Mit eingesunkenem Rücken, starren Blicken, wie eine Witwe, saß Wang auf dem

Lehmboden neben dem niedrigen Holzgestell, einer Bahre, auf der ein

zusammengebundener Zeugklumpen, eine rohe Puppe lag. Wang hielt sein Messer

in der Hand, schnitt sich aus dem aufgelösten Zopf eine Strähne ab, legte

sie auf den Zeugklumpen. Der älteste der Strolche, ein schwachsinniger

gutmütiger Taps ohne Zähne, ein Ausbund von Schmierigkeit, trippelte aus

dem Haufen an die Bahre, legte ein Teeblatt in einem Stückchen roten Papier

der Puppe auf den Mund. Er wickelte einen langen Schal aus einer

zerrissenen Hose um die Beine der Leiche, damit sie nicht aufspringen möge

und ruhen bleibe. Von draußen hörte man in dieser Stille ein Knarren,

Scharren und Rauschen; vor der Hütte schwang einer ein riesiges Sacktuch an

einer Latte wild und unaufhörlich durch die warme Luft, das Seelenbanner;

er lockte den Geist des Toten aus der nächtlichen Luft her.

Der kleine dumme Tapps verneigte sich zahllose Male nach den vier

Himmelsrichtungen, rief unter Sprüngen und Händeaufheben Kuei-wang, den

König der Unterwelt, an, empfahl ihm den neuangekommenen Geist. Und alle

zusammengewürfelten jungen und alten Landstreicher dachten in dem

Augenblick an das Fest am fünften Tag des siebenten Monats, an dem ein

kleines Schiff mit dem Kuei-wang den Fluß herunterzieht, der Dämonenherr in

schwarzer Jacke mit dem Kragen aus Tigerfell, dem Schurz und den Stiefeln

aus Tigerfell, den Dreizack in der Hand; seine schwarzen Haarbüschel

wulsten sich unter dem Diadem weit hervor. Und hinter ihm stehen steif die

kleinen drolligen Dämonen, mit der viereckigen Mütze, der mit dem

Rindskopf, der mit dem Pferdemaul und die zehn pausbäckigen, puterroten

Höllenfürsten und lassen sich angucken.

Sie trugen vorsichtig zu vieren die Bahre mit der Puppe heraus, Wang voran;

die andern torkelnd, umschlungen hinterher, mit den Laternen über einen

kurzen Weg zu dem steinigen Acker, nach rechts und links Mehlkügelchen

streuend für die hungernden Geister. Versenkten die Figur in ein flaches

Grab. Kleine Papierstückchen glimmten auf, Geld für den Toten; übel

qualmten Lumpen und Lappen, seine Anzüge.

Mit leeren Holzbrettern zogen sie grunzend aufwärts. Die Laternen

schwankten. Der Morgen graute über Tsi-nan-fu. Als sie oben in die Hütte

stampften, war Wang verschwunden.

* * * * *

Aus Furcht vor den Häschern und aus Furcht vor den Schrecknissen von

Tsi-nan-fu floh Wang-lun nach Norden. Er überschritt die Grenzen von

Schan-tung, durchquerte die Ebene von Tschi-li im Herbst und erreichte, dem

schmalen Hun-ho folgend, unter heftigen Schneestürmen den Schutz der

Nan-kuberge im nordwestlichen Tschi-li. Er mied jede Stadt. Meist war er

allein. Er hungerte viel; verdiente, wenn die Not groß wurde, durch

Lastentragen, Kohleschleppen, ein paar Cent; aber er hielt es nirgends aus.

Auch widerte ihn jede längere Arbeit an. Er kannte von Haus aus nicht die

pflanzliche Geduld seiner Landsleute. Er bettelte.

Als es kalt wurde und der Herbstregen durch seinen zerfetzten Kittel

sickerte, tat er sich mit zehn Wegelagerern zusammen; sie warteten drei

Tage und Nächte vor der Kreisstadt Tu-ngan, bis eine wenig bedeckte

Karawane mit Ziegeltee ganz in der Frühe ankam. Sie zogen den brüllenden

Kaufleuten die wattierten Überjacken aus, ließen sie sonst mit höflichem

Spott weiter ziehen.

Den ganzen Winter verlebte er auf diesem Gebirge. Es wimmelte von

Einsiedeleien, kleinen und größeren Klöstern; der heilige Berg Wu-tai-schan

war nahe. Den ganzen Winter über herrschte ein lärmendes Treiben auf den

breiteren Straßen und den schmalen Wegen. Von den nördlichen Pässen

strömten die Menschen mit Pferden, Packeseln, Kamelen. Sie brachten

Geschenke, Opfergaben nach dem südlicher gelegenen Berg, dessen Klöster

sich auf gewaltigen kahlen Felsmauern erhoben; die gelben Steinwände fielen

schroff ab; auf ausgehauenen Serpentinen wanden sich die Züge hinauf in die

dünne Luft.

An einem nicht breiten Fluß mit tobenden Schnellen hielt sich Wang-lun die

harten Monate auf. Der Fluß durchbrach die Granitmassen, ungeheure braune

Flächen stiegen senkrecht nieder; vor dem gebieterischen Wasser legten sie

sich in sanfter Neigung um. Wenig Geröll ragte über der schwarzen Fläche

hervor; darum kreiselten die Wellen weiß mit Gischt. Weiter nach Osten, wo

der Fluß der empfangenden Ebene zudrang, wichen die Felsen auseinander, mit

neuen Vorlagerungen; ganz fern senkte sich alles.

An einer Felsstraße, unter einem überhängenden Block, dessen Rücken mit

immergrünen Tannen bestanden war, wohnte Wang-lun bei einem Einsiedler.

Kein Regen, kein Schnee fiel in ihre geschützte Hütte; die eisigen Winde

glitten pfeifend aus den Schlünden vorbei. An wärmeren Tagen ging er tiefer

herunter, wo an dem Fluß die kleinen Wassermühlen arbeiteten, Pochwerke, in

denen Sandsteinhämmer in feste Mörser fielen, um das Holz und den Talkstein

für Kerzen zu pochen. Da unten saßen Bettler, entlaufene Verbrecher,

Faulenzer, Wegelagerer. Wang führte ein Doppelleben. Er ging unruhig hin

und her und saß, auf irgend etwas wartend, bald hier bald da. Nur

sekundenweise, mit einem Zusammenpressen des breiten Mundes, einem Runzeln

der niedrigen Stirn, dachte er an Tsi-nan-fu, an die mauerumzogene Stadt

der Tausende. Nur in dem eindringlichen Blick, der oft ganz inhaltslos

haftete, stand etwas von einer kleinen getünchten Mauer, einem

Säbelblitzen, einem langen langen Sitzen in einem finsteren Wegeschrein für

obdachlose Geister. Sein rechtes Auge, das sich unter einem auffällig tief

hängenden Oberlid bewegte, drehte sich in leichten Zuckungen und schielte

nach außen.

Im übrigen hatte er schon in der Ebene seine freche, unbehinderte

Lustigkeit wiedergewonnen. Er trug sich vorübergehend mit dem Plan, in die

Gilde der Dachdecker einzutreten. Er erlangte bei seinen Gefährten am

Pochwerk leicht die Oberhand. Daß er kräftig und unverbraucht war, hätte

ihm in diesem gewalttätigen Kreise allein nicht viel geholfen. Den

Ausschlag gab seine spielende Art Menschen zu behandeln. Er hatte dies bei

seinem alten Toh gelernt: demütig und schmeichelnd zuzuhören,

unaufdringlich auszuforschen, leicht schon im Wiederholen das Gehörte zu

retuschieren, unmerklich und mit wunderlicher Offenheit, die eine

Ehrlichkeit vortäuschte, eigene Wünsche zu unterschieben.

Die Strolche, mit denen er tagelang hockte, schwankten in ihrer Auffassung

über ihn. Ein paar jüngere nahmen ihn nicht für voll; sie hielten ihn für

einen Halbnarren mit entsetzlicher Gewandtheit, eine Art Affenmenschen.

Wang wurde bösartig, wenn man seine Späße mißverstand, ließ seine

Liebenswürdigkeit wie eine Maske fallen, stieß schlimme Drohungen aus; daß

er aber dann sich finster zurückzog, tagelang die Gesellschaft mied, bewies

ihnen seine Verworrenheit. Die älteren scheuten ihn. Sie nörgelten nicht an

seiner kindischen Verspieltheit; ihnen fielen die nicht seltenen Minuten

seiner unheimlichen Entrücktheit auf. Sie hatten ein Gefühl von Ehrfurcht

vor solchen Dingen. Sie spürten ein schweres Leiden in ihm, und sie hielten

Leiden für eine Fähigkeit, eine Gabe. In den niedrigen Leuten schwang der

alte Geist des Volkes; mehr als in den Literaten strömte in den

Gestrandeten, viel Erfahrenen das tiefe Grundgefühl: »Die Welt erobern

wollen durch Handeln, mißlingt. Die Welt ist von geistiger Art, man soll

nicht an ihr rühren. Wer handelt, verliert sie; wer festhält, verliert

sie.« Wang bot ihnen ein heimatliches Gefühl. Sie hingen ihm auf ihre Art

an, besorgten sich um ihn brüderlich, um den Stärksten unter ihnen fast

mütterlich.

Das feine Klappern der Pochhämmer, das gleichmäßige Gischen des Flusses

scholl zu der Einsiedelei hinauf. An der Bergstraße, in deren Wand bei

jeder Biegung des Weges eine fromme Inschrift eingegraben war, saß Wang-lun

bei Ma-noh.

Zu Ma-noh war er eines Tages betteln gegangen. Wang hatte geglaubt, einen

bärtigen Mann in Nachsinnen zu finden, der ihm mit sanften Worten von

seinen Vorräten abgab. Statt dessen prallte eine hohe Stimme gegen ihn, wie

er die Stiege betrat. Am Eingang der Hütte riß eine Hand an seinem Ärmel,

zog ihn herum. Ein spitzes Gesicht fuhr dicht an seines, in einem schwer

verständlichen Dialekt wurde gefragt was er wolle. Seine scharfen Augen

konnten sich inzwischen an das Halbdunkel gewöhnen. Ma-noh trug einen

Mantel aus kleinen bunten Flicken, die wie Fischschuppen übereinander

standen. Es war ein kleiner etwas gebückter Mann, der sich wie ein

verschrobener Alter gebärdete, ein verblüffend junges frisches Gesicht

zeigte, schlanke gebogene Nase, feiner Mund mit Rednerfalten, unsichere

Augen, die vor jedem Gegenstand zurückwichen wie aufschlagende Gummibälle.

Er pfiff mehr als er sprach. Beim Anblick der Umgebung klopfte Wang das

Herz; sie erinnerte ihn an den dunklen Tempel des Musikfürsten

Hang-tsiang-tse in einer fernen Stadt. Als er ein paar demütige Phrasen

leierte, Ma-noh ihm ein Stück Ziegenkäse in die Hand drückte, stand er noch

gefesselt herum, tat Fragen nach den Götterbildern, die auf einem kleinen

Regal standen. Ma stellte sich mit dem Rücken vor sie, sprach hastig, was

Wang nicht verstand. Der neugierige höfliche Bettler fragte gelassen

weiter, erzählte eine erlogene Geschichte von einem Priester in Ki; der

Einsiedler sprang, machte eine verwunderte Miene über die Kenntnisse des

Strolches. Schließlich erzählte Wang, er sei eine Stunde von hier ansässig,

bei einem Pochwerk beschäftigt, bat den weisen Herrn, ihm von der Kraft

seiner Götter Kunde geben zu wollen, denn er sei mit seinen Göttern

unzufrieden. Widerwillig lud Ma-noh den ungewöhnlichen Gast zum Teetrinken

ein.

Und dies war der Anfang ihrer Bekanntschaft.

Der unruhige Mann, der später mit dem Flüchtling aus Schan-tung sein Haus

teilte, war ein Mönch, aus Pu-to-schan entwichen, jener herrlichen Insel im

Süden.

Stumm und mild saßen seine Buddhas im Hintergrund der Hütte. Die Ohrlappen

bis auf die Schultern gezogen, unter dem blauen aufgeknoteten Haar die

runde Stirn mit dem dritten Auge der Erleuchtung, weite Blicke,

aufgehelltes, fast verdunstendes Lächeln über dem vollen glatten Gesicht,

über den aufgeworfenen Lippen, feine Hände preziös zur Brust erhoben,

hockend auf runden schlanken Schenkeln, Fußsohlen nach oben gedreht wie das

Kind im Mutterleib. Ma gab den Buddhas, oder wie Wang sagte, den Fos

verschiedene Namen; sie sahen sich alle ähnlich. Nur ein Buddha war anders,

dessen Name schon nach Schan-tung gedrungen war, eine Göttin, die Kuan-yin.

Aus Bergkristall stand sie inmitten der andern, mit unzähligen Armen, die

sich wie Schlangen aus den Schultern rangen und einem Mund, der sich so

zart verzog, wie wenn ein leichter Wind über eine Weidenpflanzung fegt.

Und mit einer aufschließenden Erschütterung hörte Wang, was diese Fos

lehrten: daß man keinen Menschen töten dürfe. Ma-noh war verblüfft über

Wang; er lachte über ihn; dies lehrten doch eigentlich schon die Richter.

Wang, betreten, sagte ja; aber dann schossen seine Brauen hoch, das rechte

Auge drehte sich in Zuckungen und schielte nach außen. Er nickte mit dem

Kopf: »Die Fos lehren gut. Die Richter lehren gut. Aber nur deine Fos haben

recht, Ma.«

Ma liebte ohnmächtig die Buddhas. Zu einer Zeit schrie er ihnen seine

ehrgeizigen Wünsche, und was sie ihm nicht erfüllt hatten, in die riesigen

Schalltrichter ihrer Ohren und stellte sich bläkend vor sie. Zu anderer

Zeit überwältigte ihn die Hoffnungslosigkeit, ohne Sinn streckte er sich

auf dem blanken Steinboden. Sie blickten über ihn weg mit dem Lächeln, das

fast verwehte. Er mühte sich um sie, fühlte sie als Herren; und sie wurden

ihm nichts, wie er sich um sie bemühte.

Und doch war ihm zu keiner Zeit der Gedanke gekommen, den Wang einmal

vorschlug, als er wieder dicken Staub auf den Gesichtern der

Allerherrlichst-Vollendeten fand: die Bildsäulen auf einen Karren zu laden,

nach der Nordseite der Straße zu fahren, und vorsichtig die Fos einen nach

dem andern in die Stromschnellen zu schütten.

Ma haßte seinen Gast wegen dieses Gedankens. Er fühlte sich durchschaut,

weil Wang zu wissen schien, daß er es nicht konnte. Und ganz inwendig war

er neidisch auf diesen Gast, der so einfach einen ungeheuren Plan hinwarf

und bereit schien, das Unerhörte sofort auszuführen. Er verfluchte Wang

laut vor dem Regale, auf der Kniematte liegend, daß der Amithaba es hörte:

wie schlimmes jener geredet hatte und wie er sich jetzt bezwang, sich

niederzwang, und seine Zuflucht nahm zu dem Gesetz, zur Lehre, zur großen

frommen Genossenschaft, wie die Formel lautete. Er stellte sich ein,

unaufhörlich den Namen Omito-fo murmelnd, und ging entzückt über sich wie

eine Schleichkatze den Pfad; er sah den Pfad dünn sich hinschlängeln, einen

Faden, der ihn nachzog, über die ersten Erhebungen, dann über die vier

Stufen zur Seligkeit. Nun in die Strömung eingegangen, nun einmal

wiederkehrend, nun keinmal wiederkehrend, nun Archat, Lohan, sündenlos

Würdiger, der mit demselben Blick Gold und Lehm, den Katalpabaum und die

Mimose, den Sandelbaum und die Axt betrachtet, mit der er gefällt wird. Und

oben die Freudenhimmel, wo sich voneinander trennen, wie durch Strahlung

voneinander weichen, die sonst zusammenfließen würden: Geister des

begrenzten Lichts, die Bewußtlosen, die Schmerzlosen, die Bewohner des

Nichts und schließlich jene, welche da sind, wo es weder Denken noch

Nichtdenken gibt.

Stumm und mild saßen die Buddhas auf dem Regale; die Ohrlappen bis auf die

Schultern gezogen, unter dem blauen aufgeknoteten Haar die runde Stirn mit

dem dritten Auge der Erleuchtung, weite Blicke, ein aufgehelltes, fast

verdunstendes Lächeln über den aufgeworfenen Lippen, hockend auf den runden

schlanken Schenkeln, wie die Kinder im Mutterleib die Fußsohlen nach oben

gerichtet. Es füllte eine stundenlange Stille die finstere Hütte des Ma.

Wäre sein Abt, der Chan-po, hereingetreten und hätte ihn wie früher an den

Schultern gefaßt und mit den kalten Augen das spitze entrückte Gesicht

betrachtet, so wäre wieder das stille zornige Lachen erfolgt, das Ma oft

gehört hatte. Bevor er noch seinen weisen Lehrer fragen konnte, ging der

Alte immer mit Kopfschütteln hinaus. Und Ma, frierend, zerschlagen,

beantwortete sich willenlos seine Fragen selbst, während er sich die

blaugefrorenen Finger rieb: man fliegt nicht in den Götterhimmel; die Söhne

Cakyas gehen den Grat hinauf, über die vier Stufen, die vier schweren

Stufen.

Ma konnte nicht gehen, nicht mehr von dem Augenblick an, da er wußte, wohin

der Weg ging. Auf Pu-to, der Insel, in der Halle der Versenkung, hatte ihn

nach Schluß einer Schiffermesse das Gefühl heimgesucht, das weich und

streng zugleich ihn wie ein Balken durchdrang und sich um ihn langsam

drehte; und darauf kam eine schmerzliche bittere Hingerissenheit, und

darauf ein doppeltes Winken von seidenen Tüchern, rot und gelb, von zwei

Seiten her. Die Tücher, groß wie Laken, schlossen sich unaufhörlich

rollend, bewegt zusammen; in der Mulde, in dieser mittleren Mulde glitt er

hin. Seine Füße waren wie die eines Toten mit Binden umwickelt. Der Luftzug

von den Tüchern hob ihn etwas an, und doch glitt er in einer Linie weiter.

Eine Fächerpalme kam. Etwas Graues, Großes schnellte näher, ein Ei, eine

riesige graue Perle. Bei ihrem Anblick wallte es in ihm wahnsinnig; er

ächzte, richtete sich auf, lief über die Ähren eines Feldes, schwamm

händeringend um die Perle, gegen die er sich in einer züngelnden Welle

verlor.

Ma wußte nichts von seinem Traum, als er aufwachte. Sein Ächzen war das

einzige, was ihm ins Ohr scholl. Mit solchen Träumen aber schlug die Welle

von Unruhe in ihn hinein. Er fing an, Maßregeln der Klosterdisziplin zu

kritisieren. Statt Versenkung nach Versenkung, Überwindung nach Überwindung

zu klimmen, wie die Lehre fordert, wartete er auf die letzten höchsten

Zustände, wie ein Verliebter auf das Rendezvous. Und wußte dabei mit

schneidender Deutlichkeit, daß er sich in jeder Versenkung betrog, daß die

goldenen Buddhas ihm so fern, so undurchdringlich waren.

Und doch mußte er sie erreichen, wenn er nicht endlos wiedergeboren sein

wollte; er mußte das Ufer der Rettung erreichen, wenn er nicht ertrinken

wollte; so peitschte das Tha-mo ein, das gute Gesetz von den Welten, den

atmenden Wesen, der Zerstörung und Erneuerung der Welten. Er lief eines

Tages an den Strand; ein Bootsknecht setzte ihn über; seine Wanderschaft

fing an. Es hatte sich nichts während der zehn Wanderjahre durch die

Provinzen Ngan-wei, Kiang-su, Ho-nan in ihm geändert.

Ma-noh betrat kein Kloster mehr. Er verschrullte, wo er wie ein Kakihändler

seinen Karren mit den Buddhas schob und sich zuletzt an der Bergstraße auf

Nan-ku ansiedelte. Er umschlich den heiligen Wu-tai-schan, konnte sich

nicht losreißen von diesen Dingen, an die ihn nur seine Unzulänglichkeit

bannte. Der Fischersohn von Hun-kang-tsun wurde ihm rasch zu einer tieferen

Quelle des Nachsinnens als die hundertacht Figuren auf der Fußsohle des

Cakya-muni und die achtzehn Bedingungen der Unabhängigkeit. Dieser Bursche,

der ihn auf Schritt und Tritt belog, gehörte ohne Zweifel zu den Strolchen,

mit denen das entlassene Heer die Provinz überschwemmte. Er drängte sich

seinem Wirt auf. Seine Fragen, seine haftenden Blicke beleidigten ihn. Am

meisten aber beleidigte es Ma, wie Wang mit den fünf Buddhas umsprang,

zuerst wie jeder rohe Chinese, als hätte er Angestellte oder Rechtsanwälte

vor sich, die man nach Erfolg lobt oder wegschickt. Später mit einer

zudringlichen Nähe, die Ma quälte. Und darum quälte, weil er fühlte, daß

alles Verleumden nichts half, daß Wang unerklärliche Fühlung zu diesen

stummen milden Wesen gewann. Ma schloß neidisch tagelang seine Klause, ließ

den bekannten Gast nicht ein, ahmte drin vor dem Regale Wangs Mundspitzen,

Kopfsenken, stilles Schielen nach. Wenn ihn nichts von Ruhe überkam, bewarf

er Wang mit Vorwürfen, spuckte sich auf die Füße, weil er so dumm war, die

Eifersüchteleien des Klosters wieder einzulassen. Ja dieser Netzflicker

kniete auf der Bambusmatte vor dem Regal, als wäre Ma-noh nur sein

Tempelverwalter, vor den Buddhas, die Ma zehn Jahre vor sich geschleppt

hatte durch die endlosen Provinzen Ngan-wei, Kiang-su, Ho-nan, der

Strauchdieb, der sicher einen Menschenmord auf dem Gewissen hatte.

Es gab ein Ringen zwischen ihm und Wang, Wiederkauen der Vorwürfe,

langsames Vollaufen von Unwillen. Wang kam ununterbrochen, konnte sich an

Sutren und Sentenzen aus den heiligen Büchern nicht sättigen; Ma-noh mußte

ihm widerstrebend mehr geben; der große Mensch nickte dazu, als hätte er

dies und jenes schon erwartet. Schamlos erschien dies Ma-noh, und er rang

die mageren Hände, gab sich in seiner eigenen Wohnung verloren, war

gehemmt, vor Wang die Tür zu verriegeln. Wenn der Strolch auf der

schmutzstarrenden Matte kauerte, Lehren auf seine plumpe Art wiedergab,

setzte sich der kleine Mönch atemlos neben ihn, fühlte sich ängstlich an

ihn heran, beschnüffelte ihn. Zweimal wies er Wang in einer Aufwallung die

Tür.

Ein stiller Augenblick, der das Gebirge um Ma-noh weit werden ließ, war es

dann, als sich Ma einmal abends nach Wangs Fortgang vor seiner Tür bei

etwas Merkwürdigem ertappte: wie er in einer zerfließenden Versunkenheit

den schneeschweren Himmel betrachtete und dabei klar wußte, daß er Wang

unterlegen sei und nicht litt. Plötzlich in der folgenden Nacht trat vor

ihn die Erinnerung an diese Versunkenheit. Dumpfes Staunen hinter diesen

Zustand: »Und nicht litt.« Er war Wang unterlegen und litt nicht. Das

Gefühl zog sich eng über seine Haut, machte das Herz zu einer Feder; zart

und schlecker dachte es in ihm hin zu Wang unter kniebrechender Knechtung:

»O wie gut ist es, Ma-noh zu sein.«

Nur Minuten.

Dann wehrte er sich, knirschte alles bedächtig herunter, legte sich vorn

über seinen Leib und zersprengte das Gefühl.

Erschrak zum Schluß über sich und das ganze Geschehnis. Zerrte sich in den

Schlaf.

Konnte in den nächsten Tagen Wang nicht unter die Augen treten; schämte

sich vor ihm, und sich selbst stach und biß er. Unberührt aber verharrte

dieses Gesicht in ihm: »Schneeschwerer Himmel, und ich bin Wang

unterlegen.« Es trat aus seiner Brust heraus und zog ihn hinter sich,

wachsend, wachsend. Er überlegte manche Nacht, ob er nicht wieder wandern

sollte. Blieb zu seinem eigenen Staunen. Näherte sich leidend Wang. Ihre

sonderbaren Gespräche nahmen einen Fortgang. Es folgten die Tage, wo Ma-noh

ungeduldig wurde, wenn der Strolch nicht hereintrampelte, wo er sich

erkundigte, was er vorhatte, auf das Halunkenpack hetzte.

Der Priester belehrte den Strolch mit einer Empfindung von Angst. In ihm

rüstete sich alles, die Waffen zu strecken.

* * * * *

Eine eisige Kälte stellte sich zu Beginn des neuen Jahres ein. Die

Felsenwege wurden ungangbar unter der Glätte. Auf höheren Partieen des

Gebirges lag der Schnee wie Daunen meterhoch geschichtet. Trat man in die

weißen Massen, so schrumpften sie nicht weich zusammen; es gab ein zartes

Klirren wie von tausend Schieferplatten, der Schnee riß Wunden in die

Hände. Die Luft, zuerst von einer tiefgrünen Durchsichtigkeit, nahm einen

grauen Ton an.

Eine mongolische Karawane, die von den nördlichen Pässen herüberkam, zog

dicht bis an die Nan-kuberge. In einer Nacht erfroren fünfunddreißig

Maultiere; zwei Bären saßen am hellen Morgen unvertreibbar mit rot

unterlaufenen drohenden Augen bei einem Pferde, von dem man nicht wußte, ob

es erfroren oder lebend zerrissen war. Die Tee- und Seidenballen, die

mächtigen Pelze blieben auf dem letzten Paß liegen, die Pilger

überwinterten in einem rückwärts gelegenen Dorfe.

Nach dieser Karawane kam niemand mehr über die Straßen zum Wu-tai-schan. Es

sollten die Menschen zur Erstarrung, die Berge zum Springen gebracht

werden. Die Pochwerke hatten ihre Arbeit eingestellt. Der Fluß, schmaler

als sonst, blies durch die Täler seine Luft, die von der Kälte zum

Ersticken verdichtet war.

Die Wegelagerer und Verbrecher hatten sich zu einem kleinen Teil in die

Dörfer geschmuggelt, welche westlich und östlich der Berge lagen. Die

übrigen warteten eine kleine Zeit auf die Pilgerzüge, von denen sie lebten.

Dann schlossen sich überall größere und kleinere verzweifelte Haufen

zusammen. Die Wege, hinter die sich die Höhlen und Hütten der Heimatlosen

verkrochen, mußten bald unübersteigbar werden; dann gab es kein Hin und

kein Her.

In mehrere gewundene schmale Höhlen, die vor dem Wind geschützt waren auf

der Straße oberhalb Mas Einsiedelei, hatte sich der Haufen geflüchtet, zu

dem auch Wang hielt, etwas über fünfzig Mann. Aber nach zwei Tagen, als

fünf nach verhungernden, erfrierenden Genossen suchen gegangen waren auf

den zugänglichen Straßen, Abhängen, Tälern, waren es achtzig geworden. Es

gab keine lange Beratung. Die neun Geachtetsten unter ihnen bestimmten, daß

das etwa sechs Stunden entfernt gelegene Dörfchen Pa-ta-ling gleich

geplündert und eingenommen werden sollte.

Unterwegs während des Abwärtskletterns kamen einzelne überein, und es

verbreitete sich unter die andern, daß von den Bewohnern des Dörfchens

niemand entweichen dürfe; man müßte sie entweder einschließen oder

niederschlagen. Es gab beim Abwärtsrennen der Männer, zu denen kurz vor dem

Dorfe noch ein kleiner Haufen von dreißig Ratlosen stieß, ein

unaufhörliches Schreien, Zusammensinken, Wimmern um Mitnehmen. Die

Kräftigen hielten vor Hunger den Mund offen und bissen in den Wind; sie

liefen besinnungslos. Sie trugen abwechselnd die älteren und leichten

Vagabunden auf dem Rücken. Sie liefen den letzten Rest des Weges durch ein

welliges Tal völlig schweigend in einer langen Linie, die nach hinten

breiter wurde; die Starken wie Windhunde voran, ohne Gedanken an die

Folgenden.

Das Dorf hatte fünfzig Häuser, die an einer einzigen Straße lagen bis auf

vier Häuser, die um einen immergrünen Eichbaum beim Eingang der Straße von

den Hügeln her standen. Von diesen Häusern sahen die Leute zuerst das

Springen von Menschen über die Schönn-i genannten Felsenklippen, das Fallen

und Aufraffen immer neuer Menschen. Sie näherten sich rasch über den

weißblauen Schnee, es schien als ob sie verfolgt wären. Ihre Zöpfe flogen

wagerecht; man sah sie über die Schultern wie Peitschen schwingen.

Die Frau des Bauern Leh gellte zuerst auf dem Hofe: »Banditen, Banditen,

Banditen!« Es rannten Frauen, Kinder, zuletzt Männer, Betten hinter sich,

die Dorfstraße herunter, schlugen an Hoftore, verschwanden in den Häusern.

Winseln, Kreischen wirbelte über den Höfen, von Dach zu Dach getragen,

zitterte über der leeren Landstraße.

Von den Hügeln her kam das Trappen, das ungleichmäßige Knistern und

Knarren, weitausgreifendes Bewegen, das nicht einmal zu atmen schien.

Gebleichte Gesichter mit reglosen Zügen, Hände, die im Schwung wie Keulen

hin und her schaukelten. Körper, die empfindungslos liefen. Rümpfe, die

steif auf Schenkeln saßen, welche wie Pferde ritten. Hinter der langen

Linie der Einzelläufer schwammen schwarze Gruppen, Hand an Hand gefaßt.

Aufgelöste Nachzügler schleuderten die Arme wie Hämmer, um vor sich Löcher

in die Luftmauern zu schlagen.

Die wenigen auf dem Dorfe, die vor ihrer Türe standen und den

langgestreckten Keil heransausen sahen, sahen auch die schwarzen

krächzenden Vogelschwärme, die mit den Vagabunden die Berge verlassen

hatten.

Die ersten Räuber warfen sich mit Steingewicht gegen die Tore. Sie prallten

hintereinander auf, drangen ein. Die nächsten an die folgenden Tore. Sie

überrannten einander. Das Kreischen ließ nach; die Bergläufer in den

Häusern strömten Eiskälte aus und das Grausen von Sterbenden; sie konnten

ihre Kiefer nicht öffnen; ihre Augen zwinkerten nicht. Die letzten Häuser

waren verrammelt. Ein Heulen entstand draußen, ein Gebrüll verwundeter

Tiere, daß sich die Frauen verkrochen. Die Lebenden draußen hoben die

Körper der Hinstürzenden auf, rannten mit den kopfschüttelnden Rümpfen

gegen die Holzpfosten an. Dann öffneten plötzlich die Bauern die Tore,

fällten die Wimmernden mit Beilen, liefen in die Nachbarhöfe, hackten in

die keuchenden Münder. Nachzügler, die Stärksten, mit den Lahmen auf den

Rücken, hetzten ins Dorf, warfen ihre Last in den ersten Hof, folgten dem

Schreien, zerquetschten die Bauern wie Geschosse, würgten sie,

zerschmetterten ihre Kinder auf der Dorfstraße, wortlos ohne die Mienen zu

verziehen.

Die Toten froren dünn und steif auf dem Wege.

Die Lumpen drängten sich zitternd in den Häusern. Die rohen Gesellen

umarmten und streichelten sich. Die Starken und Schwachen befiel ein

Schütteln. Sie brachen in ein dumpfes Greinen aus, von dem sie sich nach

Stunden noch nicht erholten. Sie schlangen flennend herunter, was sie

vorfanden. Es wurde keiner in den Häusern angerührt von ihnen.

Als die Dunkelheit herunterfiel, gingen zwanzig von den jüngeren Burschen

von Haus zu Haus, verteilten Beile, Dreschflegel, bestimmten Nachtwachen.

* * * * *

Es wurde von der Bande geplant, solange die härteste Kälte anhielt, im Dorf

zu bleiben, dann gemeinsam auszuziehen. Die Hausbewohner wurden davon

verständigt; an den Ortsvorsteher konnte keine Nachricht erfolgen; er war

mitsamt seiner Familie erschlagen.

Man hatte nichts zu fürchten von Verrat während dieser Zeit, der nächste

Ort lag sechs Stunden entfernt, und der Weg ungangbar.

Einen ganzen Monat lag das Dorf von jedem Verkehr abgeschnitten. Eine

Verbrüderung fand unter den Banditen statt. In der Zeit erlangte Wang über

die hundert Männer die Gewalt, die ihm die Rolle des Bandenführers

aufnötigte. Bei den täglichen Streitigkeiten, der Regelung des Verkehrs mit

Ansässigen, der Beaufsichtigung, dem notwendigen Kundschafterdienst setzte

sich seine Körperstärke und schonende Diplomatie durch; die Achtung der

älteren Leute schob ihn vor.

Schon nach zwei Wochen besprachen die Wegelagerer unter sich, nach Auszug

aus dem Dorf nicht auseinanderzugehen, sondern ein bequemeres Leben unter

Wangs Hauptmannschaft weiterzuführen. Wang trennte sich eines Morgens von

ihnen, verschwand auf zwei Tage ins Gebirge.

Er lief zu Ma-noh, fand ihn munter, unter Massen Decken und Werg vergraben,

in einer Ecke seiner Hütte grinsend liegen, brachte ihm Reis, Bohnen und

Teeblätter.

Nach seiner Rückkehr sprach er Tage und Nächte viel mit den Älteren. Daß

sie arme ausgestoßene Menschen seien. Daß man ihnen nichts tun dürfe, wie

sie selbst keinem etwas täten. Daß nichts schrecklicher sei, als wenn

Menschen sich töteten, und der Anblick nicht zu ertragen. Ma-noh, der

Einsiedler aus Pu-to-schan, habe ihm viel Gutes und Kostbares von den

goldenen Buddhas erzählt, besonders von der Frau Kuan-yin, welche tausend

Arme an beiden Schultern hätte und den Weibern Kinder schenkte. Sie seien

seine Freunde und sollten tun wie er. Soviel Leiden bringe schon das

Schicksal allein, soviel Leiden; warum sie der Himmel hasse, wer wisse das?

Er werde, wenn das strenge Wetter nachließe, durch die Dörfer gehen und

allen Leuten, auch den Mandarinen sagen, was er denke; dies sei er fest

entschlossen.

Die Vagabunden, die ihn von den Pochwerken her kannten, erstaunten

keineswegs, als sie Wang so reden hörten; sie hatten solche Gespräche aus

seinem Munde erwartet. Sie dachten nicht daran, sich von ihm abzuwenden;

seine Meinung stimmte völlig mit ihrer überein; der Himmel haßte sie; man

durfte es nicht schlechter machen.

Sie waren gesellige Menschen mit besonderen Vorstellungen über allerhand

Dinge, mit großer Lebenskenntnis, in vielen Dingen überlegen dem

Durchschnitt ihrer Volksgenossen. Es gab kaum fünf unter ihnen, die sich

nicht verjagt und getreten vorkamen und den Eindruck hatten, ein unfreies,

gezwungenes Leben zu führen.

Manche waren die Opfer eines starken Triebes geworden, den sie nicht

beherrschen konnten, auch nicht beherrschen wollten, die alle Schlauheit in

sich aufboten und schärften, um diesem Triebe zu dienen, mit dem sie sich

gleichsetzten. Einige Opiumraucher, Spieler von feinerem Gesichtsschnitt,

ältere Leute. Nicht wenige, die ein Gewerbe trieben, ab und zu betrogen,

entdeckt und bestraft wurden, nun sich schikaniert von den Polizisten

fühlten, Schabernack auf Schabernack, Gehässigkeit auf Gehässigkeit folgen

ließen, die Grenzen überschritten, und im Grunde froh waren, mit einem

Schlage vogelfrei zu werden, der brütenden Gesetzlichkeit entflohen. Dies

waren die Glücklichen, die wenig Bitterkeit in ihrer Freiheit fühlten.

Am schlimmsten waren die Hitzköpfe, die Rachsüchtigen, die Zügellosen dran.

Sie hatten sich, meistens jung, wegen eines Ehrgeizes, einer Verliebtheit,

einer Eifersucht, zu einem verhängnisvollen Schritt reißen lassen, standen

außerhalb ihrer Familie, Sippschaft, Heimat, in deren Rahmen ihre Triebe

wie ihr Verbrechen sinnvoll wurden, gingen mit bösen Blicken herum,

verfluchten sich, kauten an dem unzerreißbaren Gummi ihrer Leiden. Ihnen

nützte nichts; sie waren zu allem fähig; man durfte sie nicht anrühren. Sie

waren nicht mitteilsam, überall dabei, wo etwas vorging und geplant wurde,

machten ihrer Grausamkeit Luft, wo sie konnten, wurden von den Kameraden

scharf beobachtet.

Dann kamen viele, die warteten, die sich angeschlossen hatten, nur um

irgendwo in den achtzehn Provinzen zu hausen. Das waren die entlassenen

Soldaten, die noch ihre zerrissenen blauen Kittel trugen und auf neue

Anwerbung hofften. Krüppel, die aus kleinen Ortschaften stammten, wo man

sie nicht ernähren konnte, und die nun die Wallfahrtswege belagerten.

Tüchtige ernste Menschen, die ihre Familien durch Überschwemmungen verloren

hatten; solche, bei denen der Mißwachs auf den Äckern ein jährlicher Gast

war; solche, die erst vorübergehend aus Scham in die fernen Berge zum

Betteln liefen, dann schwer loskamen und keinen Ausweg sahen.

Es gab besondere auffallende Erscheinungen, unter ihnen Wang-lun; unruhige

Geister, die es nirgends hielt, die hier wie überall unter Vertrauten

auftauchten und verschwanden; derartige Menschenwellen wogten in dem

ungeheuren Reiche viel.

Den harten und unbeweglichen Kern aller Bergläufer bildeten die vier, fünf

alten Verbrecher, welche seit Jahren die Plage der Pässe und höheren Wege

ausmachten. Sie waren freundliche, etwas falsche Gesellen, die viele

Anekdoten zu erzählen wußten, gutmütig die andern aushorchten, über die

jüngeren grobe Späße machten. Einer hatte in seiner Körperfülle das

Aussehen eines würdigen Mandarins; es fehlte ihm an seiner Mütze nur der

Knopf. Er hielt sehr auf respektvolle Behandlung und bediente sich eines

komischen Höflichkeitszeremoniells bei den kleinsten Dingen im Verkehr,

wobei gestört er in unsäglich gemeines Schimpfen ausbrechen konnte. Er war

Hypochonder, äußerst wehleidig und verbrachte das meiste Geld, das er durch

Diebstahl und Raub erwarb, bei kleinen Wurzelfrauen, Hökerinnen in den

Nachbarorten, bei denen er nach Medikamenten ein und aus ging. Er hatte

eine Masse Eigenheiten, schnitzte sehr gewandt Tabaksdosen mit

Blumendeckeln, suchte bei jedem frisch Ankommenden zu erfahren, was es für

Neuigkeiten darin in den Städten gäbe, bemühte sich auf die furchtbarste

Art, wenn er es wollte und es für ihn nötig wurde, die Muster zu

beschaffen. Er seufzte seinen Hökerfrauen vor, die ihn als feinen Herrn

behandelten, wie ein armer Mensch seine Haut zu Markte tragen müsse, um

auch nur eine Spielerei zu erwerben. Wenn er einbrach, war er der zähste,

sicherste Mensch, mit Muskeln von Stahl, einer unbezwinglichen Geduld und

Kälte. Vor Leuten, besonders jungen Männern, die ihn überraschten und die

er angreifen mußte, hatte er einen Ekel, wenn sie sich nicht wehrten oder

um Schonung bettelten, nachdem er sie gefaßt hatte. Er hatte zwei

Kaufmannsgehilfen einmal, die vor Entsetzen auf ihrem Ofenbett laut

schrien, als er in ihr Zimmer nachts eindrang, mit einem Eisenstück erst

betäubt, dann aber, als die kräftigen Menschen trotz seines Befehls unter

ihrer Decke weiter wimmerten, sie mit der ersten besten Schnur einen nach

dem andern erwürgt, war toll, ohne etwas zu nehmen, in die Berge

zurückgerannt. Er führte seitdem den Namen »Seidenschnur«.

Ein anderer dieser fünf Gesellen war ein großer hagerer Kantonese mit einer

Hornbrille. Dieser liebte weder Totschlag noch Einbruch, er war Gelehrter

und verfaßte Gedichte, gesellschaftliche und sittenfördernde Abhandlungen,

Betrachtungen über allerhand Themata, auch aus der Tierwelt, Geologie,

Astrologie. Sein Wesen blieb den meisten der Vagabunden dauernd fremd. Er

hielt sich völlig fern von ihnen; sie kamen in seine Höhle, um sich über

vielerlei Dinge, besonders Krankheiten und günstige Tage, Rats zu erholen.

Es war ein Mann von einer gewissen Bildung, der viele Dichter abschrieb und

saubere Charaktere malte. In diesen großen ruhigen Menschen kam alle paar

Monate eine Veränderung. Die ihn besuchten, merkten das vorher; er hörte

ihnen nicht mehr geduldig zu; es herrschte Unordnung in seiner sonst

ziemlich gerichteten Wohnung im Felsen. Er erklärte selbst, wenn ihn einer

fragte, daß er jetzt viel mit eigenen Sachen beschäftigt sei, nur diese

Tage; sie sollten sich nicht abstoßen lassen; er würde über die Sache, die

sie ihm vortrügen, später noch genau nachdenken und ihnen Auskunft geben.

Dann kamen die paar Tage, wo die Banditen sich nicht von ihrem Gelächter

erholten. Wo der gelehrte Mann schmierig und zerfetzt von oben bis unten

über alle Wege kletterte, bei allen Bekannten vorsprach in diesem Aufzug

unter einem Schwall hochtrabender unverständlicher Worte und Brocken,

dazwischen mit kolossalen Schlüpfrigkeiten, die an ihm sonst unbekannt

waren, um sich warf, und selbst aus dem Lachen nicht herauskam, das sein

Gesicht unter tausend trockenen Fältchen vergrub. Auf diesem Hin und Her,

bei dem er sich keine Ruhe gönnte, kaum ein paar Stunden tags schlief, ohne

sich zu erschöpfen, versteckte sich die hagere Gestalt auch gelegentlich

hinter einem Block bei Mondlicht an einer Straßenbiegung, fiel mit lautem

Geschrei ganze Karawanen an, die nicht selten auseinanderstoben vor ihm,

stieß einen einsamen Pilger, nachdem er lange hinter ihm her mit Wutbläken

geschlichen war, unter einem Freudenjuchzer in den Abgrund, verging sich

bei Marktflecken in viehischer Weise an Frauen und Kindern. Nach ein paar

Tagen saß er wieder in seiner Höhle, zeigte ernst seinen Gästen die

Schrunden und Beulen, die er davongetragen hatte. Er behandelte diese

Verletzungen in den ersten Tagen wie eine heilige Sache, kam rasch in das

alte Geleise, in die gelehrte Arbeit, bei der ihn keiner, unter schwerster

Gefahr, an die unruhigen Tage erinnern durfte. Der Einfluß dieser Männer

auf die andern war gering; schon unter sich kannten sie sich wenig; unter

den andern allen galten sie als gefährliche Sonderlinge, die zu keiner

gemeinsamen Sache zu bewegen waren.

Die Vagabunden sprachen geheimnisvoll über Wang-lun in den überhitzten

Stuben des Dörfchens. Seine langen Besuche bei dem Zauberer Ma-noh brachten

sie zum Erschauern; alle gaben zu, daß dahinter etwas stecke. Er war ein

Verfolgter, der nicht zur Ruhe kam. Ein Buckliger in dem Hause, das auch

Wang bewohnte, schlug auf den Tisch: »Diesem Wang ist in Schan-tung etwas

passiert, er will Gespenster bannen lernen, um sich an jemand zu rächen.

Auf dem Liang-fu-schan sitzt einer, der hat in Krügen die Dämonen der

ganzen Provinz gefangen.« Ein anderer stimmte bei: »Ma-noh wohnt schon

lange oben; er kennt alle Berggeister. Was soll Wang von ihm wollen?« Der

Bucklige: »Ich habe ihn einmal an der Pochmühle sitzen sehen; er schlug mit

den Händen an seinen Augen vorbei. Warum? Er hat Dämonen gesehen und wollte

sie zerquetschen.« Ein Alter legte sich über den Tisch und grinste: »Ein

Gelehrter ist Wang-lun. Er trägt etwas mit sich herum. Was ist dabei

wunderbar, wenn er zaubern kann? Wer eins kann, kann das andere.«

In Wang überwucherte unter dem Einfluß der Gespräche mit Ma die

Versonnenheit und der Ernst. Er beruhigte sich. Die Wände und Vorhänge, mit

denen sich etwas Dunkles in ihm umstellt hatte, fielen; er ebnete und

bewältigte sich in der größten Heimlichkeit. Der Zickzack in ihm kam nur

gelegentlich zum Vorschein; in Possenstreichen, die andere vor den Kopf

stießen, in stundenlanger grundloser Gleichgültigkeit, in vorübergehender

Böswilligkeit, Widerspenstigkeit. Die älteren Vagabunden wußten, daß etwas

Heiliges dahinter steckte, wenn er Späße machte; daß dies nicht anders war,

als ob er sich in einem Krampf wälzte.

Gegen Ende ihres Aufenthalts in Pa-ta-ling stampfte Wang eines Abends

kältegeschüttelt in die Stube; er lachte, brüllte, sprang an den Wänden

herum. Er hätte auf einem frischen, völlig frischen, eben gefallenen weißen

Schneehaufen, sie sollten einmal denken und sich das vorstellen, einen

großen verschlossenen Lederbeutel mit dem kaiserlichen Kriegssiegel

gefunden; und wenn er in den Beutel griffe, hätte er lauter runde

Goldkugeln in der Hand. Er warf einen schwarzen Beutel auf den Tisch. Zehn

glattrasierte bezopfte Köpfe stießen über dem Beutel zusammen, ein

freudiges erschrecktes Schnattern erhob sich. Einer griff und hatte dicken

Kohlestaub bis an den Ellenbogen; ein anderer faßte vorsichtig hinein, es

ging ihm ebenso. Und so zwei andern. Sie sahen sich verblüfft über dem

Tisch mit der Öllampe an, schwiegen betreten, blinzelten gegen den langen

Wang, der ruhig am Ofenbett stand, sahen sich wieder einer nach dem andern

an, schüttelten die Kohle von den Händen. Ein feister hellfarbiger hielt

den Beutel hoch gegen sein Ohr, schüttelte ihn, horchte. Auch die vier, die

in den Beutel gefaßt hatten, drängten sich durch und legten den Kopf an den

Beutel. Der erste stellte den Beutel auf die Tischplatte, wich von dem

Tisch zurück, sagte, ohne Wang anzublicken, mit einem bestürzten

Gesichtsausdruck: »Er hat recht. Wang hat recht.« Er war so fassungslos,

daß er nicht tat, was einem andern, dem Buckligen, nach einer Pause

einfiel: nämlich, ohne den Beutel zu berühren, Wang zu bitten, ihnen das

Siegel des Kaisers zu zeigen und zu fragen, ob es das Siegel Khien-lungs

oder eines früheren Kaisers sei. Wenn er es ihnen aber nicht zeigen wolle,

ihnen doch etwas noch zu sagen über das Siegel; auch über die vielen

Goldkugeln. Sie seien zwar erschreckt, sehr erschreckt, er auch, aber sie

würden es doch gern hören und den andern sagen.

Der lange Wang-lun hatte inzwischen längst aufgehört zu lächeln. Mit einer

Miene, die immer ängstlicher wurde, stand er am heißen Ofenbett; seine

linke weite Hose schwälte am Rost, ohne daß er es merkte und den feinen

sengenden Rauch beachtete. Er ging langsam und ganz unsicher von einem zum

andern, zog ihn an der Hand zur Lampe, sah ihm suchend ins Gesicht: »Was

ist denn? Was ist denn? Was meint ihr denn?« Er stemmte beide Hände auf die

Tischkante auf, hinter dem Tisch stehend, beäugte den Beutel von allen

Seiten, bückte sich, strich furchtsam über ihn. Dann umspannte er ihn mit

der linken Hand, ging mit ihm in die Nachbarkammer, immer Blicke nach

rechts und links auf die Männer werfend, als erwarte er Schläge von ihnen.

Eine dünne Spur des Kohlenstaubs rieselte hinter ihm her. Die Kammertür

versperrte der lange Wang und hockte am Boden in dem engen Raum, in dem nur

Krüge, leere Tonnen und Ackergeräte herumstanden, drehte eine Holzhacke in

der rechten Hand, legte sie vorsichtig neben sich. Dann hob er den fast

ausgelaufenen Lederbeutel, auf beide ausgebreitete Hände gelegt, an sein

schweißtriefendes Gesicht und fiel mit dem Kopf so auf seine aufgestellten

Knie. Er sagte mit klappernden Zähnen laut, daß die nebenan es hörten: »Was

ist denn? Was wollen sie von mir?« Die Kleider klebten ihm an den Gliedern.

Er stand auf, besah das Loch in seiner Hose. Es befiel ihn eine so lautlose

schwindelnde Angst, daß er sich im Kreise drehte, auf die Holzdiele unter

seinen Filzsohlen blickte, den Boden befühlte mit der Hand, die krummen

Finger gegen die Wand drückte.

Er stand, mit dem runden Rücken in einen Winkel gelehnt, die Arme unter den

weiten langen Ärmeln ineinander verschränkt, sann mit hervortretenden

Augen, was ihm passiert war. Plötzlich erstarb alles in ihm. Er ging ruhig

zwischen dem Gerätekram an das offene Fenster. Die schneidende Luft wehte.

Wang-lun, den Kopf hinaus in die Dunkelheit gesteckt, wußte nicht, was er

hier blickte. Die kleinen Häuser drüben standen sehr fern, die Finsternis

des Himmels stand nicht ferner. Er betrachtete alles mit Befremden.

Er mummelte sich in seinen Kittel, zog den Kopf zwischen die Schultern,

ging in das Nachbarzimmer, wo fünf der Vagabunden saßen und mit Figuren

spielten. Ihnen fiel auf, wie stier sein Blick und wie ausdruckslos sein

Gesicht war. Er blieb am Tische stehen. Er sagte leise zu dem Buckligen,

den er umfaßte, ohne aber den Blick höher auf ihn als bis zu den Schultern

zu richten, daß er noch einmal durch das Dorf gehen wolle.

Und dann ging er durch die leere Straße; kehrte um, ging hügelwärts weiter.

Lief, indem er die Schwärze der Nacht Schale um Schale, Panzer um Panzer,

durchbrach. Ehe er verstand, was geschah, hatten seine Arme das Schwingen

der Keulen angenommen, war eine Sichel aus seiner Stirne gewachsen, mit der

er die Nacht durchschnitt. Er sprang über die Schönn-i genannten Klippen.

Sein Körper lief schon empfindungslos weiter; er ritt ruhig atmend auf

federnden Schenkeln. Er freute sich, daß etwas ihn mitgenommen hatte und

mit ihm davonlief. Über die Hügel, auf die Felsen. Zu Ma-noh, zu Ma-noh.

Der mußte die Gemse hören, die zu seiner Hütte heraufkletterte aus der

liegenden Nacht.

Es war noch kein Zeichen des Morgens am Himmel, als Ma-noh seinen Namen

rufen hörte, die Stiege zu seiner Hütte hinuntersprang.

Der trübe Docht blakte. Stumm und mild saßen die Buddhas im Hintergrund;

die Ohrlappen bis auf die Schultern gezogen, blauer Haarknoten, weite

Blicke, ein verschwimmendes Lächeln um die prallen Lippen, auf runden

glatten Schenkeln hockend. Wang lag mit der Stirne vor der tausendarmigen

Göttin aus Bergkristall, anklagend, bettelnd, verwirrt. Gewillt, hier

liegen zu bleiben, nicht fortzugehen. Durcheinander stammelnd, was ihm

geschehen sei.

»Was Su-koh geschah, ist nichts gegen dieses. Su-koh haben sie mit fünf

Säbeln niedergeschlagen an der kleinen Mauer. Sie haben ihn gefangen

genommen und dann über den Nai-ho geschickt. Mich haben sie verlockt, in

ihre Mitte geschlossen, bezaubert. In meine Brust wollen sie einen Dämon

zaubern, der Bucklige will das, alle wollen das. Ich bin gut zu ihnen

gewesen, habe jeden Zank ausgewischt. Mancher von ihnen lebte nicht mehr

ohne mich. Ich bin die Dorfstraße heruntergegangen. Es war Kohle in dem

Beutel. Ich kann nichts dafür, es war nur Kohle. Und es ist doch kein Gold

und kein Siegel. Warum soll es Gold sein, wie soll das Siegel des Kaisers

in den Lederbeutel kommen? Warum verlangen sie das von mir? Sie sollen es

nicht wollen; sie sollen es nicht wollen. Sie sollen mich wieder gehen

lassen; ich habe nichts gesagt von dem Lederbeutel. Ich bin der Wang-lun

aus Hun-kang-tsun. Ich bin ein Mörder; kein Mandarin hilft mir jetzt. Ich

lasse mich nicht verhetzen. Ihr sollt mir helfen, ihr fünf Fos; Ma-noh,

hilf mit; bete mit mir; hilf mir sie bezwingen.«

Er richtete sich auf den Knien auf, hielt Ma-noh an der Brust fest, der

sich schon neben ihn geworfen hatte. »Oder bin ich schon verzaubert? Sag,

Ma-noh? Es kommt schon zu spät bei mir, nicht wahr, ja, es kommt schon zu

spät.«

Heulend stieß er, von den Buddhas abgewandt, lange Schreie aus, öffnete

immer die Arme und schlug sie wieder zusammen. »Was soll geschehen, Ma-noh?

Was soll mit Wang-lun geschehen? Die bösen Geister haben ihn befallen.

Wang-lun haben die bösen Geister befallen.«

Ma-noh drückte Wangs verklammerte Finger von sich ab, ließ ihn auf den

Boden rutschen, legte einen dünnen gelben Mantel mit roter Borte über sein

Flickkleid, setzte die viereckige schwarze Mütze auf, das Dach des Lebens,

schlug den Rasselstab, schüttelte die Klapper. Die pfeifenden Worte, die er

ausstieß, gingen unter in dem blechernen Geklirr; und während er die eklen

Schlangengötter mit Flüchen anrief, die Nagas, die Lus und ihre Könige,

während unter dem Dröhnen der Klapper die Garudavögel gebannt aufschwirrten

aus dem Kreise, die grünschwingigen Garudas mit roten Menschenbrüsten,

weißem Bauch, auf ihren schwarzen Vogelköpfen standen zwei Hörner, zitterte

in Ma-noh das Herz vor Glück. Er tanzte, selbst träumend und hingerissen,

um Wang, der den Kopf duckte; er verstand alles, was Wang sagte; er bückte

sich, strich ihm über die Schultern, den Scheitel, und hätte sein Knurren

und Zischen in Lachen verwandeln mögen. Wang dachte an seinen Vater und

seine Mutter, und wie seine Mutter eingeschlafen war, als der Vater unter

Hundegekläff in einer Tigermaske hin und her sprang vor der Frau und über

die Hingesunkene schnaufte und flüsterte. Ihn fror plötzlich sehr unter der

Achsel, an den Knien, an den Fersen.

Er lag schwindlig, lang auf den Leib gestreckt am Boden. Ma häufte Decken

über ihn, drückte das Licht aus. Eine weiße Helligkeit trat durch die

verklebten Fenster. Ein Scharren und Kratzen an der verriegelten Tür, Füße

und Schnäbel von hungrigen Krähen. Dann lief es einmal weich über die

Stufen, kroch über das niedrige Dach, schnuppernd, schlüpfte wieselartig

über Balken weg. Alle Augenblicke krachte es ganz weit; fernes Schieben,

Schurren, Poltern folgte. Schneemassen kamen ins Rollen, stürzten in die

Schluchten.

Ma-noh, in der schwefelgelben Kutte, mit roter Schärpe, auf dem Schädel die

vierzipflige Mütze, öffnete die Tür. Brausen des Flusses drang in das

dumpfe Zimmer, in dem die Klapper nicht mehr lärmte. Blendende Weiße warfen

die Schneemassen herein. Ma pfiff und gluckste. Er hielt die große

Almosenschale in der Hand, mit Körnern und Brocken gefüllt. Die Krähen

stießen wütende Schreie aus. Er hielt die zudringlichen Vögel mit spitzem

Lachen zurück. Weit über die Stiege, in den hohen Schnee der Straße flogen

die harten Stücke.

* * * * *

Obwohl Wang schon am ersten Abend unruhig drängte, hielt Ma-noh ihn über

drei Tage auf dem Berge fest. Am Morgen des vierten klopften Männer an Mas

Tür, fünf Räuber aus dem Dorf. Sie hatten Wang gesucht und brachten die

Nachricht, daß sie verraten seien, daß gestern nachmittag dreißig

Berittene, abgeschickt aus der Unterpräfektur Cha-tuo, unter einem riesigen

Pa-tsoung in das Dorf einfielen. Sie hätten, unterstützt von Dorfbewohnern,

die Soldaten verjagt, ein Pferd lahmgeschlagen; es konnte aber nicht

verhindert werden, daß vier ältere Wegelagerer, darunter ein Kranker, von

den Soldaten ergriffen und auf den Pferden mitgeschleppt wurden. Als sie

den Raub bemerkt hätten, waren die Reiter schon im Galopp und schossen mit

Pfeilen nach rückwärts. Die Brüder drängten sehr fort, berichteten sie.

Auch die gutmeinende Dorfbevölkerung bäte, rasch abzuziehen, weil sonst

beide, Banditen wie Dörfler, verloren seien. Alle Wege wären gut

passierbar, das Wetter erträglich, es werde ein rasches Frühjahr geben.

Von den Männern, die zu der Einsiedelei geschickt waren, gehörten drei zu

den engeren Freunden Wangs von den Pochwerken. Es waren die erfahrensten,

zuverlässigsten Männer.

Auf das erregte Bitten Wangs blieben sie fast einen halben Tag gemeinsam in

Ma-nohs Hütte.

Wang konnte sich schwer bezwingen. Er ging ratlos in einem Durcheinander

von Empfindungen an den niedrigen glühenden Herd, über dem der Wassertopf

an einem rohen, schlecht geschnittenen Eichmast hing. Sein breites Gesicht

schrumpfte unter der Hitze. Er wandte sich und streifte mit den fliegenden

Ärmeln die goldenen Buddhas, die ihre bezaubernde, flimmernde, irisierende

Miene zuwandten dem stummen Ma-noh, der ihre Blicke aufzufangen suchte, dem

Wanderer Wang, den hockenden fünf Vagabunden, die die Köpfe

zusammensteckten, teeschlürfend die Nachbarorte durchhechelten. Über und

über waren sie bepackt mit zerlumpten Kitteln, Tuchfässer, schwer

bewegliche Fleischpakete.

Wang schwankte unter einer Aufwallung und einem unertragbaren Sieden in der

Brust die Stiege herunter, und seine schrägen schmalen Augenschlitze

kniffen sich zu, geblendet vom Weiß, das entgegenprallte. Er stand am Rand

der Bergstraße. Aus dem Flußtal schleiften Nebelschlieren. Von einem

drehenden Windstoß gerafft zogen sie sich schlangenartig rasch hoch und

pufften, breitschleiernd, über Wang und die lange Bergstraße. Das Rauschen

der Schnellen klang unglaublich nah. Das Tal kochte kalt und war

verschüttet in den brodelnden Dunst. Muskellose weiche Schneearme streckten

sich herauf.

Sie berieten in der kaum mannshohen Hütte unter dem Felsen. Ma-noh mit

welkem spitzen Gesicht, im bunten Flickmantel und aufgewundenen Zopf,

höflich, leicht gnädig, im Inneren aufgebläht, erwartungsvoll erregt. Wang,

zwischen den andern am Herd, bog den Rücken rund; seine Blicke wanderten

von einem Augenpaar zum andern.

Er fing an zu sprechen, die Hände auszustrecken, die Freunde zu beschwören:

»Die vier Alten haben die Reiter mitgenommen, und man wird sie ins

Gefängnis werfen und ihnen die Köpfe abschlagen. Sie konnten nicht so

schnell laufen wie ihr. Den Lahmen hab ich auf meinem Rücken getragen, als

wir vom Berg herunterliefen. Es wird ihnen keiner glauben, wie elend wir

sind und daß der Frost so schlimm war. Der Lahme muß daran glauben, daß ihm

ein Bootsmann das Bein zerschlagen hat. Sein Unglück ist groß, man wird ihn

an einem ungünstigen Ort verscharren, sein Geist muß betteln, wie im Leben

hungern, frieren. Sein Bein war zu kurz und die Soldaten hatten Pferde. Uns

nimmt man alles. Wir sollen in den leeren Bergen erfrieren, die Raben sind

mit uns ausgezogen, keiner konnte mehr leben, keine Karawane gab zu essen.

Unsere armen Brüder nimmt man uns. O, wir sind arm.«

So jammerte Wang-lun, blickte ihnen allen in die traurigen gesenkten

Gesichter und litt. Mit einmal kam die Angst wieder und die Befremdung vor

ihnen. Er wandte sich, schluckte an dem Kloß hinter seinem Gaumen. Er

preßte es gewaltsam herunter, hielt seine eiskalten schwitzenden Hände über

den Herd. Sie taten ihm nichts, sie wollten nichts von ihm, es war nur ein

Gerede gewesen, er wollte sie gar nicht fragen. O, war das Leben schwer.

Dazu blitzte es ihm vor den Augen; bald schienen es von dem Herd verwehte

Funken zu sein, bald fuhr es so rasch und glatt zusammen, fünf Säbel und

eine kleine getünchte Mauer.

Ein breitschultriger alter Mann unter den abgesandten, ein Bauer, dem sein

Land mitsamt seiner Familie fortgeschwommen war, veränderte seine

entschlossene Miene nicht bei den zitternden Worten Wangs: »Wir müssen

unsere Brüder wieder holen. Wenn du ihn in das Dorf getragen hast, Wang,

mußt du ihn zurückbringen. Hätten wir Pferde und Bogen wie die Soldaten,

wäre nichts geschehen. Der Unterpräfekt von Cha-tuo soll ein kluger Mann

sein aus Sze-chuan. Aber er ist zu feingebildet für uns in Nan-ku. Sag

selbst, Chu, Ma-noh, wir müssen mit unserer Sprache herauskommen.«

»Der Unterpräfekt Liu von Cha-tuo,« fiel ein jüngerer großer neben ihm ein,

auffallend helle Gesichtsfarbe, große scharfe Augen, »der ist aus Sze-chuan

gekommen, aber der klägliche Sü weiß, woher Liu seine Täls genommen hat. Er

hat sie nicht aus den kanonischen Büchern herausgelesen, die Lieder des

Schi-king sollen keine Goldschnüre um den Hals tragen. Ich habe gehört von

einer großen Stadt Kwan-juan, als ich einmal über den Ta-pa-schan

herüberwanderte. Da kam in das Jamen des glanzvollen Unterpräfekten ein

Kurier vom Vizekönig von Sze-chuan; es sollten neue Steuern für den Krieg

mit dem und dem erhoben werden auf das und das. Der klägliche Sü weiß die

Antwort, die der glanzvolle Liu an den erhabenen Vizekönig zurücksandte,

weil er nämlich dem heimwandernden Kurier einen Strick um die Beine legte,

um ein paar Käsch beim Betreten einer so großen Stadt zu besitzen. Liu,

besorgt um die Stadt, wie ein echter Vater, lehnte die Steuer ab für

Kwan-juan: »Die Stadt ist zu arm, die schwarzen Blattern grassieren, die

Reispreise unerschwinglich für den kleinen Mann.« Aber als ich selber nach

zwei Tagen entzückt über solche Landesliebe in die glücklichen Mauern

eintrat, klebten schöne lange Zettel an jeder Wand mit dem Stempel des

glanzvollen Liu, in deutlicher würdevoller Sprache. Er gab dem mächtigen

Vizekönig zuerst das Wort: »Himmelssohn, Krieg mit dem und dem.« Und zum

Schluß Steuern auf das und das, für jeden eine Gabe, diese Gilde jene

Gilde. Die guten Leute wußten auf einmal, wie unbezahlbar bei ihnen in den

Mauern alles war, das und das und das. Sie waren sehr glücklich und priesen

Liu, der sich um die Hebung ihrer Stadt so wohl verdient machte, priesen

seine Eltern und Großeltern und zahlten drei Jahre die Likinabgaben für --

Liu, den weisen Unterpräfekten.«

Der hellfarbene Mann lachte wie berauscht. Ma sah ihn streng an; Wang

erkannte, daß Sü nicht zu halten war. Einer neben Wang stieß seinen

Nachbarn an, dessen Gesicht glühte von dem heißen Wasser, flüsterte, er

solle doch reden; das sei besser, als halblaut fluchen vor den Fenstern

anderer Leute.

Wang wurde von seinem Schmerz gefaßt und mit eisernen Händen unter ein

dickes dunkles Moor zum Ersticken gehalten. Er keuchte. Das war alles

falsch, was hier gesprochen wurde.

Während die zwei neben ihm verlegen gestikulierten und heftig auf sich

einsprachen, Sü prahlerisch eine neue Geschichte schmetterte, fing Wang an

zu klagen, Ma-noh neben sich auf den Boden zu ziehen. Er redete hilflos

schnappend, drehte den Kopf, seine Lippen bebten: »Ma, bleib sitzen hier.

Seid nicht aufgeregt, liebe Brüder. Sü, du bist gut, es ist richtig, was du

sagst. Ich will euch ja nicht langweilen, aber mir fiel etwas ein, wie Sü

erzählte von dem Unterpräfekten aus Kwan-juan in Sze-chuan, der uns die

vier Armen hat rauben lassen. Wir wollen sie ihm gewiß nicht lassen, liebe

Kinder. Habt mich nicht im Verdacht, liebe Kinder, als ob ich das tun

wollte. Mir fiel nur ein von Schan-tung etwas, als ich in der Stadt

Tsi-nan-fu war, in dem großen Tsi-nan-fu und bei einem Bonzen diente; er

hieß Toh-tsin. Ihr werdet ihn nicht kennen, es war ein guter Mann, der mich

sehr geschützt hat. Da war mein Freund ein Mann, den sie auch totgeschlagen

haben. Ich will euch alles erzählen von Su-koh, so hieß er. Ihr werdet mir

glauben, daß ich unsere armen Vier nicht dem Unterpräfekten lassen werde.

Nachdem mir das passiert ist in Tsi-nan-fu, und sie mir meinen Freund

Su-koh totgeschlagen haben. Er war ein Anhänger des westlichen Gottes

Allah, der seinen Anhängern vieles erfüllen soll. Aber in Kan-suh fingen

Unruhen an, als diese Leute plötzlich laut beten wollten, und Su-kohs Neffe

las zuerst aus einem alten Buch laut vor, und sie haben ihn in Stücke

geschlagen mit seiner Familie. Dann haben sie nach meinem Freund in

Tsi-nan-fu gesucht, er war ein so würdiger ernster Mann, er hätte die

höchsten Prüfungen bestanden. Es kam, wie es will. Sie haben ihn wieder

gefaßt, als ich ihn schon herausgeholt hatte mit seinen beiden Söhnen. Er

sagte, sie dürften ihm nichts anhaben, er wolle schon auswandern, erst

müsse er seine Schulden bezahlen und sein Haus verkaufen und sein Priester

müsse ihm einen günstigen Tag angeben. Aber es gab ein Trommeln. Eine

Eidechse, ein weißer Tiger, ein dünnbeiniger Tou-ssee gab ihm einen Stoß

von hinten mit dem Degenknauf, neben seinem Haus an einer kleinen

getünchten Mauer. Dann haben sie ihn eben, wie er sich umdrehte, mit fünf

Säbeln totgeschlagen. Ihr müßt nicht lachen, weil ich nichts dabei getan

habe. Sein Geist, der eben aus ihm geflogen war, muß in meine Leber

gefahren sein, denn ich war besessen die Tage darauf. Und dies ist mir in

Tsi-nan-fu an meinem eigenen Freunde passiert. Der Tou-ssee lebt nicht

mehr, ihr werdet es mir glauben. Aber es ist zum Weinen, um selbst über den

Nai-ho zu gehen: sie kommen immer wieder und nehmen etwas weg. Sie geben

keinen Frieden und keine Ruhe. Sie wollen mich und euch und uns alle

ausrotten und nicht leben lassen. Was wollen wir machen, liebe Kinder? Ich,

euer Freund Wang aus Hun-kang-tsun, bin schon wie weich gerittenes Fleisch,

wie stinkende Zeugmasse. Ich kann nur weinen und jammern.« Wang hatte die

Haltung eines kranken Kindes angenommen vor Ma-noh, und in einem Stöhnen,

Keuchen und Schluchzen arbeitete seine Brust.

Das Wasser stürzte ihm aus Auge und Nase, sein breites derbhäutiges Gesicht

war ganz klein und mädchenhaft. Er lehnte gegen Ma-noh in einer Art

Betäubung.

Er log nicht von Su-koh. Man hatte ihm in Su-koh einen Freund weggerissen.

Wang, der Gassenläufer und Ausrufer in Tsi-nan-fu, war in der Herberge dem

Mohammedaner begegnet. Das ernste gelassene Wesen fesselte ihn stark. Es

zog ihn intensiver an, als er sich bewußt wurde in dem unruhigen Treiben

der Stadt. Er hatte rasch das völlig unklare Gefühl, hier etwas

Verhängnisvolles zu treffen, etwas so Tiefes, daß er sich davon abwenden

müßte. Er kam wenig mit Su-koh und seinen Söhnen zusammen; ihre Gespräche

betrafen tägliche Dinge. Dann kam die Verhaftung Su-kohs, und sie deckte

ihm die Stärke seiner Beziehungen zu dem Mann mit Furchtbarkeit auf. Nicht

kam er zu einer Vorstellung, worum es sich handelte zwischen ihm und dem

Mohammedaner; er merkte nur die Hingerissenheit und unbedingte Teilnahme an

Sus Schicksal. Wang hatte das schwerlastende Empfinden, daß man ihn selbst,

etwas in ihm von einer schaurigen Verborgenheit, angriff. Und es war nicht

die Roheit des Eingriffs, die ihn erschreckte, sondern das Entsetzen vor

dem Verborgenen, das ihm vor Gesicht kam, das er nicht sehen wollte, nicht

jetzt schon, vielleicht später, viel viel später. Die fünf Säbel und die

kleine Mauer fuhren vor seinen Augen zusammen, immer erneut, jede Stunde

jede Minute; es war nicht zu ertragen, es mußte überdeckt, vergraben

werden. Und so kam die Rache für Su als etwas Erdachtes, Erzwungenes. Erst

als er sein Hirschgeweih in Händen hatte in der Kammer des Bonzen, als er

sich flüchtete zu den Erinnerungen an die Späße, die mit dem starken Geruch

des Geweihs in ihm aufstiegen, an die Jagden über Marktplätze, Jonglieren

über Dächer, da wußte er sicher, daß er den Tou-ssee töten würde, mit der

Maske glatt und fest alles zustülpen würde. Diese Bewegung machte ihn

damals glücklich und sicher: zustülpen. Er wollte sich noch einmal

wegtäuschen über die Zukunft, vor der er sich schämte und graute. Es war

schon nicht mehr nötig, daß er am Morgen aus dem Wegeschrank aufstand und

auf den Übungsplatz lief: er hatte in der Nacht schon zehn, fünfzigmal den

Hauptmann erstickt unter der Maske, es war schon alles geschehen. Aber er

lief hin; er mußte sich dabei sehen, es sich tief einprägen. Und so geschah

der Mord, als ein Opfer, das er sich brachte. So rächte Wang den

Mohammedaner, seinen Freund.

Die scharfe nüchterne Stimme des Mannes, den vorher Wangs Nachbar gedrängt

hatte, übertönte das Durcheinander von gezischelter Wut und Drohworten. Er

rief, es möchte derjenige, welcher am nächsten der Türe sitze, die Hütte

umgehen und nachsehen, ob einer draußen sei; er wolle dann sprechen. Als

die Türe aufgestoßen wurde und ein langer Bursche mit vorgestrecktem Kopf

aus der Hütte verschwand, war es für eine Minute still in der Hütte, so daß

man zum erstenmal das Geräusch des Flusses und der stürzenden Schneemassen

hörte. Der Bursche kam grinsend zurück: es hätte nur etwas Totes neben der

Hütte gesessen. Und er zog das Fell einer graubraunen Zibetkatze aus seinem

Kittel hervor. Ma-noh schüttelte sich vor Abscheu; er wollte den Burschen

davonjagen, bezwang sich und schnüffelte erregt, als er die andern

überernsten Gesichter sah.

Der Mann am Herd, dem unter dem Kinn ein kleiner grauer Bart wuchs, stand

auf, stellte sich an die Tür, die er mit seinem Rücken versperrte, sprach

leise scharf; fuchtelte sonderbar in der Luft, als ob er Fliegen fange. Er

zupfte seinen Bart. Sein altes Gesicht mit den großen Augensäcken war

lebendig wie eines schnurrenden Katers. Die schlaffe Haut tat dem Spiel

seines Ausdrucks keinen Eintrag; es kräuselte, blitzte, rollte über das

platte Gesicht mit dem weit vorgeschobenen Unterkiefer. Er klappte oft laut

die Zähne zusammen, man sah seine dünne rosa Zunge spielen, er bog den

dickgepolsterten Rücken, machte dies und dies Knie krumm. Von dem Mann

wußte man, daß er ohne Grund aus seiner Heimat aufgebrochen war in

geachteter Stellung. Er hauste seit Jahren in den Nan-ku-Bergen, tat in

Dörfern ehrbare Dienste. Leute aus seiner Heimatstadt, die von dem

neugierigen Gesindel nach ihm ausgefragt wurden, berichteten

kopfschüttelnd, daß er ohne mindeste Veranlassung alles habe stehen und

liegen lassen. Sie waren überzeugt, daß der Alte der Aufdeckung eines

Verbrechens zuvor gekommen sei, das aber dann nicht aufgedeckt wurde, eine

Geschichte, die sie viel belachten und zur Beleuchtung seines ebenso

furchtsamen wie geheimtuerischen Wesens benutzten.

Chu sprach leise: »Da niemand vor der Türe horcht, will euer Diener reden.

Wir müssen verschwiegen darüber sein, werte Herren, nicht meine ich aus

Angst und Besorgtheit, die gar nicht angebracht ist bei Leuten, welche

nichts zu besorgen haben, sondern aus Gründen. Euer Diener Chu hat viele

Gründe, leise zu sprechen und die Türe zu versperren, und wenn die werten

Herren ihn ruhig angehört haben und ihm zustimmen sollten, so werden sie

wie er leise sprechen. Ich habe gute Beziehungen zu Po-schan, meiner

Heimatsstadt in Schan-tung, wo meine Neffen und Geschwister meinen Besitz

verwalten. Was der geliebte Bruder Wang erlitten hat und was die Einwohner

Kwan-juans erlitten haben, ist uns vielmals begegnet da. Schöne Sachen sind

uns begegnet, schöne Sachen, aber das Kind, das vor euch steht, will nicht

vor alten Kennern schwatzen. Seht einmal: wie oft tritt in den südlichen

reichen Provinzen der Gelbe Fluß über die Ufer, und wie oft wirft sich das

Meer mit einer weißen Brust über das Land und erdrückt Häuser und Mann und

Frau und Kind? Wie oft läuft der Taifun die wimmelnde Küste herunter, tanzt

über das gelbe Meer, und alle Dschunken, Boote, großen Segler bekommen

plötzlich Beine und tanzen mit ihm auf eine barbarische grausige Art mit.

Und das kleine Kind will gar nicht sprechen von den bösen Dämonen, die den

Mißwachs auf den Äckern bringen, daß die Hungersnöte ausbrechen. Aber seht,

die Menschen wollen es den großen Gewalten nachtun; und wer ein großer Herr

ist, will ein größerer sein. Und da treiben Menschen, von Müttern geboren,

in den achtzehn Provinzen herum, die die Macht in Händen haben, und werfen

sich wie die finstere See über das flache, sorgsam bebaute Land hin und

quetschen mit ihrem breiten Leib den Reis und alle Früchte zusammen. Da

gibt es Herren, die drehen sich wie die dunkelfarbigen Sandstürme über

ganze Städte und bewohnte Dörfer und reißen im Drehen soviel Sand wie

Menschen mit, daß alle das Atmen vergessen. Und am schlimmsten wütet eine

Springflut, die vor langer Zeit über das kostbare Land, über die Blume der

Mitte, gefallen ist, ihr die Blätter und Blüten abreißt. Von Norden ist die

Springflut gekommen und brandet über unsere fetten Äcker und Städte. Sie

hat den Schlamm und das spitze Geröll auf unsere fetten Äcker und

friedreichen Städte geworfen, und sie nennt sich Tai-tsing, die reine

Dynastie. Und von ihr will ich etwas erzählen.«

Wang hatte sich längst hochgerichtet, sah den Alten mit aufgerissenen Augen

an, stellte sich ihm gegenüber. Die andern reckten die Hälse, rückten näher

an die Tür; die Pulse rollten voller durch ihre Schläfen; sie sahen den

Alten, sie waren seine Beute.

»Ich will euch nichts von ihr erzählen, denn die alten Herren wissen alles

selbst. Wenn der Tiger heult, dringt der Wind in die Täler. Die Mandschus,

die harten Tataren, die aus ihren nördlichen Bergen geradewegs von der

Fuchsjagd über unser schwaches Land gefallen sind, werden nicht bis zum

Eintritt der Ewigkeit über uns leben. Unser Volk ist arm und schwach, aber

wir sind viel und überleben die stärksten. Ihr wißt, was man macht, wenn

man am Meere wohnt und die sieben ruhigen Jahre sind vorbei, die Regenzeit

und der Nordweststurm ist vorbei, das Unglück ist geschehen, was man macht,

wenn man noch lebt? Bauen, Dämme bauen, Tag und Nacht, Pfähle rammen, den

Lehm häufen, Ruten, Stroh dazwischen, Weiden anpflanzen. Die klugen Männer

werden mich unbescheiden nennen, wenn ich sie in dem fremden Hause frage,

welche Dämme sie gebaut haben, weil sie sich doch vor der Springflut

fürchten und weil sie die Wasser aus dem Lande zurückdrängen wollen? Aber

andere haben langsam und leise den Lehm in den Händen zusammengetragen,

haben Stroh gestohlen von dem und dem, zu einer Zeit, wo keiner auf sie

achtete, haben heimlich feine Weidenschößlinge gesetzt und sie geschützt.

Es gehen schon unsichtbar Wälle und Dämme durch das Land, mit Schleusen und

Abzügen, die wir schließen, wenn der Augenblick gekommen ist: das Wasser

kann nicht zum Meer zurück, das Land ist nicht ersoffen; wir verdunsten

unter dem Feuer langsam das Wasser wie die Salzpfänner und behalten die

Körner zurück. Ich bin aus Po-schan; wir haben nicht soviele Fruchtbarkeit

wie am gelben Sandfluß; aber bei uns blüht zwischen den Kohlen seit langer

Zeit eine Blume, heimlich, aber wohl geschützt: die Weiße Wasserlilie.«

Keiner der Männer saß mehr an der Erde; »die Weiße Wasserlilie« stießen sie

erregt aus, um Chu sich stellend, klopften ihm freudig die Hände, blitzten

ihn aus ihren schwarzen Augen an. Sie waren entzückt über die Verwandlung

des trotteligen Katers. Sie lachten mannigfach, befriedigt leise, meckernd

und mit Herausforderung, wie Hornsignale klar und triumphierend; Ma-noh

glucksend, aber unsicher. Ihre Lippen waren naß, die Münder voll Speichel.

Unter ihren Backen glühten dünne Heizplatten. Der Magen schlingerte sanft

hin und her.

»Wir sind, alte Herren, zur Beratung hier. Jeder kann beitragen, soviel er

im Kopf hat. Wang hat geredet, was ihm mit einem ernsten Su-koh in

Tsi-nan-fu begegnete. Ich bin nicht weit her von Tsi-nan, aus Po-schan. Ich

habe nicht gewartet, bis mich ein flinker Freund rächen brauchte, und hätte

vielleicht nicht gleich einen so raschen gefunden. Steht hinter meiner

Straße auch schon die kleine getünchte Mauer, die für mich bestimmt war.

Hat die leblose Hand des Himmelssohns schon den roten Todeskreis hinter

meinen Namen gemalt. Das Urteil war schon fertig, das nötig gewesen ist,

meinen Mund zu versperren.«

Der Alte wollte weiter stammeln; Wang unterbrach ihn. Er nahm ihn stark bei

der Schulter, preßte ihn neben sich auf den Boden. Wang streichelte dem

Alten die Wangen und die knotigen Hände, bot ihm heißen Tee. Der schluckte

noch, schnappte, schlug mit dem Unterkiefer, sah aus geröteten Augen

geradezu, hatte gellende Ohren.

Die Vagabunden, von Grimm ausgehöhlt, schluchzten ihren Ballast von sich.

Die Arme wurden in einem Wirbel herumgerissen. Die heiße Wut wurde in die

Hälse gepreßt, über einen blechernen Resonanzboden geledert, und

schnarrend, tremolierend weg in die Luft geprustet. Sie kamen sich

bloßgelegt bis auf die Blutröhren, die Lungenbläschen, vor, ihr Rätsel war

von Chu gelöst: sie waren Ausgestoßene, Opfer; sie hatten einen Feind und

waren glückselig in ihrem schäumenden Haß.

In dieser Minute gab sich Ma-noh an Wang verloren. Ma erlebte die

mitleidigen, umdunkelten Blicke Wangs, fühlte, wie Wang innerlich diese

rasenden Tiere an sich zog, furchtlos begütigte und küßte; und jäh riß ein

Faden in ihm. Was kam nun? In ihm war keine Besinnung. Was lag an ihm! Was

lag an dem Prior, an den Buddhas, an den Freudenhimmeln! Versagen aller

Bremsen, Niederschmettern aller Widerstände. Verächtliches Lippenzucken

über die Vagabunden; ihre Not belanglos gegen das, was in Wang vorgeht.

Frösteln. Eine stählerne fremde Sicherheit, von innen heraus zielend.

Schwindelloses Fallenlassen in einen Schlund. Schwaches federleichtes

Hinlegen vor Wangs Fuß.

Wang bemühte sich stumm, traurig um den Alten. Er sah schon sie alle mit

Messern zwischen den Zähnen den Berg herunterlaufen. Sie entglitten ihm.

Er sprach erst, als sie unruhig seine veränderte abwesende Miene bemerkten.

Sein Gesicht war noch naß von den Tränen. Er redete müde, er murmelte vor

sich hin, zuckte oft zusammen: »Das nutzt alles nicht. Das nimmt kein Ende,

und wenn wir zehnmal hundertmal so viel wären als wir sind. Was sind wir?

Weniger als die Freunde früher des Chu, und Chu sitzt bei uns und muß sein

Herz aufreiben. Eine Schar von Bettlern aus den Nan-kubergen. Es wird Mord

auf Mord kommen.« Der listige Erzähler von Kwan-juan überschrie ihn. Seine

vorhin höhnende harte Stimme klang bewegt, weich und leicht zornig. Wang

und er rangen mit den Blicken. Sie seien keine faulen Bettler. Wer dies

erlebt hätte, was sie, sei kein bloßer Wegelagerer. Ja, sie seien arme

ausgestoßene Menschen, die kaum mehr widerstreben könnten, halbtote, denen

man rasch einen Schluck Wasser einflöße und die man dann mit Fußstößen

aufjage, rasch, damit sie nicht vor der Tür stürben. Ihre vier Brüder seien

verloren, bald käme die Reihe an sie. Wieder funkelten seine Augen.

Wang zog seine Beine an, ging vorsichtig zwischen ihnen durch, umfaßte

vorübergehend Ma-noh und blieb ganz im Hintergrund an der Wand stehen, wo

man ihn kaum sah; nur wenn die dunkle Glut auf dem Herd heller aufschlug,

erkannte man, daß er mit gesenktem Kopf stand, mit den Händen nach

rückwärts die Bildsäule eines Buddha berührte. Ma-noh neben ihm. Wang

fühlte sich schwimmen auf einem tobenden Meer. Es schien ihm, als ob er,

schwankend zu sterben oder zu leben, plötzlich die Arme niedergeschlagen

hätte auf ein Floß, sich mit dem Leib drüber wegzog und zu Ertrinkenden

sprach, mit den Beinen sein steinsicheres Floß an Land steuernd.

»Man hat nicht gut an uns getan: das ist das Schicksal. Man wird nicht gut

an uns tun: das ist das Schicksal. Ich habe es auf allen Wegen, auf den

Äckern, Straßen, Bergen, von den alten Leuten gehört, daß nur eins hilft

gegen das Schicksal: nicht widerstreben. Ein Frosch kann keinen Storch

verschlingen. Ich glaube, liebe Brüder, und will mich daran halten: daß der

allmächtige Weltenlauf starr, unbeugsam ist, und nicht von seiner Richtung

abweicht. Wenn ihr kämpfen wollt, so mögt ihr es tun. Ihr werdet nichts

ändern, ich werde euch nicht helfen können. Und ich will euch dann, liebe

Brüder, verlassen, denn ich scheide mich ab von denen, die im Fieber leben,

von denen, die nicht zur Besinnung kommen. Ein Alter hat von ihnen gesagt:

man kann sie töten, man kann sie am Leben lassen, ihr Schicksal wird von

außen bestimmt. Ich muß den Tod über mich ergehen lassen und das Leben über

mich ergehen lassen und beides unwichtig nehmen, nicht zögern, nicht

hasten. Und es wäre gut, wenn ihr wie ich tätet. Denn alles andere ist ja

aussichtslos. Ich will wunschlos, ohne Schwergewicht das Kleine und Große

tragen, mich abseits wenden, wo man nicht tötet. Ja, dies will ich euch von

der Kuan-yin und den anderen goldenen Fos sagen, die Ma-noh verehrt; sie

sind kluge und gereifte Götter, ich will sie verehren, weil sie dies gesagt

haben: man soll nichts Lebendiges töten. Ich will ein Ende machen mit dem

Morden und Rächen; ich komme damit nicht von der Stelle. Seid mir nicht

böse, wenn ich euch nicht zustimme. Ich will arm sein, um nichts zu

verlieren. Der Reichtum läuft uns auf der Straße nach; er wird uns nicht

einholen. Ich muß, mit euch, wenn ihr wollt, auf eine andere Spitze laufen,

die schöner ist als die ich sonst gesehen habe, auf den Gipfel der

Kaiserherrlichkeit. Nicht handeln; wie das weiße Wasser schwach und folgsam

sein; wie das Licht von jedem dünnen Blatt abgleiten. Aber was werdet ihr

mir darauf sagen, liebe Brüder?«

Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman · 第 4 / 29 题