Nichts ist schwieriger, als von einem Schlagwort zu einem Begriff zu
gelangen. Und Kultur ist das Wort, in dessen Zeichen heute +jedermann+
kämpft und siegt. Wenn auch der Versuch, dieses Zeichen rein
zurückzugewinnen, hierdurch sehr erschwert ist, so ermutigt anderseits
zu solchem Unternehmen gerade jener Glaube an die allgemein zwingende
Kraft des Wortes; es scheint darauf hinzudeuten, daß mit ihm etwas
bezeichnet wird, was zu allgemeinsten Werten in Beziehung steht, für
das Individuum gilt und doch dem einzelnen nie nützt, um dem anderen zu
schaden.
Natur und Kultur sind Begriffe, die einander oft gegenübergestellt
worden sind, besonders von dem Spaziergänger Schiller, der einer
Klärung des Kulturbegriffes auf lange hinaus dadurch entgegengewirkt
hat, daß er Kultur immer mit Zivilisation identifizierte. Sicherlich
ist zuzugeben, daß durch ein noch so inniges Verhältnis zur Natur
allein noch kein Mensch auch nur ein Titelchen der Bezeichnung
„kultiviert“ sich verdienen kann. Aber ebensowenig ist die wilde
Natur in ihrer Wirkung auf den Menschen antikulturell, und darum der
Gegensatz irreführend.
Der andere, bessere, von Windelband und Rickert in der letzten Zeit
in schönen Untersuchungen ausgeführte Gegensatz von +Natur+ und
+Geschichte+ kann uns hier eher weiter leiten. Offenbar hängt, was
man unter Kultur versteht, mit der Geschichte der Menschheit aufs
innigste zusammen. Ja, Kultur, soweit sie vergegenständlicht ist in
den erhaltenen Werken der vergangenen Geschlechter, sich mit Hegels
Begriff vom „objektiven Geiste“ deckt, wird ganz allgemein geradezu
identifiziert mit dem, was von dem Leben der Völker übrig bleibt,
mit der Summe der Projektionen ihres Daseins auf die Erde, und jede
spezielle Kultur danach gewertet, wieviel von jenen Projektionen die
Individuen und Nationen überdauerte. Das Wirken des Politikers, soweit
er Eroberer und Revolutionär, Zerstörer und Machtsucher, und nicht
Gesetzgeber und Staatsmann ist, wird in diesem Sinne als vergänglich
den Kulturschöpfungen gegenübergestellt.
Man nähert sich aber heute — unter dem Einfluß jener zwei Männer,
die in den letzten Jahrzehnten das Kulturproblem am ernstesten
genommen haben, Rich. Wagners und Nietzsches — vielfach doch schon der
richtigeren Auffassung, daß es sich zunächst um psychische Qualitäten
handeln müsse, wenn die Frage nach Kultur gestellt werde, und nicht
um die Residuen aus früheren Zeiten, in welchen sich vielleicht diese
Qualitäten offenbart haben. Da lag es nun nahe, den Grad der geistigen
Kultur eines Menschen oder einer Ära nach der größeren oder geringeren
Intimität des Verhältnisses zu beurteilen, welches sie zur Geschichte
früherer Zeiten besitzen. Der Historiker im weitesten Sinne wäre dieser
Anschauung nach der eigentliche Kulturmensch. Das ist es, worauf die
gierige Sucht der heutigen Mode nach Kultur eigentlich abzweckt, im
Gegensatze zur Bildung, welcher mehr das positive Wissen zugewiesen
wird: Beschäftigung mit Literatur und Kunstgeschichte, Orientiertheit
über die vergangenen großen Männer der Menschheit und persönliche
Beziehung zu ihren Schöpfungen. Kultur würde danach ihre Definition
von einem entgegengesetzten Begriffe der Barbarei erhalten, welcher
die völlige Unbekümmertheit um das von anderen und älteren Geschaffene
bezeichnen müßte. Es leuchtet aber ein, daß auch dieses Kriterium mit
der innersten geistigen Kultur eines Menschen nichts, gar nichts zu
schaffen haben kann. Denn gälte es in Wahrheit, so wäre der Mensch am
kultiviertesten, der die meisten Bücher gelesen, die meisten Konzerte
gehört, die meisten Museen besucht hat. Das ist natürlich niemandem
zu behaupten eingefallen, aber aller Kultursnobismus geht auf diese
Fiktion zurück. Auch müßte ja dann das Quantum einer kollektiven
Vergangenheit, die der Jahreszahl nach spätere Stellung eines Menschen
den Grad seiner Kultur mit entscheiden. Die Kultur, auf die es hier
ankommt, nimmt aber keineswegs („Sandkorn für Sandkorn“) +zu+ im Laufe
der menschlichen Geschichte. Der Sinn des Glaubens an den Fortschritt
ist ein Glauben an die sittliche Idee des Fortschrittes: Kultur
bleibt immer ein Ideal, und wir wollen uns ihm nur nähern. Ebenso wie
die Furcht vor dem Aussterben der Menschheit als Gattung nur darauf
zurückgeht, daß wir dann auf der Welt keinen Vertreter der sittlichen
Idee zurückgelassen sehen, an den wir so gerne noch alle die Hoffnungen
knüpfen, die uns das Gefühl der eigenen Unvollkommenheit verbietet: so
ist auch der Gedanke der Entwicklung bei irgend tieferen Menschen nicht
sowohl auf eine Überschau der Vergangenheit und ihren Vergleich mit der
Gegenwart gegründet, sondern nur Ausdruck eines Postulates, das sie an
die Menschheit auch als ein Ganzes in der Zeit heranbringen, obwohl
sich im einzelnen Geschehen stets alles gleich bleibt, und spät wie
früh immer nur der gleiche Kampf vom gleichen Kampfort aus in gleicher
Weise unternommen wird. +Es gibt keine Entwicklung; was den Menschen
zutiefst bewegt, ist ja nur der+ =Wunsch= +nach Entwicklung+; es gibt
nur ein +Bedürfnis+, der Gesamtheit der zeitlichen Ereignisse einen
realen Sinn außerhalb der Zeit unterlegen zu können; +es gibt keine
geschehene, sondern nur gewollte Geschichte+. Der Wille zur Geschichte
der Menschheit erweist hier seinen Ursprung aus demselben tiefsten
Quell, aus welchem das Unsterblichkeitsbedürfnis des Menschen fließt;
er selbst ist identisch mit dem Bedürfnis nach der Erlösung.
Es gibt darum keine Geschichte +des+ Menschen, weder des einzelnen
(der Charakter bleibt konstant, auch wenn einzelne Züge lange Zeit
verschwunden +scheinen+), noch auch, wenn ich ihn mit den anderen
vergleiche, die Tausende von Jahren vor ihm gelebt haben.
Es gibt nur eine Geschichte jenes Baues, zu dem sich die objektiven
Leistungen der einzelnen vereinigen; es gibt nur „Kulturgeschichte“.
Alles andere, z. B. der Krieg, wird nicht an der Idee der
Vollkommenheit dieses Baues gemessen; es ist Epos, es wertet nicht.
Da empirische Geschichte, als +in der Zeit+ erfolgend, nichts
+Wirkliches+ sein kann und kein Bedürfnis des Menschen zu befriedigen
vermag; +da es immer und ewig das qualvollste Leiden des Menschen
bleibt, keine Geschichte zu haben, und sein sehnsüchtigstes Motiv
immer nur, endlich Geschichte zu erleben+ — darum kann Kultur nicht
in der geistigen Rückbeziehung liegen, durch die eine Zeit mit einer
anderen sich enger zu verknüpfen glaubt. Die historischen Renaissancen
älterer Kulturen haben noch niemals Kultur neu geschaffen, und man
irrt gewaltig, wenn man der Berührung mit vergangenen Kulturkreisen
die magische Kraft einer völlig primären Wiederbelebung zuschreibt.
Kultur bleibt ein Ideal, und einem Ideal vermag auch nur der einzelne
suchende Mensch und nicht eine Kompagnie in Geh- oder Eilschritt sich
anzunähern. Der Kultur einer Nation muß die Kultur der Individuen
vorangehen; und schon darum sind Befürchtungen lächerlich wie jene, die
von kultureller Überflügelung eines Volkes reden, weil ein anderes mehr
Massenproduktion aufweist. Kultur ist nichts, wozu sich zwei Menschen
vereinigen, woran sie kollaborieren könnten.
Als das +Wesentliche+ in aller Kultur wird man einen Sinn zu betrachten
haben, der seine zwei Seiten hat. Bedingung aller Kultur und, rein
geistig, mit ihr identisch ist der +Sinn für Probleme+. Darum ist aber
alle Kultur auf +Individualität+ gegründet, denn es gibt Probleme nur
für +Individualitäten+.
Diese Bestimmung gibt auch sofort Rechenschaft über die innigen
Beziehungen des Kulturbegriffes zum Begriff der Geistesgeschichte.
Denn alle Kunst und Philosophie hat, solange es Menschen gibt,
dieselben ewigen Probleme, die großen Probleme der Menschheit und des
Daseins behandelt. Die großen Themen der Weltliteratur bleiben die
gleichen, für jeden Musiker erneut sich das Motiv des Requiems, die
Probleme der Philosophie sind die gleichen von den ältesten Mythen und
Sprüchen der Babylonier und Inder bis auf den heutigen Tag. Man denke
an die Variationen des Don Juan-, des Faust-, des Prometheus-Motivs
in den Literaturen der Völker, an Hamlets Wiederkehr als Skule, an
die Siegfriedsgestalt (=Feramors-Achilleus), an die Metamorphosen
des vollendeten Bösewichts als Hagen, Richard III., Franz Moor,
Golo, Bischof Nikolas. Die Idealität der Zeit wird vor Kant von den
Upanishaden gelehrt, Anaximanders Ethik sagt fast dasselbe wie die
Schopenhauers, der christliche Gottesstaat begegnet uns wieder in
der Gralsritterschaft der Parsifal-Sage und in Kantens Konzeption
eines Corpus mysticum. Im letzten Grunde sind auch die Probleme des
Künstlers und die des Philosophen dieselben, nur ihre Behandlung
eine verschiedene. Denn Frage und Gedanken sind beiden gemeinsam,
dem großen Künstler und dem großen Philosophen. Der Gedanke ist aber
demonstrierbar, und darum bedarf die Kunst der Logik nicht minder als
die Wissenschaft. +Anschauung+ ist das Individuelle in Philosophie und
Kunst; in der ersteren +unsinnlich+, in der letzteren +sinnlich+, in
der einen zum +Begriff+ führend, in der anderen zum +Symbol+. Gegenüber
der modernen Kunst, die durch den absoluten Mangel der Gedanken
charakterisiert ist, und diesen Mangel zu einem Prinzip erhoben hat,
indem sie vom Gedanken in der Kunst nichts wissen will, soll betont
werden, daß jede wahre Kunst Gedankenkunst ist, jeder große Künstler
ein großer Denker, wenn er auch anders denkt als der Philosoph.
Alle große Kunst ist darum +tief+; +es gibt+ =nur= +symbolische+
Kunst (die freilich nicht mit „symbolistischer“, d. h. mit heutiger
„Stimmungskunst“ verwechselt werden darf). +Da es den genialen Menschen
ausmacht, daß er in bewußtem Zusammenhange mit dem Universum steht,
so wird auch in den Werken des Genius immer der Puls des Dinges an
sich, der Atem des Weltganzen spürbar sein müssen.+ Wir erkennen so,
auch von der Einsicht in das Wesen des großen Künstlers selbst aus,
daß die Tiefe des Gedankens absolut dazu erforderlich ist, daß auch
das +Kunstwerk+ groß sei. +Dieser+ Maßstab, und erst später der der
Form, muß an jedes Kunstwerk in allererster Linie angelegt werden;
und daß alle Kunstkritik noch immer so blind tappt, daran ist nur
dies Schuld, daß sie ihren Gegenstand nicht an dem Ideal gedanklicher
Tiefe mißt. Freilich würden die Größen der Weltliteratur an Zahl
beträchtlich zusammenschmelzen, wenn man mit solcher Prüfung Ernst
zu machen anfinge, und gar viele Namen würden von dem Postamente der
Berühmtheit stürzen, auf das sie die große Menge derer gehoben hat,
die von der Kunst nur Rührung oder Aufregung, Stimmung oder Pathos
erwarten. Da würden sie hinuntersteigen müssen, einer nach dem anderen,
Wieland und Uhland, Horaz und Lope de Vega, Schiller und Otto Ludwig,
Grillparzer und Maupassant, Gottfried Keller und Lessing, Storm und
Thackeray, Grabbe und Anzengruber, Racine und Walter Scott, Byron und
Dickens, Molière und Walther von der Vogelweide; und ebenso unter
den anderen Künstlern, z. B. Botticelli und Segantini, Murillo und
Thorwaldsen, Gounod und Johann Strauß — keiner, keiner hielte dieses
Maß der Ewigkeit aus.[76] Des Gelächters und der Entrüstung aller
heutigen Kritiker wäre eine solche strenge Scheidung, wenn sie auch
mit den Lebenden ins Gericht zu gehen aus guten Gründen sich gehütet
hätte, sicher; aber dennoch würde sie sich an dem Anerkannten soweit
vergreifen müssen, daß sie sogar an der Größe des „göttlichen Homer“ zu
zweifeln sich nicht scheuen dürfte, obwohl sie sich doch hier gegen das
einstimmige Urteil aller anderen nur auf die Zustimmung eines einzigen,
freilich auch +des einzigen+, auf die Platons, berufen könnte.
Insoferne nun die großen Probleme längst gestellt sind, hängt Kultur
mit Kulturgeschichte wirklich zusammen. Aber sie müssen immer neu
gestellt werden; ob mit oder ohne Anschluß an frühere Lösungsversuche,
ist für das Beginnen gleichgültig und kann auch für den Erfolg nicht
wirklich maßgebend sein.
Am stärksten ist der Sinn für Probleme im hervorragenden Menschen: denn
die Probleme +sind+ in ihm lebendiger als in den anderen. Er empfindet
sie als +seine+ Probleme, gerade er kommt nie bloß äußerlich zu ihnen,
sie sind ihm nicht durch Überlieferung und Umgang angeflogen, sondern
er wird durch seine Individualität, durch das Problematische in ihr,
immer wieder zu ihnen zurückgeführt.[77] So setzt sich +objektive+
Kultur in ihrem Grundstock aus den Opfern zusammen, welche die großen
Menschen aller Zeiten am Altare des Welträtsels dargebracht haben.
Subjektive, psychische +Kultur+ ist, in formal stets gleicher Weise,
innerer +Kultus+; ihre objektive Vergegenständlichung ein Darbringen
des eigenen Kindes in höchster Verehrung eines unpersönlichen
Höchsten.[78]
Dennoch ist Kultur auch etwas Soziales: der Altar, an dem geopfert
wird, liegt frei und offen für die Augen aller Sehenden. Die
Öffentlichkeit des Kulturdienstes hat man stets dunkel empfunden, und
das Allerindividuellste, was es gibt, die Religion, die Frage nach dem
Sinn und der Aufgabe des eigenen Lebens, nie als zur Kultur gehörig
betrachtet, wenn auch dieses letzte Problem allen anderen Problemen,
vielleicht oft unbewußt, immanieren wird. Sowie jeder höhere Mensch
sein moralisches Innenleben mit sich selbst ausmacht und den äußeren
Beichtvater als sittliche Schwachheit und Schwächung empfindet, so
bleibt eben Frömmigkeit, die schließlich mit Moral doch identisch ist,
dem ausschließlichen Leben des Einzelnen aufgespart. Auch von der
anderen, der Werkseite her, wird sich diese Restriktion empfehlen.
Frömmigkeit tut keine Werke, die auf Erden fortdauern. Religion liegt
demnach bereits jenseits von Kultur, denn sie hat einen Inhalt, der
nicht selbst spezielles Problem werden kann: den letzten Grund des
Individuums und der Welt überhaupt.
Sie ist das Individuellste: glauben, sahen wir, kann der Mensch nur
an sich selbst, und an sich selbst kann er nur glauben, soweit er dem
Absoluten oder Gott als Idee des Guten und Wahren nachstrebt und ihr
ähnlich zu werden trachtet. Kultur ist individuell, aber nicht als
+Problem+ der Individualität, sondern als Folge der +problematischen+
und durch die Religion als +Position+ erneuerten (wiedergeborenen)
Individualität. Kultur ist +transzendental+ (nach dem von Kant
geschaffenen Begriffe); alle transzendentalen Funktionen führen
schließlich zur Idee des Absoluten als ihrem Schlußbegriff, diese ist
aber nicht durch einen logischen Beweis aus ihnen ableitbar. Erst
die +Transzendentalität schafft+ Kultur. +Die Transzendentalität
als der Inbegriff der über das einzelne Individuum in ihrer
Gültigkeit hinausgehenden und doch nur von ihm selbst immer wieder
zu vollziehenden Wertsetzungen ist Bedingung aller Sozialität+, sie
macht die Kultur wieder zur sozialen Sache, zum Werte, der von jedem
Individuum selbständig in Freiheit geprüft werden muß, und von jedem
immer wieder in formell gleicher Weise anerkannt wird. Soferne z. B.
rechtliche Einrichtungen nicht bloß nach dem festen Paragraphen
gehandhabt werden, sondern zur Problematisation verhelfen unter der
leitenden Idee der Gerechtigkeit und des Unrechtes als allgemein
maßgebender Faktoren bei ihrer Erwägung und Anwendung, insoweit und nur
insoweit haben Rechtssatzungen kulturelle Bedeutung. So ist es auch
nicht die möglichst ausgedehnte und möglichst kontinuierliche Benützung
möglichst vieler technischer Erfindungen, welche dem Individuum oder
der Gesamtheit Anspruch auf Kultur verleiht, und ebensowenig haben
die +Resultate+ der Wissenschaft kulturelle Bedeutung. Weder der
Universalgelehrte, noch der Universal-Sportsman repräsentieren den
Kulturmenschen.
Daß jedermann eine Uhr in der Westentasche trägt, hat kulturell nicht
ein Atom von Wert, solange nicht jedem Einzelnen die Zeit und ihre
Messung und moralische Verwertung Gegenstände des Nachdenkens geworden
sind. Also auch Kultur als Sinn für Probleme ist ein Ideal: kein Mensch
tut diesem Ideal genug, auch der Kultivierteste wird oft darüber
erschrecken müssen, über wie viele Dinge er noch nicht nachgedacht hat.
+Kein Mensch hat Kultur; aber jeder soll Kultur wollen.+
Denn Kultur ist auch eine +Aufgabe+ und nicht nur ein Problem, die
Kulturfrage hat wie jede andere Frage von wirklichem Schwergewicht ihre
praktische neben der theoretischen Seite. Und so differenziert sich
Kultur nach der anderen, praktischen Seite hin psychisch als +Sinn für
Aufgaben+. Der Sinn für Probleme muß sich in die Tat umsetzen wollen,
und das wird er immer, wenn es dem Menschen mit den Problemen ernst
ist. Probleme ohne Aufgaben sind zwecklos, Aufgaben ohne Probleme sind
grundlos. Das Spiel als solches ist zwecklos; denn es stellt Probleme,
die nie Aufgaben werden können.[79] Der Sport als solcher ist grundlos;
denn er stellt Aufgaben, die nie Probleme gewesen sind. Beide sind
darum aller Kultur solange ferne, als sie nicht in einem Menschen der
einen wie der anderen Bedingung nachkommen.
Als unumgängliche Voraussetzung aller Kultur wird man daher auch die
äußere Freiheit der Individuen immer fordern müssen. Freiheit ist die
Grundlage, ohne die Kultur nicht gewollt werden kann, und hiermit ist
erst eigentlich der Sinn jener Meinung völlig klar geworden, die als
Bedingung der Kultur freie Zeit, Muße im Gegensatz zur Arbeit ansieht.
Diese Formulierung beizubehalten, ist nicht möglich. Erstlich wird
Muße meist mehr für die +Pflege+, als für die +Kultur+ des Individuums
verwendet, und dann liegt eben doch auch im Prinzipe der +Arbeit+ ein,
oft mißverstandenes, und doch sehr wichtiges Element der Kultur.[80]
Die Arbeit ist weder das Gute noch das Böse an sich, sie ist an sich
ethisch indifferent; wenn auch der arbeitende Mensch, wie die Erfahrung
zeigt, moralisch über dem nicht arbeitenden zu stehen pflegt, so
kommt es doch stets auf den Zweck an, den Arbeit verfolgt. +Kulturell
wertvoll kann nur solche Arbeit sein, die auf Arbeit an sich selbst
zurückweist.+ Daß sie auch den anderen Menschen zugute kommen wird,
wenn sie Kulturwert hat, liegt eben im +transzendentalen Charakter der
Kulturwerte begründet+ (der Ideen der Wahrheit, Schönheit, des Rechtes
u. s. w.). Eine Arbeit, die bloß der Brotbereitung für die eigene
oder für fremde Familien gelten kann, wird nie Kulturwert besitzen.
Soziale Knechtschaft, selbst wenn sie zu letzten Endes kulturell
wertvollen Leistungen +zwingt+, ist daher an sich antikulturell, wie
die Phänomene der Armut oder der Krankheit von vornherein durchaus
antikulturell sind. Das Gefühl hierfür hat zur kulturellen Hochwertung
aller Betätigungen des Individuums geführt, bei denen es keinem äußeren
Zwange untertan ist; und so sind Sport und Spiel zu ihrem freilich
ebenso unberechtigten Ansehen als Symptomen von Kultur gelangt.
Jene stete Wechselbeziehung auf die allgemeinen Kulturgüter lassen aber
sowohl Spiel als Sport gänzlich vermissen. Indessen ist eben dies der
Ernst und die Größe des Kulturgedankens: Kultur muß von Individualität
emanieren, und sich vor dem allgemeinen Forum der überpersönlichen
Werte behaupten. Das ens transzendentale, das „animal metaphysicum“
ist darum eben dasselbe und kein anderes Wesen als das ζῶον πολιτικόν:
der Mensch. So beantwortet sich die berühmte Frage aller Soziologie:
was früher gewesen sei, das Individuum oder die Gesellschaft; +beide
sind zugleich, miteinander, da von Anfang an+. So, schmeichle ich mir,
erklärt sich „jene wunderbarste Tatsache, daß von allen Wesen, die
wir kennen, der Mensch auf der einen Seite das zur selbständigsten
Ausbildung der Individualität befähigte und zugleich auf der anderen
Seite das am meisten durch den sozialen Zusammenhang der Gattung
bedingte ist“. (Windelband, Die Geschichte der neueren Philosophie, 2.
Aufl., 1899, Bd. II, S. 227.)
Das Zeichen, +unter+ dem die Individuen zur Gesellschaft
zusammentreten, und +zu dem emporblickend+ sie als Gesellschaft
entscheiden, heißt Kultur. Kultur ist als +Idee+ ihrer +logischen
Seite+ nach ein +überindividuelles Problem+, ihrer +ethischen+ Seite
nach eine +überindividuelle Aufgabe+. Kultur als das +Verhältnis des
Individuums zur Idee+ ist +Sinn+ für theoretisches Problem im +Denken+,
+Sinn+ für praktische +Aufgabe+ im Handeln. +So ist Kultur zugleich
überindividuell als Idee und individuell als Ideal.+