II. Begriff der Kultur.

Nichts ist schwieriger, als von einem Schlagwort zu einem Begriff zu

gelangen. Und Kultur ist das Wort, in dessen Zeichen heute +jedermann+

kämpft und siegt. Wenn auch der Versuch, dieses Zeichen rein

zurückzugewinnen, hierdurch sehr erschwert ist, so ermutigt anderseits

zu solchem Unternehmen gerade jener Glaube an die allgemein zwingende

Kraft des Wortes; es scheint darauf hinzudeuten, daß mit ihm etwas

bezeichnet wird, was zu allgemeinsten Werten in Beziehung steht, für

das Individuum gilt und doch dem einzelnen nie nützt, um dem anderen zu

schaden.

Natur und Kultur sind Begriffe, die einander oft gegenübergestellt

worden sind, besonders von dem Spaziergänger Schiller, der einer

Klärung des Kulturbegriffes auf lange hinaus dadurch entgegengewirkt

hat, daß er Kultur immer mit Zivilisation identifizierte. Sicherlich

ist zuzugeben, daß durch ein noch so inniges Verhältnis zur Natur

allein noch kein Mensch auch nur ein Titelchen der Bezeichnung

„kultiviert“ sich verdienen kann. Aber ebensowenig ist die wilde

Natur in ihrer Wirkung auf den Menschen antikulturell, und darum der

Gegensatz irreführend.

Der andere, bessere, von Windelband und Rickert in der letzten Zeit

in schönen Untersuchungen ausgeführte Gegensatz von +Natur+ und

+Geschichte+ kann uns hier eher weiter leiten. Offenbar hängt, was

man unter Kultur versteht, mit der Geschichte der Menschheit aufs

innigste zusammen. Ja, Kultur, soweit sie vergegenständlicht ist in

den erhaltenen Werken der vergangenen Geschlechter, sich mit Hegels

Begriff vom „objektiven Geiste“ deckt, wird ganz allgemein geradezu

identifiziert mit dem, was von dem Leben der Völker übrig bleibt,

mit der Summe der Projektionen ihres Daseins auf die Erde, und jede

spezielle Kultur danach gewertet, wieviel von jenen Projektionen die

Individuen und Nationen überdauerte. Das Wirken des Politikers, soweit

er Eroberer und Revolutionär, Zerstörer und Machtsucher, und nicht

Gesetzgeber und Staatsmann ist, wird in diesem Sinne als vergänglich

den Kulturschöpfungen gegenübergestellt.

Man nähert sich aber heute — unter dem Einfluß jener zwei Männer,

die in den letzten Jahrzehnten das Kulturproblem am ernstesten

genommen haben, Rich. Wagners und Nietzsches — vielfach doch schon der

richtigeren Auffassung, daß es sich zunächst um psychische Qualitäten

handeln müsse, wenn die Frage nach Kultur gestellt werde, und nicht

um die Residuen aus früheren Zeiten, in welchen sich vielleicht diese

Qualitäten offenbart haben. Da lag es nun nahe, den Grad der geistigen

Kultur eines Menschen oder einer Ära nach der größeren oder geringeren

Intimität des Verhältnisses zu beurteilen, welches sie zur Geschichte

früherer Zeiten besitzen. Der Historiker im weitesten Sinne wäre dieser

Anschauung nach der eigentliche Kulturmensch. Das ist es, worauf die

gierige Sucht der heutigen Mode nach Kultur eigentlich abzweckt, im

Gegensatze zur Bildung, welcher mehr das positive Wissen zugewiesen

wird: Beschäftigung mit Literatur und Kunstgeschichte, Orientiertheit

über die vergangenen großen Männer der Menschheit und persönliche

Beziehung zu ihren Schöpfungen. Kultur würde danach ihre Definition

von einem entgegengesetzten Begriffe der Barbarei erhalten, welcher

die völlige Unbekümmertheit um das von anderen und älteren Geschaffene

bezeichnen müßte. Es leuchtet aber ein, daß auch dieses Kriterium mit

der innersten geistigen Kultur eines Menschen nichts, gar nichts zu

schaffen haben kann. Denn gälte es in Wahrheit, so wäre der Mensch am

kultiviertesten, der die meisten Bücher gelesen, die meisten Konzerte

gehört, die meisten Museen besucht hat. Das ist natürlich niemandem

zu behaupten eingefallen, aber aller Kultursnobismus geht auf diese

Fiktion zurück. Auch müßte ja dann das Quantum einer kollektiven

Vergangenheit, die der Jahreszahl nach spätere Stellung eines Menschen

den Grad seiner Kultur mit entscheiden. Die Kultur, auf die es hier

ankommt, nimmt aber keineswegs („Sandkorn für Sandkorn“) +zu+ im Laufe

der menschlichen Geschichte. Der Sinn des Glaubens an den Fortschritt

ist ein Glauben an die sittliche Idee des Fortschrittes: Kultur

bleibt immer ein Ideal, und wir wollen uns ihm nur nähern. Ebenso wie

die Furcht vor dem Aussterben der Menschheit als Gattung nur darauf

zurückgeht, daß wir dann auf der Welt keinen Vertreter der sittlichen

Idee zurückgelassen sehen, an den wir so gerne noch alle die Hoffnungen

knüpfen, die uns das Gefühl der eigenen Unvollkommenheit verbietet: so

ist auch der Gedanke der Entwicklung bei irgend tieferen Menschen nicht

sowohl auf eine Überschau der Vergangenheit und ihren Vergleich mit der

Gegenwart gegründet, sondern nur Ausdruck eines Postulates, das sie an

die Menschheit auch als ein Ganzes in der Zeit heranbringen, obwohl

sich im einzelnen Geschehen stets alles gleich bleibt, und spät wie

früh immer nur der gleiche Kampf vom gleichen Kampfort aus in gleicher

Weise unternommen wird. +Es gibt keine Entwicklung; was den Menschen

zutiefst bewegt, ist ja nur der+ =Wunsch= +nach Entwicklung+; es gibt

nur ein +Bedürfnis+, der Gesamtheit der zeitlichen Ereignisse einen

realen Sinn außerhalb der Zeit unterlegen zu können; +es gibt keine

geschehene, sondern nur gewollte Geschichte+. Der Wille zur Geschichte

der Menschheit erweist hier seinen Ursprung aus demselben tiefsten

Quell, aus welchem das Unsterblichkeitsbedürfnis des Menschen fließt;

er selbst ist identisch mit dem Bedürfnis nach der Erlösung.

Es gibt darum keine Geschichte +des+ Menschen, weder des einzelnen

(der Charakter bleibt konstant, auch wenn einzelne Züge lange Zeit

verschwunden +scheinen+), noch auch, wenn ich ihn mit den anderen

vergleiche, die Tausende von Jahren vor ihm gelebt haben.

Es gibt nur eine Geschichte jenes Baues, zu dem sich die objektiven

Leistungen der einzelnen vereinigen; es gibt nur „Kulturgeschichte“.

Alles andere, z. B. der Krieg, wird nicht an der Idee der

Vollkommenheit dieses Baues gemessen; es ist Epos, es wertet nicht.

Da empirische Geschichte, als +in der Zeit+ erfolgend, nichts

+Wirkliches+ sein kann und kein Bedürfnis des Menschen zu befriedigen

vermag; +da es immer und ewig das qualvollste Leiden des Menschen

bleibt, keine Geschichte zu haben, und sein sehnsüchtigstes Motiv

immer nur, endlich Geschichte zu erleben+ — darum kann Kultur nicht

in der geistigen Rückbeziehung liegen, durch die eine Zeit mit einer

anderen sich enger zu verknüpfen glaubt. Die historischen Renaissancen

älterer Kulturen haben noch niemals Kultur neu geschaffen, und man

irrt gewaltig, wenn man der Berührung mit vergangenen Kulturkreisen

die magische Kraft einer völlig primären Wiederbelebung zuschreibt.

Kultur bleibt ein Ideal, und einem Ideal vermag auch nur der einzelne

suchende Mensch und nicht eine Kompagnie in Geh- oder Eilschritt sich

anzunähern. Der Kultur einer Nation muß die Kultur der Individuen

vorangehen; und schon darum sind Befürchtungen lächerlich wie jene, die

von kultureller Überflügelung eines Volkes reden, weil ein anderes mehr

Massenproduktion aufweist. Kultur ist nichts, wozu sich zwei Menschen

vereinigen, woran sie kollaborieren könnten.

Als das +Wesentliche+ in aller Kultur wird man einen Sinn zu betrachten

haben, der seine zwei Seiten hat. Bedingung aller Kultur und, rein

geistig, mit ihr identisch ist der +Sinn für Probleme+. Darum ist aber

alle Kultur auf +Individualität+ gegründet, denn es gibt Probleme nur

für +Individualitäten+.

Diese Bestimmung gibt auch sofort Rechenschaft über die innigen

Beziehungen des Kulturbegriffes zum Begriff der Geistesgeschichte.

Denn alle Kunst und Philosophie hat, solange es Menschen gibt,

dieselben ewigen Probleme, die großen Probleme der Menschheit und des

Daseins behandelt. Die großen Themen der Weltliteratur bleiben die

gleichen, für jeden Musiker erneut sich das Motiv des Requiems, die

Probleme der Philosophie sind die gleichen von den ältesten Mythen und

Sprüchen der Babylonier und Inder bis auf den heutigen Tag. Man denke

an die Variationen des Don Juan-, des Faust-, des Prometheus-Motivs

in den Literaturen der Völker, an Hamlets Wiederkehr als Skule, an

die Siegfriedsgestalt (=Feramors-Achilleus), an die Metamorphosen

des vollendeten Bösewichts als Hagen, Richard III., Franz Moor,

Golo, Bischof Nikolas. Die Idealität der Zeit wird vor Kant von den

Upanishaden gelehrt, Anaximanders Ethik sagt fast dasselbe wie die

Schopenhauers, der christliche Gottesstaat begegnet uns wieder in

der Gralsritterschaft der Parsifal-Sage und in Kantens Konzeption

eines Corpus mysticum. Im letzten Grunde sind auch die Probleme des

Künstlers und die des Philosophen dieselben, nur ihre Behandlung

eine verschiedene. Denn Frage und Gedanken sind beiden gemeinsam,

dem großen Künstler und dem großen Philosophen. Der Gedanke ist aber

demonstrierbar, und darum bedarf die Kunst der Logik nicht minder als

die Wissenschaft. +Anschauung+ ist das Individuelle in Philosophie und

Kunst; in der ersteren +unsinnlich+, in der letzteren +sinnlich+, in

der einen zum +Begriff+ führend, in der anderen zum +Symbol+. Gegenüber

der modernen Kunst, die durch den absoluten Mangel der Gedanken

charakterisiert ist, und diesen Mangel zu einem Prinzip erhoben hat,

indem sie vom Gedanken in der Kunst nichts wissen will, soll betont

werden, daß jede wahre Kunst Gedankenkunst ist, jeder große Künstler

ein großer Denker, wenn er auch anders denkt als der Philosoph.

Alle große Kunst ist darum +tief+; +es gibt+ =nur= +symbolische+

Kunst (die freilich nicht mit „symbolistischer“, d. h. mit heutiger

„Stimmungskunst“ verwechselt werden darf). +Da es den genialen Menschen

ausmacht, daß er in bewußtem Zusammenhange mit dem Universum steht,

so wird auch in den Werken des Genius immer der Puls des Dinges an

sich, der Atem des Weltganzen spürbar sein müssen.+ Wir erkennen so,

auch von der Einsicht in das Wesen des großen Künstlers selbst aus,

daß die Tiefe des Gedankens absolut dazu erforderlich ist, daß auch

das +Kunstwerk+ groß sei. +Dieser+ Maßstab, und erst später der der

Form, muß an jedes Kunstwerk in allererster Linie angelegt werden;

und daß alle Kunstkritik noch immer so blind tappt, daran ist nur

dies Schuld, daß sie ihren Gegenstand nicht an dem Ideal gedanklicher

Tiefe mißt. Freilich würden die Größen der Weltliteratur an Zahl

beträchtlich zusammenschmelzen, wenn man mit solcher Prüfung Ernst

zu machen anfinge, und gar viele Namen würden von dem Postamente der

Berühmtheit stürzen, auf das sie die große Menge derer gehoben hat,

die von der Kunst nur Rührung oder Aufregung, Stimmung oder Pathos

erwarten. Da würden sie hinuntersteigen müssen, einer nach dem anderen,

Wieland und Uhland, Horaz und Lope de Vega, Schiller und Otto Ludwig,

Grillparzer und Maupassant, Gottfried Keller und Lessing, Storm und

Thackeray, Grabbe und Anzengruber, Racine und Walter Scott, Byron und

Dickens, Molière und Walther von der Vogelweide; und ebenso unter

den anderen Künstlern, z. B. Botticelli und Segantini, Murillo und

Thorwaldsen, Gounod und Johann Strauß — keiner, keiner hielte dieses

Maß der Ewigkeit aus.[76] Des Gelächters und der Entrüstung aller

heutigen Kritiker wäre eine solche strenge Scheidung, wenn sie auch

mit den Lebenden ins Gericht zu gehen aus guten Gründen sich gehütet

hätte, sicher; aber dennoch würde sie sich an dem Anerkannten soweit

vergreifen müssen, daß sie sogar an der Größe des „göttlichen Homer“ zu

zweifeln sich nicht scheuen dürfte, obwohl sie sich doch hier gegen das

einstimmige Urteil aller anderen nur auf die Zustimmung eines einzigen,

freilich auch +des einzigen+, auf die Platons, berufen könnte.

Insoferne nun die großen Probleme längst gestellt sind, hängt Kultur

mit Kulturgeschichte wirklich zusammen. Aber sie müssen immer neu

gestellt werden; ob mit oder ohne Anschluß an frühere Lösungsversuche,

ist für das Beginnen gleichgültig und kann auch für den Erfolg nicht

wirklich maßgebend sein.

Am stärksten ist der Sinn für Probleme im hervorragenden Menschen: denn

die Probleme +sind+ in ihm lebendiger als in den anderen. Er empfindet

sie als +seine+ Probleme, gerade er kommt nie bloß äußerlich zu ihnen,

sie sind ihm nicht durch Überlieferung und Umgang angeflogen, sondern

er wird durch seine Individualität, durch das Problematische in ihr,

immer wieder zu ihnen zurückgeführt.[77] So setzt sich +objektive+

Kultur in ihrem Grundstock aus den Opfern zusammen, welche die großen

Menschen aller Zeiten am Altare des Welträtsels dargebracht haben.

Subjektive, psychische +Kultur+ ist, in formal stets gleicher Weise,

innerer +Kultus+; ihre objektive Vergegenständlichung ein Darbringen

des eigenen Kindes in höchster Verehrung eines unpersönlichen

Höchsten.[78]

Dennoch ist Kultur auch etwas Soziales: der Altar, an dem geopfert

wird, liegt frei und offen für die Augen aller Sehenden. Die

Öffentlichkeit des Kulturdienstes hat man stets dunkel empfunden, und

das Allerindividuellste, was es gibt, die Religion, die Frage nach dem

Sinn und der Aufgabe des eigenen Lebens, nie als zur Kultur gehörig

betrachtet, wenn auch dieses letzte Problem allen anderen Problemen,

vielleicht oft unbewußt, immanieren wird. Sowie jeder höhere Mensch

sein moralisches Innenleben mit sich selbst ausmacht und den äußeren

Beichtvater als sittliche Schwachheit und Schwächung empfindet, so

bleibt eben Frömmigkeit, die schließlich mit Moral doch identisch ist,

dem ausschließlichen Leben des Einzelnen aufgespart. Auch von der

anderen, der Werkseite her, wird sich diese Restriktion empfehlen.

Frömmigkeit tut keine Werke, die auf Erden fortdauern. Religion liegt

demnach bereits jenseits von Kultur, denn sie hat einen Inhalt, der

nicht selbst spezielles Problem werden kann: den letzten Grund des

Individuums und der Welt überhaupt.

Sie ist das Individuellste: glauben, sahen wir, kann der Mensch nur

an sich selbst, und an sich selbst kann er nur glauben, soweit er dem

Absoluten oder Gott als Idee des Guten und Wahren nachstrebt und ihr

ähnlich zu werden trachtet. Kultur ist individuell, aber nicht als

+Problem+ der Individualität, sondern als Folge der +problematischen+

und durch die Religion als +Position+ erneuerten (wiedergeborenen)

Individualität. Kultur ist +transzendental+ (nach dem von Kant

geschaffenen Begriffe); alle transzendentalen Funktionen führen

schließlich zur Idee des Absoluten als ihrem Schlußbegriff, diese ist

aber nicht durch einen logischen Beweis aus ihnen ableitbar. Erst

die +Transzendentalität schafft+ Kultur. +Die Transzendentalität

als der Inbegriff der über das einzelne Individuum in ihrer

Gültigkeit hinausgehenden und doch nur von ihm selbst immer wieder

zu vollziehenden Wertsetzungen ist Bedingung aller Sozialität+, sie

macht die Kultur wieder zur sozialen Sache, zum Werte, der von jedem

Individuum selbständig in Freiheit geprüft werden muß, und von jedem

immer wieder in formell gleicher Weise anerkannt wird. Soferne z. B.

rechtliche Einrichtungen nicht bloß nach dem festen Paragraphen

gehandhabt werden, sondern zur Problematisation verhelfen unter der

leitenden Idee der Gerechtigkeit und des Unrechtes als allgemein

maßgebender Faktoren bei ihrer Erwägung und Anwendung, insoweit und nur

insoweit haben Rechtssatzungen kulturelle Bedeutung. So ist es auch

nicht die möglichst ausgedehnte und möglichst kontinuierliche Benützung

möglichst vieler technischer Erfindungen, welche dem Individuum oder

der Gesamtheit Anspruch auf Kultur verleiht, und ebensowenig haben

die +Resultate+ der Wissenschaft kulturelle Bedeutung. Weder der

Universalgelehrte, noch der Universal-Sportsman repräsentieren den

Kulturmenschen.

Daß jedermann eine Uhr in der Westentasche trägt, hat kulturell nicht

ein Atom von Wert, solange nicht jedem Einzelnen die Zeit und ihre

Messung und moralische Verwertung Gegenstände des Nachdenkens geworden

sind. Also auch Kultur als Sinn für Probleme ist ein Ideal: kein Mensch

tut diesem Ideal genug, auch der Kultivierteste wird oft darüber

erschrecken müssen, über wie viele Dinge er noch nicht nachgedacht hat.

+Kein Mensch hat Kultur; aber jeder soll Kultur wollen.+

Denn Kultur ist auch eine +Aufgabe+ und nicht nur ein Problem, die

Kulturfrage hat wie jede andere Frage von wirklichem Schwergewicht ihre

praktische neben der theoretischen Seite. Und so differenziert sich

Kultur nach der anderen, praktischen Seite hin psychisch als +Sinn für

Aufgaben+. Der Sinn für Probleme muß sich in die Tat umsetzen wollen,

und das wird er immer, wenn es dem Menschen mit den Problemen ernst

ist. Probleme ohne Aufgaben sind zwecklos, Aufgaben ohne Probleme sind

grundlos. Das Spiel als solches ist zwecklos; denn es stellt Probleme,

die nie Aufgaben werden können.[79] Der Sport als solcher ist grundlos;

denn er stellt Aufgaben, die nie Probleme gewesen sind. Beide sind

darum aller Kultur solange ferne, als sie nicht in einem Menschen der

einen wie der anderen Bedingung nachkommen.

Als unumgängliche Voraussetzung aller Kultur wird man daher auch die

äußere Freiheit der Individuen immer fordern müssen. Freiheit ist die

Grundlage, ohne die Kultur nicht gewollt werden kann, und hiermit ist

erst eigentlich der Sinn jener Meinung völlig klar geworden, die als

Bedingung der Kultur freie Zeit, Muße im Gegensatz zur Arbeit ansieht.

Diese Formulierung beizubehalten, ist nicht möglich. Erstlich wird

Muße meist mehr für die +Pflege+, als für die +Kultur+ des Individuums

verwendet, und dann liegt eben doch auch im Prinzipe der +Arbeit+ ein,

oft mißverstandenes, und doch sehr wichtiges Element der Kultur.[80]

Die Arbeit ist weder das Gute noch das Böse an sich, sie ist an sich

ethisch indifferent; wenn auch der arbeitende Mensch, wie die Erfahrung

zeigt, moralisch über dem nicht arbeitenden zu stehen pflegt, so

kommt es doch stets auf den Zweck an, den Arbeit verfolgt. +Kulturell

wertvoll kann nur solche Arbeit sein, die auf Arbeit an sich selbst

zurückweist.+ Daß sie auch den anderen Menschen zugute kommen wird,

wenn sie Kulturwert hat, liegt eben im +transzendentalen Charakter der

Kulturwerte begründet+ (der Ideen der Wahrheit, Schönheit, des Rechtes

u. s. w.). Eine Arbeit, die bloß der Brotbereitung für die eigene

oder für fremde Familien gelten kann, wird nie Kulturwert besitzen.

Soziale Knechtschaft, selbst wenn sie zu letzten Endes kulturell

wertvollen Leistungen +zwingt+, ist daher an sich antikulturell, wie

die Phänomene der Armut oder der Krankheit von vornherein durchaus

antikulturell sind. Das Gefühl hierfür hat zur kulturellen Hochwertung

aller Betätigungen des Individuums geführt, bei denen es keinem äußeren

Zwange untertan ist; und so sind Sport und Spiel zu ihrem freilich

ebenso unberechtigten Ansehen als Symptomen von Kultur gelangt.

Jene stete Wechselbeziehung auf die allgemeinen Kulturgüter lassen aber

sowohl Spiel als Sport gänzlich vermissen. Indessen ist eben dies der

Ernst und die Größe des Kulturgedankens: Kultur muß von Individualität

emanieren, und sich vor dem allgemeinen Forum der überpersönlichen

Werte behaupten. Das ens transzendentale, das „animal metaphysicum“

ist darum eben dasselbe und kein anderes Wesen als das ζῶον πολιτικόν:

der Mensch. So beantwortet sich die berühmte Frage aller Soziologie:

was früher gewesen sei, das Individuum oder die Gesellschaft; +beide

sind zugleich, miteinander, da von Anfang an+. So, schmeichle ich mir,

erklärt sich „jene wunderbarste Tatsache, daß von allen Wesen, die

wir kennen, der Mensch auf der einen Seite das zur selbständigsten

Ausbildung der Individualität befähigte und zugleich auf der anderen

Seite das am meisten durch den sozialen Zusammenhang der Gattung

bedingte ist“. (Windelband, Die Geschichte der neueren Philosophie, 2.

Aufl., 1899, Bd. II, S. 227.)

Das Zeichen, +unter+ dem die Individuen zur Gesellschaft

zusammentreten, und +zu dem emporblickend+ sie als Gesellschaft

entscheiden, heißt Kultur. Kultur ist als +Idee+ ihrer +logischen

Seite+ nach ein +überindividuelles Problem+, ihrer +ethischen+ Seite

nach eine +überindividuelle Aufgabe+. Kultur als das +Verhältnis des

Individuums zur Idee+ ist +Sinn+ für theoretisches Problem im +Denken+,

+Sinn+ für praktische +Aufgabe+ im Handeln. +So ist Kultur zugleich

überindividuell als Idee und individuell als Ideal.+

Über die letzten Dinge · 第 26 / 31 题