Wang-lun

Auf den Bergen Tschi-lis, in den Ebenen, unter dem alles duldenden Himmel

saßen die, gegen welche die Panzer und Pfeile des Kaisers Khien-lung

gerüstet wurden. Die durch die Städte zogen, sich über die Marktflecken und

Dörfer verbreiteten.

Ein leiser Schauer ging durch das Land, wo die »Wahrhaft Schwachen«

erschienen. Ihr Name Wu-wei war seit Monaten wieder in allen Mündern. Sie

hatten keine Wohnstätten; sie bettelten um den Reis, den Bohnenbrei, den

sie brauchten, halfen den Bauern, Handwerkern bei der Arbeit. Sie predigten

nicht, suchten niemanden zu bekehren. Vergeblich bemühten sich Literaten,

die sich unter sie mischten, ein religiöses Dogma von ihnen zu hören. Sie

hatten keine Götterbilder, sprachen nicht vom Rade des Daseins. Nachts

schlugen viele ihr Lager auf unter Felsen, in den riesigen Waldungen,

Berghöhlen. Ein lautes Seufzen und Weinen erhob sich oft von ihren

Raststätten. Das waren die jungen Brüder und Schwestern. Viele aßen kein

Fleisch, brachen keine Blumen um, schienen Freundschaft mit den Pflanzen,

Tieren und Steinen zu halten.

Da war ein frischer junger Mann aus Schan-tung, der das erste Examen mit

Auszeichnung bestanden hatte. Er hatte seinen Vater, der allein im

Fischerboot ausgefahren war, aus schwerster Seenot gerettet; ehe er dem

Vater nachfuhr, gelobte er, den Wu-wei-Anhängern zu folgen. Und so ging er,

kaum daß die freudevollen Examensfeiern vorbei waren, still aus dem Haus.

Es war ein ehrerbietiger, etwas scheuer Jüngling, mit eingekellerten Augen,

der sichtlich schwer unter seinem seelischen Zwiespalt litt.

Ein Bohnenhändler, ein rippendürrer Mann, lebte fünfzehn Jahre in

kinderloser Ehe. Er grämte sich tief, daß niemand nach seinem Tode für ihn

beten würde, seinen Geist speisen und pflegen würde. Als er fünfundvierzig

Jahre alt wurde, verließ er seine Heimat.

Tsin war ein reicher Mann vom Fuße des Tschan. Er lebte in dauernder Wut,

weil er, wie sehr er sein Geld schützte, alle Monate bestohlen wurde, wenn

auch nur um Kleinigkeiten. Dazu kamen Erpressungen durch die Polizisten,

Steuerbeamten; mehrmals brannten Häuser von ihm ab, von Böswilligen

angesteckt. Er fürchtete, daß er eines Tages ohne Habe und Gut dastehen

würde. Er fühlte sich macht- und rechtlos. Da verschenkte er sein ganzes

Geld an blinde Musikanten, alte Hurenwirtinnen, Schauspieler; zündete

selbst sein Haus an und ging in den Wald.

Junge Wüstlinge zusammen mit Dirnen, die sie aus den bemalten Häusern

befreit hatten, wanderten herzu. Oft sah man die Dirnen, die zu den

verehrtesten Schwestern gehörten, in eigentümlichen Verzückungen unter den

purpurnen Kallikarpen, in den Hirsefeldern, und hörte sie unverständlich

stammeln.

Sechs Freundinnen vom nördlichen Kaiserkanal, die man als Kinder

verheiratet hatte, sprangen in dem Monat, in dem sie in das Haus ihrer

Gatten gebracht werden sollten, mit einer Pferdekette aneinandergebunden,

unterhalb ihrer Heimatstadt in den Kanal. Sie wurden, da sie beim

Hineinstürzen sich an den Ufermauern verletzten, hängen blieben und laut

schrien, gerettet von einigen vorüberziehenden Karrenschiebern, welche sie

auf das nächste Polizeigewahrsam transportierten, nachdem sie die ganz

willenlosen Mädchen mit Kleiderfetzen zur Not verbunden hatten. Als sie,

auf dem Amt freundlich verpflegt, sich erholten und zurecht machten, kamen

ihre Väter draußen angestürzt. Die Mädchen hörten die lärmende

Auseinandersetzung mit den Wachen, stiegen durch ein hinteres Fenster

hinaus und entkamen. Sie schlugen sich von Ortschaft zu Ortschaft durch,

hielten sich in einer geschützten Berghöhle verborgen, verschafften sich

durch Aushilfsarbeit auf den umliegenden Gehöften, in den Mühlen Nahrung.

Die Jüngste von ihnen, ein fünfzehnjähriges blühendes Mädchen, die Tochter

der Nebenfrau eines alten Lehrers, starb da, indem ihr ein Räuber Gewalt

antat und sie dann erwürgte. Der Räuber trat nicht viel später zusammen mit

den Mädchen einer Gruppe der Sektierer bei.

Im nordöstlichen China, in den Provinzen Tschi-li, Schan-tung, Schan-si, ja

in Kiang-su und Ho-nan, in großen Städten mit hunderttausenden von

Einwohnern, in den tüchtigen Arbeitsdörfern wie in den Spelunkennestern kam

es alle paar Tage vor, daß einer auf den Markt ging und vor irgendeinem

Betrüger, vor einem Bettelpriester, vor einem lahmen Kind, in einen

Eselstrog sein Geld und seine Wertsachen ausschüttete. Daß Ehemänner aus

kinderreichen Familien verschwanden; man traf sie nach Monaten in

entfernten Distrikten, mit den Vagabunden bettelnd. Es ging hie und da ein

unterer Beamter wochenlang wie benommen und träge herum, antwortete bissig

auf jede Frage, zuckte frech mit der Achsel bei einer Rüge; dann beging er

plötzlich ein erstaunliches Verbrechen, unterschlug öffentliche Gelder,

zerriß wichtige Aktenbündel oder griff einen harmlosen Menschen an und

zerbrach ihm Rippen. Verurteilt ertrug er seine Strafe und Schande

gleichmütig, oder entwich aus dem Gefängnis, ging in den Wald. Dies waren

die Leute, denen die Trennung von Familie und Besitz am schwersten wurde

und die sich nur durch ein Verbrechen von ihnen ablösen konnten.

Sie trugen nichts vor, was man nicht schon wußte. Eine alte Fabel, die sie

erzählten, ging von Mund zu Munde:

Es war einmal ein Mann, der fürchtete sich vor seinem Schatten und haßte

seine Fußspuren. Und um beiden zu entgehen, ergriff er die Flucht. Aber je

öfter er den Fuß hob, um so häufiger ließ er Spuren zurück. Und so schnell

er auch lief, löste sich der Schatten nicht von seinem Körper. Da wähnte

er, er säume noch zu sehr; begann schneller zu laufen, ohne Rast, bis seine

Kraft erschöpft war und er starb. Er hatte nicht gewußt, daß er nur an

einem schattigen Ort zu weilen brauchte, um seinen Schatten los zu sein.

Daß er sich nur ruhig zu verhalten brauchte, um keine Fußspuren zu

hinterlassen. --

Ein Seufzen preßte das Land aus. Man hatte so glückverschleierte Augen nie

gesehen. Ein Zittern ging durch die Familien. Und wenn abends wieder von

den »Wahrhaft Schwachen« und der alten Fabel gesprochen wurde, sah einer

den andern an und morgens forschten sie, wer verschwunden sei.

Ein geheimes süßes Leiden schien besonders die jungen kräftigen Männer und

Frauen befallen zu haben. Sie schienen fortgezogen zu werden von einer Art

bräutlichem Schmerz.

* * * * *

Wang-lun war das Haupt der Bewegung.

Er stammte aus Schan-tung, aus einem Küstendorfe namens Hun-kang-tsun, im

Distrikt Hai-ling; der Sohn eines einfachen Fischers. Er erzählte später in

beiläufigen Wendungen, sein Vater sei der erste der dortigen Fischerzunft

gewesen; an der Wand des Zunfthauses stünde noch der Name seines Vaters,

des Begründers dieses Hauses. Aber in ganz Hai-ling gab es kein Gildenhaus.

Die zweihundertzwanzig Familien des Örtchens schlugen sich mühselig durch.

Die Männer schwammen zum Fang auf dem Meere; die Frauen bestellten die

wenigen Felder. Der Boden war so knapp, daß man künstliche Äcker auf den

breiten Terrassen der Kalkfelsen anlegte, welche dicht an den Strand

traten. Mühsam schleppte Mann und Weib die lockere Erde auf Holzmulden

herauf, über die schmalen Serpentinen, Mulde nach Mulde, dann warfen sie

den spärlichen Dünger, trockene Krebsschalen und Menschenkot.

Dort über dem Meere wirtschafteten Weiber, Kinder und alte Männer tagsüber;

Geplärr und dumpfes Rumoren scholl herunter in das leere Dorf. Es hatten

früher hier mehr Familien gewohnt. Aber über fünfzig Häuser waren eines

Tages von einem vorüberziehenden plündernden Haufen, der von Tschi-fu

herkam, in Brand gesteckt worden. Dem alten Dorfschulzen hatten sie

zwischen zwei Gneisblöcken die Füße gequetscht, als er nicht die

zweihundert Tael zahlte, die sie verlangten, dann ihm mit einem

Balkenschlag den linken Arm zermalmt und ihn, nachdem sie ein breites Loch

in das Eis geschlagen hatten -- es war Winter --, in einen Tümpel

geschleudert. Das stoßweise Gebrüll der sechs Mann, die den jammernden

Schulzen immer wieder mit Brettern niederdrückten, das Klatschen der

Planken auf der Eisfläche, das laute Schlingen und Wasserspeien des

Ertrinkenden, dazu das ungeduldige Wiehern ihrer gestohlenen Pferde, war

eine der wenigen Kindheitserinnerungen Wang-luns.

Mit Sonnenaufgang fuhr der alte Wang in den beiden heißen Monaten aufs Meer

hinaus, auf einer zweimastigen Dschunke, die am Bug aus zwei großen grünen

gemalten Glotzaugen spähte. Zu fünfen saßen die Fischer drin. Die Segel

schwellten; sie legten die Ruder hin; gleichmäßig glitten sie einher über

dem dunklen Pei-ho neben der Nachbardschunke. Sie warfen draußen das

verschlungene scharfriechende Netz aus, spannten es von Dschunke zu

Dschunke. Die Drehrollen, die das Netz senkten und zogen, knarrten,

heulten, standen fest.

Die Männer blieben bis zum späten Nachmittag draußen. Die Sonnenhitze fiel

wie ein trockener sengender Regen über Mensch und Getier. Dickwanstig saß

der alte Wang unter seinem tellerförmigen riesigen Strohhut auf der

Ruderbank und warf mit spitzen Steinen nach den Seemöwen, die hinter den

Dschunken aus der flimmernden Luft tauchten. Während die andern Bootsleute

im Schiff die Pfeife rauchten oder Tabak kauten. Sobald Wang seine

Schleuder ordnete, setzte sich ein kleiner Bootsmann vor ihn an den

hinteren Mast, rauchte sorglos, holte vorsichtig einen elastischen

Weidenstock unter dem Tauwerk hervor. Die Schleuder knarrte, der Kleine

reckte sich mit tönendem Gähnen, die Schleuder wickelte sich um seinen

Stock und ausgestreckten Arm, knallte mit dem Stein unfehlbar dem gespannt

wartenden Wang vor die Brust oder auf die Beine. Betrübt sah er seiner

schwirrenden Möwe nach. Das Boot schwankte unter dem Lachen der vier, die

sich auf die nassen Bretter legten.

Wang torkelte großspurig durch die Teestuben, bewarb sich einmal, eines

unbeschäftigten Morgens aus seinem Bohnenfeldchen aufstehend, um die Stelle

eines Ortsvorstehers auf dem Amt, zur weinenden Wut seiner abgerackerten

Frau, die den Spott über Wang voraushörte. Gern lag er im Sande, neben den

Becken, die seine beiden Söhne mit Holzkohlen füllten zum Trocknen der

Tintenfische. Zündeten sie um die Zeit der Ebbe die Becken auf der Dschunke

selbst an, so trabte er zum Strande und hockte sich hin. Da lagen halb

umgestülpt die leeren Fischkörbe, ausgebreitet im Sande die gedörrten

Tiere, die in der Sonne sich schön färbten. Sie fühlten sich glühend an.

Der Dickwanst stocherte in den Schlammlöchern herum, zog lange Sandwürmer

heraus, von denen er die Hälfte seiner Frau zum Trocknen und Verkauf gab.

Er selbst behielt sich abseits ein großes Maß, trocknete sie heimlich und

schlürfte seine herzhaft köstliche Suppe hinter den Körben.

Dann kamen nach einer Weile die beiden Knaben von der Dschunke herüber,

wickelten ihm, da er schwitzte, seine Beinbinden los. Sie kauerten ernst

vor ihm mit ihren kleinen Rattenschwänzen, den Zöpfchen und legten die

Hände auf den Schoß. In hochmütig näselndem Tone, laut, daß ihn die

Nachbarn hörten, redete Wang über sie hinweg, den feisten Rumpf

aufgetakelt, rückwärts gestützt auf den Ellenbogen; das nannte er seine

Unterrichtsstunde. Er kannte in der Tat die Fibel, das Buch der

tausendachtundsechzig Worte des Tscheou-hing-tse; bis auf einige Fehler

kannte er es auswendig; es schien auch, als ob er aus dem Frauenbuche

einige Sätze gelernt hätte. Immer wieder erklärte er den Kindern, daß er

bedaure, nicht streng genug zu ihnen zu sein; Strenge zu ihnen sei seine

heilige Pflicht, denn -- und die Kinder fielen singend ein: »Erziehung ohne

Strenge ist des Vaters Trägheit.«

Und alle paar Tage hörte der künftige Lehrer dreier Provinzen, daß Freude,

Zorn, Kummer, Furcht, Liebe, Haß und Begier die sieben Leidenschaften

seien. Nicht oft konnten die Kinder ihn unbeschäftigt anhören. Wang-luns

Gesicht war schwarzbraun und viereckig, breit; kräftige Linien holten ein

reges, verschlagenes Gesicht aus. Die zarte mehr gelbe Tönung der Haut

seines gleichaltrigen Bruders nahm trotz aller Meeresgluten keinen tieferen

Schatten an; der Knabe blieb elastischer, weicher und ernster als Wang-lun,

der wegen seiner bösartigen Späße unter den Spielgefährten wenig beliebt

war, auch wenig Verständnis für einen der Sätze seines Vaters hatte: daß zu

den fünf höchsten sittlichen Beziehungen die Bruderliebe gehörte.

Munter, mehr spielend als tätig, saßen sie rotkäppig auf den kantigen

Steinen des Strandes an dem großen Fischnetz. Auf einer grasbewachsenen

Düne hinter ihnen zehn Männerschritte entfernt lagerte der unförmige alte

Wang; die nackten, dunkelbehaarten Beine aufgestellt und übereinander

geschlagen, kratzte er sich die kleinen eingetretenen Muscheln von der

klobigen Fußsohle ab. Er hielt in seiner liegenden rechten Hand ein Ende

des Netzes, das die Knaben mit dem dickflüssigen Saft der Mandarinenschale

färbten. Er rückte sich höher; die Kinder schnalzten musikalisch, er

spuckte und grunzte. Dröhnend entfuhr ihm von Zeit zu Zeit eine Belehrung,

zum Beispiel: »Der Kürbis gilt seit altersher als Zeichen der

Fruchtbarkeit.« Bis ihm ein Windstoß scharfen Sand ins Gesicht wehte, er

sich hustend aus seiner Grube herauswälzte und ihre Farbschüssel umwarf.

Mit kläglich bettelndem Blick sagte er, sie hätten wohl nicht den richtigen

Ort zum Färben gewählt. Und sie wickelten ihm seine Binden wieder um und

zogen ein paar Schritt weiter.

Das größte Ereignis im Leben von Wang-luns Vater war, als der Alte zu

seinem Bruder reiste, zur Hochzeit seines Neffen, dreihundert Li entfernt

von Hun-kang-tsun. Der Alte sah drei Wochen den Strand und die mageren

Bohnenfelder nicht. Ein Barbier, der nebenbei Zauberer war, wohnte im Hause

seines Bruders; Wang-schen saß abends viel mit ihm zusammen.

Und am Morgen, nachdem er zurückgekehrt war, ging er mit langsamen

Schritten zu einem Manne, der Tischlerarbeit verstand, versprach ihm ein

Maß getrockneter Sandwürmer, entsprechend einem Wert von vierhundertfünfzig

Käsch, wenn er ihm ein rotes hohes Schild schnitzte mit der Inschrift:

»Wang-schen, Schüler des berühmten Zauberers Kwoai-tai aus Lui-hsia-tsun,

Wind- und Wettermeister.« Als es dunkel geworden war, nach sechs Tagen,

holte er das blanke Schild, schwarze Charaktere auf himbeerrotem Grunde,

blau gerändert, mit seinem ältesten Sohne ab, band es mit zwei

Fischertauen, auf das Dach seines Hauses steigend, am vorspringenden

Firstbalken an, während seine Frau schlief, so daß da über den Torweg frei

ein Schild herabhing: »Wang-schen, Schüler des berühmten Zauberers

Kwoai-tai aus Lui-hsia-tsun, Wind- und Wettermeister.«

Die Frau bekam am Morgen, als sie das prunkende Schild sah und ihren noch

schlafenden Mann geweckt hatte, ihren Nervenanfall, den sie seit Jahren

nicht gehabt hatte. Sie hatte damals, als einer der Brandstifter zum

Fenster hereinrief, ob außer ihr noch jemand in der Wohnung wäre, voll

Entsetzen die beiden einjährigen Kinder zwischen ihren weiten Pluderhosen

festgehalten, dabei mit dem »Nein« scharf den Kopf nach rechts geworfen.

Jetzt wogte ihr etwas Grünes durch den Kopf, die beiden Taue des Schildes

wuchsen breit wie Blätter, sägten ihr zwischen den Augen; ein blauer

gelenkloser Arm langte zwischendurch, eine Hand strömte ihre Finger auf sie

zu. Im Takt warf die Frau ihren Kopf von links nach rechts, von rechts nach

links, ihre Beine schlugen zusammen, sie tanzte wie die Figur eines

Puppenspielers; die Kinder versteckten sich vor ihr auf dem Ofenbett.

Und hell schrien sie auf und rasten auf die Dorfstraße zwischen kläffende

kleine Hunde, als aus dem Hof Wang, der alte elefantenbeinige Klumpen, in

das räucherige Zimmer drang, mit einer Tigermaske hin und her stapfte und

dabei schnaufend sang, über die Frau, die hingesunken war, strich,

flüsterte. Nach einer halben Stunde schlief die Frau. Eine Menge von

Kindern und Weibern stand an der Tür, schwieg auf dem Hof, stob vor der

nahenden Tigermaske schnatternd auseinander.

Dieser Tag war eine Wendung im Leben Wang-schens. Seine Frau sagte kein

Wort über das rote Schild, ja sie wurde wortkarg im Umgang mit dem Mann,

schlich ihm aus dem Wege.

Er gab sich jetzt nicht mehr als kleiner Gelegenheitslehrer. Er studierte

emsig im Hofe unter einer Erle die sonderbaren Zeichen auf einer

Bambustafel, die er von dem Zauberer mitgebracht hatte, ging zwischen dem

Misthaufen und Geräteschuppen gehobenen Hauptes auf und ab, zitierte laut:

»Acht mal neun gleich zweiundsiebzig. Zwei regiert das Paar. Durch Paar

vereinigt man das Unpaar. Das Unpaar regiert den Zodiak. Der Zodiak

beherrscht den Mond. Der Mond beherrscht die Haare. Daher wachsen die Haare

in zwölf Monaten.« Verblüfft sah er von Zeit zu Zeit auf die Tafel; sann,

über sich selbst beschämt, nach, befreite sich durch eine rasche

niederwerfende Geste. Er ging mit krauser Stirn zwischen den eifrig

arbeitenden Fischern am Strand abends herum, äugelte versunken mit den

violetten Wolkenballen, blieb vor dem kleinen Pudel eines Korbarbeiters

lange nachdenklich stehen, sagte träumerisch, als wenn er mit sich spräche:

»Sieben mal neun gleich dreiundsechzig. Drei beherrscht den Polarstern.

Dieser die Hunde. Daher werden die Hunde in drei Monaten geboren.«

Nur in der ersten Zeit lachte man hinter ihm, dann bürgerte sich die

Auffassung ein, daß er wahrhaft das Zeug zu einem taoistischen Doktor habe,

dieser ehemalige Clown des Dorfes. Er wußte so vieles: daß die Schwalben

und Sperlinge ins Meer tauchen und zu Eidechsen werden; er konnte den

tausendjährigen Fuchsdämon, den neunköpfigen Fasanendämon und den

Skorpiondämon benennen; und niemand verstand, was er vom Yin und Yang, dem

lichtvollen Männlichen und dem finsteren brütenden Weiblichen sagte.

Er fuhr auf See. Als er eines Morgens versuchsweise nicht zu den Dschunken

herabgegangen war, stand seine Frau still vor ihm am Ofenbett. Er erkannte

zwischen den zwinkernden Augenlidern, daß sie ihn wie sonst mit einem

Faustschlag in die Seite wecken wollte, aber dann ging sie, weckte den

fünfzehnjährigen Lun und den Bruder. Und jeden Morgen vor Sonnenaufgang

weckte sie die beiden Burschen; oben schnarchte einer behaglich im

Halbschlaf.

Wang-schen ging vormittags zum Nachdenken in den kleinen Tempel des

Medizingottes, im vorletzten Gebäude des Dorfes. Da er mit jedem im Dorf

und in der Nachbarschaft bekannt war, nahmen die Leute viel seine

eigentümlichen Dienste in Anspruch, seine Kunst, den »Teufelssprung« zu

üben, besonders aber, die »Schwangerschaft zu brechen«. So nannten die

Bewohner dieses Teils von Schan-tung eine sonderbare Sitte. Man fürchtete,

wenn sich in der Nähe einer schwangeren Frau alte Männer oder kränkliche

Kinder fänden, daß sie in den Leib der Schwangeren einziehen könnten,

vielleicht um sich so gesund und wieder jung zu machen. Wang-schen tobte

bei solcher Not in seiner weißen Tigermaske vor der hockenden Frau im

Zimmer herum, feite ihren Leib, indem er ihn mit Schilfsträngen schlug,

stieß schwitzend unkenntliche Silben aus. Bisweilen brachte er tausend

Käsch von diesen Übungen nach Hause.

Aber einmal kam er von einer Austreibung über die Straßen, sachte, in

seiner quer über das Gesicht gezogenen Maske, gelaufen, in seinen Hof, vor

seine Stubentür, wo er plump hinfiel. Die Frau riß ihm das Holzbrett vom

bleischwarzen Gesicht. Er keuchte. Aus seiner Brust pfiff es; er wälzte

seinen Leib und griff um sich. Die Frau rannte nach Kräutern, machte zwei

Ziegelsteine für seine Füße heiß. Ein kleines Mädchen schickte sie; das

mußte betteln, als hätte es keinen Käsch, um Geld für ein Bambuslos im

Medizintempel. Der Krämer und Dorfapotheker gab den Absud, den die

Losnummer bezeichnete. Wang spie ihn wieder aus.

Dann erhob sich nachmittags Lärm von vielen Stimmen vor dem Hause.

Unaufhörlich Gongschlag auf Gongschlag; Klingeln, Rufe von weither. Schwere

Trägerschritte dröhnten vom Hof herein in das stickige Krankenzimmer. Der

Medizingott kam selbst, eine rohbemalte Holzsäule, zu seinem Schüler, die

Diagnose zu stellen, die Heilung zu bringen. Die Mutter rief dem

Schlafenden in die Ohren: »Zeige dich, zeige dich doch!« Sie stützten den

Halbblinden, der murmelte und gähnte. Im Zimmer war es wieder still.

Draußen schritt der Gott zum Apotheker; die Träger schwankten in den Laden

mit ihren Stangen, der Stab des Gottes zeigte an die unterste Ecke des

Regals. Heimlich und entsetzt machte der junge Apothekergehilfe, den Rücken

gegen sie gekehrt, das Abwehrzeichen des Tigers; der Stab hatte den Trank

des schwarzen Wassers bezeichnet.

Und dem Kranken half nichts mehr.

Der Gott stand schon allein in seinem verfallenen ärmlichen Häuschen am

Ende des Dorfes. Es war finster geworden. Sein dicker Schüler, der tapfere

Dämonenzwinger, wälzte sich um die dritte Nachtwache hastig auf den Rücken.

Die Frau fragte ihn, was er wollte. Sie konnte ihm nur noch die Schuhe

anziehen, mit denen man den Totenfluß überschreitet, die Schuhe bestickt

mit Pflaumenblüte, Kröte und Gans, und mit einer weißen offenen

Wasserlilie.

* * * * *

Der Alte hatte gewünscht, daß sich Lun zum ersten Examen vorbereite. Aber

dessen Talente lagen anderswo und waren ganz besonders. Man bemerkte schon

beim Scheren und Rasieren seines kugelrunden Kopfes ein längliches

schwarzbraunes Mal auf der rechten Schläfenschuppe, das sein Vater als die

Perle der Vollkommenheit deutete.

Wang-lun wuchs heran, gewandt und riesenstark. Unter seiner Roheit und

Hinterlist hatten Esel, Hunde, Fische und Menschen zu leiden. Zum Diebstahl

wurde er als sechsjähriger Junge von seinem Vater selbst angeleitet, auf

merkwürdige Weise. Es war im Dorf üblich, um die Festzeit im ersten Monat,

besonders aber am fünften Tag des ersten Monats, aus fremden Gärten und

Äckern Gemüse zu stehlen, weil dieses Gemüse Glück bringt. Es durfte

niemand einen Eindringling an diesem Tage, sofern er ortsansässig war,

verjagen; die Besitzer selbst pflegten vorher alles wertvolle Gewächs

beiseite zu stellen und zu überdecken.

Als Wang-lun auf solchem gesetzmäßigen Diebeszuge begriffen mit seinem

Bruder und Vater sein Heil versuchte, erging es ihm schlecht; ein paar

vertrocknete Erdnüsse klaubte er aus dem Boden. Er trottete wütend hinter

den andern her; lief nach Hause, setzte sich still, an einem Salzkrebs

lutschend, in die niedrige Stube neben seine Mutter, die ihn lobte, weil er

Dummheiten nicht mitmachte.

Er aber saß still zu Hause aus einem anderen Grunde; er hatte eine sehr

einfache kurze Überlegung angestellt: wenn man etwas Schönes stehlen will,

so ist der fünfte Tag des ersten Monats der ungeeignetste Tag dazu; es ist

lächerlich und absurd, gerade an einem Tage stehlen zu gehen, an dem alle

stehlen und alle ihre Sachen verstecken.

Er versprach sich, den fünften Tag des ersten Monats ein andermal zu

feiern, diesen Tag absatzweise über das Jahr zu verteilen, denn ein Tag hat

vierundzwanzig Stunden, die er unterbringen mußte; er mußte das Jahr über

die erlaubten vierundzwanzig Stunden stehlen.

Und so stahl der gewandte schlaue Bursche überschlagsweise vierundzwanzig

Stunden im Jahr und jeder Diebstahl hatte den Schein des Erlaubten, und ihn

begleitete das angenehme Gefühl, das Dorf übertölpelt zu haben; es war

genußreich zu stehlen.

Ja einmal, im letzten Lebensjahre des Alten, richtete Wang-lun seine

räuberische Logik gegen seinen Vater; er nahm ihm die dünne Bambustafel

weg, die tiefbraun und unleserlich geworden war. Den weißbärtigen

Wang-schen erfüllte tiefer Schmerz, als er Lun im Hof sitzen sah, die lange

vermißte Tafel auf den Knien, sie nach allen Seiten drehend, sie

mißtrauisch beschnüffelnd. Lun lief in großen Sätzen mit der Tafel weg; der

Alte weinte, über die Tafel und über den Sohn.

Im Dorfe wagten wenige, mit dem rohen Patron anzubinden; seinen Bruder

hatte er ganz in der Gewalt.

Man war sehr glücklich, als er, gelangweilt von dem Fischfangen, Dörren,

Netzeflicken, unzufrieden mit der Ärmlichkeit seines Heimatortes, aus dem

auch durch den raffiniertesten Betrug nicht mehr als dreißig bis vierzig

Tiau zu holen waren, eines Tages mit ein paar Kupferkäsch an der Schnur aus

Hun-kang-tsun losmarschierte, ziellos die große Straße nach Tsi-nan-fu.

Es war Frühling. Erst lief er allein. Dann, als die Säure ihm in den Mund

stieg, schloß er sich den Karrenzügen an, die aus den Töpfereien Waren in

die Dörfer schleppten, und verdiente ein paar Cent. Er stieg, grimmig über

die geizige Bezahlung, aus dem grünen Tal des Wei-ho auf in die wilden

Berge; hinter den einsamen Häusern lauerte er mit einem Beil, einem grünen

Sandsteinstück an einem Sandelholz, den Bewohnern auf, entriß ihnen, was

sie gerade bei sich trugen, und floh. Auf den furchtbaren Felswegen, die er

kletterte, war nichts vom Frühling zu merken. Die Bäche rauschten in den

eingeschnittenen Tälern, reißend nach der Schneeschmelze; der zerlumpte

Strolch ging nicht zum Waschen herunter zu ihnen; er war feige. Tagelang

trug er in seinem Kittel zwanzig kostbare Schnupftabakdosen aus feinstem

Glase; aß die rotgelben Kakis, die süßen getrockneten Äpfel, rasierte sich

nicht, band seine schmutzklebenden Haare nicht zusammen: er hatte auf der

Flucht ein kleines Mädchen bei einer Karawanserei überrannt, das Kind war

im Fallen über einen Hang gerollt, dann einen Grat abgestürzt. Wang wagte

sich nicht ins Tal aus Furcht vor dem Geist des Kindes.

Auf den letzten westlichen Ausläufern des Tai-ngan-schans, angesichts der

reichen blütenüberschwemmten Ebene des Ta-tsing-ho, blieb er fast einen

Monat liegen, unter den Bettlern und Lumpen dieses Striches, die in

kläglichen Hütten zusammenhockten. War abgemagert, fühlte sich elend;

seinen Lebensunterhalt verschwieg er den faulen Gesellen, mit denen er

abends Geduldspiele aus Quarzstückchen zurechtsetzte. Er stieg um Mittag

einen Felspfad aufwärts, durchkletterte eine kahle Schlucht; dann kam er an

die Rückwand eines verrufenen Wirtshauses, das drei mongolische Kühe besaß.

Dem aufpassenden Burschen hatte er das erstemal einen Genickstoß gegeben

und mit dem Beil gedroht, als er sich einen halben Eimer Milch nahm; jetzt

erwartete ihn der Junge alle drei Tage, steckte ihm alten Reiskuchen zu,

rohe Eier, ließ ihn melken, soviel er wollte.

Als der Junge eines Tages verschwunden war und zwei bissige Hunde um den

Stall liefen, kletterte Wang langsam und hungrig den mühseligen Weg zurück,

die Schlucht hindurch, den Felspfad herunter. Erst wollte er zu den

Bettlern zurück und irgendeinen von ihnen erschlagen; dann sonnte er sich

die letzten Tagesstunden, blieb schlafend auf dem Gneisschutt liegen und

stieg mit dem ersten Morgenschimmer die Berge abwärts über die sanften

Hügel, die flachen Kalksteinerhebungen. Die wasserreiche Ebene dehnte sich

unabsehbar aus. In dem blendenden Abendlichte sah er vor sich die starke

Mauer und die mächtige Stadt, Tsi-nan-fu.

* * * * *

Das war ein unermeßliches Wachsen um Tsi-nan-fu.

Diesseits und jenseits des lehmfarbenen breiten Flusses standen die

Hirsefelder schon übermannshoch, die starren Halme und Rohre mit ihren

grünen scharfen Blattscheiden und braunen Kolben, die sich schwer umbogen

und sanken wie Puschel von Kriegspferden und Helmwedel, überflockt von

feinen Härchen. Wenn der warme Wind von den Bergen über sie fuhr, ging ein

Scharren durch die Felder, als liefen die Halme davon, und alle warfen sich

zum Anlauf vornüber. Ganz junge Pflanzen standen an den schmalen Fußpfaden,

die Wang-lun am nächsten Morgen trottete; er riß ein paar aus, steckte die

dünnen zarten Seidenwedel in den Mund und sog an ihnen. Drosseln und große

Raben jagten sich schreiend über dem feuchten Boden, saßen auf den

schlanken Sophorenbäumen, in deren breiten Kronen die Zwitterblättchen ein

Schwanken und Schwirren begannen, als ob die Bäume ein krampfhaftes Lachen

unterdrückten.

In einem fliegenden Barbierladen noch vor dem Tor ließ sich der

verwahrloste Mann für seine Glasfläschchen waschen, rasieren und billig

einkleiden. Dann spazierte er lächelnd und die feisten Torwächter vertraut

grüßend in die Stadt hinein, in einem blauschwarzen Obergewand, auf neuen

Filzsohlen, am grünen etwas faserigen Gürtel den leeren Tabaksbeutel, als

käme er eben aus einem der vielen kleinen Teepavillons vor der Stadt, in

denen sich Dichter und galante Jünglinge ergingen.

Groß und unübersehbar war das Gewirr der Straßen. Kaufladen stieß an

Kaufladen, Garküchen, Herbergen, Teehäuser, überladene Tempel; an der Mauer

klingelten die Glöckchen zweier schöner Pagoden, die den Weg der

obdachlosen Geister ablenkten. Wang ließ sich willig von dem Menschenstrom

tragen, spähte listig und vergnügt um sich, schob in einer engen Straße

eine wartende Sänfte samt den beiden Trägern beiseite.

Und nachdem er die beiden an die Erde gelegt hatte, hatte er sich in ihnen

die ersten Freunde in Tsi-nan-fu erworben, die ihn nach einer Stunde in ihr

Logierhaus nebst Garküche führten, ein offnes luftiges Bretterhaus in der

Einhornstraße. Ein Flügel des Hauses enthielt die ärmliche Garküche, deren

Duft und Rauch aber auch den andern Flügel durchzogen, die nach der Straße

offene Terrasse für Teetrinker und die Schlafkammern; das waren Verschläge

im Hintergrund des Teeausschanks, niedrig, schmal, mit einer Bank zum

Liegen und einem Schemel. Wang warf nur einen Blick in seine Kammer, dann

strich er durch die Nachbarstraßen, erspähte Gelegenheiten. Er hatte keinen

Käsch.

Hinter zwei Hökerfrauen, die zusammen einen Korb trugen, ging er in ein

Haus, über einen weiten Hof, in einen halbdunklen Raum, den er erst an dem

dicken süßlichen Geruch als Tempelhalle erkannte. An der rund

ausgeschnittenen Tür saß ein alter kräftiger Mann in einem hellgrünen

weitärmeligen Gewand, den Zopf auf dem Scheitel aufgebunden; er saß vor

einem kleinen Tischchen mit Räucherkerzen, Papierfiguren und machte ein

salbungsvolles Gesicht, indem er die Lippen schnauzenförmig abwärts zog,

die Hände mit eigentümlicher Fingerkrümmung vor sich hinlegte und die Augen

schloß. Die Frauen hatten von ihm sechs Kerzen gekauft, steckten sie vor

einer bunten Holzstatue im Hintergrund an, vor einem sitzenden Gott, neben

dem Trommeln, Mandolinen und Pansflöten an der leeren Wand hingen.

Wang ging an dem Korb der Frauen, der in der Mitte des Raums stand, vorbei,

sah seitwärts, wie jetzt der Bonze die paar Käsch von Hand in Hand zählte

und sie lautlos in einem Kasten an der Türwand verschwinden ließ, wieder

die salbungsvolle Fischschnauze zog. Es war ein Tempel Hang-tsiang-tses,

des Patrons der Musikanten.

Als Wang sich zu der Tür wandte, stand der Bonze auf, verneigte sich vor

ihm, schwang die gefalteten Hände, pries die Frömmigkeit seines hohen

Besuchers, mit einem durchgesiebten gleichmäßigen Schwall von Worten. Auch

Wang verneigte sich höflich. Zum Schluß fragte der Priester, ob die

Subskriptionsliste für eine Wassermesse schon in den Palast seines Gönners

getragen sei; es seien fünf arme blinde Musikanten auf einem Boot

ertrunken, als sie aus dem jenseitigen Dorf zurückkehrten. Die Messe für

die Seelen der Ertrunkenen beginne in zwei Tagen. Wang gab einen falschen

Namen und falsche Wohnung an, bat, seinen Namen schon jetzt in die

Geberliste einzutragen, die an der Tempelwand angeschlagen war.

In der Dunkelheit brach er dann ohne Mühe in den Raum ein, erbeutete über

siebenhundert Käsch.

Er lebte zufrieden über eine Woche in der Herberge, als ein Zufall ihm den

Bonzen auf der sehr belebten Weißegräberstraße in den Weg führte. Es war

schon zu spät sich zu verstecken, als er das hellgraue Priesterkleid sah.

Zu seinem Erstaunen ging aber der Mann grinsend unter Winken an ihm

vorüber.

In derselben Nacht brach er bei dem Bonzen ein. Der Geldkasten war

verschlossen, aber leer. Wang tastete sich im Dunkeln an den Opfertisch;

auch unter der Opferasche lag kein Geld. Erst als er das weiche Tuch des

Achtgenientisches verzog, klirrte etwas: unter dem Tuch ausgebreitet lagen

einige Handvoll Kupferpfennige.

Er arbeitete in den nächsten Tagen, als das Geld vertan war, bald hier,

bald da als Kohlenträger, Läufer in einem Jamen; aber der niedrige Lohn

reizte ihn zur Wut, auch vertrug er sich nirgends. Sein prahlerisches

Wesen, seine Hitzigkeit zusammen mit seiner Riesenstärke rissen ihn überall

zu Gewalttaten hin.

So brach er nach zwei Wochen wieder in den Tempel des Musikantengottes ein.

Vorher sann er nach, wo der Bonze seine Tageseinnahme versteckt hielte. Daß

er sie nicht in seinem Bette und Schlafraum hatte, war Wang klar; der Bonze

wußte zweifellos, daß Wang es war, der ihn bestahl, und in seinem

Schlafzimmer fürchtete er sicher für sein Leben. Fast eine Stunde suchte er

vergeblich in dem Raum herum, beklopfte Wände und Boden. Schließlich

stellte er den Schemel des Bonzen auf den Altaropfertisch, betastete die

Statue des schweigenden Hang-tsiang-tses. Am Halse des Gottes klang es

hohl; er klomm hoch und auf dem Schenkel des Musikfürsten stehend öffnete

er das leicht zugängliche Kästchen; drei Hände voll Käsch glitten in den

Beutel an seinem Gürtel.

Als er sich herunterlassen wollte wieder auf den Schemel, bemerkte er, daß

jemand an seinem Zopf zog, nein, daß sein schön gebundener Zopf an der

Decke und Rückwand des Zimmers festsaß. Er tapste mit der freien linken

Hand nach oben und hinten; eine dicke teerartige Masse klebte da; mit Mühe

bekam er seine Hand frei; er fürchtete mitsamt der schweren Bildsäule

vornüber zu kippen. Schmerzvoll und unter Verlust vieler Haare rupfte er

seinen Zopf aus der klebrigen Galerte. Leise kläffend über den Bonzen

schlich er auf die Straße. Der Stoff klebte harzig an seiner schön

rasierten Kopfhaut; wohin er mit seiner linken Hand griff, blieb er hängen.

Seine Freunde in der Einhornstraße schabten ihn am Morgen unter großen

Qualen sauber, mit scharfen Holzstäbchen; seine Haut blutete. Sie lachten

nicht über ihn, sie fürchteten und liebten ihn, sie bewunderten seine

Kühnheit. Auch teilte er den Gewinn mit ihnen.

Nach dieser Nacht hatte Wang-lun, der geschundene Dieb, nur einen Wunsch:

sich an dem Bonzen zu rächen. Der Mann schien seine Wohnung zu kennen;

wenige Tage nach dem Ereignis traf er den grauen Mantel langsam in der

Einhornstraße spazieren. Das faltige Gesicht lächelte nur wenig, als Wang

sich über die Balustrade der Teeterrasse herunterbeugte; es verzog sich zu

einem schmerzlichen Bedauern vor dem bewickelten Schädel Wangs. Oft sah

sich der Bonze um nach dem armen Dieb, der hinter ihm Grimassen schnitt.

Nun gab Wang seinen beiden Freunden nichts von der letzten Beute; er legte

fast alles seinem Wirt hin, damit er selbst ungestört seine Pläne ausführen

könnte. Es lief auf einen Wettstreit zwischen ihm und dem Bonzen hinaus.

Noch war sein Kopf bewickelt, da ging er an einem Nachmittag in das Haus

des Bonzen. Der saß an seinem Platz in weihevoller Haltung; es waren Fremde

aus Wu-ting-fu da, die seinen Tempel besichtigten. Als er den gleichgültig

stolzierenden Wang erkannte, lief er entzückt herbei, dankte für die

reichliche Gabe bei der jüngsten Wassermesse, fragte nach dem Befinden

seines offenbar leidenden Gönners. Mit ernster Stirne fügte er hinzu, daß

sein Tempel in vielen Sorgen schwebe. Ein schlaues Diebsgesindel mache sich

in diesem ruhigen Stadtviertel breit und brandschatze den armen

Hang-tsiang-tse und seinen bescheidenen Diener Toh-tsin; dies war sein

Name. Wang hörte ihn von oben herab interessiert an und fragte nach einer

nachsinnenden Pause, welche Vorsichtsmaßregeln der weise Toh-tsin getroffen

habe gegen die Verbrecher.

Nun führte Toh, der lebhaft und wiederholt für sein grenzenloses Wohlwollen

dankte, den ernsten Mann herum, der mit den prüfenden Augen eines Beamten

alles betrachtete. Toh ließ ihn den alten leeren Wandkasten sehen, zeigte

Fußangeln, die er abends an der Türe auslegte, wies auf die vertrocknete

Teermasse an der Hinterwand der Bildsäule. Wang gab Ratschläge; ob es sich

nicht empfehle, die Tageseinnahmen am eigenen Körper zu tragen. Toh

replizierte mit dem Hinweis auf die Gefährlichkeit der Halunken, die sogar

--. Wang brauste auf, wies den Ausdruck Halunke zurück, erklärte auf den

lächelnd fragenden Blick des andern, daß seinen Ohren so heftige Ausdrücke

böse klängen, daß er gerade dieser Feinhörigkeit wegen tiefe Verehrung für

den Musikfürsten hege.

Sie gingen, sich gegenseitig musternd, einige Male zwischen den andächtigen

Fremden aus Wu-ting-fu hin und her. Dann verabschiedete sich Wang

herablassend von dem Priester, der hingerissen dankte für das Vertrauen des

erleuchteten Gastes.

In dieser Nacht ging der Fischersohn aus Hun-kang-tsun ratlos vor dem

Tempel auf und ab. Er wußte nicht, wie er es anfangen sollte. Er fürchtete,

sich vor dem alten Spottvogel zu blamieren. Ihn ganz in Ruhe zu lassen war

unmöglich nach dem letzten Triumph dieses hinterlistigen Betrügers. Manchen

Augenblick dachte Wang ernstlich, er müßte den Toh-tsin wecken, verprügeln

und der Polizei übergeben.

Dann fühlte er sich über den stockfinstern Hof. In einem Winkel des

seitlichen Schuppens blieb er stehen, um seine Augen an die Dunkelheit zu

gewöhnen. Da sah er dicht neben sich quer vor der Haupttür eine lange

Leiter am Boden liegen.

Er rührte sie nicht an; er überlegte. Das war eine List Tohs; die Leiter

stand sonst in einem Winkel des Hofes. Andererseits gab es im Innern des

Tempels kaum noch einen Fleck, wo Toh seine Tageseinnahme unterbringen

konnte. Wang umging vorsichtig die Leiter, versuchte mit einigen Sprüngen

den niedrigen Dachfirst zu erwischen, aber langte nicht herauf und es gab

zu viel Lärm. Dann hangelte er sich mühselig und immer wieder abgleitend an

einem feuchten Pfeiler des Schuppens herauf, schwang sich auf das Dach. Es

währte über eine Stunde, bis er auf das Tempeldach selbst herüberkam; er

fürchtete, wenn er sich aufrichtete, von der Straße gesehen zu werden.

Und so kroch er geduckt und legte sich bei jedem Türenklappern,

Trommelschlag der Nachtwächter platt auf den Bauch, immer in Gefahr

abzurutschen von dem schrägfallenden Gebälk. Er schimpfte, daß er gezwungen

sei, von dem Gelde eines solchen alten Schuftes zu leben. Dachrippe nach

Dachrippe wurde abgetastet; langsam ließ sich Wang zu der Kriegerfigur an

der Traufe herunter, die ein blankes Schild hob. Hinter dem Schild am Arm

des Ritters hing etwas und baumelte schwarz, als die Traufe sich unter

Wangs Gewicht bog. Es war der Geldbeutel. Seine klammen Finger knoteten ihn

ab, eine schwere halbe Stunde folgte, bis Wang wieder auf der Straße stand,

frierend und das schmutzige Gesicht zornverzerrt über die Hinterlist des

Alten.

Um die Mittagszeit, als er nach dem Essen tabakkauend auf der Terrasse

stand, kam der flinke Wirt angeschnattert, brachte ihm die lange Visitkarte

Toh-tsins. Der erkundigte sich nach dem Befinden seines Wohltäters, zeigte

sich erfreut, daß seine Kopfwunden zuheilten, besah sich gerührt die

zerrissenen Hände Wangs: es gäbe so schwere Gewerbe in Tsi-nan-fu. Als sie

ihre Tasse Tee ausgetrunken hatten, zahlte Wang offen aus dem Beutel seines

Gastes, begleitete ihn in den Tempel, um festzustellen, was es mit der

Leiter auf sich habe. Sie hegten große Sympathien füreinander, besonders

Wang für Toh, weil er sich ihm überlegen fühlte und der andere dies

zuzugeben schien. Toh hob auf den Wunsch seines Gastes die Leiter aus dem

Winkel, legte sie an das Dach an, kletterte ein paar Sprossen hinauf. Wang,

verblüfft, kletterte nach ihm bis auf das Dach.

Fest stand in Wang: die Sache, bei der er immer gleichzeitig gewann und

verlor, sollte heute ausgetragen werden.

Mit lahmen Beinen, schwachem Rückgrat schlich er bei Anbruch der Nacht

hungrig und aufgeregt in den Hof Tohs, hob die Leiter, die wieder quer lag,

auf, legte sie an den Dachfirst und kletterte mit Herzklopfen hinauf. Ein

Beutel hing richtig wieder an dem Arm des Kriegers. Besorgt blieb er

bäuchlings auf dem Dach liegen; es schien sich etwas im Hofe zu regen, die

Leiter schwankte einmal. Er kletterte rasch wieder herunter, ohne

Zwischenfall.

Da blieb er angewurzelt unten vor der Leiter stehen. Er konnte nicht von

der Stelle. Seine Filzschuhe waren in einen dicken Brei eingetreten, der

bis über seine Knöchel quoll. Er ächzte; arbeitete sich, an der Leiter

klimmend, hoch, indem er seine Schuhe stecken ließ. Seine Wut machte ihn

zäh bei der Anstrengung und fast sinnlos. Als er in bloßen Füßen mit

verklebten Hosen frei im Hofe stand, warf er den Beutel mit Gewalt an die

Tür der Kammer des Bonzen. Er schrie durch die nächtliche Stille laut zu

dem Klingeln der rollenden Käsch: »Da hast du deinen Dreck, du Sohn einer

Schildkröte.« Trommelte gegen die dünne Holzwand des Hauses mit den

Fäusten, bis sich eine sanfte Stimme drin vernehmen ließ: »Was will denn

der Liebling? Womit beschenkt er den Sohn einer Schildkröte zur Nacht?«

»Heraus soll der Sohn einer Schildkröte, heraus soll er kommen. Ich will

ihm zeigen, was Gemeinheit und Niedrigkeit ist. Du sollst mir meine Schuhe

bezahlen und meine Hosen.«

»Aber der stürmische Liebling hat schon den Preis bekommen für seine Schuhe

und seine Hosen.«

»Komm heraus, sage ich, du Schwätzer, du Dicker, du Gauner, ich will dir

zeigen, was bezahlen heißt bei mir!«

Während noch der frierende Wang-lun im Hofe tobte, kleidete sich Toh-tsin

feierlich an bei einer Öllampe, steckte den Teekessel an, öffnete die Tür

nach dem Hof mit großer Ruhe. Wang wollte gegen ihn anstürmen, konnte wegen

seiner verklebten Hosen nur in Schrittchen und unter Schmerz vorwärts. Toh

leuchtete ihm mit der Lampe entgegen, verbeugte sich unaufhörlich. Dem

großen Burschen, der die Lächerlichkeit seiner Lage fühlte, standen vor Wut

und Schmerz die Tränen in den Augen. Toh wich vor ihm aus, wies auf das

warme Ofenbett, auf das sich Wang wimmernd legte.

Eine Tasse heißen Tee, die ihm sein Wirt unter vielem Zeremoniell bot, soff

er in zwei Zügen aus, während Toh seinen Priestermantel zurückschlug, einen

Zeugbausch mit einer stark duftenden Flüssigkeit tränkte und langsam die

Pechmasse von Wangs Beinen abrieb. Zwischendurch lief er auf den Hof mit

der Lampe. »Es könnte doch ein Dieb kommen und uns unser Geld stehlen«,

meinte er, als er mit dem Beutel zurückkam und wieder die Türe schloß. Er

bot Wang ein paar Hosen und gute Filzschuh. Der Fischersohn aus

Hun-kang-tsun saß am Tisch des freigebigen Mannes, hieb in Wassermelonen

und schluckte Tasse auf Tasse. Es wogte in ihm auf und ab, aber der Tee war

heiß und die Melonen saftig.

Toh-tsin entpuppte sich im Gespräch als eben so großer Menschenkenner wie

Schelm. Sein besiegter Gegner legte den verpflasterten Kopf bald auf eine,

bald auf die andere Seite in Bewunderung dieser mannigfaltigen

Durchtriebenheit. Toh-tsin hatte sich wie berechnet einen zuverlässigen

Gehilfen gefangen.

* * * * *

So waren die merkwürdigen Beziehungen zwischen beiden in Freundschaft

ausgeartet.

Das Geschäft Toh-tsins war sehr einfach. Er hatte zur Verwaltung den Tempel

einer sehr armen Gesellschaft, der Musikanten. Sie bezahlten ihm für seine

Dienste einen unbedeutenden Betrag und stellten ihm die Kammer zur

Benutzung; er mußte sich im Grunde seinen Unterhalt durch Verkauf von

Räucherwerk, Messenlesen selbst verdienen, und alles war auf seine

Tüchtigkeit gestellt. In einem anderen Stadtteil Tsi-nan-fus befand sich

noch eine Halle für den Musikfürsten; und wenn Tohs Gott den Leuten ihre

Wünsche nicht erfüllte, so zogen sie schmähend und beschwerdeführend in die

andere Halle und brachten Tohs Gott in Mißkredit.

Wang-lun und Toh-tsin trieben jetzt das Geschäft gemeinsam. Wang wurde

Ausrufer und Zeuge des Bonzen. Wenn sie zusammen vormittags durch die

Straßen und über die wimmelnden Märkte zogen, ging der riesige Wang im

grünen Kittel dem Priester voran, trug die beiden meterlangen Posaunen an

ihren Schlünden; in die Mundstücke blies von Zeit zu Zeit Toh-tsin hinter

ihm; zwei brüllende tiefe Töne fuhren schrecklich aus den Schlünden unter

die auseinanderweichenden Menschen. Vor den Börsen der Seidenhändler, der

Porzellanverkäufer priesen sie laut die enormen besonderen Fähigkeiten

ihres Gottes; die Lose in seiner Halle gaben die sichersten Rezepte bei

allen Krankheiten; eine Messe vor ihm gelesen sei ebenso wirksam wie

billig. Es galt den Heiligen von Zeit zu Zeit aufzufrischen, ihm neue

sensationelle Fähigkeiten zuzuschieben; so riefen sie den Spürsinn des

Musikfürsten bei der Aufdeckung von Verbrechen, Diebstählen aus. Wurden sie

dann wirklich irgendwo hinzugezogen, so forschten sie beim Herumtragen

einer kleinen Statue des Hang-tsiang-tses nur die Gelegenheit aus, stahlen

etwas später und gruben mit Hilfe des Spürsinns Hang-tsiang-tses an einem

entfernten Platze den größten Teil der Beute wieder aus. Es versteht sich,

daß bei ertragreichen Diebstählen der Gott sie im Stich ließ.

Da Toh Wangs Neigung zu Narrenstreichen und Übermut kannte, schenkte er ihm

eine schöne Hirschmaske mit prächtigem schönen Geweih, eine Maske, wie sie

lamaistische Pfaffen bei ihrem Tsamtanze zu benutzen pflegen. Wang-lun

freute sich kindisch über das Stück, tollte im Tempelhof und auf der Straße

gemeinschaftlich mit den beiden Sänftenträgern herum, erschreckte, verjagte

Besucher.

Von seinen Possenstreichen war die halbe Stadt erfüllt. Wie er sich

irgendwo auf der Straße mitten in einen Rudel wilder Hunde setzte, den

Hirschkopf überzog, die Hunde angrunzte, dann vor ihnen über belebte Plätze

jagte: ein Gellen der Weiber und Kinder, ein Auseinanderstieben, ein

Springen, Bellen, Umrennen, und die Hetze verschwand in einer Gasse, wo er

die anjaulenden Hunde mit einem Fußtritt in irgendein Papierfenster, eine

Sänfte beförderte, und ausrufend weiterzog.

Berüchtigt machte ihn eine Sache, die mit einem ernsten Hintergrund sich in

ihren Folgen schwer an ihm auswirkte.

Es hatten sich chinesische Volksstämme in Kan-suh, die dem mohammedanischen

Glauben anhingen, trotzig und aufsässig benommen. Sie nannten sich die

Salarrh mit den weißen Turbanen, waren uneins unter sich; man hatte sie mit

Gewalt beruhigt.

Es sollte jetzt alles, was mit ihnen in Verbindung und Verwandtschaft stand

in den anderen Provinzen, festgestellt, verbannt oder ausgerottet werden,

nachdem ihr Führer schon längst sein Leben gelassen hatte mitsamt seinem

Anhang. Der Boden schwang schon unter den Füßen der Geheimbünde, die gegen

den Kriegskaiser und die fremde Mandschu-Dynastie wüteten, aber man achtete

in der stolzen Roten Stadt nicht auf dies dumpfe Geräusch, das seine Stimme

später mit dem Schwirren der Pfeile, dem Zischen der krummen Säbel, dem

unheimlichen Gesang der rotweißen Feuersäulen, dem Knarren und Bersten der

einstürzenden Giebel verstärken sollte.

In Tsi-nan-fu lebte unter andern mohammedanischen Familien die Familie

eines gewissen Su. Dieser stellte aus Pflanzenmark Dochte her; er war ein

angesehener würdevoller Mann, der den untersten literarischen Grad erreicht

hatte. Das Familienhaus der Sus stand in der Einhornstraße, schräg

gegenüber der Herberge Wang-luns, und Wang schätzte den klugen, wenn auch

eingebildeten Mann sehr.

Der Tao-tai von Tsi-nan-fu ermittelte, daß Su-koh der Oheim eines Mannes

war, welcher in Kan-suh die ersten Unruhen gestiftet hatte. Die Häscher

nahmen den Dochtfabrikanten fest, brachten ihn samt den beiden Söhnen in

das Stadtgefängnis, wo er täglich unter Foltern vernommen wurde.

Er saß über drei Wochen in Haft, als Wang in seinem Gasthof davon erfuhr.

Dem fuhr der kalte Schreck durch die Knochen. Er stellte sich den ernsten

teilnahmsvollen Su-koh vor, fragte einmal über das andere: »Warum denn?

Warum denn aber?« kam nicht zur Ruhe, bis er selbst festgestellt hatte, daß

Su-koh wirklich samt seinen beiden Söhnen im Gefängnis saß und unter

Foltern täglich vernommen wurde. Und zwar, weil jener Aufrührer sein Neffe

war, welcher in Kan-suh zuerst laut aus einem alten Buche vorgelesen hatte.

Wang setzte sich mittags mit seinen beiden Freunden und drei Bettlern in

der Herberge zusammen und beriet mit ihnen, was geschehen sollte. Er

schüttelte in der ihm eigenen Weise die beiden offenen Hände vor seinem

Gesicht und sagte: »Su-koh ist ein tüchtiger Mann. Seine Freunde und

Verwandten sind nicht hier und schon ohne Kopf. Su-koh darf nicht im

Gefängnis bleiben.«

Der einäugige Bettler erzählte, er hätte am Jamen des Tao-tai gehört, daß

in drei oder vier Tagen der Provinzialrichter aus Kwan-ping-fu eintreffen

werde, um über Sus Familie rechtzusprechen. Wang forschte ihn mit erregten

Worten aus, wer es gesagt habe, wieviele es gehört hätten, ob schon

Vorbereitungen zum Empfang des Nieh-tai, des Richters, getroffen wären,

wieviele den Nieh-tai herbegleiteten. Als er hörte, daß es ein alter,

besonders für diesen Zweck ernannter, hier noch unbekannter Nieh-tai sei,

leuchteten seine schmalen Augen höhnisch, dann grinste er, lachte nach

einer Pause heraus, daß die Eßstäbchen vom Tisch fielen und die fünf

mitlachten, sich anstießen und jeder melodisch das Lachen des andern

nachsang. Ein Kopfzusammenstecken, rasches Hin- und Herreden folgte, ein

häufiges wütendes Auftrumpfen Wangs. Jeder ging seiner Wege.

Nach zwei Tagen wußten alle Jamenläufer in Tsi-nan-fu und damit die ganze

Stadt, daß der Nieh-tai zur Entscheidung der schwebenden politischen

Prozesse morgen in Tsi-nan-fu eintreffen würde, rascher, als man erwartet

hatte.

Wang-lun hatte mit zwanzig schnell aufgetriebenen Nichtstuern und Gaunern

aus der Stadt nicht weniger als drei Brücken, die der Sendling passieren

mußte, unbrauchbar gemacht, hatte sich und seinen Spießgesellen Festkleider

aus einem Pfandhaus entliehen, das ihm und dem Toh wegen mancher billig

erworbener Versatzstücke verpflichtet war, und rückte mit seinem sich

übertrieben ernst gebärdenden Zuge am angegebenen Tage durch dasselbe Tor

in die mächtige Stadt, durch das er wenige Monate vorher allein gependelt

war, lächelnd, die feisten Torwächter vertraut grüßend, als käme er eben

aus einem der vielen Teepavillons vor der Stadt, in denen sich Dichter und

galante Jünglinge ergingen.

An diesem heißen Morgen des achten Monats schlugen ehrfurchtheischend Gong

auf Gong vor ihm. Zwei der verbrüderten Lumpen ritten mit Hellebarden dem

Zuge voraus auf klapprigen Braunen, auf denen sie unsicher saßen. Es

folgten die beiden gongschlagenden Knaben mit drohenden Stirnen, vier

Unterbeamte mit den frischlackierten Zeichen der oberrichterlichen Würde.

Und in dem blauen Tragstuhl saß hinter geschlossenen Vorhängen ein

träumender ehrwürdiger Greis mit einem weißen Bart, der rechts und links

von Backen und Kinn in dichten Schwanzquasten herunterfiel auf das schwarze

glatte Seidenkleid und fast das wunderschöne Brustschild bedeckte mit dem

gestickten Silberfasan: Wang-lun selbst. Die runde schwarze Mandarinenmütze

schmückte die Kugel aus Saphir.

Ein kleiner Trupp Soldaten hinter einem Offizier schloß den Zug, Soldaten

der Provinzialarmee von der grünen Standarte. Über die Plätze und

menschengestopften Märkte, die Stätten seiner ehemaligen Wirksamkeit, zog

Wang zwischen Mauern von verstummenden Bürgersleuten; die Tore des Jamens

standen weit offen.

Nur einen halben Tag hielt sich der Nieh-tai in der Präfektur auf. Er

beschloß, die politischen Gefangenen aus der Suhfamilie nicht gleich

abzuurteilen, sondern sie mit sich nach Kwan-ping zu nehmen, dort die

Antwort des Kaisers auf seinen Bericht abzuwarten.

Ohne in der Stadt zu übernachten, schon gegen Abend, verließ der hohe

Blauknopf die aufgeregte Stadt; auf einem Karren unter den Soldaten seines

Zuges stand ein schmaler Holzkäfig; in dem saßen, die Hälse durch einen

einzigen Holzkragen gezogen, Su und seine beiden Söhne.

Am Abend des folgenden Tages kamen die Läufer des echten Nieh-tais an, die

zugleich Beschwerden des Richters überbrachten über die schlechte

Wegeverfassung und Polizei im Distrikt. Die ungeheuerliche Nachricht

erfüllte dann, aufgedeckt, die ganze Stadt mit Entsetzen.

Es war mit dem Namen der höchsten juristischen Behörde gespielt worden. Der

Tao-tai samt seinem Beamtenstab war verloren; die mohammedanischen

Einwohner sahen einer summarischen Bestrafung entgegen; die Täter mußten

aus ihren Kreisen stammen. Es war vorauszusehen, daß der Stadt das Recht,

zu den Prüfungen zugelassen zu werden, kaiserlicherseits auf Jahre entzogen

würde.

Wang hatte sich inzwischen mit seiner Gesellschaft demaskiert in einer der

Schluchten des Gebirges. Su-koh und seine Söhne, die schon dem Tode

verfallen waren, verbrüderten sich mit Wang; es war bei aller schreckhaften

Freude kein lauter Jubel in der Schlucht; die drei waren unter den Foltern

hinfällig geworden.

Wang kehrte am nächsten Tage in die Stadt zurück zu Toh-tsin, den er ins

Vertrauen zog.

Der Nieh-tai blieb noch fünf Tage zur Untersuchung in Tsi-nan. Nach seiner

Abreise bei Anbruch der Nacht wurde der Priester des Musikfürsten durch

leises Pochen an der Kammertür geweckt. Die gesetzliche Frau des Su-koh

schlüpfte in die Kammer, verhüllte weinend ihr Gesicht mit einem dicken

weißen Schleier und setzte sich, ohne Worte zu finden, auf den Boden.

Su-koh war mit seinen Söhnen bewaffnet nach Hause zurückgekehrt, weigerte

sich, sich zu verstecken und gab an, daß er jeden, der in sein Haus

eindringen würde, ihn zu fangen, niederschlagen würde mit Hilfe seiner

Söhne und Sippengenossen. Sie beschwor auf der Diele den Bonzen und

Wang-lun, sich mit ihr zusammenzutun, damit der Mann und die Kinder wieder

ins Gebirge zurückgingen.

Die Frau blieb bei dem Bonzen, Wang lief in das Haus der Sus. Er fand den

Vater gekräftigt, ruhig, würdevoll wie sonst, aber in einer entschlossenen

Bitterkeit. Su-koh erklärte, er würde die Stadt und Provinz verlassen, aber

erst in Ruhe seinen Besitz verkaufen, seine Schulden bezahlen, seinen

Priester befragen, welchen Wohnsitz er wählen solle. Wang, indem er den

Kopf zwischen die Schultern zog, bot ihm an, den Verkauf und die Lösung der

Verbindlichkeiten zu leiten, auch den Verkehr mit dem mohammedanischen

Priester zu vermitteln. Su-koh lehnte alles ab.

Da beschloß Wang-lun, sich an seine Fersen zu heften und ihm zu helfen.

Su-koh ging schon am frühen Morgen durch die entsetzten Häuser, verlangte

seine Schulden und die, welche seine Frau in seiner Abwesenheit gemacht

hatte, zu bezahlen. Er erkundigte sich, ob man wisse, wo er sein Haus zu

einem angemessenen Preise verkaufen könnte. In der Menschenmenge, die dicht

hinter ihm folgte, sprang der öffentliche Spaßmacher, der Gehilfe

Toh-tsins, des Bonzen, der riesengroße Wang-lun, schwatzend und aufgeregt.

Nach kurzer Zeit kamen die Polizisten angerannt. Aber Wang und seine Helfer

wußten es einzurichten, daß die Menschenmenge sich mit Kindern und Frauen

vor den Su drängte und drohte. Der Alte hatte seine Geschäfte schon

erledigt, ging, unbeirrt durch das Geschrei der Leute und Bekannten, die

auf ihn einredeten, in sein kleines Haus. Dann erfolgte ein Trommeln und

Blasen. Blaujackige Soldaten sperrten die Straße bis auf eine kleine

Durchgangspassage, trieben Herumstehende in die Häuser. Ein hagerer

Tou-ssee, ein Hauptmann, befehligte sie.

Barhäuptig trat Su-koh aus seinem Hause, verneigte sich höflich vor dem

Offizier und wollte, ohne einen Blick auf die Soldaten zu werfen und ohne

Erstaunen über die Umgebung, an der Hausmauer entlang gehen, um ein paar

Häuser entfernt eine Besorgung zu machen. Der knochige Tou-ssee sprang

hinter dem langsamen, wohlbeleibten Mann her, stieß ihn mit dem Säbelknauf

ins Kreuz, riß ihn bei der Schulter herum, schreiend: ob er Su-koh, der

entwichene Dochtfabrikant, wäre. Su verschränkte die Arme und sagte, er

wäre das; aber wer er, der Tou-ssee, wäre; ob er ein Wegelagerer und Räuber

wäre und wie er die Dreistigkeit so weit treibe, einen schuldlosen Mann am

hellen Tag mit dem Degenknauf zu stoßen und ihm aufzulauern.

Noch ehe Su zu Ende gesprochen hatte, hatten der Offizier und zwei

herbeigesprungene Soldaten ihn mit einigen Säbelhieben an der Mauer

niedergemacht.

Wang schrie hell mit den andern auf, die von den Ecken der Straßen dies

angesehen hatten. Er wollte zuspringen, aber er zitterte, konnte nicht von

der Stelle, seine Glieder waren plötzlich von einer Schwäche und Lähmung

befallen. Er trieb mit der Menschenflut im Zickzack über die Plätze, seiner

nicht ganz bewußt. Seine Blicke liefen hilflos über die Gesichter, die

Gänsekiele und die Ladenschilder, die goldbemalten. Er erkannte keine

Farben. Eine immer wachsende Ängstlichkeit trieb ihn vorwärts. Fünf Säbel

fuhren dicht nacheinander durch die Luft, zehn Schritte vor ihm, wohin er

sah. Und dann ein graues Durcheinander. Übereinander.

Su-koh, sein ernster Bruder, lag ungerettet auf der Straße.

Su-koh war sein Bruder.

Su-koh war ungerettet geblieben.

Su-koh lag auf der Straße.

An der Mauer.

»Wo ist denn die Mauer?«

Es drängte ihn zu der getünchten kleinen Mauer. Su-koh wollte doch nur eine

Besorgung machen. Das Haus war noch nicht verkauft; der Priester mußte

befragt werden; wegen des neuen Wohnorts mußte der Priester befragt werden.

Er mußte doch an der Mauer entlang gehen. Warum hatte man seinen Bruder

Su-koh daran gehindert, an der Mauer entlang zu gehen. Oh, ihm war so heiß

und ihn fror so.

Er trottete zitternd in die Kammer Toh-tsins, der ihn schon erwartete.

Als er Wang verfärbt ankommen sah, faßte er ihn, der sich willenlos führen

ließ, gequält seufzte, mit den Fingern spielte, um den Leib, zog ihn in den

Tempel. Da öffnete er neben dem Standbild des Musikfürsten eine klinkenlose

Tür; sie kamen auf einen Platz mit Schutt und Backsteinen, saßen an der

offenen Straße in einem Wegeschrank für obdachlose Geister, ein viereckiges

steinernes Bauwerk, in dessen Inneren eine Höhlung ausgemauert war, so

groß, daß zwei Menschen geduckt drin kauern konnten. Nach der Straße zu

stand die breite Opferschale für Gaben; vom Bauplatz stiegen sie durch ein

mit Brettern verstelltes Loch ein.

Im Finstern, in der stickigen Luft saßen sie lange, bis der Feuerstein Tohs

gezündet hatte und das kleine Öllicht brannte. Toh war erregter als Wang,

der mit sich tun ließ, den Bonzen umarmte, den Kopf an seiner Schulter

hängen ließ. Der verstörte Mann erzählte dann von der Niedermetzelung

Su-kohs, weinte wie ein störrisches Kind, sprach von den fünf Säbeln, und

Su-koh sei totgeschlagen worden. Er beruhigte sich unter den Worten des

andern, atmete tiefer und langsamer und schwieg nachsinnend eine geraume

Weile.

Wo bekam man ein Mittel her, daß Su-koh, sein Bruder, wieder aufstand und

herumging, und alles für seine Abreise richtete? Dieses Blitzen war dran

schuld, daß es kein Mittel gab, daß er, der noch eben ernst die Arme

verschränkte, an die Erde schoß und wie eine Katzenleiche herumgezogen

wurde. Jetzt erschlug man wohl seine Söhne. Was tat man Su-koh an? Hätte er

laut aus dem alten Buch gelesen wie sein Neffe, wäre es kein Verbrechen

gewesen; man hatte aber nie etwas von ihm gehört. Darum wirft man seinen

Bruder hin, läßt seinem Geiste keine Ruhe. Der Tou-ssee hat Unrecht an ihm

getan. Der Tou-ssee hat ihn mit dem Säbel erschlagen.

Wang warf sich an der Seite des Bonzen halb herum, flüsterte, er würde

fliehen jetzt; nur ab und zu würde er nachts kommen, sechsmal an seine Tür

klopfen. Toh war glücklich.

Wang flossen, als er draußen das Tageslicht wieder sah, die Tränen über das

Gesicht. Er weinte verzweifelt auf dem Platz zwischen den zerbrochenen

Backsteinen und dem Schrein für obdachlose Seelen; er löste seinen Zopf

auf, riß an seinem grünen dünnen Kittel, knabberte gedankenlos an den

Knöcheln seiner eiskalten Hände herum. Den Beutel mit Kupfergeld, den Toh

ihm gab, schob er zurück; klammerte sich an die Kanten des Schreins,

schwang sich über die Latte, lief davon, ohne sich abzutrocknen.

Wang trieb sich sechs Tage bald in der Ebene, bald an den Randbergen der

Stadt herum. In der Nacht des sechsten Tages erschien er bei dem Bonzen,

fragte nach seinem Hirschgeweih. Toh suchte es heraus; war glücklich,

seinen ehemaligen Gehilfen zu sehen, freute sich an seinem entschiedenen

Ernst. Wang nahm die Maske in die Hand, streichelte sie, legte sie an sein

Gesicht; der Bonze sah, wie sehr sich sein Schüler verändert hatte. Die

entschlossene niedrige Stirn stand über Augen, die meist traurig und voll

Unruhe blickten, aber dann wieder ganz ohne Maßen wild und blind zankten.

Und der breite bäurische Mund mit der aufgeworfenen Unterlippe war nicht

anders: öfter wie in einem Heißhunger geöffnet, meist schlaff, ergeben. Die

listigen Linien um die Mundwinkel schwammen leer und zusammenhangslos

dazwischen.

Der Priester, dieses verlogene betrügerische Wesen, wurde weich und fromm

vor seinem Schüler und ertappte sich dabei, wie er ihn in einem

hingenommenen Gefühl segnete.

So saß Toh noch den Rest der Nacht in seiner Kammer wach und dachte an

Wang, der schon lange mit seinem Hirschgeweih sich in dem Wegeschrank

versteckt hatte, ohne zu sagen, was er vorhatte.

Die Nacht ging hin. Als auf dem Wan-kingplatze die Soldaten sich im

Bogenschießen übten, standen Haufen von Gaffern und Müßiggängern an dem

Zaune; der Staub wehte wie eine hohe lose Gardine über den baumlosen Platz.

Nach den Bogenschützen traten Turner und Springer an.

Da bläfften mit einmal die Hunde, die Menschen stoben auseinander; über die

niedrige Umzäunung setzte ein tobender Mensch mit einer Hirschmaske, rannte

gerade in einen Trupp Soldaten, der aufgelöst vor einer Sprungleine stand,

beobachtet von einem hageren Tou-ssee. Die Hunde, dreißig Stück, stürmten

zwischen den Beinen der barfüßigen Soldaten hindurch, die lachend

auseinanderliefen, sich fluchend der bissigen Tiere erwehrten. Der Tou-ssee

rannte brüllend hinter der Hirschmaske her, die mit einer Rinderpeitsche

ihm um die Ohren schlug, dann nach einem erstaunlichen Satze sich neben ihn

stellte, ihm die Maske überstülpte, ihn an sich drückte und an die Erde

legte.

Auf dem Platz war es merkwürdig still in diesem Augenblick, alle hörten ein

entsetzliches Stöhnen und Schnarchen. Schon raste der grauenvolle

barhäuptige Mensch in die Zuschauer hinein; ein paar Kläffer folgten,

blitzschnell war er verschwunden. Die großen Hunde liefen winselnd auf dem

sandigen Boden um den zuckenden Körper des Tou-ssee, beschnupperten ihn.

Die Soldaten verjagten sie mit Steinwürfen. Sie rissen dem Tou-ssee das

schwere Geweih ab.

Sein Gesicht war schwarz und gedunsen. Er war erdrosselt; die

Halswirbelsäule war ihm umgedreht.

Die Peitschenhiebe der Soldaten unter den Zuschauern nutzten nichts; in den

Nachbargassen liefen die Hunde herum. Die Mütter versteckten ihre Kinder,

die den Sand siebten, vor den rennenden Soldaten.

Das Hin- und Herrennen nutzte nichts. Das Drohen in die Häuser hinein

nutzte nichts. Schließlich fand ein Soldat eine Kinderpeitsche; aber das

half nichts; man brachte ihm aus andern Häusern solche Peitschen, mit denen

die Kinder ihre Holzesel antrieben.

Um Mittag lief es über alle Marktplätze, durch alle Läden und Gassen, in

die Teestuben, Weinschenken und Herbergen, in die weiten Höfe der

Regierungsjamen Tsi-nan-fus, durch die vier Tore in die Hirsefelder,

Gemüsegärten, über den lehmfarbigen Ta-tsing-ho auf die dunklen Hügel, daß

Wang-lun, der Fischerssohn aus Hun-kang-tsun, der Stadtschelm von Tsi-nan

es war, der den alten Su-koh und seine beiden Söhne in der Maske des

Provinzialrichters von Schan-tung befreit hatte, der den Präfekt betrogen

hatte mit einem Zug von Lumpen und Verbrechern aus den Tai-schanbergen, mit

lackierten Schildern aus einem Pfandhaus, daß Wang-lun jetzt seinen Bruder

Su-koh gerächt hätte an dem Hauptmann der Exekutionstruppe. In der

Hirschmaske, mit der er die Marktweiber sonst erschreckte, hatte er auf dem

offenen Wan-kingplatze den Tou-ssee der Provinzialtruppen vor seinen

Soldaten erdrosselt.

* * * * *

Der Mann, von dem die Stadt schnarrte, kletterte um diese Mittagsstunde

träge ein paar Felswege in den Bergen. Dann lag er jenseits einer

unzugänglichen Schlucht auf dem Gneisschutt ausgestreckt auf dem Rücken,

ohne Gefühl für die spitzen kantigen Steine. Er lag regungslos, ohne die

schweren Hände zu heben, in dem Sonnenbrand. Im Grunde wartete er und

befühlte sich innerlich, ob nun alles gut sei, ob er nun alles gut gemacht

hätte.

Die Pein der letzten Woche war unertragbar gewesen. Es trieb ihn umher von

einer Hütte auf den nächsten Kamm; vier Tage aß und trank er nichts: er

vergaß das Essen über dem Laufen, Augenschließen, Herumwälzen. Wenn das

Durstgefühl zunahm, merkte er nicht, daß es Mangel an Wasser war, was ihn

lechzen ließ; er glaubte, das Unglück in ihm wuchs und sengte. Es kam ihm

oft vor, als ob er sich neue Sachen kaufen müsse, weil man ihm Kleider und

Haut abgerissen hatte. Daß er auf einmal furchtbar schwer und furchtbar

groß war. Es quälte ihn außerordentlich, daß er so unbeweglich war, sich

gar nicht von der Stelle schieben ließ, wälzen ließ. Nicht anders war ihm,

als wenn er badete an dem fernen Strand von Hun-kang-tsun bei Beginn der

Ebbe: eben trugen ihn noch die starken Wellen, dann schleiften sie ihn

wiegend über den Sand; mehr und mehr trat das durchsichtige Wasser zurück;

seine braungelbe Brust lag trocken, die Zehenspitzen sahen aus dem Wasser.

Das Meer schälte seine Arme und Schenkel bloß: er lag tropfend

schwergewichtig auf dem feuchten Boden und mußte sich stemmen, um nicht in

die Flut zu rollen.

Ihn trug nichts mehr. Er hob hundertmal wiegend die Arme; sie ließen sich

nicht schwingen.

Dazwischen kam das Glitzern der Säbel, war so intensiv, daß er mit den

Augen zwinkerte.

Er versteckte sich vor den Bettlern, Dieben und Hehlern. Er konnte mit

ihrem Anblick nichts anfangen.

Su-koh war erschlagen: das hatte man ihm angetan.

Dabei fühlte er den überwältigenden Druck des Leidens, im Hinterkopf, auf

der Zunge, in der Höhlung der Brust. Und es war eine gewaltsam freiwillige

Richtung, die er seinen Gedanken gab, als er sich auf Rachevorstellungen

versetzte, Vorstellungen ohne Leidenschaft, erfunden, um ihn zu heilen, zu

befreien. Er jammerte sich vor: es wäre Grund sich zu rächen. Aber er

glaubte sich nicht, und konnte sich nicht glauben.

Und die Verzweiflung bei diesem Ringen wurde immer mehr zu einer Wut auf

den Tou-ssee, der das alles angerichtet hatte. Er fürchtete den Tou-ssee,

wie er sich ängstigte vor dem Blitzen seines Säbels. Aber die Wut auf den

Tou-ssee setzte sich siegreich durch, gewaltsam durch, setzte von Stunde zu

Stunde mehr über die Angst weg. Das Stöhnen des sinnlosen Leidens

verwandelte sich in ein Stöhnen des tastenden, suchenden, sicheren Hasses.

Die endlosen Tage wurden kürzer, und eines Nachts lief er durch die stummen

Straßen Tsi-nan-fus und saß bei Toh in der Kammer. Dachte noch nicht an

sein Hirschgeweih, als er an die Kammer pochte. Aber wie er die Schwelle

überschritt, wurde ihm warm. Die lustige Maske fiel ihm ein, und daß dies

alles vorbei sei; und im selben Moment hatte er eine Bewegung in seinen

Muskeln gefühlt: die Maske gefaßt und über den Kopf des Tou-ssee gestülpt,

erdrosselt, weggeworfen. Dies war gut. Er war glücklich. Über den Kopf

stülpen die Maske dem Tou-ssee, und dann weg. Über den Kopf des Tou-ssee

gestülpt, dann weg, weg.

So war der Mord geschehen unter seinen freudigen, delirierenden Händen und

Armen.

So lag er auf dem Gneisschutt, befühlte sich mißtrauisch und abgekühlt, ob

nun alles gut sei, ob nun genug geschehen sei.

Als er nach Stunden aufstand, fand er sich ruhig. Wie wenn in seinem

Brustkorb irgend etwas eingeschlafen sei, umstellt von hohen Spinden und

Tischen.

Es dunkelte. Die Mondsichel stand über den scharfen Klippen der Schlucht.

Da trabte er aufwärts und saß in einer Halunkenhütte, ein halb umgesunkenes

Holzwerk unter einem überhängenden Felsen. Die Hütte war leer.

Bald kamen fünf mit Laternen angeschlichen. Sie wußten von der Tat Wangs,

waren stolz, daß er zu ihnen zurückkehrte. Ein krummbeiniger Strauchdieb

bot ihm den ganzen Krug des herzerfreuenden Ginseng an, der ihm um den

kropfigen Hals hing. Sie krähten von dem hageren Tou-ssee, mimten Wang mit

Sprüngen vor, wie sie sich die Erdrosselung dachten. Er trank mit

verstopften Ohren. Dann überschrie er sie und bat ihm zu helfen. Sein

Blutsbruder Su-koh sei nicht beerdigt worden, sein Leib in Stücke

zerschlagen. Er, Wang, müsse in der nächsten Frühe weg; sie sollten ihm

helfen, noch jetzt in der Nacht eine Beerdigung für seinen ruhelosen

Blutsbruder zu feiern.

Sie liefen in Gruppen, es kamen neue Vagabunden von tieferen Hütten herauf.

Huschen der weißen Papierlaternen. Sie benahmen sich leise, als wären sie

in einem Totenhause und geboten sich Ruhe. Dazwischen tranken sie.

Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman · 第 3 / 29 题