Ich bin dir begegnet, Ma-noh, vor zwei Tagen. Du warst es, nicht wahr,

gestehe es, du warst es! An einem Weiher, zwischen zwei Weidenbäumen ist es

gewesen. Du warst der Kranich, der nicht von mir abweichen wollte, der vor

mir ab und auf spazierte mit stolzen Beinen, mit scharlachroten Beinen, und

Frösche spießte. Du trugst ein weißes Kleid und blicktest listig mit gelben

Augen aus deinem blutroten Kopf heraus. Und dann, nachdem du vor mir

gefressen hast und ich dich in Ruhe gelassen habe, hast du dich erhoben in

die Luft und deinen schwarzen Mist auf meinen Kittel und meine Sohlen

fallen lassen.

Du böser Schatten, du Kwei, du wirst mich nicht zunichte machen, sag ich

dir. Das wirst du nicht, sag ich dir! Der Kwei wird an mir vorüberhuschen

müssen.«

Wang, das kranke Knie angezogen, fuchtelte mit seinem Schwerte herum. Er

flüsterte scharf, mit Abscheu dem kauernden Priester in das ihm

entgegengehobene Vogelgesicht. Jeden Satz warf er mit Genugtuung

besinnungslos auf den Priester wie eine Handvoll gestoßenen Pfeffer. Durch

das, was er sagte, klang die eiserne Wut.

Ma-nohs Haß auf diesen Mann stieg ins Maßlose. Ab und zu spitzte er höhnend

seinen Mund, spannte sich zu einem todesmutigen Sprung, fiel traurig

zurück, härtete sich kalt. Er rührte sich nicht, beschloß, sich nicht vom

Fleck rühren zu lassen.

»Wenn mein Bruder Wang heute nacht dem König der Leuchtkäferchen im Traum

begegnet, so wird er nicht nötig haben, ihm zu danken. Ein weiser alter

Mann aus der Hanperiode lehrte: der Weg im Zorn beschritten wird vergeblich

sein. Mein Bruder Wang trägt ein Kriegsschwert an der Seite. Er sagt, er

müsse ein Kriegsschwert führen und dürfe sich nicht dem heiligen Tao

nähern. Mein Bruder mag an meiner kläglichen Ruhe merken, daß ich mehr dazu

neige, geschlagen zu werden als zu schlagen. Sein Schwert scheint mir eine

besessene Seele zu haben, die ihren Herrn verführt in einen Sumpf. Wie auch

immer: dieser Ma-noh aus Pu-to-schan wird niemals ein Schwert berühren, und

es wird ihn nie jemand dazu reizen können. Denn er ist zu schwach für den

tobsüchtigen Geist eines Schwertes. Ma-noh geht dem Tao nach, als käme er

eben um die Schönn-i-Klippen herum, -- als wenn er eben erst die Worte

eines Mannes hörte, der wie ein Boddhisatva sprach, Wang-luns Worte: 'Ein

Frosch kann keinen Storch verschlucken. Gegen das Schicksal hilft nur eins:

Nicht widerstreben, schwach und folgsam wie das weiße Wasser sein. Wir

wollen auf eine Spitze laufen, die schöner ist, als die ich sonst jemals

gesehen habe, auf den Gipfel der Kaiserherrlichkeit.' Auf diese Spitze

läuft unbeirrt Ma-noh. Und weil Ma-noh nicht ohne Gelüste nach den Frauen

blieb, so läuft er mit den Frauen. Aber auf den Gipfel muß er gelangen,

wird er gelangen. Du magst dich abwenden von mir, Wang-lun; süß sind mir

die Frauen, mein Auge hängt an ihnen wie an den Farben der Orchideen, ich

habe niemals so rein gebetet wie seit dem Augenblick, wo eine auf diesem

Strohsack neben mir lag. Keine Versenkung auf Pu-to-schan, die ich sah und

die ich erlebte, keine Entrückung ist so voll Macht gewesen wie meine seit

diesem gemeinen Augenblick. Der Durst meiner Kehle ist so wenig böse wie

das Gelüste meiner Hände und meines Schoßes. Cakya-muni hat sich geirrt.

Mir steht das fest. Wenn ich dir auf Nan-ku anderes von den goldenen milden

Buddhas erzählte und du es aufnahmst, so habe ich dich Schlechtes gelehrt,

und es ist nur recht, daß es auf mich zurückfällt, wenngleich es mich nicht

beirren wird, Wang-lun. Wir gehen nicht mehr gemeinsam, Wang-lun. Quäle

dich nicht und quäle mich nicht.«

Wang-lun saß in steinerner Ruhe auf dem Karren. Das lange Schlachtschwert

lag im Moos auf zerbrochenen Buddhaköpfen. Es war Wang klar, was geschehen

mußte; es war Ma-noh klar. Darum sprachen sie nicht mehr.

Er bat Ma-noh, ihm kaltes Wasser für sein Knie bringen zu wollen und morgen

einen Arzt zu bestellen. Ma schleppte mit zwei andern Männern Haufen von

Gras in die Hütte. Sie sahen sich, bevor sie sich schlafen legten, ernst an

und grüßten einander. Sie standen nebeneinander. Dann warfen sie sich hin.

* * * * *

Wang blieb vier Tage bei den Gebrochenen Melonen, die sich rüsteten weiter

südlich zu wandern. Er beobachtete sie, lernte die Mehrzahl dieser Anhänger

kennen. Er widersprach ihnen nicht, redete wortkarg und sehr versunken von

dem schweren Weg der Wahrhaft Schwachen. Als sie ihn fragten, warum er, der

sich widerstandslos wie sie dem Schicksal beugen wolle, die Jacke eines

Soldaten und ein Schlachtschwert trage, antwortete er lächelnd, daß sich

viele Leute maskieren, um Böses abzuschrecken. Am Tage des Chü-juan, am

fünften Tag des fünften Monats wüten die fünf giftigen Tiere, die Schlange,

der Skorpion, Tausendfuß, die Kröte und Eidechse; da reiben die ängstlichen

Mütter den Kindern Schwefelblüte mit Wein in Ohr und Nase und malen das

Zeichen »Tiger« auf die Stirnen; aber sie wollen damit nicht sagen, daß

ihre Kinder wilde Tiger seien.

In ihm war seit dem Tage, wo er das Nan-kugebirge unter Schneestürmen

verließ, bis zu diesem Sommermonat eine Umwälzung vorgegangen. Ma-noh

bemerkte schon, als sie in der Gerätekammer zu Pa-ta-ling saßen, wie sich

in Wang ein erbarmendes Gefühl für die Brüder festsetzte, die ihm

vertrauten. Wang machte die wechselvolle Reise durch Tschi-li und

Schan-tung. Je mehr er litt, um so mehr drängte es ihn heraus aus der Rolle

des friedlichen Wahrhaft Schwachen, der seiner Seele ein reines Kleid

bereiten will. Es befestigte sich in ihm die Haltung des Verteidigers

seiner Brüder. Er mußte kämpfen für die Ausgestoßenen seines Landes.

Dicht bei Tsi-nan-fu trat die Versuchung an ihn heran. Er konnte seinem

Drange, der sich schmerzlich und glückselig durch seine Brust senkte, nicht

widerstehen, stieg, das Gesicht mit Kohle beschmiert auf die Landstraße,

die von Osten nach Tsi-nan-fu führte. Trabte einige Zeit allein, wartete

auf einen Wagenzug, mit dem er sich in die Stadt einschmuggeln könnte. Es

kam keiner um diese Tageszeit, denn Ölwagen, Frucht-, Gemüse- und

Kohlenzüge pflegten schon in den ersten Morgenstunden in Tsi-nan

einzufahren. Ehe sich Wang in einem sonderbaren Leichtsinn ganz dem

östlichen Stadttor genähert hatte, wurde er von zwei Polizisten beobachtet,

die ihn an seiner großen Figur, seinem schaukelnden Gang erkannten, ihm

folgten und mit einem Torwächter festnahmen, wie er gerade, als wäre er

Bürger von Tsi-nan-fu, gleichmütig und langsam durch das Osttor segelte.

Wang sah durch das handgroße Gitterfenster des Kellers, in den man ihn

geworfen hatte, die breite gewundene Handelsstraße mit den Läden, den

lärmenden Ausrufern und dem vielfarbigen Gewimmel, unter dem er selbst

seine Späße, Künste und Betrügereien geübt hatte. Zur linken Hand mußte der

Markt liegen, auf den die Straße mit dem Tempel des großen Musikfürsten

Hang-tsiang-tse führte. Geradezu war die Richtung zur Herberge, zu Su-kohs

Haus, das eingeäschert lag. Dann der Übungsplatz der Provinzialtruppen.

Und jetzt überfiel Wang die Versuchung: hier zu bleiben, die

Gerichtsverhandlung abzuwarten, die Strafe des Zerschneidens in Stücke zu

erdulden. Er konnte sich keine Rechenschaft darüber geben, warum ihn dieses

leidenschaftliche Verlangen überfiel. Er wollte, im Gewimmel dieser

feilschenden Menschen, zwischen all dem Klappern, den Gongschlägern, den

Ausruferstimmen sterben, hier in seiner Heimat. Er dachte in diesem Keller

über seine veränderte Lage nach. Wie er vor Monaten die Nan-kugefährten

verließ, wie er an Chen-yao-fens prachtvoller Tafel vor kaum zwei Wochen

speiste, und wie der Tou-ssee umgekommen war und Su-koh, und wie er

betrogen, gewütet, gestohlen hatte. Und das schien ihm alles unerträglich,

und wohltuend, ein Glück, hier viel zu erdulden, alles bis zu Ende

auszuerdulden.

In der Eile seiner Verhaftung hatten die Polizisten und der Torwächter ihn

eingesperrt, ohne ihm sein Schwert abzunehmen. Die drei waren froh, als sie

den berüchtigten Mörder im Keller hatten. Erst als die beiden Polizisten

schon ins Jamen und auf die Stadtkommandantur liefen, um dem Tao-tai und

dem General die außerordentliche Verhaftung mitzuteilen und sich

Belohnungen zu sichern, fiel dem alten Torwächter auf seiner Bank ein, daß

Wang ein Schwert bei sich trug. Er nahm eine kleine Keule von seinem

Fensterbrett, die ein Viehtreiber morgens hatte liegen lassen, versteckte

sie unter seinen Ärmel und ging auf bloßen Sohlen hinunter; er wollte Wang

das Schwert stehlen; wenn es kostbar war, verkaufen, sonst es nur auf der

Präfektur vorzeigen und sich seinen Mut belohnen lassen.

Er öffnete das Vorhängeschloß des Kellers. Die Mäuse liefen ihm zwischen

die frostkranken nackten Füße, hüpften an seinen Hosen hoch. Wang saß drin

auf dem Boden und sah dem alten Mann zu. Der Wächter trat näher, fragte,

wie er sich fühle, ob er krank sei, prüfte seinen Gesichtsausdruck. Das

Schwert lag in den Raum geworfen weit von Wang entfernt nach der Tür zu.

Wang dankte; er freue sich, wieder in Tsi-nan zu sein. Und wie es dem

Herbergswirt gehe und welcher Markt jetzt am meisten besucht sei.

Dem Herbergswirt ginge es erfreulich gut, -- jetzt erkannte der Wächter das

Schwert, rutschte seitlich davor, tastete mit den Händen rückwärts nach dem

Knauf, -- und von dem ehemals so beliebten Goldblättermarkte sei die

Blumenherrlichkeit verschwunden, seitdem die Gilde der Blumenverkäufer die

hohe Platzmiete verweigert hätte. Alles spiele sich jetzt in dem weiten Hof

ihres eigenen Gildenhauses ab.

Es sei erstaunlich, meinte Wang, wie rasch sich die Stadt verändere. Aber

die Torwächter blieben doch gleich. Sie stehlen, was ihnen in die Hände

fällt. Nur dies Schwert möchte er nicht stehlen, sofern er die Gnade hätte,

es zu unterlassen. Denn es sei Eigentum eines Mannes im östlichen

Schan-tung, dessen Namen er ihm nennen werde, wenn er verschwiegen sei und

gegen eine hohe Summe das Schwert dem Besitzer zurückbrächte.

Der Wächter, katzebuckelnd vor dem Gefangenen, flüsterte schon, man könne

sich auf ihn verlassen. Und wenn Wang auch eine ehrenvolle, wenngleich

heimliche Beerdigung wünsche an einem leidlich günstigen Ort, so möchte er

es ihm nur sagen, bevor die Polizisten mit dem Transportkäfig kämen; er

hätte schon vielen geholfen.

Man hörte draußen lautes Klagen und Keifen. Wang sah durch das Gitter. Ein

Bettelvogt schlug auf zwei Arme mit einem langen Stab ein. Ein Mandarin mit

Blauknopf sah aus einer Sänfte zu und wies auf die beiden, die betrügerisch

in seinem Hause, in einem fremden Bezirk und zweimal am Tage gebettelt

hätten.

Wang seufzte, kauerte hin, sagte nachdenklich, die Stadt hätte sich doch

wenig verändert. Schüttelte sich resolut, und nun ging er auf den

Torwächter zu, den er bei den Schultern anhob. Als der Alte ihm die Keule

gegen die Brust schlug, meinte Wang, es sei doch besser sich nicht

anzustrengen, legte den kreischenden Mann auf das Gesicht, drohte am

offenen Tor draußen, in die Stadt hineingellend, dem Bettelvogt und dem

Blauknopf mit der geschwungenen Waffe, verschwand von Tsi-nan-fus Mauern.

Es hat keinen Sinn zu sterben. Man kann es nicht laufen lassen. Der Vogt

hat unrecht und die Bettler haben unrecht. Sie weichen beide vom Tao ab.

Einer muß anfangen mit dem rechten Weg.

Nun folgte das Hin und Her der Wanderschaft. Wang suchte auf geradem Wege

in die Gegend südlich der Nan-kuberge zu gelangen. Aber das Gerücht von ihm

verbreitete sich.

Man veranstaltete Treibjagden auf ihn, nachdem seitens des Tsong-tous von

Schan-tung angeordnet war, daß die Präfekten derjenigen Bezirke, die Wang

passierte ohne ergriffen zu werden, hohe Strafen zu zahlen hätten.

Gehetzt und erst allmählich der Gefährlichkeit seiner Lage bewußt,

insbesondere als er merkte, daß der Ruf der Wahrhaft Schwachen sich über

Tschi-li und Schan-tung verbreitet hatte, und jedermann wußte, daß er sich

mit den nordwestlichen Brüdern vereinigen wollte, begann Wang die Taktik

des Alleinwanderns aufzugeben. Er betrachtete es als seine Aufgabe, sich

wie auch immer in die nördliche Ebene durchzuschlagen. Eine abergläubische

Regung verband ihn mit dem Schwerte; der Gelbe Springer sollte ihn tragen.

Es gab zwei Länder auf der Welt: das eine war die kleine Ebene südlich

Nan-ku, das andere war eben alles andere Land, war Wasser, durch das er

schwamm auf dem Rücken des Gelben Springers.

Er setzte, als er einmal zwei Tage sich nicht aus einer Höhle herauswagen

konnte, in Furcht, von den Bauern, die ihn kannten, gefaßt zu werden, vor

sich fest: »Was außerhalb des Bereichs meiner Brüder geschieht, unterliegt

anderen, eigenen Gesetzen. Ich bin arm, leidend, nur unter ihnen, ich muß

zu ihnen. Diesem Lande, diesen Wellen versage ich meine Gesetze.«

Schlug sich dicht vor den Toren zu einer Bande schlimmer Gesellen, die es

sich zum Geschäft machten, ganze Ortschaften zu brandschatzen, Geiseln zu

rauben und Lösegeld zu erpressen; die wie die mandschurischen Chungusen im

Sommer allenthalben auftauchten, im Winter sich in die Städte verstreuten.

Es wollte das sonderbare Geschick, das über diesem schicksalsreichen

Menschen waltete, daß er um dieselbe Zeit eine gefährliche Bande anführte

und mit ihr von Ort zu Ort vordrang, als im westlichen Tschi-li in die

idyllischen Träume seiner Brüder ebensolche Horden die erste Angst

hineinjohlten.

Anderthalb Monate begrub er die Erinnerung an die eisigen Wintertage;

inmitten des sanftesten Frühlings zog er von Verbrechen zu Verbrechen.

Keine Unruhe befiel ihn. Als drei Tagereisen von einem Wald entfernt, wo

die erste Truppe der Wahrhaft Schwachen lagerte, die wilden Burschen ihn zu

einem Überfall auf einen reichen Wanderer, den gelehrten Chu-tuk-tu

aufforderten, der grade mit großem Pompe eine Inspektionsreise über die

lamaischen Klöster Tschi-lis machte, entschloß sich Wang, sich von ihnen zu

trennen.

Er weigerte sich, an dem Unternehmen teilzunehmen. Sie umringten ihn, es

war frühmorgens in einem schönen Flußtal, stellten ihn zur Rede, warfen ihm

Feigheit vor. Er machte sich mit ruhigen Bewegungen den Rücken frei,

erklärte, daß er in drei Tagereisen seine Freunde erreichen würde, lehnte

ab, sie mitzunehmen. Dies waren die Wellen, er wollte Land. Sie fingen an,

das weichliche Wesen der Brüder zu verspotten, fragten Wang, wo die

Almosenschale wäre, sie wollten etwas hineinlegen, lachten.

Wang ging von ihnen. Nach zwei Li versperrten ihm fünf von ihnen den Weg,

begannen das Höhnen wieder, indem sie zugleich verdächtig mit ihren Bogen

hantierten. Als ihm einer in der fettigen Mütze einen abgeschnittenen Zopf

zum Andenken hinreichte, hielt es Wang für richtig, mit einem großen Satz

an Land zu kommen.

Er fluchte auf das Land, das er verließ, spie sein Schwert an, wie einen

Toten, den man zum Leben erwecken will, hob es mit beiden Armen hoch auf,

krachte dem Gabenverteiler in die Brust. Als er den Knauf losließ, stand er

allein mit dem Toten am Wege. Er zog die Schneide zwischen die Lippen; das

Land, das er verließ, spritzte heiß nach ihm; er leckte das

glückverheißende Blut.

Lief stundenlang ohne Unterbrechung, der Gelbe Springer ihm voraus. Bis der

Abend kam, und er sich ohne Hunger im Walde niederlegte. Nach zwei Tagen,

in denen dem Verwahrlosten ängstliche Frauen, die ihm begegneten, Früchte

und rohen Reis reichten, umging er bei Anbruch des Abends eine Wiese, aus

der ihm das Singen und Rezitieren von Sutras entgegenscholl. Er erkannte

neben einem Feuer den jungen Buckligen aus Nan-ku. Es war eine große

Truppe.

* * * * *

In der Nacht, bevor er Ma-nohs Haufen verließ, kamen zwei Mädchen in sein

Zelt. Sie leuchteten mit gelben Papierlampions an Bambusstäben über sich,

lehnten die Lampions heimlich in eine Ecke. Sie wühlten den schlafenden

Mann aus dem Strohhaufen heraus, rieben ihm die Augen, sahen nebeneinander

kauernd aufmerksam zu, wie er sich aufrichtete, vorsichtig sein krankes

Knie herumbewegte und langsam anfing zu lächeln.

Er trug einen langen braunen Kittel, seine groben Füße waren bloß. Jedes

Mädchen nahm eine Hand von ihm und zog ihn in die Höhe, so daß er jetzt

beide in die Arme nahm und sich auf die nachgiebigen runden Schultern

stützte. So gehalten, die Köpfe aneinander gedrückt, warfen sie sich

furchtsame Blicke zu. Die Jüngere im linken Arm zitterte und suchte die

Finger der anderen zu fassen. Sie dachten beide, der schreckliche Zauberer

würde mit ihnen durch das Zeltdach fahren oder als Schlange sich um ihre

Hälse ringeln.

Aber Wang ließ sie los, strich ihnen nacheinander die geradegeschnittenen

Ponys auf den Stirnen glatt. Sie waren entzückt. Die Jüngere schüttelte

sich und knirschte mit den Zähnen. Sie kniffen in seine Arme, die er

ausgespannt zwischen ihnen hielt. Sie tasteten rechts und links seine

Muskeln ab, schoben sich an seinen Ellenbogen hoch, schwebten, indem die

Ältere noch rechtzeitig den Brustausschnitt von Wangs Kittel erwischte, als

die Jüngere schwankend an ihrer Schulter zottelte. Plötzlich bückte sich

die Jüngere, die über Wangs Vorderarm schaukelte und mit den Fingern seine

Brusthaut kratzte und klöpfelte, vornüber, wobei sie die andere mit

herunterzerrte, biß in den Vorderarm dicht am Handgelenk wie ein junger

verspielter Hund in einen Knochen, rutschte interessiert auf die Füße und

stand nun kauend und schnappend da vor Wangs unbeweglichem gelbbraunen

linken Arm. Sie blickte schief auf in das Gesicht des Mannes, wartend, daß

er einmal zuckte, erschreckt, daß er noch immer nicht zusammenfuhr. Die

Härte schmerzte ihre Zähne. Sie schmatzte ermüdet mit den Lippen und

beleckte sich.

Sie war aus Schen-si gebürtig, klein, flink, geschwätzig. Man konnte sie

für einen Pudel halten oder für ein Kaninchen. Sie log gern und viel, auf

eine gewisse dumme Weise, wie es ihr gerade einfiel. Sie war mit der

anderen als Haussklavin auf dem Landsitz einer Familie bei Kwan-ping tätig

gewesen, floh, als im Zimmer ihrer Herrin durch ihre Unvorsicht Feuer

ausbrach, wagte nicht zurückzukehren, ließ sich vergnügt von drei

bettelnden Schwestern zum Lager der Gebrochenen Melonen führen. Sie war

faul, sagte ja zu allem, ließ sich nicht belehren.

Die andere, nicht größer als sie, aber voller, mit einer längeren Nase,

viel feiner als die Jüngere, log nicht weniger, mehr in einer

großsprecherischen prahlerischen Art. Sie neigte leicht zur Sentimentalität

und zur Eigenbeweihräucherung. Von Zeit zu Zeit litt sie unter

eigentümlichen Verstimmungen Monate hindurch, trug sich mit abenteuerlichen

Vorstellungen und mit Selbstmordgedanken, schon von ihrem zwölften

Lebensjahr an. Später nahm sie, als hätte sie etwas Großartiges erlebt,

gern eine Märtyrermiene an, gestand aber leicht, wenn man auf sie eindrang,

daß sie ohne Heimat, ohne Eltern und Sippe sich sehr quäle unter der Leere

und Aussichtslosigkeit ihrer Existenz. Sie hielt sich für etwas Besonderes,

hing innig, ja leidenschaftlich mit ihren Freundinnen zusammen, vertrug

sich nur auf Wochen, galt als klug, schön und zänkisch. Wäre sie nicht in

das Haus ihres ehrenwerten Herrn, sondern eines geschäftskundigen Mannes

gekommen, so wäre sie längst an eine Theatertruppe verkauft, wo sie sich am

glücklichsten entwickelt hätte.

Wang fuhr in seine Hosen und Sandalen. Die Mädchen wollten ihm helfen. Sie

arbeiteten plappernd an ihm herum. Die Jüngere bot sich ihm in Erregung an,

indem sie zwischen allerhand Gefrage erzählte, daß sie über fünfzehn Jahre

alt wäre und froh sei, auf einen so furchtbaren Dämonenbezwinger gestoßen

zu sein. Ach, sie wollte so gerne Blumen mit ihm pflücken. Wang meinte, er

wolle darüber nachdenken, stieß, als sie ihn umsprangen, eine nach der

andern hin. Der Jüngeren platzte am Hals und unter den Achseln der Kittel.

Sie zeigte Wang erfreut und verschämt die armseligen Rundungen ihrer Brust.

Die Sentimentale stand schmollend, da die Kleine sie immer mit der Schulter

anwippte, sie weggehen hieß, ihr von rückwärts über die Nase patschte.

Als nun Wang die Kleine bei den Schultern ergriff, sie über den Moosboden

herumwirbelte, das Mädchen schwindlig wurde und losgelassen hinschießend

sich ihre zu straffe Hose aufschlitzte, schimpfte die Sentimentale; das

hätte sie nicht in dem Hause ihres ehrenwerten alten Herrn gelernt. Wang

nahm auch sie bei den Schultern. Sie riß sich aber los, sagte mit

niedergeschlagenen funkelnden Augen, sie wolle einen Vorschlag machen. Sie

wolle mit der Kleinen ringen oder Steine heben oder was die Kleine meine.

Sie wollten sich messen. Der Mann hetzte sie aufeinander, dann setzte er

sich in das Stroh. Sie mußten neben ihn kauern, er begütigte sie, liebkoste

ihre glühenden Gesichter, die sich noch immer verbittert voneinander

abwandten.

Er erzählte ihnen unter Getändel Geschichten, die er noch in Tsi-nan-fu

gehört hatte.

Die ofenschwarzen Massen der Nacht lockerten sich. Ein graues dünnes Gas

fugte sie auseinander und verteilte, verflüchtigte sie in große Räume. Der

Katalpawald, abgedeckt, trat wie ein Bock hervor mit gesenkten Hörnern.

Wang legte den blauen Kittel an, hing sein Schwert um den Hals. Sie sollten

laufen, ihre Almosenschalen und was sie sonst hätten, holen; sie müßten

zusammen aufbrechen. Als er neben ihnen marschierte, langsam und mit

Schonung des Knies, sagte er ihnen nicht, warum er so heimlich aufbräche

und wohin sie gingen.

Er wanderte drei Wochen durch das mittlere Tschi-li, schickte Boten in

viele größere Ortschaften und Städte, die schon von Schan-tung her

benachrichtigt waren, daß die Wu-wei unter Wang-lun aus Hun-kang-tsun zu

den Vaterlandsfreunden der Weißen Wasserlilie gehörten und auf jede

erdenkliche geheime Weise zu unterstützen seien. Wangs Boten liefen als

Feigenverkäufer; in ihrer schmalen langen Kiste lag zwischen einer Schicht

von Feigen das Erbschwert Chen-yao-fens, der Gelbe Springer mit einem Brief

Wangs in der verabredeten Schreibweise der Weißen Wasserlilie, in der je

nach einem mündlich zu übermittelnden Zeichen nur der dritte und dann der

siebente Charakter gelesen wurde; von einem bestimmten Zeichen an jeder

zweite und dann der vierte. Die Geheimhilfe der Weißen Wasserlilie wurde in

kurzer Zeit mobil gemacht; es herrschte unbedingtes Vertrauen auf das

Komitee in Schan-tung.

Zugleich änderte Wang-lun seine Anordnungen für die Lebensweise der Brüder

und Schwestern; er duldete und wünschte in ärmeren Gegenden die vollkommene

Auflösung und Zerstreuung der Brüder und Schwestern in Ansiedelungen,

Dörfer, Städte. Wang gab darin dem Wunsche zweier Mitglieder des Pelien-kao

nach, die ihm antworteten, sie billigten nicht den strengen Abschluß der

Wahrhaft Schwachen, ihr eulenhaftes Wesen; es sei nötig, daß man sich nicht

nur brieflich verbünde; unter der Süßigkeit der Feigen liege doch kein

Schwert. Aber Wang gab zugleich den Angesehenen aller Haufen heimliche

Weisung, die Brüder und Schwestern vor ihrem Eintritt in menschliche

Siedelungen zu warnen, sich den Brüdern der Weißen Wasserlilie

gleichzustellen. Vaterlandsfreunde seien alle, aber die Wu-wei nur

friedlich und leidend, die echtesten Kinder ihres armen Volkes, das niemand

wahrhaft in Krieg verwickeln könne, weil es wie das Wasser immer flösse und

die Form jedes Gefäßes annehme.

Nachdem Wang-lun im mittleren Tschi-li solchermaßen für die Sicherheit der

Brüder und Schwestern gewirkt hatte, wäre er frei von Tätigkeit gewesen und

hätte sich seiner eigenen Vorbereitung für die große himmlische Reise

widmen können. Aber ein Pferd mit einem Pfeil im Schenkel kann nicht

grasen, und ein Wind, der gegen den Bannerpfahl rennt, schweigt nicht. Es

gab Abende für Wang in diesem Sommer, wo er in einer verlässigen Teestube

sitzend, auf dem Wege durch einen Wald, von dem Gedanken an Ma-noh

überfallen wurde und von diesem Gedanken niedergekrampft wurde. Eines Tages

überwand er sich und schickte einen Boten, einen raschen jungen Mann mit

einem Brief an Ma-noh, in dem er ihn bat, ihre Begegnung zu vergessen und

ihm die Seelen wieder herauszugeben, die jetzt berauscht wären, und selbst

mit ihnen zu ihm zu kommen. Nicht einmal der Bote kehrte wieder.

* * * * *

Es geschah, wie Ma-noh gesagt hatte: nie war unter den Brüdern und

Schwestern die Inbrunst der Andacht, Weichheit des Gefühls, die Süßigkeit

der Lebensempfindung größer, als seit dem Morgen, wo man sich laut zur

Gebrochenen Melone bekannte. Nach ein paar Monaten weilte niemand mehr von

ihnen auf dieser Seite des Daseins; in den Landschaften, die sie durchzogen

hatten, ging noch das leise Gerede von ihnen und daß über ihnen das höchste

Glück gestanden hätte.

Als die Gebrochene Melone noch nicht die Abhänge des Tai-han-schans

nördlich Schun-tös erreicht hatte, griff eine Räuberhorde den endlosen Zug

der Brüder und Schwestern an. Sie wanderten eines regnerischen Nachmittags

über die monotone Lößlandschaft. Der Troß schleppte Karren, breite Wagen;

über diese fielen die bewaffneten Strolche, an der Zahl achtzig, her in der

Meinung, Beute zu machen. Als sie nur Bretter, wenig Reis, Bohnen und

Wasser fanden, dazu eine nicht kleine Anzahl von Kranken, warfen sie die

Wagen um, verunreinigten die Wassertonnen, nahmen die Säcke mit

Lebensmitteln an sich. Die meisten Brüder des Nachtrabs waren geflohen;

sechs beherztere, die sich der Kranken annehmen wollten, wurden mit

Fußstößen und flachen Säbelhieben verjagt. Einem, der auf die Verbrecher

einzureden versuchte, wurde unter allgemeinem Gelächter die Zunge

abgeschnitten und an die Stirn gebunden. Die Räuber, die jetzt merkten, mit

wem sie es zu tun hatten, machten eine lustige Hetze auf einige Schwestern.

Unter dem brüllenden Gesang eines frommen Liedes, das eine Schwester in

ihrer Todesangst angestimmt hatte, als man sie auf den Boden warf, zogen

sie mit elf entkleideten gefesselten Mädchen ab.

Die Bündler schoben sich inzwischen nach vorn um Ma-noh und die Älteren.

Hier verdichtete sich der Wirrwarr von Aufschreien, von ratlosen Grimassen,

von einknickenden Knien. Sie suchten die Gruppe der Führer von rückwärts zu

umfassen und zum Stehen zu bringen. Die schälten sich heraus, streiften mit

Gewalt die Arme zurück, die sich ihnen vorstreckten, schüttelten die Köpfe,

drangen weiter, indem sie die Berührungen von ihren Schultern und Rücken

abstrichen.

Was wollten die Brüder und Schwestern! Ob sie nicht wüßten, wie die

kostbare Lehre ihres Bundes hieße! Nicht widerstreben! Ob sie das nicht

wüßten?

Auf die Kalkweißen sauste erst jetzt die Furchtbarkeit, das grausig Einsame

ihrer Lehre nieder. Sie flatterten umeinander, rissen ihre krampfenden

Blicke von dem Nachtrab ab, zwangen ihre Füße auf die Spuren Ma-nohs. Sie

kehlten, sich windend unter den Schreien, ein überschlagendes Lied, nur für

ihre eigenen Ohren bestimmt. Sie riefen heimische Geister an, trösteten

einander.

Ma-noh wanderte langsam mit den Älteren unter dem tropfenden Regen. Die

Älteren rangen flüsternd die Hände, warfen sich Blicke zu, blieben stehen,

wünschend, daß sie der Erdboden verschlinge. Ma riß die Augen auf; ein

starrer Wutausbruch. Warum sie nicht zu Dolchen und Messern griffen? Der

Unterschied zwischen diesem Leiden und jedem anderen, worin liege er? Der

Unterschied, worin er liege? Ja, man müsse sich zwingen, dies gut zu

finden, ja sehr gut, dies anzubeten, denn dies sei das Schicksal. Genau

dies sei es.

Und er zwang sie und sich, umzukehren, über die Lößlandschaft weg die

Gewalttaten der Räuber an den Brüdern und Schwestern zu betrachten und dies

Gift zu schlucken. Den Brüdern verwies er das freche dumme Singen. Sie

warfen sich an den nassen Boden, lauschten zerschnitten herüber. Die

Bündler scharten sich um die feierlich kniende qualheischende Gruppe der

Führer.

Atemlose Stille. Offene Bühne. Kreischen der gebundenen Schwestern,

Entblößen der zarten Leiber, knallende Stockschläge auf die Köpfe der

Brüder, Gebrüll, trappelnde Pferde, unsicheres Wimmern der Kranken, leere

Ebene, Regen.

Um die Wagentrümmer ballte sich alles. Als die wassertriefenden Kranken zu

jammern begannen, konnten sich die Brüder nicht in die Gesichter sehen. Als

der Verstümmelte röchelte und sein blutender Mund klaffte, wandten sie sich

ab.

Bei der Besprechung abends in der Nähe eines Marktfleckens blieb Ma-noh

unerschüttert. Man redete nicht viel. Stöhnend, mit schmerzstrengen Mienen

trennte man sich. Dumpfe gärende Unruhe bei den Brüdern und Schwestern.

Fünfzig Brüder taten sich in der Nacht zusammen, forschten in dem

Marktflecken nach den Räubern. Sie stellten fest, daß diese Räuber in einem

Dörfchen, weit nach rückwärts von dem Flecken gelegen, hausten, daß es

Behörden wie Privatpersonen bislang nicht möglich war, das Nest auszuheben.

Man erfuhr auch von Landbewohnern, daß drei der geraubten Mädchen sofort

nach Schun-tö verschleppt seien, acht im Dorf festgehalten würden.

Die Brüder drangen in der Nacht darauf in die ihnen bezeichneten Häuser des

Dorfes, schlugen sich mit den Verbrechern herum, die einen militärischen

Angriff vermuteten und sich bemühten zu entwischen. Die Schwestern wurden

wiedergefunden und befreit, zwei Verbrecher und drei Brüder blieben tot im

Dorf liegen auf der mondbeleuchteten Straße.

Die Verwegenheit der Brüder wuchs so sehr, daß sie noch am nächsten Tage in

der Stadt den Aufenthalt der Mädchen auskundschafteten, welche in einem

obskuren Freudenhause wohnten. Sie besuchten abends in Gruppen zu dreien

und fünfen das Haus, hielten sich bis zur dritten Nachtwache auf, erbrachen

dann ohne Schwierigkeit die Türen, versteckten sich einen ganzen Tag bei

den Bettlern in der Stadt, gelangten nach einer Woche auf großen Umwegen zu

dem Halteplatz Ma-nohs an den blühenden Abhängen des Tai-hans.

Ma-noh, unterrichtet von dem Vorgefallenen, trug sich damit, sie

auszustoßen. Es war inzwischen schon die Mehrzahl der Bündler zu der

Auffassung bekehrt, daß das Wu-wei Mittelpunkt und Rettung sei, Mittelpunkt

und Rettung bleiben müsse. Die Befreier kamen beschämt. Wo die Trauer

aufrichtig schien, verzieh Ma. Fünf, die sich einsichtslos rühmten, wurden

verstoßen.

Es entspann sich ein erbitterter heimlicher Kampf zwischen Ma-noh und den

Widersachern im Bund. Der bald zutage tretende Sieg Mas zeigte die

ungeheure Gewalt, über die der völlig umgewandelte Mann verfügte.

* * * * *

In der fruchtbaren dichtbevölkerten Gegend am Fuße des Tai-hans entwickelte

sich aus dem Schoß des Bundes die heilige Prostitution.

Die Schwestern hatten sich schon nach dem Aufenthalt am Sumpfe von Ta-lou

gewöhnt, sobald sich ihnen auf der Wanderschaft, in einsamer Gegend,

Bergstraße, Wald, Männer näherten, zu ihnen heranzugehen, mit ihnen

freundliche Worte zu wechseln; auch Liebkosungen konnten sie sich nicht

entziehen, ohne Gefahr zu laufen. Diese Gepflogenheit wurde nach dem

Überfall vor dem Tai-han-schan allgemein.

Die Schwestern rüsteten sich, einen Wall von Sanftheit um die Gebrochene

Melone aufzuwerfen. Sie gingen nicht in dem lumpigen Bettlerinnenzeug,

suchten sich mit Hilfe der Brüder bunte Kleider zu beschaffen, schön

bemalte Schirme, feine Haarkämme. Alle Tage fanden sie sich abends

zusammen, und die kundigen lehrten sie die entzückenden Liebeslieder der

bunten Quartiere singen, die Pipa zupfen. Wo die Arbeiter am Wege standen

und die kaiserlichen Straßen ausbesserten, an den Erdnußsuchern, die im

Acker wühlten, wichen sie nicht mehr ängstlich vorüber; sie kämpften mit

den Frauenwaffen, glitten vorbei. Es waren unter den bald fünfhundert

Frauen an zehn, die die Situation des Bundes Ma-nohs durchschauten, ihr

Schicksal an die Gebrochene Melone knüpften, mit Klugheit und

Entschlossenheit zur Festigung des Bundes beitrugen. Die jüngeren Schönen

bildeten die heilige Prostitution. Es würde sie niemand, so sagten sie,

hindern, den ebenen Weg zum Westlichen Paradiese einzuschlagen, jetzt, wo

sie alles, alles mit jedem teilten.

Es geschah etwas Befremdliches am Tai-han-schan, etwas Märchenhaftes,

Naives, von der Art eines Liedes. Die Bettlerhütten waren aufgeschlagen,

die Männer gingen in die Berge hinein, wo Ansiedlung an Ansiedlung stieß.

Die Mädchen liefen umschlungen über die schachbrettartig geteilten Felder.

Auf den schmalen Pfaden zwischen den Reis- und Weizenfeldern zerstreuten

sie sich. Der fauligweiche Boden dellte sich unter den leichten Füßen der

Glückbringerinnen. Zwischen dem Grün der Halme blitzte grelles Rot, auf

kindshohem Stengel eine straffgewölbte Blüte, seidenglänzendes Purpur: der

Mohn. Die Ponys der Mädchen klebten fest an den niedrigen Stirnen. An

bunten Gürteln trugen sie Almosenschalen. Diese und jene, nicht gewöhnt zu

gehen, bewegte einen Stab mit Messingbehang, den Rasselstab in der Hand.

Wenn eine Glückbringerin eine arbeitende Frau oder ein Mädchen traf, so

grüßte die geschmückte Bettlerin sie, nannte sich beim Namen, sagte, daß

sie zu dem Bund der Gebrochenen Melone gehöre, erzählte, nahm teil,

schenkte, wenn sie sich verabschiedete, ein kleines Tuchsäckchen mit Asche

oder ein Papieramulett mit Charakteren.

Ein Arbeiter fragte sie nach der Gegend, nach Richtung der Geisterpulse des

Bodens; sie ließ sich beschenken von dem ehrerbietigen, setzte sich mit ihm

hin an einen Feldrain, unter einen Sophorenbaum, aß, was er ihr gab, und

während er ihr entzückt zusah, erzählte sie von den wunderwirkenden frommen

Männern, denen sie zugesellt sei, von dem schweren Schicksal, das sie

erlitten habe. Und damit trippelte sie davon, indem sie sich oft umwandte

und zum Gruß verneigte. Wen die heilige Prostituierte neben sich zittern

und ängstlich blicken sah, tröstete sie, indem sie sich entfernt von ihm

setzte und ein paar kleine fremde Lieder sang. Sie lüftete am Halse ihren

losen Kittel, zog ein rotes Tuch heraus, band es sich um das Gesicht.

Hinter dem Tuch klang ihr Lachen, und so gönnte sie dem Beglückten alles,

was er wünschte. Kam wieder den Weg, bis sie aus der Gegend verschwand.

Rasch flog das Gerücht von dem neuen Bunde in die Städte, die bunten

Quartiere, in die Theater, die Teehäuser. Sklaven und Sklavinnen,

Schauspielknaben und bemalte Damen entwichen. Vergebens taten sich die

Besitzer der Häuser zu Verbänden zusammen, appellierten an die Behörden,

verweigerten Konzessionsgebühren, um einen Druck zu üben.

In aller Munde war die Geschichte des jungen Fräuleins Tsai aus

Tschian-ling und wie sie entfloh. Sie war ganz jung verkauft worden an ein

wenig renommiertes Haus.

Als sie den Restaurationsbetrieb geleitet hatte im Innern des Hauses und

infolge des unausgesetzten Genusses von heißem Wein magenleidend geworden

war, -- ein Wein, der mit den liebeanregenden Zusätzen gewürzt wurde --,

überlegte sie in einem nüchternen Augenblick, ob es nicht besser wäre, zu

hungern und zu frieren, als dauernd zu erbrechen, sich schlagen zu lassen

von der Besitzerin und an Lastenträgern, Ölhändlern, Schiffziehern

Liebeshandlungen zu verrichten.

Da sie in keiner Weise geschont wurde und sich völlig ruiniert fühlte,

sprang sie aus ihrer offenen Sänfte, deren Träger sie reich bestochen

hatte, in das Magistratsjamen, wurde sogleich verhaftet, nach Aburteilung

ihrer viehischen Wirtin in das Rettungshaus gebracht, welches die Stadt

neben dem Gefängnis unterhielt. Sie lernte in den kurzen Wochen ihres

Aufenthalts dort nützliche Dinge, man hängte ihr Bild in den Glaskasten an

dem Eingang des Hauses für Männer, die sich hier eine Frau suchten.

Sobald nun ihr Bild ausgehängt und allen sichtbar war, berichtete dies ein

Bote der bestraften Wirtin, welche sich noch nicht von ihren hundert

Bambusschlägen erholt hatte; die Frau veranlaßte einen Neffen von sich,

einen Herumlungerer, den sie aushielt, sich an den Direktor des städtischen

Rettungsheims zu wenden, ihm erlogene Garantien für seine Person zu geben

und das Mädchen zur Frau zu verlangen. Nachdem der Bursche sich noch

heuchlerisch nach den guten Eigenschaften seiner zukünftigen Braut

erkundigt hatte, erklärte er, sie zu heiraten, holte sie in eine gemietete

Wohnung für ein paar Wochen ab und brachte sie dann seiner Tante zurück.

Das unglückliche Mädchen zerquälte sich den Kopf, um der Polizei den Betrug

zu melden; man kam ihr auf die Schliche, nahm ihr jegliches Geld weg,

sperrte sie ein, täglich schlug sie die Frau, bis sie nachgab und versprach

sich zu fügen. Wieder fing das zerrüttende Trinken an; mit

blutunterlaufenen Augen ging das Mädchen herum, völlig matt, sich tief

verneigend, wo sie immer die Wirtin sah, froh, daß man ihre Hände und

Fußsohlen ausheilen ließ.

Dann erzählte ihr eines Tages ein frisch angekommenes Mitglied des Hauses,

der dieses Leben nicht gefiel, daß sie einen Melonenkernverkäufer kennen

gelernt habe, der sich in sie verliebt hätte und ihr helfen wolle. Das

vielgehetzte Mädchen wurde halb widerwillig verleitet; sie setzten

gemeinsam mit drei andern Insassen des Hauses, die man ins Vertrauen

gezogen hatte, eine lange Klageschrift gegen die Wirtin und den Neffen auf;

die Novize übernahm es, das Blatt ihrem Verehrer zu übergeben; er sollte es

den ordnungsmäßigen Weg an die Behörde leiten. Der Melonenkernverkäufer

brachte auch den Brief an die richtige Stelle; aber ehe Beamte ins Haus

kamen zur Untersuchung der Angelegenheit, hatte der Neffe durch einen

untergeordneten Diener des Jamens, der die Schreibstuben ordnete, Kenntnis

von der Beschwerde erhalten.

Die Mädchen hörten ängstlich eines Abends durch den Fußboden seine erregte

Debatte mit der Wirtin im Empfangssalon unten, wegen der Maßnahmen, die man

treffen sollte. Da griffen die fünf kompromittierten gefährdeten Geschöpfe

zu einem Gewaltmittel; sie banden die Frau, welche auf dem Korridor die

Aufsicht ihrer Zimmer führte, nachdem sie ihr mit Papier den Mund verstopft

hatten; ließen sich an falschen Zöpfen und ihren eigenen, die sie rasch

abschnitten und schnürten, an der Hinterseite des Hauses herunter, liefen

Hals über Kopf durch die Straßen, versteckten sich bis zum Morgen hinter

der Stadtmauer und schlüpften, nachdem sie ihre eleganten Kostüme gegen die

Lumpen von Bettlerfrauen eingetauscht hatten, welche an den Mauern in

überdeckten Erdlöchern übernachteten, aus dem Tor eine nach der andern

hinaus.

Sie hätten es nicht nötig gehabt, sich zu überstürzen, denn die Wirtin und

ihr Neffe waren nach dem ersten Schreck froh, daß die fünf Anklägerinnen

verschwunden waren, und schickten ihnen jeden Segenswunsch auf den Weg.

Aber den fünf Mädchen peitschte die Todesangst den Rücken; sie liefen

gedankenlos Li um Li; warfen sich bei jedem Lärm von rückwärts lang auf den

Boden; schließlich, als sie einen Berg erklommen hatten und auf einem

unbetretenen Steinacker saßen, weinten sie sich zusammen ruhig.

Der weitere Verlauf dieser recht gewöhnlichen Angelegenheit ließ an

Banalität nicht zu wünschen übrig. Am Ende des ersten Tages trennten sich

zwei von den Mädchen ab, die vor Aufregung, Hunger und Furcht nicht

weiterkonnten, und blieben auf dem Magistrat des Dörfchens, das sie

erreichten, mehrere Tage, wartend, daß die benachrichtigte Wirtin sie

wieder holen sollte. Diese aber beschuldigte die Mädchen des Diebstahls und

der Verleumdung. Der sehr gutmütige Bürgermeister hielt ihnen nach ein paar

weiteren Tagen im Dörfchen dies vor und empfahl ihnen, lieber keinen Wert

darauf zu legen, in die Stadt zurückzukehren, weil sie ja tatsächlich

Kleidungsstücke entwendet hatten. Und so arbeiteten die verwöhnten Kinder

um kargen Lohn draußen auf den Äckern und in Ställen, verwünschten die

ganze Sache.

Die drei anderen Mädchen erreichten Ma-nohs Truppe nach fünf Tagen, welche

sie auf den Tod erschöpfen ließen, nach ununterbrochenem Wandern, Frieren,

Dursten. Man nahm sich ihrer sehr an. Aber zweien von ihnen behagte bald

das strenge stille Leben nicht. Man beachtete ihre Fähigkeiten und

Schönheit nicht genug. Die Gedankengänge unter den Schwestern und Brüdern

schienen ihnen langweilig, auch komisch. Die eine heiratete einen Bruder,

dem es ging wie ihr. Die andere, eine geschickte junge Person, ließ sich

von einem entlaufenen kaiserlichen Schauspieler ein paar der bei Hofe

beliebten Tänze einstudieren, lernte ihm Phrasen und höfische Interna ab

und wurde rasch als bedeutende Acquisition von dem Besitzer eines Teehauses

mit Varietee engagiert. Er ließ reklamehaft ausstreuen von Intrigen, denen

sie am Kaiserhofe erlegen sei und so weiter.

Nur die Blutarme, Gehetzte, die sich halb willenlos hatte mitziehen lassen,

blühte auf unter den Gebrochenen Melonen. Sie hätte dieses Glück nicht für

möglich gehalten. Zum ersten Male strahlte wieder etwas wie Hoffnung aus

ihren eingesunkenen Augen. Aber sie war diesem Leben am wenigsten

gewachsen. Ein fliegender Shi, wie sich die Kundigen der Bündler

ausdrückten, bohrte sich durch ihre Haut und Eingeweide. Sie erbrach Blut

und konnte nicht weiter. Man beschaffte für sie aus einer Dorfapotheke die

lebenerneuernden Pillen aus dem Mutterkuchen einer erstgebärenden Hündin.

Aber im schönen sommerlichen Feld blieb sie tot liegen und war ihr

jämmerliches Dasein los.

Der Ruf der heiligen Prostitution verbreitete sich weit in diesen

Landschaften. Vielleicht trug nichts so dazu bei, die Sekte bekannt zu

machen. Die Behörden und die hetzenden Literaten in den Kung-tse-tempeln,

durch nichts gehemmt, konnten doch zu keinem Entschlusse kommen über die

Maßnahmen. Man konnte nicht die vielen hundert, zu denen entartete

Angehörige der ältesten Familien gehörten, durch Polizei und

Provinzialtruppen niedermetzeln lassen; das Schauspiel der Abschlachtung

von Wahnwitzigen, die sich mit keiner Handbewegung wehren würden, wagte man

nicht.

Man suchte durch Milde und sanfte Gewalt die Bündler zu bewegen, sich zu

zerstreuen. Als jedem Versuch ein rundes Nein entgegengestellt wurde,

verboten die Präfekten allen Ortschaften und Ansiedlungen, denen sich die

Bündler näherten, die Gewährung von Speise und Trank an sie. Einzelne

Präfekten arrangierten auf eigene Faust, unterstützt von ihren Behörden,

Unternehmungen gegen die Bündler. Sie bedienten sich des Aberglaubens der

Bevölkerung; streuten Gerüchte aus, daß die Bündler schöne Frauen aus

einzelnen Dörfern mit Gewalt entführten, daß sie im Besitz

lebenverlängernder Pulver seien, die sie für sich behielten. Auf Grund

solcher Gerüchte erfolgten kleine Überfälle auf Bündler, die sich eben von

dem Lagerplatz entfernt hatten. Man zog sie nackt aus, verbeulte sie. Die

geheimen Veranstalter hofften durch solche Angriffe den Zulauf zum Bund zu

mindern und über die Bündler Angst zu werfen. Unvermindert blieb die Ruhe

der Gebrochenen Melonen, unverändert wirkte die Suggestivkraft des

Westlichen Paradieses, das sie dem verhießen, der ohne Unruhe und von

keinerlei Begierde getrübt dem Tao folgte; nur sie wüßten das reine echte

Tao, und sie würden sich jener Kräfte bemächtigen können, von denen die

alten Lieder singen.

Als solche Angriffe auf die Bündler wenig Erfolg hatten, zogen sich die

Präfekturen von der Angelegenheit zurück, erstatteten den

Provinzialbehörden Berichte, warteten ab.

Eifrig wurde in den Kung-tse-tempeln geschürt. Die Literaten, ehemaligen

Regierungsbeamten, die zur Disposition Gestellten, ihre Freunde, alles

Offizielle im westlichen Tschi-li betrachtete die Gebrochenen Melonen als

persönliche Feinde, die man um so heftiger bekämpfen mußte, als der

Regierung offenbar noch die Hände gebunden waren. Hier hatte man nur Furcht

vor dem schlimmen Eindruck einer Niedermetzelung auf das Volk, sonst wäre

längst alles erfolgt.

Bis eines Tages ein alter Militär, vom Rang eines Ti-tu in Schun-tö, dem

religiöse Streitigkeiten zuwider waren und der sich nach Pe-king beliebt

machen wollte, vorschlug, er wolle die Vernichtung der Gebrochenen Melone

übernehmen auf eigene Verantwortung, wenn man ihm eine größere Geldsumme

zur Einstellung einer Anzahl ehemaliger Soldaten, wahrhafter

Vaterlandsfreunde, zur Verfügung stellte. Die Summe durch rasche

Subskription der erfreuten Verschwörer zusammengebracht, machten sich eines

Nachts zweihundert Mann von Schun-tö auf, um noch vor Morgen im raschen

Marsch die Bündler zu erreichen, ehe sie ihr Lager verließen; der Ti-tu

unter ihnen. Am frühen Morgen kam es dann zu dem berüchtigten Blutbad bei

einem Dorf, nächst dem sich das Lager der Gebrochenen Melonen befand.

Das Gerücht von der Ankunft einer bewaffneten Bande hatte schon tagelang

vorher die Bewohner dieser Gegend alarmiert; man zweifelte an der

Möglichkeit eines Vorgehens gegen die harmlosen Menschen. Immerhin hatte

das Auftreten des Bundes und die heilige Prostitution bereits hinreichend

gewirkt, um eine große Anzahl von Bauern in der Morgenfrühe dieses Tages

auf die Beine zu bringen. Sie liefen in Haufen von allen Seiten an, als

Wehegeschrei aus dem friedlichen Lager scholl. Am Eindringen wurden sie

durch flüchtige Brüder und Schwestern gehindert. Dann Keule gegen Keule.

Sensen rissen schwertschwingende Hände weg. Spitze Bambuslanzen bohrten

sich durch anrennende Leiber. Über Rücken meuchelnder Soldaten wuchteten

Balken und Wurzelkloben. Maulaufreißen, Ächzen, Dumpfen, Knallen.

Schweißdampf, dünne Blutsäulen, unregelmäßiger Rhythmus von Stille und

Gebrüll. »Kuan-yin hilf!« Nach einer halben Stunde war der Dämon des Orts

gesättigt. Hundert Soldaten blieben liegen, über zweihundert Schwestern und

Brüder, vierzig Bauern.

Die Bündler sammelten sich. Rasende Flucht entfernte sie von dem Platz.

Gegen Abend erreichten sie in nördlicher Richtung einen großen See, den die

Anwohner See der Eintracht nannten, hielten, entsetzt, daß man die

Einsargung und Beerdigung der Toten den Bauern hatte überlassen müssen. Ma

besänftigte. Er habe schon auf dem Wege von einer wissenden Stelle die

Äußerung empfangen, daß die toten Schwestern und Brüder wohlvorbereitet

gestorben seien; ihre Geister schwebten nach den erstrebten Bezirken auf.

Am mondhellen See beriet er mit acht Brüdern, was geschehen solle. Man

konnte sich nicht hinmorden lassen. Mit gemachter Entschiedenheit erwiderte

Ma, es sei gleich, an welchem Tage man sterbe; es käme nur auf die

Bereitschaft des Geistes an. Er redete flau und fühlte, daß er nicht das

Richtige für die ungeheure Lage traf. Er konnte nichts erwidern auf die

Frage, ob man nicht sehen müsse, sich gut vorzubereiten, statt in den Tod

zu rasen.

Hunderte über hunderte rotteten sich zusammen unter dem Banner der

Gebrochenen Melone; aber keine Überfahrt in die ersehnte Heimat bereitete

man ihnen, keinen Hafen für die Verdorbenen und Verunglückten. Nicht anders

als Betrug konnte man es nennen, Schändung ohne Gewissen. Zur Schlachtbank

führte man sie, zur Schlachtbank und nicht zum Westlichen Paradies.

Zu der Musik der scharrenden Schilfrohre flüsterten sie. Ma-nohs trostloser

heißer Blick haftete fast irre an der großen Klosteranlage auf der anderen

Seite des Wassers. Er konnte in der Helligkeit des Himmels alle

Einzelbauten der Lamaserie erkennen, die vielen Kapellen, die große breite

Gebethalle, die Wohnhallen der Mönche. In solchem stillen Hause wohnte er

lange Jahre. Jetzt lag er ausgestoßen mit vielen hundert Menschen wieder

vor seinen Toren. Durch einen See getrennt.

Die Brüder würgten sich verzweifelte Entschlüsse ab. Der Bund sollte

aufgelöst werden. Die grauenhafte Verantwortung wollte keiner tragen. Sie

flehten Ma an: »Was tun, was tun?« Morgen, übermorgen, in einer Woche

kommen die Provinzialtruppen, umstellen die Gebrochene Melone,

zerschmettern Brüder und Schwestern. Kein Zweifel; noch heute Bericht von

Ortsbehörden an Präfektur, Tsong-tou; Friedensbruch in der Provinz;

baldiger Eingriff der Regierung. Was hat die Gebrochene Melone verschuldet,

daß das geschah? Alles Klagen hilft nichts. Was soll geschehen? Die teuren

Brüder tot, die feinen Schwestern, die frommen Wanderinnen tot. Blutsäulen,

zerspaltene Stirnen, willig hingehaltene Hälse: unausdenkbar das alles,

überqualvoll, zermalmend, zwischen saurem Schweißdampf und hetzendem

Gröhlen Aufstieg in die Westlichen Bezirke. Der Bund, der Ring zerbrach.

Ma-noh saß still, horchte auf sich. Er erinnerte sich auf einmal jener

ersten Unterredung der Nan-ku-Bettler mit Wang-lun in seiner Hütte. Man

drängte Wang um Schutz von der Weißen Wasserlilie. Für die Gebrochene

Melone gab es keinen Schutz, sie war ohne Freunde, Wang-lun hatte sich

erhoben mit seinem langen Schlachtschwert, in der Nacht das Lager seiner

ehemaligen Brüder verlassen.

Ein siedender Haß auf Wang-lun übergoß Ma. Sein Arm wurde von innen

geschüttelt, seine Zähne geknirscht. Ein Entschluß stürmte durch seine Knie

in seine Zehen, rüttelte an seinem Zwerchfell, so daß sein Atem still

stand; wie von Blitz und Donnerschlag war er widerhallend durchrollt.

Die schmalen bunten Gebetswimpel auf den platten Dächern drüben schaukelten

im Wind, stellten sich auf.

In stummer Frühe ließ Ma den Lagernden ein Zeichen geben. Man rauschte um

den See. Rasch waren die Klosteranlagen von den Menschen umfaßt, bevor die

drei ersten Stöße des Muschelhorns die Brüder drin zur Frühandacht weckten.

Ma schlug mit der Faust an das Tor. Fünf seiner Brüder folgten ihm über den

Hof in das hochgelegene Zimmer des Chan-pos. In dem kahlen hohen Zimmer, in

das ein paar Stufen vor einen verhängten Raum herunterführten, stand der

Chan-po vor einem prachtvoll geschnitzten Wandtisch, der die Bilder

Verehrungswürdiger trug; ein noch junger Mensch mit ruhigen geistvollen

Zügen. Ma-noh in seinem Flickkleid hatte sich nicht von dem Pförtner

abweisen lassen; der Prior wartete zu hören, was so dränge. Er schien nicht

gewillt, die sechs Fremden ohne weiteres als Gäste zu betrachten; nach der

Begrüßung schwieg er.

Ma nannte seinen Namen und die der Begleiter, erklärte mit kalter

Beherrschtheit, daß er mit dem Prior über eine wichtige Angelegenheit

verhandeln wolle.

Der entgegnete, daß die Almosenverteilung Sache eines Bruders sei, zu dem

sie der Pförtner führen würde; der würde sie auch über ärztliche

Hilfeleistungen und Stillung augenblicklicher Not beraten.

Ma-noh wollte den Chan-po sprechen.

Er lud sie zögernd zum Sitzen auf den Kniehockern ein, mit dem Hinweis, daß

die Frühmesse bald beginne.

Ma-noh, hinkauernd, erklärte, daß ihre Zeit sich auf die Zeit zwischen zwei

Atemzügen beschränkte und sie bald zu Ende sein würden. Ob der gründliche

Kenner der heiligen Saktastexte aus den Göttergesprächen magische Formeln

gelernt habe, mit denen man Menschen vor der völligen körperlichen

Vernichtung retten könne.

Der Prior staunte den kenntnisreichen Bettler an und sagte langsam, er

wüßte einige schützende Silben, indem er seine gelben Augen auf den Mann

richtete.

Ob, fragte Ma weiter, der wissende Prior den schützenden Silben so

vertraue, daß er sich selbst mit ihnen in Gefahr begeben würde.

Der Chan-po, tiefer erstaunend, erklärte, er vertraue diesen Silben und

manchen anderen; aber ob der Frager vielleicht ein verkleideter Ge-long

sei, wozu er ihn aufsuche und examiniere; was dies bedeute und wer sie

wären.

Ma-noh, mit ihm zusammen aufstehend, meinte, es sei kein Anlaß, die

Unterhaltung, die eben beginne, bald am Ziel sei, schon abzubrechen; und

eine verlorene Frühmesse wiege für die Heiligkeit nicht so viel wie der

Mord an tausend Männern und Frauen. Denn sie könnten ohne Umschweif und

Höflichkeit verhandeln; ob der erleuchtete Chan-po mit seinen fünfhundert

Mönchen gleich in die Ebene hinuntergehen würden, von Verbrechern verfolgt,

aber vertrauend auf die Tantrasformel? Ob der erleuchtete Chan-po sich

herablassen würde, einen Blick zum geöffneten Fenster hinauszuwerfen und zu

sehen, was die Nacht draußen verändert hätte. Der Abt mit zwei Schritten

gegen das Fenster, riß es auf; Murmeln der Mönche über den Hof, das

schimmernde Seeufer, soweit man sehen konnte in dem Morgennebel,

geschwärzt, eingefaßt von hunderten sich regenden Menschen, Männern und

Frauen, Wagen, Karren; sie hielten sich so still, daß nicht einmal die

Mönche draußen, die zur Messe gingen, etwas ahnten.

Das Gesicht des Abtes, viereckig, gefroren, wandte sich nicht um; er

gurgelte: »Sind das die Verbrecher, die uns verfolgen?«

Ma-noh, neben ihn tretend, schloß vor seinem Gesicht rasch das Fenster;

dies seien die Verfolgten, die von ihm Schutz verlangten. Aber niemand

könne freilich sicher sagen, wann aus Verfolgten Verfolger und Verbrecher

würden. Sie seien die Gebrochenen Melonen; ein unkeuscher Name für das

keuscheste Ding; sie seien heute morgen massakriert worden; ihre Toten

lägen noch einen Tagesmarsch hinter ihnen auf dem freien Felde; jetzt

verlange er, Ma-noh, für seine gehetzten Menschen Wohnung, Mauer und

Schutz.

Es klopfte gegen die Tür; der Abt drehte den Kopf. Er könne nicht kommen

zur Andacht; man möchte ihn vertreten; man möchte nicht zu langsam lesen

und bald den vertretenden Bruder Ge-long zu ihm heraufschicken.

»Was, mit geraden Worten, Bruder Ma-noh, willst du von mir?«

»Du sollst uns aufnehmen in dein Kloster, Männer und Frauen, und dann die

Tore verschließen, großer Chan-po.«

»Wie kann ich euch schützen? Ist der Schutz von verfolgten Heeren Sache der

Klöster? Wer im Freien steht und den Blitz auf sich zieht, warum schilt der

auf den Blitzschlag?«

»Niemand schilt. Wir brauchen keine Belehrung. Wir brauchen Schutz. Wenn

der große Chan-po mit seinen Mönchen nicht Platz genug für uns im Kloster

hat, so wird der große Chan-po mit seinen Mönchen das Kloster verlassen

müssen. Auf ein paar Wochen. Bis es besser für uns geworden ist. Hier gibt

es keine Wahl für uns Gehetzten. Dies ist die gerade Antwort. Und auch für

den Chan-po gibt es keine Wahl; wenn er nicht in zwei Tagen mit unserem

Blut befleckt dastehen will und seinen schrecklichen Wiedergeburten

nachweinen wird. Auf seinen Schultern die Last von hundert unbefreiten

Menschen.«

Ma-noh wartete mit den fünf Brüdern in einem Zimmer des Erdgeschosses; sie

tranken seit langer Zeit wieder den feinen heißen Tee aus bemalten Tassen.

Die Stimmen des Abtes und seines Stellvertreters klangen abgerissen

herunter. Nach einstündiger Beratung ließ der Abt sie wieder rufen. Er

hielt mit erblichenem Gesicht noch das schmuckreiche schwarze Gebetszepter

in der Hand; neben ihm stand sein Stellvertreter, ein scharfer grauer Kopf

mit mongolischen Zügen. Eindringlich sanft bat der Abt Ma-noh, das Kloster

mit allen Schätzen gut zu verwahren; er möchte ihm Boten schicken in das

kleine Kloster jenseits des Flusses, wohin er selbst zöge, und ihm

mitteilen, wann die Gefahr für sie vorüber sei und sie das Kloster

verließen. Beim Amithaba habe er gebetet, daß die Seelen der unglücklichen

Verfolgten gerettet würden.

Ma ging mit straffen Schenkeln über den Hof, der von aufgeregten Mönchen

wimmelte. Die Tore öffneten sich; man umringte ihn draußen. Dann erhob sich

das Jauchzen, das sich lauffeuerartig fortpflanzte.

Als die heiße Sonne eben im Mittag stand, schoben sich die mächtigen

Torflügel auf. Man sah aus vielen Höfen die Mönche zusammenströmen, sich

hintereinander ordnen, sich um liegende Geräte mühen. Der Auszug des

Chan-po mit der gesamten Mönchsschaft vollzog sich. Die Menschenmassen vor

dem Tore teilten sich.

Die Geistlichkeit, das allerhöchste Gut der Welt, erschien inmitten der

Armen, die einen dilettantischen, viel kürzeren, schmerzensreichen Weg nach

den ewigen Freudenhimmeln einschlugen. Voran junge Novizen mit leeren

Händen, unbedeckten Köpfen; die Ban-dis, kahle runde Schädel mit einem

kleinen Haarbüschel auf dem Scheitel.

Zu fünf nebeneinander Mönche mit langen braunen Kutten bis zu den Füßen;

viele hatten die rote Priesterbinde von der linken Schulter zur rechten

Hüfte umgeschlungen; manche trugen Überwürfe, weite gelbe Mäntel, die die

rechte Schulter nackt ließen. Alle unter schwarzen vierzipfligen Mützen.

Murmelton. Zu zweit trugen sie rote Paniere mit andachtgebietenden

Inschriften. In Sänften zuletzt die Priester aller Weihen, unter ihnen in

einer gelb ausgeschlagenen Sänfte der Chan-po. Zwischen den höchsten

Priestern Lehrlinge mit Polstern in den Händen, darauf die Altarstücke und

die sieben Kleinodien, kunstreich geschnitzte, gegossene Tiere; Elefant,

Goldfisch, Pferd, Opferschalen aus Silber, gebuckelte Teller, Gießkannen,

Metallspiegel, heilige Symbole der fünf Sinne. Auf bedeckten Karren fuhr

man fort das umfassende Buch, die Mutter genannt, zwölf schwere Bände in

holzgerahmten Seiten. Vor, neben der Sänfte des Chan-po krachten Mönche von

Zeit zu Zeit in die Gongs, pumpten ihre Lungen in die ungeheuren Posaunen,

die auf den Schultern der Vorangehenden ruhten.

Auf breiten Bahren schwankten die Bildsäulen der großen Götter vorüber;

unverhüllt blickten die wesenlosen Gesichter über die erregten Menschen,

ertrugen den frischen Duft des Sees. Da saß der Beryllglanzkönig auf dem

Lotosthrone; in der herabhängenden Rechten hielt er die mystische

goldfarbige Myrobalane; die beiden Buddhas mit der Löwenstimme und der

Kostbaren Kopfzier begleiteten ihn. Das furchtbare Bild der Heilspendenden

Göttin, die auf einem Blutmeer reitet, tauchte aus dem Dunkel ihrer Kapelle

in die warme helle Himmelsluft hinein; ihre blitzschießenden drei Augen,

ihre brennenden Augenbrauen vermochten nichts gegen das gleichmäßig heitere

Sonnenlicht, das in unverminderter Kraft über ihr schlangenbefangenes

Gesicht fuhr. Zuletzt schleppte der Pförtner seinen abgestandenen,

verkümmerten Leib an, gab Ma-noh, trübe Gebete keuchend, das unförmige

Vorhängeschloß des Tores.

Das Blasen der Posaunen tönte noch von der rechten Seite des Sees; ab und

zu puffte ein Gongschlag. Da strömte jubelnd, weinend, ernst der absurde

Troß der armen Gebrochenen Melonen in die leeren Höfe, die schlammbedeckten

Männer, die Verwundeten, die Blutbespritzten, die Mädchen mit den bunten

Kitteln und trockenen Blumen im wirren Haar, die Sängerinnen, die vor Angst

lachten, die stammelnden plappernden Blinden und Krüppel. Sie drangen in

die Höfe, die Kapellen, die Gebetshallen, aus denen die überirdischen

Götter ausgezogen waren, füllten jeden Winkel und jeden Raum bis zu den

bemalten Decken mit ihrem Elend.

* * * * *

Man richtete sich in dem Kloster ein. Während die Handwerker die Höhe und

Festigkeit der Ziegelmauern bewunderten, Lahme und Wundgeschlagene auf die

roten Diwane in der Gebetshalle gebettet wurden, Schwestern Bohnen und

Hirse aus den Vorratskammern schleppten und in den noch heißen Kesseln

kochten, saßen Ma-noh und seine Vertrauten in dem Zimmer des Chan-po,

sannen nach. Öfter sahen sie sich betreten an; man hatte Reichtum und

Schutz; aber dies war nicht gut. Sie saßen mit feuchten Kleidern in dem

gepflegten geschmückten Hause; auf Holzboden sickerten Schmutzlachen von

ihren Schuhen und Kitteln. Der scharfe und muffige Dunst stieg aus den

durchnäßten Stoffen, stach ihnen in die Nasen; ihre Augen tränten. In

unwillkürlicher Bewegung seufzte der jüngere ernste Liu, fragte: »Wollen

wir nicht hinuntergehen, auf dem Hofe für uns Zelte schlagen?«

Ma-noh ging mit ihnen; er sagte nicht »nein«, nicht »ja«. Metaphysische

Gespräche schwebten in den niedrigen Holzkorridoren, die sie durchgingen.

Hier war noch nie die Rede gewesen von Hunger, Totschlag; das Holz des

Hauses war getränkt mit Gedanken von der Erbauung und Vernichtung der Welt.

Ma-nohs Freunde spürten nichts von dieser Luft. Er schlürfte gebunden

hinter ihnen her; ihn erregten diese Zimmer und Gänge, als wenn sie mit

kleinen Geistern, rufenden stichelnden Geistern angefüllt wären.

Teilnahmslos erledigte er Besprechungen. Aus den alten Brettern schlugen

die Leute unten Hütten, Zelte auf den Höfen, um die Hallen unbewohnt zu

lassen. Er ging langsam wieder auf das Zimmer des Chan-po, konnte sich

nicht losreißen. Allein in dem großen leeren Hause hockte er im Zimmer des

Chan-po vor dem leeren Buddhaaltare, durch die Finger zog er einen

Rosenkranz, der neben einem Kniepolster lag, zählte die Perlen. Der muffige

Dunst von Kleidern konnte den weichen Weihrauchgeruch nicht verdrängen.

»Ma-noh, der geweihte Mönch von Pu-to-schan, sitzt wieder in einem

Kloster«, sagte er sich laut vor. Er fühlte, daß er ausruhte und es für ein

paar Augenblicke gut sein lassen wollte. Befleckt saß der Mönch im Kloster,

und schämte sich nicht, fürchtete sich nicht. Die Schreie der Ermordeten

hallten noch in seinen Ohren. Er atmete nach dem Blutbad, erinnerte sich,

daß er lebte. Rosenkränze, Buddhasäulen, die kostbaren Altarstücke, die

Kleinodien, sie konnten alles mitnehmen; man lebt, man atmet, findet sich

zurück. Den Elefanten hatten sie getragen, die Symbole der fünf Sinne;

Ma-noh verzog höhnisch sein Gesicht: dies war alles falsch, damit ist es

nicht getan. Eine neue Methode, ein anderer Weg! Klingeln, räuchern, beten;

sie sollten die armen Schwestern winseln hören! Sie manövrierten mit den

altersgrauen Tieren, den verstiegenen Reflexionen eines fremden Landes.

Alle heiligen Berge, alle massiven Klosterkomplexe standen nutzlos auf dem

Boden herum; mit dem Röcheln eines Bruders konnte man sie umwerfen. Wie

ehrfurchtfordernd der Chan-po eben dagestanden hatte; und jetzt trug man

ihn in irgendeine kleine Kapelle und er, Ma-noh, der hergelaufene

Einsiedler von Nan-ku, saß auf seinem Platze, lachte drohend die leeren

Altartische an; die Götter rissen bei seiner Ankunft aus. Was sind Klöster?

Orte, an denen man träumt und seinen Weg verfehlt. Nur die Mauern sind gut;

die Dächer sind gut. Sie schützen gegen Regen und nächtliche Stürme; sie

versperren Geistern den Weg; der Winter hockt vor der Tür.

Schutz gegen die Verbrecher. O, Klöster lohnten schon. Kein böswilliger

Halunke konnte einbrechen und Spieße in fremde Rücken bohren. Wie hat man

Brüder und Schwestern heute morgen hingemordet; zu Dutzenden fielen sie, so

ergeben haben sie gebetet. Wenn nicht die Bauern gekommen wären, so hätten

die viehischen Burschen, hinter denen ein Präfekt steckte, die ganze junge

Ernte niedergetrampelt. Schufte, Schufte! Er mußte zusehen, wie man seine

Leute hinschmetterte, wehrlos war er gegen die Schufte; er wollte ja

wehrlos sein. Irgendwo in Nordtschi-li ging jetzt Wang-lun herum, den

Gelben Springer an seiner Seite; er nahm Mord und Totschlag auf seine

Seele; die Wahrhaft Schwachen dehnten sich. Nur die Gebrochenen Melonen,

seine traurigen armen Schwestern und Brüder, waren heimatlos, pfadlos.

Sollte man denn sterben, sollte man wirklich die große Lehre so verstehen:

das Schicksal kommt von irgendwo, man stellt sich ihm in den Weg und läßt

sich köpfen? Sollte man sterben? Sollte man sterben?

Ma-noh wandte sich vom Boden ab, auf den er seinen Rumpf tief gebückt

hatte; bemerkte den Rosenkranz in seiner Hand, legte ihn beiseite, rieb

seine Hände, rieb seine Schläfen.

Es wäre gut zu sterben. Warum nicht? Es kam nicht darauf an zu leben,

sondern gut gerüstet, mit beladenen Armen an die Pforten jenes stillen

schönen Paradieses zu kommen. Jahre früher, Jahre später, das konnte nichts

bessern.

War man gerüstet? Aber war man gerüstet?

Ma-nohs Hand tastete nach dem Rosenkranz. Er richtete sich hoch, ging die

Stufen zu dem verhängten Schlafzimmer des Chan-po hinauf; zog den Vorhang

weg, warf sich, den Rosenkranz über die Brust gelegt, auf das Bett. Das

ungewohnte Klappern scholl durch das Haus; im Hof schlug man Bretter

zusammen; ein tiefes Singen wie aus dem Innern einer Blechkanne surrte aus

einer Halle.

Man war nicht gerüstet. Man brauchte Ruhe, Zeit, Eindringen, Vertiefung,

Mauern, Mauern! Bretterschlagen nutzte nichts; damit war es nicht getan.

Morgen war man totgeschlagen; und es war nichts erreicht. Trappelten nicht

schon die Füße der Verfolger? Voller Lärm das Leben, voller Haß und Angst:

so ging es nicht. Mauern, Mauern! Hier waren Mauern, hier, hier!

Eine stürmische Freude über die Masse, die draußen über die Höfe wogte,

durchdrang Ma-noh. Seine, seine Brüder und Schwestern, sie sollten den

guten Weg gehen; seine Menschen. Besser als die Cakyasöhne.

Nachdem eine Stunde verstrichen war, kamen Männer vor das Zimmer, klopften

an, ohne eine Antwort zu erhalten. Sie fanden Ma, den kleinen dürren Mann,

auf dem Bett eingeschlafen, er schien sehr entzückt zu träumen. Er sprang

auf, als sie leise wieder die Stufen heruntergingen.

Er war sehr still, ließ sich von ihnen die Hütte zeigen, die man für ihn

bestimmt hatte, bezog sie.

An diesem Tage und am folgenden kamen keine Angreifer; die Gebrochenen

Melonen zogen in gewohnter Art aus. Als schon fünf Tage verstrichen waren,

hatte Ma-noh kein Wort darüber verlauten lassen, was weiter geschehen

sollte. Er wartete. Wenn er die Höfe abging, war seine fliehende Stirn in

Falten gelegt; man störte ihn nicht; sein Ausdruck war gefährlich. Ma mußte

an sich halten; er sah die Grenzen seines Vermögens; der Bund stürzte in

Abgründe und er konnte es nicht hindern. Zähneknirschend mußte er warten,

bis die Brüder zu ihm kamen, selbst um Mauern bettelten. Er wagte diesen

Vorstoß gegen ihre Freiheit nicht; er hatte Widersacher; man würde ihm

nicht folgen. Sie genossen ihre Sicherheit. Sie wollten das Schicksal

herausfordern; es sollte sich nur entladen!

Juen mit einem fast quadratischen Gesicht, einer auffällig plattliegenden

Nase, kalten Blicken, einem Schädel fast ohne Hinterhaupt, hatte eine sehr

wechselnde Art zu sprechen; meist sprach er hingehalten, klebend; ab und

zu, es konnte sich um belanglose Sachen handeln, erging er sich in einem

rapiden, scheinbar unmotivierten Ausbruch, mit hitziger Mimik und Geste, so

daß man im ganzen die Vorstellung einer erheblichen Selbstbeherrschung des

Mannes gewann. Im Grunde konnte davon keine Rede sein; er beherrschte sich,

aber er beherrschte keine besondere Leidenschaft. Anfang dreißig, aus

Sze-chuan gebürtig, Sohn eines reichen Federhändlers, im untersten Examen

durchgefallen, ehrgeizig ohne Gaben. Er war bald träge, matt, bald wild;

meist wild, er fürchtete seine Unklarheit vorzubringen. Er suchte unter die

Bündler einzudringen, sich Ansehen zu verschaffen, indem er mit dunklen

Worten in Erregung um sich warf, Worte, über die er selbst später

nachdachte, weil er annahm, daß jede Gedankenarbeit in solcher Blindheit

geleistet würde.

Die beiden Vettern Liu mehr banalen Charakters, Fanatiker, sehr ähnlich in

ihrer Denkweise, etwa gleichaltrig; der kleinere Liu, der sich nach seinem

Kindsnamen das Dreierlein nannte, zwar sanguinisch wie der andere, dabei

aber zweifelsüchtig, fürchtend, daß nichts aus allem Gehofften würde, durch

seine fatale Zweifelsucht selbst viel bedrückt. Sie arbeiteten früher in

einem Porzellanwerk, dann ohne Beschäftigung verfielen beide aufs

Goldmachen, das ihnen ein frecher Bonze beibringen wollte. Auch jetzt

schleppten sie noch kleine Zinnoberkrügchen mit sich herum; sie erwarteten

Großes von den Kräften, die ihnen das Wandeln im Tao verleihen würde:

vielleicht würde ihnen die unsterblich machende Pille gelingen.

Juen verwickelte zuerst den Führer ihres Bundes in ein Gespräch darüber,

was nun geschehen sollte. Er fügte sofort hinzu, daß nach seiner Ansicht es

gar nicht nötig sei, das Kloster zu verlassen. Die Priester würden sich

schwer hüten, einen tätlichen Angriff zu inspirieren; und ob die Regierung

ihnen helfen würde aus freien Stücken, dürfte sehr zweifelhaft sein.

Ma-noh zeigte sich interessiert, legte ihm nahe, herumzuhören, was man

dächte über die Zukunft des Bundes.

Die beiden Liu waren bei allem Fanatismus tatsachengeschulte Köpfe. Sie

hatten unter sich oft die Frage ihres Bundes diskutiert. Für sie stand im

Vordergrund: der Bund dehnt sich aus, er wird von wahrhaft ernsten Gedanken

getragen, man muß ihm Zeit zur völligen Reife lassen; aber sobald es Winter

wurde, in ein paar Monaten, mußte es zu Ende sein mit der Gebrochenen

Melone. Sie hatten von Ma-noh einmal die entsetzliche Geschichte der

Bergläufer von Nan-ku bei einem verschwiegenen Spaziergang gehört; sie

zweifelten beide nicht daran, daß das Winterschicksal der Gebrochenen

Melone an Grausigkeit nicht zurückstehen würde.

Was sie eigentlich genauer und präzis beschrieben mit der »völligen Reife

des Bundes« meinten, wußten sie so wenig wie die meisten anderen, die

ähnliche Wendungen gebrauchten. Es war eine zu intensive Suggestividee, die

jeder Zergliederung spottete, die bei der Berührung Schrecken einflößte.

Die Idee ruhte im Hintergrunde, man konnte sich auf sie verlassen, man

vernachlässigte sie, man lebte den vorgeschriebenen Regeln nach und war

gewiß, daß automatisch zu einer gewissen Zeit die Dinge, welche die Idee

verhieß, sich erfüllen würden.

Beide stimmten ohne weiteres Juen bei, daß man das Kloster behalten müsse.

Nur das Dreierlein fing zu nörgeln an. Ob wirklich die Regierung nicht

angreifen würde, und dann sei der Platz für die Dauer zu klein, und woher

für immer die Nahrung.

Zu ihren Debatten zogen sie einen sehr phantastischen professionellen

Geschichtenerzähler namens Cha hinzu, der immer mit nacktem Oberkörper

ging, um möglichst viel von dem wirksamen Prinzip der Sonne, dem Yang, in

sich aufzunehmen. Ein gutmütiger Kauz mit schönen lebendigen und jungen

Augen, ein Mann, dem alle vertrauten, die mit ihm in Berührung kamen.

Ferner nahm Teil an den Unterhaltungen ein großer ernster Mensch, der

vielleicht in der Mitte der vierziger Jahre stand, Namen und Herkunft nicht

angab. Ma-noh wußte allein sein Schicksal. Er war hager, trug einen

ungepflegt hängenden Kinn- und Schnurbart, war von einer außerordentlichen

Güte und Höflichkeit gegen jedermann, dabei von einer ebenso großen Scheu

und Passivität. Vielleicht war niemand unter den Bündlern so korrekt in den

Gebeten und in der Wachsamkeit über seine Gedanken, so behutsam in der

Beachtung der Regel, nichts, weder Pflanze, noch Tier, noch Mensch unnötig

zu verletzen. Man nannte ihn die »Gelbe Glocke«, weil er fast beständig in

einer bestimmten Tonlage sprach, die dem Grundton Gung des ersten

Tonleiterrohrs entsprach, und dieses Rohr hieß Huang-dschung oder die Gelbe

Glocke. Die Gelbe Glocke war, das wußte man allgemein, der vertraute Freund

der schönen Liang-li, die ihr herrisches, leichtaufbrausendes Wesen in

seiner Gegenwart wunderbar beruhigte. Man zog diesen unbekannten Menschen

auch darum viel zu wichtigen Besprechungen zu, weil man Frauen zwar nie an

Beratungen teilnehmen ließ, aber Liang gern mittelbar hören wollte.

Der alte Cha äußerte sich negativ. Dieser Märchenerzähler wußte aufs

schärfste Märchen und Wirklichkeit zu trennen. Er stimmte den Gründen des

kleineren Liu bei und zwar mit strenger Bestimmtheit, machte Juen Vorwürfe,

wie er auf so niedrige Gedanken kommen könne, das Kloster den frommen

Mönchen mit Hinterlist abzunehmen. Er eiferte sich in eine große Erregung

mehrere Male hinein. Bei diesen Erregungen verlor er den realen Boden,

watete in Wut, kämpfte gegen kolossale Größen, gegen Mammuts der Phantasie,

die gar nicht in Frage kamen. Endete so, daß er nur an seiner drohenden

Kopfhaltung und dem schmetternden Tönen seiner Stimme erkannte, daß er sich

gegen etwas gewandt hatte; wartete eine Entgegnung ab.

Die Gelbe Glocke säuselte monoton; er wich aus, um nicht zu widersprechen.

Beschäftigte sich damit, den alten Cha erschreckt anzusehen und ihm einige

verbindliche Redensarten zu machen über die Stärke seiner Vorstellungskraft

und seine Gesinnung. Nach seiner Meinung gefragt dankte er für die Güte,

ihn für urteilsfähig zu halten. Er fühle sich diesen wichtigen

Entscheidungen nicht gewachsen, vertraue dem Beschluß der andern völlig und

unbedingt. Schließlich rückte er mit seiner eigenen Ansicht heraus, von der

er aber ausdrücklich bemerkte, daß sie nur die Richtschnur für sein

privates Dasein abgebe und daß er nie und um alles in der Welt nicht wolle,

daß andere sie für eine wirkliche Meinung ansehen. Und schließlich äußere

er sie nur, weil die Herren es wünschten und er die Herren nicht verletzen

wolle.

Er könne sich nur der Ansicht des weltkundigen Herrn Cha anschließen. Ja

wenn er es recht erwäge, könne und müsse er noch weitergehen, wenigstens

was ihn anlange. Man müsse sehen, wie man dem Winter und dem Hunger in der

alten Weise widerstünde. Wenn es aber sehr schlimm ginge, so müsse man

sterben, denn das sei das Schicksal. Und sie würden ja auch sterben, denn

sie begehrten alle nur nach dem Tao und nicht nach dem Leben. Wenn sie den

Frühling erlebten, so sei dies etwas Wunderbares und kaum Glaubliches.

Schließlich wüßte er nicht einmal, ob man dafür danken solle, denn jeder

Tag früher am Ziel sei wahrscheinlich verdienstlicher als jeder Tag später.

Doch dies alles wüßten ja die alten Männer besser als er, und er verletze

sie nur durch den Vortrag gedankenloser Banalitäten.

Damit hatte die Gelbe Glocke getönt. Der große stille Mensch sah beschämt

auf den Boden, die Äußerung bereitete ihm Pein.

Ma-noh hockte eines Morgens mit den vier Männern auf einem inneren Hof, der

weit nach hinten gelegen steil anstieg und zu den Gräbern der Mönche

führte. Dicht wucherte hier das Gras zwischen den Steinen, der Hof war mit

alten Ulmen bepflanzt. In ihrem Schatten saßen die Männer, auch die schöne

Liang saß hier, in einem gelben durchlöcherten und geflickten Kittel. Ihr

hartgeschnittenes Gesicht war magerer geworden, die früher energischen

Bewegungen hatten eine gewisse sanfte Rundung angenommen, ihre schmalen

Augen warfen das alte schwarze Feuer.

Ma-noh war von ihnen zu dieser Unterredung gebeten worden. Juen erzählte

von ihren Sorgen und Besprechungen. Ma-noh stimmte bei, man müsse sich

Sorgen machen. Aber die Meinungen wichen ab, berichtete Juen, der sich als

Wortführer benahm, und lud mit einer Handbewegung den jüngeren Liu ein zu

reden.

Ma ließ diese Reden über sich ergehen. Er wußte, es würde keine Klarheit

erzielt werden. Wang-luns längst widerlegte Gedanken waren zu kräftig in

diesen Leuten.

Das Schicksal mußte deutlicher reden. Er wand sich unter den Dingen, die er

kommen sah und die sich nicht abwenden ließen. Er litt unter seiner

Ohnmacht.

Die schöne Liang-li, zum ersten Male zu einer Unterredung zugezogen,

blickte ihn an. Sie hatte zunächst über dem Herzen ein Gefühl von

schweigendem Zorn gegen Ma-noh. Aber nur einen Augenblick. Dies war kein

Mann wie die andern, wie ihr Vater, ihr rechtlicher Gemahl, ihre Freunde

vom Bund, die Gelbe Glocke. Diesem war sie nicht dadurch gleichgestellt,

daß sie neben ihm beraten durfte und ihm ins Gesicht blickte. Es war schwer

zu denken, daß von diesem Mann die Bildung ihres Liebesbundes ausgehen

sollte. Und sie erfaßte in einer unklaren Weise, daß für Ma-noh ihr Bund

etwas anderes war als für sie, daß keine Herzlichkeit dahintersteckte,

sondern etwas würgend Qualvolles, etwas Gefahrdrohendes, ein Steinschlag.

Sie erschrak, erinnerte sich ihrer ersten Vorstellungen von ihm: als eines

unheimlichen, abgewandten Mannes, der seine finstere Berghöhle verlassend,

den großen wahren Weg ging und mit Leichtigkeit diejenigen mitriß, die sich

an ihn hängten. Man durfte ihn nicht hemmen. Der Gedanke war

unwahrscheinlich und entsetzlich, daß er sich beirren ließ.

Ma-noh redete in unverständlicher Ruhe. Der Bund würde bald zugrunde gehen.

Entweder würden die Provinzialtruppen anmarschieren oder der Winter käme.

Es würde noch ein paar Monate so gehen, dann würden alle auseinanderlaufen

zu ihren Sippen oder auf die Landstraßen oder vor die kaiserlichen

Reisverteilungsstellen. Man könne nicht erwarten, daß ein Blutbad wie

neulich ohne Einfluß auf die Haltung einer großen Menge bliebe. Der Zustrom

werde von jetzt ab aufhören. Und welchen Schluß sollte man daraus ziehen?

Daß man alles seinen Lauf nehmen lasse wie es wolle. Er sei völlig ohne

Hoffnung für den Bund. Bald würde man Hetzjagden auf sie veranstalten, das

sei nur eine Frage der Zeit. Bleibe jeder für sich. Finde sich jeder ein in

das starre Schicksal.

Dies klang dem großen fremden Menschen, der Gelbe Glocke genannt wurde,

angenehm in die Ohren. Er summte vor sich hin, daß das Schicksal seinen Weg

gehe; es fiele jeden Menschen auf eine besondere Art an. Man müsse sich

ablösen von rechts und links, um seinem Schicksal nicht auszuweichen.

Juen und die beiden Liu zogen die Beine hoch, schielten auf den Boden. Juen

stand auf; das ginge nicht, das ginge nicht. So dächten nicht einmal die

Einsiedler der Buddhareligion, denen die Gemeinschaft der Frommen noch ein

heiliges Gut bedeute. Er war trotz seiner überlegten Worte erregt und

giftig. Die Gelbe Glocke liebte er nicht. Juen mußte sich zusammennehmen,

um nicht zu höhnen.

Den feinen Kopf gegen Juen gehoben, fragte Liang, wie sich der kluge Lehrer

aus Sze-chuan das Schicksal der Gebrochenen Melonen denke; ob sie ewig

leben sollten, als hätten sie schon das dünne Jadepulver gefunden.

Ma-nohs Lächeln in diesem Augenblick war von so bestimmtem Hochmut, daß

Liang mit offenem Munde von ihm abrückte und die Blicke der vier andern auf

Ma-noh lenkte. Dessen Lächeln blieb unbeweglich, starr vor aller Augen,

stehen und verwandelte sich erst, als der ältere Liu ihn anrief, was er

denke, in ein runzliges Grinsen.

Ma sagte: »Mich freut die Klugheit unserer Schwester Liang-li. Schöne Öfen

haben einige Dichter die Frauen genannt; aber Juen denkt dies wohl jetzt

nicht mehr, nachdem ein kleiner Funke aus dem schönen Ofen ihn gesengt hat.

Wie heißt übrigens der wundervolle Vers, Juen, den du mir neulich sagtest,

von dir selbst oder von einem Dichter der Tangdynastie?«

Juen verneigte sich geschmeichelt; er zitierte: »Es ist ein Vers Tu-fus,

des unglücklichen Zensors unter dem Kaiser Schön-tsung: Das Tor des

Panglaipalastes ist gegen den Südberg gerichtet. Himmelan reckt sich der

eherne Säulenschaft mit den Schalen, in denen sich der Tau sammelt.

Westwärts liegt der Jaspissee, zu dem die Königliche Mutter hinabsteigt.«

Liang hob die linke Hand gegen Juen auf: »Und ein anderer Vers lautet, er

ist von Juen-o-tsai: Verflogen ist das bunte Wolkenspiel, ehe noch die

gelbe Hirse gar gekocht.«

Die Gelbe Glocke platzte da mit einem Gelächter heraus, das aus

Ochsenställen, Soldatenhorden zu schallen schien, aber gar nicht zu ihm

paßte, und ohne daß sich sagen ließ wie, etwas von seiner Vergangenheit zu

enthüllen schien. Er bat schon in einer unsäglich gequälten Weise um

Entschuldigung. Er wäre in Gedanken versunken gewesen, sein Lachen habe mit

den Äußerungen irgendeines Anwesenden nicht das Geringste zu tun. Immerhin

machte dieser grobe plötzliche Ausbruch einen derart unangenehmen Eindruck

auf die andern, daß sie schwiegen, aneinander vorbei sahen und Liang Ma-noh

fragte, ob er nicht lieber herumgehen wolle oder auf einer Matte sitzen, da

er so zusammenschauere.

Aber Ma-noh, der wirklich aufstand, setzte sich nur neben die Gelbe Glocke,

die er beruhigte. Der kluge Mann sagte, indem er alle anlächelte und sich

zu Juen umwandte, daß offenbar das Leben nicht ohne Einfluß auf sie

geblieben sei. Man erleidet soviel und wird immer unfähiger, sich zu

entschließen:

»Wir sind Fliegen, denen Kinder die Beine und Flügel ausgerissen haben.«

Juen zuckte die Achseln, zappelte, verschwand, um wieder strahlend die

Hallen zu inspizieren, die Kapellen zu bewundern.

Liang ging neben der Gelben Glocke und Ma-noh nach dem offenen Klostertor

über die lichtbeschienenen gewundenen Höfe. Ma hatte das Gefühl, daß er

diese beiden wie einen Steinsack auf seinem Rücken schleppte. Die Gelbe

Glocke war der furchtbarste Mensch unter allen Bündlern. Er hätte ihn

fallen lassen können, aber sein Ehrgeiz verlangte diesen Mann; er mußte

ihn, er mußte ihn bewältigen.

Der schönen Liang bangte um ihr Schicksal. Das hochmütige Lächeln Mas

konnte sie nicht aus der Erinnerung wischen. Es war wie der Blick eines

weißen Tigers von einem Felsen herunter auf den Menschen, der ahnungslos um

die Ecke bog. Was hatte dieser Mann vor?

Bei den strengen Blicken Mas auf die stumme Gelbe Glocke besann sich die

schöne Liang. Sie steuerten nach den glücklichen Inseln. Der Steuermann auf

so furchtbarer Fahrt mußte furchtbar sein. Die Gelbe Glocke ging gelassen

neben ihr.

* * * * *

Und in aller Ruhe hatte sich jener Wink vorbereitet, den Ma-noh ahnte. Als

am siebenten Tage ein Zug von sechzig Landleuten an Ma-nohs Klostertor

klopfte, erreichte der Wink die Gebrochene Melone.

Der Bund hatte seinen Wohnsitz in einem der reichsten Distrikte

Westtschi-lis; es wurde hier Baumwolle gepflanzt, die Seidenraupenzucht

stand in hoher Entwicklung.

Eine Eigentümlichkeit des Landes bildete das Vorkommen wirklicher

Salzbrunnen. Man hatte im Laufe der Jahrzehnte eine große Menge gebohrt und

ganze Erwerbe hingen mit den Brunnen zusammen. Man grub zur Salzgewinnung

ein meterweites trichterförmiges Loch, bis man auf Wasser stieß. Unten ließ

man die Lauge sich sammeln, abdunsten; sie wurde mit Eimern nach oben

geschafft. Wie am Meere teilten sich in die weitere Verarbeitung die

Salzsieder, Salzpfänner und Stapler. In riesigen Kesseln und Pfannen jagten

die Salzsieder das Wasser aus der Mutterlauge. Das Gras zum Heizen der

Kessel lieferten reichere Steppen- und Landbesitzer, welche meist

gleichzeitig das Salz aufstapelten, den Transport übernahmen, die

vorgeschriebene Menge an den kaiserlichen Hauptstapelplatz abführten. Wer

von den Brunnenbohrern genügend Land besaß, konnte rascher arbeiten, das

salzhaltige Grundwasser über abgedichtete Erdflächen fließen lassen, die

Verdunstung an der Sonne beschleunigen. Der Transport der gewonnenen

steuerpflichtigen Salzmassen erfolgte fast nur auf dem Wasserwege; eine

nicht zu große Strecke mußte man das Produkt zum nächsten Fluß oder Kanal

transportierten auf Mauleseln, Karren, Ochsenwagen.

Nun war vor neun Jahren der Vater eines Mannes namens Hou in diesem

Distrikt von den schwarzen Blattern hingerafft worden. Es war ein anerkannt

tüchtiger Justizbeamter, von der größten Schlichtheit und Strenge, wegen

seiner Kürze und Bündigkeit im Rechtsprechen sehr gefürchtet. Durch kluge

Berechnungen beim Ankauf von Reis, den er wieder an die Regierung verkaufen

ließ, hatte es der Mann zu großem Reichtum gebracht. Er kaufte sich weite

Ländereien. Nachdem er den vierten Grad erreicht hatte, zog er sich zurück,

machte der kaiserlichen Privatschatulle Geschenke, spekulierte umsichtig

weiter und kam eines Tages von einer Überlandfahrt matt zurück; man mußte

den schwerleibigen Mann aus der Sänfte heben; er starb bald.

Sein ältester Sohn, der jetzige Besitzer Hou, als Kind durch Kränklichkeit

die Sorge der Familie, stand an Schlauheit hinter seinem Vater nicht

zurück; aber während der Alte die Menschen benutzte, wie sie sich ihm

anboten, war er ohne Motiv hart und kalt gegen jedermann. Die äußere

Gestalt hatte er völlig von dem Vater, die Plumpheit der Glieder, die

Schwerfälligkeit, das vertrauliche Platt des Dialekts. Er prunkte nicht,

hielt die vorgeschriebenen Riten streng inne, führte ein musterhaftes

Familienleben. Trotz aller Härte im Handeln atmete er eine gewisse

Jovialität, so daß manche der niedrigen Leute, die nicht geschäftlich mit

ihm zu tun hatten, ihm aufrichtig anhingen. Er mehrte seinen Besitz, obwohl

ihm der Weitblick des Vaters nicht gegeben war.

Zwei Jahre nach der Beerdigung des Alten begann Hou das Unglück zu

verfolgen. In einem Monat starben ihm zwei Söhne an einer unbekannten

Krankheit, bei der sie tagelang steif dalagen, den Kopf verdrehten, zu

toben anfingen und zugrunde gingen, ehe man den fraglichen Dämon

festgestellt hatte. Bei einigen waghalsigen Spekulationen, die nach Art der

väterlichen erfolgten, ließ ihn sein bester Freund im südlichen Tschi-li im

Stich; Hou häufte große Massen von Reis in seinen Speichern an; durch

raschen Wegtransport der Reislager des Freundes sollte es im südlichen

Distrikt zu einer künstlichen Preissteigerung kommen, die Hou benutzen

wollte. Aber angeblich konnte der Freund die bestellten großen Kähne nicht

zur Zeit erhalten; Hou saß mit riesigen Vorräten fest. Es erfolgten zweimal

in kurzen Abständen Brandstiftungen auf seinen Gütern mit schweren

Verlusten. Da trat eine Wendung ein.

Hou hatte schon oft mit einer peinlichen Empfindung den Kanal, der vor

seiner Villa vorbeizog, betrachtet; die langen Kähne, die den

Salztransport, auch den Transport von Trauben, Pflaumen, Birnen besorgten,

die Schreie der Schiffszieher, das Knarren der Taue an dem Kanalbord; man

konnte von hier rasch hinauffahren zu einem breiten Seitenarm des

Kaiserkanals.

Ein Astrologe besuchte ihn damals aus Pe-king, der wegen seiner

Unwissenheit aus dem Dienste des Ritenministeriums entlassen war. Da dieser

nicht in die Geheimnisse der Berechnung wichtiger Ereignisse eingedrungen

war, hatte er sich auf ein schimpfliches Gewerbe gelegt, das ihm durch

seine würdevolle Gestalt, sein vertrauenerweckendes zurückhaltendes

Benehmen erleichtert wurde; er wurde zum Kommissionär für umfangreiche

Kinderverkäufe nach den südlichen Provinzen, dem Nachwuchs für die

Freudenhäuser und Theater. Dies geschah unter der Maske der Adoption oder

Beschaffung von Adoptionen; gelegentlich besorgte er auch Apothekern oder

sehr reichen Kranken kleine Kinder, deren Augen, Lebern und Blut

verarbeitet und benutzt wurden. Nebenbei war dieser Mann ein sehr

geschätzter Heiratsvermittler.

Als er mit Hou in einem Pavillon des Gutes bei dem kleinen Kanal saß und

der schwer heimgesuchte Freund ihm seine Leiden erzählte, saßen sie eine

kleine Weile die Wasserpfeife rauchend da und betrachteten drüben das

Arbeiten der Schiffzieher, die eine Fahrrinne in das gefrorene Wasser

schlugen.

Der Astrologe fragte, ob Hou auch das Land jenseits des Kanals gehöre und

wie weit, und was für Waren hier transportiert würden.

Nach ein paar gurgelnden Pfeifenzügen meinte dann der Besucher, der Kanal

müsse geschlossen werden.

Hou begriff sofort, lachte, mahnte leise zu sprechen. Es wäre ja gut, wenn

der Kanal geschlossen würde, aber gar nicht möglich, das zu erreichen;

freilich wenn es auf irgendeine erdenkliche Weise sich machen ließe, würde

er seinen Freund natürlich nicht vergessen. Der Kanal sei wichtig für die

und die und die; wenn man ihn schließen könnte, so würde dabei ein enormer

Gewinn heraussehen.

Der würdige, einfach schwarz gekleidete Astrolog dankte für die eventuelle

Gewinnbeteiligung; davon später. Er saß nachdenklich, sprach plötzlich

schwermütig von dem Tod des alten Hou, den der Kaiser hoch geschätzt habe,

und wann man ihn beerdigt hätte, wer den Ort bestimmt hätte. Dann ging er,

ohne Hou aufzuklären, wehklagend über den frühen Tod des Hou, dieses

wahrhaften Freundes des Landes, in das Wohnhaus mit seinem Freunde, zündete

Kerzen vor der Ahnentafel des Hauses an. Er verabschiedete sich und zog

sich zum Nachdenken, wie er sagte, in das ihm angewiesene Gastzimmer

zurück.

Am nächsten Morgen ließ er sich, begleitet von dem triefäugigen stieseligen

Ortsastrologen, nach der Grabstätte des alten Hou tragen, ausgerüstet mit

den Arbeitsinstrumenten, dem Kompaß, der Tiertafel, der Windrute. Nach

dreitägigen Untersuchungen stellten die beiden vergleichende Berechnungen

umfangreicher Art an und kamen zu dem Resultat, daß die Grabanlage durch

die Führung des Kanals gestört würde. Es war angesichts der Enge der

Örtlichkeit nicht einmal möglich, die Grabruhe des Geistes zu verbessern

durch eine abwehrende Pagodenerrichtung. Daher also das Unglück im Hause

des Hou nach dem Tode des Alten.

Hou verstand den raffinierten Astrologen nicht. Als der zu jammern anfing

über das Los des verdienstvollen Mannes, warf sich Hou heulend auf den

Boden, wußte sich keinen Rat. Er rannte vor die Ahnentafel; er wollte

dieses Vergehen nicht auf sich nehmen, er mußte dem Toten mitteilen, daß er

nicht Schuld an dieser Grabanlage sei, nicht er; wie sollte er doch, der

dankbare täglich opfernde Sohn, auf den schauerlichen Gedanken kommen, den

toten Vater ruhelos herumzuhetzen. Den Astrologen umschlang er

hilfeflehend, und da sah er zu seinem Erstaunen in ein verschmitzt

schiefes, fettpralles Gesicht. Der Astrolog schnaufte, von den dicken Armen

gedrückt, schob seinen Freund zurück, beendete die Räucherung, und sie

gingen langsam in den Gartenpavillon am Kanal. Der phlegmatische Mann aus

Pe-king sagte mit einer ministerialen Stimme: »Wir dürfen den schwer

beleidigten Geist deines Vaters nicht noch mehr kränken und das Grab

verlegen. Dies wäre der Gipfel der Mißachtung. Die Richtung des Kanals muß

geändert werden. Dieser Kanal ist schleunigst zu schließen.« Leidend

grunzte der dicke Hou: »Ja, ja,«, und dann nach einer Pause, während der

sie sich ernst ansahen, mit einer helleren Stimme: »Ja, ja.«

Den nun folgenden monatelangen Schriftwechsel mit den Provinzialbehörden

und dem kompetenten Ministerium der Riten nahm der Astrolog dem betrübten,

fassungslosen Sohne völlig ab. Es vergingen Wochen, da Gutachter des

kaiserlichen astrologischen Büros mit Abfassung eines Immediatberichts

beauftragt worden waren, nachdem die nachgeordneten Instanzen das Gesuch

Hous wegen seines volksschädlichen Ansinnens erst zurückgewiesen hatten.

Khien-lung aber, selbst informiert, erklärte kurzer Hand: »Ein Kanal kann

anders gezogen werden; bis zum Bau eines so kleinen Kanals, der

beschleunigt werden soll, existieren andere provisorische Transportmittel.

Es ist niedrig, einen Toten von dem bleibenden Verdienst Hous aus der Ruhe

aufzujagen wegen lokaler vorübergehender Unbequemlichkeiten.«

Damit war der Fall erledigt. Und ohne daß die Gilden der Schiffzieher,

Salzsieder, Lastenträger, Karrenverleiher in den westwärts gelegenen

Dörfern orientiert wurden, schloß man die Schleusen in höchster Eile,

leitete das Wasser in einen See ab, zu dem Hou schon in währender

Verhandlung einen Verbindungsarm hatte graben lassen. Der Warentransport

mußte auf eine ganz andere Weise erfolgen; es mußte umgeladen werden, eine

Strecke von einer Tagelänge ging der Transport auf dem Landwege über Hous

Liegenschaften weiter, bis an das nunmehrige Endstück des Kanals. Den

ersten Lastenträgern, Karrenführern verwehrte Hou den Eintritt in sein

Gebiet. Schleunige Interventionen bei der Präfektur bewirkten, daß ein

vorläufig unentgeltlicher Durchzug gestattet wurde; Hou wurde

anheimgestellt, sich mit den in Frage kommenden Gewerkschaften ins Benehmen

zu setzen, eiligst eine Durchgangsstraße zum Kanal anzulegen.

Er fügte sich ohne weiteres, erhob aber für die Benützung seines

Grundstücks mit baldiger Genehmigung der Behörden einen kleinen Zoll,

errichtete aus freien Stücken fünf Lagerschuppen an der Straße, half den

Transportarbeitern, indem er große Aushilfswagen und Ochsen zu ihrer

Verfügung hielt. Der Gewinn war enorm; es kam hinzu der Gewinn aus

Diebstählen, die bei dem häufigen Umladen, Aufspeichern sich nicht

vermeiden ließen; schließlich lief es darauf hinaus, aus seinem Grundstück

den naturgemäßen Hauptstapelplatz für Salz zu machen, indem Hou nämlich

Leuten, die anderswo stapelten, den Durchzug schikanös erschwerte.

Wochenlang blieb es still; ununterbrochen besprachen sich die Gilden in dem

betroffenen Distrikt. Es regnete in der Präfektur Eingaben. Die

Schiffzieher, unbeschäftigt, arbeiteten bei den Salzpfännern; diese selbst,

soweit sie nicht an Hou Gras lieferten, verloren Einnahmen aus dem Rückgang

der Stapelgebühren. Die Erregung wuchs.

Da legte sich ein frisch angekommener Präfekt ins Zeug in einer Weise, die

ihm fast den Kopf kostete. In den westlichen Departements war der Fall Hous

nichts Absonderliches. Ungeheuerliche Steuerhinterziehungen wurden von den

großen Grundbesitzern seit Jahrzehnten getrieben; Seidenspinnereien,

Mühlenbesitzer bezahlten nicht mehr Steuer als ein unbedeutender Handlanger

in ihrem Betriebe. Im Register des Steueramts standen diese reichen Herren

mit einem winzigen Äckerchen eingetragen, eben dem Besitz, den ihre Väter

und Großväter zum Ausgang genommen hatten; man hatte es durch gute

Beziehungen zu Steuerdirektoren und Präfekten verstanden einzurichten, daß

sich die Anfangsangaben in den Registern unerneuert forterbten; mit

Falschmeldung von Brachland, Überschwemmungsgebieten half man nach.

Der genannte junge Präfekt fuhr, sobald ihm einige Fälle dieser Art

hinterbracht waren, feierlich in das nächste kaiserliche Hauptsteueramt, wo

die Listen auslagen, und berichtete dem Steuerdirektor mündlich im offenen

Jamen in Gegenwart vieler Zuhörer, was ihm mitgeteilt sei, wies mit lauter

Stimme auf den Gegensatz, der bestünde zwischen den Daten der Liste und dem

tatsächlichen Besitz. Als er wieder in seine grüne Sänfte stieg, sahen sich

seine Vorläufer und Träger betrübt an, sie trabten und schüttelten die

Köpfe. Was die Diener im Hause des jungen Präfekten bei ihren flüsternden

Gesprächen voraussagten, trat ein.

Der alte Steuerdirektor, ein beliebter, wegen seiner Ortskenntnisse in

Tschi-li und Schan-tung bei der Regierung geschätzter Mann, ließ sich zehn

Tage vertreten. Während dieser Zeit reiste er, wie er meldete, in den

Kreisen seiner Besteuerungszone herum, um den Befund aufzunehmen, besuchte

die gewerblichen Anlagen, die Güter. Die vom Präfekten aber gleichzeitig

mit dem mündlichen Vortrag abgelassene Eingabe an die Zentralbehörde hatte

er nicht aufhalten können; und schon bei seiner Rückkehr fand der graue

Mandarin eine dringende Aufforderung vom Finanzministerium in Pe-king vor,

Bericht über die Angaben des beigelegten Memorandums zu erstatten.

Während abendlich der jugendliche noch unverheiratete Präfekt am Teich der

roten Lotosblätter lag und das Spiel der schwimmenden Blätter spielte mit

seinen Freunden, rangen seine ortskundigen Diener die Hände über seine

Kurzsichtigkeit; sie hatten von Mißstimmungen gehört, die im Lande gegen

den Präfekten herrschten.

Es erhoben sich unvermutet kleine Unruhen bei Gefangennahmen von Dieben und

öffentlichen Bestrafungen; größere folgten und begannen den Präfekten

lebhafter zu beschäftigen. Schließlich kam es in mehreren bis da ruhigen

Dörfern zu einem Angriff auf kaiserliche Beamte und Häuser. Eine scharfe

Verfügung von oben wies ihn an, die Bewegung zu unterdrücken. Es gelang

nicht; seine Polizei erwies sich als ohnmächtig. Als nachts ein vom Kaiser

einer tugendhaften Witwe gesetzter Ehrenbogen auf offenem Markte abbrannte,

schien die Stunde des Präfekten geschlagen.

Da lud ihn der dicke Hou zu einer Besprechung ein, die der Präfekt wegen

der Transportstraße schon geplant hatte. Und jetzt löste sich die Krise auf

die einfachste Weise. Der Präfekt hatte keine Wahl; er mußte an die Schande

denken, die auf seine noch lebenden Eltern und auf seine Ahnen fallen

würde, wenn man ihn degradierte; von seiner trostlosen Zukunft nicht zu

reden.

Die Familie des Hou zeigte sich hochgeehrt durch seinen Besuch. Der rohe

kriecherische Hou bot dem Präfekten, als er von den noch lebenden Eltern

seines hohen Gastes hörte, einen Sommerwohnsitz auf einem seiner Güter für

die betagten Leute an; er zwitscherte mit Ausdrücken größten Bedauerns von

den augenblicklichen Schwierigkeiten in der Präfektur, stellte dem Beamten

seine eigene vorzüglich geschulte und bewaffnete Gutspolizei zur Verfügung.

Der eisige Präfekt antwortete nicht.

Vor seiner Ahnentafel opferte er und betete; sprach zwei Tage mit keinem

seiner Freunde. Dann nahm er an.

An diesem Nachmittag erfolgte der glanzvolle Gegenbesuch des Hou in der

Präfektur und dann in der Familienwohnung, zur aufrichtigen Freude der

Anwohner und Diener des Hauses, die den Präfekten als weisen alten Mann

priesen. Man klärte mit Leichtigkeit alle Mißverständnisse auf; es zeigte

sich, daß Irrtum über Irrtum gehäuft war, Übertreibungen, Verwechslungen.

Der glückliche Beamte konnte in weniger als zwei Wochen von der

Zentralbehörde die Anerkennung dafür erhalten, daß es seiner Energie und

Klugheit gelungen sei, die drohende lokale Rebellion zu unterdrücken. Nach

einigen erfolglosen Exzessen der durch Hous Maßnahmen betroffenen

Dorfbewohner wurde alles still.

Damals im Hochsommer verbreiteten sich hierher die Gerüchte von den frommen

Bettlerbünden; einzelne Männer verließen ihre Heimat und suchten die

Gebrochene Melone auf. Man hörte von den Intrigen und Angriffen, die auf

die ruhigen Männer gerichtet wurden; dann kam das große Blutbad, die Mönche

zogen aus dem lamaistischen Kloster; der eingeschreckte Haufe Ma-nohs

versteckte sich hinter die festen Mauern.

Von einigen hier ansässigen Anhängern Mas wurden die Gilden und

Sippengenossen über das Wesen und Schicksal des Bundes aufgeklärt.

Sympathie mit den Vertriebenen, ein Gefühl von Solidarität mit ihnen setzte

sich sofort fest. Zu dem neuen Kanal war noch kein Spatenstich getan,

angeblich mangelte es infolge der Kriegsausgaben in den kaiserlichen Kassen

an Geld; die Familien vieler Arbeitslosen wanderten nordwärts aus. Einige

wüste Gerüchte trug man sich in den notleidenden Ortschaften von der

Gebrochenen Melone zu; es sei ein verkappter politischer Bund, der mit der

Weißen Wasserlilie unter einer Decke stecke; sie gingen wehrlos durch die

Landschaften und ließen sich niedermetzeln; das geschähe, um das Volk

aufzureizen und zu zeigen, daß man lahm, verkrüppelt und widerstandslos

sein könne und doch den Gewalttätigkeiten der kriegerischen Mandschus und

der betrügerischen Mandarine ausgeliefert.

Häufige Besprechungen zwischen den Insassen der verschiedenen Ortschaften

führten zu dem Resultat, daß sich aus den Vertretern der einzelnen Gilden

und Ortschaften eine Gruppe konstituierte, die, von den Staatsbehörden

vernachlässigt, zu der Gebrochenen Melone unter Ma-noh zu wandern beschloß.

Unklare Gedanken bei heftiger Erregung trieben diese Männer; man wollte

sich mit Ma-noh, der schon in den Besitz eines Klosters sich gesetzt hatte,

zusammentun und gemeinsam etwas zur Verbesserung der Zustände unternehmen.

Dies war der Zug regellos daherkommender Bauern und Arbeiter, vor denen

sich die Tore des Klosters rasch verschlossen und rasch wieder öffneten.

Als einige Brüder zu Ma-noh in die Hütte gestürzt kamen und ihm meldeten,

daß eine Schar Bauern und Gewerkschaftler von freundlicher Gesinnung in das

Kloster gezogen wäre und mit ihm zu sprechen begehrte, hielt Ma es nicht

für wünschenswert, seine Vertrauten zu dieser Unterredung hinzuzuziehen,

ließ fünf der Männer in das Zimmer des Chan-po führen und erschien dann

selbst.

Sie behandelten ihn wie einen Mächtigen, fielen vor ihm auf die Stirn; er

mußte sie in Scham und Furcht, daß man dies sähe, bitten, ihn wie

ihresgleichen anzusehen; er sei ihresgleichen, ein armer Sohn des

schwarzhaarigen Volkes der hundert Familien. Und was sie also wollten, wer

sie schickte.

Sie lächelten sich auf die Frage an; auf eine Bewegung Mas kauerten sie im

Halbkreis am Boden hin. Dann schwiegen sie, weil sie nicht wußten, wer

sprechen sollte.

Es waren fünf ältere Männer, drei Salzsieder, einer der verarmten

Salzpfänner, ein Karrenführer; in Beratungen zu Hause leisteten diese

gescheiten Köpfe Vortreffliches; hier drückte sie das Gefühl, mit einem

Manne von dem Rufe Mas zusammenzusitzen, und auch ihre Unklarheit über die

Ziele dieses Mannes. Der Salzpfänner, der gebildetste von ihnen, öffnete

den Mund, sah alle nacheinander an und erklärte lächelnd und sich

verneigend, da keiner ihm zu widersprechen scheine, so wolle er reden. Und

er erzählte mit ein paar hingeworfenen Sätzen, wer sie einzeln wären, wo

sie wohnten, daß sie von den großen Landbesitzern und den Mandarinen

schlecht behandelt würden.

Der Karrenführer, der ihm gespannt zuhörte und bei jedem Wort zustimmend

nickte, fuhr unmittelbar fort: »Und dies ist die Hauptsache. Und darum

dreht es sich. Wir können nichts machen. Die Präfektur gibt keine Antwort

auf unsere Eingaben. Wer bist du nun, Ma-noh? Woher stammst du, wo wohnen

deine glückgesegneten Eltern? Vor allem: was soll geschehen?«

»Darum dreht es sich«, wandte sich einer der Salzsieder mit einer brummigen

Stimme an den flinken Karrenführer, »die Hauptsache bleibt und ist, wie ich

immer gesagt habe: was soll geschehen? Und wie soll man es machen?«

Der Karrenführer begütigte ihn mit Handbewegungen und zwinkerte Ma an: »Er

meint es nicht so. Wir streiten uns manchmal, weil unser beider weiblicher

Hausjammer sich nicht verträgt. Wenn ich sage: 'Wie soll man es machen?'

sagt er, das sei falsch; man muß fragen, wie es am besten vorangeht; und

wenn ich 'Hott' sage, findet er mich ungebildet und geschnattert, und

entschließt sich dann zu einem 'Hü'. Das ist in unserem Dorf bekannt und

noch weiter weg, er ist ein guter Junge, nicht wahr?«

Er fragte den Pfänner, der viel hustete und krächzte und sich die Nase

rieb; unwillig wies er den Mann zurück: »Macht das ab, wo ihr wollt; ich

habe zwischen euch beiden nicht zu entscheiden. Wir sind hier nicht einen

halben Tag hermarschiert, um zu entscheiden, ob es besser ist, 'Hott' oder

'Hü' zu sagen. Worum es sich dreht, es bleibt dabei, das ist die

Hauptsache.«

Der Karrenführer streckte erstaunt die Hände aus, als wollte er sagen: »Das

mein' ich doch auch«, und stieß den verstimmten Salzsieder an, der aber

abwinkte.

»Also«, wandte sich der erkältete Pfänner an Ma, »kommen wir zu dir, um

dich anzuhören. Sechs meiner Dorfgenossen sind zu deinem Bunde gegangen,

und sie haben uns von dir und den andern erzählt. Ihr nennt euch ja Brüder

und Schwestern, was wir alle sehr freundlich fanden. Willst du uns auch

helfen?«

»Oder willst du etwas mit uns zusammen tun gegen die Besitzer und den

Präfekten, die unter einer Decke stecken?« Dies sprach ein anderer

Salzsieder, ein langer dürrer Mensch, der in einem lehrerhaften Tone mit

gehobenem Zeigefinger sprach, »wir werden gegen sie etwas tun in den

nächsten Wochen, aber wir haben noch keinen Plan.«

»Der Plan, der Plan,« nörgelte der Pfänner, »was ihr alle für Einfälle

habt. Einen Plan werde ich euch schon verschaffen. Man muß nicht zu viel

von einem Plan halten. Ich habe schon Leute gesehen mit den schönsten

Plänen und es ist doch nichts aus ihnen geworden. Überhaupt soll uns Ma-noh

erst die Frage beantworten, ob er sich uns kurz gesagt anschließt oder

nicht?«

»Oder hilft oder nicht«, vervollständigte der flinke Karrenschieber.

Ma lauschte atemlos dieser simplen Unterhaltung. Ihn beunruhigte nur, daß

zwei Salzsieder sich nicht an dem Gespräch beteiligt hatten; aber sie sahen

schließlich nicht anders aus als ihre Gefährten. Dies war der Wink, den er

erwartet hatte. In Ma ging es anders zu als in Wang-lun: während Wang es

ängstlich vor sich verborgen hätte, daß zum Erschrecken etwas eintraf, was

er voraussagte, fuhr es Ma mit einer warmen füllenden Sattheit in den

Schlund und Bauch.

Ma hatte das Gefühl, daß das Schicksal sich unter ihm bog, er flatterte

unsicher an der Vorstellung vorbei, die so lächerlich war, daß zauberisch

sich sein Weg und das Tao übereinanderlegten. Während die Gewerkschaftler

vor ihm diskutierten, saß er geblendet und schwitzte aus allen Poren in

einer Art Rausch; er suchte seiner Herr zu werden.

Er sagte, er hätte keine Truppen, um ihnen zu helfen. Sie wüßten ja selbst,

daß man die Gebrochene Melone verfolge und am liebsten ganz vernichten

wolle. Geschlagen seien Dörfler und Gebrochene Melone. Man litte unter

großen gewalttätigen Herren.

»Eben darum kommen wir in das Kloster her zu euch,« stieß der Pfänner

zurück, »wir Dörfler wissen uns eben bald keinen Rat mehr. Du bist sehr

klug und kennst die Bücher und Berechnungen.«

Der lange Salzsieder, der in lehrhaft eindringlicher Weise zu reden

pflegte, hob seinen Zeigefinger: »Dir ist noch etwas zu melden, Ma, weil du

so ruhig einen nach dem andern anhörst. Es geht dich und die Brüder und

Schwestern alle etwas an. Ich sage: alle geht es euch etwas an. Ein Neffe

von mir ist Filzsohlenarbeiter in einem Dorf eine halbe Tagereise von hier;

er wohnt jetzt in meinem Hause als Gast. Ein Arbeitskamerad hat ihn gestern

aus seinem Dorf besucht und erzählt, daß fünfzig oder hundert

Landpolizisten bewaffnet hinter euch her sind wegen des schrecklichen

Gemetzels vor einer Woche. Sie sind schon unterwegs hierher und werden eher

heute als morgen da sein. Was sie euch fragen werden und wie sie euch

fragen, das werdet ihr schon sehen. Ich sage, wenn ihr so klug seid und

einen nach dem andern anhört: es geht euch etwas an.«

Darauf lächelte Ma-noh: »Meine Schwestern und Brüder sind verloren vor den

Menschen. Wer hilft uns? Wie lange Stunden werden meine willkommenen Gäste

warten können auf einen Rat ihres Freundes Ma-noh aus Pu-to-schan?«

Sie sahen sich an, der Pfänner krächzte: »Wird es unserm klugen Freund

genügen für seine Berechnungen, wenn wir bis mittag warten oder eine Stunde

später? Unser Heimweg ist nicht sehr kurz, wirklich nicht, und wer weiß,

was zu Hause angestellt wird.«

»Bis mittag.«

Sie trabten aus dem Zimmer. Ma-noh saß die lange Stunde allein vor dem

leeren Buddhaaltare; zu denken vermochte er nicht.

Die Blendung verließ ihn nicht.

Das Schicksal bog sich unter ihm.

Keine Niedermetzelung mehr! Der Weg gesichert. Die stürmische Liebe zu den

Brüdern und Schwestern, die blühende Hoffnung auf alle Herrlichkeit, das

strahlende westliche Tor! Ihn packte das Glückgefühl so, daß er um Hilfe

rufen wollte. Er lachte vor sich hin, leise, welche Aufgabe diesen fünf

Boten gegeben war, diesen schamlosen kindischen, die ihr Leiden um Fressen

und Saufen mit dem seiner Brüder und Schwestern verglichen. Aber sie

sollten gesegnet sein! Wozu anders sollte man diese Bande von Salzsiedern,

Lastenträgern verwenden, als zum Herumstellen, zu dienen als wandelnde

Ziegelsteine, elastische Gräben, vortrefflich schließende Tore für die

Gebrochene Melone!

Eine Stunde nach Mittag traten die fünf Leute in das Chan-pozimmer, wollten

sich niederwerfen, rutschten zögernd auf die Kniepolster.

Ma-noh forschte den Salzpfänner noch einmal aus, wer sie geschickt hätte,

wieviel Dörfer sie verträten.

Der antwortete mit der ungeduldigen Gegenfrage, was die Berechnungen

ergeben hätten und wie es mit dem Rat stände. Da meinte Ma, indem er einem

nach dem andern scharf ins Auge sah, daß er einen Rat nicht geben könne,

aber sobald sie nach Hause aufbrechen würden, würde er sich mit ihnen auf

den Weg machen und es kämen noch zwei, drei seiner Brüder und Schwestern

mit. Er wolle an Ort und Stelle berechnen. Was nötig wäre und sich aus der

Zeit, dem Übereinstimmen der Tiere und Metalle folgern ließe, würde sich

dann ergeben.

Der Karrenführer staunte; er hielt dies für eine Entscheidung, die ganz

außerordentlich den Kernpunkt der Sache träfe. Der gelehrte Salzsieder

drehte den Kopf nach den Kameraden, als erwarte er eine Anerkennung, dann

stand er auf, stellte sich neben Ma-noh und sagte leise zu ihm: »Ich will

dir nämlich sagen, Ma aus Pu-to, daß der dumme Salzsieder, der neben dir

steht, dasselbe vorhin auf dem Hof gedacht hat, wie du. Nur faßten die

andern es natürlich nicht auf, sie lassen einen auch nicht zu Worte kommen.

Ich habe es dann schließlich ganz für mich behalten. Man weiß ja allein,

was man wert ist.«

Und er berührte vertraulich Ma bei der Schulter.

Der Pfänner konnte nicht gleich ins Reine kommen: »Also einen Rat, direkt

so wie: 'Geh dahin, geh dahin, hier vorbei, da herunter', gibt es offenbar

nicht dabei. Es ist immer etwas Neues zu lernen. In den verschiedenen

Sachen ist es ganz verschieden. Man sollte das gar nicht glauben. An Ort

und Stelle muß auch berechnet werden, was man anfangen soll. Es hat etwas

für sich. Es ist zweifellos; ich will es ja nicht leugnen.«

Und er fiel mit groben Worten den eitlen Kärrner an.

Während die Boten auf den Höfen mit ihren Heimatsgenossen sich besprachen,

umlagert von unruhigen Brüdern und Schwestern, hatte Ma-noh mit seinen

Vertrauten auf dem abgelegenen Gräberhof eine kurze und heftige

Unterredung. Ma wünschte die Begleitung dieser Vertrauten.

Er wollte mit seiner Taktik des Wartens brechen. Er wünschte unbedingte

Zustimmung, Unterwerfung unter das, was er plante. In einem herrisch

knappen Tone brachte er seinen Wunsch vor, ihn in das Aufstandsgebiet zu

begleiten.

Nur Juen wollte ihn begleiten; die Lius, besonders die Gelbe Glocke lehnten

ab, sich in Kriegsdinge einzumischen. Die schöne Liang-li starrte Ma-noh

an. Ihr graute je länger je mehr vor diesem Mann.

Da schlug Ma, der zwischen den Weidenstämmen hin und her ging, vor der

Gruppe seiner Berater, einen ungemein erregten harten Ton an; er

beschuldigte sie, daß sie ihn im Stich ließen, daß sie ihn, der schon ohne

Mut sei, zu Boden stießen. Sie hätten kein Herz für die Brüder und

Schwestern, die verjagt von Sippe, Gilde und Volk, bei ihnen Zuflucht

suchten und wie Ratten, die man mit vergiftetem Mais füttert, hier in ein

paar Tagen verrecken würden. Seine Vertrauten seien sie; aber statt ihm

beizustehen, belasteten, erstickten sie ihn.

Die Gelbe Glocke wurde von einem heftigen Zittern bei diesen Anklagen

ergriffen; er unterbrach schon manchmal mit einem Ausruf Ma; dann rang er

nach Worten: »Du redest ungebührlich zu uns, Ma. Was diese Brüder hier

erdulden wollen von dir, weiß ich nicht; du darfst nicht ungebührlich zu

mir sprechen wie zu einem Haussklaven. Wir haben nichts verschuldet an dir.

Du kamst kurz und ohne deine weise Haltung an. Du tobst. Dies haben wir

nicht verdient. Das darfst du nicht wagen gegen uns.«

Er zitterte so stark, daß er, am Boden sitzend, nach vorn überfiel; über

seine mageren braunen Backen liefen Tränen.

Aus Liangs Augen blitzte die Entrüstung; sie kam zu keiner Äußerung; der

jüngere Liu, das zweifelsüchtige Dreierlein, stellte sich vor Ma hin; ruhig

sagte er: »Wir Lius sind aus gröberem Metall als die Gelbe Glocke; wir

weinen nicht. Ma behandelt uns jetzt nicht als Vertraute; warum will er mit

den Bauern mitgehen, warum sollen wir ihn begleiten? Wenn wir nichts

erfahren, wird er begreifen: wir Lius ertragen das Schimpfen; im übrigen

tun wir, was wir für recht halten.«

Ma zwang sich. »Ihr, die Gelbe Glocke auch, werdet sofort begreifen, daß

ich tobe, und werdet das Anklagen gegen mich unterlassen und mich nicht mit

Tränen kränken: es sind Provinzialtruppen hinter uns her, die Bauern haben

es mir berichtet. Diesmal sind es nicht gekaufte Banditen, ja gewiß, jetzt

seht ihr mich an. Aber ihr seid ohne Vertrauen in mich. Was ich nicht

ausschäle wie einen Zwiebelkern, habe ich erlogen, und wenn ich in Zorn

darum gerate, so werdet ihr mich noch eines Tages totschlagen. Wie viel

Tage also, lieber Liu, liebe Schwester Liang, Bruder Gelbe Glocke, wird es

noch dauern bis zur Großen, Großen Überfahrt?«

Juen war der ängstlichste von ihnen; seit dem Überfall schlief der Mann

wenig, träumte wild und schrie im Schlaf; in der Gefahr selbst benahm er

sich in der Regel auffällig sicher und flößte durch seine Haltung anderen

Mut ein. Ihm schoß das Blut in den Kopf, als er von dem drohenden Angriff

hörte; er rief die beiden Lius an: »Kann es da noch einen Widerspruch

geben? Will denn einer Betrüger gegen die hunderte draußen heißen? Wir

müssen uns beeilen, beeilen und nochmal beeilen. Das ist der Schluß der

ganzen Unterhaltung. Was sitzen wir noch lange!«

»Lange sitzen wir,« entgegnete Liang, »wer Angst um seinen Körper hat, soll

in den Städten bleiben, Verse machen, in der Sänfte liegen.«

Juens hellfarbiges Gesicht wurde dick; sein Hals schien verschwollen, so

kloßig und kehlig sprach er mit einmal: »Das Geschwätz von Weibern berührt

den Gebildeten nicht. Ebenso wenig wie das Geheul erwachsener Männer eine

ernsthafte Debatte aufhalten sollte. Es ist einer erregt, es ist einer

nicht erregt; was macht das aus? Ihr sitzt da und sitzt bis zum Abend, und

wenn die hunderte, die mit uns laufen, den Säbel zwischen den Schultern

fühlen, ist es vorbei. Aber es soll nicht vorbei sein. Darüber habt ihr

nicht mit Herumhocken zu entscheiden. Es ist meine Sache wie eure. Ma soll

reden, Ma-noh soll Recht behalten.«

Er schwieg, weil ihn inzwischen schon das große Gesicht der Gelben Glocke

angelächelt hatte auf eine so freundliche Weise, daß er beirrt seine Stimme

sinken ließ und aufhörte.

Die Gelbe Glocke redete ihm zu: »Hör doch nicht auf zu sprechen, Juen; es

verargt dir niemand, wenn du alles sagst, was dir auf dem Herzen liegt.« Er

schwang die Hände gegen Ma und Juen zum Gruße; sie erwiderten zögernd und

höflich.

Liang saß zuletzt allein am Boden, blickte in das Gras. Das Dreierlein

sprach sie mitleidig an; er hob sie auf; sie ging mit gesenkter Stirn auf

Juen zu, vor dem sie tiefe Verbeugungen machte, bis er ihren Gruß

erwiderte; dann senkte sie ihre schmalen Schultern vor Ma, den sie vor den

andern umfaßte, redete mit trauriger Stimme: »Hilf, Ma-noh. Bring alles zu

einem Ende. Du hast in jedem recht. Kein Gemetzel, laß das nicht geschehen.

Rette wen du kannst, uns mit, mich mit.«

Nach einer Stunde zogen Ma und seine Vertrauten mit den fünf Boten der

Dörfler ab; die Mehrzahl der andern Dörfler blieb im Kloster zurück, auf

das Zureden des angesehenen Salzpfänners, der sie für die bedrohten Bündler

sorgen hieß. Es zeigte sich unterwegs, daß die Gelbe Glocke sich noch nicht

beruhigt hatte; in der Nacht, die man im Freien zubringen mußte, hörte man

ihn stöhnen an der Seite Liangs, die ihn zu trösten versuchte. Morgens wich

er unter einem Vorwand ab und kehrte nach dem Kloster zurück.

Man kam am nächsten Vormittag in ein Dorf, das größte dieser Gegend, in

welchem der Pfänner sein Grundstück hatte. Rasch besichtigte Ma, was ihn

interessierte, hörte Haufen Menschen an, auf Maultieren ritt man eine Weile

durch neue Dörfer; Massen von Unbeschäftigten kamen aus den Häusern heraus,

starrten den sonderbaren Zug an, fielen auf den Boden.

Vor Anbruch des Abends besprachen sich die Bündler kurz; man fieberte unter

der Vorstellung, daß eben jetzt die kaiserlichen Soldaten das Kloster

erreichten.

Dann trugen Maulesel die Erschöpften zurück; über hundert ihrer neuen

Freunde begleiteten sie erregt; sie liefen durch das hohe Kao-liang; eine

Rast von einer Stunde nachts gönnte man sich; frühmorgens näherte man sich

dem See.

Ein blasser Flammenschein stand jenseits des Wassers. Man kam zu spät. Der

Angriff auf das Kloster schon erfolgt; das Kloster in Brand gesteckt von

den Soldaten. Hunderte umgekommen. Die Soldaten, von den zurückgebliebenen

Bauern wenig aufgehalten, waren geflohen, nachdem sie sich bemüht hatten,

die in Kapellen eingeschlossenen Schwestern aus dem Feuer zu retten. Sie

waren wie Besiegte in abergläubischer Furcht Hals über Kopf davongelaufen.

Als Ma mit den wütenden Bauern durch das geborstene Tor eindrang, saß die

Gelbe Glocke auf der Schwelle, rief Ma, der übergesunken an dem Hals des

grauen Tieres hing, »Heil« und »Triumph« zu.

Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman · 第 8 / 29 题