Wang schüttelte den Kopf: »Ich führe euch nicht. Wenn ihr meinen Willen
habt, will ich euch auch führen. Ihr müßt mir zustimmen, gleich und in
diesem Augenblick. Und ihr werdet nicht zögern, und die im Dorfe sind,
werden nicht zögern, denn im Grunde spricht ja keiner von euch anders. Ihr
schäumt nur noch so, wie ich selber früher, liebe Brüder. Geht mit mir. Wir
sind Ausgestoßene und wollen es eingestehen. Wenn wir so schwach sind, sind
wir doch stärker als alle anderen. Glaubt mir, es wird uns keiner
erschlagen; wir biegen jeden Stachel um. Und ich verlaß euch nicht. Wer uns
schlagen wird, wird seine Schwäche fühlen. Ich will euch und mich schützen;
ich werde nach Schan-tung wandern und den Schutz der Brüder von der Weißen
Lilie erbitten, wie Chu will. Aber ich beschütze keine Räuber und Mörder.
Wir wollen sein, was wir sind: schwache hilfsbedürftige Brüder eines armen
Volkes.«
Ma-noh hielt den großen Wang an den Schultern umschlungen; er flüsterte
heiß: »Und ich will mit dir wandern; ich will ein schwacher armer Bruder
sein unter deinem Schutz.« Die andern hatten still dagesessen, sich lange
angeblickt. Dann warfen sie sich, erst Chu, darauf die vier vor Wang mit
der Stirn an den Boden.
* * * * *
Die Hütte des Ma-noh leer.
Die Krähen und großen Raben hüpften über die Stiegen durch die offene Tür,
saßen auf dem Herd, der noch warm war, zerrten mit ihren Schnäbeln an den
dicken Binsenmatten. Zwei graue Zibetkatzen ließen sich an den Schwänzen
vom Dach herunter, warfen sich mit einem Schwung langgestreckt mitten in
die aufgehäuften Tuch- und Pelzlagen, wühlten unter ihnen herum; unter den
Reflexen des Abendlichts blitzte ihr glanzvolles fleckiges Fell. Ein dicker
Rabe schaukelte auf dem leeren Regal und sah nach unten; als die größere
der beiden Katzen an die Wand gedrückt kurzbeinig sich in die Höhe zog,
rauschte er unter ängstlichem Flügelschlagen und grellem Krächzen auf, an
die Decke, zur offenen Türe hinaus.
Im Dorfe gingen um dieselbe Abendstunde die Wegelagerer einer hinter dem
andern in das Haus des Bauern Leh, das zu den vier Häusern gehörte um die
Eiche am Eingang des Dorfes. Auf dem hinteren Hofe stand eine weite leere
Scheune, die von den Bauern zu Versammlungen benutzt wurde. Die offenen
breiten Tore an den Längsseiten ließen weite Lichtmassen herein.
Was auf dieser Versammlung besprochen wurde, in der Scheune, in welcher ein
schwerer Geruch von verfaultem Stroh, muffigen Menschenkleidern und
Ochsenmist herrschte, ist kurz berichtet. Wang war nicht anwesend; Ma-noh
hatte ihn den langen Weg, wo sie zusammen die goldenen Buddhas und die süß
lächelnde Kuan-yin aus Bergkristall heruntertrugen, nicht allein gelassen;
sie saßen in jener Gerätekammer zusammen und sprachen.
Ma-noh war von einer Kette losgebunden; überglücklich, ungeschickt und
possierlich. Seine alte Gereiztheit klang peinlich in seiner Stimme; er
hatte einen Kampf zu bestehen mit seinen Grimassen, seiner Redemanier,
plötzlichen Affekten, die bodenlos geworden waren, und die er mit sich
herumschleppte, wie ein krankes Tier seinen Winterpelz in das Frühjahr. Er
kannte mit dem feinsten Gefühl seine Aufgabe, Wang zu beobachten; sah mit
Angst die Gefahren, die Wang drohten; sah im Hintergrund die Furcht Wangs
vor der Anbetung der Vagabunden. Sie blieben bis in die Nacht in der
dunklen kalten Kammer. Ma-noh konnte mit Freude verfolgen, wie sich in Wang
das väterliche und herrschaftliche Gefühl für die Brüder, die ihm
vertrauten, fest und fester setzte.
In der Scheune berichteten die fünf Abgesandten, was sie mit Wang-lun
beraten hätten und was ihnen Wang gesagt hätte. Vermochten fast Wort für
Wort zu wiederholen. Sie standen in der Mitte des zugigen Raums; die Männer
drängten sich um sie. Was die Boten berichteten, wirkte ungeheuer.
Neuer Überfall, Bogenschüsse in ihre Masse hinein hätten nicht so stark
erregen können. Bei einigen, die sich abseits von den übrigen zu bewegen
pflegten, kamen hohnvolle Bemerkungen auf von Bonzenwirtschaft; sie hielten
sich geduckt, als sie sich umringt fanden von leidenschaftlichen Gebärden,
stillem Vorsichhinstarren, hastigem Ausfragen, gedankenvollem Hin- und
Herspazieren.
Die von Ma-nohs Hütte herunterkamen, strömten eine unablenkbare Sicherheit
aus; sie standen eingekeilt; aus dem Haufen klang immer ihr: »Wang hat
recht.« Diese Boten, vom alten Chu bis zu dem ungeschlachten langen
Burschen, welcher das blutige Fell in Ma-nohs Hütte getragen hatte, wurden
angestarrt, umgangen von ihren Bekannten; man faßte sie an die Hände, man
lechzte sie aus, staunte ihre Ruhe an. Wang, der ein paar Häuser entfernt
in der Kammer hockte, an die jetzt alle dachten, rief man nicht; man hätte
ihn ungern gesehen; er sollte dies alles nicht ansehen, dieses Herumgehen,
dieses Zweifeln, diese Ratlosigkeit; man fürchtete das Auslöschen aller
Lampen durch ihn.
Den meisten kam Wangs Plan wie ein Rausch, dessen man sich erwehrt. Es war
eine Generalabsolution, die ihnen erteilt wurde. Sie sollten, geschützt
einer durch den andern, durch die Provinz wandern, betteln, arbeiten, an
keinem Ort sich lange aufhalten, in keinem geschlossenen Hause wohnen,
keinen Menschen töten; sie sollten niemandem wehtun, keinen betrügen, nicht
rachsüchtig sein. Wer will, solle die mildesten Götter anbeten, die Götter
des Cakya-muni, die Ma-noh und Wang vom Berge heruntergetragen hätten. Man
würde Großes, so Großes erreichen durch dies alles, daß es gar nicht
ausgesprochen werden könne: die Augen der fünf Sprecher wurden klein vor
Überschwenglichkeit und Heimlichkeit. Besonders der ungeschlachte Bursche
hatte jetzt etwas Hölzernes, Ungelenkes in seinem Wesen, sprach abgerissen,
war stark gebunden in seiner Haltung, als wäre er plötzlich versunken,
fände sich in seiner Haut nicht zurecht. Die andern fragten, was man denn
erreichen werde, nicht neugierig oder skeptisch, sondern lüstern,
aufgewühlt; aber die Boten Wang-luns schnitten darauf nur ein befangenes
Lächeln; es schien sich um Geheimnisse zu handeln, in die auch sie noch
nicht eingeweiht waren oder die so stark waren, so stark. Die Frager
schwiegen selbst, im Gemüt beängstigt und zugleich erschauernd.
Sie hatten das Gefühl der Rückkehr und zugleich des Abkettens. Die sich
nicht beherrschen konnten und Opfer ihrer Begierden geworden waren, diese
verbrauchten Weltverächter und kalten Ironiker, wurden am ehesten gepackt
von dem Plane. Sie waren leer, trieben und rollten sich durch ein
wechselvolles erbärmliches Leben, gutmütig, an vielem interessiert. Diese
waren einer Bannung am ehesten zugänglich, denn sie verloren und gewannen
nichts, waren völlig widerstandslos, da sie nichts beschäftigte. So tapfer
sie sich in den furchtbarsten Lagen benahmen, so unerschrockene Beschützer,
Angreifer sie waren, so waren sie am wehrlosesten, wo sich eine
ernsterstarrte Miene zeigte und ein Gefühl strömte. Es wickelte sie ein;
sie liefen ihm nach, sie bettelten hinter ihm her; sie tobten in Wut und
glaubten sich um ihr Eigentum betrogen und verloren, wenn es vor ihnen
auswich. Sie waren die verlässigste Avantgarde jeder, jeder Lehre. Sie
gingen in der Scheune herum, witzelten unverändert. Sie konnten kaum die
Worte der Boten lange hören, sie waren so innig gefangen, gequält von jedem
Zuviel; sie schämten sich ihrer Veränderung.
Die Glücklichen, die aus dem Drangsal des Bürgerlebens geflohen waren,
hörten erregt, daß man zurückkehren wolle. Sie sollten verzeihen, sie
wurden gedrängt, sich zu erinnern. Sie waren es, die tief beschäftigt
herumgingen, oft zuhörten, oft sich umsahen und die Stirnen falteten. Sie
empfanden ganz leise einen Puff: man drängte sie. Der wüste Schwall ihrer
Erlebnisse und Verwicklungen stand vor ihren Augen; sie hatten einen Ekel
davor wie vor einer Schlangengrube. Sie sollten verzeihen, niemandem
wehtun: das sollte die ganze Wirrnis lichten. Sie hielten sich an die
Boten, sie hingen an ihren Lippen, klagten innerlich. In ihnen tauchte das
Rachegefühl auf, heilend, versöhnte sie mit sich und den andern; sie würden
durch die alten Gassen gehen, Brüder eines geheimen Bundes, furchterregend,
ohne wehezutun. Es zog sie in dem Augenblick, wo sie daran dachten, an die
Orte hin, sie sahen sich wandern; die Rolle des Anklägers verlockte sie.
Sie sollten zurückkehren; das gab ihnen den Schwung der Erwartung; sie
hielten sich an die Boten, hingen an ihren Lippen, sehnten sich.
In den Ecken standen mürrische Gesichter; junge und ältere, die miteinander
nicht sprachen, an den Knöcheln kauten, Stückchen Stroh vom Boden aufhoben
und zwischen die Lippen zogen. Solche finsteren Gruppen bildeten die
verjagten Gesellen, welche sich elend unter den Vagabunden fühlten, denen
sie sich notgedrungen anschlossen und die bösartig unter ihnen geworden
waren. Ihnen konnte man eine offene Quelle zeigen, und sie wagten nicht
durstig sich hinzustürzen, sooft waren sie schon zerschlagen worden; sie
sahen in einer gewohnheitsmäßigen Verbissenheit ruhig zu, wie die andern
tranken, sie, unter den Ausgestoßenen Ausgestoßene. Sie wußten nicht ob sie
mitgalten, ob sie Brüder von Brüdern sein dürften. Erst als sich die
lächelnden verschämten Witzbolde unter sie mischten, wo sie sich am
sichersten fühlten, lösten sich ihre Mienen. Es gab unter allen, die in der
Scheune Wangs Botschaft, diese alten herzlichen Dinge, hörten, keinen,
dessen Herz sich mit ihrem an Verlassenheit und Weiche hätte vergleichen
lassen. Wo man an ihre Herzen mit einer Nagelspitze ritzte, sprang alles
Blut hervor. Sie waren unendlich verschüchtert. Sie schmolzen unter Wangs
Worten; es gab unter ihnen einige ältere, die sich umarmten und mit ihrem
Schluchzen die tönende Scheune erfüllten. Mit einer jungfräulichen Zagheit
ließen sie zu, daß die andern sich ihnen näherten, und hatten noch später
eine erinnerungsschwere Scheu vor ihren neuen Brüdern. Einige von ihnen,
außer sich über das, was ihnen zuteil wurde, knieten vor den Boten nieder,
nachdem sie sich durch den Knäuel geschoben hatten, bogen die Leiber zur
Erde, sprachen unverständlich. Die Verzückung befiel sie, wo sie Brüder,
schwache hilfsbedürftige Brüder schlimmer Vagabunden sein durften.
Die Wartenden, die Verführten, die Heimatlosen und Krüppel aßen Worte und
Mienen wie ein süßes Gebäck. Sie fühlten sich wohlgeleitet; sie fühlten,
ihnen geschähe Recht und man führe ihre Sache würdig vor aller Welt. Sie
waren es, die schon lange am innigsten zu Wang standen und am meisten von
ihm erwarteten; er war, wie sie glaubten, ihr Bruder mehr wie der der
andern. Sie träumten mit offenen Augen und frohlockten innerlich.
Kein einziger von den vier, fünf Raubtiermenschen, die mit ihnen auf den
Bergen gehaust hatten, befand sich mehr im Dorfe. Sie waren einzeln, sobald
es wärmer geworden war, nach oben geschlichen, trabten auf den verschneiten
Wegen, gruben ihre Höhlen und Hütten frei und warteten, warteten.
* * * * *
Als die fünf Boten spät in der Nacht in Wang-luns Haus traten, und ihm in
der warmen Wohnstube, derselben, in welcher er mit dem Lederbeutel
gescherzt hatte, zu erzählen anfingen von der Versammlung und dem Verlauf,
sank Wang zitternd gegen den Tisch, hörte ohne zu fragen einen nach dem
andern an.
Er sagte ihnen dann, was er vorhätte und was sie in den nächsten Wochen tun
sollten. Er würde allein nach Schan-tung wandern; es würde Wochen,
vielleicht einen Monat dauern, bis er sie wiedersehe. Prägte ihnen ein,
sich zu zerstreuen, nur an einem oder dem andern Tage zusammenzukommen,
sich nirgends lange aufzuhalten, aber immer voneinander zu wissen. Es
stünde ihnen frei, andere, die ihresgleichen wären und sich zu ihnen
hingezogen fühlten, aufzunehmen in ihre Gemeinschaft; aber darauf sollten
sie keinen Wert legen, neue Brüder zu gewinnen. Sollten keine Früchte von
den Bäumen reißen; sollten warten, bis sie selber fallen. Nur um sich
sollten sie sich kümmern, dies könnte er ihnen nicht tief genug einprägen.
Und dann sprachen sie den Rest der Nacht, ehe sie schlafen gingen, noch
Geheimes und Himmlisches.
Es war keine Besprechung mehr. Nach den Erregungen des letzten Tages saßen
sie in dem halbdunklen niedrigen Zimmer um den leeren Holztisch herum, die
Arme aufgestemmt, mit dem Kopf ermüdet nach vorn übergesunken, starrten vor
sich hin, atmeten. Sie schwiegen, und dann redete einer für sich, spann
seine dunklen Gedanken aus, schwieg. Sie hatten manches gehört auf ihren
Fahrten; es hielt sie wach, kundschaften zu gehen auf dem neuen Gebiet.
Einer erzählte von den großen Meistern Tung-gin und Ta-pe, welche auf
Wolkenwagen stiegen, auf dem Regenbogen gingen und dann sich verirrten im
Schoß des Nebels. Sie erreichten den Scheitel des Weltalls, ohne eine
Fußspur zu hinterlassen im Schlamm und Schnee, sie warfen keine Schatten.
Sie schritten über Berge und Felsen, bis sie zum Kun-lungebirge kamen, an
die Pforte des Himmels; sie drangen in seine Umzäunung ein, sahen den
Himmel über sich, einen Baldachin, die Erde unten, eine Sänfte.
Geheimnisvoll fing Wang selber an, leise zu sprechen von den Spitzen der
Welt und den drei Juwelen. Er verstummte bald, wandte den Kopf wie beirrt
suchend zur Seite zu Ma-noh. Ma-noh im Klostersingsang: »Cakya beschützt
alle; der Maitreya kommt nach ihm, den erwarten die Frommen, des kostbaren
Mondes weißen, majestätisch stillen König.« Er summte entrückt von den
Verwandlungen.
Jeder saß mit sich beschäftigt.
Als es hell am Morgen geworden war, nahm Wang Abschied nur von Ma-noh. Er
lehnte ohne Begründung ab, sich begleiten zu lassen. Vor Ma tat Wang in der
engen leeren Kammer das schweigende Gelübde; ließ sich die Scheitelhaare
sengen, hielt seine Finger über eine Flamme, warf sein letztes Geld auf den
Boden.
* * * * *
An demselben Tage, an dem die Bettler das Dorf verließen und sich nordwärts
zerstreuten, trat Wang-lun seine Reise nach Schan-tung zu den Brüdern von
der Weißen Wasserlilie an. Er wanderte ununterbrochen, oft sechzig bis
siebenzig Li den Tag. Ein furchtbarer Schneesturm hielt ihn zwei Tage im
Gebirge fest, ehe er in das Hügelland und die Ebene eintreten konnte.
Auf seiner beschwerlichen Wanderung brach dann der Frühling an. Die Stadt
Yang-chou-fu sah den Bettler und beachtete ihn nicht; sie sah nicht lange
später Anhänger dieses Mannes Entsetzliches in ihren Mauern leiden, fiel
halb in Schutt. Er setzte über große Flüsse, über den Kaiserkanal und
übernachtete einmal in Lint-sing, der Stadt, in der er sterben sollte.
Während es Frühling wurde, näherte er sich den reichen, ihm wohlbekannten
Gefilden am Westfuß des Tai-ngan. Man schälte noch auf den Winteräckern die
Binsen ab, zog die langen Markstangen heraus; er dachte an Tsi-nan-fu, das
nicht mehr fern war, und an Su-koh. Als der erste Regen fiel, begannen sie
die Aussaat auf den Feldern, warfen Raps, Bohnen, Weizen. Das Brüllen der
starken Pflugtiere, die nahen und weiten Lieder der Saatwerfer begleiteten
Wang. Er zog weiter, südlich und östlich, umging das brausende Tsi-nan.
Seine Nahrung gewann er durch Betteln, Trägerdienste; auf dem Felde half
er. In den größeren Dörfern und Städten trat er als Geschichtenerzähler
auf, trug das Weckholz, den Würfel in der Hand, das ihm ein großer Lehrer
namens Ma-noh verliehen habe; er hörte die Leute aus, warf seine Saat mit
großer Kraft.
Er hatte Tschi-li verlassen, war wieder in Schan-tung, dem Lande, das den
großen weisen Kung-fu-tse geboren hatte, den Wiederhersteller der alten
Ordnung, die stählerne Mittelsäule des Staatsgebäudes; dem Lande, das auch
durch Jahrhunderte die Geheimbünde hervorbrachte, welche Kaiser stürzten
und furchtlos das notwendige Gleichmaß wiederherstellten, dessen dies
Gebäude bedurfte. Das Land hatte einen ungeheuren Toten geboren, bot nun
unablässig Lebendige auf, um zu bewirken, daß sein Fleisch, seine
riesenhaften Knochen die Erde düngten, nicht breit auf dem kostbaren Boden
laste. Die Geheimbünde waren die Spitzhacke, die Schaufel, die Barke der
Provinz. Sie überlebten Regierungen, Dynastien, Kriege und Revolutionen.
Sie schmiegten sich elastisch und windend allen Veränderungen an, blieben
völlig in jeder Drehung unwandelbar und dieselben. Die Bünde waren das Land
selbst, das sich mit blinden Augen lang hinstreckte; die Leute schacherten
oben, feierten ihre Feste, vermehrten sich, besänftigten ihre Ahnen,
Heerführer kamen, Soldatenvölker, kaiserliche Prinzen, Feuersbrünste,
Schlachten, Sieg, Niederlage; nach einiger Zeit, einer unbestimmten Zahl
von Monaten zitterte das Land in kleinen Schwingungen, Vulkanaugen warfen
flammende, nicht zärtliche Blicke, Ebenen senkten sich; ein breitmäuliges
Donnern; und das Land, beunruhigt, hatte sich auf die andere Seite zum
Schlafen gelegt; es war alles wieder gut geworden. Es waren Jahrhunderte
her, als die Mingherrschaft, die vom Volk getragene, echt chinesische,
schwächer wurde, sich drehte, langsam verzuckte. In die schwere Zerrüttung
des Reiches, bereitet durch Verbrüderung von Ohnmacht, Verbrecherwesen,
Eunuchentum, griffen die Bünde ein; sie nahmen eisig den Hohn der Höflinge
hin, die einen Knaben auf den Thron setzten. Dann erklärten sie ihm
öffentlich den Krieg, bemächtigten sich des Landes; erschreckend weiß
schimmerte in die Provinzen hinein die Wasserlilie Schan-tungs. Die Bünde
hatten die glückliche Zeit der Mingkaiser nicht vergessen in den
Jahrhunderten. Sagen schlangen sich um ihre Namen. Die Mandschus drückten
nicht schwer; sie ließen das Volk gehen, wenn es sich nur beherrschen ließ.
So große Kaiser die Mandschus dem Reiche gaben, die Unvergängliches schufen
und unterstützten, so blieben sie den starren Genossenschaften Fremde, die
nicht Recht haben durften. So milde, liebevoll und selbstvergessend die
starken Fremden sich um das Volk bemühten, sie vermochten kein aufrichtiges
Lächeln auf den Lippen der Frau zu erwecken, die sie auf Tod und Leben in
den Armen hielten. Die Mandschu mußten erkennen, daß ihnen diese Herzen
verschlossen waren. Es kam zu keiner Rachsucht. Sie hielten das Volk unter
dem Schwert. Es fing an Gewalt mit Gewalt zu ringen. China, die Witwe, die
sich in einer aussichtslosen Sehnsucht verzehrte, sammelte Freunde gegen
den ernsten Gemahl. Zur Kühle trat Zorn, zur Enttäuschung trat Zorn.
Wang umging die grünen Weinberge am Westfluß des Tai-ngan. Als er die
ersten Hügel des Gebirges hinter sich hatte, rastete er bei seinen alten
Freunden aus der Tsi-nanzeit einige Tage. Einen verschmitzten jungen
Töpfer, den er bei ihnen vorfand, schickte er nach Tsi-nan herunter mit
einem Gruß an den Bonzen Toh, den Verwalter des Tempels des Musikfürsten
Hang-tsiang-tse. Die Rückkehr des Boten konnte Wang dann nicht mehr
erwarten. Der Töpfer fand den Bonzen nicht im Tempel; er hatte nach Wangs
Mord an dem Tou-ssee seine Kammer verlassen und hielt sich in der Stadt
verborgen, erst in den grünen Häusern, wo ihn eine Wang befreundete Dirne
aufnahm, dann in einem Dörfchen jenseits des Flusses, wo er seine Fähigkeit
des Ziselierens an Zinngefäßen auszuüben begann. Hier traf ihn der gewandte
Töpfersmann. Der Schreck und die Freude bei der Nachricht ließ Toh den
Stahlgriffel aus der Hand fallen. Er forschte bei versperrter Tür den
jungen Menschen aus, der von Wangs ernstem, ja ehrfurchtgebietenden
Auftreten berichtete und dessen Mission in Schan-tung ahnte. Beide, Toh und
der Töpfer, gingen frühmorgens aus dem Dörfchen heraus. Als sie im Gebirge
eintrafen, waren vier Tage seit der Abreise des Töpfers verstrichen und
Wang einen Tag weitermarschiert, ohne zu sagen wohin. Erst viel später, in
den Zeiten der letzten Not, sah Wang noch einmal seinen Lehrer und lernte
noch einmal seine Anhänglichkeit kennen.
Die Birken und das lichte Haselgehölz in der schönen Berglandschaft, die
der Mann aus den Nan-kubergen durchwanderte, schlugen aus. Kraniche
segelten durch die Luft. Das Stoßen und Verhalten des Windes nahm ab; die
Felsen wurden höher und kahler. Das Kohlengebiet von Po-schan kam näher. Ab
und zu begegneten ihm lange endlose Züge von Maultieren, die kandierte
Datteln, die süßen roten Früchte, in die Ebene hinunter schleppten.
Dann verbreiterten sich die Wege; auch die Berge traten auseinander. Dunkle
weite Felder dehnten sich mit unregelmäßigen Löchern, Püngen, in denen die
abgebaute Kohle zu Tag lag. Die Luft wurde, selbst bei Sonnenlicht, dichter
und dunkler. An vielen Orten stiegen Rauchsäulen in die Luft, wie Balken,
die das Gebiet abgrenzten und eingitterten. Die Straße war hart; runde
Granitblöcke lagen herum. Der Boden ging wellig. Auf der nackten steinernen
Ebene stand die große Stadt Po-schan.
Wang hatte von Chu die Adresse eines reichen Grubenbesitzers erhalten. Er
traf den Mann in seinem ungeheuren festen Hause nicht an; er bereiste zu
Handelszwecken, hieß es, die Nachbarschaft. Wang mußte seine Rückkehr
abwarten. Er ging hinaus und vermietete sich als Arbeiter bei einer Grube.
Sie standen zu fünf und zehn an den tiefen Schachten, mit geschwärzten
Oberkörpern, zogen an mächtigen Winden. Im Takt, Hand hinter Hand an dem
schlüpfrigen Lederriemen, zogen sie; ihr Gesang fiel gleichmäßig von Höhe
zu Tiefe und stieg an, wie der Eimer mit Wasser und Kohle. Sie wohnten in
der Ebene dicht zusammen in Lehmhütten.
Abend um Abend ging Wang herüber in die Stadt. Zwischen den Kohlenhaufen
mußte er sich durchwinden, die wie spitze Hüte aussahen. Dann kamen leere
abgezäunte Flächen, über denen ein erstickender Säuregeruch stand; hier
kristallisierte in großen Gefäßen das Schwefeleisen an der Sonne, das sie
aus einer Lauge von Schwefelkies gewannen. Am sechsten Tage traf der
Besitzer ein, er hatte schon von dem fremden Arbeiter gehört, der Tag für
Tag nach ihm fragte.
Chen-yao-fen war groß und breitschultrig, mit starkknochiger Stirn; hatte
ein energisches Wesen, sprach in den kurzen dringlichen Sätzen der
vielbeschäftigten; seine Fragen griffen unmittelbar an. Wang hatte solchem
Manne noch nicht gegenüber gestanden. Er schwankte im Beginn des
Gespräches; seine Sicherheit verließ ihn einen Augenblick; einige dunkle
Erinnerungen aus seiner Betrügerzeit in Tsi-nan überhuschten ihn; er kam
sich ertappt vor. Erst als er den Namen Chus ausgesprochen hatte, der
Kaufmann verblüfft an ihn herantrat, und er, Wang mit Chen zu verhandeln
anfing, schwieg alles unter kalter aufmerksamer Ruhe. Chen stand geraume
Zeit, die linke ringgeschmückte Hand am Mund, still da, von dem Schicksal
Chus erschüttert. Dann versperrte er die Türe, hieß den Gast, dessen
Wünsche er nicht begriff, sich an einem kleinen Tisch vor dem Hausaltar
setzen, bot ihm seine eigene Teetasse an. Wang, dessen Gesicht und Ohren
Reste von Kohlenstaub bedeckten, trug sein Anliegen vor, knapp und einfach;
welche Not sie in den Nan-kubergen gelitten hätten diesen Winter, wie sie
in das kleine Dorf eingedrungen wären, wie die Bettler sich verbrüdert
hätten und ihm folgten, was der Unterpräfekt von Cha-tuo gegen sie
unternommen hätte. Sie würden untergehen, bäten um den Schutz der
Vaterlandsfreunde, denn sie seien schuldlos, wie Chu.
Der Kaufmann, der die aufgerissenen Augen nicht von dem Mann ließ, welcher
mit hängenden Armen und geschwollenen Fäusten dasaß und seine Sache
hersagte, wie wenn es sich um eine Schale Reis handle, fragte nur, welcher
Art der Schutz sei, den man ihnen gewähren sollte. Er erhielt zur Antwort:
Druck auf die Behörden; im Notfall unmittelbare Aufnahme der Verfolgten und
Eintreten für sie. Dann bat er schon mit leisen Worten Wang zu gehen, um
keinen Verdacht zu erregen; morgen würden sie bei den Laugetöpfen, an denen
er ein neues Verfahren ausprobe, das er auf seiner Reise kennen gelernt
habe, sich in Ruhe weiter sprechen können. Wang verneigte sich und schwang
die Hände, nachdem er auf das stündlich Dringende seiner Sendung
hingewiesen hatte.
Der Kaufmann keuchte, als er allein war. Er verstand dies alles nicht,
verstand nicht, warum Chu, der Schweigsamste von allen, der Hab und Gut
liegen gelassen hatte, ohne ein Wort zu verlieren, sich diesen Vagabunden
offenbart hätte, sie alle verraten hätte. Er warf sich in der Nacht. Als er
sich morgens ankleidete, steckte er ein kurzes breites Messer in seinen
Tabaksbeutel am Gürtel; wenn es sein müßte, wollte er den Sendboten bei den
Laugetöpfen beseitigen. Chen war nichts weniger als totschlaglaunig; diese
Sache erforderte ein augenblickliches Eingreifen. Um keinen weiter zu
belasten, suchte er seine Freunde und Gildengenossen nicht auf. Er zündete
Räucherkerzen an vor der Ahnentafel in seinem Wohnzimmer, gelobte hundert
Täls zum Bau einer Pagode beizutragen, wenn diese Angelegenheit gut
abliefe, rief seine Träger.
Seine Sänfte trug ihn bis an die Abzäunung der Felder. Dann schleppten die
Träger zu zweien große eigentümlich geformte Tonkrüge mit einer
bleischweren Masse gefüllt hinter ihm her, setzten sie auf seinen Ruf neben
eine der flachen Laugeschalen ab, die groß wie ein Zimmer war. Eine
schwarzbraune Flüssigkeit bedeckte ihren Boden, atmete einen
zusammenziehenden ätzenden Dunst aus. Die Träger schickte Chen weg mit
einer Handbewegung.
Wang kam, hockte auf Chens Wink neben ihn vor der Schale nieder. Beide
wanden sich dünne Seidenschals, die neben Chen lagen, vor Mund und Nase.
Wieviel sie auf den Nan-kubergen seien?
Hundert, als er wegging, jetzt vielleicht vierhundert, vielleicht tausend.
Warum so ungewiß, vielleicht vierhundert, vielleicht tausend? Wodurch
könnten sie sich so rasch vermehren?
Sie seien einer Ansicht. Sie litten alle viel. Sie beschützten sich
gegenseitig.
Noch einmal, wer er sei, woher er stamme, welche Rolle er bei ihnen spiele?
Er heiße Wang-lun, sei der Sohn eines Fischers, aus Hun-kang-tsun im
Distrikt Hai-ling, Schan-tung, gebürtig. Er führe sie; er hätte ihnen
geraten, nichts zu tun gegen Bedrückungen, sondern als Ausgestoßene zu
leben ohne Widerstand gegen den Weltlauf.
Was er damit bezwecke, der Führung, dem Raterteilen, was er mit alledem
bezwecke? Warum sie sich denn nicht einfach in die acht Himmelsrichtungen
zerstreuten, so lebten, ganz so lebten, wie er meine und wie es ja wohl
entsprechend sei; statt sich zusammenzutun, die Aufmerksamkeit der
Ortsbehörden auf sich zu lenken, Schutz fremder Genossenschaften zu
verlangen und all das.
Wer sich zerstreue, verkäme, meinte Wang. Auch er hielte es für gut, daß
die Brüder zusammenhielten; sie wären sonst in Kürze wieder Mörder,
Seeräuber, Frauenschänder, Einbrecher. Es sei nicht genug, Wegelagerer zu
sein, sondern man müsse wissen, auf welchem Wege man zu lagern habe.
Jetzt erst befiel den entschlossen dasitzenden Kaufmann ein Erstaunen. Er
betrachtete den Mann neben sich, der ruhig Antwort erteilte und immer in
die schwarzbraune saure Galerte blickte.
»Du hast deine Lauge vier Tage lang stehen, Chen. Es genügt nicht, daß du
den Kies, den wir aus der Grube holen, wäschst. Du hältst die Lauge
tagelang unter dem Sonnenlicht. Ein Kristallschwefel nach dem andern
schießt auf, je mehr das Wasser abdunstet. Gieß deine Lauge in einen Bach:
es wächst kein Kristall, Chen.«
An den nächsten Tagen stundenlange Unterhaltungen der beiden. In der
letzten spielte Wang seinen Trumpf aus; daß er wohl den Schutz der Weißen
Wasserlilie für seine Brüderschaft erbitte, aber nicht mit leeren Händen
komme. Denn er bringe dem Bund ein ständig wachsendes Heer, auf das Verlaß
sei. Wenn man die Saiten des Juch-kin zu stark spanne, hören sie auf zu
klagen und zu tönen, springen wie ein Schwärmer um Neujahr dem Spieler an
die Wange, pfeifen eine blutige Strieme hin.
Schwer entschloß sich Chen am Spätabend des vierten Tages Freunde zu sich
einzuladen zu einer Mahlzeit auf den folgenden Tag. Und nachdem sie,
sechzehn an der Zahl, drei Stunden diniert hatten, viele seltene Gemüse,
Krebsschwänze, Pasteten, Hahnenköpfe, Hammelklößchen, gedünstete Nudeln,
nachdem das zarte Gebäck, die Weine, Liköre und der Essig von den kleinen
Tischen geräumt waren, mußte Chen seinen rauchenden Freunden von dem
seltsamen Bettler aus den Nan-kubergen in Tschi-li erzählen.
Er erzählte erst scherzweise, anekdotenhaft von ihm, dann als die Gäste auf
andere Dinge übergehen wollten, hielt er fest, und plötzlich war der Ton
ihres Gespräches, nach ganz unmerklichen Wendungen, geändert, und das
Gurgeln der Wasserpfeifen ließ nach. Es trat alles ein, was Chen gefürchtet
hatte. Es gab Lachen, Entrüstung, Befremdung über seine Rolle; bei manchen,
den klügeren, Angst und Versteinerung.
Sie saßen um die kleinen, dicht aneinander geschobenen Tische in dem
prunkhaft erfüllten Wohnzimmer. Bunte Teppiche und Bambusmatten wärmten den
Fußboden. Dunkel gebeizte Holzsäulen, zwei Reihen, stützten eine fein
gefelderte Decke, von der eisengetriebene Lampen und Laternen
herunterhingen an den Füßen von Greifen, aus den Mäulern von Drachen.
Fleckige Orchideen lagen an jedem Platz. Ein ausgezogener prachtvoller
Wandschirm verkleidete den Achtgenientisch an der Hinterwand des Hauses vor
dem Hausaltar. Ein ungeheurer meterhoher Prunkspiegel war nach der Wand zu
gedreht und zeigte auf seinem glanzigen schwarzen Holz Reiher, die über
Wellen hinziehen, auf Felsen am Ufer sitzen, ganz klein am Firmament gegen
Sonnenstrahlen auffliegen.
Chen-yao-fen saß in einfachem schwarzen Seidengewand unter seinen bunt
geschmückten Gästen. Sie naschten Süßigkeiten, schluckten aus winzigen
Teetassen, brachen Nüsse. Sie genossen die Weichheit und Leichtigkeit der
Stunde, warteten auf die Schauspielerinnen, die Chen aus der Stadt zu
mieten pflegte, und waren gar nicht geneigt, an Bettler aus den fernen
Nan-kubergen zu denken. Als dann der Name Chus fiel, und daß Chu in den
Nan-kubergen anscheinend von ihnen gesprochen hatte, wurde die Erregung,
das Aufspringen, das Drängen um Chen allgemein. Das Klappern der feinen
Bonbonschälchen hörte auf. Sie scharten sich an dem Wandschirm vor Chens
Hausaltar zusammen.
Pelien-kao, die Weiße Wasserlilie, tagte.
Die Flüche auf Chu wurden laut. Man wollte Näheres, Näheres, Näheres
wissen. Was denn, wie denn, warum denn? Die Erklärungen Chens wiederholten
sich; man sollte die Anhänger der Wasserlilie in Tschi-li orientieren, auf
die Entwicklung der Dinge aufmerksam machen, sie veranlassen, ihren Einfluß
geltend zu machen, daß nichts gegen den neuen Bettlerbund geschehe, die
Bettler im schlimmsten Fall selbst aufnehmen und verbergen.
Durch den heftigen Widerspruch der andern wurde Chen, der nicht ganz sicher
sprach, gereizt, sprach mit großer Kraft und nicht ohne Spitzen. Man
trennte sich auf das Verlangen vieler, die sehr bestürzt waren, kam
überein, sich abends noch einmal zu treffen.
Es war Furcht, was die meisten dieser sechzehn Männer beherrschte. Ihre
Sache sollte plötzlich ein Gesicht bekommen. Plötzlich: das war das
Wesentliche; ohne Not, ohne Grund. Die Regierung Khien-lungs dauerte lange.
Der Kaiser hatte eine harte, nicht ungerechte Hand. Es war gefährlich,
aussichtslos gegen ihn Aufruhr zu erheben. Es war nicht die Zeit.
Abends flackerten die bunten eisengetriebenen Laternen und Lampen von der
getäfelten Decke. Die Vorwürfe, die einzelne gegen Chen vorbrachten, waren
heftiger als mittags. Daß er sich eingelassen hätte mit diesem Sendling,
statt einem raschen Mann fünf Schnüre Käsch zu geben, dazu ein kleines
scharfes Messer. Einer jammerte, weinte, gab sich und seine Familie
verloren.
In der Finsternis schlug mit einem verabredeten Zeichen Wang an die
Hintertür des Hauses. Neben dem Altar kam der große lumpenbekleidete Mensch
hinter dem Wandschirm hervor, stand unter den erregten Kaufleuten. Er sagte
fast wörtlich, was er Chen erzählt hatte. Als sie in ihn drangen,
berichtete er, wie sie vom Berg laufen mußten, die armen und kranken
Männer, die mit ihm auf dem kahlen Nan-kugebirge wohnten. Er sprach, als ob
es ihn nicht beträfe. Einigen von den stolzen Kaufleuten kam der Gedanke:
man füttert diesen verhungerten Burschen aus und schickt ihn mit ein paar
Täls nach Hause. Sie beruhigten sich bei seinem Anblick, den sie genossen.
Er sah wahrhaft nicht ängstlich aus, sie lächelten leise und nickten sich
mit den Köpfen zu. Es mag sein, daß es ihm und den andern schlecht ging;
die armen Teufel sollten nicht verkommen, keineswegs. Aber wozu dieser
Lärm? Wegen ein paar Hungerleider bemüht man nicht Kaiser und Zensoren;
wenn der Hwang-ho übertritt, kommen in einer Stunde zwanzigtausend Menschen
um, und das Reich zittert nicht, und der Himmelssohn fährt sich nur einmal
fragend über die Stirn. Es war ein Irrtum Chus, die Weiße Wasserlilie für
eine Wohltätigkeitsanstalt zu halten. Wer wußte, was Hunger und entartete
Gesellschaft aus ihm gemacht haben.
Die Erregung flaute ab, das Kopfschütteln wurde allgemein. Sie unterhielten
sich miteinander, während Wang diesem und jenem Auskunft gab. Es war
lächerlich dieses Argument, daß sich ihnen Scharen kräftiger Menschen
anschlössen, wo sie doch nicht wußten, was mit ihnen tun. Man ließ sich
nicht von hundert, von tausend Menschen hinreißen zu Dingen, die man nicht
billigte.
Wang schwitzte, wischte sich nach Bauernart mit dem Handrücken Nase und
Stirn, verbreitete unter die exquisiten Parfüme den beleidigenden Geruch
der Landstraße. Er begriff die Lage völlig. In Chen, der gewohnt war zu
befehlen, stieg der Zorn über seine Brüder auf, die sich in einer ihm
unfaßlichen Weise abwandten, als bestünde keine Gefahr für sie,
untereinander schon plauderten und herumgingen, als überließen sie den Mann
und seine Sache ihm. Wangs und Chens Blicke begegneten sich.
Plötzlich lächelte der große zerlumpte Mensch, als er über die feinen
Konfitüren auf den fünf runden Tischchen inmitten des Saals blickte.
Pfiffig verbreiterte sich sein Mund, die gelben Zähne traten hervor; er
drehte grinsend den Kopf nach beiden Seiten, indem er langsam unter
höflichen Verneigungen die plaudernden Herren zerteilte und mit der Hand
über eine gefüllte Porzellanschale fuhr, wie man das nackte Köpfchen eines
Säuglings streichelt. Er hockte auf einem geflochtenen Schemel neben den
Tisch nieder, aß mit feuchtem Schmatzen die Schale leer. Die Herren hinter
ihm gurrten, kicherten, lispelten, stellten sich in kleinen Gruppen um ihn
herum, boten ihm von einem Nachbartisch eine neue Schale, die er dankend
abnahm. Er erzählte, wie schön und ausgewählt der Geschmack dieser Bonbons
sei, nahm auf den Rat der Herren besondere Stücke aus der Schale und aß.
Chen stand am Wandschirm still; die Blicke der lächelnden Herren kreuzten
sich; man blinzelte sich an; es wurde vergnüglich.
Dann ließ Wang seine Beine herunter, ging um sein Tischchen herum und
nötigte einen feinen Herrn, der ihm am freundlichsten Stücke angeboten
hatte, -- es war der jüngste, eben der, welcher sich über die neuste
Wendung der Sache herzlich freute --, sich auf seinen strohgeflochtenen
Schemel zu setzen. Der Herr ging amüsiert mit um das Tischchen, drehte aber
vor dem Schemel, stehen bleibend und sich verfinsternd, den Kopf zur Seite
und wandte Wang den Rücken. Der sprang vor ihn unter vielen Verbeugungen,
wies mit unverändertem Lächeln auf den besetzten Tisch, pries die
auserwählten Süßigkeiten. Als der Herr kalt ein paar Schritte an ihm
vorbeiging, folgte Wang mit entzücktem Kopfnicken, bot ihm den Arm zur
Stütze und die Schultern, um ihn zu dem Platz zu führen an dem Tisch mit
den ganz unübertrefflichen Bonbons. Der streifte wortlos mit einer raschen
Handbewegung Wangs Ellenbogen. Da umfaßte ihn seufzend der knochige Bettler
aus den Nan-kubergen von hinten, trug ihn unbekümmert um sein kinderhaftes
Schreien und Strampeln an den Schemel, setzte ihn mit einem Krachen darauf,
drückte ihm die aufstrebenden Schultern herunter. Mit dem linken Arm
umschlang er dem Herrn von hinten den Hals. Er wandte das wutkalte Gesicht
nach allen Seiten, in Fischerplatt drohend, hielt in der rechten Hand das
schmale fein ziselierte Messer, das der Herr zum Schmuck an seinem Gürtel
getragen hatte, im Kreis um sich schlagend. Immer wieder lud er den jungen
Herrn ein, zu fressen; bis der, gedrängt durch die halblauten Zurufe der
andern, einen Bonbon nahm und schluckte. Wang zog seinen Arm von dem Hals
des Mannes, rekelte sich offen und gähnte. Er spuckte einem fettleibigen
älteren Herrn, der in der Mitte des Saales ganz allein erstarrt stand, den
halbzerkauten Rest einer Dattel auf die bemalten Schuhe. Er begrüßte unter
Totenstille den Hausherrn, den hohen ernsten Chen-yao-fen im schwarzen
Seidenkleid, verneigte sich grinsend, versprach morgen wieder die Ehre des
Empfanges zu erbitten, schlich um den Wandschirm und war zur Tür hinaus.
Das Messer des angefallenen Herrn klirrte, geworfen gegen den
Ebenholzrahmen des Wandschirmes.
Chen war der einzige, der während des Spiels alles erfaßt hatte; aber auch
die andern, sofern sie nicht vor Bestürzung ohne Gedanken dastanden, wußten
etwas Neues, was nicht sich deckte mit ihren Gesprächen. Es krachte im
Zimmer, ein dumpfes Aufwuchten; der junge Herr war von dem Schemel, auf dem
er noch hockte, ohnmächtig hintenüber gefallen; der umgestürzte Schemel lag
halb unter seinen Beinen. Man lief zusammen, bemühte sich um den
Bewußtlosen, der plötzlich erbrach, bald die Arme bewegte, sich hoch
richtete und die trüben Augen zwinkerte. Es kam zu keinem lauten Gespräch.
Die reichen Herren stellten, als wären keine Diener im Haus, peinlich die
Ordnung im Zimmer wieder her, beseitigten mit seidenem Schal das
Erbrochene. Man ging hin und her.
Chen-yao-fen, mit energischer klarer Stimme, sagte, es würde ihn beglücken,
wenn die kostbaren Herren morgen oder in den nächsten Tagen wieder den Fuß
über seine verwahrloste Schwelle setzen würden; heute bäte er sie nur noch,
bei ihm zu speisen. Einer nach dem andern dankte; man konnte sich schwer
trennen, schurrte zerstreut zu den Sänften.
Wang berührte mit keinem Wort den Vorgang in Chens Wohnung, als er den
Kaufmann am folgenden Tag auf den Schwefelfeldern traf. Er setzte ihm
auseinander, daß kein Mißverständnis darüber herrschen möge: die Brüder aus
den Nan-kubergen bäten um keinen Schutz, sondern um Anerkennung und
Brüderschaft. Sie seien an sich stark, aber sie könnten gefährlich werden:
und dies sollte verhindert werden. Während sie Zusätze zur Lauge in die
Pfannen gossen, drang Chen tiefer in die Vorstellungen Wangs ein; seine
Ansichten über die Armut, sein Glauben an die goldenen Buddhas wurde ihm
deutlicher; er dachte, während er sich vor den blauen Dämpfen das Gesicht
mit dem Schal einhüllte, über das Tao, jenen starren unbiegsamen Weltlauf
nach, der Anfang und Ende von Wangs nicht ganz klaren Gedanken war. Es
waren Schwärmer, die unter der Not, den Behörden, den stolzen
Kung-fu-tseanhängern bald Entsetzliches leiden würden. Das heimische alte
Tao klang ihm so freudig aus Wangs Gesprächen entgegen.
Als sie nach stundenlangem schweigenden Dahocken und Rühren aufstanden und
Chen die Hände schwang, wußte Wang, daß er die Weiße Wasserlilie gewonnen
hatte.