Ngoh, sich bewegend mit unsicherer Stimme: »Was soll das heißen, Wang, wir
sind eins? Worin sind wir denn jetzt eins?«
»Was willst du von mir? Warum bedrängst du mich? Bin ich dein Schuldner?
Habe ich dir etwas gestohlen? Der Kaiser ist ein Einbrecher, Chu hat das
gesagt; damit mußt du dich abfinden, Ngoh. Da läßt sich weiter nichts
sagen.«
Ngoh riß die Lider bis zur Stirn hoch; Wangs Augen wanderten über den
leeren Hof. Sie schwiegen. Wang schlug sich aufs Knie.
»Auch die andern haben sich damit abgefunden.«
Eine ganze Zeit stummes Lauern und Visieren. Als ein Umzug am Jamen gongte
und Ngoh, der bei jedem Trommelschlag zusammenfuhr, mit den Blicken nach
der Tür suchte, stampfte Wang verächtlich auf, ging mit plötzlich
zorngedunsenem Gesicht in dem Bretterverschlag hin und her, pflanzte sich
vor Ngoh auf, stülpte ein Knie auf die Bank:
»Es ist mir alles gleich. Du kannst dich entscheiden, wofür du willst. Ich
will keine Menschen sehen, die nicht Vertrauen zu mir haben. Ich will dich
gar nicht; es kommt nicht an auf einen Menschen. Will mir abzwingen, weiß
ich was.«
Der schlanke Ngoh stand müde auf; klares Gesicht, klare Stimme: »Ich geh
schon, Wang.«
»Das sag ich ja; will mir abzwingen, was er kann. Aber kein Vertrauen.
Nein, keine Spur von Vertrauen. Was hab ich euch gegeben: unbesiegbar hab
ich euch gemacht; gerettet seid ihr worden aus --. Aber nichts, wenn ich
einmal komme, als weiße Wände, Holzstücke. Fragen, warum, warum, warum? Es
genügt nicht, daß ich komme und sage, so und so und so; es muß auch bar auf
den Käsch bezahlt werden, begründet von fünf Seiten, daß nur nichts
verloren geht. Ha, ich kenne euch, nicht wahr?«
»Zu wem du sprichst, weiß ich nicht.«
»Zu Ngoh.«
»Wang, ich hänge an dir; ich frage dich eben, weil ich keine tote Wand bin.
Ich kann nicht in diesen Kampf, ich bin geflohen davor. Du hast mir ein
paar Jahre Ruhe gegeben, tausende sind gestorben, weil sie nicht zurück
wollten, und jetzt kommst du selber, willst mich würgen, der ich noch lebe,
und ich soll dich noch nicht einmal bitten dürfen.«
»Bitten dürfen, fragen dürfen. Ich sage ja, sprich doch nur wieder aus:
Warum! Du hast mich einmal in Erregung gebracht. Sprich nur weiter. Gestern
bin ich in die Stadt gedrungen; wir haben uns die letzten Tage
herumgeschlagen. Du solltest mich schonen. Der Kaiser, sag ich, ist ein
Einbrecher. Der Kaiser Khien-lung hat kein Recht gegen uns, Edikte zu
erlassen. Das mußt du verstehen. Er ist ein Henker und kein Schicksal. Und
da gibt es nichts nachzurechnen.«
»Ich rechne schon nicht mehr nach, Wang, verzeih mir doch, halte doch an
dich.«
»Du rechnest mir doch nach, du. Du rechnest alles zweimal nach. Ich sag dir
auch alles, damit du es auch weißt. Da hast du's, da, pack es an.
Es -- ist -- uns -- nicht -- beschieden --, Wahrhaft Schwache zu sein, --
es ist -- uns -- nicht beschieden; ich will mich ganz für dich auspressen.
Fünfmal hab ich es geträumt von der Mongolenstadt, dann hab ich es gewußt.
Ja, du sollst alles hören, speichle nicht dazwischen. Darum bin ich nach
dem Hia-ho geflohen, darum hab ich dich ausgelacht, euch mit den Füßen
fortgestoßen. Ich hab mich geirrt auf den Nan-ku-bergen; das Schicksal
schlägt nach uns, mit dem Huf, wo wir uns sehen lassen. Ein Wahrhaft
Schwacher kann nur Selbstmörder sein. Und sie sind's gewesen, und ich hab's
gesehen in der Mongolenstadt und die kaiserlichen Generäle haben's gesehen.
Und das ist Unsinn, Ngoh, und das kann ich nicht mit anschauen und darum
bin ich wieder hergekommen, weil ich schuld daran bin, und es kann doch
nicht so endlos weitergehen. Es sollen alle zu Grunde und auf einmal
hingeschlagen werden, und ich mit ihnen auf einem Haufen. Ja, die
Mongolenstadt war noch besser! und so soll's mit uns werden und schlimmer.«
Ngoh kam mit zitternden Knien auf Wang gegangen, der gegen die Wand des
Verschlages seine Sätze schäumte und dessen weiße Lippen troffen, betastete
seinen schlenkernden Arm: »Es ist ja nicht wahr, Wang-lun, es ist ja nicht
wahr.«
Als Wang aufröchelte, ließ Ngoh den Arm; Wang zerrte sich den Strohhut
herunter, sackte auf die Bank hin, stöhnte: »Es ist gemein, es ist gemein!«
Er rieb den Schädel rückwärts gegen die Bretter; sein verbissenes starres
Gesicht schattete geradeaus: »Geh, ich will nichts wissen von dir, Ngoh.
Mach mich nicht ungeduldig. Lauf weg, Ngoh, lauf weg, ich fürchte mich für
dich, ich bitte dich. Geh rasch hier weg.«
Der verwirrte Ngoh pendelte automatisch an das Holztor.
Als das Tor hinter ihm knarrte, trommelten Wangs Fäuste gegen die
Holzverschalung. Seine blutdurchwirbelten Klauen wuchteten die Bank los,
auf der er gesessen hatte, zerknickten und zerschleuderten sie. Er
arbeitete erbittert gegen die hinfällige Bude, wütete über den sonnenhellen
Hof: »Schurken, Schurken sind hier, Halunken, Mörder! Ich bin in eine
Schlangengrube gefallen.« Rannte mit anstemmendem Rücken, Knieen gegen den
schwankenden krachenden Verschlag: »Ich kann mich umbringen.«
Nach zwei Stunden schmauchte Qualm aus den Fenstern des Jamens; die beiden
vorderen Gebäude quietschten, zeterten, heulten maulvolle Flammen. Als man
das Hoftor erbrechen wollte, polterte es, von innen geöffnet. Wang-lun
knirschte durch den Spalt; kranke waffenprahlende Blicke: das Jamen solle
abbrennen; man achte auf die Nachbargrundstücke.
Am Abend dieses Tages fand militärische Beratung im Stadtgott-Tempel statt.
Dreißig Männer trafen ein; zwanzig Führer der bisherigen Truppen, zehn aus
der Stadt, von den Gilden präsentiert. Ngoh, auf Wang-luns Wunsch
eingeladen, erschien. Die Debatte, die bis in die Nacht währte, behandelte
die Organisation der Stadtjugend und ihre Bewaffnung. Zum ersten Male
tauchten hier Vorschläge auf, Wang zum König zu machen. Wang-luns Plan,
nach Vorbereitungen direkt auf Pe-king loszugehen, nachdem man sich mit den
abtrünnigen Garden vereint hatte, fand Billigung. Es sollte proklamiert
werden: der Drachenthron wird der Mingdynastie wiedergewonnen.
Am nächsten Mittag, nach dem Turnen und Ringübungen der Soldaten, näherte
sich Ngoh dem rasch ausschreitenden Wang, der sich den Schweiß abwischte.
Sie gingen durch morastige Seitengassen nach dem Innern der Stadt.
Das feine Gesicht des ehemaligen Offiziers vibrierte, es wurde einen
Farbenton blasser: »Ich will mich nicht darum biegen; ich habe dich um
Entschuldigung zu bitten.«