Motiv aus der Götterdämmerung, III. Akt, Anfang:[60]

+Motiv der absoluten Trennung.+ Motiv der völligen Loslösung vom

Absoluten, gleichsam ein Abfinden mit der Einsamkeit und doch eine

Resignation; wunderbar ist, wie hier die in der Vergangenheit erfolgte

Schuld doch zugleich als Gegenwart, als Strafe konstatiert wird,

wunderbar das Verhältnis von Zeit zum Zeitlosen.

Sehnsucht, Wille ist hier nicht mehr; vollkommene Reduktion ist

eingetreten, vollkommene Abfindung mit dem Sündenfall, schmerzlos

zugleich und doch überschmerzhaft.

Motiv am Schluß der Götterdämmerung:

Aufnahme des Verlorenen in die Gemeinschaft, Erlösung von der Erbsünde

und zugleich selig überquellendes +Staunen+ darüber, +daß das Wunder

sich vollzieht+ (der Ring zu den Rheintöchtern, das Böse zur Lust und

zum ewigen Lächeln zurückkehrt); +denn das Lächeln ist wohl das Gefühl,

das sich nach dem Tode (d. h. im ewigen Leben) über das Leben (d. h.

über allen Tod) am stärksten einstellt.+

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Das Baßmotiv des Orchesters in Tristan, III. Akt, nach jener

furchtbaren Prostration vor der Schönheit, bei den Worten: „Und

Kurwenal, wie, du sähst sie nicht?“ u. s. w., ist das größte Motiv des

+Todes+, das je erdacht worden ist. Es liegt darin der scheinbar aktive

Verzicht auf das Leben, auf die Freiheit, das in Wahrheit schon die

passive Hingabe und Gefangenschaft ist; das Einswerden des Willens mit

den Trieben, sein Kapitulieren vor diesen; +es ist Identifikation mit

dem eigenen Schicksal+, der Punkt, an dem Wille in Trieb, Freiheit in

Unfreiheit übergeht, sich an sie knüpft, sich ihr übergibt.

Zum Parsifal.

Der Mensch empfindet allem Unmoralischen der ganzen Natur, der ganzen

Geschichte gegenüber eine tiefe Schuld; denn Welt und Mensch sind

Wechselbegriffe, alles Übel in der Welt ist nur durch den Menschen, mit

dem Menschen da. Dieses Gefühl ist das Gefühl, das in Jesus Christus

am lebendigsten war, so lebendig, daß er diese Schuld mit dem Tode

büßen und die Welt entsühnen wollte, indem er für alle diese Schuld,

seine Schuld, auch die Strafe erleiden wollte. In ihm ist das Gefühl

der universellen Verantwortlichkeit, das Gefühl, welches die ganze Welt

tragen will, die Genialität, der Wille, am größten gewesen.

Jesus erlöst, indem er die Welt von der Schuld erlöst, eben sich, und

nur sich von der Schuld: das ist der Sinn des Wortes: „Erlösung dem

Erlöser“.

In Bayreuth wird der „Parsifal“ gespielt, +als ob man ihn dort

verstünde+; wer Glück mit den Sängern hat, kann dort das einzige

erleben: eine Vorführung eines Kunstwerkes, bei dem die Darstellung

nicht +stört+. So stark ist die Nachwirkung Richard Wagners, so

intensiv hat er den anderen einzuprägen gewußt, was er wollte.

Als besonders großartig habe ich diese Regie im zweiten Akte

empfunden, in der Szene zwischen Kundry und Parsifal. Gerade wie

hier die Leidenschaft gedämpft, die Farben nicht dick und doch

bengalisch-+grell+ sind, die Geberden einfacher, mehr gezeichnet

als gemimt, ohne Othello-Verzerrungen, gerade das hat mich so stark

angesprochen. So tritt der symbolische Charakter des Ganzen mit tiefer

Deutlichkeit hervor.

Wer die Bilder des Buonaventura +Genelli+ (in Berlin und München)

kennt, wird mich hier am besten verstehen. Die lange Kleidung und

Schleppe der Kundry, ihre vorgehaltenen Arme und ihr vorgebeugter

Körper bei der Bitte an Parsifal erinnern an jene Bilder. Wo soviel

Raum wäre für leidenschaftliche Rufe und Bewegungen, erscheint alles

gedämpft, gemalt, wie als ein Glasgemälde auf einem Kirchenfenster; das

Rot brennt und das Grün funkelt; und doch hält der Mensch den Atem an.

* * * * *

Das Orchester — eine reinste Orgel aus seligster Höhe, nicht aus der

Tiefe! Woher, fragt der Hörer zitternd? aber .... wohin?

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Die Moralität des Mannes empfindet den Geschlechtsverkehr als Sünde

(Verwundung des Amfortas durch den Speer).

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Das Weib hat keinen Sinn mehr, wenn der Mann keusch ist; dagegen wehrt

es sich; es ruft unmerklich das Gefühl zur Mutter in Parsifal wach

(„wann dann ihr Arm dich wütend umschlang ....“), hält ihm auch die von

Wagner früher festgehaltene Erlösung des Mannes durch die Liebe als

Möglichkeit vor.

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Kundry +in+ Parsifal (das „+Sehnen+“ ist’s, das ihn verhindert, zum

Gral, d. i. zum Sittlichen, Göttlichen zu kommen): das ist der „Fluch

der Kundry“.

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Das alles stellt Wagner hoch über Goethe, dessen letztes Wort doch nur

das vom „Ewig-Weiblichen“, die Erlösung des Mannes durch das Weib, war.

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Kundry müßte freilich schon im II. Akte sterben, da Parsifal ihr

widersteht.

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Die Fußsalbung durch Maria Magdalena. Evang. Joh. 12, 3 ff., 8, 3 ff.

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Parsifal und Klingsor: das Transsexuelle und das Sexuelle im Mann, auf

2 Personen verteilt.

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Das Weib als Sklavin des +Sexuellen+ im Manne (Klingsor). Vgl.

„Geschlecht und Charakter“.

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Gral und Speer sind „+verwandt+“, wie Licht und Gravitation, wie das

Etwas, und sein Spiegel, das Nichts. Das Nichts ist nur der +Reflex+

des Etwas, und es für real zu halten, das ist der Sündenfall. Diese

letzte Identität, das Nicht-Sein des Nichts, muß schließlich erkannt

werden. Auch der Empfindung liegt das Ding an sich zugrunde.

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Klingsor will das Sittliche nicht im Kampfe erobern und behaupten,

sondern durch Entmannung erzwingen, erreichen (der Asket gewordene

Verbrecher), um ....... Er fühlt nicht, daß er die Idee des Sittlichen

damit bereits prostituiert, wenn er sie fertig +haben+ und ihres

Besitzes sich erfreuen und dann irgend etwas beliebiges anderes tun

will; er weiß nicht, daß Sittlichkeit ewige Tat, ewige Schöpfung

ist. Der +Wunsch+, Gott zu =sein=, ist frevelhaft, der Wille, Gott

zu werden, nur (aktiv) zu sein, einzig gut. Klingsors Wunsch ist

rein hedonistisch; er will als Gott +Ruhe+ haben vor den eigenen

Anfechtungen; indes Gott zwar vollkommen ist, aber eben vollkommen als

vollkommen aktiv, niedertretend dem Bösen gegenüber. Klingsor benützt

Gott als Mittel zum Zweck, d. h. er bringt ihn in die Zeit.

* * * * *

Bedenkt man, wie das Bewußtsein seiner selbst am stärksten wird nach

einer Schuld, so kann als der Sinn der Erbsünde der aufgefaßt werden,

daß Gott den +Spiegel+, das Nichts, braucht, um seiner selbst bewußt zu

sein.

+Auch Parsifal findet den Gral+ (die Sittlichkeit, das Gewissen) im

Momente, da er (den Schwan) +tötet+.

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„Suche dir Gänser die Gans“ heißt +heirate+, aber dann steck dir nicht

das Reich Gottes zum Ziel.

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„Zum Raum wird hier die Zeit“: hierin liegt, recht dunkel freilich, der

Raum als Symbol der Vollendung. Denn wie Zeit zum Raum, so verhält sich

das Erdenleben zum Leben nach dem Tode.

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Das Motiv der Blumenmädchen ist das +Flehen um Existenz+. Auftauchen

eines Irrlichtes aus dem Nichts, und Untertauchen.

Über die letzten Dinge · 第 19 / 31 题