Ngoh wiegte den Kopf: »Laß doch meine Hände. Ich bin froh, daß du da bist.«

»Das mag sein. Aber: wer bist du, was mach ich mit dir?«

»Setzen wir uns. Ich bin nicht so weit wie du, am liebsten möchte ich mit

Ma-noh nach der Mongolenstadt gegangen sein und dein Gift getrunken haben.

Dann wäre ich geblieben, wo ich bin und sein wollte. Es ist die Blüte

deines Bundes, Wang, glaub mir, die in der Mongolenstadt umgekommen ist.

Die Gelbe Glocke geht anders, du gehst anders, viele gehen anders; ich kann

nicht mit. Ich häng dir an und kann dir das Unglück Ma-nohs verzeihen; nur,

was jetzt kommt, verstehe ich nicht und kann ich nicht mitmachen. Ich bin

ein Wahrhaft Schwacher, will mich dem Tao anähnlichen, dem Schicksal

niemals widerstreben, bei keinem Schlag, den ich erleide. Auf dem Pferde

hab ich gesessen, bevor ich zu euch auf die Nan-ku-berge kam, geschossen,

das Schwert, die Lanze geschwungen. Was ich damals erduldet habe und weil

ich damals so viel erduldet habe, bin ich fortgeschlichen von den Pferden

und Waffen und habe mich auf deine gute, o so gute, nochmals gute Lehre

gebettet. Frei sein, frei bleiben, was kann mir geschehen, welcher Knabe,

welcher hoffnungslose Wunsch wird mich quälen! Du hörst es an meiner

geschwätzigen Stimme: du hast uns nicht enttäuscht. Unsere Seele

zermergelte sich nicht nach Reichtum, langem Leben. Das Unglück fiel uns

mit einem Seufzer zu. Das türschleichende Unglück, das angebetete,

totgestoßene Kind fand bei uns Einlaß. Wang-lun, das kann alles nicht das

Hia-ho fortgenommen haben von dir. Die Flüsse und das Meer sind so wild;

der große Damm hält nicht stand, aber sie können nicht das Sicherste,

Unverrückbare in dir fortgerissen haben. Ich selbst, Wang, habe ja mit

halbem Herzen das vorbereiten helfen, was nun gekommen ist. Die Gelbe

Glocke redete mir zu; wer krank ist, hält sich an das Nächste, das er

findet. Aber ich weiß jetzt schon besser: es wäre besser gewesen, wir

gingen alle unter wie die hunderte, die Chao-hoei schon getötet hat. Das

ist zehn-, tausend-, endlose Male besser, glaub mir, Wang-lun, bitte, glaub

es mir doch, als daß du in die Stadt einziehst, mordest, bestenfalls ein

neues Königreich aufrichtest, das bald so schlecht sein muß wie alle

andern.«

Ngoh, mit gelöster Mimik, blickte Wang aus überzeugungskranken Augen an.

Er berührte den tiefbraunen Mann nicht: »Es ist gut, Ngoh, daß du zu mir so

geredet hast. Ich werde dir antworten. Auch viele meiner Soldaten haben zu

mir gesprochen.«

»Ja, antworte, erzähle. Du wirst mich heilen, wenn du zu mir sprichst, wie

auf den Nan-ku-bergen zu den Bettlern. Und schließlich, es macht mich

ruhig, du bist ja derselbe, immer Wang-lun, auf den alle bauen, ich gebaut

habe und baue.«

Wang wippte auf, setzte sich erst, während er sprach; er redete in dem

harten, überrennenden Tone: »Daß der Kaiser ein Edikt erlassen hat, uns

auszurotten, weißt du. Wer ist der Kaiser? Ja, wer ist das, 'Kaiser'? Ich

kenne Blitze, die Menschen an Flüssen, auf dem Wasser, unter Buchen

erschlagen; man kann von einem Bergsturz zerquetscht werden;

Überschwemmungen gibt es, Feuer und wilde Tiere, Schlangen. Auch Dämonen.

Die können uns alle umbringen. Es gibt kaum eine Rettung dagegen. Wer ist

'Kaiser'? Die unerhört schamlose Anmaßung des Kaisers, uns umzubringen,

worin liegt die begründet? Er ist ein Mensch wie du, ich, die Soldaten.

Weil sein Ahne, der tote Mann aus der Mandschurei, hier anmarschierte und

das Mingreich eroberte, hat der Kaiser Khien-lung das Recht, die Wahrhaft

Schwachen und mich umzubringen. Diese Tat seines Ahnherrn setzt ihn den

Überschwemmungen, Bergstürzen, Schlägen gleich? Das sollst du mir beweisen,

Ngoh. Solange du mir nicht den toten Chu widerlegst, der in den Kaisern

Einbrecher und Massenmörder sah, bestreite ich, daß sie das Schicksal der

Gebrochenen Melone und der Wahrhaft Schwachen sind. Ich vergifte mich nicht

freiwillig. Ich weise sie zurück, wohin sie gehören. Unser Bund lebt auf

der Erde, die ihm gehört.«

»Das ist ganz neu, das hab ich von dir noch nie gehört, Wang, ich finde

mich darin nicht zurecht.«

»Ist eilig, sich zurecht zu finden, lieber Bruder.«

Tiefer erstaunte Ngoh: »Glaub es, glaub es. Was soll ich tun? Das sind ja

Sätze, die ich selbst gesprochen habe -- zu andern.«

Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman · 第 20 / 29 题