+Motiv der absoluten Trennung.+ Motiv der völligen Loslösung vom
Absoluten, gleichsam ein Abfinden mit der Einsamkeit und doch eine
Resignation; wunderbar ist, wie hier die in der Vergangenheit erfolgte
Schuld doch zugleich als Gegenwart, als Strafe konstatiert wird,
wunderbar das Verhältnis von Zeit zum Zeitlosen.
Sehnsucht, Wille ist hier nicht mehr; vollkommene Reduktion ist
eingetreten, vollkommene Abfindung mit dem Sündenfall, schmerzlos
zugleich und doch überschmerzhaft.
Motiv am Schluß der Götterdämmerung:
Aufnahme des Verlorenen in die Gemeinschaft, Erlösung von der Erbsünde
und zugleich selig überquellendes +Staunen+ darüber, +daß das Wunder
sich vollzieht+ (der Ring zu den Rheintöchtern, das Böse zur Lust und
zum ewigen Lächeln zurückkehrt); +denn das Lächeln ist wohl das Gefühl,
das sich nach dem Tode (d. h. im ewigen Leben) über das Leben (d. h.
über allen Tod) am stärksten einstellt.+
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Das Baßmotiv des Orchesters in Tristan, III. Akt, nach jener
furchtbaren Prostration vor der Schönheit, bei den Worten: „Und
Kurwenal, wie, du sähst sie nicht?“ u. s. w., ist das größte Motiv des
+Todes+, das je erdacht worden ist. Es liegt darin der scheinbar aktive
Verzicht auf das Leben, auf die Freiheit, das in Wahrheit schon die
passive Hingabe und Gefangenschaft ist; das Einswerden des Willens mit
den Trieben, sein Kapitulieren vor diesen; +es ist Identifikation mit
dem eigenen Schicksal+, der Punkt, an dem Wille in Trieb, Freiheit in
Unfreiheit übergeht, sich an sie knüpft, sich ihr übergibt.
Zum Parsifal.
Der Mensch empfindet allem Unmoralischen der ganzen Natur, der ganzen
Geschichte gegenüber eine tiefe Schuld; denn Welt und Mensch sind
Wechselbegriffe, alles Übel in der Welt ist nur durch den Menschen, mit
dem Menschen da. Dieses Gefühl ist das Gefühl, das in Jesus Christus
am lebendigsten war, so lebendig, daß er diese Schuld mit dem Tode
büßen und die Welt entsühnen wollte, indem er für alle diese Schuld,
seine Schuld, auch die Strafe erleiden wollte. In ihm ist das Gefühl
der universellen Verantwortlichkeit, das Gefühl, welches die ganze Welt
tragen will, die Genialität, der Wille, am größten gewesen.
Jesus erlöst, indem er die Welt von der Schuld erlöst, eben sich, und
nur sich von der Schuld: das ist der Sinn des Wortes: „Erlösung dem
Erlöser“.
In Bayreuth wird der „Parsifal“ gespielt, +als ob man ihn dort
verstünde+; wer Glück mit den Sängern hat, kann dort das einzige
erleben: eine Vorführung eines Kunstwerkes, bei dem die Darstellung
nicht +stört+. So stark ist die Nachwirkung Richard Wagners, so
intensiv hat er den anderen einzuprägen gewußt, was er wollte.
Als besonders großartig habe ich diese Regie im zweiten Akte
empfunden, in der Szene zwischen Kundry und Parsifal. Gerade wie
hier die Leidenschaft gedämpft, die Farben nicht dick und doch
bengalisch-+grell+ sind, die Geberden einfacher, mehr gezeichnet
als gemimt, ohne Othello-Verzerrungen, gerade das hat mich so stark
angesprochen. So tritt der symbolische Charakter des Ganzen mit tiefer
Deutlichkeit hervor.
Wer die Bilder des Buonaventura +Genelli+ (in Berlin und München)
kennt, wird mich hier am besten verstehen. Die lange Kleidung und
Schleppe der Kundry, ihre vorgehaltenen Arme und ihr vorgebeugter
Körper bei der Bitte an Parsifal erinnern an jene Bilder. Wo soviel
Raum wäre für leidenschaftliche Rufe und Bewegungen, erscheint alles
gedämpft, gemalt, wie als ein Glasgemälde auf einem Kirchenfenster; das
Rot brennt und das Grün funkelt; und doch hält der Mensch den Atem an.
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Das Orchester — eine reinste Orgel aus seligster Höhe, nicht aus der
Tiefe! Woher, fragt der Hörer zitternd? aber .... wohin?
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Die Moralität des Mannes empfindet den Geschlechtsverkehr als Sünde
(Verwundung des Amfortas durch den Speer).
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Das Weib hat keinen Sinn mehr, wenn der Mann keusch ist; dagegen wehrt
es sich; es ruft unmerklich das Gefühl zur Mutter in Parsifal wach
(„wann dann ihr Arm dich wütend umschlang ....“), hält ihm auch die von
Wagner früher festgehaltene Erlösung des Mannes durch die Liebe als
Möglichkeit vor.
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Kundry +in+ Parsifal (das „+Sehnen+“ ist’s, das ihn verhindert, zum
Gral, d. i. zum Sittlichen, Göttlichen zu kommen): das ist der „Fluch
der Kundry“.
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Das alles stellt Wagner hoch über Goethe, dessen letztes Wort doch nur
das vom „Ewig-Weiblichen“, die Erlösung des Mannes durch das Weib, war.
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Kundry müßte freilich schon im II. Akte sterben, da Parsifal ihr
widersteht.
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Die Fußsalbung durch Maria Magdalena. Evang. Joh. 12, 3 ff., 8, 3 ff.
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Parsifal und Klingsor: das Transsexuelle und das Sexuelle im Mann, auf
2 Personen verteilt.
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Das Weib als Sklavin des +Sexuellen+ im Manne (Klingsor). Vgl.
„Geschlecht und Charakter“.
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Gral und Speer sind „+verwandt+“, wie Licht und Gravitation, wie das
Etwas, und sein Spiegel, das Nichts. Das Nichts ist nur der +Reflex+
des Etwas, und es für real zu halten, das ist der Sündenfall. Diese
letzte Identität, das Nicht-Sein des Nichts, muß schließlich erkannt
werden. Auch der Empfindung liegt das Ding an sich zugrunde.
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Klingsor will das Sittliche nicht im Kampfe erobern und behaupten,
sondern durch Entmannung erzwingen, erreichen (der Asket gewordene
Verbrecher), um ....... Er fühlt nicht, daß er die Idee des Sittlichen
damit bereits prostituiert, wenn er sie fertig +haben+ und ihres
Besitzes sich erfreuen und dann irgend etwas beliebiges anderes tun
will; er weiß nicht, daß Sittlichkeit ewige Tat, ewige Schöpfung
ist. Der +Wunsch+, Gott zu =sein=, ist frevelhaft, der Wille, Gott
zu werden, nur (aktiv) zu sein, einzig gut. Klingsors Wunsch ist
rein hedonistisch; er will als Gott +Ruhe+ haben vor den eigenen
Anfechtungen; indes Gott zwar vollkommen ist, aber eben vollkommen als
vollkommen aktiv, niedertretend dem Bösen gegenüber. Klingsor benützt
Gott als Mittel zum Zweck, d. h. er bringt ihn in die Zeit.
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Bedenkt man, wie das Bewußtsein seiner selbst am stärksten wird nach
einer Schuld, so kann als der Sinn der Erbsünde der aufgefaßt werden,
daß Gott den +Spiegel+, das Nichts, braucht, um seiner selbst bewußt zu
sein.
+Auch Parsifal findet den Gral+ (die Sittlichkeit, das Gewissen) im
Momente, da er (den Schwan) +tötet+.
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„Suche dir Gänser die Gans“ heißt +heirate+, aber dann steck dir nicht
das Reich Gottes zum Ziel.
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„Zum Raum wird hier die Zeit“: hierin liegt, recht dunkel freilich, der
Raum als Symbol der Vollendung. Denn wie Zeit zum Raum, so verhält sich
das Erdenleben zum Leben nach dem Tode.
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Das Motiv der Blumenmädchen ist das +Flehen um Existenz+. Auftauchen
eines Irrlichtes aus dem Nichts, und Untertauchen.