
Boden des mittleren Blumenreiches beträten.
Die weißgekleideten Gäste erschienen am Nachmittag, warfen sich vor dem
Libationstisch am Fußende des Sarges dreimal nieder auf die Stirn; Pfeifen
schrillten, der Gast spendete den Wein, Paukenschlag, Klirren eines
einzelnen Gongs, Stille. Zwei lamaische Priester im gelben Mantel,
goldgeschmückte Tiaren auf den Schädeln, sangen Litaneien, Weihbecken
schwingend. Vor dem Magnolienhügel verbrannte man abends die schönen
papiernen Sänften, den Silberschrein, die Flitterkleider, das Schatzhaus,
Lauten und Geigen, die Lieblingsbücher der Braut, damit sie sie über den
Nai-ho mitnehmen könnte.
Als der dritte Tag nach dem Tode gekommen war, wo die Seele noch einmal
zurückkehrt, hasteten Chao-hoei und Hai-tang lange Stunden unter den Ulmen,
lüpften die Ecken, wippten die Äste auseinander, riefen die Entschwundene
bei allen Kosenamen, jammerten, schrien, fielen sich in die Arme,
klammerten sich lauschend an die Gartenpfoste, liefen stöhnend jedem
Vogelruf nach, stiegen auf das Dach des Hauses. Sie solle wiederkommen, die
schlimmen Menschen seien fort, ihr Bräutigam erwarte sie. An ihrem Zimmer
sei nichts verändert, Bücher und Lauten lägen herum, die Freundinnen
weinten und wollten sie wiederhaben; die Feinde seien alle geschlagen und
nun zögen sie wieder nach dem sonnigen Hia-ho. Oh die Thujen da, die
Ziwitbäume, die Fächerpalmen, wenn sie daran dächte, die weiche warme Luft,
und die Bananenstauden. Kein Mosquito würde sie beißen. Boot, kleines
buntes Boot sollte sie fahren, wenn sie bei ihrer Mutter bleiben wollte; ja
sie könnte bleiben, sie müsse bleiben, sollte nur wiederkommen. Um Hing-hoa
stünden sie, Seen voller Rosen, die blühten und dufteten; man wolle wieder
fort von hier, kommen, kommen, kommen sollte sie! Zu ihrem Vater! Zu ihrer
Mutter! Nai! Ob ihr Seelchen in das Haus kommen wollte, oder unten in den
Garten oder wohin? Nai! Nai!
Die Müdigkeit lähmte die Knie; sie tasteten sich in ein Zimmer, sanken auf
eine Bank. Wieder rafften sie sich auf, schleppten sich fort, suchten,
wehten mit Puppenfähnchen, reckten die Hälse, schrien, schluchzten.
Mit winselnden Pfeifen, monotonen Trommeln zogen am Morgen des Begräbnisses
die Knaben vor das stolze Haus; Musik raschelte an den Mauern wie die
unsicheren Hände eines schwindsüchtigen Fieberkranken; ein überlauter
Gongschlag warf sie immer hin.
Zwölf Sargträger, wesenloses Grau und Weiß huschten heran, bemächtigten
sich still des mit weißen Tüchern und Bändern überhäuften Sarges.
Wehklagen, Kreischen, Stöhnen der Gäste im Hof. Das Haus verlassen, das
Podium leer. Das lange blaue Seidenbanner der Sippe Chaos führten
vierundzwanzig Träger; durch das Tor schlüpften noch hinterher die Träger
der Schirme, der viereckigen Mondfächer, der Fähnchen und Hellebarden. Die
Mehlkügelchen für die obdachlosen Geister flogen in den Staub am Weg.
Hai-tang spielte mit der Pipa der kleinen Nai im Zimmer der Toten. Ihre
Haare hingen. Das Gesicht ungeschminkt. Sie drehte das Instrument hin und
her.
An denselben Tagen fuhr man auf großen Lastwagen die gefangenen Bündler vom
Markt auf die Richtstätte vor die Stadt. Die kleine Nai lag schon in ihrem
Hügel, als die Soldaten auf schweren braunen Pferden dem unabsehbaren Zug
der schwankenden Delinquenten voranritten, durch die Mauer in den sandigen
Talkessel. Posaunenstöße vom Markte. Die Wahrhaft Schwachen und die
Anhänger der Weißen Wasserlilie, fast hundertundfünfzig, trugen hölzerne
Fußfesseln; auf ihre Rücken waren Kaoliangrohre gebunden, mit Papier
umwickelt, die die Namen des Verbrechers anzeigten. Die Ochsenwagen
ratterten durch die Straßen; die Brüder lächelten herunter und winkten mit
den Händen den Städtern zu, die ihnen Reisschalen, Tassen mit Wein
hinaufreichten. Sie sangen vom Westlichen Paradies. Von allen Seiten lief
man hinzu, zeigte sich die Freunde, Bekannten, weinte und wagte nicht zu
fluchen auf die Sieger. Draußen umwogte den Richtplatz eine ungeheure
Menschenmenge, die Reiter mit flachen Säbeln und Polizeistöcken in Ordnung
hielten.
Die Ochsenwagen fuhren an; der Gesang verstummte. In Reihen zu zwanzig
hüpften sie hintereinander.
Schon tauchte in ihrem Rücken der Henker auf mit nacktem Oberkörper; den
Knauf des zweischneidigen Richtschwertes mit den Händen umschließend,
schwang er es hoch, daß sich sein Körper auf den Zehen erhob;
niederschmetternd, sich krümmend und von der Wucht seitlich fortgezogen,
trennte er Köpfe von Rümpfen.
Zwei senkrechte armdicke Blutquellen; der Kopf rollte, zwinkerte mit den
Augen. Der Mund schnappte. Der noch knieende Rumpf schnellte mit einem Satz
nach vorn, fiel hin.
Die Soldaten im weiten Umkreis spannten ihre Bogen teils auf die Rebellen,
teils auf die finstere Menschenmenge.
* * * * *
Auf die Meldung des großen Sieges erhielten die Gouverneure von Tschi-li
und Schan-tung die zweiäugige Pfauenfeder. Mit den Dekreten Khien-lungs
traf sein eigenhändiger Brief an die Führer ein, in dem er die vollkommene
Ausrottung der Rebellen und Ketzer befahl. Wie großes Gewicht Khien-lung
auf die gründliche Erledigung der Angelegenheit legte, erhellte aus den
Ernennungen, die er für den zweiten Teil des Feldzuges anordnete; er
stellte den Feldherren den Präsidenten des Zensorenhofes, Sza-hoh, und den
kenntnisreichsten und belesensten seiner Schwiegersöhne
Zoh-wang-tao-roh-tsi als Berater zur Seite. Ferner ließ er in Solon und
Kirin tüchtige mandschurische Bogenschützen in großer Zahl anwerben, die
nach ihrer Aushebung sofort auf den Kriegsschauplatz rückten.
Die geschlagenen Bündler flüchteten durch das südliche Tschi-li, traten in
das Bergland von Schan-tung, sammelten sich an mehreren Gebirgsorten, wo
sie neuen Zustrom erfuhren. Sie stiegen geordnet in die Ebene des großen
Kanals, den sie überschritten. Die kaiserlichen Truppen, nördlicher und
östlicher stehend, konnten nicht verhindern, daß Wang-luns Anhänger in
einer blinden Zerstörungswut die Stadt Sou-chong nicht ganz zwei Wochen
nach dem Fall Schan-hai-kwangs ansteckten, zwei weitere Distriktsstädte
besetzten, schließlich die ummauerte Stadt Tung-chong belagerten und
einnahmen. Diese Orte grenzten dicht an Tschi-li; ihre Eroberung gefährdete
die Grenzdepartements Kwan-ping und Ta-ming; der Tsong-tou erhielt Befehl,
diese Gegend zu decken.
Wang-lun lag in Tung-chong am Kaiserkanal. Alle Rebellentruppen waren
konzentriert in einem Umkreis von zwei Tagesmärschen. Der sengenden Hitze
folgten Regentage, Sturm. In dem prasselnden Wetter warfen die Bauern die
zweite Saat. Der Handel dieser reichen Gegend stand still, der Verkehr auf
dem Kanal abgeschnitten. Die Rebellen in einer rasenden Betriebsamkeit
zündeten alle umliegenden Dörfer in Brand. Den kommenden Anmarsch der
Regulären hemmten sie durch das Ziehen mächtiger Querwälle, in die sie
Kanalwasser leiteten. Die Hauptstraße unterwühlten sie; haushohe Hecken-,
Bambus- und Sandbarrieren richteten sie von Strecke zu Strecke auf. Die
Wachtürme, die durch aufsteigenden Rauch Signale geben konnten, trugen sie
ab. Bauern, deren Anwesen sie nicht zerstörten, leisteten Frondienste.
Vormittags saß Wang im Magistratsjamen von Tung-chong und hielt Gericht.
Die letzten Siege hatten das Heer erfrischt; man lebte im Kriege, man wog
Siege und Niederlagen. Glück und Unglück hing an den schwarzen Mingfahnen;
mit Zärtlichkeit und Entschlossenheit hielt die Masse des Heeres zu ihnen.
In diesen Tagen bot Wang-lun, sitzend auf dem Ofenbett des Gerichtszimmers
im Jamen von Tung-chong, seiner regsamen Umgebung ein vielfach wechselndes
Bild von Heiterkeit, Entflammtheit und Entrückung. Man kannte dies
Verhalten an ihm schon seit der Pe-kinger Schlacht, nur daß die
Auffälligkeiten des Zustandes zunahmen; einige behaupteten sogar, daß er
mitten in den Kämpfen den Ernst verliere, Soldaten der Feinde die Mützen
abrisse, sie auf seinen Gelben Springer stecke, mit den Angreifern wie eine
Katze spiele, unbekümmert um den Stand des Gefechtes. Wie sehr er in die
Eigentümlichkeiten des Kriegslebens versank, zeigte auch seine
Ungeniertheit im Verkehr mit den Weibern der eroberten Städte. Wang nahm
sich, was ihm gefiel, während er strenge Zucht über die Wahrhaft Schwachen
übte. Er bat oft einen oder den andern seiner Freunde um Entschuldigung
wegen seiner Liederlichkeit; sein Verhalten sei vielleicht lächerlich, aber
man solle nicht schlecht davon denken; es solle sich niemand einfallen
lassen, schlecht davon zu denken. Er fühle sich eigentlich recht glücklich
und zuversichtlich; er hoffe, es werde alles noch besser gehen; längere
Gespräche mied er; er mied auch die Unterhaltung mit der Gelben Glocke.
Ngoh, der Sou-chong hielt, ekelte und graute vor Wang; sie hatten,
abgesehen von den dienstlichen Mitteilungen, keinen Verkehr miteinander.
Oft bemühte sich die Gelbe Glocke, Aufklärung von Wang zu bekommen. Als ihm
Wang auswich, ging er in schwerer Beklemmung, in heftiger Trauer umher. Er
hatte den unklaren Wunsch, Wang zu trösten und vor irgend etwas zu
bewahren. Die Besorgnis der Gelben Glocke um Wang war so stark, daß er
einige zuverlässige Leute beauftragte, den eigentümlichen Mann zu
beobachten und ihm zu berichten; aber er konnte diese peinlichen Berichte
nicht anhören und wußte sich in seiner Angst und seinem Mitleid nicht zu
helfen.
Einmal brachte man vor Wang in das Jamen einen Räuber, einen zerlumpten,
finster blickenden Halunken, der sich als Wahrhaft Schwacher vor Bauern
ausgegeben hatte und dann, eingelassen, über die Wehrlosen hergefallen war;
vielleicht zehn Fälle schweren Raubs in der nächsten Umgebung Tung-chongs
waren ihm nachgewiesen. Wang fragte den starkknochigen, nicht mehr jungen
Gesellen, woher er stamme. Der kniete und schwankte viel seitlich, weil man
ihn, um Geständnisse zu erzwingen, nachts einige Stunden auf sechs dünnen
Kettchen hatte knien lassen. Er seufzte und bat, ihn freizulassen; er sei
unschuldig, man habe ihn verwechselt. Dann, den vertieften Blick seines
Richters auf sich gerichtet sehend, bat er dringender mit Händeausstrecken,
ohne Wangs Fragen zu beantworten. Schließlich sagte er, er sei der Sohn
eines Pastetenbäckers aus Tiang-chong; früh wäre er dem weggelaufen, weil
er sich nicht für die Bäckerei geeignet hätte, er könne nämlich keine Hitze
vertragen, auch jetzt nicht; es sei ein unglückliches Geschick. Und dann
log er weiter, bis er schließlich von der Rebellion sprach, wie er mit den
Bündlern sympathisiere; er verplapperte sich, indem er angab, daß ihn
manche Bauern für einen frommen Bruder gehalten hätten. Er mußte auf den
Wunsch des Richters aufstehen und von einem der Häscher geführt in der
Halle auf und ab spazieren. Mit schiefen Blicken, oft zusammenknickend,
beobachtete der Verbrecher seinen sonderbaren Richter, der ihm unverwandt
nachblickte.
So alt wie dieser war Wang auch; dieses Schicksal also hätte er gefunden
ohne den und jenen Zwischenfall, ohne Su-koh in Tsi-nan, ohne das Elend auf
Nan-ku und anderes. In Tsi-nan ging er herum wie dieser; jetzt schleppte
man den Halunken hier; er hätte es vielleicht nicht so dumm gemacht wie
der, aber einmal, einmal wären auch ihm die dünnen Kettchen unter die Knie
ausgebreitet worden.
»Wenden!« rief Wang, »weitermarschiert!«
Ein verhungerter Bursche mit Klauen und Armen, wie ein Affe, zahnloses
Maul, dürre Waden; er konnte klettern wie er lügen konnte. Sein Bruder,
sein Bruder! wie gelogen, so wahr geredet; kein Wahrhaft Schwacher, aber
sein Bruder.
Erstaunt besah sich Wang den Mann, sah sich nicht satt an seinen Lumpen,
verglich seine eigenen Hände mit denen des Strolches; beobachtete ganz
insgeheim den Häscher, ob die etwas merkten und sich auch wunderten, daß er
hier oben saß und nicht selber da unten ging. Nein, man merkte nichts. Ob
man nicht die Rollen vertauschen sollte, war der Halunke nicht zu beneiden?
Verflucht sollten Su-koh und Nan-ku und alles sein, daß sie ihn bezwungen,
weggerissen von seinem Wege hätten. Wer solch großes Maul haben und so
scheel blicken könnte!
Nachdem der Verbrecher mehrmals vor dem Ofenbett auf und ab geschleift war,
ließ Wang den Glücklichen, ununterbrochen sich Verneigenden ohne Strafe ins
Gefängnis zurückschaffen.
Bei Einbruch der Dunkelheit schlich Wang in den Gefängnishof, wies die
Aufseher beiseite, setzte sich neben den grinsenden Mann, der an den Füßen
gekettet freudig seinen Gast umhüpfte. Statt ihn auszufragen, fing der
Richter im Gaunerkauderwelsch mit ihm zu flüstern an, so daß der Gefangene
erst stumm, erschreckt zurückwich, dann vergnügt einfiel, denn er wußte
schon, wie gemischte Elemente zu den Wahrhaft Schwachen strömten. Der
Gefangene erzählte witzige Geschichten von den singenden Brüdern und gar
den aberdummen Schwestern, die die unglaublichsten Tiere seien; sie faßten
zusammen einen Plan zu fliehen, den einen jungen Aufseher zu bestehlen und
zunächst draußen den Bauern einen Denkzettel zu geben, die den Verbrecher
festgenommen hätten. Der Gauner kam ins Schwatzen und Wang hörte zu; sie
schlugen sich flüsternd die Schenkel. Sie mußten sich beiseite setzen, die
andern Gefangenen kamen angehüpft und wollten an der Unterhaltung
teilnehmen. Als Wang die zudringlichen Fratzen der Männer sah, die
verstümmelten Nasen, Ohren, wurde er rasch stiller. Er hörte über das
hastige Geplapper seines Nachbarn weg, starrte die grausigen, lachenden,
struppigen Köpfe an. Beängstigt stand er auf, gab dem Verbrecher ein paar
gute Worte, ging auf die Straße. Ihm fror der Magen; seine Därme stiegen
ihm zum Zwerchfell. Durch die morastigen Straßen, in denen selten eine
Laterne vor einem Hause brannte, hastete er; kleine Patrouillen liefen an
ihm vorbei.
Nicht Verbrecher sein, kein Mord, kein Mord! Wie soll man das ertragen, zu
morden! Helfen den andern, verstümmelten, helfen! Ihre Gesichter wieder
gutmachen! Nan-ku, widerstreben, nicht widerstreben, das Schicksal
besänftigen! O, diese waren schlecht und arm, sie sollten zu ihm kommen;
dann brauchten sie nicht auf Ketten knien, nicht in ihrem Kot liegen, nicht
die lange Rute dulden. Sein Bruder, seine Brüder, o, so wäre er geworden!
Nicht morden, nicht morden!
Er gab am nächsten Morgen Befehl, keinen gefangen zu nehmen, auch die
Gefängnisse alle zu entleeren. Wer von Verbrechern, die ergriffen würden in
den Städten und der Umgebung, sich bekennen würde zum Wu-wei und gegen die
Mandschus kämpfen, sollte in den Bund aufgenommen werden. In lebhafter
Unruhe herumgehend schickte er mittags zu der Gelben Glocke, der eilig kam.
Wang erwartete den graubärtigen Offizier vor der Tür seines Jamens, zog ihn
in das Haus, griff wortlos nach seinen Händen, umarmte ihn: »Wäre Ma-noh
noch am Leben, würde ich zu ihm schicken; du müßtest dabei sein. Ich will
dir bekennen: heute nacht habe ich die armen Verbrecher im Gefängnis
besucht, aber ich kann nicht mehr Verbrecher sein. Ich hoffte es noch
manchmal, aber es ist ein Irrtum von mir; das sind alte Geschichten, man
wird nicht wieder jung. Ich habe sie im Gefängnis gesehen mit den
abgeschnittenen Nasen, Ohren; sie haben nach mir gespuckt; o, giftig
blicken sie. Du hast das noch nicht gesehen, Gelbe Glocke. Such dir einen
aus, sieh ihn dir an, dann wirst du, wirst du mir recht geben, daß diese
Menschen schrecklich, schrecklich sind. Ich weiß nicht, wie man schlafen
kann, wenn man denkt, daß es so schreckliche Menschen gibt. Und wie ich es
selber über mich brachte, einmal zu morden. O, sind dies Unglückliche,
lieber Bruder, sind dies Arme; vom Mord laufen sie ins Gefängnis, vom
Diebstahl legt man sie an Ketten, schlägt ihre Fußsohlen, schneidet ihnen
Stücke Fleisch aus, brennt ihre Ohren ab; und wenn sie dann leben bleiben,
dann rauben sie wieder, und sie wissen gar nicht, was man von ihnen will,
wie das enden soll, warum alles so sonderbar zugeht: Mandarinen da, und da
Kaiser, und da Bauer, und da Verbrecher. Ja wie soll das enden? Ich habe
mein Wu-wei beschworen, damit ich mir und ihnen helfe; es sollte dann gut
sein; alle auf Nan-ku haben es mir geglaubt und es ging vielen so gut. Ich
will doch kein Königreich gründen; stoßen, schlagen könnte ich mich, so
vergeßlich bin ich. Für sie und mich ist das Wu-wei gestiftet, und ich will
uns untergehen lassen.«
Die Gelbe Glocke nahm Wangs Arm von seinen Schultern; sie hockten zusammen
auf eine schmutzige Binsenmatte an der Tür; Wang hob die Arme nach den
Wänden: »Die goldenen Buddhas müßten hier stehen, wie bei Ma-noh in der
Hütte; die milden Götter sagen alles und nur gutes. Bin ich nicht wieder
auf Nan-ku? Ich möchte wieder ganz in Weichheit, in Ruhe auf Nan-ku sein
unter den Brüdern.«
Die Gelbe Glocke sprach mit einer zitternden Stimme:
»Hat es sich so gewendet in dir, Wang? Ich habe so um dich gefürchtet. Du
konntest uns leicht verloren gehen, dachte ich. Ich dachte es nur. Ich bin
ja glücklich für dich und für mich. Was fehlt dir noch?«
»Alles, lieber Bruder. Ich habe dich darum rufen lassen! Was hab ich nun,
sag mir, inzwischen getan, seit ich von Nan-ku herunterkam? Ist das gut
gewesen? Wie soll ich mein Leben verstehen?«
»Ich weiß es nicht, ich hab nicht alles gesehen, was du getan hast.«
»Das Wu-wei ist gut. Das kann mir niemand entreißen. Ich habe solche Angst
um mich, Gelbe Glocke, daß ich den Weg verfehle. Und die Gefangenen sollen
alle mit mir kommen, ich muß für sie sorgen.«
Der andere begütigte Wang; er mußte den Mann in der Halle herumführen; das
Schicksal des Heeres sei gleich, das Wu-wei würde nicht untergehen.
Als sie wieder auf der Matte saßen, schwieg auch Wang bald, der sich
anklagte. Nach einer Pause sagte die Gelbe Glocke leise, aus einer
Versunkenheit auftauchend, er wolle seinem Bruder eine Geschichte erzählen.
»In einem Dorf der Provinz Tschi-li soll einmal eine Familie Hia gelebt
haben. Hör mir ruhig zu, Wang, es ist eine Geschichte, die dich angeht; sei
ruhig, lieber Bruder, ich will dir ganz meine Meinung sagen und dir helfen.
Die Frau tat ihre Arbeit auf dem Feld, sie ging mit den Ochsen in der Frühe
hinaus und pflügte. Ihren Mann liebte sie. Eines Morgens, bevor sie
aufstand, kam aus der Wand ein scharfes Flüstern: 'Dein Mann trinkt Wein in
der Schenke; er hintergeht dich mit deiner Nachbarstochter; er möchte sie
zur Nebenfrau.' Ihr Mann nahm sie in die Arme, bevor sie aufs Feld ging,
und küßte sie; sie faßte ihre beiden Kinder bei den Händen an und sie saßen
mit ihr auf dem Feld. Die Ochsen brüllten; die Frau spielte mit den Kindern
und ging nicht an den Pflug. Um Mittag wanderte sie mit den Kindern wieder
nach Hause; leidenschaftlich herzte sie ihren Mann, sagte, daß sie sich
krank fühle. Er mußte sich die Schürze umbinden, den Strohhut aufsetzen und
pflügen. Sie setzte sich auf ein verfallenes Grab hinter dem Haus, dachte,
wie die Männerliebe von Reisig und Stroh sei, weinte erbärmlich, und sann
auf Trost. Mit entschlossener Miene erhob sie sich: 'Tu mir ein Liebes an,'
betete sie zu einem Buddha, 'rette mich.'
In der finsteren Nacht schlüpfte sie von ihrem Lager herunter, nahm mit
Winken der Hände Abschied von dem schlafenden Mann, mit Streicheln von den
leise atmenden Kindern, ging in die blaue Nacht hinein, über ein breites
Kohlfeld, und hinter einem weiten Brachacker stand ein Berg, in dessen
steile Seitenwand die Treppe eingeschnitten war, auf der man in bestimmten
Monaten zum Buddha kommen konnte. Es mußten schon andere aus dem Dorf diese
Nacht hinaufgestiegen sein, denn während sie kletterte, bemerkte sie
frische, erdige Fußtapfen. Ihr graute, weil die Treppe kein Ende nahm und
sie fürchtete schwach zu werden. Sie trat und trat; sie holte andere ein;
mit einem Mal glitten sie eine kleine Strecke tiefer und wurden dann von
einem Schwung höher und höher getragen, ohne die Füße auseinanderzunehmen.
Auf der Plattform saß der Gott mit angezogenen Knien auf einem Esel; zwei
Männer mit Schirmen, Fächern und Laternen standen hinter ihm, und hielten
den Esel beim Zaum, machten freundliche Gesichter. Auch der Gott lächelte;
er hatte ein schmalausgezogenes Gesicht mit einem Ziegenbart; die Füße
versteckte er in seinem grauen Obergewand. Die Frau stellte sich ganz
zuletzt und wartete gesenkten Gesichts. Als die Männer ihr zuwinkten,
schlich sie zögernd näher in den Lichtkreis; der Gott legte seine dünne
Hand, die wie aus weißer Jade vom Laternenlicht durchschienen wurde, auf
ihr Haar und fragte sie, indem er sie aufforderte, den Rücken ihm
zuzuwenden und dann zu sprechen. Stockend redete sie, wobei ihr wurde, als
ob auch sie aus durchsichtiger Jade war. Sie kehrte sich dem Gott wieder
zu; er bückte sich, flüsterte ihr ein sonderbares Wort ins Ohr, sagte
leise, nun könne sie wieder nach Hause, es sei gut. Sie legte die Hände vor
das Gesicht, stand eine Weile, bis einer der beiden Männer sie an die
Treppe führte.
Nun verging ein ganzer Sommer, bis die Frau, die nur manchmal noch aufs
Feld ging, sich häufiger abermals auf das Grab setzte, ihre Kinder an sich
zog und schließlich am Ende der Ernte wieder nach der Treppe wanderte. Das
Steigen tat ihr wohl; ihre Füße schmerzten, das machte ihr Behagen; es
schien ihr, als ob sie die ganze Nacht in die Höhe stieg. Sie ging ganz
allein; es war nicht der Monat, in dem man den Gott aufsuchen durfte, aber
sie sah dem ernsten alten Wächter oben ins Gesicht und verlangte zugelassen
zu werden; sie habe ein Recht dazu, das ihr niemand bestreiten dürfe. Er
führte sie traurig auf die dunkle, ungeheure Plattform, sagte, der Gott
wäre da, sie sollte nur sprechen. Sie schrie sofort, nannte ihren Namen,
klagte den Gott an, daß er ihr nicht geholfen habe. Er antwortete von
ferne: 'Was willst du von mir, Frau?' Da rief sie: 'Nicht du hast zu
fragen, sondern ich. Ich wollte sterben. Aber du hast mir ein Trostwort
gegeben, hast mein Leben verlängert. Was willst du von mir? Darum komme ich
zu dir. Ich bin die ganze Nacht gelaufen, um dich dies zu fragen.' Hart,
ganz in ihrer Nähe fragte die Stimme: 'Wo hast du deine Kinder? Wer hat
dein Hirsefeld im Sommer bestellt?' 'Mir sollst du helfen; meinen Kindern
geht es gut; mein Hirsefeld kümmert nur mich.' 'Das Wort hat dir nicht
geholfen, weil du widerspenstig warst, Frau.' 'Du hast mich an der Nase
herumgeführt im Sommer, du bist ein sauberer Gott.' 'Frau, du hast deinem
Mann und dir nicht helfen wollen.' Sie brach in Gelächter aus: 'Und das
nennst du noch Trost?' Sie sprach kein Wort weiter. Vor einem Runzeln
seiner schmalen Stirne, die sich dicht vor ihr aufstellte, schrumpfte sie
zusammen, sauste als ein zackiger Stein den Abgrund herunter bis zum Beginn
der Treppe, wo sie aufprallend in die Wolken stieg. Sie tauchte zwischen
den Sternen unter, schwirrte als ein Meteor mit den Schwärmen heimatlos vor
den Wolkentüren. -- Hast du mich verstanden, Wang-lun?«
Der saß mit gesenktem Kopf und nickte: »Ich habe einen Wink bekommen und
soll ihn annehmen. Ich schlage dem Schicksal nicht ins Gesicht; aber glaube
mir, Gelbe Glocke: Entschlüsse helfen dem Menschen nichts, wenn er unruhig
ist. Man bezwingt mit Entschlüssen nichts in sich. Es muß alles von selber
kommen.«
Er hob plötzlich sein ernstes Gesicht zur Gelben Glocke: »Du freust dich
über mich. Und ich freu mich, weil ich heute diesen Wink bekommen habe und
weil es mir wieder gut gehen wird. Ich fühle, lieber Bruder, es wird mir
wieder gut. Ich fange wieder an Menschen zu lieben. Was für ein
Durcheinander habe ich erlebt, jetzt kann ich wieder aufstehen und ruhig
gehen und unser Wu-wei auf den Händen tragen.«
»Weh uns, Wang, daß wir es auf den Händen tragen müssen, mit Schwertern,
mit Beilen. Weh ihnen, die uns Arme, Gute angreifen.«
»Es soll uns nicht kümmern, lieber Bruder. Sie machen das Wu-wei nicht
schlecht. Wir, nur wir gehen den richtigen Weg, der auf den Gipfel der
Kaiserherrlichkeit führt. Ich will leben, so lang ich darf unsere gute
Lehre verteidigen. Diese Nacht wollte ich euch verlassen mit dem
Verbrecher. Ich will diese Nacht nicht vergessen, in der ich zum zweiten
Male auf dem Nan-ku-paß gesessen habe.«
Die Gelbe Glocke hielt immer streichelnd Wangs linke Hand: »Dies bist du,
so wollte ich dich kennen, so bist du, lieber Bruder. Das Fieber hat dich
verlassen. Man kann uns erschlagen; wer kann uns etwas anhaben?«
Sie erhoben sich; auf Wangs Bitte begleitete ihn die Gelbe Glocke durch die
Straßen. Als sie eine Stunde gegangen waren, kamen sie an einen niedrig
bewachsenen grünen Anger, der von einem seichten Bach durchrieselt wurde.
Stämmig und breit schritt Wang-lun aus; es hing sein Gelber Springer an
einem Strick um seinen Hals; er baumelte blank über dem blauen,
kurzärmeligen Kittel; ein spitzer Strohhut bedeckte seine Stirn, die von
einer roten Narbe durchschrägt war; herrische Augen in einem tiefbraunen
Gesicht blinzelten gegen die Sonne. Die Gelbe Glocke machte mit langen
Beinen weite Schritte; er ging gebückt, grauer Kittel und graue Hosen, auf
Strohsandalen wie Wang; eingefallene Schläfen, tiefliegende Augen mit einem
schwarzen Strahl, flatternder Bart. Die Lerchen und Finken sangen über
ihnen.
Wang zeigte mit dem Finger nach der Mauer, lächelnd: »Nach Nan-ku kommen
wir heute nicht.«
Sie streckten sich an dem Bächlein hin, schwiegen. Die Gelbe Glocke
murmelte: »Ich werde nicht mehr viele solche Tage haben. Ich werde nicht
mehr lange im Kao-liang liegen. Vor Schön-ting habe ich mit Ma-noh gelegen;
im Lamakloster war eine schöne Sonne. Die Salzsieder klopften an die Tür,
wir erschraken. Liang-li saß neben mir.«
»Du hast diese Schwester nie vergessen, Bruder Gelbe Glocke.«
Der Offizier hob abwehrend den Arm: »Wenn die Sonne scheint, denkt die
Gelbe Glocke an Liang-li aus Schön-ting; wenn sie nicht scheint, wundert er
sich, warum sie nicht scheint und warum er Liang vergessen hat.«
»Sie ist in der Mongolenstadt gestorben.«
»Wang, sie ist im Westlichen Paradies. Hinter den weißen westlichen Wolken
erkenne ich manchmal ihr feines, kluges Gesicht.«
Das Tuten, Klappern von den Häusern herüber. Ohne Unterlaß zwitscherten die
Vögel, die ganz hoch schwärzliche, regsame Klümpchen waren. Wang, liegend,
zog die Beine an, warf sich um auf den Leib, kroch hoch und beobachtete die
Vögelchen, wie sie fielen und stiegen, und den kleinen Bach. Er nahm seinen
Strohhut ab, zog seinen Kopf aus der Schlinge seines Schwertseils, dann
stach er das Schwert in den weichen Boden, stülpte den Hut über den Knauf,
schwang die Arme und setzte die Beine, als wenn er Anlauf nehme:
»Aufgepaßt, Bruder Gelbe Glocke, ich mache Sprünge.«
Mit einem Satz stand er jenseits des Bächleins: »Jetzt bin ich auf Nan-ku.
Ma-noh tut, was ich tun will. Es wird alles schlecht. Ich muß weiter
springen.«
Er sauste neben sein Schwert; der Hut flog vom Luftzug herunter: »Jetzt im
Hia-ho. Eine schöne Zeit, Gelbe Glocke. Der Damm, der Hwang-ho, der
Jang-tse; eine Frau hatte ich. Das Wu-wei kommt zu mir gewandert, noch bin
ich nicht da, ich kann nicht so rasch folgen. Schlachte, mein gelbes
Schwert! Und jetzt --«
Er hob sich im dritten Sprung über das Wässerlein: »Wo bin ich? Auf Nan-ku
wieder, bei dir, Gelbe Glocke. Der Wink war gut. Die Verbrecher waren gut.
Ich bin wieder zurückgekehrt aus dem Hia-ho, ich bin wieder zu Hause, in
Tschi-li. Komm zu mir herüber, lieber, lieber Bruder: bringe meinen Gelben
Springer mit, denn hier muß gekämpft werden.« Die Gelbe Glocke stand neben
ihm.
Sie umschlangen einander die Schultern, sahen in das rieselnde, flinkernde
Wässerlein: »Der Nai-ho«, lachte die Gelbe Glocke. Beide hielten sich
fester. Wang senkte den Kopf, seufzte leise: »Der Nai-ho. Es kann anders
nicht kommen.« Auch die Gelbe Glocke zitterte leicht: »Ich hatte ein gutes
Schicksal gehofft für uns. Die blumige Mitte muß ich ungern verlassen.«
Am Abend dieses Tages der drei Sprünge ließen sich zwei Damen aus der Stadt
zu Wang führen. Eine elegante, schlanke Dame betrat zuerst das stille
Jamen, in dem Wang auf der Matte sitzen blieb. Sie hob das Lid des linken
Auges selten; dann und wann erkannte man auf dem Augapfel große, weiße
Flecken. Eine rundliche, sehr schöne Frau folgte, die sich weniger sicher
bewegte als jene elegante. Die erste Dame nannte sich Pei, die andere Jing.
Auf der Matte sich niedersetzend erwarteten sie Wangs Begrüßung. Die Ältere
ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen, als der Mann sie barsch nach
ihren Wünschen fragte. Sie kämen aus der Roten Stadt. Sie hätten noch vor
der Belagerung flüchten müssen. Sie böten den Bündlern ihre Dienste an. Die
Dame Pei erzählte in Breite ihr Schicksal, endete mit der Erklärung, daß
sie imstande sei, noch jetzt in die Rote Stadt einzudringen und die Häupter
der Mandschudynastie mit einem Zauber umzubringen. Wang war einiges von der
Angelegenheit dieser Zauberfrau zu Ohren gekommen. Eine kleine Zeit blieb
er stumm auf seinem Platz. Dann stieg er herunter, dankte den Damen, bat
sie, ihm ihre Adressen zu hinterlassen, schickte zwei Soldaten zu ihrem
Schutz mit. Wang kam an dem Abend nicht zur Ruhe unter dieser Sache. Erst
sandte er nach der Gelben Glocke; dann mußte der Bote zurückgeholt werden.
Er wollte allein zu einem Beschluß kommen. Im Hof des Jamens trabte er
herum. Das war ein neues Zeichen. Unerwartetes Ende der Mandschus. Sollte
man zugreifen, mußte man nicht? Noch nicht der Nai-ho! Aber der anfängliche
Widerwille kehrte zurück. Irgend etwas war unerträglich an dem Vorschlag.
Er war ekel, das Ganze war sinnlos, es kam von außen her, war kein Wink, es
störte nur den Verlauf. Was er mit der Gelben Glocke an dem kleinen Wasser
erlebt hatte, war endgültig und da sollte niemand eingreifen. Nicht morden.
Die Wege lagen alle eben da.
Und noch ehe die Nacht kam, schickte er vier Soldaten zu den Damen, die sie
unter Aufsicht eines Offiziers aus der Stadt geleiteten. Man drohte ihnen
Rutenhiebe an, wenn sie den Wahrhaft Schwachen wieder unter die Augen
träten.
Es ist beschlossen, vollendet, jauchzte Wang. Glücklich schlief er ein. Im
Traum stand er unter einer Sykomore, an deren Stamm er sich hielt. Über
seinen Kopf wuchs der Wipfel des Baumes in die grüne Breite und Höhe, so
daß er, als die schweren Äste sich senkten, ganz eingehüllt und versunken
im kühlen Blattwerk war und niemand ihn mehr sehen konnte von den vielen
Menschen, die vorüberspazierten und sich an dem unerschöpflichen Wachstum
ergötzten.
* * * * *
Nachdem die gesamten Provinzialtruppen des Tsong-tous von Tschi-li
Chen-juen-li vor Tung-chong aufmarschiert waren, wurden die Bündler zum
Ausfall gereizt und besiegt. Chen-juen-li zog sich darauf zurück. Der
Tsong-tou von Schan-tung mit Bannertruppen unter Chao-hoei stellte sich den
flüchtigen Bündlern am westlichen Damm des Kaiserkanals entgegen. Der
General des Tsong-tous kam in ein hitziges Gefecht mit den tollkühnen
Rebellen, welche über den Kanal flohen, den weiteren Angriff in der Ebene
vor der Stadt Lint-sing, östlich des Kanals, erwarteten. Hier entspann sich
die große Schlacht, in deren Verlauf der Rest der Bündler in die Stadt
getrieben wurde. Sie hatten sich vorsorglich der Mauern und Tore
versichert, so daß nunmehr die regulären Truppen zu einer Belagerung
Lint-sings gezwungen waren.
Die Zahl der Bündler betrug nicht mehr als Ma-nohs, kaum fünfzehnhundert
Menschen, darunter viele Frauen. Wang-lun und die Gelbe Glocke hatten nur
leichte Säbelhiebe erlitten. Ngohs rechter Arm war bis auf die Schulter
zerschmettert. Der feine Mann hielt sich mühselig aufrecht, suchte sich für
den Endkampf zu üben im Schwingen des Beils mit der linken Hand.
Unbeschreiblich innig hingen Brüder und Schwestern zusammen. Die Freunde
von der Weißen Wasserlilie schienen verschwunden; unter der Schwere der
letzten Ereignisse hatten sie sich aufsaugen lassen von den Wahrhaft
Schwachen. Die frommen Lieder von der Fahrt zum Westlichen Paradies
schallten über die Mauern. Es wogte die freudige Stimmung.
Unter den Frauen befanden sich manche, die glaubten, die Entsetzen einer
Schlacht nicht noch einmal ertragen zu können. Diese waren es, die sich
feierlich auf dem Markte erhängten, am zweiten Tag der Belagerung.
Der Geist einiger Brüder verwirrte sich, als sich erkennen ließ, daß die
Umzingelung der Stadt durch unermeßliche Truppenmassen vollkommen war und
daß es auf ihre Ausrottung ging. Sie tanzten nackt auf den Straßen,
jauchzten mit markerschütternden Stimmen. Sie wüßten den wahren und guten
Weg und den tanzten sie. Geheimnisvoll schlichen sie sich über die Plätze,
sanken mit geschlossenen Augen über den Boden und röchelten im Delirium.
Manche von diesen Männern brachten sich Wunden an den Armen und Lippen bei
mit spitzen Steinen wie Fopriester; faßten, mit weißen Augäpfeln wandelnd,
träumende Frauen bei den Händen an, und unmittelbar an Entrückungen, in
Entrückungen erfolgte die Brunst der Umarmungen, die niemand verachtete.
Ein kleiner Teil der Eingeschlossenen sah schief, mißtrauisch, gehässig auf
die andern, konnte sich nicht zur letzten Hingerissenheit entschließen,
dachte irgendwie zu entweichen, die Bündler zu verraten. Dies waren die,
welche viel auf den Höfen weinten, alle Stunden auf die Mauern krochen,
gramvoll winselnd die Bewegungen der Kaiserlichen verfolgten. Dann horchten
sie wieder alle aus, stopften sich in das Gedränge der Märkte und quälten
sich über ihre zuckenden Gesichter die festliche Ruhe der andern zu
spannen.
Hie und da vollendete sich in aller Raschheit ein Sonderschicksal. Ngoh
hatte das Wu-wei gesucht, um für sich Frieden zu gewinnen. Es bedeutete ihm
Qual, als die Verfolgungen begannen, daß er sich an der Führerschaft
beteiligen mußte. Mit halbem Herzen ging er in die Schlachten und war
glücklich in der Betäubung des Gewühls. Seine Abneigung gegen die Rote
Stadt verdichtete sich mit dem Haß auf die Mandschus, die ihm die Kämpfe
aufzwangen. Kaum einer aller Wahrhaft Schwachen hegte zuletzt einen so
unbändigen Haß auf den Kaiser als der ehemalige Hauptmann Ngoh. Allein
gelassen, von seinem Haß befreit, da der Untergang herannahte, saß er in
Lint-sing. Er hörte trübe die abgestandenen Lieder seiner Freunde, sah sie
in einer großen Entfernung von sich gehen. Die Erinnerung an den Kaiser, an
die Wanderung mit Ma-noh, an seinen geliebten Knaben wachte auf und alles
ohne Gefühl. Sein rechter Arm war zerschlagen; er übte den linken und
bemerkte heimlich, daß es gleich war, ob er mit dem Beil gegen Holzpfosten,
gegen Kaiserliche oder gegen sich selbst schlüge. Die Gespräche und
Gesellschaft der Brüder suchend fand er nicht zurück. Er fragte sich, ob es
nicht eben so gut gewesen wäre, seinen Knaben weiter zu lieben und neue zu
lieben, und fühlte sich so heftig in diese Vorstellung hinein, daß er in
geträumter Zärtlichkeit zerfloß, ja mit einer angstvollen Begierde sich
diesen beglückenden verschollenen Gestalten näherte, bittend ihm zu
verzeihen, weil er so lange ferngeblieben war, keine Parfüms, kein Konfekt
brachte. Er dämmerte so ganze Tage herum. Die Gelbe Glocke fand ihn matt
und in hohem Fieber. Der Offizier ging in Erschütterung von dem Kranken;
diese Blicke tauchten schon in die letzte Dunkelheit ein. Als Ngoh in dem
leeren Zimmer, das man ihm eingeräumt hatte, sterben sollte, tastete er
schon zwischen den Frösten und Farbenblitzen nach den feinen Knien und
Ohren seines Knaben, sperrte sich gegen das rieselnde Wu-wei mit
krampfenden Kiefern, suchte sich bald mit Skepsis, bald mit Ungeduld
zurecht zu finden, irrend, stammelnd, ganz still.
Das Heer, dezimiert, gänzlich erschöpft, war verloren. Dieser Rest durfte
die letzten Tage Wang-luns miterleben. Von Nan-ku klang unter diesen
Bündlern kaum noch ein Gerücht. Als Wang ihnen sagte, daß er von einer
großen Wanderung zu ihnen zurückgekehrt sei, von Nan-ku über das Hia-ho
nach Lint-sing, da wußten sie gut, wer er war und daß es sich lohnte, für
das Wu-wei gelebt zu haben und in das Westliche Paradies einzugehen.
In der ersten Stunde des Nachmittags, an dem sie in die Stadt getrieben
waren, zog Wang-lun, blutend am Hals, schweißtriefend, zitternd die Gelbe
Glocke in den leeren Hof eines Hauses, umarmte ihn stürmisch, stotterte
außer sich, mit leuchtenden Augen: »Bruder, wir sind besiegt. Es ist zu
Ende. Bruder, die Tore sind zu. Wem soll ich danken?«