Durch das westliche Tschi-li puffte der Name Wu-wei sanft wie ein
Schwärmer; Schwirren, Verhallen zwischen Bergtälern.
Durch das westliche und südliche Tschi-li ging ein Ziehen, ein
rheumatisches Unbehagen, im Arm, in der Schulter, über den Fußrücken,
schmerzhaftes Zucken in einem Zahn, Nervenstechen über dem linken Auge.
Das westliche und südliche Tschi-li fühlte in diesem Frühjahr den warmen
beunruhigenden Dampf um die Nan-kubettler.
Aus den Hundert, die das Dörfchen Pa-ta-ling verließen, waren nach ein paar
Wochen mehrere Tausend geworden. Was man Vagabunden, Straßendieben,
Verunglückten zutrug, war nichts als das Eingeständnis der Not. Es hieß
nicht mehr wie in den Nan-kubergen: Wang-lun, der lange gefährliche Kerl
aus Hun-kang-tsun in Schan-tung, hat sonderbare Sachen von den goldenen Fos
erzählt; er hilft uns, er kann zaubern, wir wollen mit ihm zusammengehen.
Die Menge predigte für sich. Entfernter wohnende Dorfleute, Pilger bis in
die Ebene hinein hörten von den vielen Menschen, die Pa-ta-ling nach dem
strengen Frost verlassen hätten und sich bettelnd, arbeitend, betend nach
Süden vorschoben. Zuerst wurde behauptet, es handle sich um die Vagabunden
und Strolche, welche die Pässe zum Wu-tai-schan unsicher machten; rasch
verschwand dieses Gerede. Von Wang-lun erzählte man, er sei nach dem
Kun-lungebirge auf einem blauen Pferde geritten, um der Kaiserin des
Westlichen Paradieses die Gründung ihres Bundes anzuzeigen. Er sei nach
Schan-tung gewandert, um das Goldwasser und die Perlen des ewigen Lebens zu
holen. Diese Meinung erhielt sich am längsten. Man entwarf nach den
Erzählungen der älteren ein sonderbares Bild von ihm. Man stellte ihn sich
vor als einen sanftmütigen Mann, der mit ungeheurer Körperkraft begabt war,
mit der er nichts anzufangen wußte. Von Zeit zu Zeit befielen ihn starke
Dämonen, die er zu bezwingen gelernt hatte, da er eine furchtbare
Zauberformel brauchte. Er hatte ein gutes Herz für die armen Ching-yin, sie
sollten alle an seinen fabelhaften Gaben teilhaben.
Wang-lun hatte seinen Schatten hinterlassen, in dessen Dunkel der Bund lag.
Ganz von selbst wurden ein paar Männer in den Vordergrund geschoben, an die
sich die Menge hielt. Zwar schwang sich einer und der andere auf, aber dies
geschah nebenbei. Jeder empfing seine Rolle.
Ngoh, aus Ta-ku in Tschi-li gebürtig, war durch seine Geschicklichkeit im
Reiten und Bogenschießen und ein feines Wesen trotz seiner dreißig Jahre
schon zum Jo-ki einer oberen Bannerschaft aufgerückt. Er trug mit Stolz,
ohne zu prunken, den Mondstein auf der Mütze, die Tigerkatze im
Brustschild; wenn er beim Schachspiel die weiche rechte Hand hob und der
Perlmutterring am Daumen matt schimmerte, so wußten seine Mitspieler nicht,
welche starke Seele ihnen gegenüber saß. Er hielt jahrelange Freundschaft
mit einem weibisch geschminkten Schauspielerknaben, einem jungen Herrchen,
wie man sich ausdrückte. Der Kaiser schätzte Ngoh sehr, wie Khien-lung
überhaupt eine Vorliebe an den Tag legte für feine elegante Männer, die
nicht widersprachen, gut turnen und schießen konnten, Sprödigkeit und Härte
besaßen.
Infolge der Unerschrockenheit, die Ngoh bei einem damals vielbesprochenen
Vorfall zeigte, kam er in den inneren Höflingsbetrieb der Roten Stadt zu
Pe-king hinein. Er war mit seiner Abteilung gegenüber dem oberen Stadttor
stationiert, wo auf den breiten Wassergraben, der die Kaiserstadt umzieht,
das Tor des Wu-ti führt. Dicht an diesem Teil der Mauer, so daß Ngoh und
seine Mannschaften von ihren Wachtürmen herüberblicken konnten, lagen die
Paläste der kaiserlichen Frauen und der Nebenfrauen. Es verbreitete sich
einmal im Herbst, zu einer Zeit, wo das Wasser des Grabens mit Fröschen,
Fliegen bedeckt ist, das Gerücht, daß das kleine Kind einer Nebenfrau an
Krämpfen gestorben sei, und ihr anderes Kind, ein junger Säugling schon
krank liege. Ärzte und Priester bemühten sich, den Fieberdämon aus dem Kind
zu bannen, das viel weinte, aber nicht den Namen des Dämons verriet.
Durch ein lautes Geschrei mehrerer Frauen wurde eines Nachts die Wache
Ngohs alarmiert; in die Gärten eindringend bis vor den Pavillon der
Nebenfrau, hörte Ngoh, daß man im Pavillon eben den Dämon des kranken
Kindes gesehen hätte in Gestalt einer kleinen Fledermaus, welche der Mutter
ins Haar schoß, dann über das hitzige Gesicht des Kindchens flatterte und
zur Tür hinausfuhr. Ngoh erkannte aus der Beschreibung, an der Größe des
Tiers, der weißlichen Bauchfärbung und aus der Richtung des Fluges, daß es
sich um einen Schatten handele, den er selbst öfter an dem Wassergraben
beobachtet hatte, in Gesellschaft einer Libelle und zweier brauner Kröten.
Er postierte vor das Tor des Wu-ti zu Einbruch der nächsten Nacht sechs
beherzte Männer seiner Truppe, die er mit Schilden, Pfeil und Bogen
bewaffnete; er selbst stellte sich vor den Eingang des bedrohten Pavillons
mit einem nackten Schwert.
Am Ende der ersten Nachtwache sahen die sechs Männer etwas aus dem Wasser
aufschwirren; sie schossen ihre Bogen ab; die Frauen, durch den Lärm
geängstigt, ließen Brander auf Brander los, um das Gespenst zu
verscheuchen; weiß und grün strahlten die Raketen durch die finsteren
Gärten. Der Dämon, nur geblendet, drang durch, umflog die Zypressen; Ngoh
sah ihn in dem Licht eines Branders wie betäubt heranflattern. Er hieb auf
ihn zu; man hörte ein Quaken und Kreischen. Die Bestie wandte sich, flog
zurück. Ngoh verfolgte sie brüllend, mit dem Schwert fechtend; sie kamen
vor das Haus des kaiserlichen Musikmeisters, eines Eunuchen; im Nu war die
Bestie über der Mauer des Hauses verschwunden. Als noch die Frauen
angelaufen kamen und das Licht der zitternden Lampions zunahm, erwachte
drin der Beamte, trat im Nachtgewand erstaunt vor die Tür, fragte, was
geschehen wäre. Ngoh schrie: »Der graue Fledermausdämon ist hinter deine
Mauer geflogen.« Entsetzt lief der schwerfällige Mann mit Ngoh und anderen
in das Haus hinein; als sie schon in alle Winkel geleuchtet hatten, schlug
sich der Musikmeister vor die Stirn, flüsterte, sie sollten einmal rasch
neben dem Ofen im Wohnzimmer suchen.
Und da saß ein kleines Weib mit grünen Augen, der das Blut aus der Brust
tropfte, mit dem Gesicht eines Affen. Sie war grau und sagte, sie wüßte
nicht wie alt sie wäre. Man fragte sie näher aus, hielt sie an den Händen
fest. Tu-schi, der berühmte Beschwörer der Roten Stadt, der sich diese
Nacht bei dem bedrohten Pavillon aufgehalten hatte und mit in das Haus
gedrungen war, gab ein Warnzeichen den Leuten, welche die graue Hexe
hielten; aber es war zu spät. Sie hatte sich in eine schwarze Katze
verwandelt, zerkratzte den Männern Hände und Arme. Tu-schi warf sich über
sie; im Augenblick, als er über sie fiel, hatte er sich durch einen Blick
in seinen achteckigen Handspiegel in einen weißen Tiger verwandelt, zerriß
die Katze. Blutend schlugen und bissen sie sich am Boden unter dem Geheul
der Weiber; da schlug Ngoh der Hexe den Kopf ab.
Er stand lachend da, freute sich blutrünstig über die schmale rote Lache am
Boden, während die andern durch die finstern Gänge liefen, sich zu waschen
und von dem Anblick des toten Dämons zu befreien.
Das Kind der Nebenfrau war gerettet. Ngoh erhielt vom Kaiser ein
Pfefferminzsäckchen geschenkt.
Bei seiner nun folgenden Tätigkeit im inneren Hofdienst wurde Ngoh den
Waffen rasch entfremdet; er mußte sich in die Intrigen, die
Klatschträgerei, die Eunuchenatmosphäre einfügen. Er hatte schon eine
gewisse spielerische und leidenschaftliche Richtung in sich, der er nun
ausgeliefert wurde. Er verliebte sich in den vierzehnjährigen Jungen einer
armen Gärtnerswitwe, namens King-tsung, stattete den Jungen völlig aus,
nahm ihn zu sich in seine Wohnung, machte viele und feine Gedichte auf ihn.
In den Zimmern des ehemaligen Soldaten lagen Schminktöpfe, Parfümflaschen,
gestickte Überwürfe herum; der eitle Knabe, der ein weibisches Wesen hatte
und nicht ohne gewisse Grazie war, lag auf den Knien des Dämonenbezwingers
und ließ sich lächelnd von dessen demütigen Lippen küssen und Konfekt
reichen.
Sie liebten sich, bis der Junge, der in seidenen Kleidern wie ein Prinz
stolzierte, behauptete, Ngoh schenke einem andern Knaben mehr als ihm und
davonlief. Tagelang weinte Ngoh fassungslos auf seinen Zimmern; die
Gärtnersfrau brachte den Knaben zurück, der böse Streiche bei ihr gemacht
hatte. Ngoh verzieh ihm, auch als er gestand, daß ein Eunuch ihm nachstelle
und daß er schon Geschenke von ihm angenommen habe. Nach und nach erfuhr
Ngoh Einzelheiten von dieser Freundschaft, erfuhr, um wen es sich handle
und wurde darüber so betrübt und angeekelt, daß er wieder anfing, zu
bitten, man möchte ihn zum Wachdienst auf der Mauer zulassen. Er war dabei
keineswegs böse über den Jungen; aber der merkte eine Veränderung in der
Art seines Freundes.
Und ob er nun durch den längeren Umgang mit Ngoh feiner und empfindsamer
geworden war, er wurde zusehends stiller, verfiel in Schwermut, aß
wochenlang kaum, lag in dauernder Abwesenheit. Der Hauptmann verzehrte sich
an dem Bett seines Lieblings vor Schmerz, verließ die langen Wochen der
Krankheit die Wohnung nicht. Endlich genas der Knabe. Ihre Freundschaft
glühte, sie waren sich zugetan wie nicht zuvor. Man übersah zwar in diesem
eigentümlichen Kreis die Merkwürdigkeiten der Menschen, aber über die
Verliebtheit des tapferen ernsten Ngoh lachte man allgemein. King-tsung war
ein großer verzärtelter Bursche; der Hauptmann behandelte ihn, als wäre er
empfindlich gegen einen Windstoß, fuhr ängstlich bei dem bitteren Blick des
Knaben auf.
Nicht dem Hauptmann, der zu sehr in seine Empfindungen versunken war, fiel
das Naserümpfen der Umgebung auf. Der Knabe, noch von seiner Krankheit
reizbar, geriet in Zorn über Ngoh, der ihn zum Gelächter machte, beschloß
sich von ihm zu trennen, ließ sich willig von einem andern Hauptmann, der
mit ihm über Ngoh spottete, kapern. Ngoh wanderte ohne Besinnung auf den
Mauern der Tatarenstadt, fiel im Palast in eine lange Ohnmacht, raste;
Freunde hielten den Mordlustigen zurück. Sie beruhigten den Mann schwer,
dem noch nicht die Augen über sein sentimentales Verhalten aufgegangen
waren.
Als er seine Verzweiflung heruntergedrückt hatte, sann er, was tun für
sich. Heer und Soldatentracht war ihm verleidet; in der Roten Stadt mochte
er nicht bleiben. Er ließ sich an das Flußtransportamt zu Süen-kwa am
Yang-ho versetzen. Hier brachte er in eifriger Tätigkeit, mit Reiten,
Segeln, Versemachen seine Zeit hin, wurde auf seinen Wunsch weitere drei
Jahre da belassen, rückte in eine höhere Stelle auf, steigerte den Verkehr
und die staatlichen Einnahmen während seiner Amtszeit nicht unerheblich.
Nach Schluß seines Dienstes in Süen-kwa machte er noch eine kleine Reise
zum Besuch eines Oheims in Ta-tung; von dieser Reise kehrte er nicht
wieder; man mußte ihn, nachdem er ein halbes Jahr gesucht war, aus den
amtlichen Listen streichen. Es wurde ein Verbrechen der Nan-kuräuber
angenommen. Aber Ngoh war zu den Wahrhaft Schwachen gegangen, eben in dem
Augenblick, als sie aus dem Dörfchen zogen und Wang-lun sie verließ.
Dies war für die sonderbare Gesellschaft, die um die Schönn-i genannten
Klippen herumpilgerte, um ostwärts nach dem berühmten Nan-kupaß zu wandern,
der erste Augenblick des Schreckens und Staunens, als ein einsamer
eleganter Mann auf seinem Maultier hinter ihnen trabte und mit zweien von
ihnen zu plaudern anfing. Sie zogen durch das lange schmale Tal; der Reiter
folgte. Ngoh folgte in einem unsichern Gefühl; es war im Grunde der Anblick
eines jungen Burschen, den er mitten in dem Zug bepackter und zerlumpter
Vagabunden erblickt hatte, der ihn fesselte und beunruhigte. Er wußte
nicht, daß dieser Bursche eine Ähnlichkeit mit seinem treulosen Freund in
der Roten Stadt hatte. Die Männer erzählten vieles; es schienen Sektierer
zu sein, die den Behörden zur Last fallen würden. Mittags lagerte er,
lachend über sich, aber irgendwie froh, hoffnungsfroh, unter den Gesellen,
die ihn wie ihresgleichen behandelten.
Es war eine tolle Umgebung, in der er sich befand, er war beruhigt, in
nicht faßbarer Weise angelangt. Sein Oheim in Ta-tung drängte nicht; man
muß die Fische fangen, wenn sie kommen; und das Wetter war voll Pracht,
schwer von Schnee, wie wenn ein Kind sich über einen Abgrund bückt, seine
seidenen Überhänge, dünnen Schals werden bauschig von dem Wind aufgebläht,
über seinen Kopf weg, man sieht nur die wallenden Schleifen, Tücher, bunten
Schwellungen, glaubt dazwischen lustige verschmitzte Augen zu sehen,
schlagende Hände, und ab und zu weht wirklich ein Ingwerduft herunter an
eine saugende Nase.
Ngoh in der Mandarinenmütze, braunem dicken Pelzwerk, pelzbesetzten Schuhen
kauerte neben einem Teekessel am Boden; sein Maultier neben ihm; eine
einzige Tasse wanderte in dem Kreise der sechs Männer; Ngoh trank mit einem
starken Vergnügen. Ehe es dunkel wurde und sie in Höhlen Feuerchen
schlugen, sagte er mit leiser Stimme, daß er bei ihnen bleiben möchte.
An dem nächsten Tage trat die Notwendigkeit an ihn heran, sich zu
entscheiden. Ma-noh erklärte ihm vorsichtig, daß sie die Geschenke aus dem
Dorf aufgezehrt hätten; es müsse jeder für sich und für einige Schwache
sorgen; ob er sein Pelzwerk verkaufen und gegen Reis und Bohnen eintauschen
wolle in dem nächsten Dorfe, wenn er bei ihnen bleiben wolle. Der Priester
überlegte dabei, wie der vornehme Mann mit den kühnen Augen auf dem
Maultier aussehen würde, wenn er in dickwattierten Kitteln wie sie ginge
und die Almosenschale ausstreckte.
Ngoh sagte nicht nein; er bat sich einen Tag Bedenkzeit aus. Er verlangte
nur einen Tag Bedenkzeit, weil er das Gefühl hatte, als ob er ein
Nachdenken über seine Situation nicht länger ertragen könnte; er wollte
hindurch durch diese Wand. Er zog sich dumpf in sich zusammen. Die
Gelehrsamkeit des Menzius hatte ihm nichts genützt, die Lieder des
Schi-king kannte er auswendig mit ihren Kommentaren. Sie hatten nicht
verhindert, daß ein großäugiger Knabe mit schlanken Beinen ihn verriet, ihn
verhöhnte.
Brüllend brach es da wie ein Tiger in ihm aus, lief auf dem Wege vor ihm
her; er könnte in starrer Wut zuschlagen, wenn er nur ein Schwert in den
Händen hätte. Es sprang ihn wie ein Tiger an, den er mit gespreizten
Fingern erwürgte, eine halbe Stunde als Leiche vor sich in den Händen hielt
und schlenkerte. Ein großäugiger Knabe mit rotgeschminkten Backen;
King-tsung. Er rang mit ihm, legte sich atemlos an die eisige Erde. Man
ließ ihn still liegen.
Er kaute heftig, kaute mit zusammengeschlagenen Kiefern, so daß er das
Spiel seiner Backenmuskeln fühlte, betrachtete angestrengt zwei grüne
kantige Steine, die aussahen wie rohe Jade.
Aber es war doch unwahrscheinlich, daß sich hier rohe Jade auf dem Wege
finden ließ; vielleicht hatte sie einer verloren.
Aber es war rohe Jade; hier handelte auch niemand mit rohen Jadesteinen.
Ngoh griff vorsichtig an seinem Mund vorbei nach einem und dann nach dem
andern, fühlte sie in der geschlossenen Hand ab, wollte sie jedenfalls
aufbewahren, in Süen-kwa, wo gute Steinschleifer wohnten, bearbeiten
lassen.
Wenn sie gerieten, könnte er sie an einer Gürtelschärpe anbringen lassen in
einer Weise, die er sich schon vor einigen Jahren ausgedacht hatte,
zwischen einer grünen und lila Stickerei.
Ja, das konnte man mit diesen merkwürdigen Steinen machen.
Die beiden letzten Männer des Zuges bogen um eine Ecke der winkligen
Straße, sie ließen sich beim besten Willen nicht mehr erblicken. Sie gingen
jetzt vielleicht geradeaus, dann rechts und links, rechts und links.
Ngoh suchte.
Sie gingen vielleicht rechts und links.
Diese schneeschwere Luft, dieses neblige Grau an den kahlen Hängen,
fuderhoch über dem Geröll, über das man trat, diese weiche gespenstige
Masse, die sich nicht ausschütten und reinigen wollte. Man konnte sie mit
den schaufelnden Armen nehmen, sich an die Ohren drücken.
Plötzlich fiel ihm ein: »Lotosblumenlampen, Lotosblumenlampen, heute zünden
wir euch an, morgen seid ihr abgetan.« Das Kinderlied flimmerte beharrlich
in ihm und ermöglichte ihm, den linken Arm aufzustemmen, die Knie zu
biegen, das linke Bein vorzustellen, zu gehen. Und schon bog er selbst um
die Ecke des Weges, lief, so rasch er konnte, hinter dem Zuge her.
Er schloß sich vier Männern an, von denen einer, ein buckliger mit sehr
klugem mageren Gesicht, vorgewölbten Augen, aus einer Sutra vorlas,
langsam, so gut er bei seiner Atemnot konnte. Ngoh hörte auf das alberne
Gewäsch. Die vier Männer kniffen aufmerksam Stirnen und Lippen zusammen.
Der Fremde mischte sich nicht ein. Zwei grüne kantige Steine drehte er in
den Händen her und hin, hob sie vor den Buckligen mit dem Sutrablatt,
fragte, ob er glaube, daß dies Jadesteine wären. Der sah ihn an, dann
prüften die vier ernst die Stücken, rieben sie gegeneinander, leckten mit
der Zungenspitze daran. Sie schüttelten nacheinander die Köpfe; der
Bucklige gab mit Ausdrücken des Bedauerns die Steine zurück.
»Ich wollte mir«, sagte Ngoh nachdenklich mit ihnen marschierend, »eine
Schärpe mit grünen und blauen Stickereien machen lassen; daran sollten die
Steine angebracht werden in einer Weise, die ich mir vor einigen Jahren
ausgedacht habe. Aber wenn ihr meint, daß es keine echten Jade sind, so
werde ich mir keine Schärpe machen lassen.«
Der Bucklige hob sein Sutrablatt, strich ein Quadrat in der Gebetspyramide
darauf mit Holzkohle aus. »Wir wollen noch einmal die Sutra lesen von der
Kleinen Überfahrt.«
Ngoh ließ den Tag bis auf den letzten Tropfen der Wasseruhr verrinnen.
Es war ein schöner, einhüllender Abend.
Er gelobte die Armut, die Ruhe, das Nichtwiderstreben. Verlangte keine
Versuchszeit, flüsterte, er schlösse sich ihnen an; dabei machte er eine
kühle abweisende Bewegung, eine einsargende glättende Bewegung.
Der sehnige Mann stand am nächsten Tage um dieselbe Zeit des
Sonnenuntergangs dreißig Li von der Felsenkammer entfernt, in der Ma-noh
ihm seine zobelverbrämte Mandarinmütze abnahm, den kostbaren langen
Pelzmantel auszog. Er sah ärmlich aus wie alle. Die Männer kauerten auf dem
grasbewachsenen weichen Waldboden; sie schöpften Hirse und Hundereis aus
Kesseln, tunkten in Näpfe mit Essig.
In zwei drei Tagen war die Ebene erreicht; da mußte man sich trennen bei
Tag, betteln. Die Städte kamen, Pe-king kam.
Ngoh hörte auf das metallene Klappern der Näpfe, Gefäße, Eßstäbchen.
Er schloß mit einem harten Ausdruck die Augen. Er schnappte krampfhaft
Luft, saß gerade da.
* * * * *
Die auffälligste Wandelung der nächsten Wochen bewirkte der Zustrom von
Frauen und Mädchen, der bald, nachdem man in die Ebene stieg, einsetzte.
Wang-lun hatte gesagt, es sollte niemand, der Mensch war, von ihnen
zurückgewiesen werden; wenn Frauen kämen, sollten sie getrennt von ihnen
sich aufhalten, getrennt lagern; man sollte sich nicht durch Lüste in das
Fieber des Daseins stoßen lassen; geschähe das öfter, so sei es besser, man
schließe die Frauen aus. Dies war klar, und daran hielt man sich. Es war
niemand gezwungen, bei den Wahrhaft Schwachen zu bleiben; wer glaubte, die
Wanderung über die Erde ohne ihre kurzen glühen Süßigkeiten nicht zu
ertragen, durfte umkehren.
Jenseits des Liu-li-ho kam Liu, ein tüchtiger etwas zappliger junger
Mensch, der ein schwatzhaftes gutmütiges Wesen hatte, mit einer älteren
Frauensperson nach einer zweitägigen Abwesenheit an. Man wollte für ein
paar Tage in dieser sanftwelligen Gegend bleiben, traf sich abends in den
verlassenen Ställen eines reichen Stierbesitzers unfern einer schlecht
gepflegten Pagode. Daß ein Weib da war, sprach sich herum; daß Liu es
mitgebracht hatte, erregte allgemeines Schmunzeln; zweifellos hatte sie ihn
bewogen, sie zu heiraten.
Es war die kinderlose Witwe eines Teewirtes, die mit ihren schwarzen
Pumphosen, schmutzigem Kittel und einem vergrämten breiten Gesicht vor der
Stalltür erschien, nach allen Seiten Verbeugungen machte, süßliche Mienen
zog. Sie hatte sich einsam gefühlt. Als ihr Liu unaufgefordert bei der
schweren Arbeit half, beim Wasserschöpfen und Eimertragen, glaubte sie, er
mache sich lustig über sie, war dann geschmeichelt, hörte sein maniriertes
Gerede an von Wang-lun, von den Nan-kubergen, und daß sie in keine Klöster
gingen, sondern überall auf den Straßen und Feldern wohnen würden. Und
welch Zauberer Wang-lun sei; sie hätten so viel, so viel zu erwarten.
Die Witwe sah den jungen Liu, klagte ihr Los; Liu half, redete dies und
das. Sie gab ihm ihr Zimmer zur Nacht, indem sie erzählte, sie hätte ein
anderes; saß die Nacht auf dem Feld ihres Herrn in einem Schober, dachte,
ob sie versuchen sollte, ihn zur Heirat zu bewegen.
Verführungskünste, die sie am nächsten Morgen beim Betreten ihres Zimmers
übte, mißlangen; Liu merkte nichts; sie kam sich dumm vor.
Dann gab es ein Wetteschnattern zwischen beiden; sie fragte nach allen
Männern an der Pagode, Liu antwortete, sie fragte, wiederholte, Liu
wiederholte.
Als der zapplige Junge abends mit einem kleinen Reissack am Arm gehen
wollte, nahm sie einen zweiten Reissack, sagte, sie würde mitkommen.
Worüber Liu nicht erstaunt war, sondern erklärte, dies sei sehr schön, dann
könne er ihr über Ngoh und Chu noch weiter erzählen; Ngoh sei nämlich ein
erstaunlicher Mensch und werde bald mit Ma-noh Führer ihres Bundes sein.
Die Witwe war froh. Unter den Männern tat man gleichgültig und zuvorkommend
zu ihr; Liu, der sich nicht um die Frau kümmerte, erwarb sich allgemeines
Lob, worüber er sich freute. Die Frau pflegte in der nächsten Zeit zwei
Kranke, denen die Füße erfroren waren, zimmerte einen Karren für sie,
dessen Teile sie zusammenbettelte.
Nach vier Tagen ging sie in das Dorf herüber, half einem Schreiner beim
Sägen den hellen Tag für ein paar Käsch, erzählte Bekannten von ihrem neuen
Leben, kam mit ihrer fünfzehnjährigen schönen Nichte und einem dicken
asthmatischen Weib, der Ehefrau eines Schmiedes, zurück. Auch diese blieben
bei den Wahrhaft Schwachen.
Die Frau des Schmiedes war kinderlos, die Nebenfrau hatte sich völlig zur
Herrin des Haushalts aufgeworfen; die rechtliche Frau fühlte sich ihres
Lebens nicht sicher. Sie meinte, daß die Nebenfrau ihr eines Nachts einen
Werwolf aufs Bett geschickt hätte; von der Zeit rühre ihre Atemnot her. Es
kam ihr überhaupt nicht geheuer in dem erbärmlichen Hause vor, das nur aus
einem stallartigen Zimmer hinter der Schmiede bestand. Daß das Kind der
Nebenfrau nicht von dem Schmied herrührte, sondern von irgendeinem
abscheulichen Wesen, dessen Natur sie noch nicht genau kannte, war ihr
sicher. Die fünfzehnjährige Nichte jener Witwe war gut befreundet mit
dieser jugendlichen Nebenfrau des Schmieds. Als die Witwe kam, von den
Brüdern erzählte, die Schmiedfrau hoch erregt hörte, welchen kräftigen
Zauber diese Männer verstanden, verabredeten sie und beschworen sich
gegenseitig, daß sie sich nicht verlassen wollten; die Frau wollte aus der
Wohnung heraus, die unter bösen Einflüssen stände, später zurückkehren,
wenn sie starke Beschwörungsformeln gelernt hätte bei den Brüdern. Fest
entschlossen sich so zu rächen stand das dicke Weib auf. Sie erklärte aber,
als sie schon an der Hinterwand der Schmiede abends standen, die Nichte
ihrer Freundin müsse mit. Sie säße oft sehr lange mit der Nebenfrau
zusammen; aber unter der Diele des Wohnzimmers scharre eine große Ratte,
und man könne nicht wissen, was in diesem Hause entstehe zwischen dem
begehrlichen Tier und dem arglosen Mädchen.
So nahm denn die Witwe, beunruhigt und kurz entschlossen, ihre Nichte, die
sich sträubte, aus dem Dorf, und sie zogen zu dritt nach der Pagode. Es war
in den Scheunen schon ganz still; die drei legten sich in eine Ecke auf
Bettzeug, das das junge Mädchen hatte unter beiden Armen mitnehmen müssen.
Frühmorgens sammelte die Schmiedfrau seufzend und zerdrückt ihre Knochen;
die Nichte kraxelte wie ein Hühnchen hinter ihr her, die sich resolut bei
diesem und jenem Mann erkundigte, wer am stärksten von ihnen sei und was
sie tun sollte. Ein zittriger Mann, der mit einem Stock in dem Sandboden
stocherte und sich ein Loch für seinen Wasserkessel wühlte, gab ihr am
umständlichsten Bescheid, ohne sie nur einmal anzublicken. Sie fühlte sich
sehr angezogen durch das gelassene Wesen des Mannes, der ihr überall
beistimmte. Er sagte, es würde wohl bald zu Ende sein mit den Werwölfen,
Nachtmahren, wenn erst viele recht tüchtig gegen sie vorgingen. Die
Wahrhaft Schwachen hätten ja noch zu ganz andern Sachen Beziehung; sie
werde schon noch hören, für die Bündler sei alles nur eine Kleinigkeit,
zweifellos Werwölfe seien eine Kleinigkeit. Zum Beispiel Wang-lun --. Er
trat ihr auf den Fuß und bat sie weg zu gehen, weil er Platz brauche.
Die Frau, hoch befriedigt, hörte zu. Ihr gefiel besonders, daß offenbar
jeder einzelne, Mann oder Frau, ohne Vermittlung eines kostspieligen Wu das
Nötige bewirken könne.
Die Nichte kükelte steifbeinig, mit scheinheiligen Äuglein hinter der
Schmiedfrau, ratschlagte, wann sie fortlaufen sollte. Wenn sie nur nicht zu
Hause saftige Schläge erwartet hätten. Vielleicht verjagte oder verkaufte
man sie. Chu sah sie im Vorübergehen mit ihren tränenschwitzenden Augen,
einen Schleier vor dem flennbereiten Mund. Er lachte über dies wuschlige
widerspenstige Mitglied. Sie vertraute sich ihm an, um ihn auszuhorchen. Er
gab ihr Bescheid, daß sie keiner holen würde. Sie ging mit drei Männern
schmunzelnd fort, die er beauftragt hatte.
Nonnen, Pilgerinnen, Bettlerinnen, Verunglückte jeder Art nahm der Bund in
großer Zahl auf. Um die Zeit, als Wang-lun den Westfuß des Tai-ngan umging,
die Binsenruten auf den Winteräckern geschnitten wurden und der erste Regen
fiel, wälzte sich der Strom der Wahrhaft Schwachen in mehreren Betten durch
die westliche und südliche Ebene von Tschi-li.
Aber weder die Aufnahme der Frauen, noch die Zersplitterung wurde von so
großer Bedeutung für das Schicksal der Wahrhaft Schwachen, wie die
Veränderung, die Ma-noh erlitt. Dieser ehemalige Fopriester von der Insel
Pu-to-schan, Sonderling und Krähenfreund auf Nan-ku, hob sich draußen mit
einer fürstlichen leidenschaftsvollen Gebärde auf, begrub unter dem Wallen
und Stampfen seines entfesselten Stolzes einen großen Haufen der Wahrhaft
Schwachen und sich selbst in der nördlichen Ebene von Tschi-li.
In Pa-ta-ling hielt Ma-noh nur gefesselt, was in Wang vorging. Ein Gefühl
aus mütterlicher Angst, Ehrfurcht, Entzücken füllte den kleinen hageren
Mann. Als Wang seufzte am Morgen und allein fortzog, blieb Ma-noh in
völliger Ratlosigkeit. Er saß in der kahlen Gerätekammer, betrachtete seine
aufgetriebenen Fingergelenke, die Buddhas, die er vom Karren hereingetragen
hatte, die armgroße Kuan-yin mit den tausend Gliedern aus Bergkristall, die
auf dem Fensterbrett stand. Strolche, Diebe und Mörder waren seine
Gesellschaft; es hieß wandern, wandern. Vielleicht sah man ab und zu eine
Zibetkatze, gleich der fetten alten, die jeden Abend mit der gepolsterten
Schnauze gegen seine Tür stieß und wie ein Sperling piepste; sie lief jetzt
wohl in seiner Hütte herum, schnüffelte, oder es nistete ein Strolch
drinnen, pelzte dem verdutzten Getier Steine auf. Krähen gab es überall,
man wird andere Krähen sehen. Was sollte er unter den Wegelagerern? Wang
war nicht mehr da. Es hieß wandern, nicht widerstreben, wahrhaft: nicht
widerstreben. Das Wort hatte keinen Sinn ohne Wang. Hohl blaffte die Lehre
Wangs: »Was nützt alles Toben und Ankämpfen, wenn das Schicksal seinen Gang
geht? Was nützt alle Anspannung, wenn das Schicksal mit Glück, Erfolg,
Krankheit, Übersättigung nichts als ersticken kann?« Das war ein
sonderbarer Feiertagsstaat für Bettler!
Mißtrauisch, in sich versunken ging er mit den andern. Er sprach an dem
Tage wenig. Ihm fiel, während er träumte, die letzte Nacht ein, und er
hätschelte eine schlimme Sehnsucht nach der tiefen, harten Stimme Wangs.
Erst schob er selbst den kleinen Karren mit seinen überdeckten Buddhas,
lehnte es bissig ab sich helfen zu lassen. Nach ein paar Li als es aufwärts
ging, erlahmten seine dürren Arme, er mußte die Deichsel abgeben. Die
Müdigkeit steigerte seine Ungeduld, die ganz klein, quälend rasch an seinen
Muskelbündeln wie an winzigen Gitarren zupfte. Er setzte sich auf einen
runden Granitblock mitten auf den Weg.
Der Zug staute sich. Ma-noh merkte nach einer kleinen Zeit, da er mit den
Blicken immer stier den Schneeboden schaufelte, daß alle haltmachten. Er
wollte gereizt aufspringen, den Mann an seinem Karren anfahren, wurde durch
die ernsten erwartungsvollen Mienen entwaffnet, sah um sich. Er gurgelte
rasch: »Weiter.« Rümpfte beschämt die Nase. Es war lächerlich: diese Leute
warteten auf seine Befehle, durchtriebene Gesellen warteten auf den Wink
eines Fopriesters, um zu wandern. Wie würde der große Prior auf Pu-to
lachen! Er Bandenführer, Räuberhauptmann.
Erst jetzt fiel ihm ein, daß er an Wangs Stelle stand. Aber das wollte er
nicht, er brauchte selber Wang. Im Augenblick ergriff das »Ich will nicht«,
das Verlangen nach Wang auf eine gewaltsame Weise seine Därme, quetschte
seinen Schlund hoch, melkte seinen Speichel. Verzweifelt drückte er die
Arme vor die Brust. Er kam sich rettungslos verloren vor. Sein Gehirn
schwindelte, seine Haut kochte bei der Vorstellung, daß Wang auf einmal weg
sei und alles sinnlos geworden, die freudige Niederlage unter ihm, der
Abstieg ins Dorf, die Wanderung der Massen vom Paß. Alles durchlöcherte,
entleerte seine Brust, pfählte seine Wirbelsäule.
Er stand an Stelle Wangs: diese starklaunige, plötzlich anspringende
Vorstellung schüttelte an ihm.
Er roch mit einer wabbligen Übelkeit im Munde sein altes Leben. Wang konnte
ihm entgleiten: was sollte er tun? Er fürchtete sich, er greinte.
Nur sich besinnen, nur sich besinnen! Wo war Wang-lun? Die Strolche und
Bettler um ihn debattierten. Ma hörte die heiligen Gedanken, die Wang aus
ihm gesogen hatte. Über den einfältigen Männern lag der Rausch des
gestrigen Tages und der Nacht. Er sah sie an, von seinem Trübsinn
verschluckt; er arbeitete sich heraus, in Furcht zurückzufallen. Die weiche
Stunde zwang er sich vor Augen, in der er den schneeschweren Himmel
betrachtete und Wang zum erstenmal liebte. Er wollte das noch einmal
erleben, nur dieses Erlebnis hatte Schwingen.
Den Strolchen näherte er sich; wieder sah er sich mit leiser Qual in der
Rolle des Lauschers, im Anschmiegen, Anlehnen. Wie sollte er Wang finden?
Sie marschierten, ihnen war der Fischersohn nicht fortgegangen. Ma mischte
sich schamlos unter sie. Er schmeichelte ihnen, simulierte, damit die
Strolche nichts merkten. Und unversehens atmete er ruhiger, unversehens
hatte ihre freudige Sicherheit die Löcher seiner Seele verkleistert. Er zog
seine schwarze Mütze aus Katzenfell über die Ohren.
Das unsichere Gefühl, daß die Männer, die er führen sollte, mehr von Wang
besaßen als er selbst, verließ ihn in den nächsten Wochen nicht. Er war
bisweilen nicht zu bewegen, eine Auskunft zu erteilen; es versenkte ihn in
eine zahnwetzende Wut; ihm schien, als ob man ihn in Versuchung führen
wolle. Man wollte ihm vorhalten, wer er war. Und wieder mußte er sich
zwingen und zu seinem Erstaunen gewahren, daß die Brüder an nichts dachten,
ihm vertrauten. Ja lächerlicherweise eine Ehrfurcht vor ihm hatten, die
sich nicht viel von ihrer Empfindung gegen Wang unterschied. Er antwortete
ihnen unter schmerzvoller Hemmung. Sie wollten, so schmählich es war,
ersichtlich nichts zwischen ihm und sich; Wang-lun stand nicht zwischen den
Bettlern und ihm. Sie boten sich selbst, freiwillig, drängend als Objekte
an. Er empfand es als Unsauberkeit, daß er diese Männer anwies, als
Schändung Wangs. Mit einer peinlichen gezwungenen Lüsternheit bewegte er
sich unter ihnen.
Er gewöhnte sich. Das tägliche Handeln schliff überscharfe Empfindungen ab.
Genötigt, sich stündlich zu äußern, zu entscheiden, kam er rasch in die
Nähe zu den Brüdern, die sie brauchten, in die des Führers. Er wirkte. Mehr
als Nachdenken befreite und löste das. Er schwamm über Widerstände. Er
fühlte sich gesättigt, über Zweifel gehoben. Die Stunden von Nan-ku fingen
an zu verdunkeln. Hart modellierten die neuen Aufgaben an ihm.
Die Lehre Wangs sprühte Kälte. Manche Charaktere, über die sie zuerst
geworfen war, mußten aufs Heftigste gegen sie rebellieren. Ungeschickte,
die jede Handfertigkeit verlernt hatten bei ihrem Gewerbe auf Nan-ku, in
armen Gegenden nicht das Notdürftigste erbettelten, geschlagen, tagelang
eingesperrt wurden: sie fanden sich mühselig, mißmutig zurück, waren schwer
zu bewegen, unter Menschen zu gehen. Ihre schiefen Blicke sagten, daß sie
bald an die Arbeit gehen würden, die sie gut verstanden. Ma-noh nahm sich
ihrer an; es konnte nicht im Plane Wang-luns liegen, die Hände in den Schoß
zu legen, unbarmherzig verderben zu lassen. Scharf waren andere zu
überwachen: der wanderte freudig herum, zog morgens munter ab, stellte sich
abends ein, belebt, vergnügt, zu vergnügt; er hatte einen Sippengenossen in
einer nahen Ortschaft gefunden, genoß in Ruhe seine Gastfreundschaft. Ins
Riesenhafte wuchs die Arbeit, als der Zustrom schwoll und man kaum erfuhr,
wer kam, Namen, Schicksal, ob der Neuling nicht gegen die drei kostbaren
Regeln verstoße, die Armut, Keuschheit, Gleichmut, was er erhoffe von dem
Bund der Wahrhaft Schwachen. Damals traten ohne weiteres ausgebrochene
Verbrecher in den Bund, um sich zu verkriechen; man mußte sie sich vom
Leibe halten oder aufnehmen, je nach ihrer Art, verstecken oder verjagen.
In dem einen Falle hatte man ihre Rache zu gewärtigen, im andern
Nachforschung der Ortspolizei, der Präfekturbeamten. Gelegentlich
bemächtigte sich die Polizei kurzweg einiger Männer und Frauen, die sie
verdächtigte, Verbrecher zu beschützen.
Es wuchs der »Ring der Frommen«, wie man sich unter den Brüdern ausdrückte.
Diese eigentümliche Vorstellung hatte die Masse selbst aufgebracht. Man
meinte, man könne allmählich in dem geschlossenen Ring der Wahrhaft
Schwachen durch die Gewalt der Versenkung jenes Letzte erreichen, das man
bald das Westliche Paradies auf dem Kun-lun nannte, bald den fünften
Maitreya, bald das Kin-tanpulver, welches ewiges Leben gewährt.
Ma-noh wurde heftig aus sich herausgerissen. Er wuchs in seine Aufgaben
hinein. Schwer gelang ihm die Besinnung auf den Nan-kupaß. Nan-ku war der
Geburtsort des Bundes; es waren erst Wochen um, seitdem der Fischersohn aus
Schan-tung von dem alten Wu-wei gesprochen hatte. Ma ging straffer in
seinem langen geflickten Priestermantel. Sein kleines spitzes Gesicht
ähnlich dem Antlitz einer Krähe. Unheimlich lebendig zuckte es über seine
niedrige, schrägfliehende Stirn, fuhren Gedanken um seinen liniendünnen
Mund. Während er mit mageren Händen gestikulierte, schlangen seine Blicke
Taue, die nicht losließen. Er redete hastig wie früher, aber mehr dringend
und gehalten. So sah das Boot aus, auf dem viele die Große Überfahrt
antraten.
* * * * *
Mit einer Gruppe von zweihundert Männern und Frauen trennte Ma-noh sich von
einer nordwärts wandernden. Sie waren nicht weit entfernt von Tschön-ting,
einer mittleren Stadt am Huto-ho, dessen Lauf sie dicht von seinem Austritt
aus dem Wu-taigebirge gefolgt waren. Ma-noh wollte sehen, möglichst bald
südlich von Tschao in die einsame Gegend des Sumpfes von Ta-lou zu kommen.
Ihn drängte es aus Gründen, die er nicht faßte, in eine sehr ruhige
Landschaft. Bei Tschön-ting vergrößerte sich Mas Gruppe um eine Anzahl
Männer und Frauen.
Die junge Frau Liang-li, die gestützt auf zwei Dienerinnen angetrippelt
kam, die schönste Frau der Stadt, stammte aus dem berühmten
Tseu-Geschlechte, dem unter anderm der große Zensor Tseu-yin-lung
angehörte, der zur Zeit des Mingkaisers Schi-tsung wirkte. Frau Liang, als
sie noch Mädchen war, hing sehr an ihrem Vater, der hohe Staatsämter
bekleidet hatte, dann als reicher Mann in Tschön-ting seinen Ahnen und
seiner Familie lebte. Die zarte Mutter Liangs, Tseus rechtliche Frau,
kränkelte jahrelang. Die sehr energische Tochter ließ die beiden
Nebenfrauen nicht aufkommen, sie besorgte die jungen Geschwister zusammen
mit ihren Dienerinnen, stand dem Vater zur Seite in der Verwaltung seiner
großen Güter. Tseu liebte sehr seine feine Frau, für deren Heilung er sein
halbes Vermögen hingab. Jeder Wu, jeder Exorzist, der neu in die Stadt kam,
erfuhr, daß er sich seine ersten Taels bei Tseu verdienen konnte. Ganze
Prozessionen veranstaltete Tseu zur Heilung seiner Frau, die zunehmend
schwächer und heller wurde, ab und zu tagelang aus Mund und Nase blutete
und dabei ängstlich jammerte. Sie blieb auf einmal weg, und kein Brennen
der Fußsohle, keine Nadelstiche unter die Fingernägel weckten sie.
Es mag wohl der furchtbare zähe Vampyr, der die Frau aussog, noch nicht
genug gehabt haben; jedenfalls wurde der sehr frische Mann, ein
vorzüglicher Boxer und Ringkämpfer, nach dem Tode seiner Frau in einer
nicht natürlichen Weise traurig. Und es geschah etwas, das über die Tore
des Tseuhauses hinaus nicht ruchbar wurde: der Witwer suchte sich in einer
Mondnacht, nachdem er seinen Ahnen Kerzen angezündet hatte, in einem
kleinen Teich zu ertränken. Unruhig gemacht durch den nächtlichen
Kerzengeruch warf sich Liang einen langen Mantel um, rannte vergeblich
durch das Haus nach dem Vater, stürzte in den Park. Sie zog den Vater aus
dem Teich. Tseu genas völlig unter der Pflege seiner Tochter.
Aber seit dem schrecklichen Ereignis in dem Park veränderte sich sein
Verhältnis zu der schönen Liang. Es kam etwas Gedrücktes in sein Benehmen.
Er wich ihr aus, hängte sich an die beiden jungen Nebenfrauen, deren Reize
der Witwer erst jetzt zu empfinden schien. Der Mann, der in der Mitte der
fünfziger Jahre stand, betäubte sich an der Schönheit dieser Frauen. Die
Tochter verfolgte ihn. Ihr Haß auf die beiden Frauen schwoll über jedes
Maß. Sie verleumdete sie bei Tseu, setzte durch, daß er die jüngere, ein
harmloses, sanftmütiges Wesen, verjagte.
Aber es kam nicht zum Frieden. Liang legte die Trauer nicht ab um die
Mutter. Sie trug die Halskette, die Perlenschnüre der Toten. Die beiden
seidenen Beutelchen, die Lotosblattäschchen hängte sie sich an den Gürtel.
Zwei goldene Ringe, zwei silberne Ringe, Verlobungsgeschenke Tseus an seine
Frau, nahm sie aus dem Kästchen, schob sie sich über die Finger. Tseu wich
aus dem Hause. Er besuchte die Theater, besiegte öffentliche Preisringer.
Es sprach sich in der Stadt herum, daß er eine Geliebte in den bemalten
Häusern hätte. Ehe es mit ihm zu Ende ging in dieser verzweifelten Weise,
erschien sein Bruder, der damals als graduierter Literat in Ta-ming wohnte,
in Tschön-ting, um den schlimmen Gerüchten über seinen Bruder
nachzuforschen.
Er hielt dem zehn Jahre älteren Mann die Schande vor, die er auf das
Tseuhaus werfe, bewirkte bei einer erregten Bootfahrt, daß Tseu zugestand,
die Familie an der Aufsicht über die Liegenschaften zu beteiligen,
schließlich die verjagte Nebenfrau, die ihm draußen einen Knaben geboren
hatte, zur rechtlichen Frau zu erheben. Als die Brüder ernst im Hause
erschienen und der schönen Liang dies mitteilten, verneigte sie sich,
nachdem sie an ihren Ringen gespielt hatte, vor ihrem Vater, nahm
Halskette, Perlschnüre ab, legte sie vor Tseu an den Boden, bat, ihr vor
der Hochzeit des Vaters einen Gemahl zu wählen. Das war Hu-tze, der schon
nicht mehr hoffte, Liang zu besitzen.
Die beiden Hochzeiten gingen vorbei. Liang wohnte im Hause des Hu-tze, der
seine junge Frau innig verehrte. Der kluge kühle Mann vermochte nicht ihr
finsteres Wesen zu bannen. Zuerst lebte Liang ganz zurückgezogen und schien
gewillt, die Liebe des Hu-tze anzunehmen. Sie gebar ihm aber kein Kind. Da
glaubte er, es sei besser, wenn sich Liang in Gesellschaft begebe; auch
gewisse Steine vom Wege und Blumen ließ er in ihren Zimmern aufstellen,
damit sie sie gelegentlich berühre, denn in ihnen wohnen die Geister
ungeborener Kinder. Die junge Frau lachte über alles und folgte ihm.
Sie ging in die Wohnung ihres Vaters. Bei diesem Besuch traf sie ihn nicht
an. Sie trippelte in die wohlbekannten Zimmer, nahm aus einem Kasten, den
sie aus einer verhängten Truhe holte, die Andenken an ihre Mutter heraus,
die Verlobungsgeschenke des Vaters, die Perlenschnüre, das
Lotosblattäschchen. Dafür warf sie höhnisch lachend den Stein in den
Kasten, den Hu-tze ihr hatte bringen lassen. Sie war viel freudiger in den
folgenden Monaten, von einer hinterhältigen samtenen Zutraulichkeit zu dem
Mann, dem sie einen Knaben brachte. Beim Anblick des Kindes weinte die
schmalwangige Wöchnerin hilflos, verfiel in ein widerspenstiges finsteres
Wesen, mit häufigem Schluchzen, Fäusteballen, Wutausbrüchen, daß sie
verloren sei.
Sie ließ sich, sobald sie hergestellt war, in das Haus des Vaters tragen.
Ohne ihren Gatten zu sprechen, hatte sie sich in Hochzeitsschmuck geworfen,
aus Laune, wie sie ihre Dienerschaft beruhigte. Den langen Schleier trug
sie, Ringe, Armspangen, Blumen aus Federemail. So trat sie vor ihren Vater,
wie ihre Mutter in jungen Jahren anzusehen, im entschlossenen Gesicht die
scharfen Züge der Krankheit, verneigte sich und sagte, sie wäre da. Tseu
hieß sie willkommen und war entsetzt. Sie nahmen nebeneinander Platz zum
Essen.
Liang saß in glücklicher Laune neben ihrem Vater, dem das Herz zu zucken
begann, der von Schmerz, Sehnsucht, Grauen zerrissen war. Wie Mann und Frau
gingen sie durch die Zimmer; Tseu ließ seine schöne Tochter gewähren; sie
umarmte, küßte ihn. Sie umschlang seine Schultern ohne Scham. Sie
spazierten durch den dichten Park. Da lief Liang im Gestrüpp ihrem Vater
voraus, raffte den grünen Schleier, den sie sich um den Hals wand, warf
sich rückwärts, das Gesicht nach dem Vater zu, die Arme gegen ihn
aufgehoben, in den Weiher. Tseu brauchte lange Zeit, ehe er mit Hilfe des
herbeigeholten Gärtners die Frau herauszog; sie kam nach Stunden wieder zu
sich. Sie soll dann ihren Rettern geflucht haben, an der Brust des
trostlosen Tseu in Weinen, Vorwürfe und verwirrtes Geschrei ausgebrochen
sein. Sie ließ ihn nicht los, bis er sie willenlos umfaßte und unter Küssen
flüsterte, er wolle mit ihr sterben. Auf seinem Schoß streckte sie sich im
Zimmer; da schloß sie gegen Abend still die Augen, richtete sich auf und
sagte abwesend, daß sie nach Hause zu Hu-tze müsse. Die Sänfte Liangs ist
nie in den Hof Hu-tzes gekommen. Es kam nur, von einem fremden Läufer
getragen, am Morgen ein Brief von ihr bei Hu-tze an, daß sie sich wohl
befinde, daß es ihm und seinem Knaben, den zu gebären sie das Glück hatte,
wie sie hoffe, auch gut erginge; und sie werde ihm auch in der Zeit zugetan
bleiben, wo sie nicht bei ihm wohne.
Dann ist sie, verlockt von der Lehre des Nichtwiderstrebens, zu Ma-nohs
Gruppe vor Tschön-ting gestoßen, um arm, keusch und gleichmütig zu leben.
Dies war die schöne Liang-li, die sich im Lager von ihren Dienerinnen
trennen mußte. Denn hier war keiner Diener des andern. Sie ging, wie alle
lilienfüßigen Frauen, von einigen Männern oder kräftigen Frauen begleitet,
zu betteln, singen, Kranke zu heilen.
Frau Ching saß im hohen Kaoliang neben ihr. Dies war eine einfache
Gemüsehändlerin, die in äußerlich erträglichen Verhältnissen lebte; sie war
seit einem Jahre Witwe, besaß einen größeren Jungen von zwölf Jahren, dazu
ein verwachsenes skrophulöses, auch bösartiges Kind. Nach der Geburt des
unglücklichen Wesens hätschelte sie ihren älteren Liebling nicht mehr
lange. Sie wurde völlig von dem Kinde, das der Vater sein »Großväterchen«
nannte, in Anspruch genommen, je mehr sich seine Eigentümlichkeiten
herausstellten. Trotzdem sie überzeugt war, daß die hexende Hebamme an
allem schuld hatte, denn dies war schon das zweite unglückliche Kind, das
in der Straße von der Hebamme gebracht war, und trotzdem sie alle Aschen,
Wasser, Brandmale anwenden ließ, hegte sie ein Mißtrauen gegen sich selbst;
ob sie irgend etwas in der Schwangerschaft oder vorher versehen hätte, ob
sie sich vielleicht zu wenig aus einem zweiten Kind gemacht hätte, oder was
sonst. Sie beobachtete unausgesetzt das Kind. Von dem älteren wollte sie
kaum etwas wissen; sie meinte mißgünstig, daß er gerade Beine hatte; und
damit sei es ja gut. Sie bekam Zänkereien mit ihren Nachbarinnen, weil sie
glaubte, daß man sich über das Großväterchen mokierte; es kam zu
Streitigkeiten, weil Frau Ching schließlich fremde Kinder prügelte, die von
dem Kleinen beim Spiel gebissen oder gekratzt wurden. Denn das liebte das
Großväterchen sehr.
In der ersten Zeit, als das Kind zwei Jahre etwa alt war, versteckte sie es
in der Wohnung; sie hatte eine grenzenlose Liebe zu dem Wesen, bettelte es
in der stillen Wohnstube an, es möchte doch vernünftig sein, versuchte auf
eigene Faust absurde Heil- und Zauberpraktiken; das waren schöne Wochen,
wenn sie etwas Neues bei dem Kind anwandte und nun von Tag zu Tag
hoffnungsfreudig ihre Beobachtungen machte, sich hier betrog, da betrog.
Dann wurde sie, enttäuscht, wütend auf sich, daß sie wegen dieses Krüppels
mit aller Welt sich zerwerfen mußte, ließ das Kind herumliegen. Sie
schimpfte hart auf den Teufel, den man ihr aufgehalst habe.
Immer gewann ihre Besorgtheit die Oberhand. Sie brachte das Kind unter
Gespielen, bewirkte durch ihr abschreckendes Auftreten, daß keiner das
Großväterchen zu foppen wagte, ja, daß man Angst vor ihm hatte, sich von
ihm mannigfach tyrannisieren ließ, wodurch seine Unarten sich üppig
entwickelten. Es wäre beinahe dazu gekommen, daß sie sich des Kindes wegen
ganz isoliert hätte, wenn die Nachbarinnen nicht einsichtig gewesen wären.
Frau Ching nahm ein herausforderndes Wesen an; sie duldete kein Gespräch,
keine Andeutung auf ihr mißratenes Kind. Sie lebte sich in eine schroffe
Abwehrhaltung hinein, die nicht nur die Dinge um das Großväterchen betraf.
Ihre Gesprächigkeit, derbe Laune, verschwand unwiederbringlich. Sie war
eine jähzornige, wenig umgängliche Frau geworden.
Damals kam das große Gerücht von den neuen mächtigen Zauberern, die aus den
Nan-kubergen nach Süden und Osten herumzogen. Die Berichte häuften sich.
Ein heller Blitz fuhr in die Frau; sie lief in die Jamenhöfe, auf die
Marktplätze, wo man Geschichten erzählte, sog die Nachrichten ein, trug sie
mit sich nach Hause. Sie hätschelte das Großväterchen und den älteren
Jungen, sprach aufgeregt mit allen Bekannten ihrer Straße; übergab den
älteren Knaben, dazu ihre ganze Wirtschaft, als die Wahrhaft Schwachen sich
Tschön-ting näherten, dem Besitzer des Nachbarhauses zur Pflege, sagte, daß
sie auf ein paar Tage verreise, und wanderte in das Lager des Ma-noh. Es
erübrigt sich, zu berichten, wie es ihr und andern draußen erging. Sie
fanden nicht, was sie suchten und bemerkten schließlich, daß sie alles
Erdenkliche erreicht hatten. Man erfüllte ihnen keinen Wunsch; man entzog
ihnen jeden Wunsch.
Ma-nohs Haufe lagerte in dem üppigen Gelände westlich des großen Sumpfes
von Ta-lou.
Schon war der fünfte Monat gekommen.
Solche Milde und Süße wehte in der sommerlichen Luft. Gegen Abend schwommen
von den Blumenhängen um das Sumpfufer verwirrte Gerüche herüber, mit dem
Windhauch abreißend, klangartig; eine Schar betäubter versunkener Geister
flog in Phosphorfunken herüber, dunkelte über den Boden hin, suchte sich an
Menschen festzuhaken. Weit voneinander ab standen prächtige Katalpabäume
auf den langgestreckten Hügeln. Die dicken braunen Knorren schwellten in
buschigem grünen Zweigwerk auf, so dicht und reich, als könnten die Bäume
nicht genug auf einmal einatmen von dem blauen Wind, nicht breithändig
genug die goldigen heißen Tropfen des Yang auffangen. Jedes der
herzförmigen Blätter trug ein glänzendes Grün zur Schau, zeigte ohne Scham
das engmaschige Aderwerk seiner Eingeweide. Wenn die Lüfte vom Sumpf
herüberkamen, tremolierten die nackten Blättchen, schnellten an, warfen die
Geisterchen platt mit der Zunge beiseite, drängten sich verliebt
aneinander. Aus der schwebenden grünen Masse, dem hängenden grünen
Erdboden, hingen an Stengelchen bräunliche Fäden herunter und klappten ins
Gras, wie bräunliche sich windende Regenwürmer, die vom Fall erschlagen
wurden und das schöne Moos befleckten. Wo die Hügel abflachten und in die
Talmulden übergingen, wucherte der ornamentale Mikanthus, der mannshohe
starre Halm, die zebraartig quergestreifte Staude, unbewegliches sich
verjüngendes Gelb und Grün, an dem sich die Kugeln der blassen Regentropfen
mit ihren Spektren aufspießten.
Auf dem fetten Boden, den man von Westen her anfing zu brechen, lagerte in
Ruhe die Truppe Ma-nohs. Man erwartete die Ankunft Wang-luns, der schon die
östlicher vorgerückte Schar Chus seit einer Woche erreicht hatte.
Es war am siebenten Tage des fünften Monats, daß man einen jungen schwachen
Bruder herantrug, den man auf offnem Wege bewußtlos aufgefunden hatte. Das
fünftägige Fasten, das er sich freiwillig aufgelegt hatte nach einer
Entrückung, bekam ihm nicht. Den leichten langen Menschen, der eine Art
Kutte mit Strick trug quer über beide Arme gelegt, schleppte ein
baumstarker Mann im Soldatenkittel; der Mann bückte sich mit dem
schweißtropfenden Kopf weit nach vorn, um den Schatten seines riesigen
Strohhuts über das Gesicht des jungen Menschen zu werfen. Überall waren
Hütten und Zelte wie bei einer Armee aufgeschlagen; Ma-noh ließ zwanzig
Männer abwechseln, Bretter auf Segelkarren fahren hinter und vor dem
Haupttroß, weil die Kälte- und Feuchtigkeitserkrankungen unter den Brüdern
und Schwestern überhand nahmen. Unter den kühlen Katalpabäumen legte der
Soldat, Deserteur der Provinzialtruppen, den Kranken vor ein Zelt in das
trockene Moos, tropfte aus einem winzigen schwarzen Glasfläschchen eine
grüne Flüssigkeit auf die borkigen Lippen des Bewußtlosen, setzte je zwei
Tropfen hinter seine Ohren. Der Kranke seufzte, suchte die Tropfen hinter
den Ohren abzuwischen, kaute mit den Lippen, schlug die Augen auf. Der
Soldat sah ihm zu, kommandierte, er solle den Atem verhalten, jetzt langsam
atmen, jetzt den Atem verhalten.
Die Sonne war untergegangen. Ma-noh lehnte, bis die graue Dämmerung
heraufzog, gegen die Bretterwand seiner Hütte, zählte, rechnete, blickte
durch die hohle Hand nach den Sternen, griff sich an die Brust, lag mit der
Stirn am Boden: morgen war der Tag der Vollendung Cakya-munis, des Reinen,
des Schwertträgers der durchdringenden Weisheit.
Als Ma sich aufgerichtet hatte und in dem warmen Moos hockte, fing er
nachdenklich zu lächeln an, von der dunklen Luft eingerundet. Seine Augen
zwinkerten; gelblich standen sie in den schmalen Spalten, wie junge Hunde,
die aus einem halboffenen Koffer herausschnappten. Man ging mit
Papierlaternen an ihm vorbei, ein vielstimmiges glückliches Singen klang
aus dem Frauenlager von dem östlichen Hügel herunter. Von Zeit zu Zeit
harte gleichmäßige Männerrufe. Irgendwo betete man. Der undurchdringliche,
schwere, dickleibige Himmel drängte sich eng an die Erde, die ihm, wo ihn
die Sonne verlassen hatte, verwandt vorkam; mit Millionen blinkender Sterne
lispelte er ängstlich nach etwas Nahem, bettelte bei der Erde, die er sonst
mit kaiserlichem Gleichmut um seine geschwollenen Füße laufen ließ. Es
blökte ein klägliches »Wä wä«, näherte sich, umschwirrte, dumpfte gegen die
Holzlatten. Aus dem Bambusdickicht schwirrten Vögel herüber, flogen dicht
an Mas Zelt vorüber in die Mikanthusfelder. Ma schloß die Augen; er sah die
Satyrhähne, wie sie im Sommer auf Nan-ku und durch die südlichen Gebirge
flogen: türkisblaue Hörner, runde dunkle Augen in einem schwarzen Kopf;
feurig schwollen Brust und Bauch; auf braunem Mantel und braunen Schwingen
des kleinen Fliegers flimmerten die augenförmigen Ringe. Wie sie bellten.
Morgen wird man den Tag der Vollendung des herrlichen Cakya-muni feiern. Ma
bewegte sich nicht. Hier hielt man sich an ihn, vertraute ihm. Ihr Wohl lag
in seinen Händen. Er schmeckte eine Bitterkeit an seinem Gaumen und
schluckte. Es wird alles rudern, schwimmen, fliegen zu den Inseln im großen
Ozean, es wird alles gut geraten und ist alles gut geraten: die Boote
gerichtet, die Ruder bereit, das Steuer fest eingespannt. Kuan-yin hieß die
Schiffergöttin, die die Überfahrt leitete, am Bug stehend, dem Wind die
Richtung weisend. Sie lasen vor ihren Zelten, die Frauen sangen, lagen alle
gut im Schatten der Kuan-yin. Er der Bootsknecht, der treue Steuermann.
Sein Wohl lag in ihren Händen; er suchte sich zwischen ihren Handflächen,
wie er zermalmt, zerrieben, ins Gras gestreut würde. Der weise Prior von
Pu-to hatte ihm einmal die Schule nicht gegeben, den Unterricht der
Novizen, den er wünschte; es war ein weiser Prior; jetzt hatte er Novizen,
so viel er wollte, sie gingen mit ihm, wohin er wollte, und er war schon
nicht mehr stolz.
Ma-noh verbarg, über sich gebückt, sein kaltes Gesicht in den Händen. Und
er verbarg sich auch, daß er sie leise, scharf haßte, in einem tuckenden
unheimlichen Schmerz, den er hinter dem Brustbein spürte. »Wang-lun«,
seufzte er. Ma-noh sah ihn schon wie die andern, mythisch groß. »Wang-lun,
Wang-lun«, wimmerte Ma-noh; er fühlte in sich unklare Dinge regsam,
Wang-lun konnte alles schlichten. Was war dies für eine grausame Reise nach
Schan-tung zu der Weißen Wasserlilie, und er kam nicht, und er kam nicht
zurück.
Und er kam zu spät zurück. Wohin sollte das gehen? Sie wurden alle still
und klar, hoffnungsfreudig auf eine besondere Art. Nichts wurde aus ihm.
Seine goldenen Buddhas, die kristallene tausendarmige Göttin fuhr man im
Karren hinter ihm her als eine Speise, von der er nie aß. In der täglichen
Arbeit für die Brüder gab es keine Versenkung, keine Überwindung. Die vier
heiligen Stufen berührte er mit keinem Fuß mehr: nun in die Strömung
eingegangen, einmal wiedergeboren, keinmal wiedergeboren, Archat, Lohan,
sündenlos Würdiger, ja, der mit demselben Blick Gold und Lehm betrachtet,
den Sandelbaum und die Axt, mit dem er gefällt wird. Nichts, nichts mehr
von den Freudenhimmeln, wo sie auseinander weichen, die Geister des
begrenzten Lichts, die Bewußtlosen, die Schmerzlosen, die Bewohner des
Nichts und jene, die sind, wo es weder Denken noch Nichtdenken gibt. Mild
und stumm saßen auf dem Nan-kupasse die goldenen Buddhas vor ihm, die
Ohrlappen bis auf die Schultern gezogen, unter dem blauen aufgeknoteten
Haar die runde Stirn mit dem dritten Auge der Erleuchtung, weite Blicke,
ein aufgehelltes, verdunstendes Lächeln über den aufgeworfenen Lippen, auf
den runden schlanken Schenkeln hockend, die Fußsohlen nach oben gerichtet
wie die Kinder im Mutterleib. Nichts mehr von dem. Und auch nichts von
Wang, von Stille, Gleichmut; er nahm nicht teil an dem wachsenden Ring der
Frommen. Und nichts von anderem, anderem.
Morgen wird man den Tag der Vollendung des herrlichen Cakya-muni feiern.
Ma-noh nahm seine zitternden heißen Finger vom Gesicht, legte die Hände vor
der Brust aneinander, brachte die Finger in die heilige Mudrastellung,
bannte sich in der dunklen süßen Sommerluft.
Er erhob sich, schlug für seine Papierlaterne Licht, ging in die Hütten
einiger Männer, denen er mit einer starren Ruhe sagte, daß morgen der Tag
der Vollendung des Allerherrlichsten Buddhas wäre; sie sollten zur Feier
eine Barke der Glücklichen Überfahrt bauen. Als er zum Lager der Frauen
hinüber ging, bewegten sich rasch und durcheinander die bunten Laternen
nach dem andern Hügel hinauf, wo die Bretterstapel der Brüder lagen, die
zum Hüttenbau nicht benützt waren. Zwanzig Schritt vor dem ersten Zelt der
Frauen blieb Ma-noh am Abhang stehen, schwang seine Laterne, sagte sehr
leise, als drei Frauen zu ihm liefen, morgen wäre der Tag von Cakyas
Vollendung; die Brüder würden eine Barke der Glücklichen Überfahrt zimmern;
er bäte die Schwestern, an die hilfreiche Göttin der Überfahrt zu denken.
Am Morgen tuteten Muscheltrompeten vom Hügel der Brüder, fünf Stöße. An
dünnen Tauen zogen die Männer eine lange rohgezimmerte Barke aus dem Dunkel
der Katalpen hervor, schoben sie sachte, seitwärts und hinten stützend,
herunter mitten zwischen die Mikanthusstauden, die das Schiff wie Wellen
teilte. Eine lange Reihe von Mädchen und Frauen tauchte in den scharf
scharrenden Halmen auf; voran gingen junge Weiber, auf deren ausgestreckten
Armen eine riesige bunte Zeugpuppe lag. Sie drangen vor Ma-nohs Zelt.
Ma-noh stand im Freien, sehr schweigsam, im vollen priesterlichen Ornat,
mit der schwefelgelben Kutte und prächtiger roter Schärpe, die schwarze
vierzipflige Mütze auf dem Schädel; den Kopf gesenkt, die Hände in
Mudrastellung. Die Frauen mit der Puppe knieten hin. Es bedurfte einer
langen Zeit, bis er sie ansah. Sie baten, ihrer Puppe vom Geist seiner
Göttin aus Bergkristall abzugeben, ihrer Göttin das Licht zu öffnen. Ma-noh
schien übernächtig; er sprach matt. Er lag geraume Weile im Zelt, wo man
die Puppe neben die Kuan-yin an die Erde gestellt hatte; es schien, daß er
betete. Dann kamen die Frauen herein; eine hielt eine kleine Holzschale mit
einem roten Saft, in dem ein Stengel schwamm. Ma nahm den Stengel,
zeichnete der Puppe rote Klexe: Augen, Mund, Nasenlöcher, Ohren; nun konnte
die Puppe sehen, schmecken, riechen, hören, hatte eine Seele, war eine
Kuan-yin, Göttin der Barke.
Zehn Männer und zehn Frauen gingen an diesem Tage in die Nachbarschaft zu
heilen, zu arbeiten, zu helfen, zu betteln. Man betete lange Stunden auf
dem Mikanthusfelde in einer Reihe die Männer, in einer Reihe die Frauen;
vor dem Schiff Ma-noh. Eine Handglocke klingelte, man fiel auf die Stirn;
der Priester las eintönig vor; von Zeit zu Zeit fielen die Hörer ein. Als
die Sonne nicht mehr senkrecht strahlte, setzten sich Männer und Weiber
gemeinsam um das Schiff, an dessen Mast die bunte Göttin angelehnt stand,
zum Mittagessen hin.
Auf der Riesendschunke unter dem Zeichen des kaiserlichen Drachens segelten
sie früher. Zwergteufel, Schatten, harmlose Katzen mit vertauschten Seelen
kletterten früher an den Strickleitern und Masten herauf, sprangen an
Schiffsbord, stürzten sie, von hinten anstoßend, ins Wasser. Ertranken
nicht, wurden in ein anderes sehr stilles Land geschwemmt, zimmerten sich
eine Barke, an deren Mast Kuan-yin stand. Männer und Frauen lösten sich in
Gruppen, saßen und lagen im Gras, unter den Bäumen. Geschichtenerzähler
gingen herum, Springer und Gaukler zeigten Künste, ein paar ehemalige
Kurtisanen, die an verschiedenen Teilen des Tales musizierten, taten sich
zusammen, sangen, auf die Barke tretend, um die Kuan-yin ziehend Hand in
Hand, das Freudenlied von dem grünen Felsen; vielstimmig tönte das süße
feine Lied, oft wiederholt, über die niedrigen Hügel, von den Bäumen
zurückgeworfen.
Man glättete einen aufgeworfenen Erdhaufen auf der Höhe des Frauenhügels,
indem man rasch mit Brettern auf den Boden schlug, lud einen jungen
Eunuchen und eine großäugige schlanke Kurtisane ein, zu tanzen. Dann trat
zuerst der junge Eunuch auf den Platz, allen im Mikanthusfeld und auf dem
Abhang des Männerhügels sichtbar, mit den Gliedern einer Gazelle, aus
stolzen schwärmerischen Augen um sich blickend. Er trug einen gewöhnlichen
losen Kittel und lockere Hosen von schwarzer Farbe; jeder wußte, daß er
eine große Kleiderkiste aus Pe-king nahm, als er zu Ma-noh floh. In seinem
schwarzen lockeren Anzug, den Zopf im Knoten aufgebunden und nun die
leichten Arme angehoben, tanzte er.
Er ging, zappelnd im Kniegelenk, auf und ab, knixte langsam ein, bis er auf
seinen Hacken saß, zog sich ruckweise hoch und schlug die Arme, mit den
Handflächen nach außen, dichter und dichter über dem Kopf zusammen. Dann
stand er still, drehte das Gesicht zur Seite, so daß man sein strahlendes
Lächeln sah, und fing an, ein Bein vor das andere gestellt, sonderbare
Bewegungen mit Rumpf und Armen auszuführen. Er beugte sich weit nach
rechts, legte die Arme vor die Brust zusammen, beugte sich weit nach links,
führte den Rumpf im Kreis herum; löste nun, den Rumpf festgestellt, die
Arme, ließ sie seitlich flattern, ringeln, haschen. Er schwang die Arme
scharf herum, und wieder flatterten sie sanft, ringelten, haschten. Nun
stellte sich rasch ein kleiner Fuß vor den andern, trippelte auf der
Stelle, dabei flogen die Arme nach einer Seite und bis in die gestreckten
Finger hinein folgte die Bewegung; es sah aus, als wäre der Körper gebannt
und suchte vergeblich, den Händen, Fingern nachzulaufen. Die Bewegung der
Füßchen wurde immer wilder, zuckend, springend, bis es dem Tänzer gelang,
sich in einem großen Satz nach rechts, in einem großen Satz nach links vom
Fleck zu lösen, und bis er in glücklicher Raserei hoch und nieder hüpfte,
seitlich ganz auf den Boden umsinkend, und sich in einem Tremolieren wieder
zurückzwang auf den Fleck. Schon glitt die großäugige Kurtisane neben ihn,
die niedrige runde Stirn frei, die schwarzen Haare im Chignon der dreizehn
Windungen aufgebunden, ein fettes wohlmodelliertes Gesicht; ein hemdartiger
langer Kittel von hellgrauer Farbe über der kleinen Figur; aus den
violetten Beinkleidern quollen an den Knöcheln weiße Spitzen hervor. Den
grasgrünen Gürtel hielt sie in der linken Hand. Sie fing mit kurzen
Kopfbewegungen nach beiden Seiten an, dann kam ein Nicken, Heben, behaglich
langsames Kreiseln des Kopfes. Als das Rucken wieder losging, traten die
Hände in Tätigkeit, die schlaff an angepreßten Armen hingen, sie klappten
vor den violetten Beinen erst unmerklich, dann heftiger auf und ab, rissen
die Unterarme hoch. Beide Arme ausgestreckt; unter wirbelnden Handdrehungen
zuckte sie schroff seitlich mit den Hüften; und die Bewegung übertrug sich
abwärts in die Beine. Erst wurden sie von dem Hüftenschwung mitgezogen,
dann schwangen sie, angesteckt, gereizt, enthusiasmiert, mit ihrer Zuckung
mit, nach rechts, nach links und traten, schlenkerten, zitterten in eigener
Weise. Die starken Oberschenkel preßten sich zusammen; die Unterschenkel
rührten sich umeinander, schnellten in den Knien auseinander, klappten
zusammen. So sprang das Mädchen, den Gürtel auf beiden Armen balancierend,
um den abgegrenzten Platz und den jungen Eunuchen herum, der sie in einem
unübersehbaren Rhythmus mit Kopf- und Handbewegungen begleitete. Sie
tanzten beide umeinander, nebeneinander. Der Eunuch sank auf die Erde und
schob, die Arme im Rhythmus hochgeschleudert, langsam und gewaltsam seinen
zarten Körper aus dem Boden auf; die Kurtisane stand steif über ihm, die
Arme quer vor die Stirn gelegt. Als er zum letzten Wurf die Arme schwang,
stürzte sie auf ihre Fersen nieder, und nun lockte er, mit den gespreizten
Fingern ihren begegnend von oben, sie hoch. Als wenn sie Fische wären,
schwammen sie mit ausgebreiteten Armen, geraden Fingern gegeneinander.
Sie tanzten vor den unersättlichen Zuschauern in den Maskenkostümen des
jungen Eunuchen den Tanz der Pfauenfedern, der roten und schwarzen
Bandstreifen. Man unterschied nicht Mann und Frau. Mit Anbruch des Abends
belebten sich alle. Die Barke mußte mit der scheidenden Sonne ihre Fahrt
antreten. Die Frauen hockten beratend zusammen; sie hatten lange bunte
Papierstreifen über ihren Knien; sie kritzelten ihre Namen und die
geliebter Seelen darauf; malten Bannformeln gegen Gespenster, Krankheiten,
liefen nach der Barke und warfen die Zettel vor die Puppe. Die Barke hatten
Männer am späten Nachmittag prächtig mit rotem Papier geschmückt, lange
Wimpel an den Mast gesetzt, kleine Segel an Schnüre gezogen, sie mit
tausend roten Augen besetzt. In dichtem Haufen umstanden alle das Schiff;
die Handglocke klingelte. Jetzt blitzte Feuer auf, brennende Papierstreifen
flogen auf die Planken, über Deck. Man wich zurück. Das Schiff fing an
Steuer und Bug Feuer; eine hellrote Flamme huschte über Segelleinen, fraß
Segel, und im Nu brannte die ganze Takelung unter blendendem Licht auf. Ein
»Ahi« des Entzückens; sie hoben die Hände. Das Licht erlosch. Die Göttin
stand; die Bodenbretter, auch das Seitenholz brannte qualmend, knackend,
Funken spritzend. Man warf sich hin, unablässig ängstlich betend, daß die
Göttin die Wünsche auf ihre Reise mitnehmen möchte. Der Qualm wurde
dichter, das Krachen des Holzes lauter; die Flamme arbeitete tüchtig. Ein
weißlicher Schein, der an Helligkeit rasch zunahm, manchmal verschwand, um
zaghaft wieder aufzutauchen, durchbrach den Qualm. Schon stand der Mast und
die Göttin im Rauch; man erkannte noch etwas Stilles, Braunschwarzes.
Breiter und höher wuchsen die Flammen; wühlten wolkenartig ineinander. Sie
traten wie dünner Sand zwischen den Fugen der seitlichen Bretter heraus,
griffen mit tropfenden Händen nach den schön geschnittenen Rudern, rührten
sie als muskulöse Bootsleute. Prächtiger als rotes Papier wehten die
feurigen Wimpel. Dann verlor der Schein alles Rötliche; ein weißes
gleichmäßiges Licht blendete und nun --. Alle fuhren zurück. Zischen,
bläuliches Dampfen mitten in dem weißen Meer; lange bewegungslose
Rauchlinie über den Gluten.
Als das Geheul der Flammen nachließ, war Kuan-yin verschwunden. Durch den
schweren Rauch drangen sie von allen Seiten an die Barke. Es verbrannte die
Oberschale mit den Zetteln; sie stocherten glücklich, vergeblich nach
Papier auf dem glimmenden Holz; die Göttin hatte eine freudenreiche
Überfahrt angetreten. Mit leisem Plaudern ging man auseinander.
Die Nacht kam. Auf den Hügeln, unter den Katalpen, im Moos, im
Mikanthusfelde schlief man. Durch die unregelmäßigen Zeltreihen kletterte
vorsichtig ein aufgeschossener Mann im Dunkeln ohne Laterne, rutschte ein
Stück des Hügels herunter, stolzierte im Tal: dies war der Nachtwächter der
Truppe. Er ging in der völligen Finsternis, spähte rechts, spähte links;
trug ein kleines Köfferchen an der Hand. Er nannte sich der
»Dämmerungsmensch«; seinen wirklichen Sippennamen wußte man nicht; sehr
geachtet in der Truppe war dieser ältere Mann, der ein paar Li hinter
Tschön-ting sich dem Zuge angeschlossen hatte. Es gab Tage, wo er sehr
erregt war, brüllte, der Karawane mit einem kleinen Metallspiegel in der
Hand nachlief, sie wie ein Hund bekläffte, Zurückbleibende verdrängte,
warnte, schreiend auf seinen Spiegel wies. Unter dem Kittel hing an seinem
Hals ein Schwert, geflochten aus Pferdehaaren, lang und dünn, von einem
Stück Holz gehalten, mit kleinen Haarzöpfchen besetzt; dem Schwert sollte
große Gewalt innewohnen. In dem Köfferchen trug er den »König der linken
Seite«: dies war ein Schatten von ihm, den ihm einmal ein niederträchtiger
Betrüger entwendet hatte. Der Dämmerungsmensch stellte den Schatten eines
späten Nachmittags, als er ihn gerade wieder foppte, sperrte ihn in das
Köfferchen ein, das er mit Vorbedacht bei sich trug. Er öffnete den Koffer
nie; wenn der König der linken Seite entwischte, war sein triumphierender
Besitzer nicht mehr des Lebens sicher.
Abends schlief der Mann nur wenige Stunden. Er suchte nachts einen Schatten
von sich, der Hai-ling-tai hieß und nur in dickster Finsternis unter
besonderen Vorkehrungen sichtbar wurde.
Der Dämmerungsmensch ging auf den Zehen um die verbrannte Barke zwischen
den Stauden, bog sachte Halm um Halm beiseite, kauerte mit angespannter
Aufmerksamkeit hin. Ab und zu nickte ein breiter Halm, dann griff er ihn
beim Fuß, betastete ihn mißtrauisch, lauerte. Als die Nacht vorrückte hörte
er unmittelbar hinter sich ein Rufen: »Dämmerungsmensch, Dämmerungsmensch!«
Er blieb angewurzelt stehen, tastete nach seinem Zopfschwert. Nach einem
Schweigen murrte es wieder: »Dämmerungsmensch!« Er erhob sich, steppte, den
Kopf zwischen die Schultern eingezogen, dem Ruf nach; Hai-ling-tai wollte
mit ihm unterhandeln.
Glitt auf einen schmalen Gang zwischen zwei Hüttenreihen. Da blinkte auf
einem Stocke eine unbedeckte Laterne; ein kleiner Mann stand auf dem Gang,
rief: »Dämmerungsmensch«. Es war Ma-noh, gegen den der alte Wahrsager
anlief. Ma-noh flüsterte, er möchte diese Nacht vor seiner Hütte wachen.
Sobald der Morgen anbräche, möchte er hereinkommen; der Dämmerungsmensch
sollte einen kleinen Auftrag für Ma-noh ausführen.
Während draußen das Umsichspähen, Schlagen durch die Luft wieder anfing,
vollzog sich drin das Ereignis, das das Schicksal der Schlafenden auf den
beiden Hügeln und dem Tale entschied.
Als der Dämmerungsmensch einen grauen Schimmer am Himmel entdeckte,
marschierte er steif in die Hütte, wo Ma-noh auf einem Strohsack lag und
sich aufrichtete. Er umarmte den Alten und hielt sich an seiner Brust fest.
Der lächelte drohend über dem gebückten Schädel, schwang abschreckend sein
Schwert nach den acht Himmelsrichtungen. Der kleine Priester brummte:
»Dämmerungsmensch, du wirst deinen Bruder erfreuen. Geh in alle Hütten und
Zelte der Männer, weck sie einzeln. Ma-noh läßt sie bitten, auf dem freien
Platz, wo wir den vollendeten Buddha feierten, sich zu versammeln. Sie
möchten gleich kommen. Noch bevor die Sonne aufgeht, läßt sie der arme
Bruder bitten.«
Von dem Hügel krochen sie herunter. Gewimmel von Laternen zwischen
kohlschwarzen Stämmen. Klappern, halblautes Sprechen, Gähnen, lahme
Knochen, Drängen, Trappeln. Als sie auf dem freien Platz im Tal standen,
schlug und krachte es hölzern; die Reste der Barke stürzten, von den
schiebenden Menschen angerührt. Der halbverkohlte Mast sauste seitwärts,
die Splitter flogen, rissen Löcher in Laternen. Die Männer stapelten die
Bretter, hockten herum, warteten.
Ma-noh kam im zerrissenen bunten Mantel. Hinter ihm stolzierte der
feierliche Dämmerungsmensch; er schwenkte auf dem Arm Ma-nohs
Priestermantel, Schärpe und Mütze. Als man Ma einen erhöhten Platz auf dem
Bretterstapel einräumte, legte sein Begleiter die Kleider neben ihn,
nachdem er in die acht Himmelsrichtungen mit dem Zeigefinger gestochen
hatte. Gequollen und rot waren Mas Augen; sein farbloses Gesicht gedunsen
vom Weinen; auf Händen und Unterarmen blutige Kratzstriemen.
Die vielen Männer und ihr Führer, der unüberwindliche Zauberer, saßen sich
stumm gegenüber, Mauer gegen Mauer. Die Nächstsitzenden blickten auf
Ma-nohs Schärpe. Ihre Unruhe übertrug sich auf die Entfernteren. Man weckte
ihn, rief ihn an. Er solle sprechen.
Er stand auf, drehte die Priestermütze in den Händen. Er erzählte stockend,
daß er auf dem Nan-kupaß jahrelang den goldenen Buddhas vergeblich gedient
hätte. Der Mann aus Han-kung-tsun kam da, er lebte nun richtig. Aber
Wang-lun sei jetzt monatelang weg, er käme nicht zurück, er käme nicht
zurück und wenn Wang-lun jetzt zurückkäme, so käme er zu spät. Dies wolle
er ihnen sagen.
Ma-noh fiel in sich zurück. Wenn er die Lider raffte, blickte er erschöpft,
aus übergroßen einschlafenden Augenkreisen. Seine Stimme klang völlig
verändert, weich, nahe, wie die eines Wohlbekannten.
»Was ist geschehen? Hat dich einer verletzt? Was hat man dir getan?«
Er wiederholte dreimal, fünfmal, zehnmal, daß er zu ihnen sprechen wolle,
verschluckte sich, verschränkte die Arme, wandte sich von einer Laterne ab,
die man ihm ins Gesicht hielt, flüsterte: »Omito-fo, Omito-fo, Omito-fo.«
Und dann rief er laut mit der Stimme, die ins Herz schnitt: »Ich will fort.
Von ihr, die über das schaumvolle weiße Meer führt, ist mir nichts zuteil.
In den wachsenden Ring der Frommen bin ich nicht aufgenommen. Ich muß mich
opfern für euch, ich weiß, daß ich es muß, weil mir anderes versagt wurde.
Aber euer armer Bruder, der nicht euer Bruder ist, kann nicht mehr leben.
Ich will fort. Schmäht mich nicht oder schmäht mich. Euer armer Bruder ist
rettungslos auf das Rad des Daseins geflochten und weint darum vor euch.«
Die Männer beteten. Die klaren Köpfe wurden von einer stärkeren Bestürzung
befallen.
»Was willst du?«
»Du brauchst uns nicht mehr zu führen. Wir wollen uns abwechseln.«
»Hab doch Geduld, Ma-noh. Wang-lun steht nur zweihundert Li hinter uns.«
»Ma, dich hat ein Dämon befallen. Glaub es mir. Das ist ein Dämon.«
»Du bist unser Bruder. Wir sind nicht reiner als du. Du mußt verzweifeln.
Bleibe hier, bleibe bei uns, Ma!«
»Was willst du?«
Mas Erregung wuchs. Die Zurufe erreichten ihn nicht.
»Ich will fort. Ich bin an das Rad des Daseins geflochten. Es will mich
schleppen durch alle unreinen Tiere und Kräuter. Ich widerstrebe nicht,
nein, ich widerstrebe nicht, nicht mehr. Ich habe widerstrebt dem Schicksal
bis zu diesem Augenblick, wo ich den Dämmerungsmenschen im Mikanthus nach
dem Hai-ling-tai suchen hörte. Meinen Schatten hat man mir gestohlen. Ich
war nicht so schlau wie der Dämmerungsmensch. Ich habe kein so gutes
Schwert wie er. Ich habe keinen Koffer wie er. Ich bin nicht so wachsam wie
er. Mein Schatten ist nicht der König der linken Seite, ich habe auch den
Hai-ling-tai verloren, und den Lu-fu und den Soh-kwan und den Tsao-yao. Wer
alle Schatten verloren hat, muß sie suchen oder muß sterben. Verzeiht mir,
Brüder, daß ich nicht mehr widerstreben kann, daß ich mein Schicksal über
mich ergehen lasse. Nicht mit Stillschweigen, denn das kann ich nicht,
sondern mit Greinen, Heulen, Zerfleischen meines Lebens. Ich muß in das
Licht gehen, das mich beleuchtet. Verzeiht mir, Brüder.«
Die Männer saßen dumpf da. Ma schlug mit Keulen auf sie. Die Köpfe der
meisten senkten sich, sie hielten den Atem an.
»Ich habe euch rufen lassen, bevor es hell wird, denn ich will mit mir noch
an diesem Tag der Vollendung des herrlichen Cakyasohnes fertig werden.
Nicht vollenden will ich mich, nur beenden. Euer armer Bruder glaubt nicht
mehr an eine Vollendung für sich. Er hat der hundertarmigen Frau keinen
Zettel mit seinem Namen in die Barke geworfen, denn er weiß schon lange,
daß sie ihn nicht mitnimmt. Seht mich, einen Menschen, der seufzt und
stöhnt, und so in -- die Freiheit geht.«
Er verzog seinen geschwollenen Mund, so daß er zu lächeln schien. Er bückte
sich, suchte mit den Händen auf den Brettern, zog seine gelbe Kutte empor,
wiegte sie über den Armen. Ma-noh war besessen von Schmerz. »Ich wäre
glücklich, wenn ich Wang-lun nicht gesehen hätte. O hätte ich Wang-lun
nicht gesehen, meine gelbe seidene Blüte! In meiner Hütte auf Nan-ku hab
ich mich angespieen, hier muß ich meine Eingeweide zerreißen.«
Nahm einem Manne neben sich die Laterne aus der Hand, leuchtete vor sich,
über sich, streckte sich vor, horchte über die schwarze lautlose Masse hin.
Kraniche flogen vom Sumpf herüber. Dann schwang er mit beiden Armen die
Kutte wie ein Banner herum und rauschte: »Wißt ihr, wohin er geht, Ma-noh,
der Priester der Kuan-yin auf Pu-to-schan, der Freund des Wu-wei, der
Lehrer der kostbaren Regeln? Wohin er stürzt? Ich sage es euch gern, was
ich schon seit Wochen gewußt habe, als mich Wang-lun hat gehen lassen mit
euch. Als er mir den Kessel und die Bohnen gab und nicht mehr Zeit fand zu
sagen, wie ich kochen sollte. Er hat mich verlassen. Er darf nicht böse
Geister auf mich hetzen, wenn ich ihn verlasse. Yen-lo-wang, der Fürst der
Unterwelt, weiß, wie bitter mir schmeckt Wang zu verlassen. Wißt ihr, in
welche Freiheit Ma-noh geht? Dämmerungsmensch, weißt du es nicht? Sui,
Twan, Chang, keiner von euch?«
Jetzt lachte er hitzig, leicht wie eine Seifenblase platzend, trällernd mit
dem weichen Tonfall, den er an diesem Tage zum erstenmal fand: »Ich gehe --
-- zu einer Frau auf dem andern Hügel, die mich vielleicht schon erwartet,
liebe Brüder. Nun wißt ihr's. Und nun ist alles aus.«
Ein Schluchzen und Brüllen von der furchtbaren Art des Weinens älterer
Menschen klang eruptiv aus der dunklen Masse. Niemand regte sich, hob den
Kopf. Der kleine Priester tappte die Bretter herunter. An der vorderen
Reihe der Hockenden ging er vorüber, keiner sah ihn an. Am hinteren Ende
der Barke, wo das umgebrochene Steuer lag, zupfte ihn einer am Mantel. Ma
blieb stehen. Aus dem Dunkel wackelte ein riesiger Mensch auf, sagte
herunter mit harter Stimme: »Bruder, du mußt an den nächsten Ast.«
Ma riß verächtlich seinen Rock los. Zehn Hände griffen nach dem Riesen, der
mit kalter Stimme dröhnte: »Er will uns verraten. Keine Regel hat hier
Geltung. Er muß an den nächsten Baum, Brüder.«
Zwei Männer verstellten ihm den Weg, kaltblütige Bauern, die eine Woche bei
der Truppe waren. Sie schleuderten seine Hand ab: »Du bist kein Richter.
Wir sind Brüder zueinander. Wenn du Ma angreifst, werden wir dir die Hände
abschlagen.«
Indem sie der Riese noch fixierte, packten sie ihn bei den Beinen,
kenterten ihn auf die Erde, stemmten ihn nieder. Er heulte, klammerte sich
an die Hosen der Bauern. Fackeln, Holzstücke flogen von hinten über sie.
Man drängte sich um die Ringenden, sperrte sie auseinander. Sie keuchten.
Das entsetzliche Weinen krampfte aus der schwarzen Masse.
»Wo ist Wang-lun? Warum kommt Wang-lun nicht zu uns?«
»Ich will beten, liebe Brüder,« sang jemand laut, »unser Ring wird sich
zusammenschließen. Die Zeit des Maitreya ist noch nicht da. Ich muß beten.
Wir sind verloren.«
Die Männer krümmten ihre Wirbelsäulen, rieben ihre Schläfen an dem feuchten
Moos. Die bittende Sutra der Überwindung schauerte aus tausend Mündern über
das graue Feld.
Ein junger Mensch, der Ziseleur Hi, gewöhnliche Gesichtszüge, breiter
vorgeschobener Unterkiefer, sprang langbeinig durch die Reihen, stieg
ungeschickt über die Rücken einiger Männer, pflanzte sich auf dem
Bretterstapel auf, kreischte in Ekstase, mit den Händen fuchtelnd: »Es
hilft uns nur das Beten. Maitreya kommt. So muß die Stunde, der Ort
beschaffen sein, wenn Maitreya kommen soll. Beten, um aller fünf
Kostbarkeiten willen, beten. Bleibt nicht liegen. Schließt den Ring. Ihr
seid meine Brüder. Steht mir bei!«
Er grimassierte fort, warf die Arme wie Mühlräder umeinander, wälzte sich
schäumend auf den Brettern, von denen er bei einer Streckung
herunterpolterte.
Das dumpfe Weinen in der Masse vertiefte sich zum Stöhnen, zum hilflosen,
stoßweisen Ächzen. Die Hälse reckten sich weit vor nach dem krampfenden
Ziseleur. Die Augen rollten, je länger sie hinaussahen; das Feld und der
graue Hügel verschwamm. Ihr Mund klaffte. Sie lächelten alle seltsam und
machten Gesichter, als ob sie neugierig gespannt wären. Der Speichel
tropfte ihnen über die Unterkiefer, sie schnüffelten, sie stimmten ohne es
zu merken in das Gröhlen zur Rechten und Linken ein. Dann wollten sie noch
einmal rasch Hi etwas fragen. Aber beim Aufrichten befiel ihre Unterarme,
Knie und Nacken ein Zittern. Ein Schütteln, Schleudern der Glieder, Starre,
Rückwärtsbeugung der Nacken, ihr Lächeln wurde stärker. Schon zuckte es
wohlig über die Schenkel, die Bauchwand, in den Flanken, warf sie herum.
Die rote Welle schlug über das Tal.
Der Dämmerungsmensch und zehn andere wanderten her und hin durch das Feld
mit Binsenruten, dornigen Zweigen. Sie sprangen den Befallenen auf die
Brüste, strichen ihre Hände und Münder, fächelten die gefährliche Luft von
ihnen weg, stachen ihnen mit den Dornen unter die Brustwarzen, über die
Scheitel, plappernd, sich wehrend, wendend, anspringend.
Der kleine gebückte Mann am zerbrochenen Steuer der Barke drehte den Kopf
nach allen Seiten, blickte lange Zeit den und den an. Er dachte nicht. Er
strahlte. Warum sie nur alle hinfielen, wie gewandt dieser da sprang. Man
müßte Nadeln glühend machen und ihnen unter die Fußnägel stecken, damit sie
erwachen. Als er neben sich das Schluchzen hörte, hob sich sein Brustkorb,
wie ein Berg unter einem Erdbeben, seine Kehle wurde heiß, eine glatte Hand
strich an seiner Speiseröhre wie an einer Wurst auf und ab, verschob eine
Walze; er weinte mit ihnen. Leise und glucksend, bemüht nicht aufzuhören,
immer fließen zu lassen diesen unbekannten warmen Quell, der über seine
Lippen, Fingerspitzen, Nägel rieselte, mit dem er sich Schläfen und Ohren
betupfte, die Hände wusch und wusch.
Das steinerne Brüllen im Tal verlor sich. Überall riefen sie sich heiser
an, schoben sich voneinander. Sie hatten sich quer übereinander gewälzt.
Einer richtete sich auf und rieb seine gequetschten Schienbeine. Einer saß
und betrachtete, als ob es Edelsteine wären, die verkohlten Holzstücke
unter seinen Knien, prüfte einen Splitter an der Lippe, leckte mit der
Zungenspitze. Sie scheuerten sich den Speichel vom Kinn mit langsamen,
unterbrochenen Bewegungen, gähnten, rülpsten, spien aus. Die stumpfen
Körper brüteten nebeneinander, zogen finstere Stirnen. Plötzlich, wie
angeweht, zielten sie mit den Augen aufeinander, erkannten sich, buckelten
sich hoch.
Sie schnurrten, fragten hastig: »Ma-noh will fort. Da am Steuer sitzt er
und weint.« Einige wollten sich vor ihn hinwerfen, er solle bleiben,
verzweifelt. Aber das waren nur kurze Zuckungen, Muskelphantasien.
Die Masse hielt wieder erschreckend an sich, in großer drängender
Erwartung. Jede Handbewegung, jedes beobachtende Schielen, jedes Räuspern
konnte die Wage zum Ausschlag bringen. Mehrere ertrugen die Spannung nicht;
noch schwach von der vorangegangenen Erregung suchten sie die Last
irgendwie von sich abzuwälzen. Es war das Beste, das Fong-schui zu
befragen, Konstellation von Tag, Stunde, Ort, Wind, Wasser, Bodenschwingung
zu bestimmen, aus dem Werfen der kleinen Holzstäbe Klarheit zu gewinnen.
Ein Mann suchte aus seinem Gürtel nach den Stäben inmitten der stummen
Masse; andere sahen es, standen gleichzeitig auf, wollten sich absondern.
Andere mißverstanden dies Aufstehen und Gehen, als ob die Zukunftsbefrager
sich für Ma-noh erklärt hätten und sich zu ihm setzen wollten. Sie
schlossen sich ihnen an. Man hielt sie unsicher fest, man rief: »Beraten,
sprechen! Sagt, was ihr wollt! Sprechen!«
Der kleine Nan-kupriester merkte erst halb was vorging. Er hatte
gezweifelt, ob man ihn nicht schmähen und schlagen würde. Daß man aber
nicht daran dachte, von ihm zu lassen, von ihm, dem kleinen mißratenen
eingeständlichen Tier, von ihm, der die Weihen von sich warf und zugab,
rettungslos in den Kreis der Wiedergeburten gebannt zu sein, dies konnte
nicht bald an ihn heran. Und als es herankam, schmetterte es über ihn. Es
sprengte seine Brust mit Ellenbogen von innen, schwoll von den Eingeweiden
über das Herz, das still stand, in tollem Takt wuchtete, Glocken dröhnte,
Gericht posaunte, breitete sich über die Arme und Kehle aus, und wie es um
die Mundwinkel laufen wollte, nickte sein Kopf und baumelte vor der Brust.
Er war ohnmächtig geworden, kam langsam, die Ohren voll Hymnen, zu sich,
hing an dem Dämmerungsmenschen. Er strahlte. Das warme Wasser quoll ihm
wieder über das Gesicht.
Er ließ den Alten los, kletterte auf den Bretterstapel: »Brüder, sind wir
frei?« So stammelte er, schluckte an den Tränen. »Ich habe mich bis zu
diesem Tag mit einem Stein geschleppt, mit einem bösen widerspenstigen
Geist, der mich bestahl. Ich bete zur Kuan-yin, die mich nicht erhört hat,
ich rufe zum Maitreya, der auf mich hören wird; ich will arm bleiben,
klein, ein Wahrhaft Schwacher, der das Schicksal nicht beugt; ich will
keine Dämonen in mir nähren und Opfer der Werwölfe sein. Ich will ein armer
Sohn der armen achtzehn Provinzen bleiben. Ihr schmäht mich nicht; ach, ihr
schmäht mich nicht; ihr seid gut. Ich weiß nicht, was ich spreche. Ich
kenne mich nicht vor Dunkelheit. Wer die Seele frei hat, kann das Westliche
Paradies finden. Ich habe mich nicht in Gelüste geworfen; ich habe mich
gereinigt für einen Freudenhimmel; ich habe meine eingesperrten Seelen auf
den Pfad des höchsten Kaisers gezwungen und will sie gehen lehren und mit
ihnen laufen. Und die Zauberschlüssel finden zum Kun-lun. Mit euch, meine
Brüder.«
Er jauchzte noch viel in dieser Weise. Das morgenliche Feld war ganz leer.
Ein Knäuel von Männern umgab ihn, umschlang ihn, küßte seine Füße, fetzte
seinen Mantel herunter.
* * * * *
Über die östlichen schwarzen Wolken fuhren blendende Streifen. Das
allgemeine rauchartige Grau lichtete sich schnell. Es wurde von innen
aufgeworfen, gesprengt und weggeblasen. Die blühende Landschaft weitete
sich. Es blitzte von kleinen Weihern auf. Im Südosten, am Sumpfe von
Ta-lou, stand schon ein magerer fadendünner Schein; jetzt bohrte sich die
Sonne ein Loch, ein Rohr, einen Trichter, und von da prallten die langen
Strahlen her, unter denen sich das Grün der Gräser und Bäume heftiger und
heftiger entzündete.
Die Blicke der jüngeren Männer flimmerten auf den Halmen, auf dem
Frauenhügel. »Unsere Schwestern, unsere Schwestern«, sagten sie, sahen sich
zweifelvoll, mit schwindligen Knien an; viele umschlangen sich zitternd,
blieben stehen, beruhigten einander, als wenn ein Unglück geschehen sollte.
Ein gigantischer Dorfschullehrer streichelte den knabenhaften Menschen, der
an seinen Ärmeln nestelte. »Tsi, die Pfirsichblüte«, flüsterte der Lehrer,
»wirst du suchen.«
»Tsi --, ich will sie nicht suchen, ich will nicht. O was geschieht uns.«
Einige lagerten ihre Leiber ins Gras; sie warfen sich auf das Gesicht,
kauten an den Halmen; Mienen gefährlich; sie schlugen sich mit aufgedeckten
Erinnerungen herum; warteten geduldlos auf das Stürmende, das sie wieder zu
Sinnen brächte.
Auf die Höhe des Männerhügels waren manche gestiegen und kollerten
nebeneinander unter den grünen Wolken der Katalpabäume; lächelten, beteten,
träumten; ließen keinen Blick von dem Frauenhügel. Reichtum aufgehäuft!
Eine Welle schlug herüber an Brüste, gegen Hüften.
Von ihnen standen welche auf, als es auf dem Frauenhügel leise klingelte.
Sie sprachen nichts zueinander, einer folgte dem andern, indem sie sich oft
umblickten nach den übrigen. Sie erreichten in halbem Laufe den Fuß des
Hügels. Im hohen Gras schwarze Klumpen, mit Kleidern, Köpfen, Knien,
wälzten sich stöhnend, rissen, schlossen die Augen. Sie liefen mit der
Sicherheit von Waldtieren. Ihre Blicke reizten. Sie riefen die Klumpen bei
Namen, zeigten ihre verheißenden Gesichter; sie lächelten, daß den andern
das heiße klopfende Blut in Schläfen, Augen, Füße schoß.
Der Ziseleur Hi lief den andern voraus auf einem Weg, der um einen Weiher
führte und die Lagerstraße vermied. Nicht weit vom Fuß des Frauenhügels
ballten sie sich zusammen. Hi rief: »Was wollen wir tun? Wir wollen sie
täuschen, Brüder. Wir beten mit ihnen zusammen.«
»Schickt einen zu ihnen, sie möchten sich versammeln.«
Man hörte, wie einer rief: »Dies ist fürchterlich«, einer drängte sich
durch die übrigen, es war der junge Mensch, er lief davon. Hi gurrte: »Ich
will sie rufen, kommt hinter mir.« Während er vorüber zackte, wallten die
Brüder demütig, Arme verschränkt, gesenkte Köpfe, bezopfte Kugel bei Kugel,
den Hügel hinauf; das scharfe Zirpen der Grillen begleitete ihr Gemurmel:
»Omito-fo, Omito-fo!«
Sie standen auf dem Frauenhügel unter dem schweren Laubwerk. Unter dem
Laubwerk wimmelte jene Masse, bei deren Anblick sich die Herzen der Brüder
tiefer und langsamer zusammenkrampften und die so volle Pulse durch sie
trieb, daß langsam der weiche Waldboden unter den Füßen mitschwang, jede
Welle rollend weitertrug. Da blickten mit neugierigen und verwunderten
Augen entwichene Ehefrauen den Brüdern entgegen; sie schienen noch immer
bedrückt, daß ihnen die Luft so ungehindert ins Gesicht schlug und jeder
ihren Mund sah. Zwischen blinden Bettlerinnen, Marktweibern schoben sich
graziös die galanten Mädchen, die hellen Tupfen auf dem strahlenden
Blumenfeld, die Glückbringerinnen, Hoa-kueis; ihr Ernst ohnegleichen; um
ihr sanftes Wesen schwebte der Hauch des Pavillons der Hundert Düfte. Im
Moos bogen verschüchterte Töchter angesehener Familien ihre behüteten
kleinen Körper; sie nestelten an ihren Rosenkränzen, hauchten ihre Andacht,
als wenn es sich um eine furchtbedrohte Schulaufgabe aus dem San-tse-king
handele.
Unterhalb der laubdunkeln Hügel ging Ma-noh durch die Lagergasse. Eine
breite Hand schob mit einer abweisenden Geste die grauen Dämmermassen am
Himmel beiseite. Feierlich zogen die weißen Schwäne des Lichts am Himmel.
Wie da der Frauenhügel zu zittern anfing.
Ein tausendfältiges Schreien und Kreischen sich über das Tal schwang und
vom andern Hügel zurückgeworfen wurde.
Wie das Entsetzen verzehnfacht sich wiederholte, ein tiefes Grollen,
Knacken, Brüllen sich unter die scharfen Stimmen mischte.
Ein augensperrendes Grausen aus dem Katalpaschatten zu entwischen versuchte
und zurückgerissen wurde.
Wie nach dem minutenlangen Rasen weiße und bunte Kleider auf dem Hügelkamm
vorspritzten, niederfielen, in das Moos tauchten, ohne Laut
herunterrollten.
Auf dem Hügel eine sonderbare Stille eintrat, unterbrochen von langen,
sakkadierten Schreien, katzenhaft durchdringendem Winseln, Musik zu
atemloser Ohnmacht, die sich in die Finger beißt, die Seelen wie in Essig
einschrumpfen läßt, zur Besessenheit der Verzweiflung, die Körper um sich
wirbelt.
Dann dröhnten Männerstimmen ins Tal: »Ma-noh, Ma-noh, der Drachen fliegt!
Ma-noh, unsere Schwestern!«
Unten brandete es über die schmale Lagergasse; man horchte hinauf, sah
einander an; man stopfte sich die Ohren, trommelte die Brüste. Über Ma-noh
schmetterte es zusammen. Es schien ihm, wie man um ihn raste, länger als
einen Augenblick, daß er ein Fürst der Unterwelt wäre, mit hundert Armen,
Geißeln, Schlangen, und hetzte fiebrige Seelen zwischen die Wandungen der
Eishölle, immer in das fressende Scheidewasser hinein, von den glasglatten
Wandungen herunter; sie knarrten und grinsten, er barst vor Freude,
schwenkte die Schädelschale. Blutgerinnend drang es auf ihn ein. Schon
pinselte eine Schwäche die ganze Innenwand seines Kopfes. Im halben Sinken
fühlte er, was vorging, ächzte, stemmte sich hoch, balancierte die Last.
Er blickte mit einer kalten Glut um sich. Besinnung, Ruck, mit dem ein
gleißendes Machtgefühl aus ihm heraussprang, um sich schlug, kalt äugte.
»Es ist gewollt. Dieses nehme ich auf mich.«
Zwei tiefe Atemzüge. Er drehte sich betäubt um; das Tal blühte wie vorher.
Er empfand mit verstecktem Entsetzen, daß etwas Unbekanntes aus ihm
hervorgetreten war und herrschte. Daß er Wang-lun überwunden hatte. Eine
rauschartige Angst floß herunter durch das Mark seiner Knochen.
Zwischen den Mikanthus lag man verwirrt. Schwache Hilferufe vom
Frauenhügel. Ma-noh hatte sie falsch geführt.
Mit einem leeren, meilenfernen Blick irrte Ma-noh über sie, wandte sich ab.
Sie drückten ihre Leiber an den Boden. Der Hügel knisterte sie gegen sie
her.
Reglosigkeit, stundenlang, sonnenbeschienene Wildnis. Aus den Hütten des
Frauenhügels stieg ungehört das entzückte Seufzen, stahl sich schwach durch
die Bretter, kräuselte wie Rauch, abirrender Blick, Ausklang eines Tamtams
gegen das allgemeine grüne Dach.
Als die Sonne heißer schien, bliesen im Tal die Muscheltrompeten vor Mas
Hütte, fünfmal hintereinander fünf Stöße: das Zeichen zur gemeinsamen
Versammlung.
Stauden schwankten, Büschel drängten sich zusammen, Rücken krümmten sich,
Köpfe tauchten hervor.
Lange bewegte sich nichts auf dem Frauenhügel. Dann schimmerten weiße,
bunte Tupfen zwischen den Stämmen. Rennen schattenschwarzer Männer,
Vermischen der Farbenflecke, Händewürfe von Geräuschen, Sprechen, Rufe in
Fetzen, Schwall von Lärm. Bunte Schwestern umarmten sich im Herabgleiten,
Brüder Hüfte an Hüfte. Eine jubilierende lichtgetränkte Wolke senkte sich
in das Tal.
Im Nu verstreuten sich die Schwestern, lachend, mit springenden Bewegungen,
unter die Ernsten, füllten im weiten Bogen den Raum, auf dem noch die
verkohlten Bretter der Barke in die Luft spießten. Ma-noh, schwefelgelb und
rot, trat rasch fest in das brausende Gewimmel, das alle in sich sog.
Er verzog keine Miene, als von irgendwo angestimmt, von Frauenstimmen
getragen, laut, klar und süß ein Freudenlied über das blühende Feld scholl,
ein Lied, allen wohl bekannt, von den zarten Bewohnerinnen der bemalten
Häuser gesungen, wenn sie einladend auf ihren geschnitzten Booten über die
Teiche fuhren.
Ma-noh redete: »Es muß Friede zwischen uns sein, liebe Brüder und
Schwestern. Es soll uns nichts belasten, die wir nach den goldenen Inseln
segeln. Wir wollen den alten Frieden zwischen Yin und Yang schließen. Ich
bin glücklich, daß ihr mich angehört habt, und will es euch nicht
vergessen, wenn ich im Besitz der fünf Kostbarkeiten wäre. Wahrhaft
Schwache werden wir bleiben. Wir werden dem Tao nachgehen, seine Richtung
erlauschen. Bleibt unermüdlich im Gebet, so werdet ihr die große
Wunderkraft erlangen, die euch nicht entgehen kann. Ihr baut nicht
vergeblich hölzerne Pferde wie der Alte aus dem Staate Lu, die von
metallenen Sprungfedern gestoßen wurden, Männer und Wagen zogen. Solche
hölzerne Pferde werdet ihr aus euren Seelen nicht machen, aus den Seelen,
die in euren Lungen, eurem spülenden Blut, euren schaukelnden weichen
Eingeweiden wohnen. Ihr blast im Lande die Flöte und macht die Luft wärmer,
so daß das Korn aufschießt. Ja, ihr werdet die Wolken im Nordwesten
aufsteigen lassen, das Rohr blasend; Regen wird fließen, Taifune stehen.
Acht Rosse sind bereit, sechzehn Stationen macht die Sonne, ihr bereist sie
an einem Tage.
Bleibt arm, seid fröhlich, enthaltet euch keiner Lust, damit ihr sie nicht
vermißt und so unrein und schwer werdet. Euch, meine Schwestern, sehe ich,
euch, ihr Königinnen des sanften Vergnügens, ihr habt viel dazu getan, daß
unsere Dinge diesen Lauf genommen haben. Habt verhindert, daß die Öffnungen
unserer Herzen ins leere All münden. Ich war ein schlechter Sohn der
achtzehn Provinzen, daß ich der Weisheit des fremden Cakya-muni vertraute,
und seine Freudenhimmel mit eurem, mit unserem blumigen eintauschte. Wir
stehen auf den Stufen zum Westlichen Paradies. Was ihr Gebrochenen Melonen
uns geschenkt habt, nehmen wir an. Wir danken euch, wir danken euch. Ich
nenne mich mit euch Gebrochene Melone. Und so wollen wir alle am Sumpf von
Ta-lou heißen.«
Das lufterschütternde Jauchzen und Klatschen, Zubodensinken, Umschlingen.
Das mauerdichte Umdrängen Ma-nohs, dessen rätselhaft gleichgültige Miene
keiner sah. Aus ihm tönten die Worte, wie Stimmen eines versteckten
Singvogels hinter einem umsinkenden Tempel. Eine neue Ähnlichkeit hatte
sein Gesicht angenommen, mit dem Ausdruck eines fliegenden Tieres, das
seine Kopfform, Augen, Federn ganz vom Wind, den es durchfährt, modellieren
läßt; auf einem Ast sitzend hat es ein unbegreifliches Aussehen: weil der
Wind und der Flug fehlt.
* * * * *
Um Mittag. Sie zerstreuten sich, die Wankelmütigen, die Ernsten, die
Freudigen, die Hochgemuten, die Blinden, Schwachen, die kräftigen Männer,
die leichten Tänzerinnen, die inbrünstigen Propheten.
Abends umschlossen zum ersten Male die Zelte und Bretterhütten, die sich
zusammengetan hatten. Sie beteten nebeneinander, ihre Gebete verwirrten
sich im Dunkeln. Es waren keine Schmetterlinge, die sich aus dem Gras
erhoben, sondern zwei Fäden, die sich nach oben gerade zogen, jetzt sich
verknäulten und zu keiner Weberei mehr taugen konnten. Ihre verschränkten
Arme wichen schwach auseinander, sie tasteten im Finstern mit den feuchten
Händen nacheinander, glitten über die elektrisch zuckenden Gesichter. Da
wurde aller Stolz gebrochen, alle Unruhe hingelegt. Diejenigen, die starr
und aufrecht in dem Ernst der Wahrhaft Schwachen gegangen waren, bogen sich
unter dem Glück; der Sommerwind wehte als ein Banner, das aufgepflanzt war
auf einer Etappe zum Kun-lun. Wie im Dunkel der Hütten unter den Katalpen
die Gesichter gleichmäßig milde wurden, Geister und Leiber aufgelockert
wurden von einer breiten gewaltigen Egge, die über die ganze Erde rollte
und wuchtete, grub in der Nacht.
In dem Sumpf von Ta-lou wuchsen die Lotosblumen; mit grünen tellergroßen
glatten Blättern deckten sie das unbewegliche Wasser, rote Blüten tauchten
zwischen ihnen ein; lange Stengel, die mit dickgeäderten Blättern über die
verwesenden Muscheln griffen; an jedem Stengel garnten dünne Algenfäden,
die sich in der Tiefe verfilzten; grüne behaarte Köpfe hingen herunter.
Unergründlich stand der Sumpf und dünstete.
Diese Nacht verging nicht ohne ein schreckliches Ereignis. Einige Männer
hörten in der Stille mehrmals das heftige Schelten des Dämmerungsmenschen.
Sie beachteten es nicht, da sie glaubten, daß er sich mit einem seiner
Schatten schlüge. Aber er schrie unaufhörlich, und es fiel einigen, die aus
den Hütten herauskamen, auf, daß der Dämmerungsmensch nicht herumging und
das Rufen immer von einer einzigen Stelle des Männerhügels kam. Sie
fürchteten, daß er vielleicht wirklich einen Schatten gestellt hatte;
grauten sich vor dem Anblick des Kampfes. Aber endlich blickten sich fünf
Männer beunruhigt an, faßten Mut, liefen durch das Feld den Hügel hinauf
mit Laternen. Als sie an den Ort des Geschreis kamen, lag der
Dämmerungsmensch arbeitend im Gras und unter ihm ein Mann, der sich nicht
bewegte, über dessen gequollenem Gesicht der Dämmerungsmensch mit seinem
Schwerte fuchtelte. Er rief den Bewegungslosen bei Namen, hielt einen
Spiegel an sein Ohr. Die Männer beugten sich über den Stummen, leuchteten
ihm auf die glotzenden Augäpfel. Es war jener verzagte junge Mensch, der
sich an einem Baum aufgehängt hatte. Der Dämmerungsmensch war gegen die
Leiche gelaufen und hatte sie abgebunden. Einer der Männer nahm einen
spitzen kleinen Stein, ritzte sich die Haut seines Armes, tropfte dem
jungen Menschen das heiße Blut in den krampfhaft geschlossenen Mund, dessen
Kiefer zwei Männer gewaltsam sprengten. Es half nichts mehr; der Körper war
steif. Er hatte Tsi, die Pfirsichblüte, nicht gesucht. An diesem Abend, als
er mit ihr zurückkehrte und vor ihrer Hütte stand, hatten sich die beiden
ernst angesehen; die Pupillen ihrer hochgeschwungenen Augen erweiterten
sich, aber sie blieben beide ruhig und trennten sich nach einem kurzen
Dastehen. Der Jüngling schien sich erst im Mikanthus verkrochen zu haben;
dann schwankte er aus dem Feld auf den Männerhügel, wobei ihn der
Dämmerungsmensch traf, dem er sagte, er müsse sich unter einen Baum
schlafen legen. Er hängte sich aber an seinem Gürtel auf.
Den Gipfel der Kaiserherrlichkeit erreichte er nicht; er war einen anderen
Weg gegangen.
* * * * *
Nach drei Tagen stieß Wang-lun zu ihnen.
Ma-noh war unschlüssig gewesen, ob er Wang selbst die Veränderung in seinem
Haufen mitteilen sollte. Dann schickte er fünf Männer als Boten, die alles,
was sie wußten, Wang-lun, der anderthalb Tagereisen entfernt stehen sollte,
berichten sollten. Er ging mit einigen Erfahrenen zu Rat und horchte sie
vorsichtig aus. Aber es gelang Ma-noh nicht, sie auf den Gedanken zu
bringen, daß Wang die Änderung ihrer kostbaren Grundsätze ablehnen könnte.
Sie waren von der Heiligkeit und Tragfähigkeit ihrer neuen Ideen rapide
durchdrungen; es konnte nur die Sache einer Besprechung sein, meinten sie,
Wang zu überzeugen und mit ihm auch die entfernten Haufen der Wahrhaft
Schwachen zu bekehren. Von Wang, den niemand von ihnen gesehen hatte, ging
ein derart starker Einfluß aus, daß sie überhaupt nicht vermochten, gegen
diesen Mann zu denken. Sie würden geglaubt haben, dem Tode zu verfallen,
wenn sie etwas gegen ihn unternähmen. Ma-noh sprach einiges von ihrer
Führerrolle bei den Gebrochenen Melonen; sie faßten, da er unentschlossen
redete, nicht, wo er hinauswollte; es gelang nicht, sie zu locken.
Wang-lun hatte der Boten nicht bedurft; vorher war ihm das Gerücht
zugetragen worden. Er kam mit den Boten zusammen in Mas Lager an. Als er
von Laternenträgern geführt bei Nacht in Ma-nohs Hütte trat, wollte er mit
einer Handbewegung die junge Frau aus dem Raum weisen, die neben dem
ehemaligen Pu-topriester auf der Matte hockte. Aber Ma griff die Schwester
bei der Hand, führte sie in die Nachbarhütte, kehrte allein zurück.
Eine winzige Öllampe brannte am Boden; an der rechten Wand des kaum
mannshohen Raumes raschelte auf dem Moosboden ein Strohsack; Lumpen,
Tücher, Kittel daneben. An die linke Wand war der seitlich umgekippte
Karren Mas geschoben; unsicher darauf balancierten, von ein paar
Streiflichtern getroffen, die goldenen Buddhas; die tausendarmige Kuan-yin
aus Bergkristall stemmte den Kopf gegen die Wand, stützte das weiche
zerschrammte Gesicht an einen splittrigen Bambuspfosten.
Still saß Wang-lun, als Ma zurückkehrte, auf dem Rand des Karrens und
blickte ins Licht. Der Priester sah zu seinem Schrecken, daß Wang ein
großes Kriegsschwert trug und es mit beiden Händen vor sich gestellt hielt.
Wang-lun war gealtert; sein Blick reglos. Er rieb sich das Knie, und als er
später aufstand, sah Ma-noh, daß er links hinkte.
Der Mann aus Hun-kang-tsun brummte, er sei jenseits des Hu-toflusses von
übenden Soldaten gesehen und erkannt worden, er habe über den Fluß
schwimmen müssen und sich beim Sprung über die Uferfelsen das Knie
zerschlagen. Es war nicht ganz richtig; er hatte sich zwar bei dieser Jagd
das Knie zerschunden; aber die Hauptverletzung zog er sich zu, als er sich
der Sumpfgegend näherte. Er begegnete Anhängern Mas mit einigen Mädchen auf
der Straße; niemand erkannte ihn. Als sie ins Gespräch kamen, erfuhr er zum
ersten Male, daß diese Bündler sich Gebrochene Melonen nannten; er führte
das Gespräch mit dumpfer Erregtheit weiter, griff, als die Bündler sich
betrübt abwandten, einen von ihnen an, hetzte die Mädchen fort. Auf das
Hilferufen trat ein rodender Bauer aus dem Bambusgehölz, warf quer über die
Straße nach Wang einen Wurzelkloben, zerschmetterte ihm fast das Knie, an
dem er schon litt. Dann floh auch der Bauer, der bei Ansichtigwerden des
Schwertes glaubte, einen kaiserlichen Soldaten verwundet zu haben. Wang
trug einen blauen Kittel mit roten Aufschlägen, den ihm ein desertierter
Soldat aus der Truppe Ngohs geschenkt hatte.
Wang, unbeweglich auf dem Karren sitzend, fragte Ma-noh, ob sie auch viel
unter den Verfolgungen von Truppen zu leiden hätten. Ma wollte, als dicke
schwarze Blutstropfen durch Wangs Hosen quollen, ihm Wasser und ein
stillendes Pulver bringen; aber Wang hielt ihn kopfschüttelnd zurück und
meinte, indem er zu sprechen fortfuhr, es sei ja gleich, von wem die Brüder
und Schwestern zu leiden hätten, von den Tao-tais oder von anderswo. Oder
was Ma-noh meine? Das Schicksal sei hart und nicht zu beugen. Es sei gut,
die Brüder zu lehren, den Weltlauf unangetastet zu lassen; aber dies sei
nicht so gemeint gewesen, selber das Schicksal zu spielen und andere und
die Brüder und Schwestern es ertragen zu lassen. Diejenigen, die glaubten,
auch dann noch unangetastet zu bleiben, könnten sich in schweren Irrtümern
wiegen. Ja, sie müßten und sollten sich in einem Irrtum wiegen, der sie
mehr als einen blutigen Tropfen kosten könnte.
Ma-noh, sich auf die Matte kauernd, hörte ihn ohne aufzublicken an. Er sah
den ungeschlachten Bauernburschen vor sich, der eines Wintertags auf dem
Nan-kupaß die kleine Stiege zu seiner Felsenhütte heraufkam; er bettelte
und ging nicht von seiner Türe weg, fragte nach den goldenen Fos auf dem
Regal.
Er wurde von einer heißen Liebe zu Wang erfüllt, wollte sich einer
Empfindung hingeben, die unter dem rauhen, wohlbekannten Schan-tungdialekt
Wangs aufatmete mit einem »Endlich!« aber blieb still sitzen, sann und
wunderte sich nicht einmal, daß er nachdachte.
So verändert habe ich mich, dachte Ma-noh. Die Täler und Berge der achtzehn
Provinzen sind breit und unermeßlich weit, den Schlüssel zum Westlichen
Paradies trage ich; Wang-lun und ich müssen in Frieden voneinander lassen.
Er sagte, Wang-lun sei sehr lange fort gewesen; der Schutz der Weißen
Wasserlilie sei wichtig, aber wichtiger die Leitung der Brüder und
Schwestern, auch schwieriger vielleicht. Wang-lun möge nicht bitter werden;
man könne Regeln leicht und in Menge aufstellen; es hätte sich gezeigt, daß
die Regeln des Nan-kugebirges bei aller Kostbarkeit sich nicht allen
Verhältnissen anpaßten; man hätte sie ändern müssen, Wang-lun könne sich
überzeugen, daß man im Wesen gleich geblieben wäre, als käme man eben um
die Schönn-i-Klippen herum. Wang-lun gelte als ein vollendeter Heiliger; er
möge sich nicht in Zorn über sie ergehen.
Es war Ma-noh unverständlich, was ihn trieb, Wang zu quälen, und ihn einen
Heiligen zu nennen. Er konnte sich nicht verhehlen, daß er die Wendung auf
der Zunge wie eine süße Dattel zerdrückte und mit kaltem Vergnügen
schmeckte.
Wang stand in Schmerzen; er stocherte mit seinem Schwert in dem Moos. Dies
hatte er nicht geglaubt, nicht dies. Dieser Mann schien ihn anwerfen zu
wollen.
Er glitt leidend auf die Matte neben Ma; der Priester streifte ihm gegen
seinen Willen die Hose auf, holte einen Krug und Leinen, wusch das Knie.
Wang beobachtete ihn: »Ma, wir haben einmal auf dem Nan-kupasse
nebeneinander gesessen; das waren wir doch, du und ich? Oberhalb der
kleinen Pochmühlen wohntest du. Wir waren miteinander befreundet?«
»Wir sind in die Felder und Wälder von Tschi-li hinausgegangen, Wang.
Tausende sind aus den Städten, aus allen Präfekturen, Distrikten zu uns
gekommen, um unsere Freiheiten und wahrhaftigen Unabhängigkeiten zu kosten.
Wir haben Gefängnisse mit List, Geld, Betrug öffnen müssen, um Brüder von
uns zu befreien. Keiner von ihnen wäre gekommen und wir hätten umsonst
gearbeitet, wenn wir nur ein anderes Gefängnis gebaut hätten, aus alten
trockenen Worten, verhärteten Regeln. Das war nicht deine Absicht. Und wenn
es deine war, so wäre sie es nicht geblieben, wenn du uns begleitet hättest
vom Nan-ku herunter bis an den Sumpf von Ta-lou.«
Wang griff nach Ma-nohs Kinn.
»Ma-noh, wer, sagst du, hätte seine Absicht geändert, wenn er mit euch, die
südwärts gezogen sind, vom Nan-ku bis zum Sumpf von Ta-lou gewandert wäre?
Wer hat sie denn geändert? Wie viele und wie gute waren das? Ma, es gibt
zweierlei Arten von Menschen; die einen leben, und wissen nicht, wie sie es
machen sollen, die andern wissen, wie sie es machen sollen. Das sind wir,
die kein Recht haben zu leben, die für die andern da sind, jawohl, Ma-noh,
selbst um den Preis, die höchsten Khihs zu verlieren. Jedem ist sein Amt
vorgeschrieben. Was dir und mir vorgeschrieben ist, haben wir auf deiner
Hütte über den kleinen Pochwerken gewußt. Es brauchte keine Wanderung durch
Tschi-li für dich und keine Begleitung für mich, um das zu lernen. Du
sollst nicht deinen Bohnenbrei essen und dich neben ein Weib werfen und
nach dem Westlichen Paradiese laufen. Ich dachte, das wüßtest du schon. Uns
ist das alles versagt. Uns ist etwas anderes gegeben, nämlich dies alles zu
wissen. Aber ich will nicht zornig werden, mein Bruder Ma-noh.«
»Du wirst nicht zornig werden, Wang.«
»Du weißt nicht, warum ich nicht zornig werde. Vorhin, bevor ich in euer
Tal einbog, bin ich über ein Feld mit Thymian gegangen. Ich fand nicht
gleich zurecht, deine Boten waren vorausgelaufen, mein Knie schmerzte, ich
konnte nicht rasch nachkommen. Ich saß einen Augenblick auf einem
Maulwurfshügel. Was nun kommen würde, unser Gespräch, unser Wiedersehen,
verwirrte mich etwas. Einen Moment schien es mir, ich müßte einem
Feldschatten verfallen, der mir hier aufgelauert hatte. Wie ich wieder die
Augen aufmache, sehe ich eine breite Lichtschnur in lauter bogigen
Windungen quer über das Feld. Dicht bei meinem Maulwurfshügel fing es an,
ein kleines niedriges Flimmern, das nicht stillstand. Das waren
Leuchtkäferchen. Die Natur ist nicht gegen uns. Ich will heut nacht warten,
ob mir der König der Leuchtkäferchen im Traum erscheint und will mich bei
ihm bedanken. Vielleicht waren es hilfreiche Geister aus dem Sumpf, die
mich sahen, wie ich hinfällig war; sie sind selbst so arm. Das Flimmern
führte bis in dein Tal. Ich bin nicht zornig; ich bin nicht verlassen.«
»Wang, du wirst dich nicht gegen mich wenden. Vor wenigen Wochen dachte ich
ja wie du: sie die Körner, wir die Wurfschaufel, sie der Kopf, wir die
Mütze, sie der Fuß, wir der Pfad. Dann sind Dinge gekommen, deren ich mich
schwer entsinne, -- daß sich der Hut, wirst du sagen, des Kopfes bemächtigt
hat, und der Weg vor dem Fuß davongelaufen ist. Ich weiß, daß ich dir
Rechenschaft schuldig bin dafür, ja, lehn es nicht ab, bin dir Rechenschaft
schuldig. Aber ich kann dir keine geben, denn ich vermag mich nicht, auch
wenn ich mich anstrenge, nicht darauf zu besinnen. Es ist vor mir
ausgewischt, wie eine Tusche vom Regen.«
»Die schlechte Tusche«, unterbrach ihn Wang, der lächelte. »Und wie heißt
der Regen, lieber Bruder?«
»Nicht Untreue.«
»Der Regen heißt Eitelkeit und Herrschsucht; Eitelkeit und Herrschsucht
wollte ich sagen.«
Wang hielt Ma-noh, als sie so nebeneinander kauerten, bei den Schultern und
prüfte unsicher Mas dürres Gesicht. Sie sahen sich zum erstenmal voll an.
Wang schien ernster und trauriger zu werden; er hielt vertieft den Kopf
schräg; nahm in einer mitleidigen Aufwallung Mas Hand und streichelte sie:
»Wie heißt der Regen, Ma-noh? Was ist dir begegnet?«
»Du warst so lange fort. Wir haben als Wahrhaft Schwache gelebt. Die Frauen
sind gekommen. Was den andern Brüdern begegnete, weiß ich nicht. Ich wußte
von einem Tag an, daß ich -- nicht mehr -- ohne Begierde -- war. Ich wollte
es wieder sein. Das Leben ist ja kurz. Man darf nicht zu lange falsch
gehen, man kann nicht die Tage wie Kupferkäsch zählen und für Reis und
Hirse eintauschen. Nun bin ich wieder ohne Begierde, ich habe mich
gesättigt, muß mich immer wieder sättigen; ich weiß, du brauchst es nicht
zu sagen, es ist endlos: aber ich kann frei und rein beten und hoffe, daß
mein Einsatz schwer genug wiegt auch mit den Gelüsten. Schimpfe nicht,
Wang. Ich weiß, daß mich niemand verachtet.«
»Das waren die Frauen. Bruder Ma-noh, ich verachte dich nicht darum. Aber
du bist noch nicht zu Ende, du wolltest wohl noch weiter reden. Du liefest
zu der Frau, nach der dich hungerte. Dann nahmst du sie und gingst deiner
Wege, nach Nan-ku zurück, oder in ein Dorf, eine Stadt? Niemand wird
gezwungen, zu uns zu kommen. Jeder kann gehen, wenn es ihn drängt. Nicht
wahr, so tatest du?«
Ma-noh, mit halbem Gehör folgend, redete grübelnd weiter: »Was Begierden
sind, habe ich vor langer Zeit gewußt. Aber was Frauen sind, war mir
unbekannt. Frauen, Frauen. Du bist nicht, Wang, wie ich, von Kindesbeinen
in der Schule des Klosters gewesen. Man seufzt, und weiß nicht warum. Man
wirft sich im Mondschein in vieler Unruhe, und schließlich seufzt man nach
der -- Kuan-yin, ängstigt sich um die -- zwanzig heiligen Bestimmungen. So
vergißt man sich. Jetzt sind die Frauen gekommen. Ich glaube, sie haben
mich manchmal vom Morgen bis Abend umschlungen, geweint, mich um wunderbare
Formeln gebeten. Bis ich sie beruhigt hatte und sie unsern Weg wußten,
vergingen Wochen, und dann kamen neue. Sie gingen meinen guten Weg,
schließlich. Mir ließen sie einen Druck zurück auf der Schulter, ein dünn
gequetschtes japsendes Herz, ein Schwitzen an den Händen. Ich ging ihren
Weg. Es sind Stärkere zu dieser Arbeit nötig, mich hat Pu-to-schan
verdorben. Da sieh, neben uns auf den Karren, wer da steht! Stehen sie
noch? Dieser Ratterkasten ruht von seiner zwanzigjährigen Wanderschaft, die
Götter drücken ihn im Schlaf.«
Ma-noh griff, ohne sich aufzurichten, neben sich an die Deichsel des
Karrens, ruckte daran. Die goldenen Buddhas wackelten, stürzten nach beiden
Seiten an den Boden, purzelten über- und nebeneinander. Zuletzt fiel mit
einem scharfen Geräusch die Kuan-yin aus Bergkristall hintenüber. Sie
sprang, hart auf einen abgebrochenen Buddhakopf schlagend, mitten entzwei;
ihre Arme splitterten.
Wang suchte Ma-nohs Gesicht. Aber der hatte sich über sich gebückt und
redete, als wäre nichts geschehen.
»Obwohl es mir so ging, wollte, konnte ich dich nicht verlassen. Es ist
sinnlos, mich zu bestrafen, nein, mich auszustoßen für die Ewigkeit, weil
ich so schlecht aufgezogen bin. Es muß ein Ende nehmen damit. Die heiligen
Bücher können nicht gelten. Es muß eine Lösung geben. Ich wußte die Lösung.
Die Keuschheitslehre ist ein Wahnsinn, keine kostbare Regel, eine Barbarei.
Die Brüder und Schwestern haben mir zugestimmt.«
Wang zuckte. Er warf sich halb nach der Wand zu, so daß ihn Ma-noh im
Schatten nicht erkennen konnte. Sein riesiges Kriegsschwert lag schräg über
dem Knie, dessen dünner Verband hellrot durchblutet war.
Das Schwert hatte ihm Chen-yao-fen in Po-schan gegeben, als er sich
verabschiedete. Es hieß der Gelbe Springer. Es vererbte sich in der
Chenfamilie und forderte den Besitzer auf, an die Traditionen der Weißen
Wasserlilie zu denken.
Eine gerade doppelschneidige Klinge; in ihrer Oberfläche sieben runde
Messingscheibchen eingelegt; dicht an der Wurzel unterhalb eines
Sternmusters Lotosblätter. Der goldbeschlagene Griff nach der Mitte zu
anschwellend; beiderseitig die Charaktere der Mings, Sonne und Mond, aus
feinem Silberdraht; die Parierstange mondförmig. Der Knauf prächtig endend
in einen züngelnden Drachenknopf.
Wang sagte nicht, was ihn bewog, sich nach einem Schweigen aufzurichten
und, das Schwert wegschiebend, Ma-noh hart und unbarmherzig die wagerecht
gestreckten Arme wie Balken über die Schultern zu wuchten und den Bruder in
einer Klemme zu halten. Wangs Zähne klapperten; ein stoßweises Zittern warf
seine Hände, die nach dem Schwertknauf greifen wollten, um Ma-noh die
Klinge in den zugekniffenen Mund zwischen die Lippen zu zwängen, sie rasch
im Schlund umzudrehen, zu bohren, herauszuziehen und über die ledernen
Backen zu schlagen.
Ma-noh sank vornüber unter dem Druck. Er erwartete finster, was weiter
geschehen würde. In einem bösen gehässigen Gefühl blieb er sitzen, als Wang
die Arme abhob und seufzend das kranke Knie streckte.
Wang fing einen giftigen Blick Mas von unten auf. Sein Gesicht wie unter
einer federnden Polsterung schwoll hoch. Er zog sich mühsam an seinem
Schwert auf, die blutunterlaufenen Augen flackerten. Er zeigte mit beiden
Händen auf Ma herunter: »Du, du bist der Verräter, du bist ein Betrüger,
ein Verführer, bleib nur ruhig sitzen, das ist statt langer Erklärungen
alles und jedes in einem Wort. Ich hätte es dir schon vor drei Tagen
gesagt, als ich von euch hier gehört habe. Du hättest die Lösung in deiner
jämmerlichen Not nicht suchen brauchen; ich hätte dir gleich sagen können,
daß du alle Welt, jeden Freudenhimmel und jede Seligkeit verraten würdest,
um neben deiner Frau auf dem Stroh zu liegen. Denn du bist giftig, ein
Skorpion von Natur; ich bin schuld daran, allein ich, der dich gewähren
ließ unter den Wahrhaft Schwachen. Ich bin die Säule, die alle tragen muß,
ich bin der Himmel, der undurchbrechbar über den Armseligen ruht und selbst
nichts hat von seiner Sonne und den Gestirnen. Ich habe mich entschlagen
von mehr, als du weißt, Ma-noh, von mehr als einem Weib und tausend
Weibern; von mir selbst hab ich mich abtrennen müssen, von meinen Armen,
meinen Beinen, von meiner Geburt und Vergangenheit, hab meine eigenen
weißen Därme in ihre Bäuche gewühlt und mich ausgeblutet. Mit Gewalt hab
ich das tun müssen.
Die glücklichen Inseln werde ich nicht erreichen, das Chikraut kann blühen
wo es will, nichts ist jetzt mehr, nichts darf mehr sein, was ich erlebt
habe. Unbeerdigt ist der ernste Su-koh gestorben. Die obdachlosen Geister
müssen vor mir abweichen, denn ich bin selbst leer, ein vergilbtes Blatt,
ein Drache aus Papier, bunt bemalt und mit einer Heulsirene im Maul, wie
ihn die Leute im Süden vor Leichenzügen tragen. So bin ich, daß ich selbst
Schrecken vor mir erlebe, wenn man mich ruhig auf einem Stein sitzen läßt,
daß ich mich für einen schwirrenden Kwei halte, der einen frischen
Menschenkörper sucht.
Aber du, Ma-noh, bist nichts von dem. Wohl dir. Ja, dir blitzt die Hoffnung
aus den Augen, und in deinen Eingeweiden sitzt das Vergnügen. Du bist
kleiner als ich, du bist dürftiger als ich, trockener als ich, aber prahlst
vor mir mit deinem Leben.