Khien-lung, der große Kaiser, der das Reich der Welt von der sich
umwälzenden Natur und dem Himmel erhalten hatte, tauchte aus den nördlichen
Steppen auf von seinen Jagden und Vertiefungen, kehrte nach Mukden zurück.
Er hatte wieder die ungeheuren Tatarenlandschaften gesehen. Wenige Tage war
die tiefe Stille durchbrochen worden durch Tributträger. Die Tiger liefen
aus den Wäldern hervor. Von Woche zu Woche kamen Ergebenheitsbriefe der
kaiserlichen Prinzen und hohen Würdenträger, fragend nach seinem Befinden.
Den gealterten Kaiser begleitete kein großes Gefolge: zweihundert Mann
seiner Leibgarde, eine rein mandschurische Kompagnie, eine kleine Anzahl
Vertrauter, Freunde, Sklaven, schließlich die erlesene Musikkapelle. Er
jagte im Randgebiet der Mongolei auf dem Hochland östlich von Kalgan. Helle
kalte Luft, freies weites Grasland, Gebirgsschluchten, zerrissener
Durchblick. Im muldenförmigen Tal bei Süen-hwan-fu hielt er sich auf. Die
Häuser waren in die Lößerde gegraben mit Stuben, Gewölben, Gängen. Auf den
dünn belebten Flächen tummelten sich braune langhaarige Pferde. Teebeladene
Kamele schwankten vorüber. Die nomadisierenden Horden lagerten in weiten
kreisrunden Filzzelten. Plattgesichtige braune Mongolen mit bunten Gehängen
warfen sich hin.
An der Grenze schloß sich dem kaiserlichen Zug der Kommandeur der
Grenzsoldaten an in roter Pelzkappe und rotem Flügelkragen. Dann
überschritt man die Randketten des großen Chin-gan, stieg herunter nach
Mukden.
Die Blicke des Kaisers waren fremd, seine Mienen von einer furchtbaren
Kälte. Unter den hohen Weidenbäumen tauchten die seltsamen Häusergruppen
auf. Nach langen Windungen der Felswege betraten sie die niedrigen Hügel
und sahen Laubbäume, die Frauen mit den Pfeilen im Haar und den frischen
Blumen. Von den acht Türmen der Mauer Mukdens schollen die Kanonenschüsse.
Sie zogen durch die graden Linien der Stadt, hinter ihnen die Mongolen auf
niedrigen Ponys, bis sich die Dächer mit den gelben glänzenden Ziegeln in
der Mitte der Stadt zeigten. In seinem Palast blieb Khien-lung fünf Tage.
In dem herbstlichen Park an einem Teiche saß der Kaiser allein auf einem
Schemel und hielt grüne Salatblätter im Schoß. Vor ihm schlief eine
ungeheure Schildkröte.
Sie trug ein Rückenschild von schwarzer Farbe mit gelben Riefen. Die breite
Mittelleiste des Rückens war gelb gefeldert mit tiefen Kerben. Die plumpen
Vorderfüße ragten seitlich heraus wie Schwimmflossen, mit Zehen wie Stifte,
die man in die Füße eingeschlagen hat. Die Hinterbeine eingezogen unter dem
Panzer. Der Kaiser im schwarzen Seidenkleid und Seidenmütze ohne Schmuck,
schlug auf das Tier mit einem dicken Ast, an dem Tannenzapfen hingen.
Und dann kam aus dem Gehäuse das graue hornige Haupt, das wunderliche
leidenschaftslose Haupt an einem faltigen Hals, der wie getrocknete
Fischhaut glänzte. Wie eine Königsmumie: der lang sich reckende verwelkte
Hals, in spöttischer Ruhe den dreieckigen Schädel wendend. Die Kiefer fest,
mit Lineal und Hobel streng gearbeitet. Die Nüstern mit dem Lochbohrer
eingeschlagen. Zur Seite, lidlos, unbeweglich, kluge weise Augen, Fenster
eines erkühlten Gehirns.
Langsam hebt sich das Schild von einer Seite auf, senkt sich, schiebt sich
vor. Es ist der mühselige Gang eines behenden doch gichtischen uralten
Mannes, der den Steiß anhebt, das Knie nicht beugt, die Beine seitwärts
steif herumschleift, sich langsam um Kanten windet. Die Vorderflossen
schwimmen, rechts, links, stoßen ab. Der Panzer senkt sich, weit strecken
sich die Hinterbeine und folgen. Ein hohes Schnaufen, ein sanftes Zischen
kommt aus den gestanzten Nüstern. Wieder hebt sich der Steiß an, die
Vorderflossen schleifen vor. Es ist ein Klettern über den Boden.
Der Kaiser saß mit seinem Tannenzweig auf dem Schemel. Er suchte der
Schildkröte nachzukommen, ihr nachzuahmen, und sann darüber nach. Im
Vorüberschieben richtete sie scheinbar die Augen auf ihn. Er glitt langsam,
seinem Zweig nach, auf die Erde, lag auf den Knien hinter dem Tiere, das
sich von ihm entfernte nach dem Teich. Aus irgendeinem Grunde beugte er
sich hinter dem Tiere.
Sehr langsam, so wollte Khien-lung, rückte der Zug weiter. Breite
Sandflächen wechselten ab mit Feldern der Wassermelone. Der Liau-ho rollte
schwarze breiige Wassermengen, in denen grüne Streifen auftauchten. Man
wartete zwei Tage, um dem Flußgeist zu opfern, einem uralten
Verkehrsdirektor aus Niu-tschwang, bis man die Fähre mit dem stillen Kaiser
dem Wasser anvertraute.
Seine Umgebung kannte die Zustände schwerster Versunkenheit und
Erschlaffung an ihm. Sie stellten sich mit dem höheren Alter ein. Man mußte
mit dem sonst energischen, ganz beherrschenden Manne alles tun, ihn führen,
setzen. Das Gesicht des großen Fürsten war, als sie die viele Li lange
Verkaufsstraße von Hsin-mit-sun ohne Laut durchschritten, beängstigend in
seiner unglaublichen Willenlosigkeit, der gummiartigen Weiche und
Stumpfheit der Augen. Seine Lippen hingen, er brummelte nichtssagend. Wie
die acht Träger auf dem welligen Sandboden langsam marschierten, öffnete
sich seine Sänfte von innen, er stieg aus, während die vorderen Träger sich
erstaunt umwandten, und pendelte allein neben einem alten
Hellebardenträger, der ihn nicht erkannte. Als hinten die Zeremonialmeister
entsetzt aus ihren Sänften sprangen, vor ihm hinfielen, ihn bei den Händen
zu seiner Sänfte führten, schwankte er mit, hob seine gequollenen Lider
schwerfällig, sah sie unsicher fragend an. Seine Augen tränten. Sie
wischten ihm, ehe er in die Sänfte stieg, den Speichel aus seinem grauen
Kinnbart. Sie gingen neben seiner Sänfte einher. Jenseits des Ta-ling-ho
kam man auf kaiserlichen Weidegrund. Aus den hohen Wachtürmen im Zentrum
von Kint-schu-fu schollen wieder die grüßenden Böllerschüsse.
Die Behörden standen vor der verschlossenen Sänfte. Sie lagen im Staub vor
seinem schlafenden Körper. Der teilnahmslose Zustand besserte sich, als man
sich der Großen Weißen Wand, der Großen Mauer, näherte. Eine leichte
Erregung befiel den Kaiser. Er aß viel, weigerte sich in der Sänfte zu
liegen, riß Blumen am Wege aus. Die Reise mußte beschleunigt werden. Ohne
zu sprechen, winkte er, wenn man sich nach seinem Befinden erkundigte, mit
seinem Fliegenwedel ab. Halb verwirrt stieg er einmal während dieser Tage
auf einen Gneisblock, der seitlich der Straße lag, und stürzte. Aber er
wurde sichtlich zugänglicher, beobachtete die Arbeit auf den Feldern,
befahl seinen Reisebibliothekar neben sich, den er aber nichts fragte. Man
war glücklich zu sehen, daß er wieder seine eisigen Blicke warf.
Eine warme Luft wehte. Die Vorhänge seiner gelben Sänfte hatte er
aufgezogen. Am Spätnachmittag spazierten vor der kaiserlichen Sänfte der
Direktor des Ritenministeriums Song und Hu-chao, der Oberaufseher der
kaiserlichen Eunuchen. Song, ein gebückter Mann, der in seinem faltigen
kleinen Gesicht eine Hornbrille trug und aus seinen verkniffenen Augen
vergeblich die landschaftliche Schönheit zu erblicken suchte, die ihm Hu
warm schilderte. Hu, der wohlbeleibte Herr mit aufgeschwemmten Backen,
griff im Eifer seiner Beschreibung öfter nach der Hand des würdigen Song
und drückte sie, so daß wenigstens so der begierige Minister etwas von der
allgemeinen Hingerissenheit empfand.
Sie plauderten über die Zartheit, mit der ein junger eben aufkommender
Dichter die Schwermut der Silberpappeln behandelt habe und wie ihm ein paar
interessante Verse geglückt seien über das alte Thema einer Mondscheinfahrt
auf dem Weiher. Hu, obwohl nicht gebildet wie der Akademiker Song, erging
sich in Lobsprüchen über die strenge Form dieses Gedichtes, über die
wunderbaren, zum Teil neuen Charaktere, die der Dichter gemalt hätte. Sie
atmeten den starken Dunggeruch der Äcker.
Da wehte ein feines Parfüm neben ihnen. Ein seidenes Rauschen. Zwischen
ihnen ging ein mittelgroßer kräftiger Mann, der sie schon, als sie sich
hinwerfen wollten, bei den Zöpfen packte und mit ihnen weiterspazierte, die
Arme auf ihren Schultern. Die leise harte Stimme Khien-lungs klang zwischen
dem gemessenen Fistelton Songs und dem enthusiastischen Dröhnen des dicken
Hu.
Der Kaiser lächelte, als sie sich betreten anblickten, weil er eine Wendung
ihres Gesprächs aufgriff: »Sprich nicht auf der Straße, sagt man zwischen
den vier Seen; unter dem Pflaster sind Ohren. Exzellenz Hu meinten, in wie
wundervollen Charakteren der junge Verfasser das Gedicht niedergeschrieben
hätte. Ich hatte vor Monaten in Pe-king das Vergnügen, einen Missionär der
Jesureligion zu sprechen. Die rothaarigen Völker sind barbarischer, als man
bei uns weiß. Sie erzählten mir in ihrer aufdringlichen Händlerart vieles;
auch von ihren Dichtern. Diese Herren schreiben, wie es ihnen gefällt. Die
Handschrift ist für die Dichtung belanglos. Dichter kann sogar ein
schreibunkundiger Bauer sein.«
»Es ist lächerlich, Majestät,« meinte der greise Song, »die westlichen
Langnasen sind eben, -- die Ameise hätte bald gesagt: Strolche. Wie
einsichtslos überhaupt, uns von ihren sogenannten Dichtern zu erzählen.«
»Durchlaucht Song haben ja von mir manches gelesen.«
»Alles, Majestät.«
»Nun alles. Ich will nicht geschmeichelt sein. Auch Exzellenz haben manches
von mir gelesen?«
Hu marschierte unruhig; er begeisterte sich zwar leicht, machte einen
aufrichtigen Bewunderer und Beschützer der Künstler, doch ließ seine
Sachkenntnis zu wünschen übrig.
»Der Esel hier, Majestät, hat in der Tat manches aus dem kaiserlichen
Pinsel gelesen --«
»Aber nicht verstanden; keinen Vorwurf darum, Hu. Wird auch kein Urteil
verlangt. Was ich meine, ist ja etwas anderes. Eine Bauersfrau, wie die
dort drüben, wirft das weiße Korn in den Boden; ein Knabe führt eine Karre
hinter ihr her mit Jauche. Lerchen singen, Herbst. Man hat keinen Anlaß,
diesen Anblick -- zu dichten; er ist unübertrefflich vorhanden. Immerhin
könnte ich in die Versuchung kommen ihn zu dichten, aber dann übernehme ich
eine Verpflichtung gegen -- den Anblick.«
»Sehr fein, Majestät.«
»Noch nicht, Durchlaucht. Nämlich die Verpflichtung, ihn ehrerbietig zu
schonen, den Geist dieser Minute unberührt zu lassen, ihm als irdisches
Geschöpf zu opfern. So denke ich mir, wenn ich in der Schreibstube sitze,
das Dichten. Ich, das kleine Menschenkind, sitze in meiner Schreibstube,
und vor fünf Tagen lebte der Geist einer verehrungswürdigen Minute: das
sind zwei Dinge. Ich opfere dem himmlischen Geist in der Weise eines
reichen Mannes und mühe mich, dem Geist der ehrungswürdigen Minute zu
gefallen. Das kann ein Bauer, ein Bettler gar nicht; für den sind auch
andere Geister da. Das schönste weicheste Papier muß dienen; für den Pinsel
steht Tusche aus tiefstem Rot und Schwarz bereit. Und jetzt male ich die
Charaktere. Das sind keine Mitteilungen, obwohl sie doch auch zu
Mitteilungen dienen; runde beziehungsvolle Bilder, Anklänge an die Bücher
der Weisen, schön in sich, schön gegeneinander. Diese Bilder sind selbst
kleine Seelchen, und das Papier nimmt an ihnen teil.«
»Noch immer fein, Majestät,« fistelte Song, »ich Dummkopf habe mir von
unserem Astronomen, dem Portugiesen, gleichfalls sagen lassen, daß man im
Westen schreibt wie man spricht. Was natürlich ebenso bequem wie einfältig
ist. Aber, wenn die Allerhöchste Majestät mich einer Gnade würdigen will,
möchte ich eine Bitte vortragen.«
»Durchlaucht?«
»Mich setzen zu dürfen in meine Sänfte oder am liebsten in ein Zelt hier
auf der Wiese, um Eure Majestät noch zu hören, so lange sie es mir gewährt.
Die alten Füße des Sklaven Eurer Majestät versagen.«
Der Minister gab auf das Kopfnicken Khien-lungs zwei Lanzenträgern vor ihm
kurzen Befehl; der riesige Zug hielt unter dem freien Himmel. Während das
gelbe kleine Reisezelt des Kaisers mitten auf einer Wiese aufgeschlagen
wurde, die Lanzenträger das Feld von den Bauern säuberten, stand er selbst
vor dem schmerbäuchigen Hu und dem Minister, dessen Gelehrtengesicht
Zeichen von Müdigkeit trug, ließ die Hände schlaff fallen und seufzte.
Aber die beiden hohen Beamten, die sich bestürzt ansahen, hatten unrecht;
Khien-lung dachte an Pe-king und seufzte vor Ungeduld.
Der Kaiser wünschte noch zwei Tage zu reisen.
Der Aufschub der Heimreise erregte im ganzen Zuge Freude. Der ungewohnte
Anblick des Himmelssohnes, der in voller Elastizität nach seiner Art sich
bewegte, belebte alle Mitreisenden. Stundenlang disputierte der Kaiser bald
mit Song, dessen Gelehrsamkeit er außerordentlich schätzte, bald mit dem
derben untersetzten General A-kui, den er selbst aus einem gemeinen
Soldaten zum Offizier befördert hatte. Das schlagfertige Wesen A-kuis
erfrischte ihn; die Drolerien dieses ungebildeten Mannes bildeten eine
Quelle des Vergnügens für die ganze kaiserliche Umgebung.
Man rückte längs des Chao-ho vor, überschritt auf der grauen Steinbrücke
den Pai-ho. Jenseits des Dorfes Niu-lang-schan bog der Zug westlich von der
Straße ab, um auf eigens angelegten Chausseen zu den Bergen nordwestlich
der Residenz zu gelangen, wo Lustschlösser des Kaisers standen.
In der nördlichen Tatarenstadt Pe-kings säuberte und glättete man die
Straße, die der Zug passieren mußte; man vernagelte den Zugang der
Querstraßen mit bemalten Brettern; verbot das Verlassen der Häuser und
Kasernen für die Vormittagsstunden bei Todesstrafe: Gongschläger und
Trommler riefen den ganzen Tag aus. Da die Astrologen im kaiserlichen Zuge
nicht rechtzeitig die Stunde des Einzugs in die Rote Stadt berechnen
konnten, verzögerte sich der Einzug über den Vormittag, obwohl die
Reisegesellschaft einen ganzen Tag auf den nordwestlichen Bergen lag, die
Landleute die wunderbare Musik der Hofkapelle hörten, die fast
ununterbrochen spielte über dem blanken See Kun-ming-hu.
Auf dem Gipfel des Wan-wu-schan, in den Hainen der weißrindrigen Fichten
verlebte der Kaiser den letzten Tag vor der Heimkehr; bevor es dunkelte,
ging er zum östlichen Seeufer herunter; über die siebzehnbogige
Marmorbrücke wandelte er auf die kleine Insel, welche einen Tempel trug,
den nur er betreten durfte; stumm stand eine Bronzekuh am Eingang. Im
Tempel sprach der Kaiser mit seinen Ahnen.
Die Wasseruhr zeigte die Doppelstunde des Drachens, als der Kaiserzug
morgens das Dorf Hai-tien passierte. Auf dem Steinwege kam man an das
nördliche Tor der Mandschustadt Pe-kings, Te-schang-man. Die
Schlangendoppelstunde brach an, als der Himmelssohn die purpurnen Mauern
erblickte.
Kia-king war ein Sohn Khien-lungs, der Sohn der legitimen Gemahlin des
Kaisers; Kia-king war der einzige, der Khien-lung auf den Spaziergängen
durch die Gärten der Roten Stadt begleiten durfte. Der Kaiser übersprudelte
von Lebendigkeit, unter den ungeheuren Zypressen blieb er stehen, redete
auf seinen schwerfälligen Sohn ein, der ihn um einen Kopf überragte. Der
Prinz, noch nicht vierzig Jahr alt, hatte ein schwammiges faltiges Gesicht,
ein Lächeln fand auf dieser breiten aufgeschwommenen Fleischmasse keinen
Platz. Wenn der hochgewachsene Mann, der den kugelrunden Kopf stark in den
Nacken drückte, sich freute, entstand ein Flimmern und Flirren um den
kleinen prallen Mund; die Linien, die aufschlängelten, wurden von den
unbeweglichen Wangen zurückgeworfen, und so zappelte das Lächeln wie auf
einer Insel um seine Lippen. Die wulstigen Augenlider hingen. Das linke
Auge konnte er nur wenig öffnen. Krankhaft hell war seine Hautfarbe. Seine
Hoheit war unsäglich, keiner kam ihm wirklich nahe; vor der körperlichen
Nähe der meisten Menschen seines Umgangs hatte er geradezu Angst. Der Prinz
hörte unentschlossen und gleichgültig seinem Vater zu. Er hing an seinem
Vater wie an einer gesegneten Sache, die man nicht beschnüffelt, mit
Dankbarkeit empfängt. Sie sprachen von den mohammedanischen Unruhen.
Kia-king lenkte ab auf seine und des Kaisers Neigung, die Menagerien. Ein
grünschillernder Pfau stolzierte über die Marmorbalustrade einer weißen
Brücke. Ein ganz leichter Wind verzog das Bild der Brücke, das sich in dem
dunklen Wasser spiegelte. Er hob den Saum des gelben kaiserlichen Mantels
wenig an und schlenkerte Kia-kings goldene Gürtelquaste.
Schon in der Nacht trat Regenschauer und Kühle in die Purpurstadt. Zwei
Tage gönnte sich der Gelbe Herr Ruhe. Er saß morraspielend in der
Säulenhalle des kaiserlichen Wohnhauses. Dicht hinter ihn rückte man seinen
Schreibtisch aus massivem Gold, niedrig. Die Platte ruhte auf dem Rücken
eines Elefanten, dessen plumpe Beine die Säulen des Tisches bildeten; von
dem langen Gesicht des Literatengottes, der vor einer zierlichen Pagode
inmitten des Tisches stand, und von den Gewandfalten pflegte Khien-lung
seine Gedichte abzulesen. A-kui, sein Spaßmacher, der biedere Draufgänger,
kauerte dem Kaiser gegenüber an der Ebenholzplatte. Ein untersetzter
kurzbeiniger Mann mit vierkantigem Gesicht und steifem Nacken. A-kui war
immer gleichmäßig; man konnte ihn in eine Ecke stellen und wieder
hervorholen: er bewegte sich, als wäre nichts geschehen. Seine
Rauhbeinmanieren, heiseres Lachen, grobe Wendungen, galten als
sanktioniert, wurden gepflegt am Roten Hofe. Er selbst schien sich dessen
nicht bewußt, zeigte sich unglücklich über jede Verletzung der Etikette,
machte sich durch gelegentliche Versuche zur Vorsicht noch komischer. Er
spielte glänzend Morra, der Bauer, besser als Khien-lung. Bei einigen
verlautete, A-kui sei nicht nur geizig und habgierig, sondern direkt
unzuverlässig; er sei ein Intrigenflechter, ein Klatschträger, der seine
Tolpatschigkeit kräftig ausnütze. Freilich bildete sich solch Gerede leicht
um hervorragende Hofmänner; die großen Verdienste A-kuis in dem schweren
Feldzug gegen die Miao-tses ließen anderen keine Ruhe. Wenn der graue
kapriziöse Herrscher mit A-kui vor den Spielbrettern saß, lachten die
eleganten und hochgebildeten Herrschaften, die sich auf der
Fischfangterrasse damit vergnügten, Drachen steigen zu lassen; sie glaubten
zu wissen, daß der Kaiser seinen dummen Spaßvogel schnattern ließe;
ernsthaft gehöre er ihnen. Aber der Kaiser gehörte ihnen auf der
Fischfangterrasse und A-kui und andern; er brauchte vieles zu seinem Leben
und ging an allen vorüber.
Am Morgen des zweiten Tages ritt Chao-hoei durch das Mittagstor und machte
den neunfachen Fußfall vor Khien-lung im Palast der Höchsten Eintracht. Der
Gelbe Herr bestieg sein Pferd; es ging zum westlichen Blumentor hinaus und
in mäßigem Trab um die drei Seen herum, Chao-hoei neben dem Kaiser, auf den
vogelzwitschernden Kohlenberg. Der hagere elastische Mandarin war nicht nur
berühmt durch seine unvergleichlichen Verdienste im Feldzug gegen die
Dsungaren an der Nordwestgrenze des Reiches; niemand vergaß, was der
elegante Mann geleistet hatte am grünen Ili; das knochig ausgearbeitete
Gesicht Chaos hatten die Schneestürme gebeizt; seine kleinen wenig
gefälteten Ohren hatten mehr Todesschreie einlassen müssen, als irgendein
Mensch seiner Zeit. Chao-hoei, der den Titel: »Bewacher eines Tores von
Pe-king« erhielt, dem der Kaiser nach der Niederwerfung der Dsungaren mit
einer Teetasse an der Tür des Sommerpalastes entgegenkam, war auch berühmt
durch seine rechtliche Frau. Ihre Gedichte, ihre stürmische und doch
gehaltene Prosa las Khien-lung oft. Hai-tang hieß sie; sie war die Tochter
des ehemaligen Statthalters von An-hui. Als sie heirateten, erlangten sie
durch kaiserliche Dotation große fruchtbare Ländereien im Hia-ho, dem
südlichen Gebiet am Jang-tse-fluß; noch jetzt sangen die Literaten dort am
Muschelkanal unter dem warmen Himmel von Hai-tangs Klugheit und
Lieblichkeit, von ihrer hohen Bildung, auch von ihrer Unbezähmbarkeit. Ihm
waren die berüchtigten Ilitruppen, die Mordbrenner vom Ili unterstellt; man
hatte nicht gewagt diese Bestien zu entlassen; sie standen in Tschi-li als
Reservegarde.
Man ergötzte sich zwei Tage an dem Spiel der Kampfvögel, der Wami und
Chuschitscha, ruderte über die künstlichen Lotosteiche. Kia-king, der
Thronfolger allein spazierte die Ufer entlang; er bestieg kein Boot; er
konnte die Ruderer nicht in seiner Nähe ertragen; er machte, eingeladen,
stets seine typische Bewegung: das abwehrende Aufstellen beider Hände vor
der Brust; schon die Einladung beängstigte ihn und man mußte ihn zu Hause
beruhigen, mit seidenen Tüchern Gesicht und Hals abreiben.
Dann deckten den Gelben Herrn die schweren heiligen Laken der
Vergangenheit. Er tauchte in die grauenhafte Höhe, das abgöttische Licht
seines Ranges ein; er fand sich an seinem bereiteten Platz. Mit keiner
Fingerbewegung rührte er an die strengen Riten. Ohne den geheiligten Ritus
zersprang die Welt: die Erde lag für sich da, die Menschen rannten
gegeneinander an, Luftgeister rasten, der Himmel rollte sich ein; alles
fiel sich an. Der Zusammenhang mit dem Himmel und der Unterwelt mußte
festgehalten werden. Das Altertum und seine glanzvolle Blüte, Kung-tse,
erkannte, daß durch jede Bewegung des scheinbaren Alltags das Blut des
Himmels fließen müsse; nichts war bedeutungslos. Darum entzog sich
Khien-lung rädernden Zeremonien nicht. Er war sich nicht zu gut dafür; er
pries sich glücklich, Träger dieser von Menschen unabhängigen furchtbaren
Dinge sein zu dürfen.
Wenn er am Tage vor dem Himmelsopfer fastete und aus seinem reglosen
Gesicht die scharfen Augen blitzten, so wußten seine Diener so gut wie die
Priester, die Vertrauten des Gefolges, daß dieser Mann nichts Äußerliches
tat. Das Mechanische ihrer Handlungen war durch einen einzigen Blick seiner
Augen aufgedeckt. Khien-lung betete wahrhaft, zum Erschauern echt, als Sohn
des Himmels.
Eines finsteren Herbstmorgens trug man den Gelben Herrn in den Ahnentempel.
Wie er die letzte Stufe stieg, prasselte ein Stein keine Handbreit vom
Kaiser entfernt auf die Plattform und zerspritzte. Über das böse Vorzeichen
verwirrt, ging der Kaiser hinein an die Tafeln, verrichtete die Gebete. Man
sah ihn im Wohnpalast in großer Zerstreutheit auf und ab gehen. Die Ahnen
lasteten auf Khien-lung; sie peitschten ihn. Der hitzige rastlose Mann
vermochte, je älter er wurde, seinen Vorfahren nicht gerecht zu werden. Ihn
schüttelte, daß er in die furchtbare Verantwortung des Nachfolgers geboren
war.
Dies war der Tag, an dem ihm der Bericht von der Mongolenstadt und dem
Untergang Ma-nohs vorgelegt werden mußte. Ein Unterdrücken oder Verzögern
war nach dem erfolgten Einlauf der vizeköniglichen Akte unmöglich. Der
ersuchte Astronom berichtete nach einer Doppelstunde, daß der gefallene
Stein ein Meteorbröckel war; unbewegt nahm der graue Herrscher die Meldung
an. Da man das kaiserliche Signum dieses Tages auf die Akte erhalten mußte,
wandte sich der stellvertretende Vorsitzende des Hohen Rats an Kia-king.
Der, angewidert von der Feigheit des Menschen, übernahm den Vortrag. Der
Bericht des Tsong-tous war nackt; er begann mit dem Hinweis auf die
eingeleitete militärische Aktion gegen die Reste der Sekte, beschrieb die
eingeleitete Zernierung von Yang-chou, den letzten Stand der Truppen unter
den namentlich aufgeführten Generälen, dann den Befund beim Anmarsch des
Heeres, wobei man die gesamte eingeschlossene Bevölkerung tot vorfand;
Wang-lun wurde als Mörder bezeichnet, das Gerücht von einem Untergang durch
Dämonen nicht unterschlagen.
Kia-king, dem das Schaudern über den Rücken lief, wog die Rolle in der
Hand. Wäre er Kaiser, so wären innerhalb eines weiteren Tages der Vizekönig
von Tschi-li und sämtliche beteiligten Generäle hingerichtet worden, mit
Einschluß des Trägers der Botschaft und der Kuriere. Er bestellte für den
Nachmittag drei Subdirektoren der Enzyklopädie zum Vortrag bei dem Gelben
Herrn, darunter den geistvollen Khui, der den Kaiser stets zu fesseln
verstand. Auf der Fischfangterrasse trug erst der stellvertretende
Vorsitzende des Hohen Rats Neuigkeiten vor von den Rüstungen gegen Birma;
Khien-lung fragte lebhaft; Khui wurde vorgeschickt. Dann Kia-king. Der
Kaiser war noch halb versunken im Nachdenken über die Zitate Khuis, als er
sein rotes Signum auf die Rolle zeichnete. Die Knaben sangen aus dem
dreidächrigen Pavillon der Instrumente im Wechselgesang mit zwei Chören im
Boot. Der Kaiser plötzlich wieder zerstreut schob eine Vase aus dem
Porzellan der »blauen Familie« zurück; er wollte Khui noch etwas fragen.
Dann: nicht Khui; er verstünde schon die Anspielung. Vielmehr was da
berichtet sei von den --. Kia-king in Unruhe meldete Details von den
Birmanen. Der Kaiser verblüfft fragte, woher er die Details wüßte.
Kia-king: es sei doch eben vorgetragen worden. Und was ihn denn die
Birmanen interessierten neuerdings, daß er so die Details behielte;
übrigens dies sei es nicht; vielmehr hätte doch Khiu --. Nach längerem Hin-
und Herfragen und -blicken blieb der Kaiser an Kia-king haften: was er sich
nur für Politik interessiere und was Kia-king selbst vorhin vorgetragen
habe, diese Lokalangelegenheit aus Tschi-li. Er wolle ihm einmal
demonstrieren, mit was für Dingen man einen Kaiser belaste, was für
Lappalien vor ihn kämen. Also die Akte. Der Thronfolger kniete neben dem
Kaiser, der ihm mit einem kleinen roten Stäbchen Zeile nach Zeile des
Berichts vorlas. Schon nach dem ersten Drittel legte er das Stäbchen hin,
las stumm, dann hieß er Kia-king etwas von ihm entfernt hinzuknien. Und
eine Viertelstunde lang schwiegen die zehn Menschen um den lesenden Gelben
Herrn; den Gesang schien der Kaiser nicht zu hören, denn er verbot ihn
nicht. Ohne einen Blick auf einen einzigen des Gefolges zu werfen, erhob
sich der Kaiser rasch, die Rolle in der Hand, bestieg seine Sänfte.
Was an diesem Tage abends sich weiter in der Purpurstadt begeben hat, ist
in Details nicht bekannt. Der Kaiser verblieb den Abend mit A-kui allein
auf dem Zimmer, nachdem ein Teil der Vertrauten das Zimmer aus
irgendwelchen Gründen, anscheinend wegen eines plötzlich ausbrechenden
Erregungszustandes des Kaisers hatten verlassen müssen. Weinend und
fassungslos soll Khien-lung drin ein wunderbares seltenes Gefäß zerschlagen
haben, das auf einer Porphyrsäule stand: ein altes tellerförmiges
Bronzegefäß, ein Lotosblatt, das von dem Rücken einer Blindschleiche
abglitt. Spät abends wurden zwei Astrologen in den dunklen Wohnpalast erst
gerufen, dann weggeschickt. Erst als die Obersten der Leibgarde unruhig
sich vor den kaiserlichen Fenstern bewegten, weil es drin zu lange still
blieb, schlug das Gong Khien-lungs an. Der saß in einer gezwungenen Haltung
vor den Trümmern der Schale; A-kui überbrachte mit drohendem Ernst den
Befehl, für morgen den besonderen Staatsrat zusammenzurufen, sogleich für
eine Reise nach dem Sommerpalast zu rüsten. Die Majestät verlange in ihre
Schlafräume. Die Fackelträger erschienen.
* * * * *
Am folgenden Nachmittag fand eine Beratung statt, in der der Zensorenhof
zur Untersuchung der Angelegenheit Ma-noh aufgefordert wurde. Den Morgen
darauf verließ der Gelbe Herr mit kleinem Gefolge fluchtartig die
Purpurstadt. Auf Booten fuhren sie über die künstlichen Seen bei den
kaiserlichen Palästen, durch die nördliche Stadtmauer den Abfluß des
Kun-ming-husees hinauf. Keine Flöten spielten auf den gelbbewimpelten
Booten: der frische Herbst griff in die Pinien der prächtigen Ufergärten,
läutete die feinen Glöckchen, die zu Tausenden an den geschwungenen Dächern
der eleganten Lusthäuser, der versteckten Pavillons hingen; aus den Booten
traf sie kein Blick. Die Ruder knarrten in den Gabeln, gleichmäßig schlugen
sie ein, man glitt unter die eisig weißen Marmorbrücken, von Kao-liang-kao
bis herauf zur prunkvollen Buckelbrücke, lief in den Kun-ming-hu ein. In
der herrlichen Umgebung schien sich der Kaiser zu beruhigen. Die Zensoren
kamen herüber aus Pe-king.
Viel mehr als die Unterhaltungen darüber, ob in der Geschichte des Reiches
irgendwann Dämonen derart massenweise Menschen umgebracht hätten, förderte
der Bericht der kommandierenden Generäle die Einsicht: daß sich ein
berüchtigter Räuber, namens Wang-lun, der mehrere Morde begangen hatte, wie
man nachträglich erfuhr, angeboten hatte, die Sekte innerhalb dreier Tage
zum Verschwinden zu bringen auf irgendeine Weise; dies zusammen mit
eigentümlichen Vorfällen in der bewohnten unteren Stadt Yangs vor dem
Untergang lege die Vermutung nahe, daß Wang-lun sich der Brunnenvergiftung
mit noch unbekannten Helfershelfern schuldig gemacht hatte. Die Spuren des
in Schan-tung und Tschi-li berüchtigten Mannes, der bei dem gemeinen Volk
als Zauberer in ganz ungewöhnlichem Ansehen stehe, wurden zur Zeit
verfolgt.
Khien-lung schlotterte und fror vor Entsetzen. Er meinte zu Chao-hoei, es
sei unmöglich, sich in solch Ungeheuer hineindenken; das seien in der Tat
Handlungen, die man nicht messen könnte. Er verfügte mit einer gewissen
Lauheit, einer rätselhaften Nachdenklichkeit die möglichst rasche Festnahme
des Mörders, sofortiges Transportieren nach Pe-king; keine Vernehmung; die
einzige Vernehmung Wang-luns werde er selbst vornehmen. Niemand durfte den
Namen Kia-kings erwähnen.
Für die Minister war mit der Entscheidung die Sache zu Ende. Der Kaiser
aber wälzte sie in sich. Der eben genesene Mann war mehr als je geneigt,
auf Dinge von außen zu achten, zusammenzufahren beim Klirren unbekannter
Ereignisse. Wund, gereizt ließ er nicht los. Er schnüffelte nach
Zusammenhängen, Winken, Stimmen.
Blieb in Jüan-ming-yuen nicht lange; schon nach einem Monat brach der
kaiserliche Hofstaat nach dem südwestlich von Pe-king gelegenen Dorf
Ko-lo-tor auf, wo sich das Kloster Tsiu-tai-tse, eine riesige Anlage, in
der bergigen Fichtenwaldung dehnte. Dies war Khien-lungs
Lieblingsaufenthalt; der ungehinderte Blick auf die tausenddächrige Stadt
fand Sättigung; die feinen Pavillons auf dem Kohlenberg blitzten auf;
weißes Schimmern der Lou-kou-kiao-Brücke; dicht vor den Füßen die Wellen
des grünlichen Hun-ho.
Während der alte Herrscher auf der Terrasse sann und sann und Pe-king wie
ein Vertriebener mied, sprühte das freche Vergnügen in der Roten Stadt; der
dicke Kia-king benahm sich wie ein Aufsässiger. Jenen stellvertretenden
Vorsitzenden des Hohen Rates ließ er gelegentlich eines Etikettenverstoßes
ohne Ermächtigung des Kaisers durchpeitschen. Dem Gelben Herrn drohte er
Rache, weil er es wagte mit ihm umzuspringen. Mit einem Ruck, zu dem ihn
die Angst vor Beunruhigung drängte, machte er sich entschlossen von der
erschütternden Sache los. Er strich besänftigend an sich herum, gab sich
gute Worte. Am Hofe inszenierte er Späße, Roheiten. Aufzüge veranstaltete
er, die sich zu Travestien hoher und höchster Personen auswuchsen. Als
verlautete, daß der Gelbe Herr zurückkehre, entwich er mit seinen Gauklern
und Musikern nach dem Wan-wu-schan, wo auf dem Berge der Nephritquelle sein
Haus stand, unter dem Schutz einer hohen Pagode aus der Zeit des großen
Mandschukaisers Khang-hi.
* * * * *
An Khien-lung entwirkte sich ungehindert, während an den Grenzen des
Reiches ungewohnte Ruhe herrschte, mehr und mehr jenes grausige Ereignis.
Er begriff die Nachdenklichkeit der Hofastrologen, die vielfache
Zerstreutheit seiner Zensoren; sie erwogen, was mancherlei, das sie nicht
sagten, vor allem dieser Untergang, dieses unerhört scheußliche Unglück
bedeute, welche Instanz verantwortlich gemacht werden müßte. Der Kaiser
wollte dem Lanzenstoß nicht ausweichen; er war der Lenker des Reiches; der
Himmel redete, was er redete, nur zu ihm.
Drei Zensoren trieb er, auffahrend aus unzugänglicher Stummheit, noch
einmal im Winter zur Untersuchung des Falls nach der Mongolenstadt
Yang-chou. Sie kamen kopfschüttelnd zurück: es handle sich um eine der
vielen verbotenen Sekten, die den Geist der kleinen Leute verwirren und die
Provinzen verarmen.
Khien-lung höhnte über diese ablenkende Erklärung; Vorgänge von solcher
Ungeheuerlichkeit konnte man nicht rationalistisch erklären.
Im zehnten Monat des Jahres liefen die kaiserlichen Kuriere eines Tages
nach Pe-king hinein, in dieses ummauerte Areal, das neben Wiesen,
Brachland, auch eine Stadt trug, die sich auf Stunden zu einem
überschlagenden Geschrei aufquälte. A-kui wurde zu Khien-lung geladen, der
treue Chao-hoei, Song, der Geschichtskenner, und einige andere.
In der Halle des Geistigen Wachstums, dem Yang-hsin-tien, empfing sie der
Kaiser, in einem hohen schmalen Raum, der nur zu geheimen Vorberatungen
diente. Eine absolute Stille herrschte, nachdem der Kaiser erschienen war
und die Gäste sich niedergeworfen hatten; dann nahmen sie auf ein Wort des
Herrschers Platz. Mit einem riesigen gelben Seidenstoff war die Decke der
kleinen Halle bespannt; ein mächtiger Drache, in Gold, blau und rot
gestickt, rauschte über die gleichmäßig gerafften Seidenfalten, die in der
Mitte der Decke sich zusammenschlossen. Die Fenster waren verhängt trotz
des Tageslichts; schwere Bronzeampeln, an Ketten hängend, durchbrachen die
seidene Decke, warfen ihr rötliches Öllicht über die teppichbekleideten
Stufen, den Herrn in der gelben Jacke und die prunkenden stillen Gäste.
Lautlos bewegten sich oben und unten die jungen Eunuchen, trugen auf den
goldenen Servicen Tee auf. Khien-lung hielt, das Täßchen über seine Gäste
schwingend, sein Porzellanschälchen noch lange in der Hand und las den
Vers, der auf dem Täßchen stand, den er selbst gedichtet hatte: »Über ein
gelindes Feuer setze einen Dreifuß, dessen Farbe und Korn seinen langen
Gebrauch zeigen, fülle ihn mit reinem Schneewasser, koche es so lange, als
es erforderlich wäre, Fische weiß und Krebse rot zu machen. Gieß es auf die
zarten Blüten von erlesenem Tee in eine Tasse von Ju-eh. Laß es so lange
stehen, bis der Dampf in einer Wolke emporsteigt und auf der Oberfläche nur
einen dünnen schwimmenden Nebel zurückläßt. Trink diese köstliche
Flüssigkeit, wie es dir bequem ist; so wirst du die fünf Ursachen des
Mißmuts vertreiben. Ich kann diesen Zustand der Ruhe nur schmecken und
empfinden, nicht beschreiben.«
Die harte leise Stimme des Gelben Herrn tönte. Die Umtriebe im Lande,
besonders die nördlichen Provinzen erfordern verschärfte Aufmerksamkeit.
Die sogenannte Wu-weisekte sei gebildet von einem Manne namens Wang-lun;
Zwistigkeit unter den Anhängern habe zur Ablösung einer Gruppe geführt, die
sich den schimpflichen Namen Gebrochene Melone gab und offene Rebellion
trieb. Die Wu-weisekte sei selbst scheinbar vom Boden verschwunden, ebenso
Wang-lun; man müsse den Leuten nachspüren, die sich in die großen Städte
und Landbevölkerung eingegraben hätten.
Song erklärte, es sei Chen-yuen-li, der Tsong-tou von Tschi-li, ebenso
Sü-tsi, Gouverneur von Schan-tung, orientiert worden. Der geheime
Beobachtungsdienst in den Städten wäre vermehrt; die Kontrolle über
plötzliche Todesfälle, unerklärliche Angriffe, erführe mehrfache
Verbesserungen; die Aufsicht über Zuzug und Abwanderung sei auf Dörfern wie
Städten der beiden bedrohten Provinzen in strengster Weise geregelt, die
Oberaufsicht und Listenführung absolut zuverlässigen Beamten anvertraut.
Der Kaiser sprach: »Ich habe verboten, daß die Elitetruppen der Exzellenz
Chao-hoei vor meinem besonderen Befehl aufgelöst werden. Ich behalte mir
vor, diese Truppen gegen die Aufrührer zu verwenden; schon jetzt ordne ich
an, Exzellenz Chao, daß Sie mit Ihren kriegsmäßig ausgerüsteten
Mannschaften sich nördlich von Pe-king konzentrieren. Die lokalen Behörden
mögen bekannt machen durch Maueranschläge und Ausrufer, daß von
Zivilmaßnahmen abgesehen werden wird; die siegreichen Elitetruppen der
Exzellenz Chao werden ermächtigt, unter Mitwirkung des Tsong-tous
unmittelbar gegen verräterische Ortschaften vorzugehen.«
Liu-ngoh, ehemaliger Vizekönig von Tschi-li war anwesend; gebeugte große
Gestalt mit langem Kinnbart; erschreckt wie die andern warnte er vor
scharfen Drohungen, die eine unerwartete Wirkung üben könnten; der
antidynastische Charakter der Wu-weisekte stünde nicht fest, nicht einmal
das Vorhandensein dieser Sekte sei erwiesen; man könne mit den Drohungen
etwaige Überreste der Sekte stärken, unruhige Elemente zusammenführen.
Chao-hoei, die Spannung in dem kaiserlichen Gesicht erkennend, replizierte;
er wies auf das Faktum hin, daß vor einem Monat vierzig Männer und Frauen
im Distrikt Ta-ming ergriffen seien, zugestandene Anhänger Wang-luns, die
unter den Provinzialtruppen agitierten gegen den Krieg und die kriegerische
volksfeindliche Reine Dynastie.
Khien-lung fixierte eisig den alten Vizekönig. »Was will man gegen die
Reine Dynastie? Meine Ahnen sind nicht freiwillig in das Land der blumigen
Mitte heruntergestiegen. Wenn wir Tai-tsings nicht gekommen wären, wo wäre
dies Land heute?«
Nach einer Pause hitzigen Vorsichhinstarrens fuhr Khien-lung fort: »Die
Herren, die zu begrüßen ich die Ehre hatte, sind keine Astrologen. Meine
Astrologen sind gewissenhafte Gelehrte; sie brauchen viel Zeit, um ein
Resultat herauszurechnen. Jetzt sind sie mit einer Vermutung sehr rasch
gewesen; sie haben eine Vermutung ausgesprochen, bevor ich eine Frage
gestellt habe. Auch die drei Zensoren, die diesen Winter gereist sind, um
das Unheil in der Mongolenstadt Yang-chous aufzuklären, haben mir eine
versüßte Vermutung zurückgebracht. Wenn irgendwo ein Haus, ein Theater, ein
Regierungsgebäude brennt, so gilt dafür verantwortlich, neben dem
Stadtgott, der Tao-tai bis zum Feuerlöschmann und Polizisten. Die alten
Bücher sagen, daß dies Verfahren nicht auf einen außergewöhnlichen Vorgang
anzuwenden sei: das weitere können sich meine Herren Berater denken. Nach
Vermutung, zehnfach verheimlichter, eingewickelter, kandierter Vermutung
der Astrologen und Zensoren soll ich mich an die Stirn fassen und in den
Himmelstempel gehen, mich rechtfertigen, Sühneopfer bringen, fragen.«
»Ketzereigesetze«, begann A-kui mit ungeölter Stimme, »sind notwendig. Sie
sind nicht erst von Eurer Majestät erfunden und angewandt. Das Handeln der
Wu-weileute und der unflätigen Sekte fällt unter die Bestimmungen dieser
Gesetze.«
»Folglich«, schloß Chao-hoei, »liegt hier ein ordnungsmäßiges Ereignis vor
mit sachlichem Abschluß.«
»Die achtzehn Provinzen, Tibet, Ili, die Inseln fasse ich nicht mehr. Ein
kleines Ereignis wahrscheinlich, die Tat dieses Wang-lun kommt mir zu
Ohren: was höre ich alles nicht? Und nichtsdestoweniger hat man mich
hingesetzt auf den Drachenthron, damit ich sehe, aufnehme, lenke, dem
Himmel verantworte. Woher soll ich die Kraft nehmen! Und wie kann ein
einzelner gebrechlicher Körper die Foltern tragen, die ihm auferlegt werden
müssen für so viel Fahrlässigkeit, Nachlässigkeit. Daß man mir nicht
beisteht, entschuldigt mich nicht. Sie klagen mich nicht an. Sie leisten
mir nicht viel. Wang-lun läuft noch im Lande herum. Die Sache hat eine
Stimme, die ich deutlich, deutlich schreien und warnen höre, und Sie
bleiben meine Lobredner.«
Chao-hoei wollte bitten, etwas sagen zu dürfen; er trat vor Song, der schon
den Teppich mit der gelehrten Stirn drückte, zurück: »Die Dinge, die Eure
Majestät berühren, sind in der Tat zu fein, um nur von politisch und
militärisch geschulten Männern beraten zu werden. Ich möchte den Vorschlag
unterbreiten, eine Kommission zu ernennen aus den fünf ältesten Astrologen
und drei politisch orientierten Dienern Eurer Majestät. Mag diese
Kommission befähigt sein, den Fall allseitig und gründlich klar zu stellen
und Bericht an Eure Majestät und den Zensorenhof zu erstatten.«
Chao-hoei, der weichlicher war als er erschien, bat mit zitternder Stimme:
»Wie immer Eure Majestät sich entschließt, wollen Sie nicht Abstand nehmen
von Ihrem ersten Befehl: die nördliche Residenz militärisch zu schützen.«
Khien-lung suchte langsam mit den Augen einen nach dem andern ab. Dann
nickte er, streckte den fein geformten Kopf vor, als wenn er etwas mit
Nachdruck sagen wollte; er redete leiser als sonst: »Veranlassen Sie die
Einsetzung der gemischten Kommission. Der Direktor der westlichen Wege der
Provinz hat mir berichtet, daß der Winter dieses Jahr kurz und sanft zu
verlaufen scheint; die Wege von Tibet werden schon in den Talpartien frei.
Ich hoffe noch auf einen andern, außerordentlichen Ratgeber. Ich dürste
nach dem Ozean der Weisheit, dem Taschi-Lama Lobsang Paldan Jische. Dies
wollte ich Ihnen sagen. Denken Sie nach, Durchlaucht Song, Exzellenzen
A-kui, Chao-hoei, mit meinen Astrologen; ich habe Sie zwar ausgezeichnet,
aber Sie sind mir noch mehr, viel mehr schuldig.«
* * * * *
Und dies war in der Tat schon vor der Beratung in dem Palast des Geistigen
Wachstums geschehen: Khien-lung hatte einen Brief an jenen Mann
geschrieben, an jenen Weisheitsozean. In einer unsicheren Scham verschwieg
es der Kaiser. Dreimal hatte der Gelbe Herr ihn in früheren Jahren zu sich
gebeten; der Taschi-Lama, Lobsang Paldan Jische, tibetanischer Papst der
lamaischen Kirche, Stellvertreter des unmündigen Dalai-Lama lehnte ab; er
fühle sich in seinem hohen Alter der Reise nicht gewachsen; im Grunde wußte
der weise Mann, daß er als Vasall und Tributträger vor den östlichen
Herrscher treten solle. Jetzt ergriff den Kaiser auf eine leidenschaftliche
Weise der Wunsch nach dem ungeheuren Menschen im Westen. Der Brief, in
einer großen Hoheit geschrieben, bemüht keine Hilflosigkeit durchscheinen
zu lassen, wies erst politisch auf die Freundschaft, die der Taschi-Lama
dem Georg Bowle bei dessen Besuch in Taschi-Lunpo erwiesen hatte, dem
Gesandten der Engländer aus Indien, dem fremden Mann. Khien-lung billige
diese Freundschaft, denn er erkenne daran, wie weit sich der Einfluß
lamaischen Wissens erstrecke und daß auch barbarische Völker durch den
Papst Anschluß an das beschützende Reich der blumigen Mitte suchten. Er
sehne sich danach, persönlich den Mann zu sprechen, der stündlich zeige,
daß er den Buddha Amithaba verkörpere. »Ich bin jetzt so alt, und die
einzige Wohltat, die ich genießen kann, ehe ich das Leben verlasse, wird
die sein, Sie zu sehen und mit dem göttlichen Taschi-Lama gemeinsam zu
beten.«
Der Taschi-Lama Lobsang Paldan Jische war wenig jünger als der Kaiser. Er
zögerte lange mit der Antwort auf die Einladung Khien-lungs. Der Mann,
dessen Augen so dunkel blitzten wie der türkisblaue See Tsomawang, in dem
sich der ungeheure Kailasberg spiegelt und der Gott Schiwa wohnt, wartete
zwei volle Tage beklommen, bevor er aus den Händen des chinesischen
Residenten den eigenhändigen Brief des östlichen Weltbeherrschers
entgegennahm. Er fastete diese beiden Tage, verließ seine Zelle nicht, im
Labrang, seinem Kloster gegenüber der weißdächrigen Stadt Schigatse im
Flußtal des Ngang-tschu.
Die Ringmauern der Klosterstadt waren am Morgen des dritten Tages mit einem
Reif bedeckt; der goldene Überzug der prunkvollen Grabkapellen früherer
Lamas war erblindet; der weiße Wollschal, den der Großlama am Fenster
sitzend um den Hals geschlungen hatte, spielte mit seinen Fransen über den
schwarzen massiven Fensterrahmen, tastete, im scharfen Wind zuckend, über
die verwitterten Steine der Fassade.
Erst da verwandelte sich die Botschaft des Kaisers vor dem versunkenen
Manne, wich von ihm ab.
Paldan Jische war ein fleischerner Mensch gewesen; etwas Sterbliches,
Kleinliches hatte aus einem Winkel durch die Gewölbe seines Geistes
geblasen. Während der zwei Tage des Zögerns bedeutete ihm der östliche
Kaiser Khien-lung etwas.
Jische hatte für sein Fleisch gefürchtet.
Die Augen des unvergleichlichen Mannes blickten wieder warm, mitleidsvoll;
in einer leisen Scham trat er vom Fenster zurück.
Der Gesandte Khien-lungs möchte kommen; es würde ihm eine tiefe Freude
sein, den Brief des östlichen Herrschers zu lesen. Viel später darauf
erfolgte die Zusage, nachdem fast einen Monat hindurch seine Umgebung in
ihn gedrungen hatte abzulehnen. Sie konnten die Ruhe des Heiligen nicht
mehr stören; er sah in den Gesichtern seiner Schüler, Äbte, Doktoren,
Gelehrten dieselbe Angst wühlen, die seinen Leib zwei Tage geknetet hatte.
Lobsang Paldan Jische stammte aus der südlichen Provinz Tibets; sein Vater
war der tüchtigste Zivilverwalter des Schneelandes gewesen, die
unentbehrliche Stütze des gelehrten und träumerischen Chu-tuk-tu, dem die
Provinz übergeben war. Als der Taschi-Lama starb, sein Vorgänger, war
Paldan Jische drei Jahre alt.
Drei schöne kluge Knaben standen vor dem alten Dalai-Lama unter der
goldstrahlenden Kuppel seines Labrang in Lhassa. Zusammen mit den höchsten
Äbten betete er inbrunstvoll vor dem hundertarmigen Buddha, dessen
Verkörperung er selbst war. Als er sich lächelnd nach den Kindern umsah,
traf sein Blick zuerst die dunkelbraunen Augen des kleinen Jische, der in
einem rätselhaften Ernst seinen Blick ertrug. So wurde in dem Kinde die
wandernde Seele des Taschi-Lama erkannt.
Er wurde seinem Vater entrissen, einsam gehalten die folgenden Jahre;
kannte keine Spiele, keine Spaziergänge durch die belebten Straßen, sah
keinen Knaben, kein Mädchen. Die Welt trat vor ihn nur in den Pilgerzügen,
die in den Höfen Lhassas eintrafen, um einen kleinen Moment den Dalai-Lama
zu sehen, der rasch und freundlich nickend in seine Kapelle oder zu einer
Doktorpromotion ging. Immer geschah dasselbe: Gebete, Niederwürfe,
verzückte Grüße.
In diese Gleichmäßigkeit wuchs Jische hinein, ohne Erregung und Ablenkung.
Er mußte den Kopf neigen wie der Dalai-Lama. Alte Männer, Bettler, hohe
Priester krümmten den Rücken vor ihm; mit seiner Person wurde ein
grausiger, unirdischer Ernst verknüpft; Jische kannte und sah nichts
anderes.
Er erschrak nicht vor sich. Er lernte die ungeheuren Zusammenhänge der
Welten und ihre starre Verflochtenheit kennen. Die Weltalter dreier Buddhas
waren ehemals, das Weltalter des Cakya-muni bestand; der Maitreya sollte
kommen. Ein weltbefreiender Geist, der Buddha Amithaba wuchs in ihm; er
durfte nur sorgsam auf die Regungen des Wandernden lauschen, sich jeder
eigenen Bewegung entschlagen.
Jische reifte. Seine Weisheit war umfassend. Er lebte schon wie der
Dalai-Lama in dem tiefen Glücksgefühl, der reinen Erkenntnis und dem
schweren Mitleid. Den Platz, den er im Weltensystem einnahm, kannte er. Da
wurde er nach Taschi-Lunpo geführt als Lehrer der großen Theorien.
Die Jahrzehnte verstrichen. Mit dem Alter wuchs in dem Ehrwürdigen der
Reinen Andacht das Gefühl der Größe seiner Aufgabe. Das Leiden, das er in
Nähe und Ferne sah, erschütterte ihn gewaltsam. Dies war in der Tat die
Welt, auf die noch die Welt eines Maitreya folgen mußte; die Buddhas dieser
Epoche und ihre Emanationen reichten nicht aus für die niederringende,
niederklafternde Last des Leidens und Verderbens.
Monate vor dem Aufbruch richtete sich der Strom der frommen Bettler, Pilger
und Pilgerinnen aus allen Provinzen und der Mongolei auf Taschi-Lunpo.
Viele, die die golddächrige Priesterstadt erreichten, begannen den Weg, den
der Heilige gehen sollte, in ihrer Weise abzuwandern: sie warfen sich lang
hin, zeichneten mit einem Stein die Stelle ihrer Stirn, traten auf den
Strich, warfen sich hin und maßen so die Strecke mit ihrem Leib.
Von Lhassa zogen Karawanen südwestlich nach Lunpo; sie schwenkten auf den
Reiseweg des Lamas ein; die Strecken, die sie gegangen waren, erkannte man.
Zahllose Gebetswimpel hingen an Schnüren von Baum zu Baum, von Stange zu
Stange: Steinhaufen mit den beseligenden sechs Silben om mani padme hum
wälzten sie auf. Auf den Pässen und Bergen legten sie Schulterblätter von
Schafen nieder. Sie rissen sich Zähne aus und stopften sie zum Opfer in die
Ritzen der Felsblöcke; schnitten sich die Haare ab, banden sie mit Schnüren
zusammen, ließen sie flattern neben bunten Lappen.
Dann erfüllte der Zug die engen Straßen, verlassend die Klosterhäuser mit
den karmesinfarbenen Brustwehren, dem Purpur der Erker, den steilen Wänden,
dem Drüber und Drunter der Felsentreppen, Dächer und Zellen. Das
goldprunkende Labrang blickte aus seinen schwarzumrandeten Fenstern hinter
der heiligen Karawane her, wie eine Witwe, der die Tränen erfrieren. Bunte
Wimpel huschten, Posaunen schrieen. Lobsang Paldan Jische, der Ozean an
Weisheit und Güte, hatte sich auf den Weg nach Pe-king gemacht.
Es war Winter geworden. Das ungeheure Aufgebot, das den lamaischen Papst
begleitete, rückte schwerfällig vor. Baumlose Steppen nahmen kein Ende. Auf
dem harten Boden standen Dornensträuche, kümmerliche Kiefern und Fichten.
Kalte Luft wehte. In kostbarer geschnitzter und bemalter Sänfte mit gelben
Seidenvorhängen trugen vier Mönche den Heiligen, der mit untergeschlagenen
Beinen reglos auf dem roten Polster hockte mit bloßem kahlgeschorenem Kopf.
Seine Ohren waren groß, lang ausgezogen; er trug ein schwarzes
blaubesticktes Seidenkleid mit weiten Pelzärmeln. Blätter aus dem
Kan-dschur vor ihm.
Im Gewimmel um ihn die Lehrlinge, die Geweihten, Doktoren, Magier,
Mediziner, die ausgewählt waren. Der Zug vergrößerte sich im Vorrücken;
Gelehrte der Mongolei und aus Indien schlossen sich an.
Die ganze finstere Heiligkeit der Tempel begleitete den Lama. Priester
schwangen auf den Wegen, die sonst Karawanen mit Ziegeltee und Seidenballen
zogen, die furchtbaren Handtrommeln: zwei Menschenschädel, mit den
Scheiteln aneinander geschlossen und fellüberspannt.
In der Sänfte des Papstes zu seiner Rechten eine herrliche Schädelschale in
Gold gefaßt mit gebuckeltem Golddeckel; sie ruhte auf einem dreieckigen
Untersatz aus schwarzem Marmor; an den drei Ecken stützten die gelbweiße
Schale kleine steinerne Menschenköpfe, in rot, blau und schwarz.
Von Zeit zu Zeit, wenn man zur Andacht haltmachte, bliesen die Trompeten
aus Menschenknochen; in einem Bronzeansatz mit weiten Nüstern endeten sie;
ihr Tönen erinnerte an das Wiehern jenes Pferdes, das die Geister in die
Freudenhimmel trägt.
Vor den wandernden Doktoren, die in spitzen, gelben Filzhüten gingen, auf
deren Rückseite flauschige Kämme in die Nacken liefen, zogen riesige Jaks
die ungeheuren und beispiellos kunstvollen Gebetsmühlen auf Karren.
Einheimische Tunguten in kleiner Zahl, dazu fünfzehnhundert kaiserliche
Soldaten deckten den Zug. Nordöstlich schob man sich vor, an dem blauen See
vorbei, dem Tsomawang, auf dessen Grund der Gott in einem Türkiszelt haust.
Ungeheuer ragte der Eisgipfel des heiligen Kailasberges herüber. Nach
vielen Tagereisen kam man auf die Schneefelder und Berge, die zum Kukunor
führen. Jetzt setzten die gefürchteten Nordstürme ein. Der heilige Zug,
sich in Täler senkend, über Bergrücken windend, begegnete auf allen Wegen
den Spuren des weißen Todes, Tierleichen, Menschengebeinen. Hier waren auf
jedem Paß bittende Fähnchen, Knochen hingelegt für die furchtbaren Götter.
Und die furchtbaren Götter gaben auch den gnadenvollen Wanderern von
Taschi-Lunpo das Geleite. Jamantaka, der grausigste der Göttergespenster,
schrie gefräßig im Sturm über die grenzenlose Einsamkeit der Wege und fiel
die Jaks, die Maulesel und Menschen an, er mit dem Stierkopf und der
Pyramide von neun Köpfen, sechzehn Beinen, vierunddreißig Armen. Aus den
schwingenden Armen sausten die eisernen Speere, er zerfleischte die
Menschenkörper, fraß ihre Herzen, soff ihr Blut, er, der das Entsetzen
verbreitete aus seiner Feste, die er durch sechzehn Tore verlassen konnte.
Den Geweihten und Heiligen vermochte er nichts anzutun; die Dragsed,
höllische Weiber kämpften gegen ihn, von den Magiern beschworen.
In den grausigen Bezirken rückte man langsam vor. Man betrat unter
Dankgebeten die Provinz Am-do, die dicht an der Grenze der kaiserlichen
Provinz Kan-su gelegen war. Dann traf man in der herrlichen talversenkten
Klosterstadt Kumbum ein. Das Haus des Erneuerers der Gelben Kirche, des
heiligen Tsonkapa, des Lehrers der Tugendsekte, träumte noch unter dem
schönen Sandelholzbaum. Nach Osten ein Wall von Eis und Schnee.
Der gelbe Gott verharrte hier den Winter hindurch. Die Welt hatte einen
neuen Mittelpunkt. Die Ströme der Wallfahrten und Karawanen endeten hier.
Ein mongolischer Häuptling, dessen Scheitel Paldan Jische berührte,
schenkte ihm dreihundert Pferde, siebzig Maulesel, hundert Kamele, tausend
Stück Brokat, einhundertfünfzigtausend Mark Silber. Für Ärmste und Arme
legte er täglich an tausendmal seine Hand auf safranbestrichenes Papier.
Das Land schlürfte glückselig an dem Gott, der sich verschwendete.
* * * * *
Dann war der Winter und erste Frühling vergangen. Eine Ehrenwache von
zehntausend Mann zog dem heiligen Tibetaner entgegen; es dauerte noch
sechzig Tage, bis die wundertragende Karawane unter dem Geleit kaiserlicher
Prinzen und des lamaischen Erzbischofs des Reiches, des Tschan-tscha
Chu-tuk-tu, die westlichen Provinzen, die große Mauer, Dolonor überwunden
hatte und sich dem marmorstrahlenden, gesangerfüllten Lustschloß Jehol
näherte. Der Großlama bedurfte seines Schirmträgers nicht nach dem Eintritt
in den kaiserlichen Garten; es waren an niedrigen bemalten Stangen
Seidengewebe, bauschige gestickte Kostbarkeiten aufgehängt über den Weg,
den der Hochwürdige ging zwischen den schwarzen himmelhohen Zypressen und
schlanken Thujen. Rote und weiße Lotosblüten lagen auf der schimmernd
braunen Erde, die seine Sohlen betreten sollten.
Aber an dem eisernen Gitter blieb der Taschi-Lama stehen. Er weigerte sich,
die Blumen zu zermalmen. Er blieb in der warmen Luft fast eine halbe Stunde
vor dem offenen Eingang stehen. Alles verzögerte sich; man räumte hastig
drin von den Gängen die Blüten weg; wehmütig verfolgte Paldan Jische die
Arbeit; auch die Äbte und Doktoren hinter ihm standen mit gesenkten Köpfen
da, peinlich betroffen von diesem barbarischen Empfang.
Und als dann der tibetische Papst auf seinem Wege seitlich neben einem
Zypressenstamm einen kleinen Haufen der zusammengefegten Lilienleichen sah,
konnte er sich nicht enthalten, in einer Art Grauen stehen zu bleiben, zu
dem Hügelchen hinüberzugehen und in Gegenwart des goldüberladenen
Hofstaats, der singenden, fähnchenwedelnden Chöre auf der bloßen Erde
hinzuknieen, Blüte um Blüte mit den segnenden Händen zu berühren.
Eine breite Allee führte gerade auf das Schloß. Als von der Schloßterrasse
der Zug sichtbar wurde, die Gongschläger und Posaunenbläser voraus, ging
ein einzelner Mann im gelben Seidenkleide rasch die drei Marmorstufen
herunter; das Gefolge wich auseinander bis vor dem Taschi-Lama; zwischen
zwei der riesigen Zypressen wurden Khien-lung und Lobsang Paldan Jische
einander ansichtig, der schlanke graubärtige Herr der Gelben Erde und der
große etwas fette Papst, dessen Gesicht einen Schatten von Trauer trug. Er
hatte die hohe Mitra auf dem Kopfe; sein goldfarbener Goldmantel war über
und über bestickt mit Buddhafiguren und anbetenden Heiligen. Vor der Brust
trug er zwei ausgestopfte Ärmel, mit künstlichen weißen Händen, die sich
falteten; Jische verkörperte einen vielarmigen Buddha.
Vierzig Schritte kam Khien-lung dem bronzefarbenen Mann mit den weichen
Lippen und den glänzenden stillen Augen entgegen; sie verneigten sich
gegeneinander; die Musik schwieg.
Leise, seufzend pries sich der Gelbe Herr, daß ihm der Himmel das Glück
dieser Minute verliehen habe vor dem Sterben, hieß den Heiligen willkommen,
wollte sich tief vor ihm bücken.
Aber der Hochwürdige hielt ihn bei den Ellenbogen, trat, um weiterzugehen,
neben den Kaiser. Der war verwirrt und stand noch lippenbewegend da. Sie
gingen dann beide, nur von den Fächerträgern begleitet, über die drei
Marmorstufen und die Terrasse in die Zimmer, die dem Geistlichen Herrscher
bestimmt waren, wo sich Khien-lung rasch verabschiedete.
Tage wurden ausgefüllt mit Besuch, Gegenbesuch, Festmählern,
Geschenkaustausch. In einem Seitenflügel des Palastes war eine Halle
hergerichtet worden, ganz gesondert für sich, nach drei Seiten freistehend,
nur durch die Türwand mit dem Hauptgebäude verbunden; in diesem luftigen
Raum, in dessen Mitte sich drei Sessel auf schwerem Teppich erhoben, fanden
die Unterredungen des Heiligen mit dem Gelben Herrn in Gegenwart des
Tschan-tscha Chu-tuk-tu statt, zweimal ohne seine Anwesenheit.
Ein Altar mit der riesengroßen Statue eines sitzenden Buddhas aus Gold
blickte zu den drei Plätzen hin, auf dessen erhöhtem mittleren der
Pantschen Rinpotsche, das hochwürdige große Lehrerjuwel vom Gnadenberg in
Tibet, sich bald nach rechts, bald nach links neigte und dem Kaiser und dem
Kardinal geheimste religiöse Worte ins Ohr flüsterte. Eines Tages riefen
mongolische Karawanen, die bis dicht vor Jehol gereist waren, den
Tschan-tscha ab, um Streitigkeiten bei ihnen in letzter Instanz zu
schlichten; dies war heimlich von Khien-lung veranlaßt worden. Die beiden
Tage, an denen der eine Sessel leer blieb, konnte sich Khien-lung ergehen.
Wie immer bei den Unterhaltungen war die Halle auf dreißig Schritt von der
kaiserlichen Leibwache umstellt; die drei anstoßenden Zimmer wurden
verschlossen, Posten vor die Türe des entferntesten Zimmers gestellt.
Khien-lung rückte seinen Sessel halb von dem mittleren ab, so daß er dem
Pantschen Rinpotsche schräg gegenüber saß und dem Altar an der Fensterwand
leicht den Rücken kehrte. Paldan Jische ließ nachdenklich seinen Kopf auf
die Brust sinken, zog den Rosenkranz durch die Finger der rechten bloßen
Hand, kleine unregelmäßige weiße Kugeln aus Menschenknochen mit Edelsteinen
besetzt.
Bevor er aus seiner Kontemplation auftauchte, fing Khien-lung, der die Arme
verschränkte, zu reden an: »Eure Heiligkeit haben mir Unwürdigen so viel
gegeben; meine Seele glättet sich. Ich bin zwar Kaiser, aber nur ein
Mensch. Ich bin der Sohn des Himmels, aber vor der Innigkeit Ihrer
Beziehung zu den großen Weltherrschern schauere ich. Manchmal schrieb ich
Gedichte; meine Akademie, der glänzende Pinselwald, lobte sie; ich vermag,
vergeben es Eure Heiligkeit, zu Ihnen kaum eine menschliche Stellung
gewinnen. Mögen in Ihrem Lande der Gräser und schwarzen Zelte die Leute
gewöhnt sein an Sie, an Ihre Milde, Ihre überwältigende Gesinnung; ich
vermöchte weder Sie persönlich, noch was Sie mir sagten, zu träumen, zu
dichten.«
»Die Majestät beschützt mein kleines, armseliges Schneeland. Wir nehmen ein
Winkelchen ein in dem Haus, das Eure Majestät beschützt. Cakya-muni hat
seine Laufbahn in dem südlichen Lande beendet; meinem eisigen
verschlossenen Lande ist die Pflege seiner ewigen Lehren überlassen
geblieben. Die Geister sind bei uns; die Wiedergeburten der kostbarsten
Buddhas erlebt das kahle Gebirge, das den Tod speit und die Kälte haucht
wie eine der verheißenen Eishöllen.«
»Die Erde bebt nicht unter dem Atem. Alle Münder schnappen nach dieser
Luft, die vom todspeienden Gebirge ausgeht.«
»Eure Majestät ist ein weiser frommer Krieger. Sie suchen die Länder, die
Ihnen zustehen, zu gewinnen. Tibet hat mit der Reinen Dynastie früh innige
und friedliche Fühlung gehabt.«
»Ich bin nicht fromm. Ich habe mich viel bemüht, zu denken, wie Eure
Heiligkeit sprach. Es wurde mir schwer; man kann nicht Kaiser und fromm
sein. Lassen Sie; ich versichere Sie, es ist so. Man hätte mich längst
ermordet, wenn ich auch nur eine halbe Stunde fromm in Ihrem Sinn gewesen
wäre. Ich bemühe mich. Und darum habe ich Sie gebeten, zu mir alten Manne
zu kommen.«
»Ich bin dem östlichen Herrn zugetan. Die Verstrickungen, in die er fällt,
sind groß. Ich weine mit ihm, wenn er sich ängstigt.«
»Pantschen Rinpotsche, wie hieß jener reiche indische Almosenverteiler, von
dem Sie dem gelehrten Chu-tuk-tu und mir gestern erzählten? Der fromme Mann
kam dem Siegreich-Vollendeten entgegen, ließ ihm ein Kloster bei Sche-wei,
der Stadt des Hörens, bauen; unzählige heilige Bücher, sagten Sie, schrieb
dort der Sohn des Cakya.«
»Ich sprach von Sudatta.«
»Ich heiße Khien-lung, und bin tausendmal reicher als Sudatta bei Sche-wei.
Sie werden meinen Besitz nicht nachprüfen können. Ich lege Ihnen hin,
Pantschen Rinpotsche, was Sie wollen. Ich baue Ihnen Klöster, wie Sie nie
gesehen haben; meine Baumeister, Architekten, Maler sollen ihr Letztes
hergeben. Ich verleihe Ihnen den Besitz der benachbarten Städte, der ganzen
Provinz, in der Sie wohnen. Bleiben Sie eine kleine Zeit in meinem Lande.
Ihr Tibet kann Sie entbehren; dies Land wird noch vor Heiligkeit bersten;
andere, die Sie brauchen, leiden Hunger. Ich brauche Ihnen nicht die
Schönheit meiner Provinzen zu schildern. Sie sind selbst alt, Pantschen
Rinpotsche; der Lobsang Paldan Jische, den Sie jetzt bewohnen, mag sich im
Lande des Östlichen Drachensohnes wärmen. Der siegreich vollendete Gautama
hat solches Geschenk nicht verschmäht; ich denke wie Ihre Gläubigen, wenn
ich sage: Eure Heiligkeit segnet mich, indem Sie mein Geschenk annehmen.«
»Was will der Östliche Kaiser von dem Körper Paldan Jische?«
»Blicken Sie nicht finster, Pantschen Rinpotsche. Es handelt sich nicht
darum, Sie gefangen zu nehmen. Meine Regierung ist fest überzeugt von der
guten Gesinnung in Ihrem Lande. Es ist nicht Politik; glauben mir Eure
Heiligkeit.«
»Ich habe Vertrauen zu der Duldsamkeit Khien-lungs.«
Der Kaiser sah auf das blaßrote Teppichmuster. Der warme Blick des Heiligen
ruhte über seinem Gesicht, unter dessen Linien die Abgründe klafften.
»Setzen Sie sich aufrecht, Khien-lung; sprechen Sie deutlicher.«
»Es ist leicht gesprochen. In den achtzehn Provinzen gibt es Betrüger wie
überall. Ein Mann aus Schan-tung, ein Fischersohn aus einem Seedorf, hat
eine Sekte gestiftet, die er Wu-wei nennt. Dieser Wang-lun ist ein
mehrfacher Verbrecher, Mörder, Räuber. Er entzweit sich mit einem Teil
seiner Anhänger, die sich einen frechen Namen beilegen, in einer nördlichen
Provinz eine Rebellion erheben, zum Teil niedergeschlagen werden, zum Teil
sich in den Vorort einer westlichen Stadt einschließen lassen. Hier ist
nun, Paldan Jische, Pantschen Rinpotsche, das Verbrechen geschehen, unter
dem ich noch bebe, noch keine Ruhe finden kann. Bevor die Truppen vor der
Stadt ankamen, sind in einer Nacht die tausende Menschen, Männer und
Frauen, mit einem Schlage in der Altstadt umgekommen, auf eine so
grauenhafte Weise, wie die Geschichte dieses östlichen Landes nicht kennt.
Wie es nun ist, ob sie durch Wasser vergiftet sind, oder Dämonen über sie
herfielen, ich komme nicht zur Besinnung darüber. Der Verbrecher Wang-lun
scheint seine ehemaligen Anhänger umgebracht zu haben, in einem Gemisch von
Rachegefühl und Hochmut; meine Beamten haben den unerhörten Menschen nicht
ergreifen können. Ich muß mich aber fragen, was ich getan habe, daß solches
Ungeheuer am Abend meiner Regierung sich zeigt. Ich muß erkennen, wessen
ich bezichtigt werde durch eine so offensichtliche Anklage.«
»Khien-lung, Sie sind alt geworden. Früher hat der Todessturz ganzer Völker
nicht Ihr Ohr erreicht; jetzt genügt schon das Schreien und Sterben einiger
tausend Menschen, um Sie schlaflos zu machen.«
»Ich will keine Anklage von Ihnen hören.«
»Ich klage Sie nicht an. Sie leben in der Welt der Gelüste; es ist mir eine
Freude zu hören, daß Sie keinen Schlaf finden.«
»Damit helfen Sie mir nicht, Pantschen Rinpotsche. Sie dürfen es nicht
genug sein lassen mit solchen Worten. Ich bin der Kaiser des mächtigsten
Weltreiches; ich habe nicht wie eine Puppe auf dem Thron gesessen, sondern
mich bemüht um den Ruhm und Reichtum meiner Dynastie. Man muß mich nicht
für einen Menschen wie diesen und jenen nehmen, mich auf gewöhnliche Wege
zerren wollen. Hilfe will ich von Ihnen, Pantschen Rinpotsche. Sie stehen
mit den tiefsten und furchtbarsten Dingen der Welt, in einer Verbindung von
unbegreiflicher, unsagbarer Nähe; in Ihnen herbergt der Geist eines Buddha;
Sie sind der einzige, den ich greifen, fassen, sehen, hören kann, und zu
dem ich Zutrauen habe, nachdem mein bester Sohn von mir abgefallen ist.
Denken Sie, daß ich unverändert Kaiser des Reiches der Mitte bin, legen Sie
mir nicht Unmögliches auf.«
»Majestät, das klingt alles so gut, was Sie sagen. Sie bedürfen der Hilfe
des zeptertragenden Lamas nicht. Sie tauchen aus dem Sansara auf, nachdem
Sie den Ruf gehört haben.«
»Ich bin Kaiser und lebe in keinem Sansara. Ich will keine Wege zum Buddha
gehen; mein Reich ist gut, es war mir nie, auch jetzt nicht eine Hölle.
Paldan Jische, seien Sie nicht taub. Ich bettle doch.«
»Seien Sie nicht taub, Khien-lung! Wie soll die Erweckung im Menschen
erfolgen, wenn nicht so, durch Unruhe, Beängstigungen, im nächtlichen
Umherwandern, Händeringen, Hilferufen in die vier Gegenden.«
»O sind Sie grausam. Ich habe Sie für einen Ozean der Milde gehalten und
mich getäuscht.«
»Lassen Sie mich weinen mit Ihnen. Und lassen Sie mich beten, daß Sie stark
bleiben und daß es nicht von Ihnen abläßt.«
Khien-lung war fassungslos mit der Stirn gegen die goldene Lehne seines
Sessels aufgeschlagen. Seine Schultern und Arme hoben sich stoßweise unter
der dröhnenden Erweiterung seines Brustkorbes. Der Anwesenheit des
Taschi-Lamas achtete er schon nicht. Das Gefühl der grauen Verlassenheit
überwältigte ihn.
Der Heilige nahm seine Mitra vom Kopf; der kahlgeschorene Schädel war mit
feinen Schweißtröpfchen besetzt. In dieser nur von dem schnaufenden Atem
des Gelben Herrn unterbrochenen Tonlosigkeit wuchsen die Minuten zu
gedehnten Stunden. Die Stille war nur durch eine kleine Hülle, dünn wie
eine Gummihaut, geschützt; dahinter spannte sich ein Luftgemisch, das jeden
Augenblick brüllend die Hülle zu durchreißen drohte. Der Pantschen
Rinpotsche rauschte an den Altar, nahm das Gebetszepter in die Hand, warf
sich nieder. Als er sich erhob und umdrehte, war der stechende trübe Blick
Khien-lungs auf ihn gerichtet. Der Heilige scharrte stockend zurück; die
bildgeschmückte Mitra hob er sich langsam auf den Schädel. Er verneigte
sich vor dem steifsitzenden Gelben Herrn, dessen Gesicht den großen
Kriegskaiser zeigte, sagte: »Wenn es Eurer Majestät gefällt, will ich jetzt
zur Andacht gehen.«
»Ich bitte Eure Heiligkeit, mich morgen einer Unterweisung zu würdigen.«
»Ich werde Auftrag geben und den hohen Tschan-tscha Chu-tuk-tu anflehen,
sich auch morgen um die mongolische Karawane zu bemühen.«
Um dieselbe Nachmittagsstunde des nächsten Tages traten Khien-lung und
Paldan Jische in die Halle der drei Sessel. Ein umfangreiches Schmuckstück
prunkte vor dem Sitz des Heiligen. Schwarzer glatter Dreifuß aus Holz mit
kreisrunder grünbemalter Platte, breit wie ein ausgestreckter Männerarm.
Auf der Platte hatte eine wunderbare Miniaturkunst eine Stadt aus
blitzendem Metall, Edelsteinen und bunten Stoffen gebaut. Innerhalb der
Randmauer, der Ringmauer drängten sich die Häuser mit geschwungenen
Dächern. Die Ehrenbögen, Tempel; breite Alleen teilten die Stadt, in der
ein hohes Fest gefeiert wurde, viele Banner wehten von den bemalten
Stangen, prächtige Gebetsmühlen hatte man auf die Wege geschleppt. Das
Zentrum buckelte eine Halle aus, die eine glatte Kristallkuppel trug; vier
Stufen führten in den atemlosen, säulenumstellten Raum; ein goldener Gott
schwieg in der Mitte. Dies war ein Abbild der Götterstadt auf dem
Weltenberge Sumeru.
Nach Austausch der Begrüßungs- und Dankformeln saßen die beiden Herrscher
nebeneinander. Das gelbe Sonnenlicht fiel schräg durch die Halle.
Der Gelbe Herr erschien lebendig, aufgeräumt. Paldan Jisches Brustschmuck
glitzerte, ein kalmykisches Geschenk, eine halbmondförmige blaue Agraffe;
Kettchen, die von ihr herunterhingen, hielten zwei runde Platten aus Silber
mit eingelegten Korallen, Bergkristall und kleinen Perlen; die Kettchen
endeten in langen Seidenpuscheln, die auf den Schoß des Großlamas fielen.
Der Pantschen begann zu reden: »Der gelehrte Tschan-tscha Chu-tuk-tu klagt,
daß seine Amtstätigkeit ihn auch heute von der Zusammenkunft mit Ihnen und
mir fernhält.«
Khien-lung lachte: »Ich finde es recht despektierlich von dem gelehrten
Chu-tuk-tu; für die Karawanen und Viehherden findet sich vielleicht noch
ein anderer geistlicher Richter. Lassen mich Eure Heiligkeit mein Beileid
aussprechen zu einem so anmaßlichen Diener, der in meinem Lande sich eine
zu große Selbständigkeit angewöhnt hat. Wenn Sie anordnen, werde ich seine
Bestrafung verfügen.«
»So hat der Tschan-tscha Chu-tuk-tu nicht sicher gefühlt, als er Sie und
mich allein ließ?«
»Eure Heiligkeit kennen Khien-lung nicht. In einer Hinsicht bin ich noch
kein Jahr gealtert: in meiner Vorliebe für das schöne helle Sonnenwetter.
An solchen Tagen fühle ich nur den Himmel über mir, und ich habe die
Überzeugung, daß er es mit mir gut meint. Paldan Jische, an solchem Tage
braucht Khien-lung keinen Rat; er ist heute nur überströmend froh, ihn mit
der Blüte des Schneelandes gemeinsam zu verleben.«
»Ich zweifle, was ich Eurer Majestät sein kann. Die Sonne und die hellen
Tage sind schön, aber sie sind überflüssig. Sprechen Majestät nicht so zu
mir.«
»Wie soll ich zu Eurer Heiligkeit sprechen? Soll ich anfangen, wie gestern,
die Beängstigungen meiner Nacht in den schönen Tag hineinzerren? Sie werden
mich anblicken, mitleidig, aber: 'Gut, gut, noch mehr!' dazu sagen. Da Sie
nicht verstehen wollen, daß ich alter Mann keine neue Weisheit mehr lernen
kann. Der Tag ist schön; ich bedaure aufrichtig, den weisen Chu-tuk-tu
nicht zu empfangen; belehren Sie mich allein, Pantschen Rinpotsche.«
»Wo ein Fluß das Ufer unterwühlt, wird man ungern eine Pagode errichten.«
»Ich wünschte, Pantschen Rinpotsche, der Chu-tuk-tu wäre hier und hörte
Ihnen zu. Sind Sie nicht Mörder in Ihrem Mitleid um mich, in Ihrem
Verlangen mich zu retten? Ich lobe diesen Tag, der mich aufrichtet und
wieder glücklich macht nach Ihrem harten 'Nein' von gestern. Aber die Sonne
soll nicht wärmen und die Lerchen sollen nicht singen, weil sie für Sie
überflüssig sind. Wissen Sie, Pantschen, was Sie mir bedeutet haben, wie
ich Sie die letzten Monate erwartet habe! Ihr Anblick im Garten hat mich
erschüttert; mir ist zumute gewesen, als sollte eine Art Gericht über mich
hereinbrechen. Ich habe mich getäuscht und will tun, als hätte ich nur den
Besuch des Herrschers von Tibet empfangen, der im Begriff ist, mich unmäßig
zu beschenken.«
»Schlagen Sie gegen mich.«
»Ich will unverändert bleiben wie ich bin. Meine Väter haben wie ich
gedacht. Sie beten wir an, ohne die Kraft zu haben Ihnen zu folgen, ja, es
ist ein Eishauch um Ihre Lehren.«
»Ich habe zum Amithaba für Sie gebetet. Wenn ich das Lichtlein, das in
Ihnen brennt, anfachen wollte: verzeihen Sie mir. Seien Sie der kleine arme
Mensch, Khien-lung, der Kaiser des mittleren Reiches.«
»Ich bin Herrscher des größten Reiches der Welt, und ich verlange keine
Verwandlung. Ich bin als Sohn des Himmels geboren und werde auf dem
Drachenthron sterben.«
»Wenn Sie dieser schöne Tag nicht reut und ich Ihnen das warme Sonnenlicht
nicht verdunkle, will ich Eure Majestät fragen nach den Dingen, die Sie
gestern berührten. Warum haben die Soldaten Eurer Majestät jene tausend
Menschen in die Mongolenstadt getrieben, in der sie untergegangen sind?«
»Diese Menschen waren Rebellen, Paldan Jische, die meine Dynastie
schmähten, ein eignes Königreich in meiner nördlichen Provinz gründeten.
Sie hatten eine verlogene Art, das heilige Wu-wei, das Nichtwiderstreben
des Lao-tse in die Praxis überzuführen. Sie streiften, statt die Felder zu
bestellen und Kinder zu erzeugen, in den Distrikten einher; bettelten,
beteten wenig, hofften auf das Westliche Paradies. Da sie sich rühmten,
durch Vereinigung mit dem Schicksal in den Besitz übernatürlicher Kräfte zu
gelangen, strömten ihnen tausende tüchtige Männer, auch zahllose Frauen aus
allen Gegenden zu. Es ging nicht an, daß meine Beamten da zusahen. Sie
suchten sie zu zerstreuen; auch einige Schichten der Bevölkerung empfanden
das Bedrohliche der Bewegung. Und dies war der Anfang von ihrem Ende.«
»Ich weiß noch nicht gut den Anfang. Aber das Ende weiß ich: daß Khien-lung
ruhelos geworden ist. Wer hat für gut befunden, die Sektierer anzugreifen?
Da sie doch selbst, wie Eure Majestät bemerkten, nicht angriffen.«
»Der Name dieses Mandarins ist mir nicht genannt worden.«
»Es kommt darauf nicht an.«
»Dies ist kein Verbrechen, Eure Heiligkeit: Männer, die ihre Frauen und
Kinder verlassen, in ihre Häuser zurückzutreiben, Söhne, die den Dienst der
Ahnen vergessen, zur Besinnung zu peitschen. Die Äcker müssen gepflügt,
besät werden; die Steuern zur Erhaltung des Gesamtreiches müssen
aufgebracht werden. Wenn Frauen, die ein Schatten und Echo im Hause sein
sollen, unter Sektierer laufen, so soll man sie auf kleinen Ketten knien
lassen; die unzüchtigen Frauen und Nebenfrauen, die ihre Wohnungen
verlassen, um unter Leuten, die sich schamlos 'Brüder, Schwestern' nennen,
Dirnendienste zu tun, mag man bestrafen, wie es in den einzelnen Gegenden
Brauch ist: lebendig vergraben, in Säcke einnähen und ertränken, mit acht
Schnitten töten.«
»Dies alles ist Recht. Ich schweige schon. Ich vermag nicht zu fassen, wie
aus solch prunkendem Anfang das bejammernswerte Ende entstehen soll.«
»Nein, Pantschen Rinpotsche, dies bleibt rätselhaft. Genau soll man tun mit
den Verbrechern, wie ich sagte. Und doch ist das wie ein Kopf, der eben
noch ernst, würdevoll blickte, und plötzlich das Maul und die Augen wie ein
Tiger aufreißt und brüllt. Was ist dieser Kopf, Pantschen Rinpotsche? Warum
gähnt er mich an?«
»Lassen Sie ab, Khien-lung. Schließen Sie Ihre Seele ein. Ich hebe mein
Zepter. Der Buddha Cakya-muni hat die Ursachen des Daseins und ihre
Verknotung enthüllt; zurzeit der Morgendämmerung vor seiner Erhöhung wurde
dem Königssohn von Kapilevastu die Erkenntnis. Sie häkelten Ursache mit
Ursache zusammen; ich nehme den Faden, löse die Naht auf. Die Sekte
wanderte im Dunkeln, suchte den Buddha und hätte ihn gefunden. Sie sind
über die Männer und Frauen gefallen. Sie haben tausend ruhelose Geister
geschaffen. Sie haben die Kette ihrer Wiedergeburten unnatürlich
verlängert. Man kann nicht schlafen, wenn es nachts mit tausend jammernden,
anklagenden Geisterknöcheln gegen Türen und Pfosten klopft. Khien-lung, Sie
halten Ursache neben Ursache.«
»Was soll ich tun, um die Kette zu zerreißen? Ich weiß, meine Ahnen haben
hier etwas nicht gebilligt. Aber ich kann die Menschen nicht wieder zum
Leben bringen. Ich kannte diese Sektierer nicht; ich werde für sie opfern
lassen.«
Der Heilige lächelte; er streichelte die Seidenpuschel seines
Brustschmuckes nachdenklich: »Länder und Menschen sind grundverschieden;
zehn Tagereisen nach Osten von Tibet hat sich alles verändert und man weiß
weder von den Weltumwälzungen noch von dem Kreislauf der Geburt und des
Todes. Hundert Familien nennen Sie sich; nicht einmal der Tod bricht die
Familien in Stücke; Ihre Ahnen bleiben bei Ihnen. Wie abgeschliffen glatt
ist das, häuslich, über den Boden gebückt. Eine Räucherung versöhnt für den
Sturz in die Kaskaden der Wiedergeburten; ein Töpfchen Butter will eine
Seele für die jahrtausend verlängerten Qualen entschädigen. So lassen Sie
für die Geister dieser Toten in Ihrer Weise opfern; errichten Sie ihnen
Wegschreine. Die Reste der Wu-wei-Sekte schonen Sie.«
»Mein Kopf ist leer, faßt keine Gründe. Sie wollen mir helfen, Sie wollen
mir helfen!«
»Wieder ist der Tag schön. Milde sein, still sein heißt die Hand, die alle
Riegel hebt. Kommen Sie zu mir, alter Mann, finden Sie sich, bevor Sie
sterben.«
Der alte Gelbe Herr starrte vor sich hin: »Der Hochwürdige vom Gnadenberg
hat eine leichte sanfte Art, die Fäden zu lösen. Ich werde meinen Ahnen
Sühneopfer bringen; ich werde nach Mukden an die Gräber gehen. Für Wang-lun
und seine beladenen Anhänger Versöhnungen ersinnen. Kang-hi, Jang-tsing
wollen es.«
Khien-lung steifte die Wirbelsäule. Der Papst der Gelben Kirche zog die
Knochenkette durch die rechte Hand; sein Gesicht war dem Kaiser zugewendet.
Den Kaiser umringten die Schatten seiner starken Ahnen; sie drückten auf
seine hochgezogenen Schultern; sie musterten ihren hinsinkenden Nachkommen.
Der Kaiser bäumte sich; dies waren Kang-hi, Jang-tsing, die ihn in ihren
stillen Kreis aufnehmen sollten. Durch ihren Nebel leuchtete das bronzene,
freie Antlitz des Heiligen von Taschi-Lunpo.
In einer Verwirrung und Erschütterung schlotterte der Gelbe Herr vor dem
fremden Mann hoch, berührte seine seidenen Ärmel: »Sie sind, Paldan Jische,
der zeptertragende Lama. Khien-lung fürchtet sich; haben Sie ihm gut
geraten?«
* * * * *
Wang-lun hatte man nur eine Woche nach dem Fall Yang-chous zu verfolgen
vermocht. Der Verbrecher lief am hellen Tage durch die westlichen Flecken;
niemand wagte sich an ihn heran. Ahnungslose warf der riesenstarke Mensch
zur Seite; Angriffen mehrerer entzog er sich auf eine schlaue Art. Zuletzt
wurde er um die Zeit des ersten Schneefalls in Ho-kien, westlich des
Kaiserkanals, gesehen, vor der Mauer dieser volksreichen Stadt.
Seit da hatte ihn niemand in den Provinzen des Nordens gesehen, weder im
Winter noch im folgenden Sommer hörte man von Wang-lun. Auch unter den
Brüdern und Schwestern gingen nur unsichere Gerüchte über ihn. Ngoh, der
ehemalige kaiserliche Hauptmann, schien am meisten Kenntnis über Wangs
Aufenthalt zu haben; Ngoh war es, mit dem Wang vor den Mauern Ho-kiens
zusammengetroffen war. Von ihm erfuhr man, daß Wang lebte; er gab manchmal
in zögernder Weise zu, daß Wang auch bald wieder kommen würde, aber sobald
die Rede auf den Gründer des Wu-weibundes kam, verstummte Ngoh, blickte zur
Seite und war schwermütig.
Wang-lun hatte völlig die nördlichen Provinzen verlassen, zwei Tage,
nachdem er von Ngoh Einzelheiten des Untergangs der Gebrochenen Melone
erfahren hatte. Das Gerücht war rascher als Wang gewesen, der einen ganzen
Tag sich hatte verstecken müssen. Der sehnige Ngoh wußte nicht viele
Vorgänge; einige, die man ihm mitteilte, vergaß er unter der grausigen
Wucht des Ganzen.
Als Wang vor ihm stand, mit eingefallenem Gesicht, blutunterlaufenen Augen,
verwandelt in einen Kriegs- und Rachedämon, nur Gehirn und Arm zu seinem
berüchtigten Gelben Springer, erschrak Ngoh derart, daß ihn Wang an dem
Wams festhalten mußte.
Sie gingen an der Mauer entlang; in einen zerbrochenen Hockkäfig, der von
Bettlern als Nachtlager benutzt wurde, setzten sie sich; Wang wartete, bis
sich Ngoh beruhigt hatte. Dann gab Ngoh Antwort auf die Fragen des Mannes,
leise, vor seiner eigenen Stimme sich entsetzend, öfter fragend: »Was soll
mit dir geschehen, Wang?«
Ngoh konnte von dem nächtlichen Tumult in der Mongolenstadt berichten, von
den Versuchen einzelner Brüder, aus der Stadt zu entkommen, vom Todessturze
über die äußere Mauer. Mehr Einzelheiten wußte er von dem Eindringen der
Bürger in die Stadt bei Anbruch des Morgens; auch die Namen des Führers der
ehemaligen Stadtsoldaten und anderer, die Namen der beschwörenden Bonzen
waren ihm bekannt. Als Wang erfuhr, daß kein einziger der Eingeschlossenen
die Nacht überlebt hatte, atmete er auf, schlug sich dröhnend gegen die
Brust, saß aus Erz da.
Dann fragte Wang, während sie stoßweise der Wind mit lockerem Schnee von
den Latten des Käfigs überschüttete, wessen Schicksal besonders bekannt
geworden.
Ngoh schwieg zuerst, erzählte einige Vorkommnisse, ohne die Namen der
Betroffenen angeben zu können, schilderte, wie man die schöne Liang-li
aufgefunden, noch lebend; er redete sich in große Erregung hinein und
endete klagend mit dem Tode Ma-nohs.