III. Die möglichen Absichten von Wissenschaft in Ansehung von Kultur.

Über nichts wird heute so eifrig verhandelt, wie über Kultur. Nichts

wird so fleißig studiert, wie Kulturgeschichte, kaum etwas so emsig

gefördert und mit solchem Interesse verfolgt wie diese. Keinen

höheren Ehrgeiz gibt heute Jung und Alt, Reich und Arm zu haben

vor, als den nach Kultur. Dem Kultur-Snob, der sein Bedürfnis nach

der neuen Kravatte in das antiquarische Interesse für allgemein

ungekannte Künstler und Kunstwerke sublimiert hat, sind wir bereits

begegnet. Daneben dringt die Stimme des nach Naturwissenschaft in

Kindernährmehlform heulenden Kulturwolfes gar vernehmlich an das

Ohr des Lauschenden. Snob und Mob aber bedürfen und ergänzen einer

den anderen. Jener war eine vereinzelte, komische und doch nicht

ganz unsympathische Erscheinung. Dieser, weniger verlogen, aber

selbstsüchtiger, unterstützt sein Begehren wie jener durch das einzige

Argument, den Ruf: Kultur! Ja, in der großen Allgemeinheit ist Kultur

heute nicht einmal identisch mit Geistesgeschichte; die Elemente,

die sie dem Zeitgeist hauptsächlich zu konstituieren scheinen, sind

Wissenschaft und Technik.

Betrachten wir das merkwürdige Schauspiel: nichts geht neben

aller Krisenhaftigkeit der anderen Prozesse so sicher in seinem

maschinenmäßigen Gange weiter, wie jenes riesige, über die Erde

ausgestreckte Wesen, die Wissenschaft; nichts erhebt die gleichen

Ansprüche wie diese, nichts erfreut sich der gleichen Fürsorge. Die

Mäcene haben ihre Schützlinge gewechselt. Galt einst ihre Bemühung

dem Künstler und dem Philosophen (Plato, Aristoteles, Descartes,

Grotius, Spinoza, Leibniz, Voltaire), so gilt sie heute den Zwecken der

Wissenschaft. Allerdings — es ist auch nicht mehr der Aristokrat, der

das Geld in der Hand hat. Der große Kapitalist hat die Entscheidung,

und er optiert für die Wissenschaft.

Das hehre +Ideal+ der Wissenschaft ist es, welchem der Wissenschaftler

sein Ansehen dankt. Dieses Ideal allein sollte sein Stolz sein; in

seinem Namen bewußt zu arbeiten, der Idee ein bloßer Diener zu leben,

seine Ehre. Die tiefe Verachtung, welche jeder Wissenschaftler (im

weitesten Sinn) für jeden Techniker (im weitesten Sinne; in welchem

auch der Jurist und der Arzt dazu gehören) als solchen hegt, rührt

daher.

Die Achtung vor dem Gedanken der Wissenschaft hat sich dann aber auf

die offizielle Gilde ihrer Jünger übertragen. Besonders im vergangenen

Jahrhundert und besonders in Deutschland ist diese Wertausstrahlung

erfolgt. Sie ist als Ganzes unberechtigt, im einzelnen mag ebensoviel

Recht wie Unrecht hierbei geschehen sein, und die Geschichte der

Wissenschaft wird hier selber noch reichlich Kritik üben müssen. Ich

meine die geistig beherrschende Stellung, welche die Professoren

der Universitäten in den letzten hundert Jahren gewonnen haben. Ein

Universitätsprofessor spricht, und die Welt horcht. Das ist an sich

ein erfreuliches Zeichen. Aber viele sprechen oft sehr von oben herab

von den Universitätsprofessoren, von den Rektoratsreden-Rednern,

und sehr zur Kultur hinunter. Nur selten stecken sie mehr die Ziele

höher, um den trägen Flug der anderen anzuspornen, meist glauben sie

zuversichtlich, vom Borne selbst zu kommen, Kultur mit vollen Händen

aus ihm zu schöpfen und der Welt zu kredenzen. Diesem Zwecke dient

die Umdeutung des Alma Mater-Begriffes aus einem freien Boden des

Studiums in einen heiligen Hain der edelsten Früchte der Menschheit,

indem sie die Personen entlastet und durch die Fiktion des besonderen

Quelltrunkes sakrosankt macht.

Hiermit aber beginnt allmählich sich eine Vorstellung von der

Wissenschaft zu entwickeln, welcher gar wenig von dem Drang nach

Erkenntnis und System anzukennen ist. Wissenschaft wird zur Parole, zum

Ziel nicht mehr als Erkenntnis, sondern als möglichst große Summe der

„positiven“ Erkenntnisse.

Die Arbeitsweise wird so mechanisiert und auf die bestehende Schablone

eingeschränkt.

Weil in der Reihe der Paraffine noch einige Homologe nicht zur

Darstellung gebracht worden sind, gilt es, auch diese zu gewinnen,

nicht als ob davon eine wirkliche Förderung des Denkens erwartet würde,

sondern „für die Wissenschaft“.

Weil das Verhältnis der ebenmerklichen zu den übermerklichen

Empfindungsunterschieden mit Bezug auf die Schallstärke noch nicht

untersucht ist, muß es ehestens geschehen. Wozu? für die Wissenschaft.

Die Arbeit selbst liest kein Mensch, sie kommt in die Bibliotheken

und Bibliographien, und man hat nun die Beruhigung, daß „es gemacht

ist“. +Machen+: das ist das Wort für den heutigen Fabriksbetrieb

des Erkennens, in welchem die Vorsteher der großen Laboratorien

und Seminare die Funktionen kapitalistischer Industriebarone

vortrefflich ausfüllen. „Quellen!“ heißt es in der Geschichtsforschung,

„Versuchsreihen!“ in der exakten Wissenschaft. Despotisch herrschen die

Zahl, die Statistik, die Fehlermethode, die genaue Gewichtsanalyse.

Nicht ohne tiefe Berechtigung hat +diese+ Wissenschaft alle ihre

Feststellungen als =gleich= +wichtig+ verkündet. Die Akademien

der Wissenschaft sind die mächtige Gerusia dieses Staates, die

fürchterlichen Großmütter der europäischen Kultur;[81] und sie hüten

und mehren das Erbe. Und wehe dem, der es wagte, an der Wissenschaft,

die sie repräsentieren, an +dieser+ Wissenschaft als Zweck der

Zwecke zu zweifeln! Der es wagte, an das Recht der Wissenschaft

auf die Benützung des Spitalskranken zu Versuchen mit neuen

Immunisierungsmitteln zu tasten, ist ein Dunkelmann und Antisemit; der

es beklagte, daß Tiere fortwährend ohne Not lebendig gequält werden,

mit seiner Sentimentalität ein verhaßter lächerlicher Störenfried.

Vielleicht nur, weil diese Wissenschaft eine Demokratie ist ohne

Präsidenten, der in ihrem Namen zu sprechen die Vollmacht hätte, ist

es noch nicht offen gesagt worden, daß die kleinste mikrochemische

Feststellung mehr wirklichen Wert für die Menschheit besitze als die

größte Dichtung. Kunst, Religion, Philosophie werden vom rechten

Wissenschaftler als überflüssig empfunden; die Beschäftigung mit

ihnen ist geeignet, jeden Jünger der Wissenschaft bei seinen Kollegen

zu verdächtigen, sie ist unsolide Windbeutelei. Dieser +Moloch+

einer inventarisierenden Wissenschaft nimmt den Menschen eben ganz

in Beschlag, alles muß er für ihn sein und tun, dann wird er für

vollwertig befunden. Und wer ausginge, den Götzen zu zertrümmern, der

käme in die Verlegenheit des Don Quixote.

Denn er findet keinen sichtbaren Gegner, nur ein leeres Wort, ein

Luftgebilde, welches diese Gemeinschaft zusammenhält, die ihn nicht

unbarmherzig niederstoßen, sondern ein noch kälteres Schweigen seinen

Angriffen entgegensetzen würde. Um kurz auszudrücken, was die heutige

Wissenschaft ist und was sie nicht ist, können wir sagen: diese

Wissenschaft besitzt Resultate und stellt sich Aufgaben, aber sie kennt

keine Probleme mehr. Probleme gibt es nur für Menschen, die für und

über sich, und nicht für ein Götzenbild denken, wenn das Idol auch

Wissenschaft heißt.

Während so +äußerlich+ Wissenschaft zum +obersten+ Zwecke wurde,

freilich Wissenschaft als Vermehrung des Präsenzstandes der Erfahrungen

und Uniformierung derselben, ging in der Auffassung der Wissenschaft

und ihrer Stellung im geistigen Leben des Menschen eine scheinbar

entgegengesetzte Wandlung vor sich. Seine unendliche Geringschätzung

der Technik hatte der Wissenschaftler stets mit großem Recht dadurch

begründet, daß dieser alles Wissen nur Mittel zum Zwecke, ihm Wissen

Selbstzweck sei.

Die Wissenschaft selbst recht eigentlich als Mittel zum Zwecke zu

proklamieren, war unserem Zeitalter vorbehalten. Die „Philosophie“

dieser Anschauung[82] ergab sich aus der allgemeinen ökonomischen

Auffassung dessen, was bisher einen höheren Platz in den Wertungen

behauptet hatte. Wie der historische Materialismus den ganzen Wert

der Vergangenheit der Menschheit vernichtet, indem er der Geschichte

keinen weiteren Sinn zu vindizieren trachtet, als den Kampf um Fourage

und Fourageplätze, so degradierte die Auffassung der Wissenschaft als

Komfort den Erkenntnistrieb des Menschen um ein so Ungeheueres, wie

es wohl in der Geschichte nie zuvor dagewesen ist. Sie war geistreich

vorgetragen, gewiß, und hat durch den leichten Zauber ihrer Darstellung

sicherlich mehr als einen in ihren Bann gezogen, dem es nicht bestimmt

war, mehr als kurze Zeit bei ihr bleiben zu können. Es fehlte ihr auch

nicht an dem heute üblichen biologischen Gepränge. Aber die biologische

Betrachtungsweise, wie man sie heute versteht, ist ja nichts anderes

als eine utilitaristische, sie erweitert die utilitaristischen

Gesellschaftsprinzipien berühmter englischer Flachköpfe zu denen des

Pflanzen- und Tierreiches. Hierin hat sie, wenn auch späterhin eine

Entfernung von Darwin eingetreten ist, ihren Ursprung, die Anregung,

welche Darwin Malthus schuldete, nie verleugnet. Also das Wohlgefallen

an der Biologie ist mehr ein spezieller Fall des Zuges zur Ökonomie.

Auch das Wort von der „Ökonomie der Wissenschaft“ stammt von einem

Nationalökonomen. Nicht umsonst habe ich den praktischen Betrieb der

heutigen Wissenschaft mit dem eines großindustriellen Etablissements

verglichen. Die Bestätigung, daß es auch im Theoretischen sich so

verhalte, wird uns von ihren Theoretikern. Daß die Wissenschaft ein

Geschäft ist, der Gedanke würde jedem Handelsvolke Ehre machen. Er hat

auch wirklich bei den Amerikanern und bei den Juden den meisten Beifall

gefunden.[83]

Ich habe nicht die Absicht noch die Möglichkeit, hier die ökonomische

Auffassung der Wissenschaft zu kritisieren und ihre psychologische

Unhaltbarkeit zu erweisen; sie soll vorläufig nur gewertet werden.

Die Leugnung aller Probleme, welche mit ihr Hand in Hand geht, ist

charakteristisch für den aller wahren Kultur fremden Charakter

dieser Anschauung, wenn auch ganz folgerichtig vom Standpunkte

eines Empfindungsmonismus aus, der alle Problematisationen

selbstverständlich immer nur relativistisch nehmen kann. Doch wird man

nicht leicht annehmen wollen, daß die Leugner aller Probleme selbst

sehr problematische Naturen sein werden. Ebenso notwendig war die

Leugnung eines erkennenden Subjektes, dem ein zu erkennendes Objekt

gegenübersteht. Indem der Mensch nicht mehr erkennen wollte, und doch,

ja dann um so mehr, einem fremden Zwecke Sklave sein mußte, erfolgte

stillschweigend in sicherer Allmählichkeit die Konstruktion eines

sozialen Ideals der Wissenschaft, für die das Individuum arbeiten

+müsse+; der Ruf: „für die Wissenschaft“ ist so meist nur eine

+Komponente+ des Geschreies: „für die Gattung,“ „für die Gesellschaft“;

der Moloch der Wissenschaft ist nur ein kleiner Gott aus dem

Götzenreiche der Sozialethik, noch ein liebenswürdiger Zug derselben,

noch eine Belehrung mehr an das Individuum, daß dieses vor allem an die

Gesamtheit Abgaben zu leisten habe. Die Weisheit selbst wurde Mittel,

als diese Wissenschaft zum Zwecke wurde. Und daß dieses Mittel nicht

hoch im Preise stehen bleiben konnte, wird man jetzt verstehen.

Man ermesse aber trotzdem noch einmal die ganze Jämmerlichkeit des

Schauspieles. Der Stürmer nach Erkenntnis verwandelt sich unter dem

sittigenden Einfluß der Ökonomie in einen besorgten Ofenhocker,

der Ungestüm seiner Jugend wird fader Witz; für die Größe des

Erkenntnisdranges hat er das überlegene Lächeln des Nicht-Begreifenden.

Die ungeheuere Schuld der Anschauungs- und Denkformen, mit welcher das

Erkennen dem größten Erkenner belastet ist, drückt ihn nicht mehr,

drückt sein „erbärmliches Behagen“ nicht mehr! Er sucht nicht mehr

und fragt nicht mehr, er sammelt, sammelt und ordnet, ordnet. Die

kolossale Tragödie des Erkennens verabschiedet sich mit ihm durch die

kommentierende Fratze: Wozu die Aufregung? Wir wollen ja nur haushalten!

Verlassen wir die Lehre, welche die Wissenschaft als Mittel zum Zwecke

ansieht, und wenden wir uns jener zu, welcher Wissenschaft Selbstzweck

ist. Wir werden aber auch hier noch nicht unbedingt positiv werten

können. Auch Selbstzweck kann Wissenschaft in doppelter Weise sein:

+Wissen kann der Mensch wollen als Macht, und er kann es wollen als

Wert.+

Wissen kann gewollte oder gehütete +Macht+ sein. Wissen wird als

Macht gewollt von jenem Menschen, welcher die Natur nicht anerkennt,

das Dasein überhaupt +verneint+, vom +bösen+ Menschen. Er +sieht+

die Probleme, +sieht+, daß Menschen an ihnen leiden, aber er will

die Probleme +widerlegen+ und auf diese Art jenen Menschen seine

Verachtung beweisen. Die Frage mag er nicht, kennt er nicht, sie ist

ihm höchstens Mittel, um Antwort zu +erzwingen+; und die Antwort gibt

er nicht, weil ihm innere Klärung nie ein sittliches Bedürfnis ist,

sondern die Grundform seiner Antwort ist triumphierende Ironie +über

die Frage+. Es ist nicht Faust, der dem Erdgeist, dem Symbole alles

Geschehens in der Zeit, ins Auge sieht, dem Problem sich flehentlich

nähert, zum Problem +hinan will+, sich selbst inbrünstig zur Idee

emporzieht; nein, er trachtet das Problem zu sich hinabzuziehen, +er

will das Sein durch Erkennen widerlegen+, die Erkenntnis damit, daß

+er erkennt+, heruntersetzen, wie er sich selbst heruntergesetzt hat.

Darum läßt Wagner im „Parsifal“ Klingsor, der sich selbst entmannt, als

Mittel zum Zwecke benützt hat, mit Zauberwerkzeugen und nekromantischen

Vorrichtungen ausgerüstet sein. Denn, was ich hier im Auge habe, ist

die +große Idee des+ =Zauberers=, die auch heute noch ihren tiefen

Sinn hat, wenn man sie nur richtig als die Hypostasierung einer

bestimmten Sinnesart erkennt. Jener berühmte Mann der Geschichte, der

ihr am nächsten kommt, ist +Baco von Verulam+. Wir begreifen jetzt den

inneren Zusammenhang der Lehre dieses Mannes, der das Wort: Wissen ist

Macht, Tantum possumus quantum scimus, gesprochen hat, des ersten, der

auf die Entdeckungen und Erfindungen voll Hochmut (Nov. Org. 1, 129)

hingewiesen hat, des Großahnen der heutigen Fortschrittsphilister, mit

seinem unredlichen Lebenslaufe.

Hier ist auch der Ort, einiges über die Technik zu sagen, soweit

diese mehr ist als eine Methode, praktische Aufgaben unter Leitung

der Erkenntnis rationell zu lösen, d. h. die Theorien singulären

konkreten Zwecken nutzbar zu machen (Konstruktion); oder mehr als

ein Mittel, vom Denker geahnte Zusammenhänge sichtbar nachzuweisen

(Experiment).[84] Dieses Mehr ist der +Erfindungsgeist+, wenn er

die Grenzen des geistigen Spieles oder praktischer Nützlichkeit

überschreitet. In der Erfindung kann psychisch sehr viel Böses

liegen, das läßt sich nicht leugnen, sehr viel Wille zur Macht. Man

spricht es ja aus: die Beherrschung der Natur ist das Endziel, und

rühmt sich solcher Erfolge. Es liegt aber nicht nur Unkeuschheit,

Sucht zur Entblößung und Beschämung des Nackt-Betroffenen in diesem

Niederreißen aller Mauern (dies würde ihm vollkommen gemeinsam sein mit

dem +Erkennen+ aus antimoralischen Motiven). Es sind die Erfindungen

vielmehr gerade diejenigen Wunder, „die der Teufel wirkt,“ und es ist

zu verstehen, warum die Lokomotive als diabolisch empfunden wurde.

Der Wille zur Macht verneint auch die Naturgesetze, denn er will sie

zwingen. Wir haben im Wunder, das der Satan wirkt, den Gegenpol des

Wunders vor uns, das die Gottheit wirkt. Es ist nicht die Überwindung

der Naturgesetzlichkeit durch den Gedanken der +Freiheit+ des

moralischen Subjektes vom Naturgesetz (Mysterium der Auferstehung),

sondern ihre Überwindung aus dem Grunde, +weil nichts frei bleiben

darf+, alles geknechtet werden muß. Wille zur Macht ist Wille zur

Unfreiheit überhaupt, zur eigenen wie zu der alles anderen. Der Wille

zur Macht, der in Wahrheit nicht Wille, sondern Willkür heißen sollte,

behandelt die Menschen so, als gälte der Satz der Identität nicht: der

Machthaber verlangt von seinen Untertanen jeden Tag etwas anderes,

entgegengesetztes. Und so kehrt auch die Willkür des Menschen, der

über die Natur Macht will, sich nicht an die Gesetzlichkeit in der

Natur, sondern will sie niederwerfen und durchbrechen. Es ist ein

unendlich tiefer Zug in allen Teufelsmythen, daß dieser dem, der sich

ihm anheimgibt, die Möglichkeit verschafft, von einem Punkte der Welt

+momentan+ sich nach jedem anderen zu versetzen, ihm Reichtum ohne

Arbeit, Gold aus nichts, alles ohne Kontinuität, ohne Kausalität

zufallen läßt (so wünscht es nämlich das böse Streben im Menschen).

Die Kausalität nämlich wird nur von Freiheit erkannt, aber eben durch

Freiheit auch anerkannt, gesetzt (um ein Objekt zu haben, dem gegenüber

es sich als Freiheit behaupte, nach der Weltauffassung Kantens). Der

Böse erkennt auch keine Kausalität an, er gibt dem Objekte keine

Freiheit, weil er selbst sich in Unfreiheit fort und fort tiefer

stürzt, er springt in Willkür auch mit den Tatsachen um, und liefert so

den empirischen Beweis dafür, daß Kausalität nur von Freiheit gesetzt

wird. Diese funktionelle, willkürliche Gewalt über die Freiheit des

Naturgesetzes also liegt der Idee des +Zauberers+, der über die Dämonen

der Natur Gewalt besitzt, im tiefsten zugrunde; er ist der +Verächter

des Objektes+, das er nicht groß, in feierlicher Majestät, vor sich

sieht und verehrt, sondern bezwingen und knechten will.

Ich will die Erfinder nicht überschätzen; so grandios diabolisch

sind sie nun freilich kaum je veranlagt, und selten gewinnt dieses

Streben bei ihnen größere Intensitäten. Sie sind erfahrungsgemäß keine

gewaltigen Unholde, aber oft sehr gemeine Naturen, die unbewußt etwas

von jener Idee des Zauberers verwirklichen. Darum empfinden wir aber

auch in der Technik so vieles als magisch, als unheimlich.

Es werden sicher nicht wenige auch diese theoretisch-psychologischen

Erörterungen „reaktionär“ finden, vom schwärzesten Aberglauben und von

Gespensterfurcht eingegeben. Doch ich werte hier nicht die +Erfindung+

und nenne nicht sie des Teufels. Aber die +Erfinder+ sind zu oft

moralisch höchst bedenkliche Individuen; und mich interessiert nur

die Gesinnung. Es ist aber, so beginnt Kant seine „Grundlegung zur

Metaphysik der Sitten“, nichts in der Welt, was gut oder böse genannt

werden könnte, als der +Wille+.

Wissen als Geschäft war moralisch gleichgültig, indifferent, und der

Theorie dieser Anschauung lag jede Ahnung eines ethischen Elementes

im Wissenstrieb ferne. Wissen als Wille zur Macht war antimoralisch;

es hatte für das Moralische des Erkennens den sicheren Instinkt des

Tempelschänders und wollte es entwerten durch Besitz. +Wissen als Wert+

ist jene Sinnesart, welche der Wissenschaft die moralische Hochachtung

ewig sichern wird. Zum Wissen um der Macht willen verhält sich das

Wissen um des Wertes willen wie zum Koitus die Liebe, zum Morde die

Belebung. Der Wissensdrang also ist zum dritten Willen zum Wert;

Erkenntnis diesem reinen Triebe gewollter Wert, gehütetes Juwel. Seine

Ironie beschränkt sich und frohlockt nicht. Er kennt den Ernst der

Frage und den Schmerz der unbefriedigten Antwort; er ringt sich durch

alle Bangigkeiten und Schrecknisse des Zweifels durch zur Gründung der

wahrhaft festen, der unerschütterlichen Überzeugung. Darum stellt er

die höchsten, lautersten Ansprüche an das Wissen: den beiden tiefsten

Denkern der historischen Menschheit, Plato und Kant, die beide das

Wertproblem als das letzte Problem der Welt wie des Menschen erfaßt

haben, ist neben so vielem anderen auch die größte Hochschätzung

der +Mathematik+ gemeinsam, die am ehesten das Wissensideal zu

verwirklichen scheint, und die sie darum allen anderen Wissenschaften

als ein unerreichbares Beispiel voranstellen.

Und doch haben beide, Plato wie Kant, die Möglichkeit, durch bloße

Wissenschaft zur Weltanschauung zu gelangen, mit Recht verneint. Eine

Weltanschauung hat der Mensch, soweit er Künstler oder Philosoph ist,

aber nicht als bloßer Mann der Wissenschaft. Die Wissenschaft sucht

immer nur +Wahrheiten+, nicht +die Wahrheit+.[85] Positive Wissenschaft

hat an und für sich weder Tiefe noch Fläche; sie soll aber darum nicht

aggresiv werden gegen Tiefe, nicht Tiefe verbieten wollen, wie dies die

Erkenntnistheoretiker der positiven Wissenschaft von +Demokrit+ bis

+Mach+ in irgend einer Form (Materialismus, Monismus, Positivismus,

Empiriokritizismus) immer wieder versucht haben. „Ihr kommt nicht

hinein, und wehrt denen, die hinein wollen!“

Es liegt in der Gemütsanlage der Philosophen begründet, daß ihnen

agitatorisch-aggressives Auftreten schwerer fällt als anderen

Menschen. Sonst hätte die schnöde und freche Behandlung, welche die

Wissenschaftler ihnen so gerne zuteil werden lassen, das unverschämte

Achselzucken über ihre „unfruchtbare“ Beschäftigung, sie schon längst

zu einer Zurückweisung veranlaßt. So sei es denn ausgesprochen: Auch

der (originelle) Philosoph sechsten und siebenten Ranges, Hegel,

Schleiermacher, Krause, Maine de Biran, Carlyle, Nietzsche, steht noch

immer weit höher als der größte und originellste Nur-Wissenschaftler,

als ein Newton, Gauß, Galilei, Maxwell, Darwin, Berzelius, Helmholtz,

Jacob Grimm; höher nämlich an Genialität, an den Eigenschaften,

welche einen +bedeutenden+ Menschen konstituieren. Freilich, wenn man

nur an die Sicherheit der Ergebnisse denkt, nur an die Befähigung

seiner Resultate, gleich in Kompendien und Schulbüchern Aufnahme zu

finden, dann muß man gewiß den Wissenschaftler dem Künstler, wie

dem Philosophen vorziehen. +Aber darauf kommt es nicht an.+ Jede

wissenschaftliche Entdeckung wird immer von zweien oder mehreren

gleichzeitig gemacht, und wer eine macht, hat nie das Gefühl, daß dies

kein anderer so hätte schaffen können.[86] Die großen Philosophen

dagegen sind wie die großen Künstler Individualitäten, keiner durch den

anderen ersetzbar.

Für die positive Wissenschaft mit ihren immer nur relativen Rätseln im

Theoretischen und immer neu sich verschiebenden Zielen im Praktischen

gibt es im Grunde keine wirklichen Probleme, keine absoluten Aufgaben

des Menschen und der Menschheit; sie geht ja gerade darauf aus, in der

Erfahrung alles +selbstverständlich+ scheinen zu lassen. Wäre ihr dies

aber gelungen, könnte es ihr je gelingen, so wäre auch im Praktischen

aller +Vervollkommnungstrieb+ geschwunden. Es ist der Maßstab eines

hochstehenden Menschen, wie einer hochstehenden Zeit, daß ihnen

alles zur +Nebensache+ wird vor dem metaphysischen Problem und der

ethischen Aufgabe. Nicht ohne Grund hat Goethe dem Faust einen Wagner

gegenübergestellt und über diesen jenen sich entsetzen lassen:

„Wie nur dem Kopf nicht alle Hoffnung schwindet,

Der immerfort am schalen Zeuge klebt,

Mit gier’ger Hand nach Schätzen gräbt,

Und froh ist, wenn er Regenwürmer findet.“

„Wie wir’s dann zuletzt so herrlich weit gebracht!“ diese Freude des

Wagner ist die Melodie aller Geschichte der positiven Wissenschaften.

Im Ernst ausgesprochen bedeutete sie das Ende, Ragnarök, die

Götterdämmerung. Denn dann wäre das Bewußtsein für die Hauptsache

verloren gegangen. Und in der Hauptsache steht es ganz gleich von den

vedischen Hymnen bis auf den heutigen Tag.

Es gibt keine neuen philosophischen Gedanken, ebenso wie es keine

neuen künstlerischen Themen gibt. Das liegt aber daran, daß Philosoph

und Künstler als Individualitäten zeitlos sind, aus ihrer Zeit nie

zu begreifen und nie mit ihr zu entschuldigen. Im Philosophen und

im Künstler liegt Ewigkeit, im bloßen Mann der Wissenschaft als

bloßem Gattungswesen nur die Unsterblichkeit des treu bewahrten und

vermehrten Fideikommisses. Der Philosoph ist also der höhere Mensch

als der Wissenschaftler. Mit der Wissenschaft bleibt immer notwendig

etwas „Fachsimpelei“ verbunden, denn es gibt nur Wissenschaft vom

Fache; die Philosophie ist ebenso allumfassend wie die Kunst. Der

große Philosoph hat wie der große Künstler +die ganze Welt in sich+,

sie sind der bewußte Mikrokosmus; im gewöhnlichen Menschen, auch im

Nur-Wissenschaftler, ist der Mikrokosmus ebenfalls, aber unbewußt,

virtuell. Hier liegt der Grund, daß Künstler und Philosophen immer

nur über dieselben ewigen Probleme sprechen; und wir stehen vor der

paradoxen und doch unzweifelhaften Tatsache, daß gerade das echte

Genie nie etwas ganz Neues, nie Dagewesenes findet, während der große

Wissenschaftler immer wirklich etwas Neues entdeckt; allerdings

ist sein Ganz-Neues als solches im letzten Grunde auch immer ganz

uninteressant („Regenwürmer“). Die Individualität des Genies führt es

mit sich, daß immer anders und doch stets in formal gleicher Weise die

Frage des Verhältnisses des Ichs zum All gestellt wird; die positive

Wissenschaft ist nur gattungsmäßig und sozial, und kann darum wohl eine

Geschichte haben, aber sie kennt keinen Heroismus und keine Tragik,

keine Lust und keinen Schmerz. Die positive Wissenschaft schaltet die

Individualität aus: also kann sie nicht Kultur sein. Sie kennt weder

absolute Probleme noch absolute Aufgaben: insofern negiert sie die

Kultur.

Nur „machen“ soll die Wissenschaft nicht mehr; nicht einem bloßen

Worte, dem Worte Wissenschaft sich verschreiben. Die Seele des

Menschen, seine Individualität ist +zeitlos+, auch gegenüber dem

Zeitablauf von Jahrtausenden; die Individualität ist nicht Funktion der

Zeit. Dennoch, in der Wissenschaft macht sie sich hierzu. Wissenschaft

sollte ein Mensch nur von dem treiben, was ihn angeht: der Kranke soll

Medizin studieren. Den Problemen der Wissenschaftler ist bis heute nie,

wie denen der Philosophen und Künstler, individuelle +Schuld+ zugrunde

gelegen. Jedes wahre, ewige Problem aber ist eine ebenso wahre, ewige

Schuld; jede Antwort eine Sühnung, jede Erkenntnis eine Besserung.

Würde das so, wie ich es hier als Wunsch ausspreche, so würde das

Täppische, Rohe und Freche aus dem Betriebe der Wissenschaft schwinden.

Der Wissenschaftler wüßte, daß es +seine+ Sache ist, um die es sich

handelt; und da würde er sein Objekt nicht anfassen mit der Feuerzange,

nicht darüberfahren mit dem Tafelschwamm, es nicht behandeln wie mit

dem Wurstmesser.

Philosophie nun ist auch Wissenschaft, nicht ihrem +Gegenstande+,

wohl aber ihrer +Methode+ nach. +Drei+ Elemente konstituieren erst

den Philosophen, aber auch notwendig alle Philosophen, so viele

Unterschiede es auch sonst unter ihnen noch gibt: Erstens das

+mystische+ Element (identisch mit dem Bedürfnis und der Forderung nach

dem +Absoluten+); zu zweit das +systematische+ oder +theoretische+

Element (das Bedürfnis nach der Architektonik). Diese beiden Qualitäten

reichen noch nicht hin, denn eine theologische Dogmatik, die an den

Glauben appelliert, entspricht solchen Bedingungen ebenfalls. Es

kommt als Drittes hinzu das Element des +Wissens+, das Postulat der

Ableitbarkeit, der Demonstrierbarkeit. Daß es eine „Geschichte der

Philosophie“ gibt, liegt nur an diesem überindividuellen Anspruch des

Wissens und dem Einfluß der wissenschaftlichen Methode (die Philosophie

hat keine eigene Methode); eine +Geschichte der Mystik+ gibt es nicht.

Ebenso ist eigentlich Geschichte der Kunst (aus den gleichen Gründen)

ein Unding, es gibt nur eine +Geschichte der Technik+ (des +sozialen+

Elementes in der Kunst).

Der Philosoph will wissen und muß beweisen. Nur darum hat

Philosophie einen überindividuellen, kulturellen, positiven Wert.

Die individuellen Erleichterungen des Nur-Mystikers sollen nicht

angezweifelt werden, aber für die Kultur haben sie keine Bedeutung.

Die Philosophie ist kulturell wertvoll, weil sie Wissenschaft und weil

Wissenschaft transzendental ist; aber Wissenschaft selbst ist nur

kulturell wertvoll, sofern sie philosophisch ist, d. h. nicht etwa

Lehrsätze eines bestimmten philosophischen Systems zu beweisen von

vornherein ausgeht, sondern im Geiste des Forschenden selbst in steter

und unauflöslicher, frommer Beziehung und Absicht auf das Welträtsel

steht.

[71] Kant verwendet in diesem Sinne von Glauben das Wort Überzeugung.

„Die subjektive Zulänglichkeit heißt Überzeugung (für mich selbst), die

objektive Gewißheit (für jedermann).“ (Kr. d. r. V. S. 622, Kehrbach.)

[72] Idee des +Opfers+: Hingabe an die Idee. +Das Opfer ist die Antwort

auf die Gnade.+

[73] Diese Reduktion des Ich auf ein Zeitatom, seine +Einsamkeit in

der Zeit+ (statt einer +Verbindung mit allen Ewigkeiten+) ist das,

was das Einhorn in +Böcklins+ „Schweigen im Walde“ vollkommen genial

symbolisiert.

[74] Es kann darum ebenso unheimlich sein, wenn der Mitmensch ganz

+dasselbe+ wahrnimmt oder denkt wie ich (mein Doppelgänger im Geistigen

ist), als wenn er das, was ich wahrnehme und denke, +gar nicht+

wahrnimmt und versteht. Durch das erste werde ich, durch das zweite die

Welt vernichtet.

[75] Im ersten Johannisbrief 4, 18 heißt es auch: Φόβος οὐκ ἔστιν ἐν τῇ

ἀγάπῃ, ἀλλ’ ἡ τελεία ἔξω βάλλει τὸν φόβον, ὅτι ὁ φόβος κόλασιν ἔχει, ό

δὶ φοβούμενος οὐ τετελείωται, ἐν τῆ ἀγάπῃ.

[76] Von den Franzosen blieben da einzig Zola und Baudelaire über, kein

Maler, kein Bildhauer!

[77] Beispiele, wie begabte Menschen ganz äußerlich und nicht aus der

Tiefe ihres Gemütes heraus zu Problemen geraten können, sind unter den

Philosophen Descartes, unter den Dichtern etwa Gerh. Hauptmann.

[78] Ich wage hier dem Opfer Abrahams einen Sinn unterzulegen, den es

vielleicht nicht gehabt hat. Vgl. Kants Religion innerhalb der Grenzen

der bloßen Vernunft, S. 92 (Reclam).

[79] +Darum hat alles+ =Nur-Ästhetische= +keinen Kulturwert+.

[80] Diogenes, der „θεωρίης ἕνεκεν“ aus seinem Fasse herausschaut, ist

keineswegs die Inkarnation der Kulturidee.

[81] An Kindesstatt liebt die europäische Kultur das Fräulein Ellen Key.

[82] Mach, Die Geschichte und Wurzel des Satzes von der Erhaltung der

Arbeit, Prag 1872, ferner „Die Gestalten der Flüssigkeiten“ und „Die

ökonomische Natur der physikalischen Forschung“.

[83] Allerdings noch eines anderen Zuges wegen, des Zuges zur sexuellen

Zuchtwahl (für den die Kunst aus der Liebeswerbung des Auerhahnes sich

entwickelt hat).

[84] Soweit auch sie nur Geschäft ist, ist sie amoralisch, noch nicht

einmal antimoralisch.

[85] Darum, weil die Wissenschaftler nicht eine Weltanschauung aus sich

selbst haben, die ihnen das Maß der Dinge wird, sondern nur einige

wenige Dinge, die ihnen das Maß der ganzen Welt sind, wiederholen

sich immer die gleichen Vorgänge: taucht irgend eine Erscheinung

auf, die von den Wissenschaftlern nicht in ihr umfangarmes System

eingefügt werden kann, so wird sie schroff in Abrede gestellt, und

ein jeder, dessen freierer Blick ihm die Möglichkeit zugeben läßt,

wegen seiner furchtsamen Phantasie, seines Narren- und Köhlerglaubens

verlacht. So war es mit den hypnotischen Erscheinungen, mit der „double

personnalité“, mit vielen Symptomen der „grande hystérie“, so ist’s

jetzt mit der Telepathie, dem Versehen der Schwangeren, dem Einfluß der

Gestirne auf den Menschen, und so wird es immer sein.

[86] Wie wäre dies auch möglich, da ein Wissenschaftler gar nicht tun

würde, was er tut, wenn nicht die Wissenschaft bereits soweit wäre, und

ganz anders wissenschaftlich denken würde, wäre er zu einer anderen

Zeit geboren. Der Mann der Wissenschaft +stückelt nur an+. Daher kommt

es, daß, wenn ein Mann der Wissenschaft in seinem Leben auch nur ein

noch so schlechtes Gedicht gemacht hat, er dieses innerlich mehr lieben

wird als alles, was er je wissenschaftlich geleistet. Denn im Gedichte

steckt er selbst. Damit ist nun nicht bezweckt, daß noch mehr Menschen

Gedichte machen sollen. Aber die Wissenschaft sollte anders betrieben

werden.

Letzte Aphorismen.

Krankheit und Einsamkeit sind verwandt. Bei der geringsten Krankheit

fühlt sich der Mensch noch einsamer als vorher.

* * * * *

Alles, was sich spiegelt, ist +eitel+; das ist denn auch die Sünde

alles Lichts. Das Licht kann darum nicht einmal Symbol der Gnade

(geschweige der Ethik) sein. Die Sterne sind symbolisch für Menschen,

die alles außer der Eitelkeit überwunden haben. Das Gute hat kein

Symbol als das Schöne: die ganze Natur.

Ihrer sind viele; denn das Problem der Eitelkeit ist das Problem

der Individualität. Die Individualität hat Kant, der äußerst eitel

war, erkenntnistheoretisch überwunden durch den Transzendentalismus;

ethisch nicht; denn er hat das „intelligible Ich“ nicht überwunden (die

Eitelkeit verbindet ihn mit Rousseau).

Das „intelligible Ich“ ist aber nur Eitelkeit, d. h. Knüpfung des

Wertes an die Person, Setzung des Realen als nicht real; es ist

zugleich identisch mit dem Zeitproblem: denn das Zeitliche ist eitel.

Es gibt kein Ich, es gibt keine Seele[87]; von =höchster, vollkommener

Realität= ist allein =das Gute=, welches alle Einzelinhalte in sich

schließt.

Die Individualität entsteht aus der Eitelkeit; weil wir Zuschauer

brauchen und gesehen werden wollen. Der Eitle interessiert sich auch

für andere Menschen und ist ein Menschenkenner. =Weil auch das Böse in

allen Menschen eines ist= („Ein Unglück kommt selten allein“), darum

sieht der Mensch nach mir, den ich fixiere; er will nämlich von mir

gesehen sein. +Meine+ Neugier ist +seine+ Schamlosigkeit.

* * * * *

Es hat einen ethischen Grund, daß der Mensch eine Waffe (sei’s auch

die Hand) braucht, um sich zu töten. Er hat sich das Erdenleben nicht

gegeben, nur Gott kann es ihm nehmen; doch der Selbstmörder ist des

Teufels.

* * * * *

Dem Teufel nämlich ist seine Macht, ist +Alles+ nur +geliehen+; er weiß

das (darum schätzt er Gott als seinen Geldgeber; darum rächt er sich an

Gott; alles Böse ist +Vernichtung des Gläubigers+; der Verbrecher will

Gott töten) und weiß es nicht oder anders (darum ist er am jüngsten

Tag der Gefoppte); und daß er dies weiß und doch nicht weiß, das ist

zugleich seine =Lüge=.

* * * * *

Der Teufel nämlich ist der Mensch, der +alles hat+ und doch nicht +gut+

ist; während Allheit nur aus Güte fließen soll, und nur durch Güte ist.

Der Teufel kennt den ganzen Himmel, und will Gott als Mittel zum Zwecke

benützen (er ist darum vor allem +Frömmler+); und ist natürlich in

gleichem Grade der als Mittel Benützte.

* * * * *

Der Herr des Hundes ist derjenige Mensch, der gar nichts Hündisches in

sich hat; ihn sucht der Hund; der Herr des Hundes hält sich einen Hund,

sowie das Böse in Gott ist: er hält es im Bewußtsein.

* * * * *

Der Hund hat alle Tierformen (Schlange, Löwe etc.); er selbst aber ist

der Sklave.

* * * * *

Der Wirbel ist die Eitelkeit des Wassers; und sein Kreis-Egoismus.

* * * * *

Die Gefahr des Flusses ist die Versumpfung. Dort sind die Mücken und

das Fieber.

* * * * *

Die Malaria ist ein Sinnbild innerer Versumpfung; der Malaria-Kranke

sucht Lichter anzuzünden, indem er sich berauscht. (Der Wein +funkelt+.)

* * * * *

Auch die +individuelle+ Unsterblichkeit ist noch Eitelkeit oder

Ruhm-Egoismus.

* * * * *

Der Sumpf ist eine falsche Allheit des Flusses, und sein Scheinsieg

über sich selbst. Er entsteht durch Vermischung des Wassers mit Erde

(das Männliche geht durch die Poren des Weiblichen).

Der See ist eine +Station+ des Flusses; seine +beschauliche Stunde+.

Auch er ist eine falsche Allheit.

* * * * *

Der Greis ist eine +falsche Ewigkeit+: das Alter. Das Gute (und

Schöne—Wahre) ist =ewig-jung=. Das war es auch, worum Wagner als

seiner eigenen Unvollkommenheit wußte; er war Wotan. Der Siegfried und

Parsifal ist noch nicht erschienen. Der vollkommen gute Mensch (Jesus)

muß jung sterben.

* * * * *

Die Sterne +lachen+ nicht mehr; sie haben zur +Lust+ keine Beziehung

mehr; nur mehr zur Seligkeit und Freude. Aber sie glitzern, sie sind

eitel. Sie können darum fallen. Die Sünde der Sonne ist Lust—Schmerz,

statt Wert—Unwert: sie +lacht+ (aber sie +sticht+, +glüht+, brennt,

blendet, raucht wie ein Feuer).

Der Sündenfall ist die Individualität und sein Symbol die Sternschnuppe.

* * * * *

Die Lava ist der Dreck der Erde.

* * * * *

Als die Sonne sich verdunkelte, ging es Christus schlecht; da sprach

er: „Gott, warum hast du mich verlassen?“

* * * * *

Das Tiefe im „Baumeister Solneß“ ist die +Einheit+ des Übels durch Raum

und Zeit. Der böse Wunsch bei mir entspricht einem Übel (und einer

Furcht) wo anders. Der den Mörder fürchtet, setzt ihn; wer morden

will, setzt den, der den Mörder fürchtet.

* * * * *

Im Augenblick, da das Fliegenartige (Jüdische?) in mir unbewußt wird,

d. h. ich fliegenartige „Züge“ habe, ich hierin unfrei bin, wird es zur

Erscheinung der Fliege, der gegenüber als einer Empfindung ich unfrei

bin: +im selben Augenblicke aber ist der Raum da+. So zeigt sich das

Problem der Externalisation, der Projektion, des Raumes als die andere

Seite des Problems der Tierpsychologie, der Natursymbolik.

Der Verbrecher halluziniert die giftige Mücke und stirbt an falscher

Furcht durch Herzschlag. Es ist die Mücke in ihm selbst, die gesiegt

hat.

* * * * *

Der Neurastheniker (das ist der Mensch mit Furcht vor dem +äußeren+

Tode) wird von derselben Mücke gestochen, die sein Leben lang sein

+Unglück+ und seine Furcht gebildet hat, +im selben Augenblicke, wo er

ihr Realität gibt+, indem er sagt: jetzt kommt es.

* * * * *

Krankheit ist ein Spezialfall von Neurasthenie. Krankheit ist

Neurasthenie +im+ Körper.

* * * * *

Den Übergang von Neurasthenie zur Krankheit muß Hautkrankheit bilden.

* * * * *

Die Schuld des Neurasthenikers ist nämlich der +Raum+; die Schuld des

Verbrechers ist die (weitere) +Zeit+. Darum wird dem Verbrecher immer

die Zeit, dem Neurastheniker stets der Raum Problem.

Der Raum entsteht mit dem Körper. Hier wird +Ausdruck Selbstzweck+

(Nietzsche). Die Schuld des Neurasthenikers ist sein Körper: er +haßt+

ihn. Seine Schuld ist der +Stil+.

* * * * *

Lust ist körperlich, Freude psychisch. Des Neurasthenikers Sünde ist

es, erst durch Leid gut werden zu wollen.

* * * * *

Das Innere des Körpers ist sehr verbrecherisch.

* * * * *

=Neurasthenie= = =Raum=[88] = Externalisation = Duplizität = Irrsinn =

mangelhafte Logik (Logik ist räumlich eher als zeitlich) = Unfreiwerden

durch äußere Empfindung = =Setzen des Nicht-Realen als real=.

=Verbrechen= = =Zeit= = Lüge (aus Feigheit) = gegen Gott gerichtet =

=Setzen des Realen als nicht-real=.

* * * * *

Kurzsichtigkeit = Blödsinn? = Fisch?

* * * * *

Der Raum ist das ganze nach außen zerstückelte Ich.

* * * * *

+Alle Tiere+ sind Symbole +verbrecherischer+, alle Pflanzen Symbole

+neurasthenischer+ Phänomene in der Psyche.

* * * * *

Der gleichförmig beschleunigte Fall ist die Tendenz der Schuld, sich

fortwährend zu +vermehren+ (+Gewohnheit+).

* * * * *

Die Gefahr des Inders ist die +Dummheit+; gegen diese hat sich Buddha

inkarniert.

* * * * *

Jesus gegen das Jüdische (das ethische Korrelat dessen, was Dummheit

intellektuell ist), und deswegen die „Armen im Geiste“ geliebt; und so

ist das Lamm ein christliches Symbol geworden.

* * * * *

Jüdisch ist um so viel ärger als dumm, als Ethik über der Logik steht.

* * * * *

Der Jude ist gar nicht +dumm+ und darum der Züchtiger des Dummen, der

sich vor ihm +fürchtet+ (der deutsche „Michel“; Wagner als Antisemit

wie Christus; =Indo=-Germanen).

Dem Philosophen imponiert der Künstler, weil im großen Kunstwerk der

=Zufall= ohne Erkenntnis des Naturgesetzes ausgeschaltet ist.

* * * * *

Der Teufel rächt sich an Gott dafür, daß er von ihm geschaffen ist.

Er ist der Mensch, der sich seiner Existenz und seines Einflusses

behaglich freut, ohne zu glauben, daß dieser Einfluß nur dem Guten

dient.

* * * * *

Das Judentum ist das Böseste überhaupt.

* * * * *

Der Verbrecher ist impotent wie der Heilige; er ist nur psychisch

sexuell, er +kuppelt+. Der Neurastheniker ist stets stark potent, weil

sein Böses körperlich, räumlich ist.

Der vollkommene Verbrecher ist in weiterem Sinne böse als der

Neurastheniker und wird schließlich auch krank.

* * * * *

Die Pflanze ist der Neurastheniker; sie +zittert+ (der Verbrecher

schlottert und klappert mit den Zähnen). Sie ist ohne Trennung durch

Zellwände; d. h. hier ist +Einheit+, aber keine Allheit; keine Bewegung

(d. h. räumliche +Bestimmtheit+, Haften am Ort, Sünde des Raumes),

keine Sinnesorgane.

* * * * *

Tiere und Pflanzen sind Unbewußtes im Menschen.

* * * * *

Der Mensch begegnet dem ihm unbewußt gewordenen, als unfreier, in den

Empfindungen wieder. Es gibt keinen Zufall; nur Gerechtigkeit.

Die Schlange im Eisenbahnwaggon, wohin sie sich begeben hat, ist die

nach außen gerichtete Lüge (gespaltene Zunge, Häutung, Strabismus

divergens), vor welcher der Eingestiegene +Furcht+ hat; sie nähert

sich ihm um so mehr, je eher er vor der Lüge kapitulieren will: +seine

Feigheit zieht sie nach sich+.

Der Verbrecher +erdenkt+ die Schlange und fürchtet sich vor ihr; aber

er stirbt nie durch sie; ihm geschieht nie etwas von außen, sondern nur

von innen: an dem Herzschlag durch die halluzinierte Schlange.

So setzt auch der Verbrecher das Weib als Gedanke (er will den Koitus);

aber es existiert nicht für ihn. Er findet nie das Weib, das er sucht;

weil er nur die Idee des Weibes schafft. Er kann die absolute Dirne

(ein altes Weib) sexuell begehren und kann die Madonna lieben (wenn er

rein werden will); aber er findet die Madonna nur, wenn er gut ist; in

diesem Augenblick +schafft+ er die +Madonna+.

* * * * *

Der Athlet hat Kraft als +Selbstzweck+ ohne ethisches Ziel. Der Athlet

muß an sich selbst zugrunde gehen, wie das Walhall-Motiv an sich selbst

stirbt.

* * * * *

Die Schlange ist +stolz+: sie lügt nur nach außen, nicht nach innen.

Der Hund ist gar nicht stolz.

Die Schlange trifft +sicher+; in ihr ist die Kraft der Erkenntnis am

größten.

Die alte Jungfer ist das Nichts, das aus dem Weibe wird, dem der Mann,

der sie schafft, aus ethischen Gründen nicht wieder +begegnet+. Sie

geht ganz zugrunde.

Der Mond ist der Traum; der Nachtwandler ist der unfrei gewordene

Träumer.

* * * * *

Epilepsie tritt nach Verschlucken alles Bösen, nach letztem Verzicht

auf Selbstbeobachtung auf.

* * * * *

Jeder Sieg des Guten in einem Menschen hilft von selbst dem anderen.

* * * * *

Die Schuld des Juden muß Lächeln über Güte sein, wie die Schuld des

Dummen Lächeln über Weisheit.

* * * * *

Dem vollkommenen Verbrecher muß der Selbstmord mißlingen, weil er ins

Leben will, um sich zu rächen, um zu schaden.

* * * * *

Psycholog = Verbrecher.

Naturforscher = Neurastheniker.

* * * * *

Michel Angelos Schuld war Pessimismus (Verfolgungswahn).

* * * * *

Das Mitleid muß einsichtig =innere Trauer= (mit Anerkennung der

+Gerechtigkeit+) werden und darf nicht Wille zur Lust bleiben. Denn

erst dann liebt man die Menschen wirklich.

* * * * *

+Der Dumme lächelt verschmitzt über die Frage, der Jude über die

Schuld.+ Beide nehmen nichts ernst.

* * * * *

Der Kniff des Juden ist es, +neben+ Gott zu stehen.

* * * * *

Epilepsie tritt ein, wenn der Mensch sich sagt: es ist überhaupt

=+nichts+ real=. Er verliert sodann den letzten Halt auch in der

Empirie.

* * * * *

Katze ist Schmeichlerin (+Leisetreterin+), eine andere Form des

Sklavenhaften, eine, die den Herrn preist.

Hundswut ist Rache des Hundes am Herrn, Beschuldigung des =Herrn=, daß

es so und nicht anders ist.

Gott ist, was der Mensch nie sein kann: Vater und Sohn zugleich. Der

Sohn ist Selbsthasser und +Richter+ über sich selbst, über die Welt.

* * * * *

Verbrechen (Mord) heißt: dem anderen (Gott) +Schuld geben wollen+.

* * * * *

Der Hund, die Schlange etc. suchen die anderen zu widerlegen, um sich

zu rechtfertigen (Bellen, Zischen).

* * * * *

Der Vogel hat die falsche Leichtigkeit; er fliegt, weil er Röhren in

den Knochen hat.

* * * * *

Telepathie ist Apperzeption.

* * * * *

Der Verbrecher überwindet die Furcht durch den Haß, statt durch die

Liebe.

* * * * *

Auch um Christi Geburt muß es viele bedeutende Männer gegeben haben,

die aber nicht „auserwählt“ wurden, und deren Andenken zugrunde

gegangen ist.

Hat die Parthenogenesis etwas mit der lesbischen Liebe zu tun? Amazonen.

* * * * *

Hypochondrie ist abgelenkter Selbsthaß und Verfolgungswahn.

* * * * *

Michel Angelos Werke sind im Zugrundegehen, weil er den Pessimismus nie

überwunden hat.

* * * * *

+Jüdisch ist es, anderem+ (dem Christentum) +die Schuld zu geben+; (gar

keine Demut)! Schuld+abwälzung+ heißt +Judentum+. Der Teufel ist der

Mensch, der dem Gläubigen (Gott) die Schuld gibt.

Insofern ist das Judentum das +radikal Böse+.

Der Dumme ist der, der über die Frage überlegen lächelt, der kein

Problem anerkennt: =Parsifalsage=.

Der Jude übernimmt gar keine Schuld: „Was kann ich dafür?“ „Nebbich“.

Der Christ übernimmt =alle=.

* * * * *

Das Symbol des Jüdischen ist die Fliege. Dafür spricht vielerlei:

Zucker, Massenhaftigkeit, Summen, Zudringlichkeit, Überall-Sein,

scheinbare Treue der Augen.

* * * * *

Der Jude belädt sich also mit gar keiner Schuld (und =also= auch mit

keinem +Problem+); darum ist er unproduktiv. Seine Schuld ist es, die

Zeit nicht einmal zu +setzen+ (Eintags-Fliege, Zeitung, Journalist;

viele Zeitungen heißen „Mücken“: Fieramona in Florenz, La Mouche), den

Endzweck und den Weltprozeß nicht zu wollen, weder Gut noch Böse zu

wollen. Er widersetzt sich dem Willen Gottes, der auch das Böse will.

[87] Damit ist nichts von dem zurückgezogen, was über das Ich und die

Seele (als dem Ausdruck des Intelligiblen in der empirischen Welt)

gesagt wurde; es ist hier bloß eine Aussage über die ontologische

Realität gemacht.

(Anmerkung des Herausgebers.)

[88] Dasselbe, was sich psychologisch und physiologisch als

Neurasthenie und Verbrechen kundgibt, äußert sich transzendent als Raum

und Zeit.

(Anmerkung des Herausgebers.)

Über die letzten Dinge · 第 27 / 31 题