sich schluchzend von ihm ab.
* * * * *
Der weitere Verlauf ist bekannt. Die Gebrochene Melone verließ das Kloster,
die Bevölkerung dieser Distrikte erhob sich gegen die kaiserlichen Beamten.
Stürme auf die Gefängnisse, Vertreibung der Magistrate folgten, von den
ungeheuren Liegenschaften verjagte man die Besitzer, verbrannte ihre
Häuser. Tagelang stapelte dicker Rauch über den Gütern. Es wurden weder die
Gräber noch Ehrenbogen noch Pagoden geschont.
Die ersten Manifeste ergingen von einem Komitee, dem der Salzpfänner
präsidierte. Man erklärte darin die vertriebenen Besitzer ihres Eigentums
für verlustig; die Herrschaft der fremden Mandschudynastie, der Tai-tsing,
nannte man erschlichen, nicht volkstümlich und darum abgeschafft.
Nach Nordost dehnte sich der Aufstand rapid aus. Von hier stießen zwei
Haufen von je dreihundert Mann, welche zu den Wahrhaft Schwachen Wang-luns
gehörten, zu den Aufständischen, suchten nach den Brüdern, denen sie helfen
wollten.
Von der zweiten Woche ab unterzeichnete Ma-noh alle Proklamationen,
Anschläge und so weiter. Er schickte Boten in die nächstliegenden Städte,
die nachts an die äußeren Mauern einen Brief Mas an den Kaiser Khien-lung
anhefteten. Darin erklärte sich Ma-noh bereit, die Herrschaft der Reinen
Dynastie anzuerkennen, sofern das gesamte im Aufstand befindliche Gebiet
von der Zentralverwaltung gelöst und durch einen eigenen Fürsten verwaltet
würde.
Nach einer weiteren Woche erfolgte der wichtigste Schritt: die besetzten
Distrikte wurden zu einem geistlichen Land mit dem Namen »Insel der
Gebrochenen Melone« umgewandelt nach dem Vorbild von Tibet. Die Pflege der
paradiesischen Hoffnungen wurde als die Aufgabe des neuen Staates
bezeichnet. Ma-noh ernannte sich zum Priesterkönig dieses geistlichen
Landes; eine Kommission von drei Männern stand ihm unter dem Namen der
Gesetzeskönige zur Seite. In der einzigen mittelgroßen Stadt der besetzten
Distrikte residierte Ma-noh. Hier wurden Pläne zur Befestigung der Insel
entworfen, die Anlegung großer Doppelmauern mit Wachtürmen um das gesamte
Gebiet, etappenweise Wachtürme auf allen größeren Landstraßen. Etwa tausend
Mann der Ortsansässigen blieben unter Waffen, für die übrigen lagerten in
der Hauptstadt Waffen.
Es gab zweierlei Bevölkerung auf der Insel: die alten Bewohner in ihren
Häusern, Läden, auf den Äckern, Bergen, in den Obstgärten; und die Brüder
und Schwestern, bei Tag tätig unter ihnen, im übrigen abgeschlossen von
ihnen, viele in Hütten, die meisten auf den Feldern in der Nähe der
kräftigen Bodengeister. Die Bündler erwarben keinerlei Besitz, schoben
jeden Gewinn, der nicht dem Augenblick diente, der königlichen Kasse zu.
Die Zeit am Sumpfe von Ta-lou hatte an Reiz, Erregung und Glück das
Erdenkbare gegeben. Hier auf der Insel war man geborgen. Es war ein
Meisterstück Ma-nohs. Alle und jegliche Last hatte er der Gebrochenen
Melone abgenommen; die Mauer, die er gewünscht hatte, umgab die Brüder und
Schwestern lebendig. Der Weg der äußeren Befreiung seiner Anhänger, den er
am Sumpf von Ta-lu eingeschlagen hatte, war zu Ende gegangen. Sie waren
sicher vor Zerschmetterung durch das blinde Schicksal.
Ma-nohs Härte in dieser Zeit wuchs. Von dem Augenblick an, wo er
Priesterkönig des Gebietes war, umgab ihn eine Strenge, die an Grausamkeit
grenzte und den erfahrenen Schüler der asketischen Mönche erkennen ließ. Ma
verwandelte sich nicht, sondern fand sich in dem Augenblick wieder, wo nur
sein Wort galt. Das Feuer des Klosters, in dem Brüder und Schwestern vor
seinen Augen verkohlt lagen, brannte in ihm nicht aus. Er empfand kein
Rachegefühl, sondern nur die Empfindung, daß Dinge, die so eingeleitet
waren, nicht läppisch enden durften. Er nahm keinen Rat seiner Vertrauten
mehr entgegen. Das Mitleid für die Halbtoten, Angespießten auf den Höfen,
in allen Korridoren tötete ihn fast. Er sank von dem Gipfel herunter, stand
unter den armseligen, verwirrten, abergläubischen seiner Menschen, wand
sich unter ihren Qualen, und war eins mit diesem Volk.
Keinen seiner Vertrauten kannte er mehr. Auf dem raschesten Wege strebte er
danach, die Herrschaft an sich zu reißen, weil er fühlte, sonst der
Verantwortung zu erliegen. Das Schicksal des ganzen Bundes war
gleichgültig, wenn er erst alles für den Bund geleistet hatte, dann stand
und fiel er gleichmütig mit den andern. Kein Feuer berührte ihn dann mehr.
Ma-noh, ein unkenntlicher Mann, saß auf dem Thron der Insel. Kein Götze
konnte blinder blicken als er. Sein Glaube an das Westliche Paradies war
vorher eingewickelt in ein Entrückungsgefühl, ein überschwengliches Sehnen;
jetzt saß Ma ernüchtert da, hielt den Glauben mit eisernen Griffen gepackt
vor sich hin. Er sehnte sich nicht nach diesem Paradies, er begehrte,
heischte kalt den Eintritt für sich und seine Bündler. Es handelte sich
nicht mehr um ein traumhaftes Gut, dem man sich langsam stufenweise
entgegenhob, sondern um etwas Nahes, wie die enge Holzbrücke, über die er
jeden Tag ging, zu der er ging, wann es ihm beliebte, etwas Erkauftes,
etwas Gekauftes und zehnfach Überbezahltes, das ihm keiner vorenthalten
konnte. Es war nicht mehr diskutabel, ob das Westliche Paradies real
existierte oder nicht; die Ereignisse hatten es mit den notwendigsten
greifbarsten Zeichen der Wirklichkeit ausgestattet.
In ihm aber irrte manchmal eine Angst auf und ab, daß er noch einen Preis
draufzahlen müßte, daß durch irgendeinen Umstand noch ein Preis wie der
vorige verlangt werden könnte, und darum verlangte er keine lange Dauer des
Lebens mehr, sondern einen kurzen dringenden Beschluß, ja den raschen
Untergang dieser Insel, die er mit dem Namen seiner Brüder und Schwestern
geschmückt hatte. Er war durch seine Klugheit, Entschlossenheit, kraft der
unheimlichen Einflüsse, die man ihm zuschrieb, Herrscher dieses Landes
geworden, dessen Bewohner er verachtete, deren Berührung ihn anwiderte. Es
bedeutete ihm eine Qual, daß er sich schmutziger Dinge bedienen mußte, um
der Gebrochenen Melone zu helfen. In keiner Zeit war sein Haß auf Wang-lun
so ständig gewesen, der dies alles hatte geschehen lassen und mit einer
kleinen Bewegung seines Willens hätte verhindern können.
Ma diente in der ersten Zeit nach den Umwälzungen am Sumpfe von Ta-lou mehr
seinen Bündlern, als er glaubte. Er hatte gedacht, sich zu sich selbst
zurückzufinden aus dem Kram der täglichen Führerschaft. Aber erst der
Klosterbrand leistete wirklich diese Zurückführung. Ma war wieder
Einsiedler geworden, ohne daß er sich dessen in seiner Königsrolle bewußt
wurde. Er gewann Fühlung mit den ihm entschwundenen Vorgängen auf dem
Nan-kupasse. Durch seine Träume liefen die Zibetkatzen, saßen auf dem
Buddharegale, Haufen großer Krähen erwarteten seine Brocken vor der Stiege;
und Ma-noh wunderte sich über das Auftauchen der Erinnerungen. Der
ungeschlachte Wang-lun besah sich die goldenen Buddhas, die längst
zerschlagenen, fragte ohne Ende nach einer hundertarmigen Kuan-yin aus
Bergkristall, deren Splitter in dem Mikanthustal Wanderern in die Sohlen
schnitten. Gegen das Schicksal gab es keine Rettung als Nichtwiderstreben;
das Gemetzel am Fuß des Gebirges, der Klosterbrand hatte alles wieder
gezeigt. Ma fühlte, daß die Größe dieser Idee und die Frucht dieser
Tatsachen über seine Kraft ging.
Die Bündler waren zusammengeschmiedet durch das Schicksal. Das Glück der
Sommermonate leuchtete nicht mehr über ihnen. Des furchtbaren Ernstes ihres
Bundes wurden viele sich erst jetzt bewußt. Ma strahlte eine finstere Glut
aus, die sich ihnen mitteilte. Juen lag, bei den Kämpfen um die Güter
erschlagen, unter der Erde. Die Lius schwiegen vor der Gewalt Mas. Die
schöne Liang bebte beim Anblick des erstarrten Menschen und pries sich
glücklich, ihm gefolgt zu sein. Die Gelbe Glocke war verschwunden.
Noch einmal zitterte der Körper des Bundes unter einer inneren Krankheit.
In einem Dorfe, das kaum acht Li von der Hauptstadt lag, lebte unter den
Gebrochenen Melonen ein junger fremdartig schöner Bruder, der, obwohl
Kohlenbrenner von Beruf, eine beneidenswerte Feinheit seines Benehmens und
seiner Hilfsbereitschaft zeigte. Er hatte, wie nicht wenig andere, seine
Familie verlassen aus kindlicher Anhänglichkeit, wegen eines Gelübdes gegen
einen wandernden Bruder, daß er selbst zur Gebrochenen Melone gehen würde,
wenn der Bruder seinem kranken Vater hülfe. Nun war er, herausgerissen aus
der vertrauten Umgebung, mit den andern auf der Fahrt zum Westlichen
Paradies.
Aber er wurde durch eine hitzige Leidenschaft zu einer Frau in der Reinheit
und Ruhe seiner Empfindung gestört. Diese Frau war zwar eine Schwester,
aber sie rang noch mit sich, um ihren Geist sicher nach dem klar erkannten
Ziel einzustellen. Von einer mädchenhaft weichen Schönheit, einer stets
heiseren Stimme, träumerisch schielenden Augen, wurde sie aus dem Haus
ihres Vaters zuerst neben einen vierzigjährigen groben Pelzhändler geführt,
vor dem sie nach zwei Jahren floh, weil sie glaubte, daß er ihre Untreue
entdeckt hatte. Der Mann holte sie zurück, sie hinterging ihn dann wieder
und mußte nun ihre Heimatstadt verlassen. Sie war glücklich, bei den
wandernden Brüdern und Schwestern unterzukommen, sie konnte der Wildheit
ihres Leibes, unter der sie selbst litt, frönen, ohne Todesgefahr zu
laufen; sie stieß schon fast ihre Begierden mit den Füßen.
Da begegnete sie jenem Kohlenbrenner; sie versagte sich ihm nicht, aber
bald zog er sich von ihr zurück, begehrte sie nicht mehr; wurde finster. Er
erklärte ihr eines Morgens, als sie an seinen dunstumgebenen Platz vor dem
Dorf herunter kam und sang, daß er keinen Gedanken seit langen Tagen mehr
nach den überirdischen Dingen trage, daß er sich quäle und sie bäte, bei
ihm zu bleiben und ihm zu gehören. Die junge Frau verhüllte schon weinend,
als er zu sprechen anfing, ihr wohlgeformtes Gesicht, denn sie wußte
vorher, was er sagen würde. Als er aber ausgesprochen hatte, sah sie sich
um, ob ihr keiner zuhörte, setzte sich an eine qualmende Stelle neben ihn,
umhalste ihn, so daß neben seinem abgewandten glatten Schädel ihre vollen
Wangen und ihre ungesättigten Lippen standen, und benetzte mit Tränen und
Küssen seinen Zopf. Ob er nicht wüßte, daß er gegen die kostbaren Regeln
verstoße mit seinem Wunsch, und was er zu tun gedenke, wenn man erführe,
was er tat.
Nung drehte ihr langsam sein ovales Gesicht zu, das unter dem Schmerz alle
Ebenmäßigkeit verlor; das, was geschehen sollte, wenn man ihn entdeckte,
wisse er nicht; er wolle nicht gegen die kostbaren Regeln verstoßen, denn
das wäre eine Sünde gegen seinen Vater; aber er wisse sich nicht zu helfen.
Der ekelhafte Selbstmorddämon mit den weiten Hosen hätte ihn schon
angefallen, diese Nacht und drei Abende zuvor. »Was soll man tun, liebe
Schwester? Was soll dieser Bruder Nung tun gegen sich?« Nun saßen sie still
und ohne Überlegung in dem üblen Rauch; seine rußigen Hände griffen in ihre
schwarzen, kunstvollen Haarwindungen.
Die junge Frau, obwohl um sich selbst besorgt, folgte ihm, wie er
verlangte. Sie zog mit ihm in eine Wohnung zu dem Kohlenbrenner, der Nung
beschäftigte. Der baumstarke, duldsame Mann warnte die jungen Leute, die
ihm aber auswichen.
Inzwischen war das Jahr weit vorgerückt; die Bewohner der Insel rüsteten
sich zum Ching-ming-Fest, dem Allerseelentag. Überall im Freien errichtete
man Schaukeln, an denen bunte Schnüre wehten. Das welke Laub der
Roßkastanien flatterte herum. Man häufte frische Erde auf die Gräber. Das
übliche leckere Schmausen fing an. Auf allen Wegen gingen die Frauen mit
Weidenkätzchen hinter den Ohren, um nicht als gelbe Hunde wiedergeboren zu
werden. Die Männer stolzierten in den Alleen, saßen in den Teeschänken bei
Würfel- und Dominospielen mit golddurchwirkten Jacken und Gürteln.
In der Nähe der Tempel für die Stadtgottheit lagen die Begräbnisstätten für
die Dirnen; die Frauen der Gebrochenen Melone ließen dorthin nach der Stadt
auch ihre Toten bringen in einem großen Stolz und Mitleid. Als sie nun --
denn Ma-noh duldete das Beibehalten aller volkstümlichen Sitten -- am
Ching-ming-Feste morgens in Scharen auf den Friedhof strömten, begegneten
der verliebten jungen Frau, die Nungs Freundin war, andere Schwestern am
Eingang zum Dirnenbegräbnis, verwehrten ihr den Eintritt. Es fiel kein
Schmähwort; die Schwestern bedeuteten ihr nur, daß sie sie nicht mehr zu
sich rechnen könnten, seitdem sie wie eine Ehefrau mit Nung zusammenwohne.
Die Schwester lief in Scham nach Hause, erzählte Nung, dem die Knie zu
zittern begannen, daß ihr Geist, wenn sie stürbe, keine Ruhestätte bei den
andern Schwestern finde, weinte, daß sie aus dem Ring ausgestoßen sei, daß
sie nicht mehr so leben könne und sie müßte zu den Schwestern zurück. Der
Wirt, der lange gebeugte Kohlenbrenner, hörte ihr zu und brummte: »Das wird
wohl so sein müssen.«
Nung von ihr allein gelassen, wirtschaftete ohne Bewußtsein tagelang
zwischen seinen Kohlen und im Garten herum. Nachts warf er sich in Kleidern
auf die Erde, sein Gesicht wusch er nicht, seine Eßschalen ließ er stehen.
Er ging eines Morgens an die Mauer des Dirnenfriedhofs und wartete auf die
junge Frau. Als sie am regnerischen Abend mit einem Bruder zusammen
vorüberkam, -- sie atmete schon wieder auf, weil sie sich nicht in
grenzenloses Elend gestürzt hatte -- fiel Nung sie an, stieß den Bruder vor
die Brust, zerrte die Kreischende an den Zöpfen hinter sich her. Dorfleute
rannten herzu, rissen die Schwester los, verprügelten den Mann.
Nung, ganz auf der falschen Bahn, rollte nun glatt weiter. Die kostbare
Regel, die den Besitz einer Frau verbot, fiel noch manchem im Bunde schwer.
Offen am Tage nach dem vergeblichen Angriff unter seinen vielen Freunden
darüber redend, verstand er es, sie mit sich eines Sinnes zu machen.
Arbeitskameraden aus dem Dorf gesellten sich hinzu. Man schickte, hinter
einer Weidenpflanzung lagernd, einen Boten an Ma-noh, Abweichungen von der
kostbaren Regel zu gestatten. Die drei Gesetzeskönige ließen den Boten ins
Gefängnis werfen.
Verbohrt, die junge Frau zu besitzen, die in die Hauptstadt zu Ma-noh
geflüchtet war, sammelte Nung in vier Tagen Anhänger aus Dörflern, denen er
den König als unduldsam und gewalttätig schilderte, und aus Brüdern, die
nicht besser waren als er. Sie rotteten sich morgens auf den Straßen der
Hauptstadt zusammen, um Ma-noh zu ihren Forderungen zu zwingen. Aber der
Priesterkönig und sein Beirat warnten Nung und hießen die Männer die Stadt
verlassen und um sich sorgen.
Da drang der junge Nung, schmutzig, barfüßig, in zerrissenen Kleidern in
das Jamen ein, das als Königspalast diente. An der Schwelle der offenen Tür
stehend, während sein aufgelöster Zopf ihm von rückwärts über den Schädel
wehte, rief er in den dunklen Saal hinein, in dem Ma mit den drei
Gesetzeskönigen an der Wand saß, ob man die Wünsche bewillige oder er den
Bogen spannen solle. Auf das Schweigen trieb er das erstemal einen Pfeil
dicht über Mas Kopf in die Holzwand, beim zweitenmal durchbohrte er einem
Gesetzeskönig den Arm, dann wurde er selbst von hinten in die Schulter
getroffen. Der Pfeil zitterte im Fleisch, Nung brüllte. Die Bürger hatten
auf den Straßen den größten Teil von Nungs lärmenden Anhängern vertrieben,
das Jamen umstellt, ihn selbst mit einigen andern im Hofe eingeschlossen.
Der um sich beißende Nung wurde in den Holzkragen gelegt, im Stadtgefängnis
eingesperrt. Die Gesetzeskönige verurteilten ihn, als Ma teilnahmslos die
Sache von sich abwies, zur Todesstrafe mit Zerstückelung.
Nung wußte, daß sein Geist verloren war. Er gebärdete sich als ein der
Unterwelt zustrebender Dämon, schmähte Brüder und Schwestern, die ihm auf
dem Wege zum Richtplatz vor der Stadt begegneten, lachte über seinen Vater,
für den er sich geopfert hätte und höhnte auf der Totenstätte den heiligen
Bund so, daß der Henker nicht die Strafe des verlängerten Todes üben
konnte, sondern auf Drängen der empörten Zuschauer den Ruchlosen
erdrosselte.
Die schwere Bestrafung und Vertreibung der beteiligten Brüder und ihrer
Helfer folgte. Dieser Aufruhr und seine häßlichen tobenden
Begleiterscheinungen brachen über die Gebrochene Melone wie ein schweres
Unglück herein. Es kam manchen Bündlern vor, als sei ihnen verhängt, sich
nach dem erduldeten Leiden noch selbst zu zerfleischen. Viele schlichen
entmutigt herum, dachten an verzweifelte Flucht in die alte Umgebung
draußen, waren sinnlos lebensüberdrüssig. Andere hielten den Aufruhr für
einen Reinigungsvorgang, der einer jungen Sache nicht erspart bliebe,
trösteten sich und die andern, versuchten heller zu blicken.
Man erlebte auf den Märkten der Dörfer und der Hauptstadt rührende Szenen.
Es wiederholte sich auf dem Hof des Königsjamens dieser Vorgang: ein
zweirädriger Karren fuhr vor, eine Dame stieg mühsam aus, trippelte an das
Gong neben der Treppe und warf sich zu Boden. Vor Ma oder einen der
Gesetzeskönige kniete sie, klagte sich an, beschuldigte Heimat und Sippe,
und dann legte sie unter Verwünschungen vor allen Zuschauern einen Schmuck
nach dem andern auf die Stufen, Spangen, Ketten, Ringe, Federn, zog die
bemalten Seidengewänder ab, riß die Unterkleider in lange Stücke, ließ sich
die Haarwindungen lösen von den Schwestern, die sie umarmten.
Wenn Ma solchen Szenen beiwohnte, bedeckte er seine Augen mit der linken
Hand. Bisweilen wenn draußen das Gong brummte, stürzte er hinaus, ehe ihn
ein Bote gerufen hatte, und suchte auf dem Hof unter den inbrünstigen
Menschen. Er suchte Wang-lun und die Gelbe Glocke.
* * * * *
Als ein Monat nach der Errichtung des Königtums verstrichen war,
veranstaltete man in der Hauptstadt ein Fest. Dieses Fest ist vielfach
beschrieben worden; es wurden Gedichte darüber gemacht, auch Khien-lung
nahm in einigen späteren Versen Bezug darauf. Es liegen fast nur
phantastische Entstellungen des Vorgangs vor.
Die Arbeit, bis auf den Kriegsdienst an der Grenze, ruhte sechs
Doppelstunden. Auf den Straßen der Hauptstadt bliesen morgens die Posaunen.
Es waren tiefe grauenvolle erschütternde Töne, jedes musikalischen Klanges
bar, drängende Schreie geängstigter Schatten, Hilferufe von Verstorbenen an
Lebende, mit einer zunehmenden Wucht vorgetragen, daß es schien, als würde
sich das Rufende in jedem Augenblick verkörpern und feucht den
Vorüberlaufenden um die Schultern hängen. Die Töne kamen näher, gingen
ferner, stiegen aus allen Orten auf, es schien als ob die Stadt von ihnen
umstellt sei.
Aus den Seitengassen schlichen sonderbar vermummte Wesen an. Sie tauchten
mit einmal, aus dem Boden gewachsen, mitten unter den geputzten
Spaziergängern auf, huschten an den Häusern entlang, kauzten vor den
Sänften nieder, stumm den Durchgang verwehrend. Es gab plötzlich ein
Gelächter, wenn die affenartigen braunen und schwarzen Geschöpfe ernsten
Männern auf die Schultern sprangen, die dürren Beine ihnen vor der Brust
kreuzten, und mit einem lauten Blöken befriedigt nach einem niedrigen
Dachfirst griffen und sich schaukelten.
Auf der großen Straße, welche die Gelbbalkenstraße hieß, promenierten die
Bürger. Brüder und Schwestern nahmen die Mitte des leeren Marktplatzes ein
und fingen ein sanftes Musizieren an. Das feine kreischende Geräusch der
Juchkinsaiten klang mit einer hypnotisierenden Süßigkeit und Monotonie in
der Herbstluft; das Suan-kin, die achteckige Gitarre, fiel ein; ein Zirpen,
dann gleichmäßig abgerissene Akkorde, die wie dünne Goldspangen eine Kette
schlossen, wie lose Reiskörner auf den weichen Boden flatterten.
Während die Schwestern vielstimmig an- und abschwellend dazu sangen,
verwandelten sich ernste Spaziergänger, die grüßend aus Sänften stiegen, in
spielerische blaue und rote Löwenhunde, liefen vierbeinig die andern an,
balgten sich auf den Fahrdämmen und jaulten komisch zu der festlichen
Musik. Irgendwo standen eben noch zwei zusammen und unterhielten sich
höflich, lehnten Schulter an Schulter vor einem Laden; da sank einer
plötzlich zusammen, überzog sich mit einer Schildkrötenschale und
watschelte davon. Unbeirrt klang die Musik. Die Bambusflöten bliesen; im
Liede heißt es: »Die Töne zogen sich gedehnt, schmiegsam wie Seidenfäden.«
Auf den Straßen quirlten umeinander Jongleure, Athleten, Zauberkünstler,
groteske Masken. Klappern, Knarren, näselnde Hörner. Ein zopfloser hagerer
Mann, ganz weiß geschminkt, in einem langen enganliegenden weißen Mantel
mit schwarzer Schärpe, hockte versunken auf seinem Schemel. Um ihn kauerten
drei weiße ausgewachsene Tiger, die er an bloßen bunten Leinen hielt. Die
Bestien rekelten sich, scharrten den Boden mit den Pranken. Plötzlich gab
es einen Schrei, ein Auseinanderstürmen der Menschen. Die Tiger fuhren in
großen Sätzen davon, zogen den weißen Mann an ihren Leinen hinter sich her.
Er schwankte halb durch die Luft und machte vor Angst einen kreisrunden
Mund. Vor einer Tigersäule an einer Straßenecke kletterten sie an,
schnüffelten, saßen eins neben dem andern nieder, blieben ruhig sitzen, als
ein paar mutige Burschen sich anschoben, platteten sachte Rücken und Bauch
ab, ihre Beine schnurrten ein, bis sie eine breite, weiße schwarzgetüpfelte
Lage bildeten -- aus Papier vor ihrem weißgeschminkten Herrn mit der
schwarzen Schärpe, der sein unheimlich bewegliches Maul ganz allmählich zu
einem schiefen Rüssel drechselte und mit einer Backe heftig zuckte, so daß
es wie ein Gelächter in Fleisch aussah.
Während die Jongleure sich um Stangen wanden, die frei in der Luft standen,
Athleten glockenbehängte Banner auf den Zähnen balancierten, Schwertkämpfer
in Spiegelbuden aufeinander losgingen, sich Hände und Köpfe abschlugen, mit
zappelnden Händen im Mund blutgierig herumliefen und draußen unter
zärtlichen Verneigungen Geld einsammelten, blickte ein pfiffiger Knabe mit
hohem roten Käppi in seinen Holzbauer, zeigte unentwegt auf den kleinen
polierten Kasten drin, vor dem ein Kanarienvogel trillerte und auf Anruf
seines Herrn eine winzige Schatulle mit dem Schnabel aufschloß, Briefchen
herausholte und brachte.
Die Hampelmännchen, Marionetten tanzten auf glatten Brettchen vor den
harmlosen Landleuten, welche mit unförmigen Fächern und Bambusschirmen in
die Stadt hereinspaziert waren. Sie gafften vor den fähnchenbehangenen
Gestellen, auf denen dressierte Mäuse und Ratten über teppichbelegte
Treppen, Leiterchen krochen, sich im Drehrad zu zweien schwangen, durch
Schaukelringe sprangen, Klöppel gegen Blechgongs rührten.
Ein wildes Getümmel herrschte um abgezäunte Räume auf den Märkten; hinter
den Seilen standen Haufen kleiner irdener Töpfe mit Schlitzen; in der Mitte
solcher Stapelplätze wurden Grillenkämpfe vorgeführt, erregte Wetten auf
die Tierchen abgeschlossen.
Allen Geistern, von denen man sich Gutes versprach, opferte und räucherte
man in den Häusern und kleinen Tempeln; drohend schmetterten die Gongs,
krachten die Trommelwirbel; die Stadt blähte sich auf, blies die bösen
Geister und hungrigen Dämone mit einem Hauch von sich weg. Vor den Türen
hingen die langen roten Zettel mit beschwörenden Figuren, Boten trugen
Glückwünsche von Sippe zu Sippe. Endloses, unruhiges, aufgejagtes Treiben.
Ernste Komödien wurden in den großen Tee- und Freudenhäusern gespielt.
Den Brüdern und Schwestern war für diesen Tag jede Freude und Üppigkeit
gestattet. Sie tafelten bei den Familien in vielen Häusern; die gewandteren
unter ihnen saßen auf den öffentlichen Plätzen, vor den Tempeln, hatten
neben sich große Menge schneeweißen Reis in Schalen, Tee, Ginseng, Nudeln,
Pasteten, erzählten ihren Zuhörern wunderbare Geschichten und bewirteten
sie. Die jüngeren wohlgeformten Schwestern legten bunte und kostbare
Seidenbrokatstoffe an, die ihnen begüterte Städter schenkten; ihre
Gesichter waren herrlich geschminkt; sie spielten in den Theatern, führten
fremde Tänze auf, in den bemalten Häusern gingen sie freiwillig herum
zwischen ihren dienenden Schwestern.
Es wurde Nachmittag. Da räumten die Budenbesitzer, Gaukler, Straßenhändler
die Märkte. Auf dem Tsuplatz an der Peripherie der Stadt, wo innerhalb der
Mauern ein Fichtenwald gegen die Häuser vorrückte, war eine viereckige
Hügelfläche abgeerdet. Hier, wo ein dunkles Tempelchen für einen alten
tüchtigen Mandarin verfiel, wollten sich die Brüder und Schwestern der
Gebrochenen Melone zusammenfinden. Wieder schrieen die Posaunen, immer
lauter, immer dringender. Die Straßen wurden leer, die schrecklichen Töne
verhallten im Winde, keine Rettung, kein Mitleid; in starre Steinwände die
Stadt eingemauert.
Vor dem schwarzen Hintergrund der Nadelbäume spielte sich die Zusammenkunft
der Brüder und Schwestern ab. An der Lehne der Stadt, das Gesicht den
Bäumen zugewandt saßen in langen Reihen die Bündler; hinter, über ihnen die
Bürger und die zahllosen Bauern. Auf den platten Dächern drängten sie sich;
ihre Fächer und Schirme winkten aus den hochgelegenen Fenstern und Türen.
Wirres Rufen, dichtes Summen; von der Stadt her vereinzelte grelle
Gongschläge; vor allen die schwarze Verschwiegenheit des Fichtenwaldes.
Über den grauen Himmel weiße Wolkenzüge.
Der Boden fing an zu schwingen. Zwischen den Bäumen brachen in langer Linie
Berittene hervor; sie näherten sich, in brausendem Galopp aufwachsend,
einem flachen Hügel vor der Stadtlehne, teilten sich in zwei Haufen,
sprengten gegeneinander. Man erkannte rasch unter den Zuschauern, daß die
eine Truppe die Staffierung und Waffen einer kaiserlichen Bannerschaft
trug; die Farben gelb mit Bordüre, von einem hohen Offizier geführt,
Lanzenträger mit meterhohen Bambuslanzen und dreieckigen Feldfähnchen. Man
zeigte sich auf den Dächern die echten Brustschilde der Offiziere,
Leoparden und Bären; einige riefen sich zu, es seien erbeutete Waffen und
Kleider, viele jauchzten, sogar die Träger selbst seien erbeutet; es seien
allesamt Gefangene von der Grenze; man erregte sich über das Schicksal
dieser Männer. Es war in der Tat eine gefangene kaiserliche Kompagnie. Die
andern Berittenen in simpler Bauernkleidung; Strohhüte von ungeheurem
Umfang, Strohsandalen, graue Kittel; durcheinander trugen sie Schwerter,
Sensen, Dreschflegel. Die Zahl dieser Reiter war wohl zehnmal größer als
die der Mandschuren. Erst mischten sie sich lautlos durcheinander, trennten
sich, sprengten drohender aufeinander, schmähten sich im Vorüberreiten,
dann trieben in einem plötzlichen Ansturm die Bauern ihre Feinde nach dem
Wald, der auch von rückwärts mit berittenen Bauern umstellt war. Aufgelöst
schwärmten die erhitzten Reiter über das Feld, schwangen ihre Schwerter,
liefen neben ihren Pferden her und warfen sich mit einem überschlagenden
Luftsprung auf die Sättel.
Mitten in ihr buntes Treiben hinein platzten die mandschurischen
Gefangenen. Jetzt sprangen von den Sitzen der Brüder zwanzig, dreißig,
fünfzig dünn bekleidete Männer auf, schienen den versunkenen Ma-noh etwas
zu bitten, der sie nicht anhörte, dann die Gesetzeskönige, die ihnen nach
ein paar Worten zunickten. Es waren Brüder, die sich inbrünstig zum Opfer
anboten, die ihre Seelen nicht mehr halten konnten. Sie wanden blitzschnell
ihre Zöpfe auf, liefen zwischen die Bauern; an dem Zaumzeug der Pferde
hielten sie sich fest. Wieder mischten sich berührungslos die Truppen, aber
die Brüder rissen schon an den Lanzen der Mandschuren; einige von den
Laufenden wurden durch Hufschläge niedergeschmettert und lagen verzuckend
auf dem Feld. Ein gelles Rufen aus den Fenstern und von den Dächern
schaukelte über das Feld und kam im Echo von dem Wald zurück; Schirme,
Mützen, Gürtel, Schärpen wurden geschwenkt; man hörte den entsetzten
Aufschrei von Männern, die in ihrer Erregung fehltraten und Treppen
herunterstürzten. Frauen kreischten, verlangten nach den Feinden. Das
Lärmen der Masse verdichtete sich zu einem wirren Gebrüll, das wie ein
betäubender Nebel in das Feld herunterwallte.
Jetzt hielten an beiden Seiten des Karrees die Haufen. Die Bannerschaft
hatte sich in einem Kreis formiert; die Mandschuren gestikulierten wild und
schrien sich an; höhnisches Lachen und Streitworte; man sah, wie zwei ihre
Pferde nebeneinander drängten, ihre Lanzen hinwarfen, über die Sättel weg
rangen, herunterkrachend sich auf dem Boden wälzten. Als die brüllenden
Schmährufe von der Stadt herunterklangen, wie Eisenstangen, mit denen man
in Käfige langt, drohten einzelne ihre wutgedunsenen Gesichter nach der
Stadt, steiften sich in den Steigbügeln auf, schüttelten die Lanzen zum
Wurf.
Die Brüder liefen über das Feld, schleppten rasch die Zertrümmerten
rückwärts in den Hintergrund, tanzten unbewaffnet barhäuptig, barfüßig
unter dem regnenden abwehrenden: »Nein, nein, nein!« der Zuschauer gegen
die wartenden Mandschuren. Die ersten der Brüder sprangen auf die Pferde,
suchten den Menschenbestien oben die Lanzen zu entwinden; man knallte sie
mit Fußstößen und Fausthieben beiseite. Als sie an dem Zaumzeug zerrten, so
daß die Pferde sich bäumten, gaben die beiden Offiziere kurze Kommandos;
das gedrängte Karree löste sich. Riesenstarke Mandschu hoben Brüder an den
Hälsen hoch wie Eimer am Henkel, schleuderten sie im Trab vor sich hin und
überritten sie. Keiner von diesen anbrausenden Männern kannte jetzt den
andern; sie warfen, hingen sich mit ihren Lanzen weit über Köpfe und Mähnen
der weit ausgreifenden Pferde.
Eine tobende, blutdürstige, mordlustige Horde, Mäuler, Lungen, Kehlen,
Arme, aufgerissene Augen, Pferdegeifer wälzte sich ihnen entgegen; das
tausendfache fieberhafte Geheul der Stadt brach erstickend über ihre
Schultern. Blitzen von Schwertern, krachende Dreschflegel, langgezogenes
Stöhnen der Gespießten, Leiber, die durch die Luft flogen, schon träumende
Brüder, Bauern bei der Arbeit, Röcheln, Wiehern, stumme Grimassen, eiserne
Hände von Sattel zu Sattel, Schweiß, Staub, nasses Blut vor geblendeten
Augen, Pfeile von der Stadt her. An den Fenstern der Häuser, auf den
Dächern, an der Stadtlehne willenloses Schluchzen, atemloses Keuchen,
Wutausbrüche, Umarmungen, Hinsinken. Dann saß keiner der Mandschuren mehr
auf seinem Pferd.
Einer der Gesetzeskönige, über seine Knie gebeugt, gab ein Zeichen.
Trommeln wirbelten vor seinem Platze; aus dem schwarzen Hintergrund
schwollen die Posaunentöne; große Massen Ochsenwagen fuhren knarrend über
das Feld heran. Der Kampf war zu Ende. Man räumte auf, trieb die Pferde
zusammen.
Eine Stunde verstrich; man atmete ruhiger. Auf den Gesichtern der Bürger
lag Befriedigung. Da begann auf dem flachen Hügel, der wie eine Bühne
inmitten des Feldes lag, eine friedliche stille Musik zu spielen; eine
Melodie, die frei ausgesponnen immer wiederkehrte. Bambustuben und
Pansflöten trugen sie ernst vor, öfter rauschten Zimbeln dazwischen und
schlug die Bronzeglocke an; Schlaghölzer begleiteten. Ein langer Zug
Schwestern nach einer Weile, kostbar geschmückt, mit weit flatternden roten
Schnüren an den enganliegenden Zeugmützen, trat zwischen den Männern
hervor; die Seide ihrer Oberkleider scharrte; sie schwangen Rosenkränze,
Zauberschwerter und besänftigten die rasenden Geister des Feldes. Vor dem
Hügel stellten sie sich auf; die Gesichter der Stadt abgewandt, sangen sie
zu dem Orchester.
Hingerissen hörten alle Brüder, Schwestern und Städter auf den Gesang und
ließen die Seelen von der süßen Schwermut glätten. Man lauschte gespannt
der Musik; wenigen fiel, während sie entzückt die Augen senkten, der
dröhnende vorige Tumult ein. Man ließ die Hände voneinander, setzte sich
hin, den Rücken gegen das Feld, stützte die Köpfe. Weich schlug die
Bronzeglocke an.
Ein Rufen gab es; die Versunkenen richteten sich auf. Dem Hügel näherten
sich Masken. Ein neues Spiel begann. Unter den Brüdern und Schwestern auf
der Stadtlehne entstand Murmeln; die Worte wurden nach oben getragen. Es
waren die acht Genien, die heranschritten.
Die Brüder, die die Rollen spielten, hatten sich nicht umständlich
vermummt; einige trugen zu der Gesichtsmaske und den Emblemen ihre
verschlissenen Kittel und gingen barfuß. Es waren alte Männer, die den
Hügel erstiegen, mit einer blechernen Spange um die Stirn statt des
Heiligenscheins.
Chung-li-küan, der weißbärtige, hielt ein ungeheures Holzschwert, dessen
Ende zwei kleine Knaben schleppten; ein altes buckliges Weib wehte ihm Luft
mit einem Fächer, der so groß war wie ein geöffneter Schirm. Der alte Mann
hatte das Elixier der Unsterblichkeit erlangt, in vielen Gestalten erschien
er, er konnte über Wasser laufen; seinen Fächer und sein Schwert ließ er
nicht.
Da ging der alte Herr Lü, genannt der Gast der Höhle; seine Maske ein
wohlwollendes lächelndes Gesicht; er zog einen Karren hinter sich her, auf
dem ein niedriger Stuhl stand, und ein Gestell mit einem roten Handtuch,
einem schaukelnden Porzellanbecken, einem breiten Schabemesser.
Tsao-kuo-kiu und die übrigen folgten; die beiden letzten ritten seitlich
auf Maultieren.
Sie stellten sich auf der Ebene des Hügels im Kreise auf, winkten der Musik
und den Brüdern und Schwestern zu; einige der zitternden alten Männer
rutschten in den Sand.
Ein freudiges Gemurmel von der Stadt. In schlankem Galopp setzte aus dem
Wald ein Füllengespann an; in dem zweirädrigen Wagen, der wie ein
ausgehöhlter grüner Jadestein aussah, saß ein bärtiger Zwerg mit der
Lenkleine; und hinter ihm trabte ein zweites Füllengespann, das langsam
fuhr; aus dem Muschelwagen blickte ein kleines Mädchen, das sorglos einen
hohen Stengel, einen Halm, wie grüner Seetang, hochhielt, eine lange
Blattscheide senkte sich nach unten.
Bei diesem Anblick brauste das Gemurmel auf, ein lautes Rufen, ein »Ah« das
über die Sitzreihen lief, sich in die Fenster schwang, über den Dächern
rollte; das war das Chikraut, das die Unsterblichkeit verlieh. Die Städter
und Bauern schwankten aufgestachelt hin und her zwischen dem Schauspiel und
dem Anblick der Bündler unten; sie begriffen, daß deren eigenste Sachen auf
der hügeligen Fläche sich abspielten; sie suchten sich das Gefühl der
Heiligkeit durch den Anblick der Brüder und Schwestern zu verstärken.
In denen ging alles gegenwärtig und ohne Spiel vor. Sie lachten und
streckten die Hände aus; sie schmachteten, die Tränen standen in ihren
Augen. Die Genien winkten von dem Hügel herüber.
Jetzt hörte die Musik auf; gleich darauf begann sie mit einer eigentümlich
springenden, jubelnden Weise; Tamtam und Becken traten hinzu. Und unter
dieser Musik näherte sich vom Walde ein feierlicher Aufzug. Zahllose
gelbjackige Vorläufer, Tafelträger, Gongschläger. Auf den Schultern von
acht Trägern ruhte eine drachengeschmückte bannerprunkende Sänfte, die
gelben Vorhänge fest geschlossen; zwei kleinere Sänften und ein Nachtrab
folgten.
Die Königliche Mutter des Westlichen Gebirges trug man in ihr Reich.
Auf dem Hügel, an den Sitzreihen herrschte tiefstes Schweigen; dann ein
allgemeines Scharren und Rauschen; die Rücken und Zöpfe der zahllosen
Menschen, die mit ihren Stirnen zwölfmal den Boden berührten.
Kein Ende nahm der Zug der Königlichen Mutter. Hinter der Sänfte jubelten
Männer, Frauen; sie schwangen rote Schnüre, barfuß liefen sie herum ohne
Ordnung, sprangen durcheinander, tanzten, wälzten sich übermütig in dem
Sand, trugen einander auf Schultern, Männer umschlangen Frauen, Männer
trugen Knaben auf den Armen. Erst schien der Gesang unregelmäßig,
durcheinander; dann erkannte man, als er näher kam, daß es Dirnenlieder
waren, die die Schwestern oft lockend zum Juch-kin trällerten.
Man sprang von den Sitzen der Brüder und Schwestern auf, man stieß sich an,
rief sich zu mit überschlagenden Stimmen, zeigte mit den Händen, rief
Namen, Namen von toten Bekennern, Bekennerinnen, die bei den Überfällen,
beim Klosterbrand umgekommen waren. Diese waren es, ihre Masken, man
erkannte sie alle und einzelne; man jauchzte ihnen zu, die zurückjauchzten,
rief sie an, lockte sie. Die Schwestern lösten ihre Haare auf und winkten
mit den Büschen. Die Brüder, außer sich, schlugen die Hände vor die
Gesichter, weinten umschlungen, schleuderten ihre Kittel, ihre Sandalen,
ihre Hüte herunter, um jene zu erreichen. Unten, die Masken der toten
Brüder und Schwestern, sammelten sich um die Sänfte der gelben Königin des
Westlichen Paradieses, die die Vorhänge zurückgezogen hatte, nach allen
Seiten das bemalte hoheitsvolle Gesicht zeigte.
Ein ungeheurer Schrei von Zehntausenden riß sich aus der Stadt los; die
Augen aller oben sperrten sich auf, man suchte mit den fuchtelnden Händen
den purpurroten Schleier abzureißen, den die Erregung blendend über die
Blicke legte. Man seufzte angstvoll auf.
Da schleppten die letzten Brüder unten etwas auf den Armen, was lange
schwarze Blutspuren hinter sich ließ, andere Brüder jagten zurück in den
Wald; auf den Armen neue reglose steife Menschenkörper; sie taumelten mit
ihrer furchtbaren Last den Hügel herauf. Es waren die sterbenden und toten
Brüder, die sich eben freiwillig geopfert hatten.
Und als sie singend zur Musik im Gedränge ihre grauenvolle todessüchtige
Last vor der Sänfte der herrlichen Königin niederlegten, die sich von ihrem
Sitz erhoben hatte, als die Musikanten fassungslos ihre Instrumente
hinwarfen und sich zu Boden streckten, da konnte sich Ma-noh nicht halten.
Laut weinte er auf, öffnete die Fäuste nach dem Hügel, lief den Hang zu der
Ebene herunter. Die Brüder und Schwestern erhoben sich von ihren Sitzen, im
Nu waren die Sitze, die Fenster, Türen, Dächer der Stadt leer. Man stürmte
den Abhang herunter, riß sich um und ließ sich treten, ohne es zu merken.
Sie sprengten das eiserne Gitter, in voller Breite hoben sie es aus;
losgelassen fluteten die Brüder, Schwestern und Städter über die
blutgesättigte Ebene hin zu dem Hügel, den sie unter besinnungslosem Rufen
umgaben; wie Ertrinkende zogen sie sich an ihm in die Höhe, wie
Ertrinkende, die aus dem Meere noch auftauchen wollten zu dem milden
Lächeln der Königin des Westlichen Paradieses.
* * * * *
Dieser erregungsvolle Tag sah an der Nord- und Ostgrenze des kleinen
Königtums schwere, folgenreiche Ereignisse: den sieggekrönten Angriff der
Provinzialarmee.
In der Nacht flüchteten die Landbewohner nach der Hauptstadt. Bei einem
neuerlichen Kampf nach einigen Tagen, zu dem sich die zersprengten
königlichen Truppen vor der Stadt stellten, wurden sie vollkommen
aufgerieben. Unmittelbar an diese Schlacht schloß sich der Sturm auf die
Stadt, welche von Soldaten entblößt war. Die Städter und Bündler wälzten
sich aus der brennenden Stadt in regelloser Flucht südwärts; dezimiert
kamen sie in einer Zahl von etwa viertausend vor der ummauerten Stadt
Yang-chou-fu an.
Den verzweifelten Waffenträgern gelang es, die Torwache zu überrumpeln, die
ahnungslose Besatzung von zweihundert Mann niederzumachen und sich eines
besonderen Teils der Stadt zu bemächtigen, der innerhalb der Mauern
gelegen, durch eine Mauer von der übrigen Stadt abgegrenzt war, das
Überbleibsel einer ehemaligen Mongolensiedlung. Hier verbarrikadierte sich
der Rest der Geschlagenen.
Das heilige Königreich war verloren. Die Brüder und Schwestern gingen in
die eigentliche Stadt herunter, und einem Aufflackern der Sympathien für
die Gebrochene Melone verdankten die Eingeschlossenen es, daß sie von der
Stadt verproviantiert wurden, wenngleich man ihnen keine
Waffenunterstützung zuteil werden ließ und jede Aufnahme in die Häuser der
unteren Stadt versagte.
Während die Formationen der Provinzialarmee die weitere Verfolgung
aufnahmen und langsam sich um die Stadt Yang-chou-fu konzentrierten, liefen
die Boten Wang-luns, die Feigenverkäufer, in die Zelte der Generäle der
kämpfenden Truppen. In allen Briefen stand: er sei Wang-lun, der Führer der
Wahrhaft Schwachen, welche der neuerlichen Rebellion fernstünden. Er bäte
die Generäle für ein zwei Tage ihr Vorgehen zu verzögern und ihn, Wang-lun
aus Hun-kang-tsun, zu einer wichtigen Besprechung zu empfangen. Er würde
ganz allein kommen. Zur Legitimation würde er in das Zelt der versammelten
Generäle sein Schwert schicken, den Gelben Springer, der an seiner Klinge
sieben eingelegte Messingscheiben trüge und unterhalb des Knaufes eine
Lotosblume aus eingelegtem Silberdraht. Die Generäle zeigten sich die
Briefe, rieten herum, worum es sich handele und kamen überein, dem
berüchtigten Mann die Unterredung zu gewähren, gleichzeitig aber Vorkehrung
zu treffen, ihn für den Fall eines üblen Ansinnens auf dem Heimwege
niederzumachen. Am Tage der Unterredung kamen noch rechtzeitig an die
Generäle von befreundeter Seite, die sie ins Vertrauen gezogen hatten,
Warnungen, sich an dem Mann zu vergreifen und dringendes Zuraten, auf
eventuelle Pläne, die er vorbrächte, einzugehen; der Hinweis auf geheime
Korporationen, die hinter Wang ständen, verstärkte den Rat.
Die vier Generäle wohnten bei dem Magistrat eines Dorfes vor Yang-chou; im
ärmlichen Jamen empfingen sie am Mittag, wie verabredet, das Schwert in
einer Feigenkiste, von einem ortsansässigen Händler einem Türhüter
überreicht. Eine Stunde drauf meldete der Türhüter, es stünde ein ziemlich
zerlumpter Mann draußen in Soldatentracht, der behaupte, seine Visitenkarte
vor einer Stunde abgegeben zu haben. Die Generäle, nachdem sie Auftrag
erteilt hatten, den Mann auf Waffen zu durchsuchen, ließen ihn herein.
Wang-lun, ein Riese, erschien in seinen dünnen Kleidern, seinen leer
herabhängenden Händen noch höher in dem Zimmer, in dem die Generäle wie
Richter hinter einem Tische saßen, ohne ihrem Gaste entgegenzukommen. Sein
hartgeschnittenes ernstes Gesicht leuchtete einen Augenblick auf; er lehnte
am Türpfosten, zog die Türe zu, sagte in einem schlauen Tone: »Dies ist
Wang-lun aus Hun-kang-tsun; und Ihr seid die Generäle des Himmelssohns;
eins, zwei, drei, vier. Ich begrüße die alten Herren. Es ist sehr weise
gedacht, daß sie Wang-lun nicht entgegenkamen; denn schließlich sind die
alten Herren Gäste in diesem Land, und Wang-lun bedauert, den alten Herren
nicht schon bei ihrem Eintritt in sein Land begegnet zu sein und Ehrfurcht
gebracht zu haben.«
»Setz dich neben uns, Wang, laß die Türe frei; wir sind ohne Lauscher.«
»O, ich fürchte mich nicht, denn die Männer, die lauschen, sind meine
Brüder.«
»Du hast uns Feigenkisten geschickt und Briefe hineingelegt. Wir haben dir
Briefe geschrieben. Du hast dich durch dein Schwert legitimiert. Was willst
du?«
»Ich irre mich doch nicht, Generäle, wenn ich zu wissen glaube, was Ihr
wollt. Hier im Distrikt. Ihr wollt nach Yang ziehen, nachdem Ihr gesiegt
habt, und wollt die Gebrochene Melone und meinen früheren Bruder Ma-noh
ausrotten und vom Boden vertilgen.«
»Dies wird noch vor dem Vollmond geschehen sein.«
»Wang zweifelt nicht an der strategischen Tüchtigkeit der alten Herren und
der Kriegsbereitschaft ihrer Truppen. Er glaubt an das Schicksal, das
Ma-noh herausgefordert hat und das sich an ihm entladen wird. An ihm und
nicht weniger an Euch, ein Jahrzehnt früher, ein Jahrzehnt später. Ihr
werdet also die Gebrochene Melone und Ma-noh ausrotten?«
»Du hast es gehört. Der höfliche Mann, der bedauert, uns nicht bei unserem
Eintritt in seine Heimat begrüßt zu haben, hat noch nicht erklärt, warum er
sein Schwert und Briefe geschickt hat.«
»Ihr werdet also die Gebrochene Melone und Ma-noh ausrotten. Sie sind zwar
besser als ihr und werden euch in höheren Gestalten bei den Wiedergeburten
überleben. Aber das nutzt für den Augenblick nichts. Ihr seid fünftausend
Mann, tragt starke Waffen; sie rühren keinen Bogen, keinen Stock, keinen
Stein an. Ihr habt den Mut, die wehrlosen Brüder und Schwestern
niederzumachen, wo sie ihre Verbrechen hundert- und tausendfach gebüßt
haben. Ihr wißt, wer schuld daran war, daß sie das Kloster beim See
einnahmen; es ist den kundigen Herren nicht unbekannt, wer die Mördertruppe
ausgerüstet hat, die die Gebrochene Melone am Tai-han überfiel. Auch ist
den hohen Feldherren nicht unbekannt geblieben, welcher Präfekt es war, der
die Polizeimannschaften und Gendarmerie hinter der Gebrochenen Melone her
nach dem Kloster zu schickte, um, ja warum? Denn die Brüder und Schwestern
haben keinen überfallen. Sie haben den Hals hingehalten für die feigen
Schwerter. Und so haben sie in den Gebetshallen des Klosters gesessen, das
der Chan-po freiwillig überlassen hat angesichts ihrer Not, und haben sich
schmoren, braten, rösten, sieden lassen von den Polizeimannschaften, welche
der Präfekt zur Aufklärung des Blutbades am Tai-han abgesandt hat. Was soll
nun jetzt geschehen? Sie haben sich von den Rebellen im Distrikt fortreißen
lassen; sie hätten nicht verzweifeln sollen, sie hätten sich morden lassen
sollen, denn die Verzweiflung lockt noch das Schicksal herbei. Sie haben es
büßen müssen. Ich denke, Wang-lun aus Hun-kang-tsun denkt, es ist nun
genug. Es ist genug Schicksal gespielt, weise Herren. Ketzereigesetze
begründen keinen Mord und Totschlag, begründen sie nicht ausreichend. Das
Land ist friedlich, sucht euch Feinde, wo ihr wollt, nicht in meiner
Heimat, meine Herren Gäste.«
»Unser gütiger Wirt hat gewiß eine große Armee hinter sich, daß er so
absprechend über uns Fremde redet. Aber er überschätzt uns noch. Wer sind
die winzigen Tiere, die vor ihm sitzen? Sie haben Befehle vom Ministerium
in der kaiserlichen Stadt, sie haben Aufträge vom Tsong-tu von Tschi-li.
Sie könnten alles billigen, was der gütige Wirt sagt, der uns nicht ehren
will, indem er sich zu uns setzt. Sie haben jeder beschriebene Papiere in
der Tasche, die einen stärkeren Pulsschlag treiben als ihr eigenes
lebendiges Herz.«
»Die Herren sind nicht kriegerisch, Wang-lun ist nicht kriegerisch, nur die
Papiere sind kriegerisch. Aber ich weiß, daß auch die Papiere nur
kriegerisch sprechen gegen Feinde. Wenn also die Gebrochene Melone aufhört,
Feinde eurer Papierstreifen zu sein --.«
»Das werden sie in dem Augenblick sein, wo sie aufhören zu existieren.«
»Oder wo sie sich auflösen und sich vom Volk nicht unterscheiden. Dazu habe
ich meine Boten mit den Feigenkisten an die alten Herren geschickt. Ich
will euch fragen: habt ihr Befehle in euren Gürteln zu siegen oder die
Gebrochene Melone auszurotten?«
»Nach unserem Papier und unserer eigenen Meinung ist das noch immer
dasselbe.«
»Ich will mich nicht zu euch setzen, damit ihr nicht glaubt, ich käme in
Freundschaft zu euch und bäte euch um etwas. Es ist eben nicht dasselbe,
wie euer vorgerückter Scharfsinn erkennen muß. Ich bin nicht befreundet mit
der Gebrochenen Melone; aber ich will den Gehetzten, Irregeleiteten das
Äußerste von euren Metzgersoldaten, euren privilegierten Henkern ersparen.
Sie sollen aufhören zu sein. Sie sollen die höheren und höchsten Dinge
nicht erreichen, nachdem sie sich haben irreleiten lassen. Und euch muß es
damit genug sein.«
»Woher hat Wang-lun die Kraft das zu tun, was er verspricht? Und wenn er
die Kraft hat, warum hat er sie nicht früher angewendet? Dann hätte er
nicht jammern brauchen über das Blutbad, den Klosterbrand, hätte uns die
Anklagen ersparen können.«
»Ich stehe nicht über dem Schicksal. Ich verspreche euch nicht zu viel und
nicht über mein Vermögen: ich kann jetzt, in diesem Augenblick, eingreifen.
Ihr werdet sehen, wie es ablaufen wird. In drei Tagen will ich den Weg
meiner Kraft abgemessen haben. Ich werde dann wieder vor den vier alten
Herren, meinen willkommenen Gästen, an dem Türpfosten hier stehen und
berichten.«
»Solange werden wir jeden Truppenmarsch verzögern, willst du? Man hat uns
berichtet, Wang-lun, daß du große, das Volk sagt überirdische Mächte
besitzst. Wie diese sich betätigen können bei der Niederlegung einer
Festung, soll die geübten Soldaten interessieren. Ich werde dir unsere
Beschlüsse mitteilen. Wir werden an dich keine Zeit verlieren. Das könnte
uns den Kopf kosten, und der ist uns mehr wert als das Westliche Paradies.
Wir werden bis zu einem bestimmten Punkt, den du in zwei Tagen erkennen
wirst, die verfügbaren Truppen rings um Yang-chou-fu ziehen, wir werden
aber nicht vor Ablauf des dritten Tages zum Sturm übergehen. So haben wir
dir und uns nichts vergeben. Stehst du am vierten Tage an diesem Türpfosten
da und berichtest uns, was wir dann schon wissen, so werden wir etwas
gelernt haben.«
»Wang-lun hat von den alten Herren nicht mehr verlangt. Er wünscht, daß man
ihm am äußeren Tor sein Schwert in einer Feigenkiste zurückgibt.«
Die Generäle standen auf. Wang machte mit seinen langen Armen eine
ablehnende Bewegung und sprang die Treppe hinunter.
* * * * *
Das Tor der mongolischen Stadt von Yang stand den Tag über sechs
Doppelstunden offen. Das Haus des Ma-noh lag in einem Winkel des riesigen
grasbewachsenen Marktes. Am Abend des zehnten Tages ihres Aufenthaltes in
Yang, einem regnerischen Spätherbsttage, bückte sich der wachetuende Bruder
unter den Türrahmen, rief in das reglose Haus hinein, ein Mann wolle Ma-noh
sprechen.
Wang-lun warf im halbdunklen Zimmer Strohhut und Strohmantel auf die Erde,
halste sich das Schwert ab, begrüßte mit Verneigung und Händeschwingen
Ma-noh, der auf einem Schemel saß und ihm gleichmütig zunickte.
»Ich komme zu dir, Ma-noh. Wir haben uns seit dem Frühling nicht gesehen.«
»Frühling?«
»Dieses Jahr Frühling.«
»Am Sumpf von Ta-lu. Diesmal hast du keine Leuchtkäferchen gebraucht, um zu
mir zu kommen. Du konntest dich auf deine Nase verlassen, diesmal. Auch die
Toten, die in der Hoffnung auf das Paradies gestorben sind, stinken.«
»Als ich das letztemal bei dir Gast war, litt ich an meinem Knie. Das ist
geheilt. Wie geht es meinem Wirt?«
»Genau so wie es jemand geht, der auf einem Spazierweg, einem nicht ganz
harmlosen Spazierweg ein Knöchelchen nach dem andern, ein rundes Maß Blut
nach dem andern, einen Fetzen Haut nach dem andern verliert. Wahrscheinlich
wird mich mein Gast jetzt fragen, wie ich mich dabei fühle. Angenehm,
behaglich: das ist ja nicht anders zu erwarten, wenn man mit so wenig
Gepäck reist. Und es einem ordentlich leicht beim Gehen wird.«
»Ihr wart sehr viele, als ihr von Schön-ting nach Süden zogt.«
»Dann bin ich nach Norden gezogen. Wir sind mehr und mehr geworden. Ich bin
König eines Reiches geworden, dessen Güte nur durch eines übertroffen
werden konnte, nämlich durch seine Schwäche. Dann bin ich hierhergezogen.
Du hast noch nicht alle Toten mit der Nase gezählt von den Brüdern und
Schwestern. Wir haben je zweihundert in fünf Gräbern eingeschaufelt. Jetzt
sind wir wenig. Und jetzt sitzt Wang-lun neben mir, um den Strich unter
seine Rechnung zu ziehen.«
»Ich rechne nicht, Ma. Du mußt mich nicht verantwortlich machen für das
Schicksal.«
»Und du mich nicht.«
»Das mag sich Ma-noh selbst beantworten. Wer einen Baum fällen will, kann
dabei erschlagen werden. Ich will vor meinem Lehrer nicht weiter davon
reden; ich will von mir erzählen, wenn er es mir erlaubt. Was ich dir sagen
will, ist vor mir selbst schon dunkel und entbehrt in mir jedes Gefühls. Du
kennst es auch schon. Ich habe auf meiner Wanderschaft von Hun-kang-tsun
nach dem westlichen Schan-tung hungern und dürsten müssen, viele Schande
ertragen. In Tsi-nan-fu, der großen Stadt, habe ich als Gehilfe des Bonzen
Toh betrogen, gestohlen, geschändet. Durch Tschi-li bin ich herumgestoßen
worden, auf dem Nan-kupaß hast du mich gesehen, es ging mir nicht gut. Ich
habe mich gebeugt, ihr habt mir geschworen: wir wollen dem Schicksal nicht
widerstreben; es soll genug damit sein. Zu diesem Ziel war ich für mich
gelangt. Viele hatten schon Gleiches erduldet und Gleiches gedacht; ich
habe sie zum Entschluß gebracht. Jetzt bin ich zu Ende mit meiner
Erzählung. Du hast mit deinem unwissenden Herzen geschworen. Jetzt wo
Ma-noh die Hand vor den Augen hält, sieht er nicht mehr so aus, als ob sein
Herz nicht schon beinah alles wüßte. Was, Ma-noh, sag mir, wenn du mich
einmal lieb hattest, -- was soll jetzt geschehen?«
Ma-noh nahm die Hand von den Augen und sah Wang, der ihm näher rückte,
lange an.
»Es besteht ein gewisser Unterschied zwischen meinem lieben Freund Wang,
als er auf dem Nan-kupaß zu einem Entschlusse kam, und mir.«
»Welcher? Es gibt keinen Unterschied da. Nur den, den ich mir damals
sehnlich und mit ganzer Seele gewünscht hatte: daß jemand wie ein
Doppelgänger von mir, neben mir stünde und mir alles erleichterte. Ich
greife jetzt nach dir. Ich verstehe dich. Ich bin ein weiter Beutel, in den
du werfen kannst, was du willst.«
»Ich bedarf keines weiten Beutels.«
»Du bist mein Bruder, Ma-noh. Du, nur du bist mein Bruder geworden. Wenn
ich an Su-koh zurückdenke: was ist mir Su-koh gegen das, was ich gegen dich
empfinde. Du peitschst mich, du drosselst mich, wenn du dich von mir
abwendest. Wo gab es, Bruder Ma-noh, zwei Menschen, die so Ähnliches
erlitten haben wie du und ich? Wenn du meiner nicht bedarfst, so bedarf ich
deiner, der dich liebt. Du sollst nicht so still vor dich hinbrüten, -- o
das hab ich auch getan --, du sollst nicht so mit deinen Fingern zucken. Du
sollst dich zu mir kehren, Bruder Ma-noh, und mich ansehen. Ich bin der
einzige Mensch, der deinen Blick ertragen kann. Ich bin dein Gast, ich will
zu dir! Wie soll ich glaubhaft zu dir sprechen? Wie kann ich bewirken, daß
du mir vertraust?«
Wang hatte sich auf einen Schemel neben Ma-noh gesetzt, den Arm um Mas
Schulter geschlungen. Auch Ma legte seinen Arm über Wangs Schulter und saß
unbeweglich. Dann sagte er mit langsamer, unterdrückter Stimme:
»Ich hätte nie gedacht, Bruder, lieber Bruder Wang, daß du mir so wohltun
könntest. Laß mich nur einen Augenblick denken. -- Ich sagte von dem
Unterschied, ja von dem Unterschied. Den muß ich dir erklären. Wenn es dir
damals so schlecht ging, so geht es mir offenbar noch schlechter, und du
bist doch glücklicher gewesen. Du hattest eine Wahl, du kamst zu einem
Entschluß. Ich bin schon jenseits dieses Punktes. Ich habe keine
Entschlußmöglichkeit mehr. Mit mir ist schon alles geschehen. Es ist in und
um diese Stadt herum schon alles abgelaufen. Es fehlt nur noch eine äußere
Bewegung, eine Gebärde, ein Siegel. Etwas Belangloses ist das einzige, was
hier noch geschehen kann.«
»Wang-lun hat seinem Bruder noch nicht gesagt, warum er ihn in der
Mongolenstadt aufgesucht hat.«
»Du bietest uns Hilfe an.«
»Vielleicht Hilfe, Ma. Ich habe mit den Heerführern verhandelt, die gegen
Yang-chou heranziehen und euch schon umzingeln. Man wird für drei Tage
nichts Unmittelbares gegen euch unternehmen. Für diese drei Tage habe ich
freie Hand, mit dir und euch zu verhandeln.«
»Ich bin der undankbaren Aufgabe dankbar, weil sie meinen Bruder Wang zu
mir führte.«
»Ich will nicht dulden, daß die Henkersknechte und Blutsoldaten über euch
herfallen und ihre viehische Grausamkeit an euch befriedigen. Ihr wart
meine Brüder und Schwestern, du bist es mir von Herzen wieder geworden. Ihr
sollt nicht in diese Hände fallen. Ihr werdet euch zerstreuen, dies hab ich
dir zu sagen und zu raten. Du wirst nicht darum in Zorn verfallen. Du
sollst hingehen und die Glocke anschlagen lassen und sagen: das furchtbare
Schicksal hat uns so angegriffen, daß wir uns nur noch wie die Grillen in
Töpfen regen können. Es hat niemand zu urteilen, ob wir recht gegangen
sind. Wir sind recht gegangen. Jetzt müssen wir uns trennen und wandern, um
nicht wie die Kälber abgestochen zu werden. Du läßt sie alle; sie werden
aufatmen, wenn du es ihnen sagst und keiner sie hindern wird am Gehen. Und
wohin du selbst gehörst, Bruder Ma-noh, das weißt du doch jetzt.«
Ma-noh lächelte friedlich.
»Willst du nicht die Glocke selbst anschlagen und zu den Brüdern und
Schwestern reden?«
»Sie sind deine Anhänger.«
»Nicht mehr. Geh doch einmal auf den Markt, ruf sie zusammen, rede, es wird
dich belehren. Sie wollen keine Stimme wie ich selbst. Sie sind rund und
nett -- verloren. Wie ich selbst.«
»Du bist versunken, Ma. Ihr seht alle kraftlos und hinfällig aus. Ich bitte
dich, ich flehe dich an, Ma-noh, lieber Bruder, ich lege mich vor dir auf
die Stirn: geh mit mir auf den Markt, schlage die Glocke an, rede und zeige
auf mich. Ich habe euch alle lieb; was du mir bist, habe ich dir vielleicht
mit zu schwachen Worten geschildert. Ich habe die langen Monate dieses
entsetzlichen Jahres um dich gelitten und nach dir verlangt, wie kein
Verliebter nach seinem Knaben. Du kannst dies nicht über mich verhängen,
daß du mich hier wegschickst und alles kommt, wie du weißt: die viehischen
Horden schlachten die guten hoffenden Brüder und Schwestern, -- sind sie
denn vorbereitet, Ma, sind sie vorbereitet? Du selbst wirst mir geraubt,
der mein Juwel in der Seele war. Mich schickst du hoffnungslos im Lande
herum, und habe nicht genug Hände, um für euch alle zu opfern. Steh nicht
so schlaff da, tu mit mir, komm mir doch einmal zu Hilfe.«
»Wie du in mich drängst, Wang. Wie du mich ehrst. Als ich König meiner
schönen, schönen, schönen Insel war, habe ich nichts empfangen, was mich so
ehrte. Daß ich dich gewonnen habe, tut mir sehr wohl. Aber ich vermag
nichts, Wang.«
»Warum vermag mein Bruder nichts?«
»Die tausend erschlagenen Brüder und Schwestern erlauben es nicht. Das
wissen wir alle. Wir hätten keine ruhige Stunde vor den betrogenen
Geistern. Wenn sie nicht vorbereitet waren, -- wir sind es. Wir machen
alles wieder gut. Wir locken sie, nehmen sie mit von den Wegen. Und wir
können nicht mehr anders enden. Ich will nicht anders enden. Wir sind zu
einem Ring zusammengeschmiedet, lieber Bruder Wang.«
Wang warf sich fassungslos schwer auf den Boden.
»Was soll ich von dir bestellen im Westlichen Paradiese, Wang? Daß du uns
geliebt hast, daß du uns den Weg gezeigt hast.«
»Du sollst nichts von mir bestellen. Du sollst hier bleiben, ihr sollt alle
hier bleiben.«
»Wir fürchten uns vor den Horden nicht.«
»Die Soldaten --!«
Wang krümmte sich hoch, in seinen starren Augen blitzten Pünktchen. Er
stand und sah heftig atmend auf den Boden. Dann stieß er heiser hervor:
»Ich will gehen -- du hast vielleicht recht. -- Habe ich mein Schwert? Wo
habe ich, lieber Bruder, meinen Gelben Springer hingeworfen?«
Ma hob ihn auf, hing das Schwert Wang um den Hals.
»Dies, Bruder Wang, werde ich nicht bestellen, daß du hinter einem Gelben
Springer herrennst.«
Sie umschlangen sich. Ma lächelte immer.
»Und wie lange wird es dauern, bis ich meinen lieben Bruder Wang aus
Hun-kang-tsun im Westlichen Paradiese sehe?«
* * * * *
Als Wang allein auf dem finsteren Markte stand und er sich umblickte, war
ihm klar: die Soldaten der Generäle des Tsong-tous von Tschi-li werden die
Mauern der Mongolenstadt nicht berennen.
Er tastete sich durch Straßen, bis er die äußere Stadtmauer erreicht hatte;
in den kleinen offenen Hof eines völlig eingesunkenen Häuschens schlich er,
warf sich in einem Schuppen zum Schlaf hin. Ganz früh, nach einer
furchtbaren Nacht, verließ er die Stadt.
Unter den zusammengeschmolzenen Bewohnern des einstmaligen Königtums, die
sich in dem Mongolenviertel von Yang-chou-fu drängten, befanden sich
dreihundert Bauern und Städter. Die Mauern und Wachtürme der Stadt waren in
einem trostlosen Zustand, aber die Leute machten sich in Eile daran, unter
Gewinnung sippenverwandter Arbeitskameraden aus der unteren Stadt, Lücken
des Bauwerks auszufüllen, den völlig ausgetrockneten Graben vor der Mauer
zu vertiefen und mit Wasser zu füllen, Bogen, Pfeile, Holzschilde zu
besorgen und auf den Wachtürmen aufzuhäufen. Hinter die eisenversteiften
Torflügel schichteten sie seitlich riesige Mengen von Steinblöcken auf, die
sie aus dem ein Li von Yang gelegenen Dorf heranschafften, um im Sturmfall
das Tor undurchgängig zu machen.
Unter diesen fleißigen, gar nicht abenteuerlichen Männern und Burschen
herrschte kaum übertrieben große Kampfbegier; sie hatten ja im Grunde
keinen Anlaß, sich mit den Bündlern in der Stadt einschließen zu lassen,
aber sie liefen mit ihnen in einer gewissen frommen Besorgtheit um sich
selbst. Daß sich Provinzialtruppen an Bündlern vergriffen, schien ihnen
ungeheuerlich; ein furchtbares Strafgericht konnte nicht ausbleiben. Es
konnte nach ihrer Auffassung nur eine Sache der Zeit sein, bis die aufs
Äußerste gequälten Brüder und Schwestern ihre unheimlichen unterirdischen
Kräfte losbinden würden. Inzwischen mußte man es nicht verderben mit ihnen,
sich seinen Teil an ihrer Macht sichern. Hinzu kam das Gefühl der
Wichtigkeit ihrer Rolle, das sie anspornte. Sie besprachen offen die
Möglichkeit, unter Umständen das alte oder ein neues Königreich wieder zu
gewinnen. Es käme nur darauf an, den Himmelssohn von der Niedertracht des
Tsong-tus zu überzeugen oder weite Kreise des Volkes aufzulockern. Denn
wenn etwa der Himmelssohn das Vorgehen des Tsong-tus billige, sei vor aller
Welt die vielbehauptete Volksfeindlichkeit der Reinen Dynastie bewiesen.
Während diese Männer, die ehemaligen Salzsieder, Kärrner, Träger, mauerten
und schaufelten und die untere Stadt durch ihr entschlossenes Auftreten auf
ihre Seite zogen, erholten sich die Brüder und Schwestern von ihrem
Schrecken. Ihre Wunden schlossen sich, die Starre ihrer Verzweiflung
schmolz. Sie besannen sich nach den grauenvollen Hieben, die sie empfangen
hatten, versuchten sich aufzurichten. Sie waren, da sie nicht ausschwärmen
konnten, zu völliger Untätigkeit gezwungen. Saßen auf den Straßen, den
Plätzen, in einem großen schönen Tempel der Pockengöttin, an den
Mauerarbeiten, warteten. Vormittags und abends versammelten sie sich auf
dem Markte.
Ma-noh stand in einem lehmfarbenen Kittel vor ihnen. Der kleine reglose
gebückte Mann mit der fliehenden Stirn. Sie beteten. Eine abgöttische
Verehrung warf die Menge wie ein bindendes Seil um Ma-noh. Er schien ihnen
kraftgeladen, ein Bürge dessen, was kommen mußte. Wang-luns Name klang hier
verschollen; man wußte nicht, ob er lebte.
Die schöne Liang-li hatte die Flucht überlebt. Sie bat Ma-noh schon lange
innerlich viel ab. Sie suchte mit Gewalt ihre Gedanken von allem
Menschlichen abzuspannen, sich unmittelbar an die heiligen Dinge zu
pressen. Es huschte immer etwas dazwischen, es klaffte in ihr etwas auf:
eine Leere, eine Beklemmung in der Magengrube, ein schluckendes Gähnen und
Würgen nach abwärts. Sie dachte an die heiligen Dinge nur durch das Medium
eines Menschen. Sie kam nur auf diesen Rädern zu ihnen. Sie schüttelte
sich, lief vor sich davon, ringelte sich um Ma-noh.
Der Vorgänge in ihrer Heimatsstadt erinnerte sie sich nun auf einmal, tief
verblüfft, völlig verständnislos. Sie hätte sich verschworen, daß sie das
nicht war. Ihr Vater, ihr Kind, ihr Mann dämmerten ihr, Erinnerungen, die
auch aus einem Geschichtenbuch stammen könnten, nur mit dem Eigentümlichen
behaftet, daß sich Liang dumpf gepeinigt abwenden mußte, sobald sie blaß
auftauchten. An einem Ziehen in ihren Zähnen, einem rundherum laufenden
öden Gefühl in ihrem Unterkiefer merkte Liang, daß sie auftauchen wollten.
Seit den Tagen am Ta-lusumpfe hatten Brüder und Fremde die Versenkung in
ihr Blut begehrt, und sie hatte sich ihrer heiligen Pflicht nicht entzogen.
Sie besaß keine lüsternen Organe. Seit dem Brand des Klosters aber, wo sie
mit Ma-noh zusammen geritten war, umschlang sie, einer Unruhe ihres Körpers
folgend, öfter einen Bruder und schaffte sich vorübergehende innere
Gelassenheit. In der Mongolenstadt wuchs ihre Heftigkeit ungestüm; sie
erinnerte sich ihrer Krankheit nach der Geburt des Kindes, fand sich nicht
zurecht zwischen einem Drange zu weinen, die Arme zu werfen, unwillkürlich
zu ächzen und herumzuwandern. Sie verlangte öfter in ihre Heimat zurück,
widerrief es. Die Gebetsformel zu sprechen, sich in die vorgeschriebenen
Ekstasen zu versenken, ekelte sie, wie sie ohne Scham tausendmal laut am
Tage und jammernd in der Nacht erklärte. Mit Tränken, Aschen, Beschwörungen
suchte man sie zu heilen. Dann zerrte die Schreiende ein derber Bauer, an
den sie sich in diesen Tagen gehalten hatte, aus einer gesichterquellenden
Nacht zu Ma-noh. Dem mit wenigen Worten und Handstrichen über Mund und
Brust alles gelang. Sie überwand die Krise. Ganz besänftigt, blaß und dünn
nahm sie manches Besondere von Ma-nohs Haltung wie einen körperlichen
Talisman an, seinen abwesenden Blick, die schützende Bewegung der linken
Hand vor die Augen, seine erstickt schnappende Mundöffnung.
Ein Liu, der ältere, lebte noch. Das zweifelsüchtige Dreierlein hatte sich
bei dem hauptstädtischen Feste in einer unhemmbaren Aufwallung jenen
Brüdern beigesellt, die sich von den Mandschugefangenen niedermetzeln
ließen. Den älteren Liu hatte das Unglück zu einem Spaßvogel gemacht. Sein
Zinnoberkrügchen schleppte er noch am Gürtel herum, zeigte es jedem, den er
sah, verspottete sich. Wenn durch die Gäßchen der Mongolenstadt
Gelächterstöße hallten, so stand vor einer Tür Liu mit einer toten Ratte,
einer abgefallenen Filzsohle zwischen zwei Fingern und hielt komische
Leichenreden. Oder er schaukelte sich quer über die Straße an einem
vornüberhängenden lockeren Dachsparren und knüpfte daran seine Gleichnisse.
Es war diesem Mann sicher, daß sie sich in einem neuen Königreich noch
prächtiger als vorher festsetzen würden und daß ihre Geister in einem
einzigen riesigen Schwung nach dem bergigen Paradies gelangen würden. Die
Verfolgungen, die sie erlitten, waren vom Neid diktiert; man konnte dem
Kaiser den Neid nicht verdenken, und die Bündler hatten keinen Grund sich
zu beklagen: wer mit einer hellen Laterne geht, zieht die Räuber herbei.
In dem Winkel des leeren Marktes, in dem kleinen Hause saß Ma-noh.
Er war ganz in sich eingesponnen. Sein Hochmut schmetterte Posaunen, mit
der drohenden Stärke, die den Boden aufwühlt. In ihm entfaltete sich ein
kaiserlich rauschendes Banner. Um dieses Banner wanderte Ma herum. Er ließ
keinen zu sich, um das Banner immer zu hören. Wang-lun hatte geglaubt, Ma
wäre reif geworden für die schwere Schicksalslehre. Aber das Schicksal
griff den Priester nicht an. Er zog selber das Unglück mit greifenden Armen
an sich wie ein Irrsinniger, der nicht Speise und Gift unterscheiden kann.
Er schluckte höhnisch das Unglück, das ihm nichts anhaben konnte. Er
knäulte sich nicht auf. Er war ein Fleischbündel und sonnte sich. Die
Dinge, die an ihm vorüberliefen, hatten keinen Geruch und keinen Ton. Im
Hintergrund warf und wühlte sich etwas: das Westliche Paradies, nach dem er
seine vertrocknete Hand ausstreckte. Er ging seine Schuld unbarmherzig und
glatt einziehen.
Versteinert blieb er. Wie ein kaiserliches Banner rauschte sein Stolz. Er
glaubte, Wang-lun hätte sich zu ihm bekehrt. Das blumige Land der vier Seen
hat nichts erblickt, was der Gebrochenen Melone gleichkam.
Dazwischen heulten die Minuten der entsetzlichen Selbstzerfleischung, wo er
sich entlarvte als den mißratenen Mönch von Pu-to-schan, den heftigen
korrekturbedürftigen Ekstatiker. Er lederte sich die Haut ab, drehte die
weißen Nervenbündel heraus, schnitt ein grausames Resumee seines Lebens:
Stehenbleiben auf einem unsicher schwappenden Fleck, Wühlen um den eigenen
Schädel herum nach Sicherung, -- unter Menschenopfern, Zertrümmern ganzer
Städte. Es war nichts ausgerichtet, er riß sie mit sich zugrunde. Pu-to
stand noch wie eine Festung, die er nicht besiegte, als er an ihr
vorüberjappste. Das Grauen dieser Vorstellung brauste über ihm. In das
Schicksal hatte er eingegriffen. Es war nichts in allem, was geschehen war,
nichts zu suchen als Unrat, Verderbtheit, eitle Spekulation. Die Tausende
draußen: beliebig Verunglückte; tausend Bettler und Verbrecher mehr in dem
riesigen Lande. Und er wie sie: ausgerutscht, in die Grube geplantscht,
Mist geschlürft bis in die Bronchien, -- so dumm, so dumm, kaum zu
bemitleiden, zum Auslachen.
Mit solcher Angst schlug sich Ma-noh schweißgebadete Minuten herum. Dann
schreckten seine Arme und Knie zusammen unter einem Hämmern draußen,
Trappeln des Türhüters, Aufzischen eines Branders von der unteren Stadt. Er
keuchte aus seinem Brüten auf, schleifte sich auf den Markt. Die Schwestern
sangen. Die Frauen blickten ihn ehrfurchtsvoll an; ruhige vertrauende
Augen. Es gab keine kostbaren Schmucksachen mehr, keine hochzeitlichen
Blumen. Die Geigen und Gitarren zertrampelt in einem Morast. Die Mädchen,
die armen, stülpten nicht mehr ihr Inneres um und breiteten sich aus: sie
hatten nichts für sich behalten und die Gefahr war doch nicht abgewendet
worden. Den Hals hatten sie sich bewahrt; der mußte durch. So wollte es das
Schicksal und so war es gut. Sie sind wie das Wasser gewesen, das sich
jedem Gefäß anpaßt. Sogar damit war zu wenig getan, um leben zu können.
Ma-noh schlürfte an den Brüdern vorüber, die aus stumpfem Herumhocken
aufsprangen, ihm ihre lehmigen, ausgemergelten Gesichter zukehrten, ihn
anbetend umringten. Was für Nachtschatten ihn befielen. Pu-to mit seinen
knechtenden Vorstellungen hatte sich in sein Gehirn eingearbeitet, es ließ
nach Jahrzehnten seinen Diener nicht los. Man ging hier strengere Wege,
einen harten Weg ohnegleichen. Die nackte tötende Furchtbarkeit der
Existenz war ihnen aufgezwungen worden; sie hatten sie auf sich genommen,
ohne sich zu verstecken, alles selbst, wie der heilige Siddharta, der
Kronprinz, alles durchversucht. Wenn das Westliche Paradies geöffnet wurde,
so ihm und diesen. Die kaiserliche Fahne wehte über ihren Weg. Sie rannten
auf den Gipfel wie Pfeile.
Er sank auf der breiten Mauer mit den Schultern über sich. Irgendwo
streifte jetzt Wang-lun in dieser Ebene. Der, seiner eigenen Lehre
verloren.
Hier gischte Brandung. Man ließ sich treiben, man schwamm nicht einmal
mehr. Es triumphierte das Wu-wei.
Alles gehäuft über die kleine Mongolenstadt. Banner über Banner!
Die Geisterpulse pochten durch die kleine Stadt.
Den Schlüssel zu den goldenen Toren preßte man in den Händen. Körper saßen
unbeweglich wie Leichname herum. Ein Hauch, sie fielen um. Wer das Tao in
sich hat, will nicht sehen, nicht schmecken, nicht hören. Dreht seinen
Körper heimtückisch zur Seite. Fliegt.
Und in der Tat. In einem finstern, heißen Gebetsrausch lag die
Mongolenstadt. Besessene starre Rümpfe kauerten auf den Gassen, taub,
blind.
* * * * *
Am Tage, nachdem Wang-lun die Mongolenstadt besucht hatte, arbeiteten in
einem großen Dorfe südlich der Stadt die beiden Apothekergehilfen auf dem
langen Hof ihres Hauses. Der ältere, unfern dem Tor, schob Holzkohlen in
einen kleinen eisernen Ofen. Eine breite, tiefgebauchte Porzellanschale
dampfte oben. Der feine weiße Kohlendunst entwich seitlich durch einen
Schnabel; der Medizinofen, rauchend, erschien wie eine vergrößerte
Teekanne. Der Gehilfe drehte langsam auf einem schwächlichen niedrigen
Körper einen schön gewölbten Schädel. Er hatte dicke Hängebacken, zwischen
denen die Nase versank. Die Lippen suchten darunter mit Wülsten
hervorzuquellen. Dieses war ein verschlossener Mann, von dem der Besitzer
viel hielt. Er gehörte zu den Anhängern Wang-luns, die sich nicht zu dem
Wanderleben verstanden. Sein Gesicht war stumpf, aber wenn er phlegmatisch
von seiner Arbeit aufsah, verriet er sich; man sah, daß in ihm eine
Bewegung mit großer Beharrlichkeit erfolgte und nicht ruhte.
Abgewandt von der Richtung des Dampfes ritt an der Hauswand der jüngere
Gehilfe auf einem Schemel, trat das Rad einer Tretmühle; das Rad
zerquetschte in der flachen Holzschüssel trockene Kräuter zu Pulver.
Der ältere Apotheker schlenderte in das Haus, um sich ein feines Haarsieb
zu holen, er wollte aus Hasenleber einen Trank gegen Vollblütigkeit und
Wutzustände herstellen, als das Tor schleuderte, und ein langer Bettler vor
dem Medizinofen stehen blieb.
Der Gehilfe rief, er möchte draußen warten; der Mann trat dicht auf ihn zu,
strich den Strohhut zurück, griff dem Gehilfen schon besänftigend an die
Schulter, als der, Wang erkennend, sich vor ihm verneigen wollte. Sie
flüsterten zwei Worte; mit lauten Segenswünschen dankte der zudringliche
Bettler für den Käsch, den der Gehilfe aus dem Gürtel zog.
Nach einer Stunde wanderte der Gehilfe mit Wang-lun die westlichen wild
bewachsenen Hügel und Täler bei dem Dorfe ab; Wang ließ ihn allein. Der
Apotheker suchte.
Die Landschaft war sumpfig; weite Torfmoore grenzten an. Auf den niedrigen
Hügeln vergilbten Kaoliangstauden und gespreizte Farne; der Weg über die
höheren Hügel war finster, so dicht drängten sich die immergrünen Eichen.
Engmaschiges Strauchwerk hinderte am Gehen. Hier war das Revier der kleinen
bunten Knaben, so genannt nach der üppigen farbenreichen Pilzvegetation.
Zwischen den massiven Stämmen lugte am Boden der Wulstling mit
grünlichweißem Hute; schöner weißer Kragen fiel schlaff am Hals herunter;
um nicht den quellend feuchten Boden zu berühren, trug der Fuß eine zarte
Kappe, einen Schuh dünn wie Haut. Der kleine Apotheker, die breite blaue
Sammeltasche vor der Brust, schurrte einen Abhang herunter, wo es rot
blitzte und die purpurne Würde des Fliegenpilzes prunkte. Mit kleinen
Warzen waren viele Hüte besetzt, weißen Tüpfelchen, aus denen Zähes,
Glasiges heraustrat. Viele von ihnen brach der Sucher ab, warf sie in seine
Trommel. Nicht weit im Kraut blühten die Reitzker; mit breiten ziegelroten
Mulden bedeckten sie ihre Köpfe; von ihren Hüten wehte der braunweiße
Schleier, der aussah, als wäre er vom Winde zerfasert. Als er die Stämmchen
umbrach, quoll schleimiger Milchsaft hervor, der an seinen Fingern klebte.
Er stopfte seine eiförmige Tasche voll, bis der Preßsaft vorn
durchsickerte.
Kam am Nachmittag in die Apotheke, wo er sich in seine Kammer zurückzog.
Dann schleppte er mit dem Kameraden den kleinen Ofen über die Treppe in die
Kammer herauf und begann zu arbeiten bei geschlossener Tür, wenig
geöffnetem Fenster.
Er warf in das siedende Wasser der Schale eine Handvoll Pilze, die er in
kurze Stücke zerschnitten hatte; nach einer kleinen Zeit, die er genau an
einer Sanduhr ablas, faßte er die Schale mit Holzgriffen, goß die zähe
bräunliche Brühe mit den Pilzstückchen durch ein enges Sieb in einen
Holzeimer. Die zurückgehaltenen Stücke warf er in einen zweiten Eimer.
Wieder brachte er Wasser in der Schale zum Sieden, zog Pilzsaft aus,
siebte. Als er alle mitgebrachten Pilze verarbeitet hatte, begann er die
zurückbehaltenen Stücke im Eimer mit einem Holzmörser zu zerquetschen und
zermantschen; spülte sie in die Schale, verkochte sie lange und filtrierte
wieder. Den Rückstand des Siebes stopfte er noch in ein dünnes Beutelchen,
das er in den großen Holzeimer mit dem Absud auspreßte. Dann klatschte er
den fasrigen Matsch im Beutelchen in einen Abfalleimer.
Nun begann die langwierige Arbeit an dem Absud. Auf Ofen wie Herd in der
Ecke der Kammer, wo ein Kessel von einer Eisenstange herabhing, wurde die
bräunliche Flüssigkeit langsam eingedampft. Er schürte, den Atem oft
einhaltend, ein kleines Feuer im Ofen und unter der Herdplatte; dann
trappte er, nachdem er das Fenster weit aufgestoßen hatte, herunter in die
Apotheke an seine Arbeit, zum Mischen der offizinellen Pillen. Von Zeit zu
Zeit stieg er breitbeinig zurück, goß neue Flüssigkeit aus dem Eimer zu in
Schale und Kessel. Hantierte in der Apotheke unten und in seiner Kammer die
Nacht durch bis zum Morgen. Als der Absud stark wie Sirup eingeengt war,
entleerte er den Inhalt des Kessels in die Schale. Erst frühmorgens, als er
zuletzt die dampferfüllte überhitzte Kammer betrat, war der Inhalt der
Schale gediehen; der Saft war klebrig, tiefbraun geworden, zog Fäden beim
Eintauchen der Rührkelle.
Lange musterte und roch der Gehilfe daran herum; dann holte er aus der
Apotheke eine Tüte schwarzer gepulverter Holzkohlen und eine weißliche Erde
herauf, schüttete sie rührend hinein, schichtete heißes Wasser über und
füllte die schwarze Flüssigkeit in einen hohen Glaskrug. Nach kaum einer
Stunde hatte sich in dem Krug eine weißliche und eine schwarze Schicht an
den Boden gesetzt, darüber stand leicht braunes durchsichtiges Wasser, das
der Gehilfe mit Vorsicht über eine schmale Holzrinne in zwei
Kürbisflaschen, hohe dickbäuchige Gefäße, überfüllte. Ihren Inhalt
verteilte er nach einigem Nachdenken in sechs kleine Tonkrüge, die er fest
verschloß, sich an Stricken um die Schulter hängte. Noch in der
Morgendämmerung knarrte das Hoftor. Der Gehilfe verließ mit den Krügen Haus
und Dorf.
Während der Apotheker im Revier der kleinen bunten Knaben still
botanisierte, ratterte es ununterbrochen durch das nördliche und westliche
Tor der unteren Stadt von Yang-chou. Schubkarren zogen in langer Folge ein,
Handelsleute mit Weib und Kind zu Fuß, breite gedeckte Reisewagen, ein
Segelkarren, der eine weite Reise hinter sich hatte. Tuten, Gongschläge:
das Tor wurde eine kurze Zeit gesperrt; langsam trug man die grüne Sänfte
eines Mandarins mit großem Gefolge heraus; der hohe Beamte ließ sich in der
schönen Herbstluft spazieren fahren. Die Torwächter schlugen mit kurzen
dicken Knütteln auf große halbnackte Jungen, die hinter dem Gefolge betteln
liefen.
Noch vor der Mittagszeit trabte eine Schar Händler herein, katzebuckelnd
vor dem stämmigen Torwächter, der eine sichelartig gebogene Hellebarde
trug. In der Stadt trennten sie sich nach ein paar Straßen.
Der eine trug ein Galgengestell, an dem Zopfschnüre baumelten; um die Brust
hielt er eine blaue Leinewand gewunden, auf der in schwarzen Charakteren
die Vorzüge seiner bewährten Zopfschnüre gerühmt wurden.
Ein paar verkauften unter dem Lärmen von Holzklappern Betelnußkuchen, die
sie in Kästchen vor dem Bauche trugen und tafelweise abschlugen.
Andere schleppten Narzissen in Eimern mit sich.
In einer vielbesuchten Bouillonschenke neben einem großen Verleihinstitut
für Sänften, Hochzeitsgegenstände trafen sie nacheinander ein und saßen
zusammen. Ein großer, etwas gebückter Mann, dessen Schädel schlecht rasiert
war, setzte sich zu ihnen; er stellte seinen glockenrunden Holzkasten, der
mit schwarzen Strähnen bemalt war, vor sich unter den Tisch; er handelte
mit Menschenhaar. Dieses war Wang-lun.
Sie ließen sich aus der riesigen Porzellankanne das Ca-tang-pang, eine
heiße Brühe, in die flachen Schalen gießen. Als man ihnen warme Mehlkuchen
servierte, stand Wang und der Schnurhändler auf. Sie mischten sich unter
die Gäste, die sich an dem Eingang zur Küche drängten, unterhielten sich
höflich; sie orientierten sich über die Absatzmöglichkeit ihrer Artikel in
der Stadt, fragten nach den andern Betrieben, Gilden. Wang erinnerte sich
eines alten Freundes, der in dieser Stadt einmal als Wasserträger schönes
Geld verdient hätte und sich später in Pe-king als Bootsverleiher
niederließ; er fragte gelegentlich nach den Quartieren der Wasserträger und
wo man einen von ihnen sprechen könne. Nachdem Wang und der Schnurverkäufer
festgestellt hatten, daß die Wasserträger sich in einer Bouillonschenke
zwei Häuser entfernt träfen, verabschiedeten sie sich von ihrem Tisch und
gingen herüber.
In dieser Schenke ging es still zu, denn um die Mittagszeit waren die
Wasserträger am stärksten beschäftigt. Wang und sein Kamerad setzten sich
in die Mitte des Lokals, schmausten Fleischpastetchen und tranken dünnen
Tee. Der höfliche Wirt stellte sich neben sie, erkundigte sich nach ihrem
Befinden, dankte für die Ehre des Besuches.
Währenddessen stampfte schon einer der Stammgäste über die Holzdielen, drei
andere hinter ihm her. Sie klatschten beim Eintritt in ihre Hände, schlugen
sie über die Schultern zusammen; vom Halten der Pferdeleine wurden ihnen
die Finger klamm. Der Wirt wollte die Gäste placieren, aber Wang stand als
Fremder auf, stellte sich und seinen Kameraden vor, lud die Wasserträger
ein, an seinem Tisch Platz zu nehmen; erzählte von seinem Freund, den
keiner von ihnen kannte; nur einer erinnerte sich dunkel, von einem
Arbeitsgenossen gehört zu haben, der später in Pe-king oder bei Pe-king
Bootsverleiher wurde; aber das müsse schon lange her sein. Im Laufe der
Unterhaltung erkundigten sich die beiden Fremden, die ersichtlich viel
herumgekommen waren, nach der Regelung des Wasserverkaufs unter ihnen, ob
die Verdienste nicht sehr variierten nach der Verkaufsgegend. Sie erfuhren,
daß dies natürlich so sei; in einzelnen Stadtteilen respektive
Straßenbezirken hätte man seine Plage durchzukommen; die zehn zum Beispiel,
die jetzt die obere Stadt versorgten, wo es doch keine Brunnen gäbe,
könnten sich vor Arbeit nicht halten auf den Beinen, ihre Pferde seien bald
schlapp, und der Verdienst? Man wechsele alle zwei Tage ab unter den
Wasserträgern, weil die Leute oben so unglaublich arm seien; verdursten
könne man sie nicht lassen, obwohl eigentlich der Magistrat schon gemunkelt
hätte, es könne den Wasserträgern später schlecht ergehen für ihre
Wohltätigkeit.
Zu seinem Vergnügen erfuhr Wang, daß zwei seiner Tischgenossen zu den
Arbeitskolonnen gehörten, die heute und morgen den Wasserdienst in der
Mongolenstadt versahen. Er hängte sich mit dem Schnurhändler an sie, als
sie neben ihren Gespannen zu dem ummauerten Brunnen zogen, aus dem sie das
Wasser in riesigen Eimern schöpften. Die acht übrigen Wagen quietschten
schon gefüllt die Straße herunter. Wang erfuhr Namen und Wohnungen der
übrigen Wasserträger, erklärte, während er seinen neuen Bekannten beim
Schöpfen zusah, daß er ihren Beruf doch schön und ruhig fände gegen seinen
jämmerlichen, bei dem er sich herumzuschlagen habe mit jedem Barbier, mit
protzigen Blumendamen, die keinen Käsch später, wenn sie zahlen sollten,
hätten und alles vernaschten. Ihm käme sein Freund, der Bootsverleiher in
Pe-king, nicht aus dem Sinn. Er wolle einmal mit seinem Freund sehen, ob
sie sich für den Beruf eigneten; er wolle es einmal versuchen, einen Tag
über; vielleicht sei die Sache nicht so einfach, wie er sie sich denke.
Die beiden Wasserträger lachten laut über den Vorschlag; und wer ihnen denn
den Verdienst bezahlen sollte, der ihnen für diesen Unterrichtstag
entginge?
Das sei, sagte Wang, natürlich seine Sache; er wolle ihnen doch für ihre
Unterweisung und ihr Entgegenkommen keinen Schaden zufügen;
selbstverständlich, wenn sie darauf eingingen, was ja ein außerordentliches
Entgegenkommen gegen einen armen Mann sei, würde er ihnen die
Durchschnittstagessumme bezahlen, wobei sie freilich bedenken müßten, daß
er selbst arm sei und nicht viel überflüssig habe. Aber schließlich sei
doch ihr Verdienst sicherer als sein trauriger.
Nach langem Hin- und Herreden einigte sich Wang mit ihnen; man hielt es für
das Einfachste, daß er sich mit den andern acht Wasserträgern in Verbindung
setzte, die den fast unbezahlten Dienst in der Mongolenstadt heute und
morgen täten. Sie würden Wang und seine Landsleute über die Arbeit,
Bedienung, Fütterung der Tiere, Ställe unterrichten; er hätte vorher eine
Summe zu erlegen, die dem gemeinsamen Durchschnittsverdienst in der unteren
Stadt, wohlgemerkt in der unteren Stadt, entspräche und müsse den morgigen
Wasserdienst in der Mongolenstadt ganz auf sich nehmen. Er mache sich für
jede Beschädigung der Wagen, des Zaumzeugs, der Tiere haftbar. Das alles
natürlich nur, wenn die andern acht damit einverstanden wären.
Wang wand sich über die Höhe des Preises hin und her, konnte sich mit ihnen
über den eventuellen Schadenersatz nicht verständigen, weil sie ihm
vielleicht brüchige Wagen stellen würden, die er dann bezahlen müßte.
Die schon abfahrenden Leute blieben unerbittlich. Da sagten die beiden zu.
Als die Wasserkarren um die Ecke fuhren, hörte Wang die Träger laut
losplatzen über diese Bauern und Dummköpfe.
Die Verständigung mit den andern acht verlief glatt; nur glaubte jeder von
ihnen sich verpflichtet, noch besondere Schwierigkeiten zu machen, damit
die Bauern den Betrug nicht merkten. Ein einziger älterer Mann lehnte den
ganzen Handel ab. Er erklärte, seine Arbeit ruhig weitermachen zu wollen,
das brauche er zum Leben; und mit den armen Leuten oben habe er sich
angefreundet, so daß er sich freue, wenn er zu ihnen käme ohne bei der
Polizei Verdacht zu erregen. Nichtsdestoweniger bezahlte Wang die ganze
verabredete Summe an die sieben Wasserträger, die mit ihm abends in der
Bouillonschenke zusammenkamen. Er erklärte in einer gewissen
enthusiastischen Weise, daß er schon jetzt eine gewisse Freude am
Wassertragen habe; es ließe sich da noch auf verschiedene Weise Geld
machen, wenn zum Beispiel die Gilde selbständig Brunnenbauten übernähme
oder Privatbrunnen pachte. Er gefiel den trägen Burschen nicht schlecht.
Er verließ noch vor Torschluß allein die Stadt; seinen runden Kasten mit
Menschenhaaren ließ er in der Schenke. Es war eine Vollmondnacht. Breit
dehnte sich die Ebene vor den Mauern; kleine Bodenerhebungen warfen auf die
völlig unbewachsene weiße Fläche tiefschwarze Schlagschatten. Hinten zog
sich eine Kiefernpflanzung, die das Mondlicht nur an den Wipfeln berührte.
Die Bauern, die die Mongolenstadt bewachten, bemerkten dort drüben um die
Zeit, als die Nachtwächter die zweite Wache trommelten, ein eigenartiges
Blitzen; es bewegte sich am Rand des Kiefernwaldes entlang. Dann trat ein
Mann in den hellen Mondschein; drei der Wächter erkannten in dem Mann mit
dem großen Hut und dem herunterhängenden blitzenden Schwerte Wang-lun.
Sie riefen einander an, zeigten auf ihn, der sehr deutlich in dem
blendenden Licht zu erkennen war, waren wach und überglücklich. Er war da;
er hatte sie erreicht. Auf ihn konnte man sich verlassen. Die Weiße
Wasserlilie war da. Man lief in einen Wachturm. Es war Wang-lun, der allein
dort saß gegenüber der Mongolenstadt; nach einer langen Zeit glitzerte
wieder sein Schwert; er tauchte in das schwarze Dunkel des Waldes zurück,
rasch, wie verschluckt.
Als Wang, der keinen Schlaf fand, ein paarmal durch den totenstillen Wald
geirrt war und, von Unruhe getrieben, sich der Ebene zuwandte, sah er durch
die schlanken Stämme am Randweg einen Reiter traben, dem zwei andere
folgten. Er lief ihnen in dem Dunkel voraus, erkannte an der Kleidung einen
hohen Offizier der Provinzialarmee und zwei Diener. Sie ritten langsam an
der Mongolenstadt vorbei. Als sie dem Weg folgend eine Strecke zwischen die
Stämme einbiegen mußten, trat Wang an den hageren großen Offizier heran,
der einen langen Kinn- und Schnurrbart trug und fragte, ob er ihm Auskunft
geben könne über den Weg nach einem Dorfe.
Der Offizier wies mit der Hand südostwärts.
Wang ging ruhig neben dem Braunen einher; der Offizier hielt an; ob der
Fremde noch etwas verlange.
Nach der Erde zu sprechend wünschte Wang, der Offizier möchte einen
Augenblick seine beiden Diener ein paar Schritt abreiten lassen, damit er
etwas fragen könne.
Völlig gelassen wies der Reiter die beiden zurück und bückte sich zu Wang
herunter, um ihn in dem Dunkel gut zu erkennen.
Was also der Offizier hier zu suchen habe; es sei noch für einen vollen Tag
und einige Stunden jede Feindseligkeit zwischen der Mongolenstadt und den
Truppen eingestellt, wie er als Träger des Saphirknopfes wissen könnte.
Der lange Reiter sprang vom Pferd, fixierte den Mann unter dem riesigen
Strohhut, in dem dichten Strohmantel, den er mit einer Hand vorn
geschlossen hielt. Was er denn hier zu suchen hätte; wer ihm das gesagt
hätte von der Einstellung von Feindseligkeiten. Ob er ein Wächter der
Eingeschlossenen sei.
Wang bückte sich wieder zur Erde, sagte »ja« und öffnete seinen Mantel, so
daß sein Schwert sichtbar wurde. Er sei ein Freund des Ma-noh, der die
Eingeschlossenen führe, ein naher Freund.
Der Offizier sah ihm ins Gesicht; er redete sehr leise: »Du bist kein
Freund des Ma-noh. Mas Freunde tragen keine Schwerter.«
»Das waren die früheren Freunde Mas.«
»Seit wann ist der fremde Wächter ein naher Freund Mas?«
»Seit dem Untergang der Insel der Gebrochenen Melone. Auf der Flucht habe
ich mich ihnen angeschlossen.«
»Und die Freunde Mas, viele Freunde Mas tragen jetzt Schwerter?«
»Viele Freunde hat Ma nicht.«
Der Offizier ging langsam mit Wang zurück, gab einem Diener den Zügel
seines Pferdes; sie stellten sich, aus dem Dunkel hervortretend, gegen zwei
Kiefernstämme, standen sich stumm gegenüber. Der gelbe Strohmantel Wangs
schimmerte in dem Lichte; am Gürtel des sehr langsamen, ruhigen Reiters
bewegte sich ein goldener krummer Prunksäbel.
»Wenn du ein Wächter und Freund Ma-nohs bist, so bitte ich dich, mir von
ihm zu erzählen, wie es drüben in der Mongolenstadt geht, was Ma tut und
spricht, wer seine Vertrauten sind.«
»Der mit dem Leoparden Geschmückte ist kein Feind der Gebrochenen Melone?«
»Ich heiße Hai, bin Oberst eines Kavallerieregiments. Vor ein paar Monaten
trug ich nicht das Brustschild mit dem Leoparden. Ich ging ähnlich wie du,
war ein Bruder unter ihnen drüben. Sie nannten mich wegen meiner Sprache
die Gelbe Glocke. Du hast vielleicht den Namen gehört.«
»Ich habe deinen Namen nicht mehr gehört. Es sind die meisten tot, die dich
gekannt haben. Auch haben uns viele verlassen wie du.«
Die Gelbe Glocke lächelte traurig, drehte den großen Kopf nach den Mauern,
auf denen man die schwarzen Punkte der Wächter sich bewegen sah.
»Mich hat keine Gefahr erschreckt, als ich fortging; aber ich will nicht
darüber zu dir sprechen, der du noch Bruder des heiligen Bundes bist und in
so schlimmer Zeit Bruder bist. Ich möchte von dir hören, wie es Ma-noh
geht, wie die Geister in der Stadt gerichtet sind.«
»Sprich nur. Du verwirrst mich nicht. Wir sind ruhig, unbeirrbar ruhig.«
In einer freudigen Bewegung legte die Gelbe Glocke eine Hand an Wangs
Brust: »Ihr seid ruhig, ihr seid nicht in Angst? O, ist das schön, o, bin
ich dem Fremden dankbar, daß er mir das sagte. Ihr weint nicht, ihr gebt
euch nicht verloren! O, ist das schön. Ich bin nur darum hierher geritten,
um dies von jemand zu hören. Ma-noh ist nicht von Haß geladen, er wütet
gegen niemand.«
»Da du unser Bruder warst, weißt du ja, daß das Schicksal uns nichts
anhaben kann. Eure Truppen und wer sonst kommt quälen uns nicht.«
»Ihr redet wie früher. Aber Ma-noh wütet nicht! Er widerstrebt nicht!«
»Du bist wieder Soldat geworden. Du hattest kein Vertrauen auf unsere
kostbaren Regeln.«
»Ich vertraute auf die kostbaren Regeln. Und vertraue noch. Sieh mich nicht
an. Ich wäre hier nicht in der Nacht hergeritten, wenn zwischen Ma-noh und
mir nichts mehr wäre. Ma-noh ist der Mörder der Gebrochenen Melone, das
weiß er. Ich war in den Tagen um ihn, als er es wurde. Er hätte länger und
vorbereitet mit allen Brüdern und Schwestern leben können, wenn er sich
nicht von den tollen Salzsiedern hätte verleiten lassen. Er war stolz, er
war ehrgeizig, er trug im Geiste Pfeil, Bogen und Schwert; er war kein
Wahrhaft Schwacher, kein Bruder der herrlichen Gebrochenen Melone. Darum
habe ich ihn verlassen, der ich Reinigung und Frieden für meinen Geist
brauchte. Aber das gehört nicht hierher.«
»Das wilde Tier auf deinem Brustschild blickt nicht friedlich.«
»Auch dein Schwert sieht nicht nach Frieden aus. Und doch stehen wir beide
vor dieser selben Ebene und sehen durch den Mondschein nach der
Mongolenstadt -- nicht mit feindlichen Gefühlen. Ich habe mich nicht
verändert. Aber die Gelbe Glocke singt jetzt einen andern Ton.«
»Es scheint so. Aber sie scheint auch nicht dasselbe Lied zu singen.«
»Die Gelbe Glocke hat den Brand des Klosters angesehen; die Schwestern
ließen sich rösten in den Kapellen; den Brüdern schlug man Köpfe und Hände
ab. Man kann sich nicht vorbereiten von heute auf morgen, von einem Jahr
auf das nächste; ein langes Leben gehört dazu, glaube ich. Die ganze Saat
ist umsonst hingemäht worden; die feinen, tiefen, starken Brüder und
Schwestern haben ihre Geister verloren, ich glaube, ich werde den Gedanken
nicht los, als wenn sie gelegentlich erschlagen wurden; eben erschlagen,
wie wenn ich hier zufällig von dir erschlagen wäre, weil du schon dein
Schwert entblößt trägst und ich erst den Zügel hinwerfen und meine Klinge
freimachen muß. Durch solchen Tod haben sie nichts gewonnen. Aber ich trage
jetzt einen Säbel.«
»Warum? Gegen wen? Dein Säbel ist eine Lächerlichkeit. Du hättest ruhig
deinen Säbel in der Truhe bei deiner Sippe liegen lassen sollen, wo du ihn
hingelegt hattest. Keiner von euch wird ihn anrühren, solange ich bin.
Lächle nicht; ich sage dir das. Gegen wen trägst du deinen Säbel?« Wang
griff nach dem Säbel.
»Nicht gegen Ma-noh, wie du glaubst. Der wird doch bald sterben,
gelegentlich. Und Liang-li. Wehe mir, wehe mir.«
»Gegen wen trägt der Mann mit dem Leoparden seinen Säbel?«
Die Gelbe Glocke rang mit sich. Er sah in den Wald zurück. »Gegen die
Mandschus, denen ich jetzt diene, für die da drüben, die du bewachst, die
in zwei drei Tagen in Schuttgräber gescharrt werden. Aber ich bin
glücklich, daß du mir so Gutes von ihnen drüben erzählst. Es wäre nicht
nötig gewesen das alles.«
»Das Schicksal ist immer nötig, Gelbe Glocke, mein Bruder.«
»Wenn du Ma-noh siehst, erzähl ihm nicht von mir. Erzähl keinem von mir.«
»Wir wollen uns trennen. Deine Diener kommen. Wohin wirst du weiter gehen
von den Mandschus?«
»Wir sammeln Menschen, Truppen, viel Waffen. Uns ist das Westliche Paradies
nicht gegeben, uns noch nicht, lieber Bruder. Ich will dann Wang-lun
aufsuchen, der ein Schwert tragen soll wie du. Nur das hilft, weiter
nichts. Daß du jetzt ein Schwert trägst, hilft nichts mehr. Sei nicht
zornig, weil ich anders denke als du. Geh in die Stadt hinein oder fliehe
wie ich.«
»Wo stehen deine Truppen? Ich will mich deiner Worte erinnern.«
»Bei Pe-king. O, welch schönen Weg, lieber Bruder, gehen unsere Schwestern
und Brüder drüben. Ich bitte nichts dringender, als daß sie zum Jaspissee
hinfinden und von der Königlichen Mutter aufgenommen werden. Das Mondlicht
ist so hell. Mögen sie den Weg leicht finden. Leicht finden.«
Die Gelbe Glocke trat von dem Stamme zurück. Sie verneigten sich
voreinander, berührten sich an den Schultern.
Wieder irrte Wang, ohne Schlaf zu finden, zwischen den Kiefern.
* * * * *
Am grauen Morgen holten die Gefährten Wangs die zweirädrigen Wasserkarren
aus den Höfen ihrer Besitzer ab, schirrten die Pferde an, trabten zum
Brunnen. Nachdem es nicht gelungen war, den alten widerspenstigen Träger zu
bewegen, sein Gefährt für den Tag abzugeben, hatten zwei der Helfer Wangs
den Mann, als er aus seinem Hause in der Dunkelheit trat, ergriffen, seinen
Mund mit Werg verstopft, ihn geknebelt, in eine Kuhhaut gebunden und auf
einem gestohlenen Karren in ein abseits gelegenes verfallenes Haus
gefahren, wo sie ihn in einen Winkel warfen.
Bei der ersten morgendlichen Fahrt in die Mongolenstadt begleiteten die
Wasserträger ihre Schüler, später gingen sie nach Hause, streiften durch
die Schenken. Das Fehlen des alten Mannes fiel nicht auf, da der Sonderling
nicht regelmäßig fuhr.
Es war ein warmer Tag. Bei den Fahrten am Spätnachmittag zeigten sich die
Gefährten Wangs besorgt um die Bottiche, die offen auf den zweirädrigen
Karren standen. Sie gingen klopfend an den leeren Gefäßen vorbei, bückten
sich tief hinein, wobei sie den Inhalt ihrer Flaschen unbemerkt auf den
nassen Boden gossen.
So fuhr der entsetzliche Zug der Wahrhaft Schwachen zum letztenmal mit den
wassergefüllten Wagen durch die Mongolenstadt, Wang an der Spitze, kehrte
mit geleerten Bottichen durch das Tor herunter, das hinter ihnen
geschlossen wurde. Rasch spülten und wuschen sie die Bottiche aus, brachten
die Karren zurück. Einer lief in das Haus, wo der alte Mann lag, schnitt
ein Loch in die Kuhhaut, so daß sich der Hilflose befreien konnte.
Auf den Mauern herrschte bei den Bewaffneten noch bis in den Abend hinein
rege Tätigkeit. Es hieß, daß Wang-lun mit einer großen Heeresmacht ihnen zu
Hilfe kommen würde; über die Zahl der Entsatztruppen stritt man sich, aber
sie war jedenfalls ungeheuer, viel größer, als der Tsong-tu der Provinz aus
eigener Kraft aufbringen konnte. Unterhalb der Mauern, innerhalb der Stadt
hatten sich die Bewaffneten, die Mitläufer Ma-nohs, eine Reihe von flachen
Hütten aufgeschlagen aus dem Fachwerk der angrenzenden Häuser, die ihnen
nicht geheuer waren. Hier lagen große Schutthaufen, Backsteine; tiefe
Gruben hatte man geschaufelt, in die man Wasser laufen ließ, soweit man
welches heranschaffen konnte, um Lehm zu bereiten. Binsen und Schilf
lagerte in hohen Schichten in den anstoßenden Straßen. Man schleppte die
Fuder heran, um Lücken in den Mauern zu dichten, Lehmmassen zu sichern. An
diesem Abend wuchs der Lärm der Arbeiter außerordentlich. Eine riesige
Mauerlücke, die man aus Mangel an Zeit nur oberflächlich mit Backsteinen
verdeckt hatte, sollte ausgefüllt werden. Die ganze Tiefe war schon mit
losem Geröll, Sand- und Lehmmassen, Halmen verstopft. Das Tor nach der
unteren Stadt war geschlossen, mit Querstangen verdeckt. Die Städter
verrammelten das Tor auch von außen, um einen Kampf zwischen den
Provinzialtruppen und Belagerten auf die obere Stadt zu beschränken.
Die Männer liefen im Halbdunkel durcheinander. Ihr Arbeitsdrang war
unbezähmbar. Halb nackt, mit strammgegürteten Hosen rannten sie vor dem
großen Mauerloch, stürzten mit kleinen Schilfbündeln hinein, glitten
aneinander vorüber. Einer schrie, warum der andere so wenig nehme; der
schulterte sein Bündelchen hoch: ob das nicht genug wäre. Sie schleppten
auf Holzmulden ungeheuerlich getürmte Steinmassen, die ihnen wie Wellen
über Köpfe und Füße rasselten. Sie rannten unermüdlich mit anscheinend
maßlosen Kräften herein, heraus, polterten hin, bluteten.
Auf der Mauer neben dem Durchbruch wurde ein starker Arbeiter müde; er
klatschte einem langen Maurer eine Hand Lehm auf den Buckel. Sie schwatzten
und kicherten schon seit einer Stunde über einen Maultiertreiber, der heute
morgen statt getrockneter Datteln Säcke voll Sand in die Neustadt
geschleppt hatte; erst auf dem Markt bemerkte er, daß er unterwegs
bestohlen und betrogen war. Als sich der Maurer umdrehte, platzte ihm aus
zwanzig Mäulern ein brüllendes Gelächter entgegen. Sie kugelten hin,
wälzten sich auf die Seite, um in Ruhe das Gelächter an ihren Bäuchen
massieren zu lassen, die Beine in die Luft zu stochern und das Zwerchfell
zu schwingen. Andere rüttelten die Leitern hinauf, schrien mit: »Wie sieht
der aus! Wie sieht der aus!« Und gurrten über sein sonderbar geschwollenes
Gesicht, seine kolbenförmige Nase.
Der Lange fixierte den vierschrötigen Tischler, wischte ein paarmal über
die Nase, schimpfte auf die elenden Zwiebeln, die sein Freund ihm in den
Bohnenbrei getan hätte; davon würden ihm die Augendeckel und die Nase dick.
Und er schlug bekräftigend dem Tischler, der das Schlucken bekommen hatte,
in die Weiche.
Der bog sich zusammen auf diesen Hieb; sie fingen an, sich bei Hälsen und
Hüften zu kriegen. Erst hetzte man; als die beiden sich ringend über den
Rand der Mauer wiegten, raffte man sie tumultuös auseinander: »Es muß
entschieden werden. Vors Gericht! Sie müssen es austragen. Vors Gericht!
Vors Gericht!«
Drängten die Leitern herunter, als gäbe es in der Mongolenstadt ein Gericht
für sie.
Auf dem Wege durch die anliegenden Gassen wurde ihr Haufe größer. Ein
gellender Lärm wälzte sich mit ihnen; sie hatten kein Maß für die Stärke
ihrer überschlagenden Stimmen. Einige von ihnen schleppten Balken hinter
sich. Man stolperte darüber, aber sie zogen sie fest hinter sich her, um
sie gelegentlich fallen zu lassen, ohne es zu merken. Andere steiften die
Rücken und trieben die Schulter hervor unter ihrer leeren Holzmulde, die
sie mit fest zupackenden, steinharten Muskeln drückten, fluchten über den
raschen Schritt der andern, und sie könnten nicht mit.
Zwei ältere Handwerker, mit nacktem schwarzbraunen Oberkörper, betasteten
an einer Straßenecke die Balken, die liegen geblieben waren. Ein Balken war
über einen breiten Stein gefallen. Die beiden grinsten sich an, von
entgegengesetzten Seiten an dem Holz entlang suchend, bis sie dicht
nebeneinander standen, ihre Hände sich berührten und sie nun, den Balken
zwischen den Beinen, Platz nahmen, sich schaukelten und dabei fortwährend
sich ehrerbietig voreinander verbeugten und sich pathetisch Glück wünschten
zu der Begegnung. Sie baten einander vorlieb zu nehmen mit den
gegenwärtigen Umständen, sanken, als sie die Hände beteuernd schwingen
wollten, seitlich ab und lagen da, der eine quer über den Beinen des
andern, schmerzlich sich entschuldigend für die Unvorsichtigkeit, tasteten
sich an den Hosen des andern entlang.
In dem Haufen, der sich auf kleinen Plätzen öfter ganz auflöste, wuchs die
Verwirrung. Einzelne ergriff eine ausgelassene Fröhlichkeit. Ein ehemaliger
Salzpfänner geriet in Wut. Er sagte, er ginge nicht mehr mit. Liu sei ein
böser Dämon, er liefe doppelt im Zuge, ein Liu ginge drüben an den Häusern,
ein anderer neben ihm. Dann treffen sie immer zusammen, prallen voneinander
zurück, als wenn man ins Wasser sinkt. Die vor ihm marschierten, gondelten
bei seinen Klagen rückwärts, nahmen ihn in ihre Mitte, grunzten heiser,
fielen ihm unsicher um den Hals.
Ein junger Mensch drängte sich zwischen sie, brüllte: »Der Schuft, der. Er
macht selbst solche Späße. Habt ihr nicht gesehen? Eben steht er hier und
jetzt sitzt er auf dem Dach. Was hat er zu schimpfen auf Liu?« Sie kniffen
ein Auge zu, zwangen Liu und den Pfänner sich rasch nebeneinander zu
stellen. Ein paar visierten breitbeinig aufgepflanzt nach ihnen durch den
gekrümmten Finger, visierten nach dem Dach. Inzwischen zerstreuten sich die
meisten, torkelten unter zufriedenem Gegröhl hinter dem Hauptzug her, der
sich nach dem großen Markt bewegte.
Aber der Zug kam nicht so weit. Man hatte längst vergessen, was man wollte.
Man buddelte zwischen den Straßensteinen. Man krähte, leckte sich schläfrig
die Finger, kreiste die Arme. Die Köpfe baumelten, fielen in den Nacken.
Von anderen Teilen der Mauer waren die Männer schon vorher in die Stadt
gedrungen. Die Lungen waren ihnen sonderbar gefüllt. Ihnen schauderte unter
einer Hitze, die fingertief unter ihrer Haut flammte und erlosch. Das Blut
sprühte in ihren Köpfen. Der Rumpf fiel ihnen weg. Sie setzten die Schritte
so vorsichtig, da sie fürchteten, mit ihren Strohsandalen in Glas zu
treten; immer fein traten sie mit den Zehenspitzen auf, immer fein mit den
Zehenspitzen. Man ging sicherer, wenn man die Sandalen auszog. Und so
balancierten manche im Gänsemarsch durch die Gassen, in den wagerechten
Armen ihr Schuhwerk.
Weiter innerhalb der Stadt stiegen sie hier, da über einen Menschen, sie
flüsterten einander Vorsicht zu mit signalisierenden Armen, versuchten
mehrmals über denselben Körper wegzutreten. Der lag schnarchend da, die
Beine an den Leib gezogen, die Stirne kraus.
Vor manchen Häusern standen die Menschen angewurzelt. Sie lehnten mit
blauen Lippen an den Pfosten. Ihnen wurde der Atem mit einem heftigen Ruck
aus der Brust gerissen. Sie stöhnten, pfiffen und schnaubten wie
Blasebälge. Brüder legten sich unsicher mit dem Leib über Bänke; alle
Bilder, Häuser, Menschen, das Dunkle des Himmels sauste in einer
Spiraldrehung herum, die Erde vertiefte sich unter ihnen zu einem großen
umgestülpten Spitzhut. Sie zogen zum Sprung unbehilflich die Kittel aus,
keuchten, warteten was kommen würde. Ihre Rippen traten wie Schnallen
hervor; sie prusteten im Flug.
Hunderte versteckten sich in den Häusern, auf den Korridoren, unter den
Tischen, denen eine Presse die Därme, die Milz und den Magen
zusammenschnürte, dann wieder losließ. Die Traubenpresse arbeitete an ihnen
in einem Rhythmus, der immer schneller wurde. Sie würgten die gelbe Galle
heraus, ihr Darm verspritzte sich und suchte zu entweichen. Ihre Gesichter
verlängerten sich. Grüne Tiere liefen an ihren Gesichtern vorbei nach
rechts, dann kehrten die Tiere um; die ganze Reihe lief nach links herüber.
Männer taumelten nach dem Tor, nach der Mauer. Aber sie stiegen zwischen
den Sprossen hindurch beim Besteigen der Leiter, arbeiteten sich vergeblich
heraus, stürzten die Leitern über sich um. Einem gelang es nach oben zu
kriechen. Man hörte wie er ging, da kippte er nach außen ab in den Graben
und muckste noch.
Die schwarze Nacht. Das Wasser strömte vielen die Flanken entlang. Ein
kleines Rad drehte sich vor ihnen, wurde immer weiter, es war ein Nadelöhr,
ein Maulwurfshügel, eine Höhle. Sie verdrehten die Augen, blieben in einer
Radspeiche stecken.
In den dumpfen Zimmern die Brüder schraken bei den Schreien und Stürzen
draußen zusammen. Sie hockten über sich gebückt. Sie stutzten plötzlich,
blitzten heftig atmend um sich, als wenn sie etwas hörten, standen
schwankend auf, richteten immer wieder den Oberkörper gerade, der ihnen
wegsank: »Die Soldaten kommen! Es ist alles verloren! Wang ist mit
zehntausend Mann erschlagen!« Sie machten Front gegen die stillen
Zimmerecken, sie schmetterten Stühle in die Winkel, flohen die Köpfe
duckend ins Freie, griffen im Finstern der Straßen nacheinander. Hier und
da erdrosselten sich zwei. Sie dumpften unter Verzweiflungskrächzen
nebeneinander hin. Sie schwangen im Traum Beile, kneteten und erwürgten den
dicken Kot, der zwischen ihren Fingern durchquoll.
Auf den Dächern, die flach aneinander stießen, sangen einige. Sie sangen
von der Großen Überfahrt. Ihre Hände bewegten geträumte Gebetsklingeln. Sie
predigten zueinander herüber. Sie schrieen nach den glänzenden Spitzen der
Kaiserherrlichkeit, die sie sahen; ganz nahe daran waren sie. Und wenn
einer die bellenden Stimmen jenseits der Straße hörte, seufzte er:
»Bruder!«, mit tränenden Augen, entzückt. Sie erhoben sich und zersprengten
ihre Schädelkapsel auf der Straße, zermorschten im Fall einen Sterbenden.
Als die Nacht vorrückte und viele auf den Gassen, in den Erdlöchern, unter
den Dächern phantasierten, blies ihnen etwas streifig Helles, Weißes,
Spitzkühles in den Nacken über den Hinterkopf herauf. Sie wurden, wenn sie
sich umwandten, von einem unsichtbaren Dämon ergriffen; auf einen Schrei
riß etwas ihren Körper zuckend in die Länge, streckte ihn in einer Spannung
hin, als sollten Füße, Hände, Kopf vom Rumpf dehnend abgerissen werden. Und
dann schleuderte es die Glieder hin und her, rollte den Leib wie einen
zerfließenden Kuchenteig. Wenn sich die Menschen schweißtriefend von dem
Kampf erholten, schrien sie über die Feigheit des Dämons. Er möchte einmal
wieder herankommen, sich nicht verstecken. Sie stierten mit glasigen Augen,
speiend, um sich. Und er kam wieder. Mit einem Ruck hatte er sie gefaßt.
Sie grätschten und schnellten, wie vom Katapult geschossen, zusammen. Bis
die lange Starre ihre Sehnen eisenhart anfaßte, in schwerster Wut nicht
losließ. Und wenn sie sie losließ, so blinzelten sie noch sonderbar und
vergaßen zu atmen.
Als Abends von den Mauern aus ein Lärm in die Mongolenstadt hinein sich
fortpflanzte, fuhren die Nachtwächter eilig in der unteren Stadt schwere
Holzblöcke auf Ochsenwagen heran, häuften sie vor dem Tore nach der oberen
Stadt auf. Sie durften keinen Eingeschlossenen herauslassen. Es schlug von
innen gegen das Tor.
Das Toben drin nahm von Augenblick zu Augenblick zu; bald mußte die ganze
untere Stadt geweckt sein.
Nun wirbelten drei Wächter ihre Trommeln durch die Straßen, weckten die
hundert ehemaligen Provinzialsoldaten, die über die Stadtteile verstreut,
noch Waffen bei sich hatten; sie sollten kommen, um einen Ausbruch der
offenbar angegriffenen Sektierer nach der unteren Stadt zu verhindern. Wie
die Soldaten anliefen, die Wachtürme der Stadt erstiegen, lag das Feld bis
an die Kieferwaldung im umwölkten Mondlicht regungslos da; völlige
Finsternis in den Straßen der Mongolenstadt, in der das tausendfältige
Gebrüll, Kreischen und Heulen brodelte. Der Feind mußte schon in der Stadt
sein. Aber das Unheimliche: man hörte keine Waffen schlagen, keine Bogen;
kein Haus brannte.
Drin raste man. Und jetzt war es klar, daß die bösen Dämonen, die die
Brüder und Schwestern bisher bezwungen hatten, sich losgemacht hatten und
über sie selber hergefallen waren. Man weckte Priester und Bonzen der
Stadt.
Drin hörte man Leitern an das Tor anstellen; gedämpft knirschende Körper
purzelten herunter.
Mit einmal schauten dicht nebeneinander zwei gedunsene verzerrte Gesichter
über das Tor, Schaum vor den Mündern, wie die Pferde geifernd. Die Priester
wirbelten ihre bronzenen Weihrauchbecken, hohen Rauchfässer und knallten
sie ihnen ins Gesicht. Aus den zerbrochenen Fratzen tropfte dickes Blut
herunter auf die Wächter, die entsetzt zurückwichen. Die Priester richteten
Brander über die beiden oben, die sich höher zogen. Plötzlich bäumte sich
der eine und krachte herunter. Der andere gröhlte unmelodisch zum
Nachthimmel, wälzte die zottige Brust über den Torrand; dann stürzte innen
seine Leiter um; er sackte abwärts; seine Hände blieben am Tor hängen; die
Soldaten hieben ihm die Finger ab; er plumpste schwer und lallte lange an
der Erde.
Kein Bürger der unteren Stadt wagte sich auf die Straße. Gegen Morgen legte
sich das Geschrei. Ein gelegentlicher geller Ruf wehte herunter. Den
letzten Teil der Nacht schmachtete aus einem Haus der Straße, die parallel
dem Tor lief, eine einzelne Stimme, eine Mädchenstimme; sie sang Verse
eines unflätigen Liedes; dazwischen lockte sie, rief Männernamen, röchelte.
In der grauenden Dämmerung wurden die äußeren Stadttore geöffnet. Die
Händler, Gemüseverkäufer, zahllose Karren bewegten sich die Straßen herauf,
die Wasserträger kamen. Wagen stauten sich vor dem Tor der Mongolenstadt.
Man machte Platz für die grüne Sänfte des Tao-tai. Der Befehlshaber der
ehemaligen Provinzialtruppen, jetzigen Stadtgarde, ein baumlanger Mensch,
gab Befehl zum Öffnen des Tores. Die Balken wurden weggeräumt; die
Querbäume gelöst; die Soldaten schoben die Flügel zurück.
Im Augenblick, wo sich das Tor öffnete, sauste von dem Torbogen ein
abgelöstes Mauerstück herunter, hüllte den Eingang in dicken Staub. Man
mußte mit Gewalt die beiden Türflügel verschieben, die inneren Querriegel
umbrechen, bis der Eingang frei war.
Drin hatten die Eingeschlossenen vor Anbruch der Nacht als Barriere einen
schweren Eisenstab noch zwischen den Steinwall geklemmt; an dem lehnte
gebückt eine ganze Reihe Menschen; als man die Schranke abhob, stürzten die
Körper den Eindringenden entgegen, krachten mit den Gesichtern vornüber
zwischen sie hin. Einzelne von diesen lebten und riefen die Städter mit
schwachen Stimmen an. Die Soldaten zogen voran. An einer Straßenecke
standen schräg gegeneinander zwei Mädchen; eine den Kopf auf der Schulter
der andern; sie fielen erst um, als man der einen die Arme von der Hüfte
ihrer Freundin losriß. Hier und da bliesen Sterbende die Backen auf in
langen Pausen. In mehr als zwanzig Häusern, auf Treppen fand man Frauen in
Blutlachen; sie hatten in den Krämpfen entbunden; in den Krämpfen hatten
sie sich Nabelschnur und Mutterkuchen aus dem Leib gezerrt, waren rasch
verblutet.
Auf der Treppe eines Hauses, das in einem Winkel des Marktes stand,
zappelte eine mit Narzissen geschmückte junge Frau; sie gellte: »Ich bin
Liang-li; ich will zu meinem Vater nach Schön-ting.« Als man sie an den
Füßen herunterzerrte, schlug sie um sich und war tot.
Man drang in die Zimmer des Hauses. Ein kleiner Mensch hockte auf dem
Ofenbett in einer Ecke des wüsten Zimmers. Er maulte, als die Soldaten
eintraten.
Er starrte sie an, den Kopf balancierend, von den beschlagenen Augen mühsam
die Lider hebend. An seinen Mundwinkeln zähe Schleimklumpen. Seine Lippen
hellgelb; sein Gesicht von einer dicken wächsernen Haut überzogen; Löcher
in den Schläfen. Schnarchen, Näseln: »So kommt sie doch; die Königliche
Mutter kommt selber.« Lächelte stolz wie ein Befehlender.
Der vorangehende Soldat erkannte den Führer der Rebellen, nahm ein rotes
Papier in den Mund, um den Dämon nicht an sich zu locken. Er riß erst
Ma-noh mit der Spitze eines Pfeils einen Schmarren über Mund und Kinn. Der
runzelte die Stirn, schob sich an der Wand in die Höhe, krächzte tierisch:
»Pfui, ah, pfui!« torkelte in Wut und Grauen nach vorn. Der Soldat fing ihn
an der Brust, drückte ihn würgend vom Ofenbett auf die Diele.