Die Gelbe Glocke stöhnte: »Wir sind besiegt.«

»Glaubst du? Ich sterbe gern. Es bleibt dabei, was ich in Tung-chong sagte:

es kann anders nicht kommen. Der Nai-ho ist schlammschwarz. Aber ich bin

bei euch, bei euch allen, hier ist das Einzige, was ich in meinem Leben

geliebt habe: Nan-ku. Ich komme wieder zu euch. Die Tore sind zu. Wir

dürfen beten; wir dürfen uns freuen. Wir sind alle auf einmal frei.«

In den nächsten Tagen öffnete sich Wang ganz. Über die Plätze und Straßen

stieg er ununterbrochen. Er suchte jeden einzelnen der Bündler kennen zu

lernen, ließ sich Schicksale erzählen. Er weinte mit ihnen über die toten

Freunde, denen man ein gemeinsames Brandopfer auf dem Markt brachte,

entschuldigte die Kaiserlichen, gegen die man hatte kämpfen müssen. Die

Zeit, wo alle den reinen Weg gingen, sei noch nicht da. Nur durch die

Ergebung und Sanftmut könnte man die Furchtbarkeiten des Lebens, die

Eisenhiebe des Leidens verwinden.

Bei den Andachten auf dem Markte kletterte der barfüßige Barhäuptige auf

die queren Planken einer Verkaufsbude. Er erzählte von seiner Wanderung

nach dem Hia-ho, und wie sie ihm nicht genutzt hätte, von den tausenden

glückseligen Brüdern und Schwestern, die Ma-noh nach dem Kun-lungebirge

geführt hätte. Er nannte viele bei Namen, beschrieb sie. Andere Male, und

dies geschah mit großer Eindringlichkeit, lobte er das Schicksal. Die Worte

von Nan-ku fand er wieder; wie klein die Menschen wären, wie rasch alles

verginge und wie wenig der Lärm nütze. Die Kaiserlichen und Mandschus

könnten siegen; was würde es ihnen helfen? Wer im Fieber lebt, erobert

Länder und verliert sie; es ist ein Durcheinander, weiter nichts. Die Wölfe

und Tiger sind schlechte Tiere; wer sich diese zum Vorbild nehme, fresse

und werde gefressen. Die Menschen müßten denken wie der Boden denkt, das

Wasser denkt, die Wälder denken: ohne Aufsehen, langsam, still; alle

Veränderungen und Einflüsse nähmen sie hin, wandeln sich nach ihnen. Sie,

die wahrhaft schwach gegen das gute Schicksal waren, seien gezwungen worden

zu kämpfen. Die reine Lehre dürfte nicht ausgerottet werden, gelöscht wie

eine schlechte Tusche. Nun sei alles Kämpfen für sie vorbei, sollte vorbei

sein; Beile, Schwerter, Sensen brauchten sie nur noch einmal zu nehmen. Das

Wu-wei sei eingegraben in die Geister der hundert Familien. Es würde sich

nach ihnen ausbreiten in heimlicher, wunderstrotzender Weise, während sie

auf den weißen Wolken des Westlichen Paradieses spazierten und bis an die

Lenden in dem schönen Ambraduft versänken. Von Leichnamen seien sie

umgeben; Schatten und Skelette griffen sie an, der stärkste Zauber könne

diese Bösen nicht bezwingen. Nur das Wu-wei vermöchte es; das trenne Leben

von Tod mit so einfachem Griff. Das wußten schon die grauen Alten, von

denen man spricht. Schwach sein, ertragen, sich fügen hieße der reine Weg.

In die Schläge des Schicksals sich finden hieße der reine Weg. Angeschmiegt

an die Ereignisse, Wasser an Wasser, angeschmiegt an die Flüsse, das Land,

die Luft, immer Bruder und Schwester, Liebe hieße der reine Weg.

Er plätscherte von dem Traum, der ihm Nacht um Nacht erschiene: er stünde

an dem Stamm; erst sei es wie eine Sykomore. Allmählich finge der Baum an,

so schlank und gleichzeitig so zottig um ihn zu wuchern, ihn wie eine

Trauerweide schwelgerisch zu überhängen, wie ein grüner Sarg zu

umschließen. Manchmal beim Aufwachen nehme sein Kopf den Traum mit und dann

käme ihm vor, daß sich der dünne Baumstamm nach Art eines saftigen

Schmarotzers um seine Beine, seinen Leib und Arme gestengelt habe, so daß

er sie nicht herausziehen konnte aus dem wässerigen Mark und ganz

aufgesogen wurde von der reichen Pflanze, an deren Anblick sich alle

beglückten.

Ekstasen schäumten und klatschten auf diese Reden Wangs. Oft kam es vor,

daß sich Haufen zusammentaten, an den Toren versammelten und umnebelt

hinausziehen wollten, um die Feinde zu belehren und ihnen zuzureden. Man

drängte in Wang, in die Gelbe Glocke, man wolle Feste feiern. Und eines

Tages flötete der Jubel eines Festes durch die Stadt, bei dem man das

holzgeschnitzte Bild einer Göttin, der königlichen Mutter des Westlichen

Paradieses, aus einem prächtigen Tempel holte, auf einen freien Platz

außerhalb der Häuser trug, vor ihr räucherte, sprang. Brüder schritten hier

mit bloßen Sohlen über ein Feld glühender Kohlen, die man vor die Bildsäule

der Göttin geworfen hatte, lachend und triumphierend zu der königlichen

Mutter hin. Die Brüder und Schwestern ließen nicht ab, Wang zu bitten, zu

ihr Geister zu schicken, die sich vor sie hinwerfen sollten und sie

lobpreisen für alle, die das heilige Wu-wei verehrten. Sie warfen Stäbe und

losten. Fünf mal fünf Männer und Frauen schleppten Balken und lose Bretter

über das Kohlenfeld. Und als das Holz in ganzer Breite loderte, rasselten

sie unter den frenetischen Rufen der Menge hintereinander, übereinander,

glucksend, belfernd in die blähenden Flammen vor dem sanften Bild, wie

Kücken unter die Flügel der Henne.

Chao-hoei führte den Oberbefehl über eine beinah zehnfach dem Feind

überlegene Truppe. Man erwartete täglich das Eintreffen jener

mandschurischen Bogenschützen, deren Verwendung der Kaiser angeordnet

hatte. Ein junger Offizier stand bei der Bannermannschaft des Generals:

Lao-sü, Chaos und Hai-tangs Sohn. Wie Hai-tang erst Chao-hoei aus dem Hause

gedrängt hatte, um die zarte Tochter zu rächen, so bald danach den

eleganten Flaneur, der sich nach dem Tode seiner Schwester rasch

veränderte. Er hätte des Wunsches seiner Mutter kaum mehr bedurft.

Lint-sing gliederte sich in Altstadt und Neustadt. Nur die Neustadt war

stark ummauert und von einem besonderen Erdwall umgeben; die Mauer der

Altstadt war nicht ganz gediehen, von ihren Wachtürmen nur zwei

gebrauchsfertig. Yin-tsi-tu, ein Hauptmann von Chaos Banner, nahm, noch

bevor die Bogenschützen eintrafen, zweihundert Mann, fiel in das Osttor der

Neustadt, erstürmte die kaum verteidigte Mauer, machte die schlecht

bewaffneten Rebellen nieder. Bei diesem Handstreich kamen nur vierzig

Kaiserliche um, während man zweihundertdreißig tote Brüder und Städter

zählte.

Tags drauf glühte eine rote Sonne. Als sie erlosch, gab Wang in der

Altstadt allen, die Waffen besaßen, Auftrag, sich zu rüsten und die

schlecht verschließbaren Häuser zu verlassen. Sie sollten sich in möglichst

großen Häusern auf den engsten Straßen aufhalten. Kleine Trupps von

Bogenschützen und Steinwerfern hätten sich auf den Mauern an bestimmten

Punkten aufzustellen, sobald die Nacht anbräche. Die militärischen

Anordnungen führte die Gelbe Glocke mit kalter Routine durch; seine Ruhe

nahm dem Augenblick alles Unheimliche.

Wie es finster geworden war, kam jemand vor das Haus, das Wang bewohnte,

gab, als man auf das Klopfen das Tor öffnete, eine Vase ab und sagte, man

solle sie nicht öffnen. Der Mann, der das Tor geschlossen hatte, stand noch

zweifelnd da und wollte fragen, da war der Bote verschwunden. Der Mann

verriegelte unsicher das Tor, trug die verschlossene Porzellanvase, die

nicht schwer wog, auf das Zimmer Wangs, stellte sie auf die Matte. Kurz

darauf langte die Gelbe Glocke vor dem Haus an, um Wang zu sprechen. Er

ging auf das Zimmer und sah Wang bei der Öllampe am Tisch sitzen, den

Rücken nach der Türe gewandt; er schien zu lesen. Da rief der Pförtner vom

Hofe, die Gelbe Glocke solle nach oben gehen; Wang-lun säße im ersten Stock

bei den Brüdern und frage nach ihm. Erschreckt stolperte die Gelbe Glocke

die Treppe hinauf; aus dem Zimmer oben tönte lautes Sprechen und Rumoren;

Wang verteilte den Männern Spieße und kurze Dolche. Die Gelbe Glocke rief

Wang an, der auf den entsetzten Blick des Offiziers die Dolche fallen ließ,

mit ihm die Treppe hinunterstürzte, leise an die Türe trat. Die Erscheinung

las noch am Tisch, Wang rief sie an, sie drehte sich um, sah Wang, der sich

an den Hals faßte, mit seinen eigenen Blicken an, bewegte sich nach der

Matte, verschwand. Die beiden gingen zögernd näher. Die Vase stand da,

verschlossen. Die Gelbe Glocke hielt Wang, der schwankte, bei den

Schultern. »Weißt du, Gelbe Glocke, was das war?«

Die Gelbe Glocke schwieg und schloß die Augen. Wang schlotterte:

»Das heißt, daß ich morgen sterben muß.«

Hastig und verstört gab Wang dem Pförtner Auftrag, die Vase vorsichtig

hinauszutragen. Nach einem kurzen Vorsichhinstarren stieg er mit der Gelben

Glocke hinauf.

Die Berennung der Tore begann kurz vor Sonnenaufgang von der Neustadt her.

Der tapfere riesenstarke Yin-tsi-tu war der erste, der durch das gebrochene

Tor in die Stadt stürmte; er suchte Wang-lun, den er mit eigener Hand

erwürgen wollte. Dicht hinter ihm rannte Lao-sü mit einem roten

Helmbuschel, ohne Schild, in jeder Faust ein langes doppelschneidiges

Messer. Die Sprengung der südlichen Tore durch die Provinzialtruppen, denen

sich die Bogenschützen angeschlossen hatten, erfolgte nicht viel später,

weil im Augenblick, wo Yin-tsi-tu vom Osttor in die Stadt drang, alle

Verteidiger sich von der Mauer in die Straßen und Häuser zurückzogen. Auf

der südlichen Mauer stand eine gußeiserne Kanone, welche die Angreifer mit

dem Blut einer Jungfrau, die sie in der Nacht vor dem Sturm abgestochen

hatten, füllten und in die Stadt schossen, um die Luft von den Geistern der

gefallenen Rebellen zu reinigen. Weiber stürzten den Soldaten mit

grauenhaftem Jubel und Gekreisch aus den Gassen entgegen; sie versperrten

die Zugänge der besetzten Straßen; dickes besessenes Menschenfleisch, das

man wegräumen mußte. Von der Peripherie der Stadt ritten die Flammen der

brennenden Häuser an.

Der tobende Straßenkampf begann. Die Brüder ließen sich nicht in den

Häusern halten, ein Haus nach dem andern machte Ausfälle. Die Stadt bebte

Mord. Die Straßen füllten sich mit würgenden Soldaten. Immer neue drängten

von den Mauern her, fletschten die Zähne und waren nicht zu bändigen. Aus

der Mitte der Stadt schwoll zwischen dem tobenden Gebrüll, den langen

spitzen Schreien das heisere Gröhlen und Jauchzen der Rebellen, erstickt,

wieder aufbrausend.

In einer mit Weiberleichen bepflanzten Straße, die auf den Markt führte,

sahen Brüder, wie sie die Tore ihres Hauses zum Ausfall öffneten, Wang-lun

in großen Sätzen vom Markt herlaufen, barhäuptig, sein Schwert über die

linke Schulter geschwungen. Er rannte an ihnen vorbei, sein

schweißübergossenes Gesicht eingesunken und unkenntlich; seine Augen leer,

Yin-tsi-tu und Lao-sü hinter ihm an der Spitze von Bogenschützen und

Lanzenträgern. Die Brüder hielten den Ansturm der Soldaten aus. Wang

verschwand in ein großes leeres Haus am Ende der Straße. Eine kleine Schar

Bündler mit Dolchen lief die Häuser entlang, stürzte sich auf die

Bogenschützen vor dem letzten Torweg. Yin-tsi-tu hob, von Lao-sü gedeckt,

stöhnend die Torflügel aus. Wang keuchte an der Hofmauer. Yin-tsi-tu

parierte mit seinem Schwert den Schlag Wangs; sie rangen; der Hauptmann

entwand dem Rebellenführer den Gelben Springer. Einem Dutzend Bündler

gelang es, in den Hof einzudringen. Sie stießen Lao-sü mit ihren Messern

nieder, befreiten Wang und krochen mit ihm zusammen in das obere Stockwerk

des Hauses. Hier stapelten Bretter von Kampferholz; sie verbarrikadierten

die Treppen mit dem umgeworfenen Stapel, mit Schränken und Tischen. Während

die Bogenschützen von Kirin Pfeil auf Pfeil in die Fenster jagten, legten

sie oben Feuer an und verbrannten, ehe nur ein einziger Soldat die Treppe

erstiegen hatte.

Yin-tsi-tu toste die Straße herunter nach Rebellen; den Gelben Springer

schleuderte er um sich; an zwanzig Schwestern und Brüder erschlug er.

Im südlichen Stadtteil hielt die Gelbe Glocke am längsten sein Haus. Als es

von brennenden Pfeilen angezündet war, stieg er mit seinen vierzig Mann auf

die Straße. Er focht mit größter Vorsicht gegen die kaiserlichen

Bannersleute, die zurückwichen, als sie den in den Kasernen verehrten

Offizier erkannten. Die ganze Stadt wand sich schon in den Händen der

siegheulenden Regulären, da kämpfte er noch, mit einem hohen Schild sich

deckend, hinter der vorderen Hofmauer. Eine Lanze in den Hals klafterte ihn

um; seine letzten Leute wurden durch Beilwürfe gefällt. Die hundert Männer

und Frauen, die unter Singen waffenlos auf den Markt gezogen waren, um sich

niedermetzeln zu lassen, wurden umstellt, gebunden, zu Paaren in das Lager

vor der brennenden Stadt geschleppt.

* * * * *

Die abschließenden Regierungsmaßnahmen in dieser Angelegenheit dauerten

einen Monat. In dieser Zeit wurden die Gefangenen nach Pe-king

transportiert; Khien-lung hörte sie größtenteils persönlich aus, um

Begünstigungen der Behörden, Saumseligkeit der Verfolgung zu ermitteln.

Dann wurden die Brüder und Schwestern vor Pe-king im Angesicht eines großen

Volkes abgeurteilt nach den Bestimmungen des Ketzereigesetzes. Ihre

Familien und die der bekannten Rebellen verbannte man nach dem Ili und der

Mongolei; es waren etwa zweitausend Menschen. Das Dorf Hun-kang-tsun wurde

völlig eingeäschert; die Leichname der Eltern Wangs ausgegraben,

zerstückelt; sämtliche Einwohner des Dorfes vertrieben, ihr geringes

bewegliches Besitztum konfisziert. Die Leichen der Rebellen verwesten auf

den Straßen Lint-sings, vergifteten die Luft, so daß die wenigen Insassen

der Stadt sich an den Präfekten wandten. Ein Dekret Khien-lungs ordnete

dann an, daß die Kadaver gesammelt und vor die Mauern nächst dem Kanal

geschafft würden. Man schaufelte zwei breite flache Gräber für die Männer

und Frauen am Flußdamm, an einer Stelle, wo böse Geister sich versammeln.

Hier hinein stülpte man die Karren mit den Kadavern, warf den Abraum der

verbrannten Häuser und Balken hinzu. Vom Kanal sahen die beiden langen

gewölbten Gräber und Schutthügel aus wie die Buckel zweier riesiger

Maulwürfe, die sich aus der Erde aufwühlen.

Khien-lung sonnte sich. Dem Hohen Rat gab er bekannt, daß er Kia-king,

seinen Sohn, der ihn mit seinen Ahnen versöhnt hatte, zu seinem Nachfolger

ernenne. Die Offiziere, Generäle, hohen Beamten, Ratgeber, die sich an der

Niederwerfung der Rebellion beteiligt hatten, erhielten Ehrentitel,

Ländereien. Mit fester Hand schrieb Khien-lung am Tage des Dankfestes in

der hinteren Halle des Kung-fu-tsetempels an: 'wenn Kung-fu-tse hier wäre,

er würde nicht gründlicher vorgegangen sein als ich.'

Als noch die Leichen der Rebellen auf den stillen Straßen, in den Häusern

Lint-sings faulten, der verkohlte Leib Wang-luns, welcher als Fischerssohn

geboren, als Verbrecher gelebt, das Wu-wei gestiftet hatte für die

Unglücklichen der achtzehn Provinzen und dafür unter das Ketzereigesetz

gefallen war, der durchlöcherte Körper der Gelben Glocke, der der feinste

und weichste der Brüder war und in tiefer Seelenruhe seinen Speer empfing,

gegen eine weiße schöne Wolke zärtlich aufwallend, Ngoh, der schwächste von

allen, von seinem Elend langsam zermahlen, die zahllosen Brüder und

Schwestern, die unter dem Frieden des Wu-wei geblüht hatten, fuhr auf einem

großen Trauerschiff Hai-tang, umgeben von ihren Frauen, nach ihrer

südlichen Heimat die Küste entlang.

Chao-hoei, den gebrochenen Sieger, hielt Khien-lung am Hofe fest. Hai-tang

wollte allein fahren; sie sagte zu Chao-hoei, als er sein Haus in

Schan-hai-kwang verkauft hatte, er solle sich eine Nebenfrau nehmen, damit

er von ihr einen Sohn bekomme.

Der sanfte Herbst kam. Das Schiff glitt die südliche Küste entlang. Aus den

Städten schrillte Musik; die Ernteprozessionen auf den Feldern böllerten;

die Dschunken flitzten spielerisch über das dunkle Wasser. Totenstille auf

dem schweren breiten Schiff der Hai-tang. Sie segelte nicht gleich in ihre

Heimat, das Schiff landete vor der Insel Pu-to-schan. Hai-tang wollte gehen

vor die gnadenreiche Kuan-yin, das Gebet der frömmsten Mönche für sich

erwirken.

Besonnte Zacken der Granitberge. Träumerische Landschaften eingesenkt.

Schlanksäulige Fächerpalmen mit hellen Stimmen. Kamelien hunderttausend.

Hauchende Teiche, schwimmende Lotos. Zwischen Hecken, hinter steinigen

Wegen Tempel am Fuße des Hanges. Starrgespannter Himmel.

Von zwei Frauen gestützt, knisterte Hai-tang hinauf, in faltenreichen

grauen Gewändern, grauer Schleier vor dem Gesicht. Sie gingen durch die

Eingangshalle, über die mächtige Terrasse und Plattform vor der

Gebetshalle. Hai-tangs Augen erduldeten an der steilen Brüstung der

Terrasse die Reliefs, welche die kindliche Liebe verherrlichten. Vor dem

Altartisch qualmte im geschnitzten Holzgehäuse die ewige Lampe. Vorhänge,

Flickteppiche, Standarten, Pauken, Weihrauch.

Riesengroß hinter allen Kuan-yin. Sie saß an der Wand in einem weißen

Kleide da, die linke Hand fein angehoben; ihr Gesicht war golden; eine

Krone von fünf Lotosblättern trug sie; ein Diadem faßte ihren blauen

Haarknoten zusammen. Mit schlanken Hüften, starken Beinen saß sie, den Kopf

leicht zurücklehnend, auf Marmorsockel; violetter Brustlatz, weißes

Seidentuch floß über ihre engen Schultern. Die Lider unter den schwarzen

Augenbrauen hielt sie gesenkt; aber die gelblichen Wimpern, die schmal

geöffneten Lippen schienen leicht zu zittern. So milde schwieg sie; so

versunken hörte sie und gab sie. Tafeln und Banner priesen: »Kuan-yin, die

große Freundin. Ihr gnadenreiches Boot trägt alle hinüber. Die Gnade ist

groß wie die Wogen der See. Für alles Volk ist sie erstanden. Ein

mütterliches Herz. Ihr goldener Körper wird nicht vergehen.«

Die Mönche in braunen Mänteln vor ihr rieben die Stirnen am Boden; Murmeln,

Klingeln, dumpfes Liturgieren. Hai-tang knüllte ihren Schleier, sie atmete

stürmisch und lächelte, über die Mönche wegsehend.

Es war später Abend. Die Insel verschwand im Finstern. Mit Laternen zogen

hundert Mönche aus ihren Zellen und Kapellen über die steinigen Wege.

Hai-tang hatte eine ungeheure Summe gespendet, damit die Geweihten bei der

Göttin für sie beteten. Sie saß an einer Biegung des Weges unter einem

Granitblock. Der Zug murmelte an ihr vorüber, die Arme verschränkt, Kutte

nach Kutte. Sie zählte die Mönche, kam nicht zu Ende. Stolz, triumphierend

überblickte sie diese grenzenlose Menge: es mußte ihr gelingen, die Göttin

zu überwältigen. Ruhe, Ruhe wollte sie; Wang-lun nahm ihr ihre beiden

Kinder; die Rache war nicht geglückt; und wenn sie geglückt war, so gab sie

keine Hilfe. Ruhe für sich, Frieden für die toten jungen Kinder, endlose,

immer erneute Folter über Wang-lun! In ihr wurde es still, als die Fackeln

unter Singsang in den Tempel verschwanden. Sie schlürfte die warme Luft;

jetzt sollte sich die Göttin wehren, jetzt drangen die Mönche auf sie ein,

rangen mit ihr -- für sie. Die Dienerinnen erhoben sich. Hai-tang ging auf

das Schiff für die Nacht.

Am folgenden Abend saß sie wieder unter dem Granitblock. Die Fackeln

schwankten an ihr vorbei. Sie drohte im Finstern mit siegesheißem,

haßverzehrtem Gesicht nach dem schwarzen Tempel. Sie schüttelte über die

Köpfe der Mönche ihre Arme.

Am dritten Abend schickte sie die Dienerinnen fort. Das Gemurmel des Zuges

erfüllte die Wege. Hai-tang starrte in das blendende Fackellicht. Sie fiel

nieder, schrie, zerriß ihre Brust. Die Göttin war stärker; die Mönche

vermochten nichts. Sie konnten beten und beten und beten. Wer hatte die

Kraft, wer rettete sie?

Da war ihr, als ob die Mönche schon wieder zurückkehrten. Es rauschte. Ein

Licht floß über den Boden. In dem Schein des eben vortretenden Mondes

schritt schmalhüftig Kuan-yin, die Perlmutterweiße, an ihr vorbei. Das

Diadem auf dem geringelten Haar blitzte grasgrün bei der Drehung des

schräggelegten Kopfes. Sie lächelte, sah Hai-tang an, sagte: »Hai-tang, laß

deine Brust. Deine Kinder schlafen bei mir. Stille sein, nicht

widerstreben, oh, nicht widerstreben.«

Hai-tang blickte weiter in den grünschleppenden Mondschein. Sie setzte sich

auf, schob die Schaufeln ihrer Hände über das kalte Gesicht: »Stille sein,

nicht widerstreben, kann ich es denn?«

_Ende_

Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman · 第 26 / 29 题