I. Wesen der Wissenschaft.

Wissenschaft kommt von Wissen. Mit dem Begriff des Wissens, auf die

Welt angewendet, ergibt sich sofort die Frage: Wie viel kann der Mensch

wissen?

Das Unternehmen der Wissenschaft besagt, der Gedanke, der in ihr

liegt, heißt: der Mensch kann +alles+ wissen. Er kann es, denn er will

es. Es liegt in der Idee der Wissenschaft, wie in allen historischen

Versuchen zu ihrer Verwirklichung immer, ungestüm und naiv, oder

unbeugsam und zielbewußt, mit kindlichem Wagemut oder männlichem Trotz,

die Forderung: Alles, oder nichts. So stellt auch Goethe das Problem

individuell für Faust: Alles, oder nichts wissen können.

Den Begriff des Wissens untersucht die Wissenschaft nicht, prüft ihn

nicht. Er ist ihre Voraussetzung, ihre Bedingung, die sie nicht in

Frage stellen lassen kann. Sie fragt nur, um das Wissen zu bejahen,

nicht um es in Frage zu stellen. Sokrates und Kant, die schon bei der

Frage stocken, was Wissen sei, sind ihre Männer nicht. Sie stürmt

vorwärts, und ihr Ziel ist ihr gegeben. Denn sie hat einen Feind, das

ist der Glaube, Glaube im weitesten Umfang.

Ein Tatbestand kann in doppelter Weise bejaht werden: durch das Wissen

+und+ durch den Glauben. Wenn ich ein Urteil bejahe in Form des

Wissens, so mache ich seinen Inhalt damit unabhängig von mir. Ich setze

hierdurch in der Natur sozusagen eine Schrift, die jeder in gleicher

Weise lesen müsse. Ich stelle ein Faktum hin, als eine Position, die

von meiner Existenz nicht bedingt ist; ich objektiviere etwas, vor

dem ich wie andere in alle Zukunft mich werde beugen müssen, das aber

unser aller nicht weiter bedarf. Wenn ich hingegen etwas +glaube+, so

setze ich meine +Persönlichkeit+ an die Stelle jener Objektivität,

jener allgemein gültigen Existenz; ich gebe durch einen freien Akt

meine Zustimmung zu einer Möglichkeit, ich setze +mich+ ein für ein

problematisches Urteil. Die Gewißheit des Gewußten ist unabhängig von

meinem Wissen, die Gewißheit eines Glaubenssatzes beruht darauf, daß

+ich ihn glaube+. Ein Glaube ist nichts ohne die Gemeinde, die ihn

glaubt. Die Gewißheit meiner Heilung durch Berührung einer Reliquie

ist da mit meinem Glauben an diese Möglichkeit. Auch der ganze Mensch

kann mit seinem Glauben stehen und fallen: es kommt darauf an, wie viel

von +sich+ er in seinen Glauben hineingelegt hat. Hat er sich ganz

hineingelegt, so handelt es sich um Leben und Tod.

Hierbei ist streng unterschieden zwischen Glauben (πίστις) und Meinen

(δόξα). Die +Meinung+ eines Mannes der Wissenschaft, daß sich in seinem

Gebiete etwas in bestimmter Weise verhalten werde, die +Hypothese+,

verzichtet durchaus nicht auf Begründung; daß auch der logische

Charakter der wissenschaftlichen Wahrscheinlichkeit, bloß auf das eine

gemeinsame Element des Nicht-+Wissens+ hin, mit dem gänzlich alogischen

Charakter des Glaubens so oft auf eine Stufe gesetzt, daß das Vermuten

mit dem Glaubenstitel bekleidet wird, tritt der prinzipiellen Klärung

über den Begriff des Glaubens immer wieder hindernd entgegen. +Der+

Glaube, von dem als solchem einzig die Rede sein dürfte, wenn nicht

grundverschiedenes den gleichen Namen empfangen soll, hat auch mit

der Wahrscheinlichkeit nichts zu tun. Er bedarf der Logik nicht;

+während im tiefsten Grunde die Logik nicht auf ihn verzichten

kann+. Die letzten Sätze der Logik, der Satz des Widerspruches und

der Identität, können nicht mehr +gewußt+, sondern müssen +geglaubt+

werden. Wie die Ethik ein Subjekt voraussetzt, das +will+, so bedarf

auch die reine, formale Logik, deren Prinzipien in stolzer Erhabenheit

und Selbstgeschlossenheit über den Köpfen der Individuen zu thronen

scheinen, eines Subjektes, das +glaubt+. Daß die Ethik gewollt werden

muß, daß die moralische Maxime sich an den Willen wendet, daß der

sittliche Wert mit dem Anspruch auf +Schaffung+ des Willens auftritt,

wird man eher geneigt sein zuzugeben, als daß die theoretischen Sätze

der Logik an die Zustimmung des Individuums gebunden sein sollen. Und

doch ist dem so. Der Schein, daß die Logik sich nicht an das autonome

Individuum wendet als ein +zweiter+ kategorischer Imperativ, der

unbedingten Gehorsam verlangt, und dessen Quelle ebenso in unserem

intelligiblen Wesen zu suchen ist, wie die des anderen Imperativs,

den Kant irrtümlich für den einzigen ansah, wohl weil beide im Grunde

eines sind — dieser Schein entsteht dadurch, daß die Ethik eine

Verwirklichung +in der Zeit+ will, während die Logik sozusagen +vor

aller Zeit+ ist. Die Ethik sagt, was werden soll, die Logik sagt, was

ist, daß +etwas+ =ist=, daß gewisse Sätze Geltung haben. Die Ethik gibt

so der Geburt einen Sinn im Hinblick auf den Tod, die Logik nimmt dem

Streben seine Sinnlosigkeit, indem sie von der Geburt aus negiert, daß

ihm +alles+ verfällt.

Wenn ich den Satz A = A nicht anerkennen, ihn vielmehr zu widerlegen

versuchen wollte, so würde ich mich der Logik bedienen müssen, d. h.

eben dieses Satzes. Wenn ich mich irgendwo nicht nach ihm richtete,

so würde es heißen, meine Ableitung sei falsch. Der Satz selbst ist

also das Kriterium von Wahr und Falsch, und bereits der Maßstab

meiner Deduktion, die Norm, die ich selbst an sie anlege, sowie ich

zu deduzieren beginne. Ich kann also nur alles Folgern ablehnen,

mich des Urteiles enthalten. Ob ich den Satz nun zu widerlegen, oder

auch, ob ich ihn zu beweisen unternähme, er wäre beidemale schon in

der Argumentation als wahr +vorausgesetzt+, ich hätte das Resultat in

beiden Fällen +erschlichen+. Der Satz bleibt also eine +These+, die

nicht bewiesen und nicht widerlegt werden kann. Ich kann mich um ihn

bekümmern, bin aber dazu +logisch+ nicht mehr verpflichtet, denn die

Logik gipfelt eben in dem Inhalte dieses Satzes (und seinen beiden

anderen Ausdrucksformen, auf deren größere oder geringere Vorzüge vor

einander hier nicht eingegangen werden soll, den Sätzen vom Widerspruch

und vom ausgeschlossenen Dritten). Daß ich von ihm nicht loskommen

kann, mag den pathologischen Psychologen interessieren, für die

Auseinandersetzung mit ihm ist es von keiner Bedeutung; ich kann auch

von verschiedenen anderen Dingen nicht loskommen, z. B. von mir selber.

+Die Logik läßt sich also nicht beweisen, nicht ableiten aus etwas

anderem: was zu beweisen war.+

Ich kann demgemäß die Logik nur aus freiem Willen anerkennen, indem

ich den absoluten Maßstab mit ihr +setze+. Der Satz A = A ist +die+

These überhaupt: die Tatsache des Maßstabes, d. h. daß es einen Maßstab

+gibt+, ist +mein+ =freier Akt=. Hätte das Prinzip der Identität einen

Obersatz, so gälte von diesem dasselbe u. s. f. Mit der +Freiheit+

des Subjektes als Noumenon ist es ja gar nicht anders verträglich:

die Logik +darf+ ihm keine Vorschriften machen, an die es sich binden

+müßte+. Es kann die Logik anerkennen, indem es sie selbständig, durch

den höchsten Akt der Spontaneität, zur Norm des eigenen Denkens macht;

es darf aber nie von der Logik bezwungen werden. Ob ich die Logik

+setze+ und sie zum Richter über all mein künftiges Denken mache, oder

auf sie verzichte, in beiden Fällen handle ich +frei+. Wer auf die

Logik verzichtet, der verzichtet auf das Denken. Wer auf das Denken

verzichtet, der ergibt sich aus freiem Willen der Willkür. Auch die

Logik ist aus freiem Willen gesetzt, aber mit ihr +bindet+ sich die

Persönlichkeit +in Freiheit+. Die logische Norm ist ein „Gesetz der

Freiheit“ nicht minder als die sittliche Pflicht, nach jenem Begriffe

Kantens von den Gesetzen, „welche sagen, was geschehen soll, ob es

gleich vielleicht nie geschieht, und sich darin von Naturgesetzen, die

nur von dem handeln, was geschieht, unterscheiden, weshalb sie auch

praktische Gesetze genannt werden“. (Kritik der reinen Vernunft, Kanon

der reinen Vernunft, erster Abschnitt.)

Damit ist gezeigt, daß auch die Logik sich an ein +freies+ Wesen

wendet, mit dem Anspruch, von demselben zur bindenden Maxime seines

Denkens gemacht zu werden; ebenso wie der kategorische Imperativ

Kantens mit der Forderung auftritt, zur alleinigen unbedingten Maxime

des Handelns gemacht zu werden. Mit diesem Nachweise der Logik als

spontaner Bindung des intelligiblen Subjektes ist eine Ergänzung der

Kantischen Philosophie erstrebt.

Man wird also die Absicht dieser Untersuchung nicht mißverstehen.

Nichts liegt ihr ferner als an der absoluten Logizität des Weltalls

auch nur den leisesten Zweifel zu erheben, von der sie ebenso

durchdrungen ist wie von seiner absoluten Ethizität. Was ich behaupte,

ist, daß man beide nicht +wissen+, sondern nur +glauben+ kann.[71]

Für Logik und Ethik liegen die Verhältnisse ganz gleich. Es läßt sich

nicht +beweisen+, daß der Mensch das Gute tun +soll+. Denn ließe sich

das noch ableiten, so wäre die Idee des Guten Folge einer Ursache

und könnte also auch Mittel zum Zwecke werden. Das Gute muß, wenn

es getan werden soll, um seiner selbst willen getan werden, also

identisch sein mit dem, was absolut nicht Folge eines Grundes sein,

absolut nicht Mittel zum Zwecke werden kann. Ebenso aber kann ich

nicht mehr beweisen, warum das Wahre vor dem Falschen zu erwählen ist;

die Wahrheit kann ihren Rechtsanspruch vor der Falschheit, vor Irrtum

und Lüge, nicht mehr begründen, ebensowenig als Kant in jenem Kapitel

seiner Religionsphilosophie, das „Über den Rechtsanspruch des guten

Prinzips vor dem bösen“ überschrieben ist, das Gute noch plausibel

zu machen vermochte. Gegen den Teufel argumentiert man nicht. Man

behauptet sich gegen ihn oder man verfällt ihm.

Hier liegt die tiefe Berechtigung der tiefsten christlichen Idee, der

Idee der +Gnade+. Wer die Logik, die Ethik +nicht+ setzt; wem nicht

sonnenklar ist, daß das Gute zu erwählen ist vor dem Bösen, wer hier

nicht unbedingt eindeutig, einsinnig wählt und sich entscheidet, wer

sich gegen den Teufel nicht behaupten +will+ und zweifelt, ob man

sich gegen ihn behaupten +solle+, der ist eines Dinges nicht teilhaft

geworden: der +Gnade+. Auf ihn hat sich die Taube nicht gesenkt, er

ist nicht von jenem heiligen Geiste erfüllt, der das Gute und Wahre

+ergreift+.

Vielleicht verstehen wir jetzt auch jenes oft angeführte Wort

+Spinozas+: „Sane sicut lux se ipsam et tenebras manifestat, sic

veritas norma sui et falsi est.“ (Ethices Pars II, Prop. 43, Schol.)

Mit der Idee der Wahrheit begebe ich mich auch des Maßstabes, an dem

ich etwas messend es für falsch erklären kann; wo kein Gesetz mehr

ist, da ist nur mehr Willkür. Auch die Idee der Wahrheit läßt sich

nicht demonstrieren; denn ließe sie sich demonstrieren, so dürfte ich

die Wahrheit um etwas anderen willen wollen. Ebenso +darf+ sich meine

eigene Existenz, +darf+ sich das Ich nicht beweisen lassen, wenn es

+Wert+ haben soll, und ebenso das Du nicht ableiten lassen, wenn es

nicht Folge eines Grundes ist, und wenn es nicht als Mittel zum Zweck

soll gebraucht werden können. +Die Widerlegbarkeit des Solipsismus+

wäre mit der +Ethik+ gar nicht =verträglich=, ebensowenig wie es die

Möglichkeit wäre, die Existenz des eigenen Ich zu +beweisen+. Daß weder

die eigene noch die fremde Seele bewiesen werden kann, liegt also in

der Idee der Seele beschlossen. Wäre sie ableitbar, so wäre sie nicht

das Letzte. Die These des Solipsismus wird immer wieder zu widerlegen

versucht, von den letzten zwanzig Jahren ist nicht eines vergangen,

ohne mindestens einen Widerlegungsversuch desselben zu bringen.

Man versteht offenbar das Pathos gar nicht, auf dem der Satz ruht:

„die Welt ist +meine+ Vorstellung.“ Er bedeutet: +Es+ =wird= +etwas

geändert, wenn ich nicht bin+. +Ich+ werde zur +Substanz+, und „duae

ejusdem naturae substantiae non dantur.“ (Spin. Eth. 2, 10 Schol.)

Das Zurückschrecken vor dem Solipsismus ist Unvermögen, dem Dasein

selbständig Wert zu geben, Unvermögen zu einer reichen Einsamkeit,

Bedürfnis, in der Menge sich zu verstecken, in einer großen Anzahl zu

+verschwinden, unterzugehen+. Es ist feige.

Logik und Ethik führen +beide+ zur Idee des letzten Zweckes der Zwecke

und des letzten Grundes der Gründe, zur Idee des Absoluten oder der

Gottheit, und es war von +Platon+ und +Kant+ einseitig, die Gottesidee

bloß auf die Ethik zu basieren, sie bloß dem +moralischen+ Gebiete der

religiösen Vorstellungen zu entnehmen. Die Idee dessen, was nicht mehr

durch ein anderes bedingt, d. h. frei ist, und so auch nicht Mittel

zu einem anderen Zwecke werden kann, d. h. selbst oberster Zweck

und absolute Ursache ist, bildet zugleich die Idee eines höchsten

Wesens, die Idee des Subjektes in höchster Potenzierung, die Idee

desjenigen, in dem Wert und Wirklichkeit vollkommen kongruieren,

ontologische und phänomenale Realität eins geworden sind; die Idee

Gottes ist die Idee des Dinges an sich, sie ist aber auch die Idee

einer +Weltseele+. Die Widerlegung der Gottesbeweise, so scharfsinnig

sie ist, sie ist überflüssig; denn es liegt in der Idee eines höchsten

Wesens, daß dieses nicht mehr ableitbar ist. Und auch die Mahnung der

Religionen, Gott nicht zu versuchen, so tief sie ist, sie ist in sich

widerspruchsvoll; denn wer Gott versucht, d. h. als Mittel zum Zweck

gebraucht, der kann dessen, was seiner Idee nach nicht Mittel zum Zweck

werden kann, gar nicht teilhaft sein; wenn er Gott kennt, so wird er

ihn nicht versuchen; und wer ihn versucht, der kennt ihn nicht.

Wer das Wunder verlangt, um zu glauben, der verlangt etwas in sich

Widerspruchsvolles, Gründe des letzten Grundes, er ist töricht und

verblendet; aber er ist auch böse, denn er versucht Gott, er benützt

ihn als Mittel zum Zweck, damit er an ihn glaube. Darum sagt Goethe

+absichtlich+ nicht: „Der Glaube ist des Wunders liebstes Kind,“

sondern: „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind.“ Das Wunder kann

+nur+ aus dem +Glauben+ folgen, der Glaube wirkt +immer+ Wunder, aber

nie wirkt das Wunder den Glauben (außer bei den Frauen). Das Wunder,

das vom Ungläubigen verlangt wird, auf daß er glaube, ist seine letzte

Unmoral: denn er verlangt so, zum Glauben von außen +gezwungen+ zu

werden; dies ist die gröbste Persiflage des Gedankens der Gnade, und

ein Mißverständnis, das oft (insbesondere bei den Juden) zu treffen

ist. Geschenke von Gott sind nicht Geschenke, bei denen der Mensch

passiv, unfrei wird; es ist das Geschenk der Freiheit selbst, um das es

sich handelt.

Kehren wir von diesem denkbar höchsten Gipfel, der unserer Untersuchung

zu besteigen möglich war, und den sie so früh erklommen hat, mit

gereinigter Anschauung zu ihrem Ausgangspunkte zurück, so erblicken wir

als ihr Resultat von höchster Wichtigkeit dieses, daß alles +Wissen+

auf dem +Glauben+ beruht. Damit ist keineswegs die ebenso triviale

als grundfalsche und bodenlos seichte Phrase wieder aufgewärmt, daß

+Wahr+heit nur ein höchster Grad von +Wahrscheinlichkeit+ sei. Die

gewonnene Erkenntnis geht vielmehr darauf, daß alles +Wissen+ nur in

Anwendung der Logik auf konkrete Inhalte beruht, die Logik selbst aber

nur +geglaubt+ werden könne. +Die Religion kann auf das+ =Wissen=,

+das Wissen aber nicht auf den Glauben, auf die Religion verzichten+.

Aus der Thesis A = A kann man nicht, wie Fichte wollte (in einem bei

allem +Schein+ der Abstraktheit an gewaltigster Kühnheit einzigem

Unternehmen), mittels der dialektischen Methode die ganze Welt

deduzieren; aber die Thesis A = A ist gesetzt in der Urthese, in der

metaphysischen +Position+, daß +etwas sei+, in der freien Setzung eines

existierenden Vollkommenen, des höchsten Gutes durch den Menschen, in

jener Handlung, welche +Religion+ heißt. +Religion ist die Erneuerung

der Welt durch die Tat+, indem durch sie die Welt erst unter dem

Gesichtspunkte eines absoluten Wertes und Zweckes betrachtet und damit

des „von ohngefähr“ entkleidet wird; ihre Wiederholung und höchste

Bejahung durch das frei wählende Individuum, das dem Ganzen vermöge

höchster Spontaneität einen Sinn +gibt+; der Entschluß des Menschen,

eine Bestimmung zu haben und diese Bestimmung zu erfüllen. =Gott ist

die Bestimmung des Menschen, Religion der Wille des Menschen, Gott zu

werden.= Religion ist die freie Position des Reiches der Freiheit,

des Absoluten, Neuschöpfung des Universums, Setzung des +Etwas+ im

Gegensatze zum Nichts. So bleibt dem Glauben sein Recht stets gewahrt

gegenüber dem Wissen, als dessen Voraussetzung er sich uns enthüllt

hat. Wie der Glaube überall zum absoluten Etwas, so führt der Unglaube

überall zum Nichts. Er bejaht kein ὄντως ὄν, keinen höchsten Wert, als

das metaphysisch Seiende, und wird darum theoretisch zum +Nihilismus+

(Relativismus, Skeptizismus, heute in merkwürdiger und sehr

bezeichnender Verkehrung, sozusagen vom Geschäftsstandpunkte aus, meist

Positivismus genannt), in praktischer Beziehung zum +Indifferentismus+.

Beide differenzieren sich, je nachdem sie dem Glauben an die Logik

oder dem an die Ethik entgegenstehen: ohne die Idee der Wahrheit

kommt es theoretisch zum +Agnostizismus+ oder +Phänomenalismus+, in

dem für den Begriff der Wahrheit kein Platz mehr ist, praktisch zum

+Illusionismus+, der der Wirklichkeit sowenig selektiv gegenübersteht,

wie der schlafende Mensch den Traumgestalten, die an seinem nur

passiven Geiste vorüberziehen; ohne die Idee des Guten erübrigt

theoretisch nur der +Determinismus+, der das Individuum nicht mehr

werten läßt, weil er ihm nichts mehr zurechnet; und praktisch der

+Fatalismus+, der auf jedes Wollen, weil auf jedes Wollen des Zieles,

Verzicht geleistet hat.

Angesichts des unsäglich tiefen Niveaus der heute üblichen Kontroversen

über „voraussetzungslose Wissenschaft“ sei nochmals wiederholt: es

gibt nur ein +freies Glauben der Logik+, wie ein freies +Wollen der

Ethik+. Religion ist das letzte hier wie dort. Das +Wissen+ hat nur

die +Logik+, das +Erkennen-Wollen+ die Idee der +Wahrheit+ zu seiner

+Voraussetzung+; an diese aber kann ich nur =glauben=. +Glaube+ ist

die stete, bewußte oder unbewußte Voraussetzung der Wissenschaft,

er immaniert vom Uranfang an jeder ihrer Unternehmungen. Die Idee

des Guten—Wahren, die Existenz eines höchsten wesenhaften Wertes und

eines höchst vollkommenwertigen Wesens, die Existenz Gottes, beweisen

zu wollen, ist eine praktische Contradictio in adjecto: es liegt im

Begriff der Gottheit, daß sie nicht bewiesen, sondern nur geglaubt

werden kann. So gibt es auch keinen höheren Richterstuhl mehr, vor

dem sich Logik und Ethik auszuweisen, vor dem sie zu bestehen hätten;

ich kann beider Rechte nicht mehr begründen. Dem verzweifelten Worte

Pascals (Pensées 2, 17, 107), man müsse den absoluten Maßstab auch

darum annehmen, wenn man nicht wisse, ob er bestehe, weil man nur auf

diese Weise sicher sei, nicht gegen ihn zu fehlen, +wenn+ er existiere

— diesem Argumente des entsetzlichsten Zweifels möchte ich das andere

entgegensetzen: +Gott muß sein, wenn ich Wert haben soll.+ Wenn Gott

nicht ist, so kommt auch für mein Leben das Wertproblem nicht mehr in

Frage, ich bin dann nichts, und nicht einmal zur Demut habe ich dann

Veranlassung, weil auch diese mir meine Wertlosigkeit +angesichts+ des

Wertes vorstellt: +Gott+ muß sein, auf daß ich +sei+; ich +bin+ nur

soviel, als ich +Gott+ bin.

Daß dies das Wesen des Gottesgedankens und seine Bedeutung für die

Menschheit ist, daß Gott der vollendete Mensch, der vollendete Mensch,

wie Jesus Christus, Gott ist, daß der Glaube an Gott nur der höchste

Glaube an sich selbst ist, haben die tiefsten Geister wohl erkannt;

Geister zweiten Ranges freilich gibt es, welche gerade dahin nie

gekommen sind. Es ist das denkbar größte Mißverständnis der Gottesidee,

und anwendbar nur auf den Gottesbegriff der Juden, mit +Schopenhauer+

(Neue Paralipomena, § 395) zu sagen: „Sobald Gott gesetzt ist, bin ich

nichts“, oder mit +Nietzsche+ (Also sprach Zarathustra): „Aber Freunde,

daß ich Euch ganz mein Herz verrate: wenn es einen Gott gäbe, wie

ertrüge ich es dann, kein Gott zu sein? +Also+ gibt es keinen Gott.“

Das Ich wird nicht kleiner, sondern größer durch allen wahren Glauben.

— —

Der Glaube, auf dessen Elimination die Wissenschaft ausgeht, erweist

sich demnach als ihre eigene Basis. Freilich hat auch noch immer jedes

Zeitalter von extremer Wissenschaftlichkeit Blüten getrieben, welche

die Idee der Wahrheit selbst zu verleugnen suchten; die +Übertreibung+

des +Wissens+anspruches führt zu seiner +Negation+, indem die Logik,

seine +Voraussetzung+, als nicht mehr wißbar, in Zweifel gezogen wird.

Dem Glauben nämlich korrespondiert der +Zweifel+, (praktisch: die

+Verzweiflung+); die Idee des Wissens hat zur Korrelation die +Frage+.

Der Zweifel, der ebenso individuell ist als der Glaube, hat, was

konkrete Inhalte anlangt, in der Wissenschaft keinen Platz; der +Glaube

der Wissenschaft+ ist der an die +formale+ Logik.

Die Unterscheidung zwischen Glauben (πίστις) und Wissen (γνῶσις),

der Kampf darum, ob ein Urteil auch gewußt werden kann, nicht nur

geglaubt, hat in der Geschichte der Philosophie eine berühmte Rolle

gespielt (+Hume-Kant+) und nimmt noch heute einen sehr weiten Raum

in den zahlreichen Kontroversen über die Theorie des Urteiles ein.

Sicher scheint mir, wenn die wissenschaftliche Vermutung und die

mathematische Wahrscheinlichkeit, ihrem psychologischen Charakter

gemäß, vom Gebiete des Glaubens ausgeschieden werden, folgendes

festzustehen: Im Glauben wird auf Beweisbarkeit, auf Ableitbarkeit,

auf das allgemeinere Sichtbar- und Plausibelmachen des Geglaubten, auf

alles Demonstrierbare verzichtet. Der Glaube involviert eine Schenkung

meinerseits, ich gebe dem Urteil, an das ich glaube, von mir, gebe ihm

+mich+.[72] Das Geglaubte steht außerhalb der Logik, an die ich ja

selbst nur glauben kann. Darum kann ich glaubend, aber nicht wissend

bejahen, was „absurd“ ist. Der +Wissende+ stellt seinem Subjekt ein

Objekt gegenüber, löst aber dieses vollständig von jenem, als einer

Welt der Realität angehörig, die unabhängig von seinem und jedem

Subjekt besteht. =Glauben= +kann man im Grunde nur an sich selbst+.

Die transzendentale Methode Kantens bestand darin, im Individuum die

überindividuellen Bedingungen aufzusuchen, welche +Wissenschaft+ als

solche konstituieren. Er fragte, was Wahrheit ihrem Begriffe nach

sei, nochmals und anders als man bisher gefragt hatte. An die Idee

der Wahrheit selbst kann aber der Mensch nur +glauben+ und sich ihr

unterordnen durch sein individuelles Wahrheitsstreben. Fichte hat

erkannt, daß der Satz der Identität, der formal sich mit dem Begriffe

der Wahrheit deckt, identisch ist mit dem Satze: +ich bin+. Also auch

der Glaube an die Logik ist im letzten Grunde Glaube an sich selbst.

Und der bekannte Vers des Angelus Silesius, in dem es heißt, daß Gott

ohne +ihn+ nicht sein könne, zeigt uns nun den Grundgedanken der Mystik

als identisch mit der tiefsten Tiefe der Logik und von dieser aus

erreichbar.

Der Wissenschaft liegt, vermöge dieses Gegensatzes zwischen

Individualität und Allgemeingültigkeit, alles daran, den Glauben zu

eliminieren. So wenig sie sonst ihre Argumente aus der Ethik holt, hier

hat sie es immer geliebt, die moralische Verurteilung zu benützen,

welche aller +Aberglaube+ mit Recht erfährt, und diesem den Glauben

+als einen Spezialfall unterzuordnen+, allen Glauben in Aberglauben

aufzulösen. Was ist Aberglaube? Aberglaube ist eine Bejahung des

Alogischen, welche nicht eine Selbstbejahung des Ich voraussetzt,

nicht durch ein wertspendendes Ich erfolgt; er ist Setzung eines nicht

gewußten Zusammenhanges, also nicht in freier Aktivität, sondern in

passivem Zwange. Im Aberglauben (seiner Psychogenesis nach) fügt sich

das unfrei gewordene Subjekt jedem beliebigen Inhalt. Darum hängen auch

Aberglaube und Furcht so innig zusammen. Es gibt keinen Aberglauben,

der nicht furchtsam machte, keine Furcht, die nicht abergläubisch

wäre. Furcht aber gibt es nur vor der Aufhebung der Individualität,

vor dem Verluste des Zusammenhanges mit dem Absoluten, für den der

Mensch durch das Logische und das Ethische in seiner Persönlichkeit

(durch die „Vernunft“ Kantens) Gewähr hat. Todesfurcht, Furcht vor

dem Doppelgänger, vor dem Weibe (die nur das Gefühl ist, daß die

Frau keine metaphysische Realität, keine Existenz hat), vor der Sünde

und vor dem Irrsinn, das läßt sich mit leichter Mühe aus diesem

allgemeinsten Schema der Furcht ableiten. Der Wille zum Wert, zum

Absoluten, zu ihm hin oder zu seiner Festhaltung, ist die letzte,

allgemeinste menschliche Eigenschaft. +Furcht ist gleichsam nur die

Kehrseite des Willens zum Werte, die Weise, in der er offenbar wird,

wenn seine Negation droht.+ Die furchtbarste Furcht, die Furcht vor

sich selbst, erklärt sich ebenfalls auf diesem Wege: es ist die Furcht

vor dem empirischen Ich; die Furcht vor der Reduktion der zeitlosen

Persönlichkeit auf ein punktuelles Zeitelement ist in jenem Augenblick

immer da, wo die Gegenwart als Zeitaugenblick überhaupt zum Bewußtsein

kommt, statt daß der Mensch irgendwie durch den Gedanken an Zukunft

oder Vergangenheit ausgefüllt werde, d. h. sich wollend oder denkend

verhält.[73] Die objektive Seite der Furcht vor sich selbst kommt

in der Unheimlichkeit der These des absoluten Phänomenalismus zum

Vorschein, welche lehrt, daß nur die Empfindung Realität habe, und ich

der fortdauernden Existenz einer Wand, die ich eben betrachtet habe,

nicht mehr versichert bin, wenn ich ihr den Rücken zukehre. Indem

es in Frage gestellt wird, ob die Wand noch da sei, wenn ich mich

umdrehe, scheint die Existenz der Welt des „transzendentalen Objektes“,

wie früher die des „transzendentalen Subjektes,“ auf ein Zeichen

eingeschränkt und dadurch irreal, +wertlos+ gemacht; der Kontinuität

des Ich, welcher objektiv die Kontinuität der Welt entspricht, droht

Aufhebung. Der Verbrecher, der sein kontinuierliches Ich prostituiert,

preisgegeben hat, besitzt nichts mehr, +das er Diskontinuitäten in der

Außenwelt entgegensetzen könnte+: darum schrickt er so leicht zusammen:

+denn Schrecken gibt es nur vor Diskontinuität+.

Unheimlich ist darum alles Vergessen, unheimlich die Redensart: „Das

ist nicht mehr wahr;“ denn sie übergibt einen Teil meines Ich, eine

Erinnerung von mir, der Vernichtung.

Furcht ist also der durch die Gefahr seiner Negation offenbar gewordene

Wille zum Wert. Da aber Negation des Wertes nur +durch+ den Wert und

+vor+ dem Wert möglich ist, so erklärt sich hieraus auch die Furcht

vor der +Strafe+ Gottes, die Furcht vor Krankheit und Armut, sofern

diese als solche betrachtet werden, und die Furcht vor der Hölle. „Kein

Mensch ist gut,“ hat Christus gelehrt, und einerseits ist darum kein

Mensch frei von Furcht; aber, trotz aller „moral insanity“, es gilt

auch der andere Satz: Kein Mensch ist böse.[74] Der absolute Verbrecher

würde freilich ebensowenig die Furcht kennen wie der absolute Heilige;

da es aber auch keinen Menschen gibt, der gänzlich böse wäre, so ist

auch hier keine Instanz gegen die Allgemeinheit der Furcht zu finden,

wenn es auch Annäherungen an Furchtlosigkeit gibt. Die Furcht des

Verbrechers ist die aus dem dumpfen Bewußtsein seiner Tat erwachsene,

nicht vor der Idee des höchsten Wertes, der Bestimmung des Menschen

bestehen zu können, von dieser als wertlos beiseite geworfen zu werden.

Darum ist Furcht nur durch das sichere Bewußtsein von eigenem Werte zu

überwinden. Den eigenen Wert +schafft+ aber der Mensch in +Freiheit+,

oder er wirft ihn weg und verzichtet auf +Schöpfung+, die immer

Wertschöpfung ist. In der Furcht gelangt dem bejahenden, schaffenden

Menschen die Negation der Tat zur Abhebung: darum gibt es, kurz

gesprochen, Furcht nur vor +Passivität+. Furcht vor dem Unbekannten ist

Furcht vor dem +Unbewußten+; denn nur wessen der Mensch sich bewußt

ist, dem gegenüber ist er +frei+ (weil er noch außer ihm, über ihm

steht). Der Mensch würde sich auch vor dem Tode nicht fürchten, wenn er

ganz Sicheres um ihn wüßte. Da aber kein Mensch weiß, wie viel von ihm

leben wird, ob er nicht bloß Engel ist (denn nur sein Engel bleibt am

Leben), sondern auch Teufel, weil jeder schuldig ist, darum fürchtet

sich jeder vor dem Tode.

Ich fasse die Daten zusammen, aus denen sich hier die Theorie der

Furcht ergibt. Furcht gibt es nur vor dem Nicht-Sein, vor dem

Nichts; Furcht gibt es nur vor dem Bösen, vor Irrsinn, Vergessen,

Diskontinuität, vor dem Weibe, dem Doppelgänger, vor dem Tod, vor

Schuld—Strafe (= Vergangenheit—Zukunft), vor Schmerz, vor Passivität,

vor dem Unbewußten (dem Schicksal), vor Krankheit, vor Verbrechen — das

alles aber ist eines. Es ist Furcht vor dem Tode.

Ich berufe mich hier auf die Theorie des zweifachen +Lebens+

(„Geschlecht und Charakter“, 1. Aufl., S. 377 bis 381; vgl. S. 274,

399, 440). +Furcht ist die Kehrseite des Willens zum Leben, die

Reaktion alles Lebens gegen alle seine Feinde.+ Darum gibt es tiefere

und gewöhnlichere Furcht, je nachdem es ans irdische oder ans ewige

Leben geht: Furcht vor dem irdischen, stofflichen, Furcht vor dem

metaphysischen, seelischen Tode. Die erste Furcht kennen auch die

Tiere, die zweite nur der Mensch (er freilich auch die erste). Weil

nun alles Leben durch Liebe entsteht, das niedere durch Liebe zur

Materie (Essen und Geschlechtsverkehr), das höhere durch Liebe zu Gott

(geistige Nahrung; Liebe zu Gott kann Liebe zur Wahrheit, zum Guten,

zum Schönen heißen), so ist +Furcht+ das aller +Sexualität und aller

Erotik Entgegengesetzteste+.[75] Darum umschlingen sich Menschen, die

getötet werden sollen, koitieren Mann und Weib, wenn ein Erdbeben sie

zu vernichten droht. Darum sucht der Mensch (nicht nur des physischen

Erfolges halber) stets Verbindung mit anderen, wenn er sich fürchtet;

zwei Menschen schlafen +zusammen+, um leichter einer Furcht Herr

werden zu können. +Die Furcht vor der Einsamkeit ist die Kehrseite

des Willens zur Totalität+, und alle Furcht steigert sich, je weiter

die Entfernung von der räumlich-zeitlichen Totalität wird. Darum aber

ist auch das physische Abbild der Furcht im niederen Leben +Atemnot+;

(weil der Atem, das Prinzip des =Lebens=, den +Zusammenhang+ mit dem

All herstellt; „Geschlecht und Charakter“, S. 380, Anm. 1), und ist

Atemnot der Angst so verwandt, daß Angst mit +enge+, angustiae, angina

(Zuschnürung der Kehle) aus derselben Wurzel gebildet ist.

+Furcht also ist das Gefühl einer Leblosigkeit; und es gibt Furcht nur

vor dem Tode.+

Die Furcht und die Liebe haben beide ihre Phantasie: die Furcht eine

passive, die Liebe (in jenem weiteren Sinn, in dem auch geistige

Produktion Liebe ist) stets eine aktive. Die Visionen des Hamlet,

der ein und dasselbe Ding fortwährend sich verwandeln sieht, sind

passive Phantasie, und Ausfluß von Furcht: +hier wird nicht der Satz

der Identität mehr gesetzt+ (auch fürs Objekt; vgl. „Geschlecht und

Charakter“, S. 201 f., 246). Auch der Verbrecher leidet, weil in ihm am

meisten Passivität ist, darum an schreckhaften Halluzinationen, er hört

fortwährend Stimmen, wenn er allein ist, gleich wie der Irrsinnige.

Mut: +das ist das Selbstvertrauen des höheren Lebens+. Wer ganz mutig

ist, wie Siegfried, der ist rein, schuldlos. Darum hängt der Mut mit

dem Herzen zusammen; er entspricht der Gewalt des Herzschlages, wie

der Atem der „Verbundenheit“ (Rappaport), und es ist das Quantum Mut,

das ein Mensch hat, der sicherste Anzeiger seiner Größe, Reinheit,

Genialität.

Furcht aber ist das Mißtrauen des Lebens, weil es noch Ränder hat,

und dort Abgründe sind. Der Glaube an sich schafft den Mut und die

+Hoffnung+ (das ist das Ich auf dem Wege zu seiner Verwirklichung).

Der Glaube, welcher das ewige Leben durch seine Bejahung im Wollen und

Denken setzt, ist der Antipode +des Gefühles der Leblosigkeit+, =er=

+ist der Besieger der Furcht+.

In einem Glauben selbst steckt aber um so mehr Furcht, je mehr

Aberglaube in ihm ist. Es gibt wohl keinen speziellen, individuellen

Glauben, der ganz frei von Aberglauben wäre. Durch den Aberglauben aber

wird, in Gegensätzlichkeit zum Glauben, die autonome Persönlichkeit

+vernichtet+, jedem zufälligen, zeitlich-räumlichen Zusammentreffen

zweier Geschehensreihen, die erfahrungsgemäß voneinander unabhängig

sind, d. i. dem Zufall +preisgegeben+. Im Aberglauben verknüpft der

Mensch sich +funktionell+ mit anderem, negiert die eigene Freiheit

für alle Zukunft, und erklärt sein Wollen und Sollen für fatalistisch

gebunden.

Aller Aberglaube +verlangt+ darum Zeichen und Wunder; denn Aberglaube

ist die +Abdikation+ selbständigen Denkens und Handelns; der bigotte

Feldherr, der nach den Eingeweiden oder Sonnenfinsternissen seine

Beschlüsse einrichtet (und hierdurch nur seine Furcht verrät; wie

Nikias, wie Kaiser Julian bei +Ibsen+), hat auf alle Aktivität, und

damit auch auf den Erfolg, von vornherein verzichtet.

Im Glauben bejaht in Freiheit kühn und todesmutig der Mensch sich

selbst, sein innerstes göttliches Wesen, im Aberglauben +nickt+ er

furchtsam zu jeder Wendung des Spieles, er gibt seine +Freiheit+ des

Denkens und Handelns auf, indem er sie an etwas +bindet+. Darum ist

Aberglaube stets kleinmütig und feig, Glaube großherzig und tapfer;

darum leidet ein Mensch um so mehr an seinem Aberglauben, je mehr er

zum Glauben fähig ist.

Das Problem der Furcht gibt an Tiefe und Abgründlichkeit keinem anderen

etwas nach. Ich habe nicht die Absicht, diese bloßen Andeutungen hier

nach allen Seiten hin auszuführen. Aber das Problem des Wissens hilft

es uns noch weiter erläutern durch eine Gegenüberstellung.

Ein Mensch, der die Wand in seinem Zimmer knacken hört oder plötzlich

in der Stille des Mittags oder der Mitternacht ein Geräusch vernimmt,

kann hierauf in doppelter Weise reagieren: entweder +erschrecken+ oder

+nachschauen+. +Neugier+ und +Furcht+ sind die beiden entgegengesetzten

Verhaltungsweisen des Gemütes. +Der Wissenschaftler ist der neugierige

Mensch+, er forscht nach, er will die Ursachen der Erscheinungen

erkennen. Das Gegenteil des +Forschers+, das man vielfach im Künstler,

im Metaphysiker oder im Mystiker gesucht hat, ist eigentlich erst

ganz der +Dämonolog+. Die Furcht +schafft+ die Dämonen. Der Mensch,

der +mutig+ aufsteht, um hinzugehen und dem Gespenst die Kapuze vom

Alltagsgesicht zu ziehen, ist der =Ent-Decker=. Der Mensch, der extrem

an der Furcht leidet, wird nie auch nur eine gedankliche Entdeckung

machen. +Dieselben+ Mächte in der Natur, die der Wissenschaftler

mit den Hebeln und Schrauben verfolgt und bis zur Darstellbarkeit

durch Differentialgleichungen zu bringen sucht, kommen dem an der

Furcht Leidenden als die +Dämonen der Natur zum Bewußtsein+. Es ist

eine Torheit, die Dämonologie für ausgestorben, für eine ältere,

psychisch überwundene Auffassungsform der Welt zu halten, an deren

Stelle allmählich im Laufe der Geschichte die wissenschaftliche

Anschauungsweise getreten sei. Beides sind zwei polar entgegengesetzte,

konstante Charakteranlagen innerhalb der Menschheit, und so alt

und ewig wie diese. Ebenso wie heute gab es immer Forscher neben

Dämonologen; ebenso wie in den Zeiten, welche der Prähistoriker und

Ethnolog mit Vorliebe aufsucht, gibt es heute Dämonologen, vereinzelt,

aber in unverminderter Anzahl, neben dem Korpus der Wissenschaftler.

Die Dämonen =sind= +die Naturgesetze für+ den an Furcht leidenden

Menschen, Wissenschaft und Dämonologie die zwei Arten, in welchen der

Mensch auf das Naturgeschehen reagieren kann. Poe und Schopenhauer,

Bürger und Knut Hamsun sind der Natur gewiß nicht fremder als Newton

und Kasp. Friedr. Wolff, als Baco und Lagrange, aber jene erfassen sie

anders als diese. Ein Mensch kann Dämonolog und Wissenschaftler sein,

wenn er genügend universell veranlagt ist: Goethe war beides in größtem

Stil.

Die Wissenschaft bringt das Licht und vertreibt die Dämonen der Nacht.

Es ist traurig, aber unabänderlich, daß der Wissenschaftler die Dämonen

und die Furcht vor ihnen nie verstehen, immer belächeln und wohl auch

den Dämonologen meist verfolgen wird. Das soll niemand hindern, noch

beirren, die Wissenschaft als die große Leuchtfackel des Geistes

moralisch und kulturell hochzuhalten gegenüber der Furcht. Denn Furcht

ist sittliche und gedankliche Schwäche, sie macht den Menschen klein

und läßt ihn zusammenschrumpfen. Durch Vernunft und nur durch Vernunft

können die Gespenster verjagt werden.

Über die letzten Dinge · 第 25 / 31 题