stopfte sich die Ohren zu, wand sich.
Er rannte aus dem Käfig hinaus, durch den weichen Schnee an der Mauer
entlang, Ngoh hinter ihm her. Unaufhörlich gellte Wang, warf sich, die Erde
mit Fäusten bearbeitend, auf den Boden, raffte sich wieder auf; schließlich
liefen sie hintereinander auf eine kleine Anhöhe. Der schreiende
speichelnde Mann setzte sich in den Schnee, hielt sein Schwert mit beiden
Händen hoch, schwang es gleichmäßig durch die fallenden Flocken von rechts
nach links, von links nach rechts. Er zog es herunter, küßte stöhnend die
Klinge, betrachtete mit fremden Blicken den ratlosen Ngoh. Er wälzte sich
auf der Erde, rollte den Hügel herunter, malte eine lange hellrote Spur in
den weißen Schnee mit der blutspritzenden Hand, die am Gelenk geschlitzt
war. Ngoh fiel in sein Wimmern ein; er rüttelte an dem Mann, hob ihn auf,
preßte Schnee gegen die Wunde, zerrte Wang hinter sich her, der den Kopf
mit dem verzerrten Gesicht im Kreise drehte, mit der rechten Hand sein
abgerissenes Schwert hinter sich schleifte wie ein Kind sein rollendes
Wägelchen.
Dicht vor einem Tor fühlte sich Ngoh an der Schulter gepackt; Wang stieß
ihn schnaubend mit wilden Blicken von sich, blieb zuckend stehen,
betrachtete, sein Schwert hinwerfend, die breite Schnittwunde am linken
Handteller, wehrte dem unaufhaltsamen Wimmern Ngohs ab. Der riß sich einen
Lappen aus seinem Mantel, band die rote Fläche zu. Rasch entfernte sich
Wang, ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich umzusehen.
Am zweiten Tage hatte das zarte Schneegestöber aufgehört; durch die
blendende Landschaft zitterte das Klingeln der Lustschlitten, das
glückliche Kichern. Die Ebene vor dem Tore war mit spazierenden Männern und
Kindern schwarz betupft. An der Mauer drückte sich Ngoh mit Wang-lun
entlang unter den Bettlern, die in Reihen lagen, ihre verstümmelten Glieder
zeigten, den Hundereis, den ihnen die Wohltätigkeitsanstalten schickten,
aus Kübeln schöpften. Jenseits des Hockkäfigs wurde es stiller; sie
schlenderten ohne zu sprechen am Fuß der Mauer weiter.
Ein Pfeifenverkäufer, ein langer Mensch, ging an ihnen vorbei; seine
Bambusrohre, die er auf der Schulter trug, streiften Wang mit ihren
weißkupfernen Saftstücken am Hals; Wang fuhr hastig zusammen und drehte
sich um. Er warf einen bösen Blick auf den Händler, der gemächlich im
Schnee vorantrabte. Auf der Anhöhe, die sie neulich im Gestöber erstiegen,
standen viele Kinder, Knaben mit bunten Kappen; das Schlagen eines
Tamburins scholl herüber; im Kreise der Kinder sprang ein Mann mit einem
angeketteten schwarzen Bär; der Mann klirrte seinen runden fellbezogenen
Rahmen über den Kopf, auf den Rücken, wirbelte sich herum; der Bär umging
ihn sachte, aufrecht, suchte mit den Vorderpfoten die Schultern des Herrn
zu berühren, die Kinder kreischten.
Wang, in sichtlich großer Erschlaffung, sagte, die Nachricht vom Schicksal
Ma-nohs sei auf ihn doch tiefer eingedrungen als er geglaubt hätte. Es
komme ihm vor wie ein Steinschlag in den Brüchen, den er einmal gesehen
hätte; zwei überlebende Leute hätten dagesessen und immer gelacht. So ginge
es ihm wirklich auch. Er redete in dieser Weise weiter, in einem
unnatürlich gleichmütigen berichtenden Tone.
Als Ngoh, der wieder ängstlich wurde und sich Erregungen nicht gewachsen
fühlte, fragte, was Wang vorhabe, lächelte der große Bettler eigentümlich
traurig und sah leer vor sich hin. Sie kehrten um. Und als sie schon in der
Höhe des lustigen Kinderhügels waren, umhalste Wang seinen Bruder und sie
spazierten umschlungen.
Es hätte sich alles so unübersehbar gewendet, meinte Wang, daß er keine
Lust habe, mehr etwas zu ändern oder herbeizuführen oder überhaupt irgend
etwas von Belang zu verrichten. Er führte Ngoh, der unruhig folgte und ihn
nicht verstand, auf den Hügel, um dem Bärentanz zuzusehen. Beim Anblick der
beiden Zerlumpten stoben die Kinder lautlos auseinander; der
Tamburinschläger zerrte sein widerspenstig brummendes Tier hinter sich her.
Die Männer machten abwinkend kehrt.
Ja, er sei fröhlich, fuhr Wang fort. Es sei alles unübersehbar, aber
schließlich hätte Ma-noh recht behalten. Der warnte am Ta-lousumpfe davor,
den Gelben Springer zu gebrauchen; es wäre ein Verstoß gegen die Lehre des
Nichtwiderstrebens. Weil er, Wang, nicht dieser Meinung war, hätten sie
sich getrennt. Das Unglück in der Mongolenstadt wurde heraufbeschworen. Zum
Schluß pralle das Schwert gegen seine Brust zurück: es geht nicht an zu
widerstreben. Ma-noh prophezeite sein Schicksal, und er habe versagt.
Ngoh wendete ein: was denn dabei für ein Grund wäre zu lachen und sich zu
freuen.
Soviel Grund, sagte Wang mit aufleuchtenden Augen, wie einer hat, der ganz
unerwartet, ganz plötzlich über sich belehrt wird von Grund aus, als ob ihm
das Fell vom Leib abgezogen würde. Man ist zufrieden. Man fühlt einen Boden
unter den Sohlen. Man weiß, woran man mit sich ist.
Wang war ersichtlich zu zerstreut, gut aufgelegt, rechts und links
abgelenkt, um viel zu sprechen. Später schwatzte er, aber so eigentümlich
Belangloses, daß Ngoh erstaunte. Wang zeigte Interesse an den einfahrenden
Schlitten, mokierte sich über die wackelnden Damen und die hinter ihnen
schwänzelnde Eleganz, erzählte Gauneranekdoten. Ngoh konnte erkennen, wie
aus dem erschlafften Gesichte Wangs sich neue verblüffende Züge
herausarbeiteten. Ein bäurischer Spaßmacher, ein anderer Mensch mit anderer
Stimme schlenkerte neben ihm.
Sie setzten sich auf einen plötzlichen Einfall Wangs zu ein paar
Bettlergruppen am Tor, würfelten mit ihnen. Ngoh erwartete von Wang eine
auffällige Gebärde, einen schmerzlichen Blick. Aber der Träger des Gelben
Springers schien sich immer mehr wohl unter dem habgierigen faulen
unflätigen Gesindel zu fühlen. Er war heiter ohne Krampf, rekelte sich und
beachtete Ngoh nicht mehr.
Als er ein schmutzstarrendes Mädchen, den Gemeinbesitz dieser Bande, zu
sich auf den Schoß nahm, stand Ngoh angeekelt auf. In einer wühlenden
Verwirrtheit schlich er nach dem Tore.
Am Eingang erreichte ihn Wang mit dem Mädchen. Beide schüttelten sich vor
Lachen. Wang hatte dem Mädchen erzählt, daß der Hauptmann wegen eines
Lustknaben den kaiserlichen Dienst quittiert hätte. Die Dirne konnte fast
platzen vor Vergnügen über den verrückten Kerl und fragte quietschend Ngoh
nach dem Namen des Knaben, indem sie mit dem Zeigefinger ihre Stirn
berührte. Rasch ging Ngoh in die Stadt hinein. Er hörte noch, wie Wang
hinter ihm herrief: »Lebe wohl, alter Bruder! Ein Wiedersehen im Westlichen
Paradiese.« Und wie er zur Freude des Mädchens die Torwache anrempelte.
Nach diesen Ereignissen verschwand er den Brüdern völlig aus dem Gesicht.
Ngoh schwieg über die Begegnung. Als die kaiserlichen Erlasse erschienen
und Wang-lun aus Hun-kang-tsun, Hai-ling, Schan-tung völlige Straffreiheit
verhießen und Duldung seiner Lehre, saß der ehemalige Bandenhäuptling auf
seinem kleinen Acker im Hia-ho, fuhr mit den Kormoranen auf Fischjagd,
seine Frau kannte ihn unter dem Namen Tai. Er war ein gewiegter Mann,
ehrerbietig gegen den Magistrat, kameradschaftlich, nicht ganz zuverlässig
im Umgang. Mit dem Glauben hielt er es wie alle Bauern: betete zu den
Göttern, die ihm am meisten Gewinn versprachen. Unter den Zuwanderern des
letzten Jahres nach Sicherung des Großen Dammes gegen Springfluten war Tai
der meistgeschätzte.
* * * * *
Nach ein paar Wochen erfuhren die Präfekten der Distrikte und Städte
Tschi-lis und Schan-tungs, in wie sonderbarer Weise sich die Untat in
Yang-chou-fu an dem Gelben Herrn ausgewirkt hatte.
Die weitere Verfolgung der Sektenanhänger wurde durch das Tribunal der
Riten, die Zivil- und Militärbehörden gleichzeitig verboten. Ein
kaiserlicher Erlaß an die Tsong-tous und die Präfekten der Kreise belegte
den völligen Sinnesumschwung der höchsten Instanz über das Ereignis.
Magistratsbeamte und Literaten der westlichen Provinz Tschi-li wurden mit
empfindlichen Geldstrafen und Degradierung bestraft, weil sie falsche
Mitteilungen über das Wesen der Sektierer gemacht hätten. Es verlautete aus
dem Astrologenhof der Roten Stadt, daß sich aus der Untat in Yang-chou
schwere Konstellationen für den Gelben Herrn ergeben hätten.
In den Literatenzirkeln, in den Tempeln des Kung-tse saß man
niedergedonnert beieinander. Bestimmter drang durch, daß der
Sinnesumschwung des Kaisers datiere von dem Besuch des Lamas Paldan Jische
beim kaiserlichen Hof in Jehol. Die nicht ordnungsmäßige Begründung des
Abweichens vom Ketzereigesetz fiel auf; nichts verlautete von Eingaben des
Zensorenhofes; das Nachschleppen des astrologischen Bureaus sprach nicht
für eine Initiative dieser Instanz. »Der Lamaismus am Hofe«, dieses alte
verhängnisvolle Lärmwort erschreckte die konservativen Elemente; sie
erregten sich; von den trüben Zuständen des alten Herrschers raunte man,
von einem Mißbrauch finsterer Altersstimmungen durch mystische Pfaffen.
Hetzereien gegen die Wahrhaft Schwachen setzten mit außerordentlicher Wut
ein. Der Erlaß wurde kaum in dem vierten Teil des Landes zur Kenntnis des
Volkes gebracht, zum Schein über Nacht an Mauern angeschlagen, von
gemieteten Strolchen abgerissen. Es erfolgten erbitterte Zusammenkünfte,
Beratungen, Beschlüsse der Kung-tsefreunde. Im Westen Tschi-lis erfolgten
die ersten Zusammenstöße. An mehreren Orten wurden Brüder niedergeschlagen
und gefoltert. Sie zerstreuten sich oft; das Martyrium lockte neue
Bekenner.
In der verhängnisreichen Gegend des Ta-lousumpfes standen zwei Trupps, die,
umzingelt von ihren gehässigen Verfolgern, von einigen Verzweifelten
mitgerissen, sich zur Wehr setzten, ja in einem blinden Aufwallen den
Angreifern ein regelrechtes Gefecht lieferten, das für die Bündler
siegreich verlief. Dies war der Anfang einer besinnungslosen Hetze auf die
Vaganten in dieser Gegend. Im Norden Pe-kings, im südöstlichen Tschi-li
ging es ebenso; unabhängige Ortsbehörden organisierten Angriffe auf sie.
Hier und da wurden lamaische Priester angefallen.
Kia-king, der starke fürstliche Kia-king zweifelte nicht an dem Wahnsinn
seines Vaters, an einer Betörung durch den heimtückischen Taschi-Lama. Eine
Abschrift des kaiserlichen Versöhnungserlasses zerriß er in seinem Palast
vor den Augen Chao-hoeis und Songs, die ihn besuchten. Als die Nachrichten
von dem Umsichgreifen der Rebellen kamen, funkelten seine Augen vor Freude.
Man hetzte ihn Partei zu ergreifen; er konnte des Anhangs aller Freunde des
Kung-tse aller wahren Patrioten sicher sein, die mit Abscheu den Sieg der
Gelbmäntel am Hofe verfolgten. Er hielt an sich; aber die Schlüssel zu
seiner Schatzkammer warf er nach einer solchen zornigen Unterhaltung dem
Aufseher seiner Gärten zu. Jetzt geschah etwas Erstaunliches: der
Widerstand der Behörden hörte in den Provinzen rasch auf; dafür wuchs der
Anhang der Sekte zu einem unerhörten Umfang, und die Anhänger schien alle
zusammen ein Taumel von Wut, ein Rausch von Kampflust zu ergreifen, der wie
ein Meer alle Sanftheit mit einer einzigen Flut ertränkte. Es waren von der
Eunuchenumgebung Kia-kings unbedenklich mehrere Tausend entlassener
Soldaten an verschiedenen Orten angeworben worden, die den Auftrag
erhielten, den Wahrhaft Schwachen zum Schein beizutreten, im übrigen
Befehle aus Pe-king entgegenzunehmen. In einigen Wochen vollzog sich eine
entsetzliche Umwandlung des Bundes.
Zwei Greueltaten wurden von Pe-king aus mit feinstem Geschick arrangiert:
ein Attentat auf den einzigen Sohn Chao-hoeis, des Lieblingsgenerals
Khien-lungs, und ein Scheinangriff auf Mukden, wo der Kaiser sich eben
aufhielt. Lao-sü hieß der Sohn Chao-hoeis; bei Schan-hai-kwang stand sein
Wohnhaus auf den nordwestlichen Abhängen der Magnolien. Während der junge
Lao-sü mit einem Freund eines Abends durch die dunklen Straßen der Stadt
spazierte, um zu scherzen, sie trugen elegant Gardenien in den Händen und
liefen mit dem tänzelnden knickenden Schritt der Gaukler, wenn sie auf
Bambusstäben jonglieren, fielen Kerle im Finstern über sie her, schlugen
ihnen mit Holzkloben über den Kopf, rissen ihnen das mandschurische
Brustschild aus dem Oberkleid. Sie schleppten die beiden Besinnungslosen
vor das Tor eines verfallenen Hauses, malten ihnen mit Erde das Zeichen der
fünf bösen Dämonen auf die Stirn. Chao-hoei, der bei Khien-lung weilte,
brach hin über die Schmach, die man seinem Hause angetan hatte; Lao-sü
heilte schwer. Neben den Kaiser her schleppte der General sein Unglück.
Unmittelbarer Teilnehmer an einem Exzeß der Bündler wurde der versunkene
Kaiser in Mukden; er sah vom Garten aus die züngelnden Flammen, welche eine
Pagode und einen Ehrenbogen ergriffen, die er selbst zu Ehren seiner Mutter
errichtet hatte. Er hörte auch die Todesschreie der Bündler, armer
Soldaten, denen man eine große Geldsumme für ihre Familie gegeben und eine
kostbare Beerdigung versprochen hatte.
Er verließ die Mandschugräber, reiste nach Jehol. Widerstrebend öffnete er
die Berichte, die von den Tsong-tous eingelaufen waren: Rebellion, offene
Rebellion war im Lande.
Todesstille in dem kaiserlichen Wohnhaus, als dem Himmelssohn die Berichte
vorgelegt waren. Er hielt sich eingeschlossen. Am Mittag des folgenden
Tages stieg er gebückt allein in die Ahnenhalle, wo er bis zum Abend blieb.
Khien-lung fühlte sich schlaff und elend. Er fürchtete, sein Tod könnte
jede Stunde eintreten. Das grausige Gespenstergesicht aus der Mongolenstadt
hatte seine Züge nicht verändert. Er konnte es nicht ändern. Er konnte
seine Ahnen nicht versöhnen. Sein Leben endete schmählich. Der Himmel hatte
dies über ihn verhängt. Es sollte nicht anders enden.
Und in diesen Tagen, wo der alte Gelbe Herr auf sich eindrang, um seiner
Seele einen Zornesausbruch abzuringen, traf ihn ein Schlag, der aus seinem
eigenen Hause auf ihn gerichtet war.
* * * * *
In einer Clique, die sich in einem Pe-kinger Hause zur Pflege von Klatsch,
Intrigen, Veranstaltung von Theateraufführungen zusammenfand, spielte eine
große Rolle eine Dame namens Pei, deren Vergangenheit den meisten der
vornehmen Besucher des Hauses unbekannt war.
Die Dame Pei behauptete selbst die Tochter eines westlichen Mühlenbesitzers
namens Pei-sih-fu zu sein; früh verwaist wäre sie nach einer Vorstadt
Pe-kings geschickt worden, wo sie ein im Ruhestand lebender Mandarin
adoptierte und erzog. Die elegante Person hatte unzweifelhaft die Allüren
der gebildeten Gesellschaftsklasse, sprach das reinste Kuan-ha, beging nur
öfter Schnitzer in elementaren Sachen, mißverstand literarische
Anspielungen. Das traf sich gelegentlich, da sie sich sonst
außerordentlicher Zurückhaltung befleißigte. Es hätte niemand aus der
Vorstadt Pe-kings, in der sie wirklich »erzogen« war, in der auffallenden
und klugen Dame Pei die kleine Haussklavin eines verwitweten Barbiers Yeh
wiedererkannt, bei dem sie in einem unsauberen Haushalt den Schmutz
vermehrte, täglich von den verwahrlosten Barbierkindern geprügelt wurde und
fast verhungerte. Sie lief weg und es scheint, als ob sie in einem der
bemalten Häuser am Kanal erst Küchendienste tat, dann unterrichtet, selber
die höheren Weihen empfing und in die Versammlung der Mandarinenten
aufgenommen wurde.
Sie avancierte aber in dem Viertel, in dem sie wohnte, nicht zur Königin
des strahlenden Blumenfeldes. Denn mit achtzehn Jahren befiel sie eine
Augenkrankheit und obwohl sie der sonst zuverlässigen Göttin des
Augenlichtes viele Geschenke machte, silberne Brillen mit Elfenbeinstäben
brachte, heilte nur das rechte Auge, auf dem linken blieben große weiße
Flecken zurück, welche den Kurswert des Fräulein Pei sehr erniedrigten.
Sie vermochte nun durch ihre ganz raffinierte Anschmiegsamkeit einen
reichen Justizbeamten zu veranlassen, sie zur Nebenfrau zu nehmen. Sie
wollte aus dem bemalten Hause heraus. Schon nach zweieinhalb Jahren verließ
sie die Wohnung des Richters, nachdem ihr von der rechtlichen Frau eine
Abstandssumme gezahlt war.
Die Dame Pei bewohnte jetzt mit mehreren Dienerinnen ein kleines Haus,
lebte zurückgezogen, empfing hie und da Besuche, verkehrte nur in Familien
mit großem Namen. In ihrem Zimmer pflegte sie die alten Erinnerungen. Sie
hatte mit einer gewissen Neigung die Galanterien in dem bemalten Pensionat
vollzogen. Duftende Räucherpfannen stellte sie auf, in denen jeden Tag
Ambra, der Drachenspeichel brannte. Morgens löffelte sie den gewohnten Napf
Ingwersuppe. Sogar den heißen Wein trank sie allein, Wein auf Wein,
Trunkenheit auf Trunkenheit, wie man zu sagen pflegt. Das Gesinde begriff
nicht, was die Dame auf ihrem verschlossenen Zimmer den halben Tag trieb.
Da man sie drin leise trällern und das Juch-kin greifen hörte, wurde man
neugierig.
Wie dann die Dame zum Schminken und Ankleiden für die Nachmittagsbesuche
klatschte und man sie oft trotz aller Würde leicht erregt, freudig, noch
unruhig fand, kam man auf Gedanken. Gespräche mit der Nachbarschaft
bekräftigten diese Vermutungen, welche auf nichts weniger hinausliefen, als
daß die Dame Pei ein weiblicher Wu, eine Zauberin wäre, die auf ihrem
Zimmer mit Gespenstern kose.
Die junge Frau bemerkte das scheue Tuscheln der Mädchen. Eine
Blumenverkäuferin trug ihr das Gerede zu und Frau Pei wurde nachdenklich.
Sie nahm unbeschäftigt aus Laune den sonderbaren Wink an, ging zu einem
berühmten Wu, der sich vor Lachen heiser krähte: sie diene ihren sanften
Erinnerungen vom Blumenfelde, und man hielte sie für eine tätige Wu. So
zärtlich nähme doch niemand Schatten auf! Sie bat, sie in den Beschwörungen
und Gebräuchen der Zauberer auszubilden, nur wenig; sie wolle damit nur den
andern Schrecken einjagen; vor der wirklichen Zitierung eines Schattens
fürchte sie sich. Da sie eine runde Summe vorbezahlte, ging der
geschäftskundige Wu auf den Handel ein, versprach, ihr nicht den geringsten
Schatten zu zeigen, ihn nur dicht heranzuzwingen.
So lernte sie die verschiedenen Sorten Geister, Gespenster, Dämonen
benennen, ihre Merkmale unterscheiden, die Umwandlung in Werwölfe, Füchse,
Rattendämonen, die Art ihrer Fesselung und Entlarvung, die Handhabung der
Aschen, Amulette, Papiere, Schwerter, Wasser.
Zwischen Schauern und Zärtlichkeiten schwebend blieb sie die junge würdige
Dame Pei, die reich genug war, um ihren Launen nachzugehen. In den Zirkeln
ihres Verkehrs widersprach sie niemals dem geheimnisvollen Reden hinter
ihrem Rücken. Sie war geduldig, wartete auf die Gelegenheit ihre Kräfte zu
zeigen, denn sie hungerte nach Einfluß in diesen Sphären.
Nun nahm an den Damenunterhaltungen auch eine bildschöne Frau Jing teil,
welche Dienst bei einer kaiserlichen Prinzessin tat; so zierlich und
ebenmäßig die Person war, so dumm war sie auch. Die Dame Pei hielt sich von
ihr fern, weil sie in der Nähe von Schönheiten bitter wurde. Frau Jing riß
staunend den Mund auf, als sie die abenteuerlichen Mächte der Dame erfuhr;
sie drängte sich an die Überraschte heran, fragte sie aus, besuchte sie in
ihrer Wohnung, bewarb sich sichtlich um die kühle Pei, die mit ihr spielte
und sie von oben herab behandelte.
Aber im Augenblick änderte die Pei ihr Benehmen, als eines Tages Frau Jing
entzückt aus ihrer Sänfte stieg, sie umarmte und eine Einladung der
Prinzessin überbrachte zu einer kleinen Tasse Tee. Mit Herzlichkeit
erwiderte jetzt die Pei die stürmischen Liebkosungen der jungen Jing, die
sich in der Nähe einer Wu glücklich und geborgen fühlte. Auf die erste
Höflichkeitsvisite bei der Prinzessin folgten intimere Besuche, und die
schmutzige Haussklavin des Vorstadtbarbiers stand im Beginn ihrer
glänzenden Karriere.
Sie war am Hof der Roten Stadt unter Weiber und Eunuchen hineingeraten, die
im Schwall abergläubischer Verworrenheiten versanken. Hier zentrierte sich
in kurzer Zeit alles um die geschickte Dame Pei. Einige Prinzen fanden sich
bei den Konventikeln ein; die dunklen Seancen wurden im verschlossenen
Zimmer abgehalten, Damen und Herren standen rasch unter der Suggestion der
sich elegant und sicher bewegenden Frau, die heimlich selbst nichts mehr
fürchtete, als daß eins ihrer Experimente gelänge.
Der Günstling Khien-lungs, der Prinz Pou-ouang, war ein freier dreister
Knabe; seine Schwester wünschte ihn zu bekehren; schnell störte er die
geheimnisvollen Arrangements der Dame Pei, die er wegen ihres angeblich
bösen Blicks nicht leiden mochte. Seine Zähmung gelang leicht; die sanfte
und scheue Prinzessin, schokiert durch sein Auftreten und in Schmerz um die
betrübte Pei, drang in die Zauberin, den Prinzen durch eine
Handgreiflichkeit zu überzeugen. Sie bot ihr an, gar keine Mühe an den
Jüngling zu verwenden, ihn zunächst auf einen groben Betrug hereinfallen zu
lassen. Und halb widerwillig mußte die entzückte Frau darauf eingehen, dem
lächelnden Pou-ouang eine morgendliche Begegnung zu prophezeien, für deren
Ausführung die Prinzessin in einem Pflichtgefühl gegen ihren gekränkten
Gast sorgte. Die Verblüffung des Prinzen war nicht geringer als seine
folgende Demut und Unsicherheit vor dem Schützling seiner Schwester.
In seinem Eifer brachte der Knabe den berüchtigten Prinzen Mien-kho in den
magischen Kreis, dem auch der Obereunuch angehörte. Mien-kho,
breitschultrig, gedrungen, immer in Generalsuniform mit dem Löwen im
Brustschilde, ein bramarbasierender tollpatschiger Mensch, fühlte sich
außerordentlich geehrt, in diese ungewöhnliche Gesellschaft aufgenommen zu
sein, saß in dem Balkonzimmer, das für die Sitzungen diente, mit
geschwollenem Kopf und offenem Munde. Khien-lung haßte diesen Sohn, der
durch sein rohes Wesen auffiel und in den Hintergrund gerückt wurde. Als
dieser breitbeinige, von sich eingenommene Mann die Künste der Dame Pei
wahrnahm, lehnte er nicht ab wie der junge Pou-ouang, sondern zeigte sich
bei den gemeinschaftlichen Rückwegen aus dem Boudoir schweigsam, finster
erregt, so daß Pou-ouang noch mehr von der wunderbaren Frau überzeugt war.
In dem wirren Gehirn des Kriegsmannes setzte sich eine Idee fest: sich der
Dame Pei zu bemächtigen und sie zu zwingen, ihre Fähigkeiten ihm zur
Verfügung zu stellen. Die junge Frau Jing, die vor ihrer Verheiratung seine
Konkubine war, und der Obereunuch Schang erschraken, als der Prinz sie auf
dem Wege zur Frau Pei einholen ließ durch seine Läufer, sie in seine eigene
Sänfte einlud und durch die Straßen spazierend ihnen ohne Umwege sagte, daß
die Dame Pei ihm ihre Dienste angeboten hätte und er von ihren dunklen
Kräften Gebrauch machen wolle. Frau Jing und Herr Schang müßten ihm
behilflich sein, sich der Dame zu versichern. Es sollte nicht zum Schaden
der beiden Herrschaften sein. Festnehmen aber müsse man die Zauberin, denn
es sei absolut nötig, sich vor Verrat zu schützen.
Den Einwand des Herrn Schang, daß man ja bei der Bereitwilligkeit der Wu
nichts zu fürchten hätte, wies der heisere Prinz, der aus gequollenen
Bullenaugen blickte, zurück. Man müsse alles mit Entschiedenheit und Gewalt
machen. Auf ein Gespensterweib sei kein Verlaß; wozu die entschlossene Frau
Jing nickte.
So geschah an diesem Nachmittage das Seltsame, daß die geschmückte Dame Pei
von Herrn Schang und Frau Jing abgeholt in der Sänfte des kaiserlichen
Prinzen Mien nach einem abgelegenen Haus der Verbotenen Stadt gebracht
wurde, wo sie angekommen in ein Hinterzimmer geführt von dem häßlichen
Prinzen angefallen, gefesselt und auf den Boden gesetzt wurde. Das
Seidentuch nahm er ihr aus dem Mund, als die fast Erstickende durch wildes
Kopfnicken erklärt hatte, nicht zu schreien. Während sie nun in ihrem
prächtigen pelzgeschmückten Kleid an der Erde saß, leise weinend und für
ihr Leben fürchtete, dröhnte Mien vor ihr auf und ab, prasselte den
Prunksäbel hin und erklärte sich für ihr Leben und ihre Sicherheit
einzusetzen, wenn sie sich ihm ohne Einschränkung zur Verfügung stelle.
Die Dame Pei mußte sich an die Wand lehnen. Sie glaubte, der schwarze Prinz
hätte sie entlarvt, und statt dessen -- begehrte er sie. Das war ein Raub
nach seiner Draufgängerart. Sie tat beschämt, wies auf ihre gute Familie
hin. Der massive Mann stemmte sich auf seine Waffe und resümierte roh: »Ja
oder nein?« worauf sie, trotzdem sie sein Gesicht nicht sonderlich schön
fand, ein zärtliches Ja hauchte, wieder leise weinte und zu ihm
hinschielte.
Er erklärte in demselben mürrischen Tone, sie würde für einige Zeit jetzt
hier wohnen, das Haus nur in verschlossener Sänfte in Begleitung der
Herrschaften Schang und Jing verlassen. Sie dürfe keine Geister beschwören,
Schatten zitieren, Krankheiten in der Entfernung heilen oder erzeugen,
sondern sich ganz ihm zur Verfügung stellen. Was sie mit seufzender
Zustimmung beantwortete.
Frau Jing erstaunte nicht wenig, als sie am Abend bei ihrer
eingeschlossenen Freundin erschien und diese ihr lachend um den Hals fiel.
Die Dame Pei meinte, sie würde sich rasch in die neuen Verhältnisse
einleben. Erst hätte sie sich vor dem wilden Prinzen gefürchtet, aber im
Grunde sei nur sein Benehmen so fürchterlich. Was er von ihr verlange,
würde ihr zwar einige Schwierigkeiten seelischer Art bereiten, aber --. Und
Frau Jing nahm glücklich das Aber auf, redete ihr zu, doch alles in Frieden
und ohne Lärm hinzunehmen. Der Prinz schwöre auf sie, aber es müßte alles
geheim bleiben.
Erst der nächste Morgen versetzte die liebeshungrige Pei in eine schwierige
Lage. Sie mußte, vom Prinzen aufgeklärt über seine gar nicht
leidenschaftlichen Absichten, ihre Enttäuschung verbergen und in der
Verwirrung seinen Plan anhören. Der schlimme Plan Miens bestand darin,
einen bestimmten Mann auf sympathischem Wege zu einer gewissen Zeit
erkranken und nicht lange darauf sterben zu lassen. Frau Pei hatte sich
mehrfach bei der Prinzessin in Miens Gegenwart solcher Fähigkeit gerühmt,
die jedem vielerfahrenen Wu innewohnt. Jetzt weinte die Dame Pei aufrichtig
und konnte von dem Prinzen nicht beruhigt werden; sie weinte über ihre
verlorene Schönheit und wie schmählich alles verlaufe. Es fehlte nicht
viel, daß sie aufsprang, dem gewappneten Mann ins Gesicht schlug und ihre
Unfähigkeit herausschrie. Das ganze Manöver zeigte den Prinzen in einer
Dummheit, vor der sich die verwöhnte Frau ekelte. Sie weinte wütend weiter,
erinnerte sich ihrer Kindheit im Hause des Barbiers und beruhigte sich sehr
langsam. Der Prinz, der sie verlassen hatte, kam nach zwei Stunden wieder;
sie bat ihn um Verzeihung, ein weibliches Herz könne sich nicht leicht
neuen Dingen anschließen; Mien fragte sie genauer aus nach den Methoden,
mit denen man Entfernte behext, umbringt; sie hielt es für das einfachste,
ihm einen Trank zuzuschicken, was Mien nach einigem Überlegen ablehnte;
diese Methode schien ihm zu gefährlich. Ob sie im Hause, ohne sich aus dem
Zimmer zu rühren, seine Absicht ausführen könne. Nach einigem Nachsinnen
meinte die Dame Pei aufleuchtend, daß dies ginge. Sie schlug vor, den Geist
des zum Tode Verurteilten in eine Puppe zu zwingen, die Puppe an der
Schwelle der Wohnung des Menschen zu vergraben; in kurzem würde dann der
Mensch verwirrt werden, sich umbringen oder auf andere Weise rasch sterben.
Dazu schwang Mien die Arme; dies sollte ausgeführt werden. Er nahm ihr
nochmals das Gelöbnis des Schweigens und der Konzentrierung ihrer Kraft ab;
sie würde, wenn alles glücke, belohnt werden wie sie wünsche; nichts würde
ihr abgeschlagen werden.
Und so war die Dame Pei, in dieser Weise gefangen, nur wenig erschreckt,
als der ungeheure Mensch sich zu ihr waffenklirrend bückte und ihr ins Ohr
flüsterte, nachdem er die Perlschnüre beiseite geschoben hatte, die ihr vom
Kopfputz herunterhingen, es handle sich um den Kaiser, den sie verzaubern
solle.
Das Vertrauen, das man ihr in diesem Kreise schenkte, hatte sie schon
früher erregt; jetzt schoß ihr eine Wut in den Kopf, eine Blendung fiel
über ihre Augen; sie nahm sich vor, zu können und zu herrschen.
Außer Frau Jing, dem Eunuchen, die für die Geheimhaltung des Aufenthaltes
der Pei raffiniert sorgten, wurde in das Geheimnis ein Steinschneider
einbezogen, der mit dem Eunuchen befreundet öfter in den Palästen der Roten
Stadt arbeitete. Er erhielt vom Prinzen Mien viertausend Taels und ein
goldenes Amulett, den Gott des langen Lebens darstellend. Frau Pei
beauftragte ihn, mit möglichster Sorgfalt eine armgroße Statue des Kaisers
in Jade zu schneiden; er solle den Kaiser liegend nur mit einem Leinenrock
bekleidet darstellen; die weitere Ausstaffierung der Puppe würde sie
übernehmen.
Länger als fünf Wochen dauerte es, bis dieser Bildhauer, der geheim
schaffen mußte, seine Arbeit fertig hatte und abends eine fein gebeizte und
geschnittene Büchertruhe vom Karren hob und aufgeschultert in das Haus
brachte, welches die Dame Pei bewohnte.
Die Puppe aus grünem Nephrit ähnelte erschreckend dem Himmelssohn.
Schlafend lag der Kopf auf die rechte Seite gedreht; der Mund atmend leicht
offen; ein dünnes Kleid wallte bis auf die bloßen Füße und war in der
Schlafunruhe von der rechten Schulter her verzogen, über den linken starken
Knöchel verschoben; die Hände fielen dickgeädert schwer zu beiden Seiten.
Der glasig grüne Stein gab dem Bild eine Leichennähe und gleichzeitig eine
unirdische Bewegtheit, die von innen aus dem Stein heraus geradezu
sprechend gegen den Tod sich wehrte.
Die Verschwörer standen um das Bild herum. Mien mit siegesgewisser Freude
umarmte den einfachen jungen Steinschneider, der mit stolzen Blicken sein
Machwerk prüfte und eine Falte anders gelegt haben wollte.
Frau Jing weinte, wich in eine Ecke, wo man sie schnauben hörte; auch der
Dame Pei, die erst die Puppe mit einer gemachten Ruhe fixiert hatte, wurde
übel; sie seufzte, lief in Angst aus dem Zimmer und mußte von Frau Jing auf
das Geheiß des Prinzen zurückgerufen werden.
Die weitere Arbeit lag der Dame Pei ob. Als sie sich von der Gesellschaft
ihrer Gäste befreit hatte, brauchte sie mehrere Tage, ehe sie sich der
Puppe gelassen nähern konnte; dann gab ihr der Prinz Gelegenheit,
Khien-lung zwischen den Magnolien und Lotosteichen der Purpurstadt
spazierend zu sehen. Und immer wieder sog sie mit beschwörenden Gesten
etwas von der Seele des wandelnden Mannes ein, heute die Geister der fünf
Eingeweide, der Leber, Milz, Lungen, Herz, Nieren, dann den Geist der
Augen, des Hirns; jedesmal trug sie einen kleinen Gegenstand in der
geschlossenen linken Hand, das Organ, dessen Geist sie bannte; aus blauem
Holz die Leber, aus weißem Metall die Lungen, aus feuerroter Seide das
Herz; zu Hause preßte sie die eiförmigen Stoffe der träumenden Puppe auf
den Leib, die Brust, die Stirn; unter Brennen des Weihrauchs, Abdunkeln der
Fenster. Wie ein Schwamm nahm die Puppe die Geister auf; der Stein begann
sich dunkler zu verfärben, die Figur wurde undurchsichtig, braune Kerne
bildeten sich in ihrem Innern, von denen sich feine Linien und Sprünge wie
Adern in die Glieder senkten und über die Haut sprossen.
Nachdem die Dame Pei in einer letzten schmerzvollen Zusammengerissenheit
den Lebensgeist des Kaisers heimgebracht hatte, verschloß sie über fünfmal
fünf Tage die Truhe, in der die Bildsäule ruhte. Gegen Ende dieser Zeit
stöhnte und stocherte es in dem Kasten vernehmlich; der schwarze Prinz
Mien, der Steinschneider und die schöne Frau Jing bückten sich über den
Kasten, als die Pei, die ihre Kniee bezähmt hatte, im gelben
rotüberflammten Wukostüme mit kräftigem Anstemmen der Arme den Deckel
sprengte. Ein warmer Dunst schwälte mit faulig fadem Geruch aus dem Kasten.
Vor dem Gesicht trug die Dame Pei eine schlangenzüngelnde, goldverzierte
Göttermaske; ihre lebendigen, rotgeschminkten Hände ergriffen die Puppe,
die sie rasch wie eine wilde Katze gegen ihre Brust anpreßte.
Sie sahen alle, die Zauberin umringend, daß der Kopf der Bildsäule leicht
nach der Mitte zu gedreht war; das rechte Auge hatte blinzelnd das Oberlid
angezogen; die Gewandfalten lagen glatt; die Puppe hatte sich gestreckt.
Auf dem schwarzgefilzten Tisch neben der Öllampe lagerte die Frau
vorsichtig die Figur, einen Finger immer gegen sie andrückend; die
zitternde, nervös rülpsende Frau Jing, die ohne es zu merken oft wimmerte,
brachte ein zierliches weißes Trauerkostüm, mit dem die Zauberin rasch die
Gestalt bekleidete.
Es war Nacht; der dicke Nebel floß über die stillen Paläste der
Purpurstadt; vor die Glückseligkeitshalle, in der der Kaiser schlief,
tasteten sich die vier Verschwörer an einen uralten Thujabaum, unter dem
Khien-lung zu sitzen liebte. Rasch gruben der Prinz und der Steinschneider
mit einer bereitgelegten Schaufel ein oberflächliches Loch, versenkten die
zwischen zwei Bretter eingeklemmte Puppe. Die Zauberin stammelte ein paar
Worte hinunter; ein Kratzen kam herauf; die Erde wurde übergeworfen.
Man trennte sich; es war geschehen.
Die Puppe würde in Erstickungskämpfen des letzten Restes der Seele
Khien-lungs sich bemächtigen; der Kaiser mußte sterben; die Puppe war
gefesselt, konnte nicht aufstehen.
Diese Ereignisse fielen in das Jahr der Gebrochenen Melone. Wenig hielt
sich der Kaiser in der Purpurstadt auf; die Angelegenheit rückte nicht vor.
Die Dame Pei wohnte schon wieder in der Stadtwohnung. Der Prinz Mien
besuchte sie nicht selten; er wurde bald erregt und drohend zu ihr, da er
überzeugt war, daß sie aus Angst vor dem Kaiser nicht alle Künste spielen
ließ. Er schlug die empörte Dame einmal so heftig auf den Schädel, daß ein
Arzt ihre Kopfgeschwulst behandeln mußte.
Sie klagte ihre Not der Dame Jing und dem Steinschneider, die bei ihr aus-
und eingingen. Die Jing freute sich ersichtlich über das Unglück, denn sie
war eifersüchtig auf die Pei geworden.
Der Steinschneider war ein verschlagener, geldgieriger Mann, der dem
Prinzen große Summen in dieser Sache erpreßte. Als er den Eindruck gewann,
wie schwierig die Angelegenheit war, begann er an dem Erfolg des
Unternehmens zu zweifeln, hielt die Pei für eine Geldschneiderin wie sich
selbst und suchte sich rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Die Dame Pei
krümmte sich vor Wut, als er vorschlug, den Prinzen noch einmal gründlich
anzuzapfen, dann wolle er sie heiraten und mit ihr in seine Heimat nach
Schan-si gehen. Zurückgewiesen und hart vor den Kopf gestoßen plante er
Rache.
Bei der Herstellung einer steinernen Girlande an der Front eines Pavillons
am südlichen Lotosteich vermißte er angeblich eines Tages ein Stück Jade
von bedeutender Größe. Er erstattete dem Oberaufseher der Bauarbeiten
Meldung, der die Untersuchung energisch in die Hand nahm. Der
Steinschneider erklärte, es wäre möglich, daß der Stein schon seit Monaten
verschwunden sei. Da erhielt er auf der Stelle Prügel für seine
Unachtsamkeit, und nun erst in seinem Schmerz bemerkend, wie dumm er die
Sache angestellt hatte, so daß er schon im Beginn bestraft wurde, gestand
er schreiend die ganze Verschwörung.
Die Jadepuppe wurde ausgegraben unter dem Entsetzen der Hofbeamten, die die
Sache zu vertuschen suchten.
Den Erdboden unter der Thuje fand man gelockert; wenig tiefer dringend
stieß man auf eine eigentümliche Höhlung wie eine Luftblase und auf deren
Grund lag die Puppe; die Bretter in der Mitte gesprengt und nach oben
verbogen; die Puppe, die Hände vor den Mund geschlagen, sitzend vornüber
gekrümmt. Weiße Maden bedeckten sie, als wenn sie ein Leichnam wäre.
Man fahndete nach den Damen Pei und Jing. Beide waren flüchtig.
Den Prinzen Mien traf man in seinem Palaste an; auch er suchte zu
entkommen. Nachdem ihm von dem Minister der Strafen, der die Untersuchung
übernommen hatte, bedeutet war, daß er sich bis zum Entscheid des Kaisers
in seinem umstellten Palaste aufzuhalten habe, brüllte er, fast platzend
vor Wut, von wem der Minister zu solcher Maßnahme gegen einen kaiserlichen
Prinzen autorisiert sei. Auf die kalte Antwort des Ministers, er übernehme
die Verantwortung, hieb der tobende Mann ihm mit seinem Prunksäbel gegen
den Kopf, so daß die Mütze mit der Pfauenfeder herunterfiel. Die
Palastwachen stellten sich vor den Angegriffenen; der Prinz trat,
beschimpfte sie in widerlicher Weise, ohrfeigte andrängend den Hauptmann,
der sich nicht wehrte. Dann zum Fenster hinausblickend und die starke
Besatzung vor seinem Haus bemerkend, zog er sich still mit giftigen Augen
in sein Schlafzimmer zurück, atmete Goldplättchen ein und erstickte.
Zur Zeit, als Khien-lung den Taschi-Lama in Jehol empfing, kam der Prinz
Mien-kho so um. Die Untersuchung wurde auf Befehl des Kaisers weitergeführt
und ergab den dringenden Verdacht einer Beteiligung der Prinzessin und des
Prinzen Pou-ouang.
Diese Nachricht war es, die den Kaiser, dem die Beruhigung seiner Ahnen
durch Sühnung des Verbrechens von Yang-chou fehlgeschlagen war, in Jehol
erreichte und seiner Seele einen grausamen Stoß gab. Briefe von Kia-king
kamen an, in denen der Prinz ihn tröstete, von seiner grenzenlosen
Zugeneigtheit zu seinem Vater sprach, bat, bittere Mißverständnisse
aufklären zu lassen oder zu vergessen. Khien-lung, von der Idee besessen,
bald sterben zu müssen und ungereinigt vor seinen Ahnen zu erscheinen,
erreichten diese Tröstungen nicht. Er rang um seine Stellung unter seinen
Vätern wie nie um ein Land. Er sah sich von rechts und links verlassen;
manchmal glaubte er vom Lande ausgespieen zu sein; meistens stand er allein
auf einem mächtigen Steinacker und kämpfte gegen die Gespenster, vor denen
alle flohen.
Er erfuhr, daß Tschi-li in Flammen stand unter dem Aufruhr. Er sah der
Empörung mit einer kalten Ruhe ins Gesicht. Was er wollte, erfuhren seine
Begleiter später als die Hofbeamten in Pe-king, wohin Khien-lung Briefe
schickte, auch einen kühl dankenden an Kia-king: der Kaiser verlangte rasch
nach Pe-king zurück, um den Taschi-Lama vor seiner Heimreise nach Tibet
noch einmal zu sprechen.
* * * * *
In einem kleinen Fichtenwald nördlich der Tatarenstadt Pe-kings lag das
Kloster Kuang-tse. Hier wohnte der Heilige aus Tibet.
Sein Zug von Jehol nach Pe-king war auf einer einzigen Triumphstraße
erfolgt. Die Vögel der Anbetung rauschten in schwarzen Scharen um seine
Mitra. Als er sich in das kleine Kloster Kuang-tse gesenkt hatte, schienen
tausend magnetische Arme über die Klostermauern nach außen zu wachsen und
die Anbeter herbeizuziehen. Auf kaiserlichen Befehl umgab beständig eine
Kompagnie des Roten Banners den Wohnort des hohen Gastes; sie vermochten
den Andrang nicht zu regeln.
Unübersehbare Menschenströme; Wagen, Karren, Reiter, Mütter mit Säuglingen,
Bettler, Fürsten, Vagabunden; ein Zusammenschlagen und Vereinigen aller
Blicke; ein Brechen aller Knie vor dem hölzernen Zepter, das der ernst
lächelnde starke Lama an der Hoftür hob.
Aus Hintertüren verließ Paldan Jische, der zu Fuß ging, an Vormittagen in
Begleitung zweier Gelehrter das Kloster, spazierte wie ein einfacher
gelbrockiger Lama im spitzen Hute. Er besuchte das östliche Tung-huang-tse,
das Kloster des Tschan-tscha Chu-tuk-tu, machte in der Sänfte einen großen
Ausflug nach dem Jagdpark Hung-schan, westlich des Kun-ming. Die herrlichen
Waldungen der Ulmen, Maulbeerbäume durchschritt er in einem strahlenden
Entzücken; Marmorbrücken führten über Schluchten und grüne Bäche; die
schlanken Rehe jagten dicht vorüber.
Die Tauperlen des Waldes hingen noch an seinem Hute, als er das Kloster der
fünfhundert Lohans betrat, von dem niederstürzenden Abt und dem großen
Mönchskapitel empfangen. Mit hoher Pracht schimmerten hier in einer Grotte
die achtzehn Martern und neun Belohnungen aus Ton geformt.
Eine Nacht verbrachte der Heilige in dem seitlich versteckten Kloster des
Liegenden Buddhas; er war, als der Abend kam, schon seit Stunden in
Kontemplation vor der Kolossalstatue versunken; als er sich losgerissen
hatte, genoß er den Anbruch der weichen, warmen Nacht unter den
Roßkastanien des Parkes, zwischen der gebärenden Feuchtigkeit der Teiche.
Dieses östliche Land war gesegnet. Die Menschen erfüllten es; das gute
Gesetz machte unter ihnen Fortschritte. Mit fremden freudigen Augen
betrachtete der Taschi-Lama die bergehoch gehäuften Schönheiten der
Gebiete, ohne Begier, wie ein Spender, Gönner, der still lächelt und
Vergnügen aus der fremden Freude gewinnt. Die Gebete und Bitten, die
heimlichen Klagen der Fürsten klangen zu ihm; auch die warme Luft besserte
nichts, die Marmorbrücken waren leicht wie ein Atemzug, die hohen
Sorghofelder, die Reispflanzungen mit aller Üppigkeit verschwanden, wenn
man die Hand vor die Stirn legte. Welch gutes, tüchtiges, maskenfrohes Volk
spielte hier; wie es herrisch die Nachbarvölker bedrückte. Aber selbst der
Kaiser, der Herr der Gelben Erde, wußte, wie wenig das bedeutete, zehn
Jahre, fünfzig Jahre, hundert, tausend Jahre, klagte. Es regte sich hier im
Lande von dem reinen, süßen, bewältigenden Geiste des
Allerherrlichst-Vollendeten; noch war nicht die Zeit, wo das Reich des
Cakya-muni sich erfüllen sollte, erst mußte die Bedrängnis der heiligen
Lamas, so lautete die Weissagung, bis ins Unerträgliche wachsen.
Was hatten die Stillen zu leiden, die Träger des Wu-wei, von denen
Khien-lung klagte, deren Untergang schwere Zeichen begleiteten. Arme
Suchende; Buddha würde ihnen ihren Platz unter den Wiedergeburten geben.
Grauenvoller Widerspruch; der Kaiser ahnte, wie er ein Nichts wäre, und
ließ die morden, die es noch tiefer ahnten, die es inniger bekannten.
Rettungsloses Wuchern der Geburten aus allen Teichen, Verzehnfachen,
Vertausendfachen der Welt in einem Augenblick.
Wäre der Weltenberg Sumeru nicht von sieben Meeren und sieben Felsgürteln
umringt, so würde die Wildheit der Gelüste alle Grenzen sprengen und
überfluten, in das Leere eindringen, aufrauchen in die Glanzhimmel der
Formen und Formlosigkeit.
Wie dem Einhalt gebieten, wie nicht erschrecken, den Atem verlieren und
keuchend auf die Stirn fallen -- vor Angst und Ohnmacht.
Die Lamas lebten, Pfähle in dem Morast, Inseln in der erregten See,
Glücksblicke des Lichtes, Beender des Kreislaufs, Ringlöser.
Mehr Hilfe, mehr Kerzen.
Und es brannten nur so fein in der Finsternis die kleinen wandelnden
Kerzen, die Wahrhaft Schwachen, die Laienbrüder, die Toten dieser
Mongolenstadt.
Ein leises, zunehmendes Plärren, Quaken von Fröschen ließ sich vernehmen;
ein breitsitzender, behäbiger Chor blies sich im Wasser auf.
Einmal ließ sich der wunderbare Mensch auch herbei, zu den Frauen des
kaiserlichen Harems zu gehen. Unter einem Schirm von gelber Seide saß er in
der offenen Sänfte; er hielt die Blicke gesenkt, um sich nicht zu besudeln
durch das Anschauen der schönen Weiber; sie erschauerten unter seinen
segnenden Händen und küßten sich, als er sie verlassen hatte, glücklich ihn
gesehen zu haben.
Die Zeit des Aufenthalts in Pe-king neigte sich zu Ende. Da bemerkte man,
wie der Wanderer vom Gnadenberge stiller und zurückhaltender wurde. Eine
Müdigkeit lastete auf ihm. Er seufzte viel; aus seinen Versenkungen erhob
er sich mit leeren, eingesunkenen Augen. Man fragte ihn nicht, in keiner
Weise ließ man erkennen, daß man eine Veränderung seines Zustandes merkte.
Es wäre auch gegen die geistliche Einsicht gewesen, zu trauern, da es ja
dem lebenden Buddha freistand, seinen leiblichen Wohnsitz zu wechseln. Man
wurde von einer menschlichen Angst um den gnadenspendenden Mann ergriffen.
Ihn schien etwas zu drücken. Er rückte mit einer Äußerung zu dem
Tschan-tscha Chu-tuk-tu heraus, zu diesem Bücherwurm, der ihn
beschnüffelte, registrierte; es sei das heiße Klima und die eigentümliche
Feuchtigkeit des Landes vielleicht ungünstig; er habe Verlangen nach den
schwarzen Filzzelten und den Schneesteppen. Das war nur eine einzelne
Bemerkung; der Pantschen Rinpotsche schwieg sich über sich aus.
Er war nicht von der Art der Frommen, die eine Leichtigkeit, Fröhlichkeit
durch die Existenz begleitet; er schloß sich wenig an Kinder und harmlose
Naturen an. Beim Anblick der runden Kinderaugen fror ihn. Wo die schweren
Seelen waren, bettete er sich. Da wurde ihm leicht, er fühlte sich in guter
Luft; ließ sich gehen, ließ sich strahlen. Er kannte von klein auf nur die
härtesten und furchtbarsten Dinge, sah sich von Schicksalgeschlagenen
umringt.
Und nun, in dieses kaum vorbereitete Riesenreich verschlagen, türmte und
wackelte es von allen Seiten ungeheuer über ihn her. Ohne Ende streckten
sich die Länder und Menschen. In einer Verwirrung beugte er sich. In dieser
Verwirrung erschien er sich als ein Bauer, der dieses Land der achtzehn
Provinzen bepflügen sollte, allein bepflügen sollte. Ein unsicheres
Zittern, Schwirren, tiefinneres Schwindeln berührte seine Kopfhaut, füllte
sein Gehirn wie ein Schwamm. Eine große Ermüdung fühlte er im Kreuz; sein
Herz und seine Lungen schienen wie aus Holz in ihm zu hängen und
gelegentlich zu klappern.
Vier Tage waren schon die Tore und Höfe des Klosters Kuang-tse geschlossen.
Paldan Jische war krank. Er erinnerte sich in manchen Augenblicken des
Klosters, das er zuletzt besucht hatte, mit dem Liegenden Buddha. Das Bild
hatte sich seinen Augen sehr eingeprägt. Er lächelte; er konnte sich mit
den Beinen nicht aus dieser Stellung herausfinden. Die Ärzte, die ihn
begleiteten, tibetanische und mongolische, waren noch nicht zu einer
Diagnose gekommen; fünfstündlich wurde einem andern die Gnade zuteil den
Puls des Kranken zu betasten.
Bis am fünften Tage das Fieber ausbrach, im Gesicht des Heiligen kleine
Blütchen, zarte Pusteln erschienen und mit Entsetzen von dem Ärztekollegium
des Klosters die schwarzen Blattern erkannt wurden.
Mit einmal war das Licht aus der Menge der Kardinäle, Priester und Frommen
gerissen. Die Hochbetitelten, die Magister, die Überströmenden, die
Gesetzesfürsten, liefen durcheinander, Sandkörnchen und rollten nur,
rollten. Aus den weihrauchdampfenden Korridoren lief das schreckliche
Gerücht, wie eine schwarze Katze schleichend, heimlich sich an die Wände
zur Seite drückend, die Höfe kreuzend, dann mit einem klatschenden Absprung
der Hinterpfoten hoch, in eine beschwingte Fledermaus verwandelt, breiter,
ein gelles Pfeifen ausstoßend, als klumpige, schwefelhelle Wolke am
Horizont fliegend, den Himmel bedeckend.
Kia-king wechselte mit anderen kaiserlichen Prinzen am Krankenbett in
Kuang-tse ab; der Kaiser selbst, schon unterwegs, ließ durch Eilläufer
anordnen, dreihunderttausend Taels unter die Armen der Stadt zu verteilen.
In Kuang-tse, dicht am Lager des vom Fieber Verbrühten, hörten die Messen
nicht auf. Die Höfe klangen noch unter den Festpauken, den Zinken, weißen
Trompeten, Glöckchen, Gongs, der blauweiße grelle Prunk der heiligen
ausgestellten Gefäße lockte das Licht und die Menschenblicke an. Die Mönche
zogen einen Wall um das Kloster mit Andachtswimpeln, Segensbäumen,
Glücksschärpen. Die Menschenströme, von außen gegen das Kloster anbrandend,
warfen Mauern aus Gebete tragenden Steinen um die Klosterwände aus.
Drin war es still. Der Buddha rang mit der Pockengöttin. Die spitzhütigen
Bischöfe und Würdenträger, in Brokat und bunten Stiefeln, liefen matt und
übernächtig umeinander; ein Fasten höhlte ihre Leiber aus.
In der kleinen Kuppelhalle des Tempels schauerten jeden dritten Tag
Sodschongs, die großen Opferfeiern. Während auf den Klang der Posaune des
Gesetzes sich vor der Klostermauer die Menschenmassen von Osten nach Westen
in Bewegung setzten, schwerfällig vorrückten um die Mauern unter dem
Scharren des Sandes, dem Klappern der Rosenkränze, dem gewitterartig
anschwellenden Om mani padme hum, zerquetschten die Geweihten in der
Kuppelhalle ihre Knie, lastend auf den Matten in langen Reihen, Gelbmantel
hinter Gelbmantel. Murmeln, Glöckchenklingen, Vorbeten, Händeklatschen,
brausende Instrumente. Schwermütig nahm der Tschan-tscha den kleinen
Goldspiegel vom Altar, hob ihn. Der älteste Chan-po schwenkte das
schnablige Weihwassergefäß, hielt in der Linken einen gebuckelten Teller.
Und während der Tschan-tscha den Spiegel drehte, so daß der Schatten
Buddhas hineinfiel, goß der Chan-po. Die Gemeinde hingesunken. Das
zuckersüße Wasser lief über das Gesicht des Spiegels, tropfte in den
Teller. Der leise Gesang bebte, von Hand zu Hand wanderte der gefüllte
Teller. Die Priester bestrichen sich Scheitel, Stirn, Brust, und weinten.
Paldan Jische delirierte. Die Geschwüre krochen über seine Bronzehaut;
flossen zusammen. Erst füllte sie eine gelbe Flüssigkeit, dann begann sie
zu dunkeln, dickrötlich, schwarz zu werden.
Kia-king saß stundenlang am Fenster der Zelle und betrachtete das
verschwollene, unkenntliche Gesicht, das dem weisesten Menschen angehörte,
das Gesicht, in dem manchmal zwei ganz unirdische Augen sich von dem
Verschluß hartkrustiger Lider befreiten und kühle helle Blicke an die blaue
Decke sandten, wie die kristallenen Springbrunnen unter den Ulmen von
Kun-ming-hu. Der feiste Prinz empfand einen stechenden Neid auf den
Taschi-Lama, der sein Nachfolger im Vertrauen Khien-lungs geworden war.
Aber er wurde wehrlos gegen den Fremden beim Beobachten dieser befreiten
Blicke. Bis zu der Krankheit mied der Prinz nach der einmaligen Visite den
Tibetaner, den er als gefährlichen Parasiten ansah, als König der gelben
Pfaffen. Die Hingeworfenheit des Kranken machte den Prinzen geneigter; er
beschnüffelte ihn, schließlich zitterte Kia-king unter dem Gedanken, daß
sein Vater auch diesen Mann verlor. Kia-king tat Gelübde, damit Paldan
Jische leben bliebe.
Die Ärzte bestrichen den Leib des Kranken mit Safran; sie banden seine
Hände zusammen, hielten seine Ellenbogen und brannten siebenmal seine
rechte und linke Seite mit dem trockenen Stengel von Moxaholz, das sie in
Hanföl tauchten. Die Papierfenster bekritzelten sie mit roten Zeichen, die
Wände, die Schwelle. Als die Krankheit zunahm, auch im Mund die Geschwüre
platzten, duldeten die Doktoren, daß die sechs Tschoßkjong, naive
volkstümliche Zauberer, denen der Taschi-Lama wohlwollte, eingelassen
wurden.
Im Federfell, mit Vogelklauen, unförmigen Helmen, an denen der fünffache
Totenkopf grinste, hüpften sie zu dritt im Zimmer vor dem Halbbewußtlosen
herum, flüsternd, überzeugt, heute ihr Meisterstück zu verrichten. Sie
riefen den furchtbaren Takma an.
Sie warfen das Bett umkreisend ein dünnes Pulver in die Luft.
Sie hielten eiserne Rasseln in den Händen; mit leisem Schüttern fuhren sie
über den Kranken: »Die fünfundfünfzig, die auf der Stirn zusammenkommen,
sollen alle verschwinden wie die Blasen der Blattern. Die siebenundsiebzig,
die auf dem Hals zusammenkommen, sollen alle verschwinden wie die Blasen
der Blattern. Die neunundneunzig, die auf der Brust zusammenkommen, sollen
alle verschwinden wie die Blasen der Blattern.« Sie wirtschafteten geraume
Zeit in ihrer halsbrecherischen Art herum; trabten hintereinander heraus,
über die Schwelle noch zu einer krausen Malerei hinkauzend.
In der Tat wurde der Heilige in den nächsten Tagen freier, er konnte den
Mund mehr öffnen, schluckte kalten Tee.
Da langte Khien-lung an.
Auf dem Fensterplatze, den Kia-king eingenommen hatte, wartete der große
Kaiser und rang um die Seele des Sterbenden.
Für Khien-lung gab es keine Zensoren, keinen Astrologenhof mehr; mit einer
greisenhaften Einengung der Gedanken hielt er an dem Pantschen Rinpotsche
fest, den er verantwortlich machte für den Aufruhr in den Nordprovinzen und
der mit der Wahrheit, der eigentlichen Wahrheit zurückhielt. Ja, nur Paldan
Jische konnte helfen.
Mit unbeweglichem Gesicht saß der Gelbe Herr hinter dem rotbemalten
Papierfenster, wartete auf das Erwachen des Heiligen. Khien-lung, die Hände
auf dem Schoß gefaltet, verfolgte jede Regung im Zimmer mit stummen Augen.
Er war ohne die geringste Ungeduld. Paldan Jische konnte ihm nicht
entgleiten.
Am folgenden Tage kam er wieder und wartete.
Am Nachmittag des dritten Tages hielt Paldan Jische die braunen Augen lange
offen, unter der Maske der schwarzen Blatternkrusten hervorblickend,
erkannte Khien-lung und bewegte die Lippen. Er erkannte auch die sechs
Bischöfe, die in Bettlerkleidern an den Wänden standen und keinen
Augenblick das Zimmer verließen, um beim Eintritt des Todes zugegen zu
sein.
Khien-lung beugte sich zum Ohr des Kranken: »Ich traure, Eure Heiligkeit,
daß Sie leiden in meinem Lande.«
Paldan Jische schien lächeln zu wollen. Er schüttelte den Kopf und
gluckste.
Unbeirrt um das ungeheure Ereignis, das sich hier vorbereitete, die
Trennung des Buddhas von seinem jüngsten Körper, redete dann der alte
Kaiser. Er fragte oft, ob ihn der Kranke verstünde. Der nickte deutlich.
Mit einer harten Bestimmtheit trug Khien-lung die letzten Ereignisse vor,
den Aufruhr, die Ruchlosigkeit Miens. Paldan Jisches Augen wurden lebendig,
während Khien-lung flüsterte. Der Heilige war in seinem Element, unter den
schweren geworfenen Seelen. Als Khien-lung zu Ende war, sah er die Glocken
der braunen Augen sich bewegen, aber die Lippen des Kranken zuckten ohne
ein Wort zu bilden.
Der Kaiser richtete sich auf, warf den Kopf mit Strenge zurück.
Am nächsten Nachmittag saß er wieder am Bett des Heiligen. Die sechs
Bischöfe standen unbeweglich in Bettlerkleidung an den Wänden, warteten.
Dringlicher flüsterte der Kaiser, wiederholte den Bericht, faßte den
Kranken bei den Handknöcheln, verlangte neuen Rat, versprach der Gelben
Kirche Klöster in jeder Provinz neu zu bauen.
Der Kranke mühte sich nach Worten, lächelte. Nur der Blick sprach, schwieg.
Der Zorn verzerrte das Gesicht des Kaisers.
Als der Kaiser am nächsten Nachmittag eintrat, fand er den Heiligen sitzend
im Bett. Es standen nur vier Bischöfe barfuß an der Wand in braunen Kutten.
Zwei stützten den Heiligen, der die Augen geschlossen hielt und sie unter
der kissenartigen Schwellung von Wangen, Lidern, Stirn, nicht mehr öffnen
konnte. Die beiden Kahlköpfe hielten ihn, denn er hatte Zeichen gegeben,
daß er wandern wolle. Eine schwere Weihrauchwolke hüllte den Raum ein. In
dem Nebel blieb der Gelbe Herr erstarrt stehen. Keinem Blick begegnete er.
Der Heilige war mit dem Gesicht nach Westen gedreht worden. Khien-lungs
Sänfte kehrte rasch zurück.
Zwischen dem Zickzack der Delirien, Verschleierungen, bunten Wirrsalen
wachte und träumte Paldan Jische. Ein fleischschnürender Krampf, ein hohler
Schwindel über Schlünden, eine klare federnde Helligkeit wechselten. Die
große Ermüdung verdunstete. Die weißen Mauern des Labrang tauchten auf, die
Dächer leuchteten in dem matten Gold. Der tote Dalai-Lama erschien und ging
rasch unter seinem Schirm vorüber. Die Bilder bewältigen, Besinnung,
Besinnung! Kurze Rast in weißen Sälen. Menschen, wieviel Menschen, auf
Kamelen, Karren, tauchende sinkende Menschen. Hoftüren, Sänften, Gongs.
Hilfe über dem Meere, große Boote, kleine Boote. Er schleifte riesengroß,
unkörperlich seinen Glanzleib mit einer phosphoreszierenden Schleppe, war
ein himmelhoher Pfeiler, der sich rund drehte. Ihn befiel kein Zittern. Er
wußte nicht, ob es sein Empfinden war, das er empfand, ob es anderer,
vieler, zahlloser Empfindungen waren. Schwebend. Schwebte geheimnisvoll
zwischen sechs geheimnisvollen Silben.
Drei Tage und zwei Nächte hielten die sechs Bischöfe den Heiligen, der als
Buddha sterben mußte. Sie stemmten sich zu zweien von hinten gegen seinen
Rücken, der sich immer wieder rundete. Einer umfaßte den Kopf und trieb ihn
hoch. Einer preßte die schilfernden Hände gegen die Brust und drückte oft
die winkelspitzigen Ellenbogen dicht an den Leib. Einer schlug die Beine
des Sterbenden übereinander. Der sechste bog die Sohlen, die flammendrot
waren, nach oben um.
Am Morgen des dritten Tages verließ Amithaba den Körper Lobsang Paldan
Jisches. Der tote Leib erstarrte in der Stellung des betenden Buddhas.
Wochen vergingen, bis der Leib Jisches die Rückreise nach Tibet antrat,
Monate, bis er in Taschi-Lunpo, der tränenfließenden Stadt eintraf. Der
Geist des Buddha wanderte schon längst über die geliebten Schneefelder,
Grassteppen, streichelte die zottigen Yaks, irrte herum, suchte das Kind,
in dem er seine neue Wohnung nehmen wollte.
Die Menschen in Pe-kings Kloster Kuang-tse umschlangen den ausgeglühten
Leib des Lobsang Paldan Jische, Sohnes jenes tibetanischen Zivilbeamten.
Sie balsamierten ihn ein.
Am Vormittag nach dem Tode hallten die kaiserlichen Gongs vor dem Kloster.
In der weißen Totenkleidung stand Khien-lung ohne Gürtel, ohne Ring, mit
kahlem Schädel vor der Samtbank, auf dessen Violett im gelben päpstlichen
Ornat ein furchtbarer Buddha die Schenkel kreuzte, thronend in einer
grausigen Ruhe.
Schwarze brandige Borken hingen in Fetzen von einem geblähten Gesicht
herunter. Ein blutiger Schleim tropfte von Minute zu Minute aus dem Munde.
Dicke runde Wülste durchquerten statt Lippen die untere Gesichtshälfte. Die
Lider geschlossen; aber in eigentümlicher Weise hatte sich ihre Schwellung
verloren, so daß neben der kloßförmigen Nasenwurzel zwei grünlich
schimmernde Höhlungen sich in den Schädel senkten. Die Mitra mit den fünf
edelsteinbesetzten Buddhabildern rutschte auf dem Kopf schief vor. Über den
bestickten Goldbrokat der Brust sickerten die Schleimtropfen und rannen
hinter die angelegten Ärmel.
Rechts und links von dem thronenden Buddha standen auf Tischchen die Opfer
für den Toten, niedrige Reis- und Tonpyramiden. Räucherstäbchen brannten.
Die Bischöfe, der Tschan-tscha stopften ihre Münder auf die Dielen.
Khien-lung verharrte minutenlang ohne Bewegung. Sein Blick schweifte nach
dem Fensterplatz, auf dem er das Erwachen des Heiligen erwartet hatte, nach
der Ostwand, wo sich am Boden die Holzklötze des Sterbebettes erhoben. In
einer kalten Gelassenheit prüfte er die Züge des emporgestiegenen Lamas.
Keinen Abscheu spürte er, verfolgte die langsame Entwicklung einer
Blutblase auf der Unterlippe der Leiche und wie die ekle Flüssigkeit
abquoll.
Dieser Mann war mit Recht gezeichnet. Sein Körper zerplatzte aus
Eitergeschwüren. Er war nicht besser als die betenden Pfaffen. Sein
Schicksal bewies es klar. Hier die Mongolenstadt, da die Blattern: man
konnte es auf eine Wage legen. Der hingeraffte Pfaffenkönig vermochte nicht
zu raten trotz der Bücherhaufen Kand-schur und Tand-schur.
Und da wurde Khien-lung unsicher. Seine Kälte zerbrach. Er fiel vor der
thronenden Leiche auf die Knie und weinte, aber niemand im Zimmer wußte,
daß er vor Wut über den Lama weinte, in tobenden Anklagen, weil der
prunkende Weise ihn betrogen hatte. Khien-lung hatte sich in Verblendung
auf das Eis dieses Betrügers locken lassen. Und der Gnadeüberfließende war
ihm entwischt, ehe er ihn gestellt hatte. Blut hatte der Tote speien
können, Trostblicke werfen, aber der hohnvolle Priester entschloß sich zu
keiner Silbe.
Einen Sarkophag in Gestalt einer Reliquienpyramide befahl Khien-lung aus
Gold herzustellen. Da hinein versenkte man den Körper Paldan Jisches. Die
leer bleibende Höhlung und den Körper überschüttete man mit weißem Salz.
Es kamen die hundert Tage für Seelenmessen, an denen die nördlichen
Provinzen, die ganze Mongolei teilnahmen. Ein ganzes Volk zerbrach in
Schmerz um den entschwundenen Buddha. Und noch war man nicht in Tibet.
Der endlose Trauerkondukt setzte sich in Bewegung, nicht nach Norden,
sondern Westen. Man drang mühsam durch die westlichen Provinzen; die
Menschen schlossen sich um die goldene Stupa zusammen und hielten sie fest,
als wäre sie eine Pagode, die den Ort beschützt. Weder Tag noch Nacht
berührte der schwere Schrein mit der Leiche den Boden; von Schultern glitt
er auf Schultern. Nachdem er in Kuang-tse unter Dröhnen der ungeheuren
Posaunen aufgehoben war vom Boden, sank er in Taschi-Lunpo herunter, im
weißen jammerberstenden Labrang, nach sieben Monaten und acht Tagen. Bei
Kuang-tse wuchs im selben Jahre der Marmorobelisk, den Khien-lung dem
Andenken des Heiligen widmete; der Stein von der goldenen Papstmitra
gedeckt; der Opferaltar an einer Seite, umweht von langen Seidenwimpeln.
* * * * *
Zwei Tage nach dem Tode Paldan Jisches saßen in der kleinen Empfangshalle
vor der Estrade des Himmelssohnes die Vertrauten Khien-lungs. Er selbst
blickte viel zu den weitgeöffneten Fenstern hinaus. A-kui kauerte unten
neben Chao-hoei, Song; auch Kia-king, dessen Höflichkeitsbesuch der Kaiser
angenommen hatte, den er zu Audienzen berief, ohne ihn eines Gespräches
unter vier Augen zu würdigen.
An kleinen Tischen gruppierten sich die zwölf Herren, lackierte viereckige
Tische, um die schwarze Holzhocker standen, mit gelben und roten Kissen
belegt. Ein größerer runder Tisch in der Mitte der unteren Halle trug die
Platten mit Obstsorten, Melonen, Salat, gesalzenen Enteneiern. Die
Schälchen mit den zahllosen Suppen verdrängten sich auf den Tischen,
Schwalbennester, Haifischflossen mit Pilzen, Meerwürmer, Wurzeln des
Nenuphar, Bambusschößlinge; Entenbraten mit Wallnüssen, gerösteter
Schweinebraten in Stückchen. Mit Süßigkeiten, Mandeln, Melonenkernen schloß
man. Die kaiserlichen Diener huschten mit Täßchen und Weinkannen.
Allgemeines Verneigen, Schwingen der Täßchen, gemeinsames Setzen, Murmeln.
Die Saitenmusik begann. Es wurde gebeten, sich des Fächers zu bedienen. An
der Längswand der Halle, gegenüber der kaiserlichen Estrade, war eine
kleine Bühne geöffnet. Zu den näselnden Tönen unter Zutritt von
Holzschlägern stiegen Tänzerinnen auf die Bühne; so feine schlanke Leiber
sie hatten, es waren Eunuchen. Aus weichen Augen verhaltene verstummende
Blicke; Wangen, Münder, Augenbrauen unter der Schminke geformt; Perücken
und klingelnder schaukelnder Silberbehang der schwarzen Haare; schwarze
Seidenkittel in bauschigen Falten, lockere gelbe Hosen, in grünen hohen
Stiefeln aus Atlas belebte Füßchen. Nur ab und zu würdigte sie einer der
Gäste eines Blickes. Sie stellten, zu Paaren tanzend, Pfauenfedern auf die
Bühne, wanden sich blitzschnell hindurch, zerrten sich graziös zueinander,
wippten in die Höhe über eine Feder weg und erstarrten auf einen spitzen
Fuß aufspringend, drehten sich langsam auf den Zehen um sich selbst,
während ihre winkligen Arme in die Höhe rangen, sich suchten und
verschlangen.
Sie tanzten lautlos, ein Schattenspiel. Khien-lung richtete oft die Augen
auf Kia-king, der wie immer allein saß und träumte.
Eine zarte Frauenstimme sang zur Geige und Laute hinter der Bühne. Wie es
in dem alten Liede heißt: mit Tönen gedämpft, von Traurigkeit verschleiert,
die tiefen Saiten wie die Flut rauschend, die oberen flüsternd, und als die
Töne lebendiger wurden, glaubte man einen Perlenregen zu hören, der auf
eine Marmorplatte fiel. Die klagende Stimme sang das Lied Tu-fus: »Ich bin
bewegt von tiefer Traurigkeit und lasse mich in das dichte Gras nieder. Ich
beginne, mein Schmerz tönt. Tränenüberströmt, tränenüberströmt. Ach, wer
könnte lange wandeln den Weg des Lebens, den jeder für sich durchläuft?«
Und wie es in dem alten Gedicht heißt: das Ende des Spiels glich einem
zerbrochenen Gefäß, aus dem das Wasser hervorströmt; und zum Schlusse fuhr
der Bogen über die Saiten, die unter einem einzigen Strich erzitterten, wie
wenn man ein Stück Zeug zerreißt.
Khien-lung nickte. Der thronende blatternbesäte Buddha aus Tibet stand vor
seinen Augen; Fetzen schwarzer brandiger Haut hingen von gedunsenen Backen;
die sonst platte gerade Stirn beulte sich wie bei einem Wasserkopf. Als
lebender Buddha von Taschi-Lunpo nach Jehol gewandert, als geschwüriger
Fleischklumpen von Kuang-tse aufbrechend.
Geige, Laute und Frauenstimme sangen auf den Wunsch des Gelben Herrn noch
dreimal das Lied Tu-fus von der Vergänglichkeit.
Dann erhob sich Khien-lung. Ein Eunuch stand neben Kia-king und flüsterte
ihm ins Ohr. Tanz, Gesang, Schmauserei wurden unterbrochen vom feierlichen
neunmaligen Berühren des Fußbodens.
Während in der Halle die Fröhlichkeit zunahm, die wilden Bändertänze zu der
stachelnden Musik geschwungen wurden, Spieler in grünen und roten Säcken
auftauchten, sich sonderbar umringten, gegeneinander wühlten, schritt der
Gelbe Herr hastig neben Kia-king unter der unnahbaren Schwärze der
Zypressen, die ihre finsteren Flammen, Säule neben Säule, zu dem rosigen
Abendhimmel rauchten.
Khien-lung verlangte von seinem Sohne, dessen schokoladenbraunes Obergewand
bei dem raschen Vorwärtsschreiten brandrote Falten warf, sich über das
Vorkommnis zu rechtfertigen, das er kenne.
Kia-king seufzte, er antwortete nicht gleich; drückte seine Gereiztheit und
Ungeduld herunter, wies leise auf seine Briefe hin, die er nach Jehol bei
dem Hochverrat Mien-khos gerichtet hatte.
Das genügte Khien-lung nicht; er verlangte mündliche Rechtfertigung; das
Wort »Entschuldigung« entfuhr ihm und gab Kia-king einen Wink.
Der Kaiser wollte Frieden. Kia-king staunte. Es lag etwas Peinigendes in
der Vorstellung, daß Khien-lung sich schwach fühlte.
Kia-king übertrieb seine Höflichkeits- und Ergebenheitsäußerungen, erklärte
sich schlicht schuldlos, ohne den geringsten bitteren Ton anzuschlagen.
Der Kaiser brach in wilde Vorwürfe aus; sie seien hier in der Purpurstadt
eine saubere Gesellschaft; nach dem Leben trachteten ihm seine Kinder, alle
Ehrfurcht vor den Eltern sei hin; er könne Kia-king nicht stark genug
versichern, wie genug er davon hätte, Vater von Söhnen zu sein, die die
Gesellschaftsordnung kaum dem Namen nach kannten. Das Alter käme an ihn
heran, sie hätten es richtig beobachtet. Das Verhalten seiner Kinder ekle
ihn; er schäme sich für seine Kinder.
Ohne auf die Anklagen einzugehen, seufzte Kia-king, er habe gehofft, dem
toten Paldan Jische sei es gelungen, die Unruhe des Vaters zu beheben. Ob
nicht das große Lehrerjuwel ihm in Jehol geleuchtet hätte und den Weg
beschienen hätte.
»Den Weg beschienen! Kia-king, wir sind keine jungen Knaben. Sieh einmal
hin, wie mir dieses Juwel geleuchtet hat, bevor es erloschen ist: ja, hat
es mich nicht betrogen, dieses Lehrerjuwel, bevor es erlosch? Die Präfekten
schicken mir Berichte auf Berichte vom Aufruhr; ich freue mich, daß es so
schön brennt. Und das ist Paldan Jische gewesen, der Pantschen Rinpotsche,
der Weisheitsozean, die Kostbarkeit vom Gnadenberg. Es wäre dazu nicht so
viel Weisheit nötig gewesen.«
Kia-king flüsterte, vorsichtig sondierend: »Der fremde Mann kennt nicht die
Bodengeister unseres Landes. Er redet und erwägt mit Weisheit. Man kann
kaum mit tibetanischer Weisheit östliche Menschen beruhigen.«
Khien-lung streifte seinen Sohn mit einem fremden Blick; er wurde finster,
als er sich wieder den Zypressen zuwandte. So fremd ging er neben dem
Kia-king, unter dessen Abwesenheit er gelitten hatte. Sie nahmen zum
Entsetzen Kia-kings auf jener Bank unter der Thuje Platz, in deren Erde die
Gespensterpuppe Mien-khos und der Dame Pei begraben war. Der Kaiser ließ
sich wuchtig auf die kleine Holzbank fallen, streckte das Kinn vor, blickte
auf die Erde, die er mit seinem Fächer anwehte, sprach weiter, während er
Kia-kings Augen nicht losließ.
»Du sollst mein Nachfolger sein, Kia-king. Ich gebe die Hoffnung auf, einen
besseren Nachfolger zu finden. Ich mag nichts mehr hoffen, ihr habt mir das
vergällt. Hier, sieh, diesen kleinen Schlüssel, der zu meinem Schreibtisch
paßt; wenn mich der Himmel rufen sollte, so wirst du meinen Schreibtisch
öffnen und ein Schreiben im Buche Li-king finden, das dich zum Thronerben
ernennt.«
Er fixierte immer weiter Kia-kings feistes gleichmütiges Gesicht. Kia-king
blickte traurig vor sich hin; in seinem schlaffen linken Augenlid zuckte
es: »Ich möchte nicht Ihr Nachfolger sein, Majestät. Ich sehe keinen
Unterschied in Ihrer Art, Pou-ouang nach dem Ili und mich auf den Thron der
Tai-tsings zu schicken. Sie klagen mich an. Ich habe es nicht verdient.«
Beide schwiegen. Das feine Singen aus der Halle der Gäste tönte herüber:
»Ach, wer könnte lange wandeln den Weg des Lebens, den jeder für sich
durchläuft.«
Der Kaiser schien das Gespräch vergessen zu haben. Kia-king war tief
erstaunt über den außerordentlichen Wechsel im Gesichtsausdruck des Vaters;
es gab ein Hin und Her von kräftigster Anspannung und völliger
Erschlaffung. Daß Khien-lung eingefallene Schläfen von Jehol zurückgebracht
hatte, einen Mund, dessen Bewegung und Linien die Schärfe verloren hatte,
merkte Kia-king erst jetzt. Zunächst schien der Kaiser die alte
Impulsivität zu besitzen, aber es brach aus den Augen öfter etwas
Hilfloses, Jammerndes, Ängstliches, das an Khien-lung neu war. Besonders
erschreckte Kia-king jetzt ein manchmal auftretender lauernder, gehetzter
Ausdruck, der sich regelmäßig vor der Apathie einstellte. Den Prinzen
lähmte dieser Ausdruck selbst so, daß er sich kaum erwehren konnte, in
seinem unklaren Unglücksgefühl davon zu gehen.
Er fragte, als er merkte, daß Khien-lung dauernd dem fernen Gesang
lauschte: »Mein Vater hat lange Tage die Weisheitssprüche des Westens hören
dürfen. Sie wollten davon sprechen.«
»Von Paldan Jische?«
»Ja.«
»Oder von dieser Bank? Sie gefällt mir mehr als Paldan Jische. Du kennst
doch diese Bank? In einer Neumondnacht sind hintereinander diese drei, vier
geschlichen: die halbblinde Dame Pei, der dicke Mien-kho, Pou-ouang, ein
Kind mit einem Verbrecherherzen, die Frau Jing, die ich nicht kenne. Ich
war der fünfte, Kia-king. Ich saß zwar in Jehol, oder in dem Kloster
Ko-lo-tor und schlief; aber die Dame Pei hatte mich bezwungen, während ich
schlief. Das ist möglich, daran ist nicht zu zweifeln; ich kenne es von
meinen Krankheiten her, wenn ich mich verliere für ganze Wochen und mich
wiederfinde. In die kleine Jadepuppe hat sie vermocht mich hinein zu
quetschen, mich weggezaubert mit einer Handbewegung so oder so oder so; und
dann trugen sie mich Lebendtoten hier vorbei an der Bank, hier herunter in
die Erde. Damit der Vampyr eingesperrt, halberstickend an mir gut reißen
könnte, was das Weib mir noch übrig gelassen hatte. Dabei stand Pou-ouang,
mein Sohn, und Mien-kho, mein Sohn; ihre Augen glitzerten schon vor
hungriger Freude, der kleine Pou-ouang, das Vieh Mien. Ich kann mir diese
Nacht gut vorstellen. Wo warst du denn in dieser Nacht, Kia-king.«
»Bei der Nephritquelle am Wan-schou-schan.«
»Du warst in Wan-schou-schan. Ja, Ihr seid gut um mich, wo ich Euch
brauche. Wenn die Toten nicht wären, wären wir ganz verlassen. Sie sind
meine einzigen Freunde; ich hoffe auf sie noch immer. Die Schatten sind
meine einzigen Freunde.«
»Ich fürchte, der Besuch des Tibetaners hat Eure Majestät sehr angestrengt.
Sie blicken so erschöpft; Ihre Arme zittern.«
»Das war die Dame Pei, und Mien-kho, und Pou-ouang, die ganze Sippe. So
weit haben sie es doch gebracht. Halb verrückt haben sie mich gemacht, daß
ich vor Paldan Jische bettelte um einen Rat, und mich glücklich pries ihn
zu empfangen, ich hier auf der Bank, mit den zitternden Armen, der Sohn
Jong-tsings, der Enkel Kang-his. Das ist die Lösung dieses west-östlichen
Rätsels. Ja, Pantschen Rinpotsche, dein hölzernes Zepter macht mich nicht
beben, deine schwarzen Borken, deine Häutung ist mir viel interessanter.
Entlarvt. -- Ich zittere wohl viel, Kia-king?«
»Es mag an dem späten Nachmittag liegen. Wenn wir in die Halle zu den
Gästen zurückgehen, wird meinem Vater besser werden. Oder wenn wir zu den
Orchideen hinübergehen. Sie hatten früher eine Vorliebe für meine
Orchideen. Wollen Sie sich erheben? Sie würden mir das größte Glück geben
mit Ihrem Vertrauen, Vater. Ich habe nichts unterlassen und will nichts
unterlassen Sie zu verehren. Wollen Sie sich erheben?«
»Nein, bleibe noch hier.«
»Suchen Sie etwas an der Erde? Ist Ihnen etwas hingefallen.«
Khien-lung hatte sich vornüber gebückt und wühlte mit seinem
edelsteinbesetzten Fächer in der Erde.
»Nichts. Nichts ist hingefallen. Ich will dir nur zeigen, daß ich keine
Angst habe. Mit der Dame Pei und dem schlimmen Mien kann ich es aufnehmen.
Vor der Nacht fürchte ich mich nicht. Gestern nacht hättest du mich sehen
müssen. Wie ich an den Wachen vorbei aus der Tür gegangen bin. Durch den
Garten; keiner hat mich gesehen. Es brauchen nicht vier Menschen zu sein,
um eine Puppe zu tragen; man hält sie in einem Leinentuch auf dem Arm wie
ein Kind. Sie ist etwas schwerer, etwas kälter. Ich habe Pou-ouang selber
oft so getragen; ich liebe Kinder sehr. Solche Puppe schreit auch nicht.
Siehst du, Kia-king, ich habe die Stelle.«
Er bohrte mit Anstrengung in dem Boden; einige Stangen seines weißen
Fächers zerbrachen und hingen lose beiseite. In dem Loch mußte er etwas
erkannt haben; er griff hinein, rüttelte. Die Erde lockerte sich. Er zog
ein weißes Tuch hoch an einem Ende; etwas schwarzes kam mit hoch; plötzlich
rollte es auf dem Tuch fort. Kia-king sprang gleichzeitig mit dem Kaiser
auf, der die Puppe von der Erde aufraffte und sie dem zurückweichenden
triumphierend zeigte.
»Hab ich nun Furcht, Kia-king, oder hab ich keine Furcht? Du brauchst dich
nicht zu ängstigen; das bin ich ja selbst; ich hab niemanden andern
bezaubern wollen. Es liegt mir nicht daran, Euch, wie Ihr heißt, zu
bezaubern; mit Euch werde ich schon fertig. Wie schön man mich hier
ausgestattet hat. Die Dame Pei muß eine vorzügliche Schneiderin sein, daß
sie meinen Kittel, mein Obergewand, meinen Gürtel, meinen Fächer, ja sieh,
meinen Ring so genau nachmachen konnte. Wenn ich ein Dämon wäre und nicht
wüßte, wer Khien-lung ist, würde ich mich selber verlaufen in dieses Ding
hier. Schön ist die Figur, kostbar; Brüderchen, Brüderchen, bist du schön,
lebendig! Kannst du mir deinen Ring schenken; wir wollen uns doch begrüßen,
altes spätgeborenes Brüderchen aus Jade.«
Kia-king ächzte und schauderte. Er fürchtete sich die Figur in dem
Leichentuch anzufassen und mußte sie Khien-lung entreißen.
»Vater, was soll das. Geben Sie mir die Figur. Es ist nicht recht, mit der
Figur zu spielen. Tun Sie es mir zuliebe, Vater; man wird Sie und mich von
der Halle aus sehen.«
Die feinen Geigentöne wehten wieder durch die Zypressen herüber. Der Gelbe
Herr, mit freudig verzogenen Mienen, ließ nicht ab, die Puppe zu
betrachten, an sich zu drücken: »Tu-fu hat unrecht, Kia-king. Zu guter
Letzt hat Tu-fu unrecht, das freut mich. Wer könnte lange wandeln den Weg
des Lebens, den jeder für sich durchläuft. Ich kann ihn wandern, denn ich
habe einen Kameraden gefunden, aus Stein. Ich weiß bald nicht, ob er es
ist, der hier steht, oder ich es bin, der da gelegen hat. Wir beide, das
ist sicher, halten zusammen, die Puppe und ich, Kia-king. Und finden den
Weg des Lebens so erträglich. Opfere für uns, Kia-king, mein lieber Sohn,
verehre uns gemeinsam. Und begleite uns beide nach meiner Wohnung herüber,
nach unserer Wohnung.«
Es gelang Kia-king, dem Kaiser die Puppe aus dem Arm zu drehen, sie in das
Loch fallen zu lassen.
Der Kaiser machte ein feierliches Gesicht, über das sich eine Erwartung
spannte. Er sah gerade aus zu den Marmorpfosten seines Palastes herüber,
ein verzücktes Hinhorchen, ein dankbares Neigen des Ohrs zu schwer hörbarem
Geräusch.
Er wiederholte flüsternd: »Begleite uns herüber, lieber Kia-king, in unsere
Wohnung. Wir werden deine Freundlichkeit nicht vergessen.«
Sie wechselten kein Wort mehr. Sie schlugen die Richtung nach dem Wohnhaus
des Kaisers ein über die Marmorbrücke. Khien-lung aber wandte sich
plötzlich nach der tönenden Gästehalle. Auf halbem Wege kehrte er um und
folgte Kia-king.
Immer langsamer ging der Kaiser, je näher sie seinem Palaste kamen, vor dem
die weißen und gelben Laternen brannten. Des verwirrten Kia-king
Abschiedsgruß und Verbeugungen übersah er. Auf der Schwelle bückte sich
Khien-lung, als wenn er unter etwas hindurchginge.
* * * * *
In dieser Nacht, die wieder eine Neumondnacht war, schlief Kia-king
unruhig. Er träumte so wild, daß er schon um die dritte Nachtwache es auf
dem heißen Ofenbett nicht mehr ertragen konnte, heruntertaumelte und sich
in einer halben Schlaftrunkenheit ankleidete im völlig finsteren Zimmer.
Erst als er völlig angezogen war und im Zimmer, auf den Tischen nach seiner
Mütze suchte, kam er völlig zu sich, im Gefühl eines klebrigen zu hohen
Gaumens, an dem er schnalzte, stand da und wunderte sich, warum er sich
mitten in der Nacht angezogen hatte.
Er saß eine kleine Weile so im Finstern, ging ein paarmal zwischen Vasen,
die am Boden standen, hin und her, verließ in einer plötzlichen Unruhe das
Zimmer, und stand auf dem vorderen Hof.
Im Wachtelstall, dessen Umrisse er unsicher erkannte, gurrte und scharrte
es, ein feuchter kalter Nachtwind fegte von Zeit zu Zeit durch die weiten
Parkanlagen der Roten Stadt, die in einer solchen furchtbaren Dunkelheit
lag, wie Kia-king nie gesehen hatte.
Sein Herz klöppelte und fauchte dünn; er wußte nicht, warum er hier stand
und warum er die Baumwipfel betrachtete.
Er drehte sich langsam, um in sein Zimmer zurückzugehen, aber nach ein paar
Schritten bemerkte er, daß dies nicht sein Plan war und daß er lieber
hinausgehen wollte in den Park unter die Wipfel, um sich von seiner Unruhe
zu entlasten.
Er schlurrte langsam durch das Hoftor auf den Weg. Die Kiesel knirschten
unter seinen weichen Sohlen; er ging seitwärts auf den Rasen, um kein
Geräusch zu machen; denn seine Schritte ängstigten ihn. Es ängstigte ihn,
daß hier im Finstern einer ohne Begleiter schlich; und er wunderte sich
dabei, wie es kam, daß dieser sich keinen Begleiter mitgenommen hatte.
Kia-kings Unruhe wuchs beim Vorwärtsschreiten; sie nahm bei jeder Wendung
des Weges zu. Er wußte selbst nicht, nach welchen Grundsätzen er den Weg
wählte. Er glaubte bei jedem Häuschen, das zwischen den Bäumen auftauchte,
da zu sein; er wußte nicht recht wo, aber er war noch nicht da. In seiner
großen Erregung seufzte er und rieb sich mit beiden Händen die Backen.
Die Wege lichteten sich; an riesigen schwarz fingernden Brunnen tastete er
sich entlang. Da stand er plötzlich in sich geduckt da, die Arme wie ein
Schwimmer zum Hals angezogen, die Augen zusammenkneifend.
Eine schwarze Erscheinung kam rasch über den Weg hergelaufen, er konnte sie
nur an der gleitenden Bewegung erkennen; sie wollte an ihm vorüber, sie war
schon vorbei. Da lief er hinter ihr her, erreichte sie in vier Sprüngen,
hielt sie fest.
Es war eine Frau mit aufgelöstem Haar, die den Kopf gegen seine Brust
stemmte, um ihn wegzustoßen.