Sie flüsterte: »Was hab ich dir getan?«

Er schlug ihr ins Gesicht, rang mit ihr zu Füßen einer Zypresse. Jetzt

erkannte Kia-king, daß er in die unmittelbare Nähe des kaiserlichen

Wohnhauses gekommen war.

Er keuchte ihr zu: »Dämon, wo warst du? Was hast du vollbracht? Nenn deinen

Namen!«

Sie biß ihn in den Finger, sah ihn tückisch von unten an. Er warf das

Gespenst gegen eine Baumwurzel; ohne daß es ein Geräusch gab, sie hielt

sich an seinen Beinen fest.

Er konnte sie nicht bewältigen, und wie er ihr tückisches Lächeln bemerkte,

fuhr ihm ein Grauen über den Rücken, daß er sich mit wilden Fußtritten von

ihren Händen befreite, die Frau warf sich kreischend beiseite. Kia-king

faßte nach ihrem Gürtel, da hatte sie einen festen Strick hängen, den sie

ihm zu entreißen suchte. Aber rasch hatte er sie aufgestellt, ihre Hände in

einer Schlinge gefangen und rannte in großen Sätzen, die leicht wimmernde

Frau hinter sich, nach dem kaiserlichen Wohnhaus, das in die tiefste

Finsternis eingesunken war, band sie, die sich sträubte und geiferte, mit

Händen und Füßen an den Steinpfosten fest, die zum Fesseln der Elefanten

dienten, blieb zitternd an der Türe stehen.

Er schob sich über die Schwelle. Ihm fiel ein, wie merkwürdig sich der

Kaiser, diese schlanke kleine Gestalt unter dem hohen Torbogen gebückt

hatte. Er mußte sich selber so bücken.

Khien-lung war an dem Abend nicht schlafen gegangen. Nachdem er auf seinem

Schreibzimmer Blätter durchgesehen, Korrekturen an seinem großen Gedicht

auf die Stadt Mukden angebracht hatte, aß er wenig zur Nacht. Aber es fiel

den Hofmarschällen auf, wie viel Wein der Kaiser trank, daß er nach

Beendigung der Mahlzeit stumm an der Tafel sitzen blieb, keine Kapelle,

keinen seiner Vertrauten zum Morra befahl.

Verschlossenen Mundes, als säh er sie nicht, ging er an den

purpurgekleideten anmutigsten Schönen seines Harems vorbei, die Hu zur

Erheiterung der kaiserlichen Stimmung herbeigerufen, an die Tür des

Speisesaals gestellt hatte. Die niederstürzende Reihe der Eunuchen und

Dienerinnen passierte er mit raschen, dann wieder zögernden Schenkeln.

Einmal hob er zu dem folgenden leuchtenden Kammerdiener die Hand, stieß

hervor »A-kui«, besann sich, winkte ab.

Bei der Öllampe versuchte er in seinem Schlafzimmer zu lesen; es war ein

Werkchen, das ihm Paldan Jische geschenkt hatte, eine tibetanische Schrift,

die ins Mandschurische übersetzt war, mit dem Titel: »Das von dem Abgrunde

des Zwischenzustandes befreiende Gebet.«

Er streckte sich auf ein Polsterbett, nachdem er die Diener entlassen

hatte, schlief kurze Zeit mit den holzgerahmten Blättern ein, sah sich

aufgewacht in dem breiten hohen Zimmer um, das von Ambragerüchen erfüllt

war. Sein Kinnbart war zerdrückt und zusammengeklebt, eine Wange glühte,

ihn fror an Händen und Füßen. Er schnüffelte. In seiner Kehle steckte eine

heiße Bitterkeit.

Kein Geräusch draußen, es mußte schon späte Nacht sein. Khien-lung tappte

von dem Polster an die Kante des offenen Bettes; sein Gürtel drückte ihn;

er schnürte ihn auf und ließ ihn mit dem zerbrochenen Fächer und klirrenden

Behängen auf den roten Teppich sinken, dessen goldene Orchideen am Boden

Sterne aufblitzten, wie matte Scheiben hingedrückt ihre Fläche deckten.

Er bemerkte, daß er laut stöhnte und daß er wohl wieder krank würde, aber

nur in manchen Augenblicken bemerkte er das. Dann wirtschaftete der

taumlige Mann zwischen Schränken, Spiegeln und Vasen, suchte in Ecken,

tastete mit den Fingern den Teppich ab, kratzte mit dem Daumennagel die

eingelegten Blüten, machte, hingekniet, die Hand hohl und wollte die

aufschimmernden Goldsternchen einfügen oder quetschen, um sich die Zunge

mit ihnen abzureiben.

Eine kleine Bronzekuh in einem Winkel zupfte Gras. Khien-lung legte gebückt

den rechten Arm, dessen Ärmel er hochstülpte, auf den eisigen Metallrücken,

bewegte ein Bein und wippte an, als ob er das Tier besteigen wollte.

Die Blätter des tibetanischen Buches hob er auf. Auf den Polstern sitzend,

drehte er die Tafeln um und um und wieder um, drückte sie laut wimmernd

gegen seine Brust, so daß die Rahmen zerbrachen und seine Halskette abriß.

Lauter winselnd wühlte er das Papier an sein Gesicht, schluchzte »Paldan

Jische, Paldan Jische«, und fühlte, den Kopf so in den linken Arm

verbergend, mit den blinden Fingern der rechten Hand nach den Perlen, die

nacheinander von seiner Kette rannen, ihm über den Schoß liefen.

Der alte Herr suchte sie, hingleitend, auf dem Boden; kaum er eine Handvoll

gefunden hatte, steckte er sie an die Stelle seines Gürtels, so daß sie

sanft abrollten.

Versunken richtete er sich auf, schlürfte über den Teppich, murmelte:

»Beten, beten. Paldan Jische, beten. Man bestiehlt mich. Beten, Paldan

Jische.«

Er drängte sich am Fußende seines weißen Bettes gegen die Wand. Die Mauer

war schrankartig vertieft; ein kleiner Aufbau mit der Ahnentafel füllte

diesen Raum. Khien-lung rutschte seitlich vor dem Aufbau um; sein Winseln

und Stöhnen, von der Höhe zur Tiefe gehend, klang wie der monotone Gesang

eines Gefolterten. Der Kaiser, mit stumpfen Augen, tränentriefend, wandte

sich nach seinem Bett, zog eine purpurne Decke herunter, zerrte sie

hinterher nach der Wandvertiefung. Er stolperte, sich in das Tuch

verstrickend, und hielt zweimal inne, weil unter seinen Sohlen Perlen

knackten. Dann hob er das purpurne Laken auf und hing es mit unsicheren

schüttelnden Händen über den Aufbau, stopfte es fest um die silberne

Ahnentafel.

Er seufzte und ließ sich auf einen Hocker fallen, wo er still blieb,

während ihm der Kopf auf die Brust sank und er von Zeit zu Zeit die Stirn

runzelte und die Lider hoch zog. Er bewegte oft die Lippen.

Gleich nachdem der Wirbel der zweiten Nachtwache verklungen war, schwankte

die Tür. Khien-lung beobachtete es angestrengt, ohne den Kopf anzuheben. Er

hatte geglaubt, die Türe wäre geschlossen. Aber sie mußte offen sein, denn

sie schwankte sichtlich. Auch die lockere Seidenspannung des hohen

Wandschirms neben der Tür blähte sich. Zwei Perlen, dicht zu seinen Füßen,

rollten weiter, von dem Schirm rollte eine große Perle weg. Als hinter

seinem Rücken etwas klapperte, drehte sich der Kaiser um.

Eine schlanke Frau in rauchblauem Mantel ließ sich von einer unbeleuchteten

Ampel herunter und konnte nicht gleich mit den Füßen den Boden finden. Von

der Decke kam ein Luftzug; die Frau war von der Decke eingestiegen.

Mit zerzausten Haaren schwebte das Gespenst auf Khien-lung, der sich erhob,

und schrie ihn, sich gegen seine Brust drängend, an: »Warum stehst du auf?

Warum hilfst du mir nicht?«

Der Kaiser wich ängstlich zurück, bat um Entschuldigung, er kenne sie

nicht.

Sie schlug ihren Mantel zurück; da hing an ihrem Gürtel ein Bündel dünner

Seile. »Lauf nur weg,« schrie sie weiter, »du kennst mich nicht? Auf wen

wartest du denn hier. Mein Mantel ist zerschlitzt.«

Sie huschte, sich im Zimmer umsehend, an die Wandvertiefung: »Meine Kämme

habe ich verloren.«

Sie zerrte das rote Laken von dem Aufbau herunter, der alte Herr lief

bettelnd herbei.

Ein feines Klappern erhob sich in der Ahnentafel. Wimmernd suchte

Khien-lung sie bei den Händen zu fassen. Unter höhnischem Lachen und Bläken

der Zunge warf das Gespenst ein Seil um die Bronzeketten der Ampel,

schleifte die rote Decke hinter sich, so daß Khien-lung auf dem gleitenden

Stoff fehl trat und zu Boden dumpfte, verschwand durch den Türspalt.

Der Kaiser wälzte sich mühsam hoch, hinkte hustend, speiend, seine Brust

haltend, an die Ampel, stieg auf einen Hocker, wand sich unter Schwanken

den Strick um den Hals und stieß, die Schultern anziehend, den Stuhl mit

schlagenden Beinen beiseite.

Als Kia-king in das trüb erleuchtete Zimmer kam, hing der Kaiser, mit den

Füßen den Teppich streifend, an der Ampel. Die Tür war offen, eine rote

Decke lag auf dem Gang vor dem Zimmer, mit einem Zipfel über der Schwelle.

Die Schlinge war nicht fest geknotet. Der Körper sank durch seine Schwere,

das gedunsene Gesicht mit dem schäumenden aufgesperrten Mund, den

glotzenden Augen fühlte sich warm an. Ehe Kia-king in dem verwüsteten

überheizten Raum eine Schere fand, plumpste der Körper auf den Teppich, mit

dem Gesicht nach unten.

Kia-king troff der Schweiß juckend hinter den Ohren, um den Hals. Er

knotete das Seil unter Khien-lungs Kinn auf, wälzte den Körper auf den

Rücken, knetete die offene Brust, goß Wasser aus einem Weihbecken über die

Stirn. Ein Spiegel, den er dem Kaiser vor den Mund hielt, überzog sich mit

einem dünnen Hauch. Knistern und Röcheln stieg ganz von innen aus

Khien-lungs Bronchien. In den hochgezogenen Lidern zuckte es; die

hervorgequollenen Augen traten zurück und bekamen einen blanken Schimmer;

das Herz, das nicht aufgehört hatte, langsam zu schlagen, verfiel in ein

mörderisch überstürztes Tempo ohne Kraft.

Als Kia-king mit tränenschwimmenden blöden Blicken in einer Erschöpfung

über den Teppich sank und das Morgengrauen im Zimmer die Röte des

Ölflämmchens umstellte, stützte sich der Gelbe Herr mit beiden Armen auf,

keuchte, hustete, stammelte. Er stand ganz auf, torkelte an das Fenster,

wobei er sich mit den Händen seinen zerschnürten Hals hielt und rieb,

knickte auf das Polsterbett, unsicher und unausgesetzt den ausgestreckten

Kia-king betrachtend mit blutunterlaufenen Augen. Er rasselte stürmischer.

Den wollte er in der Nähe ansehen, den Menschen, der da feist schlief auf

seinem Teppich; ei, der sich gefangen hatte, der Fuchs mit dem lahmen Bein.

Der hatte sich gut gefangen; nicht einmal die Wachen hatten etwas bemerkt.

Stier und vorsichtig auf Kia-king losschleichend hielt er vergeblich seinen

Atem fest, der kollerte und sägte. Da dunkelte ein Schwindel über seinen

Rücken, zwischen die Schulterblätter gegen den Hinterkopf. Er segelte

langsam um auf die Hände.

Kroch auf den vieren weiter, mit höllischem Vergnügen, schadenfroh, als er

mit dem linken Daumenballen etwas Knackendes zerpreßte und die Hand aufhob.

Er hielt sie dicht an das Auge, leckte den Perlensplitter mit der Zunge

weg, spuckte ihn aus. Den Kopf schaukelnd duckte er sich eine Weile über

den Splitter. Eine große Perle blinkte gerade vor ihm auf dem Teppich.

Khien-lung verlängerte das Gesicht, riß den Mund auf. Er fuhr mit der

Hohlhand sachte von oben über die Perle, als wenn er Fliegen fing, zog sich

nach vorn, glotzte sprachlos abwechselnd auf den dicken Kia-king und die

Hand unter sich. Dann tastete er zweifelnd mit der Linken nach seiner

zerrissenen leeren Kettenschnur. Und breitbeinig, mit horizontalen Armen

balancierend schwankte er aufrecht gegen Kia-king vor, die eine Perle in

der Faust, die Brust kochend, raffte im Vorübergleiten von einem Tischchen

einen zerbrochenen Buchrahmen, schlug hinstolpernd mit Fluchen, dumpfem

Geschrei auf Kia-king ein. Kia-king schnellte hoch, kreischte; sie rangen.

Der Gelbe Herr brüllte heiser: »Der hat meine Perlenkette zerrissen, der

Schuft, der Mörder, der dicke Dieb.«

Verzweifelt krächzte er, als ihn Kia-king umlegte: »Alle hat er

zertrampelt. Meine schönen Perlen. Wache! Wache! Meine Halskette wirst du

mir wiederbringen. Mord!«

Auf den Korridoren rumorte es; Lichtschimmer durch die Türspalte.

Waffenklirren. Aufspringen der Türe. Der anschwingende Eunuch riß sie

auseinander, löste ihre Finger, hob Kia-king an und fuhr ihm mit der

geballten Faust in den Rachen. Zurückprallend beim Blick der erstickenden

Augen erkannte der Mann Kia-king. Um Khien-lung, der sich wälzte, zwei

Wachen. Der Prinz, ächzend, orientierte sie mit atemlosen Silben.

Der Kaiser brüllte auf dem Teppich, mit den Armen nach Kia-king greifend,

schluchzte, jammerte, zeigte seine zerrissene Perlschnur: »Mörder! Meine

Halskette wirst du mir wiederbringen. Haltet ihn fest!«

Schnappend tastete sich der Prinz an die kühle Luft.

An dem Steinpfeiler fand er den Strick angebunden, genau solch Strick, wie

Khien-lung um den Hals trug; in der Schlinge steckte ein trockener

vielzweigiger Baumast. Der Dämon hatte sich schon verwandelt.

Der krankhafte Zustand, in den Khien-lung verfallen war, dauerte zwei

Wochen. Während dieser Zeit wurde der Knebelbart des Kaisers völlig weiß,

sein Gesicht wie eine Mumie.

Als er genas, saß Kia-king bei ihm; der Kaiser erinnerte sich nicht an die

Vorgänge der Nacht.

Der Schnee tanzte über der Purpurstadt; der Kaiser nahm wieder die

Regierung in die Hand. Da sprach er in einem der riesigen Treibhäuser

unerwartet einmal über die Sektenangelegenheit mit seinem Sohne.

Kia-king, völlig über die Entwicklung des letzten Sommers orientiert,

schwoll von Vorwürfen gegen die Bündler über, die das Land zerrütteten und

verarmten.

Khien-lung äußerte mit der Apathie eines Verfallenen, daß sich die Ahnen

schlecht über ihn ausgesprochen hätten, daß der lamaische Papst nicht hätte

raten können und wie schwer die Angelegenheit sei.

Da beschwor der Prinz seinen Vater, indem er ihn aus der Nähe des heißen

Ofens führte, sich zu erinnern, wodurch sich das Reich unter seiner

Regierung ausgedehnt hätte, ob durch Milde oder kriegerische Strenge, daß

Kung-tse und andere Weisen Duldung empfohlen hätten, nicht aber gegen

Rebellen. Ja es mache sich der Herrscher eines Verbrechens gegen seine

Untertanen schuldig, der nicht Rebellen, welcher Art sie seien, mit dem

Schwert und Beil niederschlüge.

Khien-lung stand mit dem abgefleischten Gesicht gegen eine Fächerpalme und

pellte einen langen Rindenstreifen ab. Worüber also, meine Kia-king, seien

die Ahnen erbost und hätten ihre Zeichen gegeben?

Über die Schwäche im Angriff, über die Nachlässigkeit der beteiligten

Behörden; eine Warnung sei das Ereignis gewesen; eine Mahnung, an das

Schicksal der achtzehn Provinzen zu denken, welches unabwendbar

heraufziehe, wenn Neuerer, Schwärmer, Halbnarren und Schwindler ungestört

das kenntnislose Volk beirrten. Und mit blitzenden Augen sprach Kia-king

auf den Gelben Herrn ein, der öfter mit abwesenden Blicken das pralle

mienenbewegte Gesicht seines Sohnes streifte. Es würde der ganze Westen

über das Blumenland stürzen. Statt daß Tibet ein Tributreich des Ostens

sei, unterliegen die achtzehn Provinzen den Hirngespinsten phantastischer

roher Pfaffen. Die Lamas bedienten sich feiner Waffen. Und wie lange würde

es dauern, dann würden die langnasigen Weißen aus Indien sich einstellen,

und die rotborstigen Barbaren mit Knuten von den nördlichen Grenzen. Die

klare uralte Weltregelung des Weisen von Schan-tung ginge verloren unter

dem Schwall ungezügelter Träumerei westlicher Barbaren. Kung-tse müsse

geschützt werden. Das Schwert müsse rechtzeitig gehoben werden.

Sie schleppten zwischen den Palmen und Kakteen ihre Leiber schwer atmend

auf und ab. Ein Silberfasan stolzierte vor ihnen auf den wasserbetropften

Marmorplatten; seine roten Füße setzte er mit einem plötzlichen gnädigen

Entschluß; geziert bog er seinen blauschwarzen Hals, um den Glanz seiner

Federn aufleuchten zu lassen. Vor dem bebuschten runden Stamm eines Ölbaums

trennte sich Khien-lung von seinem Sohne. Die eingesunkenen Augen

Khien-lungs, fältchenumrahmt, blickten unruhig. Er sagte zu Kia-king, dem

er einen Arm auf die Schulter legte, er möchte sich zu den folgenden

geheimen Beratungen einfinden.

* * * * *

In den folgenden Besprechungen, bald mit Kia-king, bald mit A-kui, Song,

Chao-hoei, wand und bog sich der alte Kaiser, wie ein Lebensmüder, den man

retten will. Er wollte diesen blitzartig erleuchtenden Vorschlag Kia-kings

nicht annehmen; er hatte sich tief in hoffnungslose Verworrenheiten hinein

verloren, es war eine heimliche selbstquälerische Freude, die ihn hier

festhielt. Schwer wurde der Entschluß zu hoffen. Eine dunkle Scham kam

hinzu, die des geretteten Selbstmörders vor dem Leben.

Die Deduktionen keiner Beratung hätten das vermocht, was dem feinen Takt

Kia-kings gelang. Der Prinz schwieg über die früheren Ereignisse, ließ

seine ganze Schlaffheit sinken, warb um den Kaiser, den er anbetete um

dieses inneren Zwistes willen.

Als Khien-lung, halb geneigt zu folgen, heimlich erfreut über seinen Sohn,

mißtrauisch wurde, griff Kia-king zu einem Gewaltmittel. Er zeigte sich

betroffen über den Widerstand seines Vaters, stimmte ihm bei, verließ bei

einem Besuch den aufgewühlten Kaiser mit nervösen Worten, unsicheren

Bewegungen, blieb in seiner Wohnung.

Dem Kaiser, der ihn bald aufsuchte, gab er sich trostlos, weil es also wahr

wäre, daß ihre glanzvolle Dynastie von den Ahnen verlassen sei. Der Gelbe

Herr, ungläubig, starr, aufgespalten von einem Beilwurf, suchte sich

angstvoll jammernd den Rest von Hoffnung zu retten, hielt stotternd

Kia-king dieselben Argumente vor, mit denen ihm Kia-king gekommen war. Der

feiste Prinz näselte, grapste tränenselig an den Gründen herum,

beschnüffelte sie, vom Kaiser in jedem Atemzug, Wimpernschlag belauscht.

Sie schoben sich ächzend hin und her, Khien-lung jeden Augenblick sein

Todesurteil fürchtend, beide gegeneinander minierend und sich hitziger

aufstachelnd, sich Entschlüsse abringend. Der Kaiser bot seine ganze blau

und grün gewordene Verzweiflung auf. Er mußte das träge bockige Flennen

seines Sohnes überwältigen. Bis Kia-king nachgab und sich gekränkt umwarf.

Das Spiel war gewonnen. Der Kaiser fühlte sich an Kia-king in einer dunklen

Beziehung gekettet. Khien-lung grollte noch tagelang; man durfte mit nichts

Politischem kommen.

Dann hatte er angebissen. Als wenn es von ihm käme, schleuderte er mit

einem rauchenden Zorn den Wunsch einer gewaltsamen Unterdrückung der

Rebellion in den Hohen Rat.

Drei Wochen vergingen nach jener Nacht. Da trugen Kuriere in die

winterlichen Landschaften den Erlaß des Kaisers hinaus, der unter

Mitwirkung des gesamten Ministeriums, unter Hinzuziehung der ältesten

Prinzen und aller Zensoren formuliert war.

Die Kundgebung bestimmte die Anwendung des Ketzereigesetzes in

verschärfter, genau angegebener Strenge auf die Sektierer der nördlichen

Provinzen. Jeder Widerstand sollte als Rebellion gefaßt werden. In dem

Erlaß klagte der Kaiser, auf wie schlechten Boden seine frühere Milde

gefallen sei. Die sofort einzusetzenden militärischen Maßnahmen zur

Unterdrückung des Aufruhrs würden erfolgen unter Chao-hoei, dem besondere

kaiserliche Vollmacht und der Oberbefehl über die Provinzialtruppen der

beteiligten Gebiete verliehen sei.

Das Land möge sich nicht beunruhigen.

Der Drachenthron würde die Lehren Kung-tses und des Himmels verteidigen.

Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman · 第 13 / 29 题