»Seufzen kann man, wüten, brüllen, wenn man nur weiß, wo man hält. Es kann
mich einer umbringen, ohne daß ich wüßte, ob er recht oder unrecht tut.«
»Ich habe das nicht verschuldet, Wang.«
»Im Hia-ho, was machen sie jetzt? Meine Frau -- wohnt bei ihrer Sippe;
meinen Namen wird sie schon wissen; sie wird nicht viel nach mir jammern.
Das ist noch gut. Sonst liegt auch im Hia-ho etwas, das nach Jahren kommt
und sagt, ich müsse kommen, weil irgend etwas von mir noch nicht fertig
ist. Immer liegt irgendwo so Wolken, Wasser, Unbestimmtes, das nach Jahren
sich besinnt und mich haben will.«
»Wang, hat dich einer geholt?«
»Es ist gleich; ich bin gekommen. Die Mühle stand so. Ma-noh hatte es noch
nicht fertig gemacht. O wie habe ich diesen Mann beneidet; er war kein
Priester; er hatte viel mehr Mut als ich, obwohl er kein Schwert angerührt
hat. Ich diene. Er hat rasch alles getan, während ich lief, Hilfe suchte,
die Wasserlilie anrief. Seinen Bund geschlossen; gelitten, was ich voraus
wußte; dann den Sprung getan, sein Königreich gegründet. Es ist schon alles
geschehen.«
»Wir werden alle untergehen und unsere Westliche Heimat gewinnen.«
»Ich möchte noch einmal nach Nan-ku gehen oder nach Tsi-nan-fu und mich
besinnen.«
Wang blitzte Ngoh an: »Oder ich versuch es doch? Wer weiß vorher, was
möglich ist? Die Fische springen eben hoch und gleich ersticken sie im
Netz. Ma-noh war vielleicht nicht gut; man muß Waffen tragen, Pferde haben,
Städte haben.«
»Ja, so, so hast du recht, Wang. Wolken und Wasser sind Unglück. Wir
brauchen Hoffnungen.«
Wangs Oberlippe zuckte böse. »Feinde brauche ich, Ngoh, -- will ich, will
ich. Ich ersticke noch nicht im Netz. Ich tu dem Kaiser nicht die Freude.
Der Kaiser ist der Feind. Man läuft nicht nach dem Westlichen Paradies wie
ins Theater. Ich hab es mir zu leicht gedacht. Die Westliche Heimat liegt
auf dem Kun-lungebirge hinter Klippen und Eis, oberhalb aller Wolken und
Wasser!«
»Ja, das ist alles gut.«
Näher trommelte das Lachen unter Wangs Stimme. »Hinter Pe-king liegt das
Westliche Paradies. Wir sind so viele, das ist unser Unglück gewesen. Wären
bloß du und ich und zehn andere, so wäre uns nichts geschehen. So waren wir
Tausende und Tausende sind schon tot, und der Kaiser hat Angst vor all den
Schatten. Daß sich aus seinen Provinzen Tausende zusammenballen und dem
Wu-wei angehören wollen, frißt ihm an der Milz. Und mir speist es das
Herz.«
Er prustete schadenfroh, schallend heraus. Er stocherte dem träumerischen
Ngoh vergnügt in die heißen Backen, unter die ratlosen Augen, sang aus
offenem Halse durch das Haus.
Bei den folgenden Kämpfen wurden die Wu-wei-Anhänger rasch dezimiert. Diese
Wahrhaft Schwachen waren die tollkühnsten Soldaten, die ihrem Drange zu
sterben nicht widerstehen konnten. In währender Schlacht erschlug Wang
Ängstliche. Sie düngten den Boden für das heilige Reich.
Wang schwankte nicht; kalt und sicher ging er vor; nur hintertrieb er an
manchen Tagen, an denen er ohne Spannung schien, die Aufnahme anziehender
Haufen ohne Grund, um seine Anordnung freilich später zurückzuziehen. Ein
Mädchen, das ihm bei einem Dorf das Leben rettete, indem sie ihn auf einen
Bauer aufmerksam machte, der aus einem Fenster nach ihm seinen Bogen
richtete, nahm er auf seinen weiteren Zügen mit. Ob sie seine Geliebte
wurde, wußte man nicht. Das angenehme, nicht gerade schöne Bauernmädchen
hatte eine naive Zutraulichkeit. Wang schien sich sicherer zu fühlen, wenn
sie in der Nähe war. Man wunderte sich zwar über diese Regung, aber er
erklärte mehrmals, er müsse etwas für sich tun, um die nächsten Monate
durchzuhalten; sie sei sein Amulett. Aber einige behaupteten doch bald, daß
er schwach gegen sie war. Man wußte in diesen Wochen nie recht, wessen man
sich von ihm zu versehen hatte; der Wind blies aus dieser, aus jener Ecke.
Sechstausend Mann zogen aus Ho-kien unter Wang-luns Führung, Reiter und
Fußsoldaten. Und während sie, von dem Volk auf den Äckern gegrüßt,
nordostwärts gegen eine große Abteilung Chao-hoeis marschierten, stießen
starke Haufen von Süden und Norden zu ihnen.
Wang-lun schwang entzückt die Hände: »Sie kommen wie die Ratten aus ihren
Löchern heraus,« sobald die Trommeln von weitem sich näherten, »ich habe
eine Tasse Wein umgestoßen; jeden Tropfen hol ich mir wieder. Ich habe
einen schuppigen großen Drachenleib, den ich hundert Li weit hinter mir
herziehe. Bis ich meine schöne warme Höhle gesucht habe!«
Der Ungestüm ihres Angriffs bei Pau-ting war beispiellos. Hunderte Frauen,
meist Schwestern, mischten sich in den Kampf, schossen Pfeile, hetzten,
warfen brennende Scheiter, gossen Eimer siedenden Öls. Sie liefen mit
großen schwarzen Fahnen, die das Mingzeichen trugen, über die Gräber und
Bodendeckungen hinauf; die Kaiserlichen mußten sie würgen, gliedweise wie
Eidechsen von sich abschlagen. Sobald man in Nahkampf kam, war die Schlacht
entschieden, die Ilisoldaten fanden ihre Meister. Das war ein schauerliches
Wüten. Diese Wahrhaft Schwachen schlugen sich entmenscht; das Bestialische
ihres Aussehens, ihrer Katzen-, Tigermalereien flößte Entsetzen ein. Als
das Dorf, das den Rücken der Kaiserlichen deckte, plötzlich helles Feuer
schnaubte, ohne daß eine Umzinglungsmannschaft bemerkt war und das heisere
Kreischen der Weiber auch vom Dorf anraste, wurden die Kaiserlichen
zwischen zwei Mühlsteine gequetscht und bis auf wenige von den Katzen,
Tigern und Weibern zerrissen.
Bei dem Schmaus nach der Schlacht toste statt der Lieder rauchendes
Gelächter auf Gelächter. Die Männer ahmten das Kreischen der Weiber nach,
die Weiber schrien, kochten und aßen die Lebern von Brüdern und Feinden, um
sich Mut zu erhalten.
Die Woge dieser Menschen hob sich vom Boden und wollte auf Pe-king rollen.
Der Kern von Chao-hoeis Truppen stand nördlich der Hauptstadt; ihre
Heranziehung vor dem Andringen der Wahrhaft Schwachen war nicht mehr
möglich. Die nördliche Residenz mußte sich auf ihre Bannertruppen
verlassen.
* * * * *
Khien-lung hatte Boten an Chao-hoei, an den Tsong-tou von Tschi-li
geschickt. Die ahnungslosen Leute wurden von den Rebellen abgefangen, die
zu einem Teil sich nicht der Hauptmasse Wangs anschlossen, sondern von den
Führern der anmarschierenden Armee orientiert den Nordwesten und Nordosten
auf eigene Faust unsicher machten. Der Krieg unterschied sich in keiner
Weise von früheren Rebellionen; die Grausamkeiten auf beiden Seiten
überboten sich; nur die Raschheit des revolutionären Vorgehens und der
Umstand, daß überall zuerst die Behörden abgeschlachtet wurden, war
einigermaßen bemerkenswert.
Die wichtige Verbindung zwischen der Rebellenarmee und den heimlich
revolutionären Garden bei Pe-king wurde von Ngoh hergestellt. Der Kriegsrat
drang zwar darauf, daß Wang-lun sich seiner unvergleichlichen Gewandtheit
zu dieser Aufgabe bedienen sollte, aber nach einigem Zögern lehnte Wang es
ab. Wie überhaupt bei ihm eine gewisse Lässigkeit und Schwerfälligkeit, die
freilich nur der Näherstehende bemerkte, deutlich hervortrat und einige
Gildenführer irre machte. Sie konnten nichts damit anfangen, daß Wang sich
manchmal mit einer trüben gelangweilten Miene von den Übungen der Truppen
entfernte, den Befehl einem der signierten Offiziere abgab und sich selbst,
die Wasserpfeife rauchend, nervös mit anderen in ein Zelt zurückzog. Er
erzählte seinen Freunden schmachtend in ewigen Wiederholungen von Ma-noh,
wie groß der angestiegen wäre, in der Tat bis zu seinem Ende ein Wahrhaft
Schwacher; er unterschlug die sichere Tatsache, daß Ma-noh von einem
gemeinen Soldaten erwürgt war, und rühmte, wie rasch der Tod alle
hingerafft hätte. Welcher Wahrhaft Schwache wohl jetzt noch den Mut hätte,
das zu ertragen, was die Brüder der Gebrochenen Melone erduldet hätten. Wie
unverständlich, bewundernswert war die Sicherheit Ma-nohs, ja bis zu seinem
Ende. So und ähnlich redete Wang öfter. Und dann träumte er pfeiferauchend.
Die kleine Geliebte mußte vor ihm die Laute schlagen oder ihn angaffen; er
duldete nicht, daß man sie wegwies; sie mußte, so peinlich es den Führern
war, auf einen Einfall Wangs bisweilen während einer Beratung in das Zelt
oder Haus gerufen werden und sich ihm gegenüber setzen.
Ngohs Unterhaltungen mit der Gelben Glocke wurden unbemerkt bei Pe-king auf
dem schönen Begräbnisplatz der Prinzessin Fo-schon-kung-chu am Kanal
geführt. Ngoh und der Offizier promenierten harmlos unter den Menschen
zwischen den weißen Stämmen der Fichten. Wo die Allee der marmornen Tiere
und Männersäulen zum Mausoleum der Prinzessin führte, bogen sie um.
Die Gelbe Glocke hatte die Raschheit und den Umfang des schon errungenen
Erfolges nicht erwartet; aber es war innerhalb der Roten Stadt und
außerhalb alles von ihm vorbereitet. Er verlangte begierig, mit Wang-lun
zusammenzutreffen; Ngoh empfand wieder die große schlichte Sicherheit, die
der Offizier ausströmte, deren Ungebrochenheit noch Wangs zu übertreffen
schien.
Ngoh erfuhr aus dem Bericht der Gelben Glocke, mit welcher Berechnung er
sich der Leute bedient hatte. Da war die Frage der Öffnung der beiden
Westtore der Purpurstadt schwierig gewesen; die beiden hier wachthabenden
Offiziere, selbst einer kaiserlichen Nebenlinie entstammend, konnten mit
den revolutionären Plänen in keinem Fall vertraut gemacht werden. Die Gelbe
Glocke hatte beide Soldaten über ihre Liebe zu Weibern stolpern lassen.
Es hatte sich ihm nämlich ein außerordentlich kluges und schönes Fräulein
aus dem Hause eines Richters genähert, der ihm verwandtschaftlich nahe
stand. Das unverlobte Mädchen ließ dem schweigenden, stets ernsten Offizier
in nicht hergebrachter Art Briefe und Bücher durch ihre Dienerin
überreichen, bei ihren Ausfahrten mit der Dienerin wußte sie, die sonst die
größte Zurückhaltung beobachtete, es einzurichten, daß ihre Sänfte in die
Nähe des Jamen der Gelben Glocke kam, dem auch dies nicht entging. Das
Fräulein, die Enkelin jenes Richters, war nach dem Tode ihrer Eltern von
ihm zu höchster Sittenstrenge, zu einer eisigen Kälte erzogen worden. Da
der einsame Beamte wünschte, die Enkelin bei sich zu behalten zu seiner
Pflege, hatte er ihr von früh auf eine tiefe Abneigung gegen junge Männer
eingeflößt. Er ließ sie sorgfältig unterrichten, hielt sie aber auch von
Altersgenossinnen fern, so daß sie aufblühend zu einer aparten Schönheit
nur Bediente des Hauses und fünf, sechs Herren und Damen kannte. Sie
lächelte eitel, wenn sie mit ihren Puppen und Tieren spielte, lebte ganz in
Musik, in Büchern, in der Ehrfurcht vor ihrem Großvater.
Die Gelbe Glocke, von dem alten Beamten oft empfangen, und ihr begegnend,
setzte sie in Verwirrung. Eine intensivere Beschäftigung mit den Puppen,
eine leidenschaftliche Vertiefung in philosophische Literatur folgte.
Unaufgefordert dankte sie oft ihrem Großvater für die gute Erziehung. Es
wechselten die Neigung zur Einsamkeit und zu weiten Ausflügen; sie führte
einen unverhohlenen Stolz spazieren; sie blickte hinter ihren Schleiern und
Tüchern aus der Sänfte auf andere Damen und fühlte ein Gemisch von Abscheu,
Haß und Spott. Sich selbst betete sie an, ja in dem kleinen Silberspiegel,
den ihre Mutter zurückgelassen hatte, schaute sie sich mit Entzücken und
fieberhafter Erregtheit an; sie streichelte ihr Haar, küßte sich im
Spiegel, ja sie warb um sich, erhörte sich, lehnte sich ab. Sie führte
Wiedersehens- und Abschiedsszenen vor dem Spiegel auf, bei denen sie in
heftiges Schluchzen ausbrach, so daß ihre Dienerinnen davon dem Richter
mitteilten, dem sie erzählte, sie trauere um die tote Mutter, die ihr
manchmal erschiene. Der alte Herr schüttelte dazu den Kopf, sprach von
einer absurden Mädchenschrulle und veranlaßte die Dienerinnen, oft mit ihr
Boot zu fahren, ins Grüne zu gehen, die Theater zu besuchen.
Sehr widerstrebend ließ sie sich zu solcher größeren Lebendigkeit bringen;
aber sie entwickelte bald auf ihren Ausflügen ein derart unterhaltsames
Wesen, daß die Dienerinnen dem Richter die freudigsten Berichte machen
konnten. Das Fräulein übte eine sehr spitze Zunge; sie mokierte sich über
all und jedes und äußerte sich in einer Form, so daß die Begleiterinnen
nicht aus dem Lachen herauskamen. Sonderbar war, wie fein das junge Mädchen
den Dienerinnen ihre grobe Ausdrucksweise abhorchte, wie sie auch auf den
Spaziergängen mit besonderem Behagen die primitiven Äußerungen des Volkes
am Wege beobachtete und aufnahm, ihre witzigen bissigen Reden mit so
gefundenen vulgären Derbheiten untermischte. Vor dem Großvater schwieg sie
von solchen Dingen oder verteidigte eine ihr gelegentlich entfahrene
Wendung, so daß er sich den Bart strich und lachte. Sie küßte sich nach der
Heimkehr von den Ausflügen vergnügt und herzhaft im Spiegel ab; es geschah
aber dabei, daß sie sich bespöttelte, verrückt schalt, tiefsinnig
überlegte, wie merkwürdig Menschen sein können. Sie sann halbe Stunden lang
vor sich hin und trauerte nun wirklich plötzlich um ihre Mutter, die eine
ruhige gute Frau gewesen sein mußte. Sie geriet in den Drang, von der
längst toten Frau zu erfahren. Sie erforschte einiges über sie bei dem
Großvater; als der aber nur Banales und nichts Günstiges erzählte,
belästigte sie ihn nicht wieder damit, war beleidigt und verehrte ihre
Mutter heimlich um so andächtiger. Unter diesem Gefühl nahm sie eine
gemessenere Haltung an, witzelte auf den Ausflügen von oben herab, wiegte
sich in elegischen und pathetischen Empfindungen.
Um diese Zeit wurde die Gelbe Glocke wieder öfter Gast im Hause des
Richters. Das Fräulein nahm mit einem gewissen Mißtrauen gegen ihn an
manchen Unterhaltungen teil. Er sprach nicht viel, immer in seiner
gewählten Höflichkeit; wenig Notiz nahm er von der jungen Dame; denn die
schöne Liang-li aus Schön-ting war tot und er war ohne sie.
Da drang eines Tages nach einem Besuche das Fräulein stürmisch auf den
Richter ein, verlangte, die Gelbe Glocke in Zukunft abzuweisen, er sei
schamlos zu ihr gewesen. Auf die erstaunte Frage des Mandarins, wo und wann
und womit, antwortete sie eben, bei dem Besuch, durch seine ganze Art. Die
Gelbe Glocke tue bloß traurig und streng; der Mann sei hinterlistig, so
viel Menschenkenntnis hätte sie schon; er suche sich durch sein Auftreten
in besonderes Licht zu stellen; sie empfände dies Verhalten als frech und
wolle ihn nicht mehr sehen. Der Mandarin wies sie energisch zurück,
freilich freute er sich innerlich, weil seine Enkeltochter so große
Abneigung gegen Männer offenbare, und lud die Gelbe Glocke nur noch in
Abwesenheit des Fräuleins zu sich.
Als diese aber sah, daß sie ihren Willen durchgesetzt hatte, fand sie ihren
Groll auf die Gelbe Glocke nicht nachlassen, stellte es in Gesprächen mit
ihren Dienerinnen so dar, als ob er sich vor ihr geflüchtet hätte -- aus
einem Grunde, den sie nicht angab; und kam bei ihren Ausflügen auf den
Gedanken, ihm nachzustellen, ihn durchzuziehen und ihr Mütchen an ihm zu
kühlen. Die Vorstellung: ihn durchzuziehen war in ihr besonders lebendig,
wobei sie sich die Gelbe Glocke vorstellte als einen Aal, den sie mit der
Hand am Kopfe faßte und rasch über einen sumpfigen Boden zog. Sie erzählte
einmal, der Offizier hätte ihre Mutter beleidigt; man solle es ihr glauben;
sie würde ihn dafür hassen.
Die mannigfachen mädchenhaften, oft boshaften Scherze, die die Gelbe Glocke
nun jetzt von ihr erfahren mußte, berührten ihn wenig. Er hätte nicht
gedacht, wie wenig Sorgfalt der alte Mandarin auf die Erziehung seiner
Enkeltochter legte. Erst als die Spitzen manche Feinheit erkennen ließen,
er Bücher über vorgeschriebene Gesellschaftsformen empfing, ihm zugleich
auffiel, daß das Fräulein sich nicht mehr an den Empfängen beteiligte,
wurde er nachdenklicher. Dies war die Zeit, wo er sich mit Ngoh zum
erstenmal über den Beginn der Rebellion unterhielt und in der Umgebung der
Hauptstadt Maßnahmen traf.
Die Späße des sonderbaren Mädchens reizten und beschäftigten ihn. Er konnte
nicht leugnen, daß er, inmitten der gefährlichen Vorbereitungen, mit einer
gewissen Teilnahme ihre Sprünge verfolgte. Er pflegte seine Mahlzeiten, da
er unverheiratet war und keiner Pe-kinger Sippe angehörte, an wechselnden
Orten einzunehmen, in städtischen Restaurants, bei schöner Witterung auf
den Blumenbooten, in Wohnungen befreundeter Offiziere. Das Treiben der
Besucher öffentlicher Lokale, die spielerischen und zweideutigen
Unterhaltungen mit den bedienenden Mädchen, stießen ihn ab.
Eines Tages bemerkte er in einem eleganten öffentlichen Restaurant die
besondere Lebhaftigkeit der Gäste, das helle Lachen und Schwatzen,
erblickte drei neue Dienerinnen, erkannte zu seinem Schreck die junge
Enkeltochter des Richters, die seit Wochen geschwiegen hatte, und ihre
beiden Begleiterinnen. Sie tat, als sähe sie ihn nicht, bediente ihn nicht
und dann aus dem Schwarm der kokettierenden Herren zu ihm hinspringend,
fragte sie ihn barsch nach seinen Wünschen, mit einem wilden Blick über ihn
fahrend. Er bestellte seinen Wein; sie schickte ihm Kanne und Tasse durch
eine Dienerin, schäkerte weiter mit einer Gewandtheit, als wenn sie täglich
den Umgang junger Elegants genieße, verabschiedete sich aber plötzlich
nervös von den verblüfften Herren, denen der Wirt erklärte, daß sie nur
gelegentlich zur Aushilfe einspringe.
Die Gelbe Glocke, schwermütiger als sonst, kehrte noch zweimal an den
nächsten Mittagen hier ein. Am zweiten Tage setzte er sich allein in einen
abgeteilten Winkel des Restaurants, sie stolzierte; er bestellte Wein für
sich und eine Dame. Sie blieb starr am Tisch stehen, beugte sich über die
Platte zu ihm herüber, fragte noch einmal: »Eine Dame?« Dann halb
ohnmächtig, während ihre Augen erloschen: »Pfui, pfui«. Und wollte zu ihrer
Sänfte stürzen, zu Hause ihre Wut und Scham auswürgen, ihren Spiegel
zerschmettern und reuevoll sich vor den Großvater hinwerfen. Aber die Gelbe
Glocke hielt den Ärmel ihres grünen Obergewandes; sie zitterte, weinte,
sank hilfewimmernd, bittend, ihr nichts zu tun, auf die Bank neben ihm, wo
er längere Zeit freundlich und sanft zu ihr sprach; ihr fein bemaltes
Gesicht lag auf der hölzernen weinbefleckten Tischplatte.
Sie ging schließlich, sich mühsam schleppend, gebrochen hinaus, mit
schlaffen leeren Gesichtszügen.
In dem Restaurant traf der Offizier sie nicht mehr. Öftere Besuche bei dem
Richter waren erfolglos; sie zeigte sich nicht. Die Empfindung der
Gerührtheit über das kapriziöse kleine Wesen bedrückte ihn; die geheimen
kriegerischen Vorbereitungen ließen alles zurücktreten.
Und mitten, während er in der schwierigsten Arbeit der Gewinnung neuer
Offiziere stand, erschien sie auf der Bildfläche mit höhnischen Briefchen.
Seine erste Verstimmung über diese unerwartete Art der Annäherung überwand
er. Als ihre Sänfte sich in der Nähe seines Jamens zeigte, ritt er heran,
ging, abgesessen, grüßend und plaudernd neben der jungen Dame, die sich
drin auf den Polstern witzelnd und lachend rekelte, dabei ihn dauernd
scharf beobachtete. Die Gelbe Glocke steckte schließlich den Kopf hinter
den roten Vorhang, flüsterte, indem er die Zurückprallende ernst anblickte,
er müsse sie unbedingt und eilig sprechen; er hätte sie um Hilfe zu bitten;
es handle sich um eine Sache von der größten Wichtigkeit für ihn.
Bei dem heimlichen Besuch, den sie bei Anbruch der Nacht in seinem Jamen
machte in Begleitung ihrer Dienerinnen, erklärte er ihr ohne Umschweif
seine revolutionären Pläne, zeigte seine Kartenskizzen, den Gang der
Operationen. Das Fräulein, mit großem Ernst folgend, tat sachgemäße Fragen.
Er entwickelte ihr die Schwierigkeit des Eintritts in die Rote Stadt durch
die Tore von Westen; und man könne nur durch diese Tore eindringen, weil
der Eintritt durch die östlichen und südlichen Tore eine Umzinglung der
gesamten Purpurstadt nötig mache, was eine Zersplitterung der nicht sehr
zahlreichen Mannschaften zur Folge habe. Auf die beiden Wachtoffiziere
kommend, erzählte er mit Vorsicht von deren Eigenheiten, der Unmöglichkeit,
sie in die Revolutionspläne einzuweihen; bemerkte nebenbei, wie eitle
Gesellen das wären, Schürzenjäger schlimmster Sorte. Das Fräulein,
nachsinnend, lächelte bald, und er nahm ihr Lächeln auf, und so brachen
beide in vergnügtes Lachen aus, sie schmetternd, er weich unter Dämpfung.
Aber es gab dann eine große Pause, wo sie mit tränenden Augen auf ihrem
Stuhl saß, nicht antwortete und nur bat, sie hier sitzen zu lassen. Der
Offizier ging von Wand zu Tisch, von Tisch zu Wand, machte sich Vorwürfe
über seine Roheit, nahm entschlossen die Papiere weg, erklärte ihr leise,
er hätte sie nicht kränken wollen, dies alles solle nicht geredet sein. Das
Fräulein stand ernst auf, lehnte solch Mißverstehen ihrer begreiflichen
Ermüdung ab; sie fühle sich übermäßig geehrt durch sein Vertrauen, dessen
sie sich wert zu erweisen hoffe; fragte wieder nüchtern nach Einzelheiten,
nach den Wahrhaft Schwachen, Wang-lun, sagte, sie wolle sich noch morgen
einen Plan aushecken und ließ den unruhigen Offizier, der nicht mit sich
fertig wurde, allein.
Und schon am nächsten Tage begegnete er wieder ihrer Sänfte. Sie prunkte in
einem reichen, mit Fasanen bestickten blauen Kleid, Bänder aus grüner Seide
fielen von den Schultern und aus dem Gürtel; auf dem klugen Kopf erhob sich
das helmförmig getürmte schwarze Haar. Ihre Augen trauerten ihn an; sie
wolle ihm beweisen, daß sie auch anderes leisten könne als zynische Briefe
schreiben. Es gelang ihr in der Tat, in wenigen Tagen das Entzücken der
beiden Offiziere zu gewinnen. Einmal war sie Tänzerin, das anderemal
verlassene Ehefrau; das Fräulein hielt die beiden verliebten Gesellen
völlig in der Hand.
Nachdem Ngoh von der Gelben Glocke über den Stand der Vorbereitungen
orientiert war, Pläne über die gemeinsame Besetzung Pe-kings ausgetauscht
waren, gaben sie ihre Spaziergänge unter den Fichten des schimmernden
Begräbnisplatzes auf. Ngoh riefen Eilboten zurück. Die Heere der Weißen
Wasserlilie und Wahrhaft Schwachen setzten sich in Bewegung.
Glühende Hitze in den nördlichen Provinzen, als sich die rachegeschwellten
Massen der Rebellen gegen Pe-king anwälzten. Die Dürre verbreitete
Entsetzen. Auf ihrem Wege begegneten sie Prozessionen von Bauern, die aus
den Dörfern ins Freie zogen, um Regen zu erbitten. Vor den kleinen
Bauerntrupps lief ein Mensch, der einen grünen Helm bis über den Schädel
gestülpt hatte, ein grünes Holzschild auf dem Rücken trug. Von Zeit zu Zeit
machten alle Halt auf den graubepuderten Feldern. Der kostümierte Mann, der
den Regengott darstellte, stützte sich wie erwischt auf zwei kolbige Stäbe,
ähnlich den Fühlhörnern einer Schnecke. Und nun überfielen die Wütenden
ihn, berieselten ihn mit Wasser aus Gießkannen, mit Jauche, schlugen auf
das krachende Schild mit Flegeln und Mistgabeln. Manche solcher
Bauernhaufen zogen direkt von der Prozession in den Aufruhr, sie gaben dem
Kaiser die Schuld für die schwere Dürre.
Kanäle schlängelten sich wie leere Därme, mit trockener, schmierigfauler
Höhlung durch die Landschaft. Die Blätter der Laubbäume rollten sich,
hingen braun, fahl über den tonig zerriebenen Feldern, es dampfte aus
brühwarmen Bächen, auf denen sterbende Fische trieben, Maul und Kiemen
sperrend.
Die erhitzte Platte der Felder dumpfte unter den Schritten der Soldaten.
Die bunten Schwärme hasteten aufgelöst über die tote Ebene. Voran flohen
die schwarzen anklagenden Fahnen. Das heiße Element überholte sie; ringsum
stiegen die Häuser in Flammen auf. Hingeworfen lagen die Soldaten vor
Pe-king südlich des Flüßchens Liang-choei. Das herrliche Kloster
Tsin-tai-tse jenseits des Hun-ho, den Lieblingsaufenthalt des Gelben Herrn,
erfüllten sie, gröhlten über die roten Mauern nach Pe-king herüber,
zwischen den Eichen und Ligustern des alten Jagdparkes suchten sie
Schatten.
Chao-hoei rückte in Eilmärschen näher. Der kleinste Teil seiner Soldaten
kam von der Stelle, kein Proviant zu beschaffen, Wege verbarrikadiert,
durch Steingeröll, Rebellenhaufen täglich im Rücken und in den Flanken.
An dem Tage, an dem die Mauern der südlichen Stadt Pe-kings von den
siegreichen Truppen Wang-luns erstürmt wurden, saßen Khien-lung und
Kia-king im Tsien-tsang-kung, dem privaten kaiserlichen Palast der Roten
Stadt, und hörten schweigend die unerhörte Musik der brüllenden Schreie aus
dem Chinesenviertel.
Khien-lung, abgemagert, leicht gebückt im gelben Kleid auf den Ruhepolstern
am offenen Fenster: »Als der Taschi-Lama riet, die religiösen Sekten zu
dulden, Schonung zu üben, wußte ich nicht, ob ich recht tun würde im Sinne
meiner Ahnen. Als die Minister und Zensoren zusammenkamen und die Prinzen
der ersten Ordnung neben mir standen, verfaßten wir das Edikt, das die
Sekten zerschneiden sollte.«
Kia-king, den Blick auf dem Boden, murmelte: »Es ist recht. Wir haben gute
Mauern. Chao-hoei ist bald da.«
»Die Schreie kommen über die Mauern. Es muß Gerechtigkeit geben, Kia-king.
Es liegt nicht an meinem Leben. Ich muß gerecht sein. Wäre es vielleicht
besser nachzugeben?«
»Wenn ich meinen Vater anflehen könnte, sich nicht wieder und wieder in die
Beklemmungen zu stürzen.«
»Ich bin ganz ruhig, Kia-king. Wir wollen das nur einmal durchsprechen, es
wird dich belehren.«
»Mein Vater hat dem Himmel zu jeder Zeit geopfert, den großen Ahnen
nachgeeifert, ihnen geräuchert an den vorgeschriebenen Tagen, das Volk ist
aufgeblüht.«
»Das Volk ist nicht aufgeblüht. Mein Volk ist nicht mehr friedlich, denn es
ist nicht mehr glücklich. Sieh die Flammen nördlich dem Ackerbautempel: so
schlimm opfert mir das Volk. Das Volk lieben --?«
»Sie haben für das Volk so Ungeheures, Beispielloses getan, daß ich nicht
den Mut habe, eine Regierung, die kommen wird, mit Ihrer zu vergleichen.«
»Worte, Kia-king, Worte. Die Masse denkt anders. Ich habe das Gesicht
verloren. Meine Zeit ist um.«
»Der Mörder Wang-lun bringt die Mings wieder herauf, die Mings!«
»Das ist lachhaft. Du wirst nach mir regieren. Ich frage nur, ob ich dem
Augenblick genug tue, wenn ich, ich zurücktrete?«
»Vater, ich habe Sie angefleht. Wie soll ich nach Ihnen regieren können,
ich ohne Verdienste, ohne Geist, ohne literarische Ehren, unfähig den Bogen
zu spannen, das Pferd zu besteigen, nach Ihnen, und Sie sollen nicht genügt
haben.«
»Wie diese Chinesen brüllen.«
»Es scheint Jubel zu sein. Das sind Böllerschüsse. Da -- Raketen.«
»Damit wir sehen, Kia-king. Ein tolles Volk. Kein Gehirn.«
»Ich werde die Fenster schließen, die Vorhänge ziehen, Vater.«
»Laß nur, mich stört das nicht. Es ist lehrreich. Du mußt diesen Augenblick
gut miterleben. Wir kommen nicht oft in die Lage, den Menschen so nah ins
Gesicht zu sehen. Es werden die Mings nicht kommen. Ihr -- ihr Dummköpfe.
Man wärmt keine Kaiser auf. Wie gut, wie zehnmal gut, daß die reine
Dynastie gekommen ist mit den Mandschus. Eisen gehört über euch. Für dieses
Volk gibt es keine Freiheit. Nur Liebe, die durch die Straßen marschiert
mit dem krummen Säbel am Gürtel.«
Khien-lung stand am Fenster mit drohend vorgestoßener Faust, Kia-king erhob
sich. Nach einer Pause Kia-king: »A-kui hält die Tatarenstadt. Unsere Wälle
und Mauern sind gut besetzt.«
»Ich weiß, du meinst, sie sind nicht gut besetzt. Es sind genug für die
da.«
»Ob es nicht besser wäre, Vater, vielleicht mehr Truppen von dem
mandschurischen Banner, von den Bogenschützen aus Kirin in die Rote Stadt
zu werfen. Es laufen Gerüchte von der Unsicherheit einiger Regimenter der
anderen Banner.«
»Unsere Banner sind alle gut. Von wo hast du Gerüchte?«
»Ich konnte nichts festes ermitteln. Mein Diener gab mir eine verdächtige
Wachstafel mit Geheimzeichen, verloren in einer Bannerkaserne. Ich habe
herumgefragt, man hat mir sagen können, daß schon sonst gemunkelt wird.«
Khien-lung feixte ihn an: »Gemunkelt. Eine verdächtige Wachstafel gefunden.
Bannerkaserne. Meine Eunuchen sollen besser aufpassen. Weibergeschichten.
Weiter nichts.«
»Immerhin, es beunruhigt --«
»Das merke ich. Es beunruhigt dich.«
»Die Prinzessin und andere Prinzen haben von den Gerüchten gehört. Wenn wir
uns fürchten --.«
»So ist das eure Sache, Kia-king. Prinzessinnen haben sich um die
Verteidigung der Roten Stadt keine Gedanken zu machen. Die Dynastie liegt
auf meinen Schultern.«
Knallte das Fenster zu: »Schließ die Vorhänge, Kia-king. Hitze schlägt
herein. Das Lärmen ist langweilig. Erzähl mir von deinen Pfauen.«
Kia-king blickte ihn fragend an.
»Wieviel hast du jetzt? Hat sich dein Wärter bemüht, Zuchttiere vom Wang
von Turfan zu bekommen? Ich habe sechs außerordentliche.«
Kia-king schwieg. Der Kaiser deklamierte gleichmütig mit strafferer Haltung
auf den Polstern: »Du interessierst dich nicht für Pfauen? Oder jetzt
nicht? Das ist unrecht. Tiere und Bücher sind gleichmäßig gut; sie wechseln
nicht. Die draußen werden schon aufhören zu schießen. Die großen Bewegungen
werden am ehesten matt. Das ist eine rechte Bewegung, dieser Mingaufstand.
Mach dir keine Sorgen, Kia-king.«
Der alte Herrscher ging mit etwas steifen Knien im Zimmer hin und her. An
einem Tisch, der mit Bogen und Büchern bedeckt war, griff er nach einem
Buch, blätterte; seine Stirnfalten stellten sich auf; sein viel
verrunzeltes Gesicht nahm rasch einen vertieften Ausdruck an.
Lesend setzte er sich wieder an das Fenster: »Ja, es ist so. So ist es. Wie
gut, daß es Bücher gibt, die ich selbst geschrieben habe. Ich kann mich
vergleichen, suchen, finden. Ich möchte hin nach Mukden. Wie schön ist es;
ich hab es so beschrieben wie ein Jüngling, der sich die Reize seiner
Geliebten aufzählt; die Berge, die Forsten, die zahllosen Fische in den
Flüssen, der Ta-ling-ho. Die Jagden; ja Tai-tsung sagte: 'Gehen wir
kämpfen! Das ist die einzige Erholung der Mandschus; unsere Gebirge geben
uns eine neue Art Feinde; die Jagd muß uns ein Bild des Krieges geben.'« Er
las weiter; Kia-king leise erhob sich, tastete sich zum Ausgang. Khien-lung
rief ihn an, er lächelte: »Bleib bei dem alten Mann. Er beruhigt dich
vielleicht. Geh nicht zu den Frauen, sonst verlierst du die Haltung.«
Kia-king kauerte hin; der Kaiser betrachtete ihn lächelnd.
Während Kia-king beim Kaiser saß und ihn von neuem vergeblich zu einer
Heranziehung starker Garden nach der Purpurstadt zu veranlassen suchte,
kalt hingehalten und bespöttelt von Khien-lung, herrschte Unruhe zwischen
den Palästen. Das ungewohnte Gemisch von Eunuchen und Soldaten wogte an den
Mauern durcheinander. Die Eunuchen zählten die Soldaten, verstopften sich
die Ohren bei jedem neuen Jubelschrei aus der brennenden Chinesenstadt,
liefen in das Innere der Stadt, um den ängstlichen Damen und Würdenträgern,
die sich hatten einschließen lassen, zu berichten. Viele der
aufgeschwemmten Eunuchen saßen beieinander, angstvollen Herzens,
schwerbewaffnet unter Helmen, Schwertern, Schilden. Manche der älteren
Würdenträger trugen die seidene Schnur oder die feinen Goldplättchen bei
sich, um den leichten Tod zu sterben. Hie und da lief ein gutgelaunter
Soldat mit einem lebenden schwarzen Hahn unter dem Arm herum, zeigte den
schreienden Vogel den rennenden Eunuchen mit der Tröstung, sie sollten
unbesorgt sein; er würde von dem Kammblut dieses dreijährigen Tieres
opfern, um ihre Seelen auf dem Grabweg zu stärken; was sie ihm dafür im
voraus bezahlten? Gegen Abend vor Anbruch der Dunkelheit trug man
Khien-lung an die Mauerstraßen der Purpurstadt; er inspizierte hier eine
Stunde lang die Verteilung der Mannschaften und die Besetzung der
Torwachen. In einer grausamen Ruhe bewegte er sich. Für die Nacht war
Kia-king zum Kaiser befohlen. Fast weinend und außer sich flehte der Prinz,
aufs rascheste mehr Truppen in die Palaststadt zu werfen. Khien-lung wurde
ungeduldig und bemerkte, man dürfe sich nicht vor dem Schicksal verstecken,
wenn es komme, um die Reine Dynastie aufzusuchen. Ob der Prinz daran
zweifle, daß die Mingphantasten sich die Stirne einrennen müßten, müßten!
Und dann quälte er Kia-king mit der Aufzählung der Mannschaften, die so
gering waren.
Wie erwartet begann mitten in der Nacht der Angriff der entfesselten
Rebellen auf die Tataren- und Rote Stadt. Es schien keinerlei Ordnung in
diesem Angriff zu liegen; zu gleicher Zeit hallten die Sturmschreie vor den
beiden Nordtoren, den Toren Te-cheng und An-ting, und vor den drei
südlichen Schun-tschi, Ha-ta und Tschien, das das Einfallstor der großen
Kaiserstraße war. Der Elan des rebellischen Sturms war außerordentlich.
Brechen der Tore, Niederschlagen und Verdrängen der Torwachen beanspruchte
ziemlich kurze Zeit. Auf das anfängliche Zurückweichen der Mandschutruppen
folgte hartnäckiges und erbittertes Festsetzen in Straßen, Kasernen.
Überflutend, ertränkend drangen über Haufen der Gefallenen Rebellenschwärme
durch die angelweiten Tore der Südstadt. Die Massen untermischten sich mit
Händlern, Kaufleuten des Chinesenviertels, die rasch dem siegreichen
Mingbanner folgten.
Die kurzbeinigen plumpschultrigen Mandschusoldaten schlugen sich mit den
riesigen Bauern der nördlichen Ebene, die Rache für die Dürre heischten, in
Kasernenfenster kaltblütig einstiegen, mit wetzenden Dengeln, zischenden
Dreschflegeln, von irgendwoher erschossen wurden. Die gesonderten Gruppen
der Brüder und Schwestern spieen Tod und würgten ihn herunter.
Das blendende Weißrot des Feuermeers im Osten der Tatarenstadt trug in das
Bild die Durchschneidung der Helligkeiten und schwerer Schatten ein. Das
nördliche neue Kornmagazin loderte. Von dem Funkenregen wurde das südlicher
gelegene unermeßliche Reislager befruchtet und gedieh in Minuten zu einer
im Wind tosenden flammenden Riesenmohnblüte. Unter diesen feierlichen
Lichtern wühlten die zuckenden Massen ineinander. Groteskes Zappeln,
Verrenken, Armschwingen, Hüpfen von Silhouetten, gespensterhaftes Rennen
über verschattete Kasernenhöfe und Gassen. Schwirren, Platzen, Prasseln in
überhitzter Luft von allen Seiten, überschüttend die herkömmlichen
Geräusche des Frage- und Antwortspiels zwischen dem Tod und dem
menschlichen Leben.
Über eine Doppelstunde rang man, dann kollerten Mandschus und Rebellen in
die stinkenden nördlichen Gräben vor der Purpurstadt, die kohlschwarz
bewegungslos hinter ihren Mauern wartete.
Die abweisende Starre, in der sie lag, löste sich in dem Augenblick, als
Böllerschüsse vom oberen Nordtor krachten, und als das grelle Licht des
Feuers nicht mehr die Wipfel der Thujen und Zypressen erhellte, sondern
nach Minuten des Schweigens dieser Schein hinkroch zwischen den
angeprallten Stämmen über den Boden, dicht, nah zwischen den Treibhäusern
des nördlichen Blumengartens wanderte. Die Rebellen hatten das obere
Nordtor gebrochen. Sie ergossen ihre verzerrten Gebärden, den Gestank der
Gräben und Gassen in die strenge Kaiserstadt.
Die Karrees der sicheren Garde finsterten hier. Leere Frauenpavillons
bebten unter dem Gestampf der feindlichen Zerstörer. Das kleine östliche
Schatzhaus wurde erbrochen; hier spritzten die Silberbarren, Truhen,
Seidenstoffe die Treppen herunter, die Vasen zerscherbelten ihre gewölbten
Bäuche.
Eingekeilt zwischen der Nordmauer und einer Querwand, welche die
kaiserlichen Wohnungen beschützte, bissen sich die Gegner ineinander fest.
Aus der brennenden Tatarenstadt drang keiner in den vollgestopften Raum.
Kampftolle Weiber erstickten im Torweg.
In die Garden riß voran Wang-lun klaffende Löcher. Er stöhnte, mit seinem
langen Schwert um sich wuchtend. Er arbeitete fast nackt in einer halben
Bewußtlosigkeit, ohne Gefühl seiner automatisch gehobenen und hämmernden
Arme. Von Zeit zu Zeit drängte er sprengend nach hinten, stand, den Kopf
nach vorn gesenkt, schweißträufelnd, beweglos wie ein Bronzestier, in einer
Menschenwoge, die er zerteilte, die Augen blutunterlaufen, die Hände dick
wie in Handschuhen, das Gesicht verschwollen unter einer Lehmmaske. Dann
bogen sich die Scharniere der eisernen Knie, Schultern und Ellenbogen
keilten die Massen auseinander. Der Gelbe Springer blitzte, mischte Blut
mit Blut in dem Mörser des kaiserlichen Blumengartens.
Ngoh, blutübergossen nicht weit von ihm, bohrte mit dem kurzen
zweischneidigen Schwert, zerschmetterte die vorragenden Spießlanzen. Ritze
neben Ritze hieb er in die weiche lebende Mauer, die Körper sprudelten.
Von der Palastmauer flatterten die schlanken Schmetterlinge, die Pfeile
über die Rebellen, setzten sich auf gähnende Wangen, Schultern, Hälse;
schmückten Taumelnde, Leerlächelnde.
Während in der Tatarenstadt über den weiten Plätzen die Kehlen tobten,
klang zwischen den beiden Mauern nur gelegentlich ein geller Ruf. In dieser
wenig von Licht zerfetzten Finsternis pfauchte, ratterte, stampfte eine
Maschine. Zähne malmten. Die Karrees der Garden schmolzen. Das Einfallstor
in die verbotene Stadt mußte bald frei sein. Ein Winseln erhob sich unter
den Verteidigern. Da flogen die kaiserlichen Soldaten seitlich auseinander,
der Pfeilregen von der Mauer hörte auf. Aus der inneren Stadt fegte
donnerklatschend ein frisches Regiment durch das Tor, spießte sich in die
prallen Rebellenhaufen, die barsten.
Jäh wich in der Tatarenstadt das Jubeln zurück vor dem durchdringenden
Pfeifen der Mandschureiter, dem bodenschwingenden Trappeln von Pferden. Der
zehntausendfache Wehe- und Wutschrei zwischen den beiden Mauern.
Schrittweises Zurückkeuchen hinter Pyramiden von Leichen. Das obere Nordtor
preßte die Fliehenden zusammen und zermanschte sie. Die Kaiserstadt erbrach
die Rebellen. Die Gräber rollten sie kopfüber herunter. In die Tatarenstadt
geschoben wurden sie den Hufen der braunen Pferde preisgegeben. Von zwei
Seiten gefaßt posaunten sie Todesschreie zum Himmel. Stirn und Rücken
zerfleischten die krummen Mandschusäbel.
Dann kam ein Zittern in die willenlose Masse.
Ein tiefes, ausholendes Atmen.
Das Platzen eines Kessels.
Die Front der Berittenen im Nu zerrissen.
Der Elan der letzten Wut zerstob die Mandschus. In einer unduldsamen
Bewegung schleuderten sich die Rebellen hinter die brennenden Speicher
durch die beiden verlassenen Osttore Tong-chi und Tschi-hoa, aus der
Tatarenstadt heraus, aus Pe-king heraus.
Ein Flug trug sie in die stumme nachtkühle Ebene, legte sie vor die kleinen
Dörfer.
Pechschwarz die Purpurstadt. Khien-lung seufzte am Fenster seines Palastes,
eine trübe Öllampe auf dem schmalen Tischchen neben sich. Sein Loblied auf
Mukden hielt er noch in der Hand. Kia-king betete, hingeworfen vor einer
niedrigen Kung-fu-tse-statue auf einem Bronzesockel. Der Kaiser beobachtete
ihn eisig. Als sich der Prinz erhob, klatschte der spöttische Greis in die
Hände, flüsterte den Eunuchen etwas zu. Kia-king sah auf zwei Holzschüsseln
die Köpfe der beiden verräterischen Wachoffiziere.
* * * * *
Die schwarzen Fahnen der Weißen Wasserlilie und der Wahrhaft Schwachen
wehten nordwärts und ostwärts. Das Versagen der rebellischen kaiserlichen
Regimenter war bald aufgeklärt. Khien-lung hatte, unterrichtet, die
verdächtigen höheren Offiziere am vorangehenden Abend festnehmen und in der
Roten Stadt einsperren lassen. In dem nördlichen Bezirk, der dem Angriff
ausgesetzt war, untergebracht, waren sie sämtlich während der Schlacht
befreit worden, fünf gefallen, vier andere, darunter die Gelbe Glocke, von
der Flucht mit fortgerissen. Die eingeschüchterten rebellischen Truppen
hatten in der Nacht ihre Kameraden angegriffen und besiegt. Die beiden so
kunstreich gewonnenen Wachoffiziere waren, wie es schien, von Khien-lung in
kurzem Verfahren beseitigt worden.
Die drei Hauptführer, Wang-lun, Ngoh, die Gelbe Glocke, trafen rasch
zusammen. Wang tobte gegen seine Truppen. Eine nicht kleine Zahl seiner
Anhänger ließ er unterwegs enthaupten, weil sie erwiesenermaßen Panik
verbreiteten. Die ganze Hitze seiner Wut war gerichtet auf die geschlagenen
Truppen. Nur seinem steinernen Wesen war es zu verdanken, daß die Heere
schon nach zwei Tagen in geschlossener Ordnung nach Nordosten, unmittelbar
gegen den heranziehenden Chao-hoei sich richteten. Sechstausend Mann unter
Ngoh blieben als Rückendeckung zurück. Man kam in Fühlung mit den
irregulären Haufen, gewann sie zu planmäßigen Plünderungen und Überfällen.
Chao-hoei lehnte jede Unterstützung der Provinzialarmee ab. Auf die
Nachricht von der Niederlage der Aufständischen in Pe-king peitschte er
alle zurückbleibenden verfügbaren Mannschaften zusammen.
Unter dem Donnern und Leuchten des ersten Gewitters dieses Sommers, zehn
Gluttage nach der Flucht aus Pe-king, trafen sich die Heere an den Hügeln
von Ying-ping. Das Schnauben und mähnenschüttelnde Grunzen am Himmel, das
Zähnefletschen, Schwanzschlagen, Augenrollen fand keine Beobachter auf der
Hügelplatte. Aus schwarzer Luft hing an unsichtbarer Leine ein Riesengong
über den Armeen, dessen Schläge hetzten. Zwei weiße Panther übersprangen
sich. Die Ilisoldaten wanden sich in der Wollust des gesättigten
Blutdurstes. Die Bündler ließen sich umklammern von ihren heißesten
Feinden, zerkrachten ihnen das Rückgrat.
Chao-hoei schaukelte auf seinem Schimmel, oben auf dem Hügel. Wang-lun
rollte seine Walze auf der Chaussee, mahlte sein Korn. Dann riß die
Schwärze des Himmels auseinander, Hagelschlossen stürzten aus dem Schlitz,
tanzten auf den Schädeln. Die Wahrhaft Schwachen kämpften in dem blendenden
Gewühl des Unwetters mit eisiger Gelassenheit. Keine Wunde berührte sie. Es
war gleich, ob sie starben oder lebten. Das Feuer der Ilisoldaten fraß sich
nicht durch, fing an zu rauchen, zu flackern. Kein stürmischer Angriff
erfolgte von den Rebellen: still, weniger drängend als von ungewollter
Notwendigkeit gedrängt überwanden sie die Feinde.
Als Chao-hoei sich mit seinen zertrümmerten Soldaten wandte, hingen sich
die Rebellen, gezogen, an seine Spuren. Beides Verfolgte. Liefen davon,
ließen die zerbrochenen Menschen, Wagen mit Stieren, muskellose Schwerter
und Beile, als wäre es Jauche.
Der geschlagene kaiserliche General ließ sich in der Stadt Schan-hai-kwang
einschließen.
* * * * *
Die Gelbe Glocke und Wang-lun umritten den westlichen meerabgewandten
Stadtteil.
Der rote Palast des Generals blitzte wie eine aufgestellte Hellebarde,
südlich spreizte das graue Ehrentor die Beine; die Tafeln an seiner Stirn
priesen Siege über alte Mongolenfürsten.
Man konnte von dem höher gelegenen Außengelände das schlammgelbe Meer
liegen sehen, die weißen Segel der Dschunken schmeichelten sich über das
Wasser. Die Stadt glitt ins Meer; sie überschüttete die Flußmündung und
geschützte Küste mit Hausbooten; wäre nicht die meterbreite Mauer mit den
Wachtürmen, diese steinharten, quetschenden Kiefern der Stadt, konnten die
Rebellen die kaiserlichen Truppen in einem Anlauf ins Meer jagen.
Die Gelbe Glocke sah träumerisch die grauen Dächer, über die die schwachen
Sonnenstrahlen spielten. Er erinnerte an die Nacht, in der der Vollmond
schien, und sie am Rande eines Gehölzes vor einer zerfallenen Stadt
standen. Das Blatt hatte sich gekehrt. Wie lange noch, würden diese Mauern
ihr Schicksal erleben.
Wang betastete seinen Arm. Wenn es auf ihn ankäme, möchten sie die Stadt
bald haben. Aber wie stark und kostbar waren die Brüder und Schwestern in
der Mongolenstadt, wie stark waren sie!
»Weißt du, Gelbe Glocke, wie das Schicksal aussieht? Wie eine Leiche; sie
läßt sich nicht ansprechen, nicht besänftigen, nicht erzürnen; du kannst
nach ihrer Seele mit Tüchern wedeln in Gärten, auf dem Dache, vor der Tür,
im Hof!
Wie viele leben noch von den Brüdern aus Nan-ku? Zu keiner Zeit, glaube
ich, hat die Erde rasch so viele kostbare Krieger aufgenommen; von den
süßen Geistern duftet das Land. Und ich bin noch übrig, und soll zum Sieg
führen. Und was tu ich jetzt weiter und weiter? Verschlingen, den Boden
sättigen mit kostbaren Körpern; hinter Ho-kien in Pe-king, bei Ying-ping.
Mich haben sie nicht mitnehmen wollen. Vor mir häufen sich die Opfer, ich
bin selbst schon eine Leiche, nach der der Boden nicht schnappen will, um
mich fernzuhalten von den teuren Geopferten. So werde ich noch eine
Zeitlang auf der Erde herumrasen; der Name Wang-lun wird den Klang eines
Höllengottes bekommen; ich werde irgendwo irgendwann einschlafen, ohne zu
wissen, warum das alles gewesen ist.«
Sie stiegen in einer Ulmenpflanzung ab, banden ihre Pferde fest, saßen im
Moos.
Die Gelbe Glocke streichelte mit schmerzlichem Ausdruck Wangs Schultern:
»Was ist das? Was ist das?«
»Wir müssen das Reich für uns erobern. Die Mingkaiser, die unsere Kaiser
sein sollen, müssen wir einsetzen. Das darf nicht über mich fallen, daß
alles nichts gewesen ist. Ma-noh sagte, seine Brüder und Schwestern seien
zu einem Ring zusammengeschmiedet; er wollte sich nicht von mir retten
lassen. Und so sage ich auch. Wir dürfen es uns nicht entreißen lassen,
dieses durch keine Niederlage, daß wir das Kaiserreich der Mings
aufrichten. In mir, lieber Bruder, schwirrt es auf und ab. An dieser
eisernen Stange beiß ich mich fest; der Weg ist vorgeschrieben; ich komme
nicht in Frage.«
»Was willst du damit sagen, Wang, daß du nicht in Frage kommst?«
Wang drehte sich geheimnisvoll zu dem langen Offizier: »Es ist ein
Unterschied zwischen dir und mir. Ich bin der Boden, auf dem das Wu-wei
gewachsen ist, das einen Teil meines Geistes mit sich fortgenommen hat.
Früher glaubte ich, ich müßte dem Wu-wei eine schöne, reiche, weiche
Wohnung unter den Menschen Tschi-lis bereiten, bin mit dem Gelben Springer
hin und her gelaufen; jetzt hat das Wu-wei eine Stimme und tönende Kehle
für sich bekommen, seufzt deutlich, es wäre ein Geist meines Körpers und
ich sollte ihm Obdach und Ruhestatt in mir bestellen. Es lacht über mich,
wie Ma-noh gelacht hat. O, Ma-noh, der auf Nan-ku mich belehrt hat über die
milden, wegschauenden Buddhas, kommt so viel über mich. Jetzt richtet sich,
lieber Bruder, alles auf mich, und nimmt ein so sonderbar gequältes Gesicht
an. Meine Frau sitzt im Hia-ho und weint nicht über mich; aber mein Sohn,
den ich ohne Frau gezeugt habe, das Wu-wei winselt nach mir. Du weißt ja
selbst, was ich sagen will. Mein Sohn kann winseln. Ich muß die Brüder und
Schwestern beschützen, wie ich's schon immer getan habe. Wir müssen das
Kaiserreich der Mings aufrichten . . .«
Der Offizier blickte seitlich, ohne sich zu einer Äußerung zu sammeln,
dann: »Du bist anders, als Ma-noh, du bist ganz anders. Mein Bruder
Wang-lun geht einen guten Weg mit -- Angst und Widerangst. Die Gelbe Glocke
hat nicht viel erfahren von dem harten Schicksal Wang-luns. Die Gelbe
Glocke denkt, man muß kühn werden, mit der Welt streiten. Wir sind Kinder
der hundert Familien, ich sage auch: was kommt es auf mich an? Unser Haus
wollen wir reinigen, damit es uns gut geht, Wang, lieber Bruder.«
Wang berührte ihn zärtlich an der Hand: »Komm weiter, Bruder. Ich bin,
seitdem ich aus dem Hia-ho kam, zum Lachen verwirrt. Ich weiß nur, daß ich
aus Hun-kang-tsun stamme, so starke Knochen und solch Maul habe; sonst weiß
ich nichts von mir. Einmal kannte ich einen Mohammedaner und einen Bonzen.
Das waren früher meine Gesellen. Du mußt nicht so darauf hören, was ich
sage. Auch Ngoh hat den Kopf geschüttelt.«
Sie ritten fast auf Pfeilschußnähe an die Mauer, auf der eine Abteilung der
eingeschlossenen Soldaten patrouillierte. Sie konnten noch über die Mauer
wegsehen, die vollgestopften Straßen erkennen, die untätigen Rotten auf den
Märkten zwischen den Händlern unterscheiden. Wang-luns Pferd tänzelte; auf
dem Gesicht des Reiters markierte sich eine freudige Neugier; die listigen
Augen zerlegten die ganz kleinen Gruppen drüben. Auf einen Ruf der Gelben
Glocke riß er sein Pferd um; die Patrouillen spannten ihre Bogen. Sie
sprengten weiter um die Stadt.
Blitzschnell war vor Wang alles Quälerische versunken. Ma-noh und die
Gebrochene Melone hatte er ausgelöscht in der Mongolenstadt, wie mit einem
Strich unter eine verlorene Rechnung. Er war Ma-noh gefolgt, der ohne ihn
alles verwirklichte von der Wu-wei-lehre; mit Spannung und Grauen sah Wang
die Entwicklung und Beendigung; der letzte Schluß lag ihm ob in dieser
Sache, die im Grunde seine Sache war; die Gemeinheit durfte nicht in das
Sterben dieses Traums hineinjohlen. Er schleppte noch in einer Art
Rachsucht sein Schwert, lief todverheißend von dem Totenfeld, aber heimlich
erkannte er schon, daß hier eigentlich nichts zu rächen war, daß kein Feind
da war, gegen den er sein Schwert erheben sollte, weil alles dies Ende
nehmen mußte. Und als Ngoh ihm vom Tod Ma-nohs erzählte, wurde die Decke
der Rachsucht mit einem grausamen Ruck weggezogen; besiegt war er,
vernichtet, schlimmer erwürgt als der Tu-ssee. Der Ekel kam, zu Ende war es
mit dem Wu-wei! Das Hia-ho mit seiner entschlossenen Versenktheit tauchte
auf, die erpreßte Ruhe einiger Monate; der Bauer in Wang schien langsam
hervorzutreten. Inzwischen fraß seine Lehre in Tschi-li um sich; er konnte
sich nicht lange taub und blind stellen, seine Vergangenheit wie Staub von
sich abschütteln; der Grimm über den Kaiser entkorkte ihn wieder; das
Wu-wei, zwar fortgeschleudert, war seine eigenste herzlichste Sache. Halb
gestoßen kehrte er zurück, die stürmische Bewegung riß ihn dann mit sich;
er selbst wußte oft nicht, was er sollte, dachte an die Sanftheit des
Nichtwiderstrebens und sah sich in einem endlosen, hoffnungslosen Morden.
Er fand nicht zu sich. Über die Mauer von Schan-hai-kwang blickend, sah er
das lebendige Gewimmel der Märkte, Straßen; eine freudige Erregung
überwältigte ihn blitzschnell; Entschlüsse, ein Drang unbegründeter Art
wurden in ihm ausgehebelt: »Da hinein, da hinein, ohne Waffen!« Er wußte
nicht, daß das Bild des alten Tsi-nan-fu vor ihm stand, daß das Wu-wei ihm
aus allen Poren schwitzte. Dulden, dulden, leiden, ertragen! Nicht
widerstreben! Su-koh! Zum ersten Mal liebte er wieder das Leben. Er hob
jauchzend seine Arme gegen die Stadt. In einem Gefühl von Schwäche begehrte
er wieder Stadtnarr zu sein.
Das Heer der Bündler hatte seine anfängliche Zweiteilung völlig aufgegeben;
die Waffenbrüderschaft hielt die Weiße Wasserlilie und die Wahrhaft
Schwachen unlöslich gebunden. Die starken Männer und Frauen rannten,
schlugen Zelte, fuhren Proviantkarren, schwangen Beile und Schwerter; die
schwarzen Fahnen klatschten; das weitere stand nicht vor Augen. Man mußte
siegen, Mandschus vertreiben, goldene Mings wieder einsetzen. Die Wahrhaft
Schwachen unterschieden sich nicht von den Geheimbündlern, nur daß sie
stolzer waren, in den Schlachten Berserkerstücke verrichteten, in den
Lagern zum Sport gefährliche Zwei- und Vierkämpfe ausfochten, eine drohende
Zuversichtlichkeit zur Schau trugen.
Man lagerte im weiten Umkreis um Schan-hai-kwang, ruhte von den letzten
Schlachten, erwartete die Hilfstruppen, die aus Schan-tung und Kan-su im
Anmarsch waren. Aus Tschi-li und den Nachbarprovinzen verlautete die
Sammlung von Provinzialheeren; Zuläufer wollten so wissen, daß die
Provinztruppen zu großen Kontingenten angewachsen seien. Jede Nachricht
wurde mit Gelächter und Wonne aufgenommen.
Auf die Kunde von der Ausdehnung der Rebellen kamen aus Nan-king zwei
Männer gewandert, die behaupteten, Nachkommen des alten Minggeschlechtes zu
sein. Sie stießen zu den Bündlern am Tage nach der Niederlage in Pe-king,
kämpften sogleich mit größter Bravour beim Zusammenstoß mit Chao-hoei. Sie
waren Vettern, der Ältere ein Bauer in den fünfziger Jahren, der Jüngere
etwa in den Zwanzigern. Sie fielen durch Ernst und sympathische, zweifellos
vornehme Haltung auf. Sie vermochten sich natürlich nur durch Erzählungen
sehr phantastischer Art zu legitimieren, fanden allgemeinen Glauben. Von
seinem Ritt um die Stadt zurückkehrend, fragte Wang den Jüngeren der
Mingvettern, ob er verheiratet sei. Der verneinte. Da betrachtete Wang den
zarten, tiefbraunen Jüngling, meinte, es sei vielleicht zu erwägen, ob er
sich nicht verheiratete. Der schlanke Mensch drehte sein längliches Gesicht
lächelnd beiseite; er freue sich über Wangs gute Laune; er hätte für Wang
ein kleines Kistchen kandierter Datteln aufbewahrt und sie wollten zusammen
Späße machen. Der andere lobte das, und wo er denn die Datteln hätte. Vor
einem Zelt lutschend und spuckend, sahen sie sich vergnügt an. Er hätte
solche kandierte Datteln schon lange nicht gegessen, sann Wang, zuletzt in
Schan-tung; es sei schon lange her. In Po-schan sei er einmal eingeladen
gewesen bei einem Kaufmann, der die Weiße Wasserlilie führte; da hätte er
viele davon essen müssen und seinen Spaß gehabt. Ja, erwiderte der Ming,
sie seien ziemlich rar in dieser Gegend, besonders jetzt. Ob er also
wirklich nicht verheiratet sei, fuhr der andere fort; in Kriegszeiten sich
verheiraten, zeuge von großer Vorsicht; denn man könne vielleicht einen
Sohn bekommen und dann stürbe man ruhiger. Ja, er brauche ihn nicht so
anzusehen. Also kurz und bündig: ob der junge Ming sich mit der Tochter des
Mandschugenerals Chao-hoei verheiraten wolle. Wenn er wolle, brauche er nur
zugreifen; Wang werde den Vermittler spielen. Der junge Mensch verneigte
sich sehr ernst vor Wang; er wolle Wang nicht verletzen; aber solche Späße
verdiene er nicht; er lege keinen Wert auf seine Mingabstammung in diesem
Moment. Unbeirrt wiederholte Wang: es handle sich um Dinge, die so klipp
und klar wären; gebe Chao-hoei seine Tochter her, so hätte man den General
mitgewonnen; gebe er sie nicht, dann, nun dann würde man ja sehen. Die
Mings sollten nicht trotzig auftreten, durch Ruhe entwaffnen, diplomatisch
denken. Verwirrt, errötend stammelte der Ming etwas. Jedenfalls bliebe es
dabei, bestimmte Wang, bevor sie an das Kochen von Hirse gingen, daß er,
der Ming, unverlobt, Wang zur Vermittlung ermächtige. Er solle ihm sogleich
Geburtstag, Jahr, Monat, Stunde für die späteren Berechnungen aufschreiben.
In der Stadt gab es Anhänger der Bündler. Die Belagerer suchten mit ihnen
in Verbindung zu treten. Die anfänglichen Bemühungen, Nachrichten und
Verabredungen auf Papier in hohlen Lanzen zu befördern, scheiterten; die
Zettel kamen überhaupt nicht an oder an falsche Adressen; man erschwerte
durch jeden mißglückten Versuch den Brüdern drin die Arbeit.
Aussichtsvoller war der Wasserweg.
Zwei Tage nach der Zernierung der Stadt langte eine große Flotte stark
bemannter Schiffe draußen an; sie kamen vom Süden herauf. Die Belagerer,
die zuerst jubelten, weil die Schiffer keine kaiserliche Tracht trugen,
sondern ersichtlich Seeräuber waren, wurden bei dem ersten
Annäherungsversuch schwer enttäuscht; die Rebellendschunken wurden von zwei
der großen Schiffe einfach überrannt. Es waren Seeräuber, die von dem
Tsong-tou von Tschi-li geworben waren und deren Anführer der Kaiser zur
Belohnung eine Pfauenfeder im voraus verliehen hatte. Sie schwammen stolz
auf dem Wasser, kaperten verdächtige Boote, verpraßten in der Stadt und
benachbarten Küstenorten ihr Geld und begönnerten Chao-hoei.
Wang-lun ging mit fünfzig seiner verwegensten Leute in eins der
Küstennester. Er sagte seinen Männern, sie wollten die Stadttore von innen
öffnen. Stark bewaffnet näherten sie sich dem Fischerdorf, in dem die
Mannschaften dreier großer Schiffe saßen. Lärmend zogen sie aus einer
südlichen Seitenstraße in die auf einer Dünensenkung kriechende
Hauptstraße. Die überraschten Piraten, mit Strohhüten und geflochtenen
Strohmänteln, traten aus den Häusern auf die Straße. Wang stieg zu einer
Schenke herauf, vor der eine Rotte stand, fragte, wem die Schiffe draußen
gehörten.
Einer, der Wangs Größe hatte, zweifellos aber nicht Führer war, drängte
sich nach vorn und sagte, das ginge Wang nichts an. Wang schob ihm den
breiten Strohhut aus dem Gesicht; das solle er nicht so sagen; wenn die
Schiffe keinem sicher gehörten, dann wolle er sie mit seinen Kameraden
nehmen. Die Piraten brüllten vor Vergnügen, sicher gehörten die Schiffe
keinem; aber inzwischen gehörten sie ihnen, und da sei es nichts mit dem
Wegnehmen.
Dann sei er ganz zufrieden, meinte Wang; das hätte er ja nur wissen wollen.
Dann sei es eben nichts. Aber ob sie nicht irgend wo anders kleinere
Schiffe, Segeldschunken gesehen hätten, die man wegnehmen könne. Er und
seine Kameraden wollten zu Schiff gehen, weil es mit dem Lande nichts wäre.
Das meinten die Piraten auch, beschauten die Ankömmlinge, zufrieden als
Besitzer, sagten spöttisch, Dschunken würden sich schon irgendwo finden;
sie seien ja rüstige Burschen, die wohl gut schwimmen könnten. Als neulich
das große Hagelwetter war, seien sechzig kleine Dschunken und fünf große
Schiffe vielleicht sechs Li vor der Küste gekentert; die könnten sie bequem
holen, die gehörten jetzt keinem und seien vorzüglich ausgerüstet. Wenn sie
gut tauchen würden, könnten sie die Schiffe nicht verfehlen; es sei da
hinten, in südlicher, etwas östlicher Richtung.
Wang fand diesen Rat außerordentlich; die genaue Ortsangabe würde er sich
gut merken. Freilich seien seine Kameraden ebenso wie er selbst noch zu
wenig an das Wasser gewöhnt, um gleich so anstrengende Tauchübungen zu
machen. Da die Sache nach ihrer Beschreibung so einfach sei, so würde aber
ihnen beiden bald geholfen sein. Er werde sich mit seinen Begleitern der
drei Schiffe draußen bemächtigen, an diese Arbeitsweise seien sie als
Landbewohner gewöhnt, sie sollten dann neben den Schiffen schwimmen; er
werde sie sicher zu der Stelle hingeleiten, sechs Li vor der Küste, wo die
sechzig kleinen Dschunken und fünf große Schiffe auf sie warteten.
Schweigen und Flüstern bei den Piraten, prüfende Blicke auf beiden Seiten.
Der Strand war leer; alle Seefahrer schoben sich vor der Schenke; sie sahen
die Äxte, Dolche, Bogen der Fremden.
Als sie schwiegen, sagte Wang, sie sollten sich die Sache ruhig überlegen;
er werde inzwischen mit seiner Horde schon an den Strand gehen und die
Schiffe besichtigen.
Nach einem Hin und Her zwischen den untersetzten Männern, welche die Führer
zu sein schienen, kam einer von diesen, der eine gespaltene Oberlippe
hatte, auf Wang zu und fragte höflich, wer sie wären. Auf dem
verschlossenen Gesicht des braunen Fremdlings spielte ein bedauerndes
Lächeln; er könne sich die Brust zerschlagen, daß er vergaß, dieser
einfachen Anstandspflicht nachzukommen; man gewöhne sich auf den
Landstraßen schlechte Manieren an. Sie seien aus verschiedenen Dörfern
Nordschan-tungs, hätten sich zusammen getan, um sich durchzuschlagen in ein
fruchtbareres Land; nichts sei ihnen geglückt; bei Pe-king hätten sie sich
den Rebellen anschließen müssen, aber die seien geschlagen, ein paar Tage
hätten sie Hundereis gegessen im Institut der Großen Menschlichkeit zu
Pe-king, nun wollten sie es mit dem Wasser versuchen.
Warum denn so Starke Waffen trügen.
Um nicht mehr bitten zu müssen.
Nach dieser Unterhaltung zog sich der Unterhändler wieder zurück unter
tiefen Verneigungen; Wangs Leute sperrten zu beiden Seiten die Straße; die
Situation war für die Piraten aussichtslos.
Da kamen sie mit einem Vorschlage zu Wang, den sie mit mehreren anderen in
die Schenke nötigten. Sie sagten, daß sie mit ihren Schiffen vom Kaiser zum
Schutz von Schan-hai-kwang geworben seien; ob sich die Fremden ihnen
anschließen wollten gegen hohen kaiserlichen Sold.
Wang erklärte: gern, wenn der Sold für ihn und seine Leute hoch genug wäre.
Freilich, es kämen auf jeden Mann zwei Taels für zwei Monate.
Die Fremden besprachen sich; ihr Führer antwortete, es sei zu wenig,
außerdem, welche Sicherheit gegeben würde; sobald sie alle im Hafen der
Stadt wären, würde man sie auslachen und ans Land setzen.
Nach längerem Feilschen kam man überein: die bewaffneten Fremden besetzten
zwei Schiffe zur Sicherheit; das dritte Schiff fährt in den Hafen,
verschafft die Hälfte des Geldes; alsdann fährt man gemeinsam vor die
Stadt; kommt das dritte Schiff mit Polizei zurück, soll das als Verrat
gelten und an der Besatzung der zurückgebliebenen Schiffe gerächt werden.
Der Plan wurde ausgeführt; Wang empfing das Geld, sie setzten sich auf die
Schiffe, ankerten vor der Stadt. Als sie an Land gingen, wozu sie die
Piraten eingeladen hatten, war dieses Abenteuer rasch zu Ende; denn hinter
ihren Booten scholl das Hohnlachen der Seeleute, denen ihr Streich gelungen
war; die Schiffe, die zu den andern in See stachen, waren Wang und seinen
Leuten verloren.
Wang ging mit mehreren Begleitern wegen der andern Hälfte des Geldes
klagend in die Stadt; die Mandarine wiesen ihn ab, für solche Verträge gäbe
es kein Recht; die Piraten seien nicht zu fassen, und in diesem Augenblick
Freunde des Himmelssohnes. Er suchte seine Anhänger in der Stadt auf;
kleidete sich um, spazierte auf den Märkten und Straßen. Mehrere Tage
unternahm er nichts als Flanieren, Besuchen der Tempel, Anhören des
Klatsches, Feilschen mit Pfeifenhändlern, Lungern in den Teestuben. Es war
frisches schönes Sommerwetter; um seine Begleiter kümmerte er sich in
diesen Tagen nicht. Dann versammelte er sie in dem Hause eines
Gefängnisaufsehers; seine Absicht war, Dinge besonderer Art in der Stadt zu
veranstalten, darauf Revolte, wobei sich das weitere ergeben sollte.
Chao-hoeis Palast stand einsam hinter der Stadt auf den nordwestlichen
Abhängen der Magnolien. Der besiegte General verließ selten sein Haus;
wanderte von einem Zimmer ins andere, aus dem Hof in den Garten. Er stand
nicht mehr an dem Fenster, das nach dem Meer blickte; der Triumphbogen am
Ausgang der Hon-pun-straße störte ihn nicht; nur daß dort das Meer lag, an
das ihn die Rebellen gedrängt hatten, ergrimmte ihn, daß seine Soldaten und
sein Feldherrnglück nichts waren und er wie eine Katze, die man ertränken
wollte, am Wasser hin und her jaulen mußte.
In seinem friesumzogenen Arbeitszimmer saß er viel, blies die Wasserpfeife
und grübelte. Er war ein sonderbarer Torhüter Pe-kings; durch eine
rätselhafte Wendung des Kampfes war Pe-king noch im letzten Augenblick
gerettet worden; ihn setzte man ans Wasser; wo war sein Kriegsruhm, was
dachte Khien-lung? Er konnte nicht mehr A-kui und kundige Eunuchen
anklagen, daß sie ihn auf den verlorenen Posten geschickt hätten. Kampf war
da, und Niederlage war da. Der junge unerfahrene Tsong-tou von Tschi-li
Chen-juen-li wird sich ein Vergnügen daraus machen, die Stadt zu entsetzen;
auch der Herr von Schan-tung und Pi-juen von Ho-nan werden sich Ehren
gewinnen, an ihm, dem Verunglückten. Er hatte das Gesicht verloren. Schande
über sein Haus, Schande über seine Ahnen.
Die jugendliche Hai-tang, seine rechtliche Frau, tröstete den
Melancholischen; sie trieb den ergrauten Mann aus dem Hause heraus, damit
er die Mauern inspiziere, die Zucht in der Stadt kontrolliere. Aber Chao
hatte einen Widerwillen gegen diese Stadt, die er einmal geliebt hatte; ihn
ekelte es vor den zweideutigen Bürgern, er begegnete mit Widerwillen dem
betrügerischen Tao-tai, Tang-schao-i, der sich beim Einzug der Truppen in
die Stadt bedankt hatte, daß ihm das schlimme Schicksal der benachbarten
Magistrate erspart blieb, freilich durch das Unglück seines verehrten
Freundes Chao-hoei. Die Wunden seines Sohnes Lao-sü waren längst geheilt;
untätig saß der General mit ihm beim Morraspiel, hockte in den
Frauengemächern, hörte seiner Frau zu, die die zarte Nai, die
fünfzehnjährige Tochter, im Spiel der Pipa unterrichtete.