Euler Techniker Riemann Theoretiker

in der Linguistik

Pott „ Humboldt „

in der Physik (Bopp)

Faraday „ Maxwell „

+beides+ in hohem Maße Helmholtz, Darwin u. a.

* * * * *

Alter ist Tod, Jugend ist Leben. Je größer ein Mensch ist, desto

weniger altert er, desto weniger wird sein Wille schwächer im Alter.

Es gibt aber außer Jesus Christus niemand, der nicht im Alter weniger

gewollt hätte, als in der Jugend. Das zeigt der musikalisch schwache

Parsifal (der gedanklich eine frischere, kraftvollere Konzeption ist,

als der musikalischen Ausführung nach; wenngleich seine Themen, Grab-

und Blumenau-motiv, aber auch Abendmahl- und Parsifalmotiv in der

Variation des III. Aktes, zu den größten gehören). Das zeigt vor allem

Ibsen, dessen Wollen zwei Gipfelpunkte hat, einen höchsten, Peer Gynt,

einen niedrigeren, Rosmersholm, sich sonst aber auf stetig absteigender

Linie bewegt; das zeigt auch Beethoven, dessen Kunst ihre höchste Höhe

in der Appassionata und besonders in der „Waldsteinsonate“ (III. Satz,

wo sie beinahe Gott nahe kommt) erreicht, dann aber doch abfällt; die

„Neunte“ ist nicht Beethovens größtes Werk.

* * * * *

Der Verbrecher sucht (als Sklave) oft einen sehr vollkommenen Menschen

(und ist hier als Richter ihrer Unvollkommenheit viel härter als ein

guter Mensch), weil er so +von außen+ (nicht durch innere Wandlung

der Gesinnung) +Glauben+ gewinnen möchte. Er gibt sich, wenn er

einen solchen gefunden zu haben glaubt, bei ihm in die vollkommenste

Sklaverei; und sucht in +zudringlicher+ Weise Menschen, bei denen er

als Sklave dienen könne. Auch will er als Sklave leben, um nie einsam

zu sein.

+Wenn dann ein dritter Mensch in den Kreis tritt, ist der Verbrecher

ratlos+; denn bekanntlich kann man nicht zweier Herren Knecht zu

gleicher Zeit sein, der Verbrecher aber ist jedes Menschen (ob Freien,

ob Unfreien) Knecht, mit dem er zusammen ist.

* * * * *

Problem der zwei Menschen,

Problem der drei Menschen.

Mit vieren beginnt die Mengenpsychologie.

Phänomene der „Einstellung“. Man schreibt jedem Menschen anders, oft

selbst kalligraphisch verschieden.

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Je größer die +Gnade+, die ein Mensch von Gott empfängt, desto größer

das +Opfer+, das er Gott dafür bringen wird. Bei Jesus war Gnade und

Opfer am größten.

* * * * *

Evidenz kann sich nur auf die letzten Denkgesetze beziehen. Diese sind

unmittelbar evident; diese Evidenz ist die Gnade.

* * * * *

Wert: Macht = Licht: Feuer.

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Es gibt keine Grade der Wahrheit, keine Grade der Sittlichkeit.

* * * * *

Die Erbsünde erfolgt +fortwährend+: Ewiges und Zeitliches sind

+neben+einander da.

* * * * *

Unterscheidung zwischen +Genesis+ und +Kodifikation+ des

+Aberglaubens+. Kodex: Bauernkalender. Genesis: +Schuld+.

* * * * *

Der Unterschied zwischen Amoralischem (Weib) und Antimoralischem

(Verbrecher), wie ihre Verwandtschaft, liegen darin, daß das Weib

heruntergesetzt werden will, während der böse Mann +sich+ selbst

heruntersetzt.

* * * * *

Zur tiefsten Erkenntnis seiner selbst und seiner Bestimmung gelangt

der Mensch immer erst, wenn er sich untreu geworden ist, wenn er gegen

seine Bestimmung (Gott) gefehlt hat, durch +Schuld+. +Darum+ ist

vielleicht das Leben auf der Erde notwendig, damit Gott sich selbst

finde; +denn Bewußtsein ist nur durch Gegensatz möglich+.

Anmerkung.

Ein der früheren Bearbeitung von „Geschlecht und Charakter“ angehängter

Exkurs versuchte morphologische und parallele psychologische Analogieen

zwischen Mund-, Hals- und After-Genitalregion aufzudecken, und

anknüpfend daran über die Urform des Wirbeltiertypus etwas zu ermitteln.

Sie suchte das Gemeinsame von Mund und After, Zunge und Geschlechtsteil

aufzufinden und zu ermitteln, warum das Vorstrecken der Zunge ähnlich

empfunden wird, wie das Weisen auf den Hinteren; warum Essen vor

anderen bei manchen Naturvölkern als schamlos galt (wie noch heute

die Sitte Essen auf der Straße verpönt); welche Analogieen zwischen

Genital- und phagischem Trieb bestehen; warum der Zungenkuß der

Ejakulation so nahe steht; warum die Schilddrüse (die einen rudimentär

gewordenen Ausführungsgang hat, der an der Zungenwurzel endet) in so

merkwürdigen Beziehungen zu den Keimdrüsen steht, warum die +Stimme+

besonders sexuell erregend wirkt, und so stark sexuell differenziert

ist.

Dem Menschen als dem Mikrokosmus wird die Bedeutung dieser Dinge, ihre

innere Verwandtheit mehr oder minder bewußt, darum schämt er sich des

Mundinneren. Wäre hingegen die Deszendenztheorie richtig, so müßten die

Tiere, welche dem Balanoglossus (wo die Geschlechtsteile noch in der

Kiemenregion liegen) noch näher stehen, mehr Scham empfinden als der

Mensch.

* * * * *

Es gibt eine Platzscheu, die Lichtscheu ist, und die der sich schuldig

fühlende Mensch hat, der vor Gott nicht besteht.

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Die Vogelstimmen sind das, was demselben Menschen seinen sicheren Fall

in den Untergang sagt („Peer Gynt“, 2. Akt).

* * * * *

Dohlen, Raben, +schwarze+ Vögel findet man nicht auf offenen lichten

Plätzen.

* * * * *

Wer sich an die Sonnenglut hingibt, =ist= +selbst die Zypresse+; es ist

pflanzenhafte Passivität und „Glückseligkeit als Geschenk“. (?)

[53] Parsifalmotiv variiert III. Akt (Den heil’gen Speer, ich bring ihn

euch zurück).

[54] Vielleicht bezieht sich diese Zusammenstellung auf den Begriff

„Kosmos“? (Anmerkung des Herausgebers.)

[55] Philosophen mit sadistischen (unmystischen) Zügen sind Descartes,

Hume, Aristipp.

[56] Nicht nur die Hysterie.

Zur Charakterologie.

(Enthaltend: Sucher und Priester, über Friedrich Schiller, Bruchstücke

über R. Wagner und den „Parsifal“.)

Sucher und Priester.

Man kann die Menschen einteilen in +Sucher+ und in +Priester+ und wird

durch diese Einteilung viel gewinnen. Der Sucher sucht, der Priester

teilt mit. Der Sucher sucht vor allem +sich+, der Priester teilt

vor allem anderen +sich+ mit. Der Sucher sucht sein Leben lang sich

selbst, seine eigene Seele; dem Priester ist sein Ich von vornherein

als Voraussetzung alles anderen gegeben. Den Sucher begleitet stets

das Gefühl der Unvollkommenheit; der Priester ist vom Dasein der

Vollkommenheit überzeugt.

Der Unterschied, den ich meine, wird so vielleicht am klarsten: +Nur

Sucher sind eitel (und empfindlich)+. Denn die Eitelkeit entspringt aus

dem Bedürfnis nach dem +Finden+ und dem Gefühle, noch nicht — sich noch

nicht — gefunden zu haben. Der Priester ist nicht eitel, er fühlt sich

nicht leicht getroffen, und ist ohne Bedürfnis nach der Anerkennung von

außen, weil er diese Unterstützung nicht notwendig hat. Dagegen hat

er Bedürfnis nach dem Ruhme; Voraussetzung des Ruhmbedürfnisses ist

innerliche Überzeugung von sich; sein Wesen, dieses Ich den anderen

möglichst vollkommen darzubringen und sich ihnen so zu verbinden. Der

+Ruhm+ wird hierdurch dem +Opfer+ verwandt.

Ich will nun je vier Beispiele von Suchern und von Priestern anführen,

bevor ich in der Analyse fortfahre.

Sucher waren: Hebbel, Fichte,[57] Brahms, Dürer. Priester: Shelley,

Fechner, Händel, Böcklin. Den Suchern gemeinsam ist, wie man sieht,

+die Linie ohne Farbe+; den Priestern gemein +die Farbe ohne Linie+.

Die Farbe ist hier als Symbol der Sinnlichkeit gedacht; zur

Sinnlichkeit nämlich steigt der Priester herunter, indes der Sucher von

ihr zur Geistigkeit hinauf will. Darum hat der Priester das eigentlich

starke, große Verhältnis zur =Natur=; denn der Priester kommt vom

Geiste und sucht die Welt zur Deckung mit sich zu bringen; alles soll

hell erstrahlen, wie das Feuer in ihm selber. Der Sucher hingegen hat

vor dem Priester voraus das Verhältnis zur +Gesellschaft+: denn sozial

wird der Mensch, weil er sich selbst im anderen sucht. Zur Kultur,

zu Recht und Staat und Sitte tritt so nur der Sucher in ein tiefes

Verhältnis; in der Natur hat er höchstens für ein Phänomen großen Sinn:

Für den Wald, als das Symbol des +Geheimnisses+.

Denn der Priester hat die Offenbarung hinter sich, und Tag ist in

ihm; der Sucher strebt zu ihr empor, aber er ist noch blind. Der

Priester steht bereits im +Bunde+ mit der Gottheit; nur er kennt die

mystischen Erlebnisse (extreme Sucher, wie Kant oder noch besser

Fichte, kennen solche nicht). Das Absolute, die Gottheit ist dem

Priester als Voraussetzung, als +Schatz+ gegeben oder als Pfand des

Höchsten; dem Sucher als Wert, als +Ziel+. Der Priester bringt +sich+

der Welt dar, trägt ihr den Bund an; der Sucher entflieht der Welt,

weil er noch keine Weihen empfangen hat. Jeder Suchende ist naturgemäß

ein +Fluchender+: der Priester ist das Gegenteil des Blinden, ein

+Sehender+ und ein +Segnender+. Der Segen ist dem Sucher hingegen ewig

unverständlich.

Man hält oft den Priester für den eigentlichen +Künstler+ und erklärt

Männer, wie +Ibsen+, der dem Sucher sehr nahe, und +Hebbel+, der ihm

noch viel näher steht, für keine echten Künstler: Ganz mit Unrecht; man

ist hier getäuscht durch einen falschen Begriff von Sinnlichkeit in der

Kunst. Shakespeare war gewiß ausschließlich Künstler und doch sicher

viel mehr Sucher als Priester. Im übrigen sind Sucher und Priester

Extreme; die größten Menschen sind beides, am öftesten zuerst Sucher,

um sich dann in Priester zu verwandeln: wenn sie den Quell gefunden,

sich selbst erlebt haben. So Goethe, so Wagner. Goethe ist Sucher im

Urfaust, Priester in der Iphigenie; Wagner ist Sucher im Holländer,

im Tannhäuser (der Pilgerchor gibt eine wunderbare Vorstellung von

dem, was Suchen heißt), aber auch im Tristan, besonders im II. Akt —

denn der Sucher ist erotisch, der Priester sexuell, ohne besonders

von dem Geschlechtstriebe differenzierte Liebe. Priester ist Wagner

schon im Lohengrin (der Sinn für das Fest, für die Feier, ist durchaus

priesterlich); vor allem aber im III. Akte des Siegfried, wo der Sinn

für das Gefundenhaben, der Triumph der Erfüllung so ungeheuer groß ist.

Denn der Priester muß kein friedlicher, idyllischer Mensch sein; aber

er hat als Kämpfer nur Sinn für den +Sieg+, nicht für die Anstrengung

des Ringens, nicht für das Bangen vor der Niederlage.

Nietzsche war lange Sucher; erst als Zarathustra tat er den

Priestermantel um, und da stiegen nun jene Reden vom Berge herunter,

die bezeugen, wie viel Sicherheit er durch die Verwandlung gewonnen

hat. Des Priesters (als des Sehers!) +Erlebnisse+ sind +intensiver+ als

die des Suchers; und darum ist er überzeugter von sich, er fühlt sich

als erkorenen Sendboten von Sonne, Mond und Sternen, und horcht nur, um

deren Sprache so ganz zu verstehen, wie er es als seine Pflicht fühlt.

Sucher waren noch +Rousseau+, wie es scheint, +Calderon+, +Sophokles+,

+Mozart+; ein beinahe vollkommener Priester scheint +Pindar+. Beethoven

ist Sucher im Fidelio, Priester in der Waldsteinsonate, deren letzter

Satz der höchste Gipfel apollinischer Kunst ist.

Der psychophysische Parallelismus scheint eine priesterliche

Vorstellung zu sein (denn der Priester kommt vom Geiste und will die

Natur +aufnehmen+, er fühlt sich mehr vor der Natur, der Sucher mehr

vor dem Geiste +schuldig+); er ist darum auch +Determinist+, weil ihm

Freiheit und Gesetzlichkeit von vornherein eins sind. Der Sucher ist

Indeterminist und Verflucher des Leibes.

Der Sucher ist schweigsam, verschlossen (nicht zu verwechseln mit

dem verschlossenen, d. h. unaufrichtigen und unsozialen Verbrecher);

der Priester offen, sich darbietend (nicht zu verwechseln mit

Schamlosigkeit), weil er nicht sucht, sondern die Vollendung schon

enthält und nur ganz zu verstehen, auszudrücken strebt.

Über Friedrich Schiller.

In so schlechte Gesellschaft, man sich leider heute begibt, wenn man an

das Ansehen dieses Namens tastet, indem hauptsächlich er es ist, gegen

welchen die Schuljungen-Opposition der Modernen wider alle offiziellen

Größen der Historie sich richtet, so sollte diese Furcht doch nicht

dazu verleiten, Schiller für einen wahrhaft bedeutenden Menschen zu

erklären, ihn für mehr zu halten als einen extrem begabten Mann und

zugleich den +tüchtigsten+ Journalisten, den die Welt bisher gesehen

hat. Diese Wertung läßt sich mit wenigen Worten begründen; das übrige

ist in Otto +Ludwigs+ „Dramatischen Studien“ nachzulesen.

Schillers einzige Größe ist darin zu erblicken, daß er die Tragödie

vollkommen ruiniert hat: sie hat sich noch lange nicht davon erholt.

Die Helden seiner Dramen haben nie die geringste innere Vergangenheit;

einzig der „+Fiesco+“, sein bestes und wohl darum von den

Literaturgeschichtsschreibern so schlecht behandeltes Stück, weniger

bereits die „+Jungfrau von Orleans+“ könnten als Ausnahme in Betracht

kommen. Er selbst ist so völlig ohne Verständnis für +Probleme+

=im= Menschen, es fällt ihm sowenig ein, den Mord oder die Liebe,

den Erkenntnistrieb oder die Eitelkeit, die Herrschsucht oder die

Opferwilligkeit irgendwo wahrhaft ernstlich zum Vorwurf einer Dichtung

zu machen, daß er vielmehr stets die „größere Hälfte“ aller Schuld

„den unglückseligen Gestirnen“ zuschreibt. Damit ist das Schicksal

seiner Dichtung besiegelt und Schiller das Urteil gesprochen. Die

Konstellation der Gestirne ist relativ zum Menschen immer Zufall, und

sie kann selbst bei Schiller nur in die alleräußerlichste Verbindung

mit der Handlung treten.

Der Zufall ist das absolut +=A=tragische+, auf ihn baut sich gerade

das +Lust+spiel auf. Es gehört der ganze Waffenlärm der beredten

Schillerschen Heroen dazu, um die Erkenntnis zu übertäuben, das

hier +die entgegengesetztesten Dinge überhaupt, Fatum und Zufall+,

verwechselt werden. Ist es nicht kläglich, einen +Don Carlos+ an

einem überlegenen Spionage-System scheitern, einen +Wallenstein+ an

einer äußeren, nie wiederholten Schuld zugrunde gehen zu lassen (daß

er einmal einen ehrgeizigen Soldaten in einer +allzuungeschickten+

Weise als Mittel für seine Pläne benutzt hat)? Diese Dichtung das

größte Drama der Deutschen? Eine spannende Intrigue, wie in allen

Schillerschen Stücken, ein hohler diplomatischer Klapperapparat, keine

kosmische Gegensätzlichkeit, bilden ihr Getriebe. Es sind keine Spuren

eines +inneren+ Kampfes an Schillers Personen wahrzunehmen, sie atmen

eine verdammt verdächtige Objektivität, aber nicht die Naivetät alles

dreifach ausgedehnten Natürlichen, sondern die Anämie flächenhafter

Schatten; als ob sie nichts vom Herzblut des Dichters empfangen

hätten; +Schiller ist im Grunde ein Epiker und kein Dramatiker, oder

es mangelt ihm wenigstens, was der Dramatiker vom Lyriker übernehmen

kann: die Subjektivität des Helden+. Hier sind nicht ein Unbegrenztes

und Begrenztes +im+ Menschen entzweit, hier steht nicht die +geistige+

mit der +sinnlichen+ Welt im Kampfe. Es ist im Grunde nur die Tücke

und die Gemeinheit der +Außenwelt+, welcher der Held schließlich zum

Opfer fällt. Darüber beklagt sich Schiller noch in seiner letzten,

völlig phraseologischen und das Laster der Rachsucht verherrlichenden

Dichtung, dem „+Tell+“: „Es kann der Beste nicht in Frieden leben,

wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.“ Den Feind in der +eigenen+

Brust, die Einsamkeit und ihre Schrecken, das Schicksal +im+ Menschen,

scheint Schiller kaum gekannt zu haben. Die „Braut von Messina“ hat

den „König Oedipus“ schlecht nachgeäfft; was diesem seine Größe und

seine alles überragende Wirkung verleiht, ist ja nur die =Einbeziehung=

+des Zufalls+ =in= +die Schuld+, die der Held +selbsttätig+ vollzieht,

der höchste Heroismus des Nicht-Entlastet-Sein-Wollens, der jede

Entschuldigung verschmäht.

Merkt man übrigens nicht, wie gänzlich seicht, wie ametaphysisch

Schillers Dramen sind? — „Aber die Gedichte!“ wird man einwenden; „sind

sie nicht eher zu philosophisch?“

Was ist es doch, das an jenen Gedichten so beleidigt? Es ist das

Verletzende an Schiller überhaupt, es ist seine Freude im Chor, in

der Herde; sein ganz ungeniales Glücksgefühl, gerade in der Zeit zu

leben, in der er lebte;[58] seine willige Selbstbegrenzung innerhalb

der Geschichte, sein befriedigter Zivilisationsstolz. Er hat recht

eigentlich den Dünkel des Europäers und den verlogenen Enthusiasmus des

Fortschrittsphilisters begründet — Eigenschaften, deren vollgültige

Repräsentanten heute zumeist Juden sind, auch wenn sie von Schillers

Namen sich loszusagen erklären. Was tiefere Menschen +von Schiller

immer abstoßen sollte+, was +Goethe+ trotz Schillers Zudringlichkeit in

der Annäherung, wie im Begreifen-Wollen, von diesem stets in so großer

Entfernung gehalten hat, ist jener +voraussetzungslose Optimismus+ in

ihm, kein transzendent-religiöser, kein nach dem +Herausbrechen+ aus

der +Zeit+ verlangender, kein des Gottvertrauens voller, sondern ein

+immanent-historischer+ Optimismus; ein Optimismus, der sich freut,

wenn die Menschheit um tausend Jahre älter geworden ist, und begeistert

die Addition in seinen Kalender einträgt; ein Optimismus, der nicht

hofft, sondern selbst in seinen Hoffnungen schon gesättigt ist, weil

ihm die Erscheinungen nicht das Mittel sind, um zu den Symbolen

durchzudringen, +sondern die Symbole ihm nur die Erscheinung sollen

verschönern helfen+. Darum ist Schiller nicht sehnsüchtig, sondern nur

sentimental, wenn die Erscheinung mit der Idee nicht kongruiert.[59]

Er ist so auch der eigentliche Schöpfer des +Ästhetentums+, das unter

den modernen Juden die meisten Anhänger zählt: es flüchtet vor aller

Tiefe, oder heuchelt Tiefe, um den Schein sich retten zu können.

Schiller ist der eminent +unerotische+ Mensch; und niemand sowenig wie

er Dichter des Einsamen, niemand so ganz wie er Dichter der Familie.

Und neben der ungeheueren technischen Routine seiner Werke ist es diese

verlogene Vergoldung des Philistertums, diese raffiniert-künstliche

Weihe des Alltagslebens („Die Glocke“), aus dessen Perspektive er alle

geschichtlichen Erscheinungen erblickt, um sie zum Hintergrunde des

bürgerlichen Idylls zu machen, welche zu seiner Popularität das meiste

beigetragen hat.

Hierdurch erst wird das Bild Schillers vervollständigt. Seine

Philosophie ist so monistisch wie seine Dichtung, seine Weltanschauung

sowenig tragisch wie seine Tragödien. Er ist der Typus jener Menschen,

die auf die Gründe des Seins gekommen zu sein glauben, bloß weil

sie seine Abgründe nie empfunden haben. Schillers Kantianismus ist

ein pures Mißverständnis; leicht konnte er den Pflichtbegriff ins

Lächerliche ziehen und die Kantische Ethik dort verspotten, wo sie am

tiefsten ist. Denn die Resignation der Vernunftkritik verwandelt sich

bei ihm zur Süffisance der Immanenz, und die teilt er mit dem stets

positivistisch veranlagten Judentum; nicht ohne Grund war auch er

Antisemit.

Einen Journalisten durfte ich ihn mit Grund nennen. Denn er ist

dem Journalismus durch seine Versabilität verschrieben, die ihn in

„Wallensteins Lager“ goethisch, bald darauf wieder romantisch, nun

griechisch, nun shakespearisch sein läßt; und daß er gewisse Gedichte

und vieles aus dem „Tell“ bloß nach Erzählungen Goethes über Italien

und die Schweiz abfassen konnte, das ist eben der stärkste Beweis

für meine Meinung, daß er nicht aus eigenstem Erleben heraus singen

mußte, sondern in raffinierter und affektierter Steigerung anderen,

was sie geschaut hatten, nachleben konnte. Was ihn aber endgültig zum

Journalisten stempelt, ist die Rührseligkeit, die von einem tragischen

Geschehnis schwätzt, wenn ein Mensch auf der Gasse überfahren wird;

und es ist vor allem eben jene Bindung an den Tag und die Stunde, jene

Philistrosität, die sich am kosmischesten gestimmt dann fühlt, wenn ein

Jahrhundertwechsel vor sich geht. In Schiller haßt die journalistische

Moderne nur sich selbst.

Über den Gedankengehalt der Werke Richard Wagners, insbesondere seines

„Parsifal“.

Noch nie hat eine Kunst das Kunstverlangen irgend einer Zeit so

völlig zu fesseln und so ganz und gar auszufüllen vermocht, wie die

Schöpfungen Wagners. Alle Bestrebungen zur Hervorrufung einer neuen

Literatur, zur Begründung einer neuen Kunst, nehmen sich vor dem, was

wir in seinen Werken bewundern, wie gemacht und unwahr aus. Daß diese

gänzliche Befriedigung von so vielen nur bei Wagner gefunden wird,

entspricht der wohl unbezweifelbaren Tatsache, daß es nie zuvor einen

Menschen von so ungeheuer gewaltigem Bedürfnis des +Ausdruckes+ gegeben

hat als ihn. Der ihm hierin am nächsten kommt, ist, wie Wagner selbst

stets empfunden hat, +Beethoven+; und auch dieser bleibt hier weit

hinter ihm zurück. Nur darum aber findet beinahe ein jeder bei Wagner

das, was der +Erfüllung+ am nächsten kommt; denn er hatte selbst den

höchsten Begriff vom Kunstwerk, den je ein Künstler gefaßt, und die

größte Forderung an sich gestellt, die je ein Schaffender zu stellen

gewagt. Die gleiche Vollendung, das gleiche Erfülltsein atmet darum von

einem gewissen Zeitpunkt an (von „Lohengrin“ bis zum „Parsifal“) alles,

was er geschaffen; und das Eigentümliche gerade der Wagnerschen Motive

ist auch musikalisch ein Maximum von +Dichtigkeit+, wenn ich so sagen

darf; sie sind nie verdünnt, sondern sagen immer +alles+. Die höchste

Prägnanz und Konzentration und Unwiderstehlichkeit seiner Melodieen,

die weiteste Entfernung von allem Sauerstoffmangel, das Gegenteil aller

Luftverdünntheit und Leerheit an Masse, das kennzeichnet die Motive

Wagners selbst dort, wo er über Bergesgipfeln schwebt und am Gletscher

sich berauscht und jene Höhenluft atmet, für die niemand soviel Sinn

hatte, wie er. Ich verstehe zu wenig von der Lehre der Musik, um in

ihrer Sprache genau bezeichnen zu können, woran dieses Eigenartige

der Wagnerschen Musik gerade in ihren Melodieen liegt. Wagners Musik

ist aber eben durch all das eigentümlich, um was sie mehr ist, als

Mathematik, was sie alles noch ist außer einer Sprache von Raum und

Zeit; wie hier die ganze +Physik+ des Weltalls +resorbiert+ ist in die

Mathematik, oder die Mathematik nur zum Mittel der Physik geworden.

Wagner ist der Mensch mit dem größten Naturempfinden, das je ein

Mensch besessen hat: Gegen sein „Rheingold“ gehalten verblassen selbst

+Goethes+ Lieder von allem Wasser in Nebel, Wolke und Fluß. Wohl mag

zu den Sternen Beethoven im Scherzo der neunten Symphonie (das Wagner,

eben darum, wohl gänzlich mißverstanden hat) ein tieferes Verhältnis

offenbart haben, als Wagner im „Tannhäuser“, vielleicht +Schubert+ den

Bach, +Weber+ das Dämonische des Waldes besser verstanden haben; aber

ein Naturgefühl von solcher Intensität und einem Umfang, der die ganze

Erde, alles in ihrer Fläche, ihrer Hülle, ihrem Inneren beherrscht, ist

noch in keinem Menschen in einem Ausmaße verwirklicht gewesen, wie hier.

Aber nicht davon wollte ich sprechen, warum die Wagnersche +Musik+ alle

anderen Eindrücke der Kunst, selbst +Goethes+ „Faust“ und +Beethovens+

„Waldstein-Sonate“ und selbst +Bachs+ „Praeludien“ und selbst +Michel

Angelos+ „Jeremias“ hinter sich läßt. Was ich ernstlich zu zeigen

versuchen will — nicht weil mir alles außerordentlich erscheint, was

Wagner geschaffen hat — ist, daß die Wagnersche Dichtung der Tiefe

ihrer Konzeption nach die größte Dichtung der Welt ist.

Es sind die gewaltigsten Probleme, die je ein Künstler sich zum Vorwurf

gewählt hat, bedeutender noch als die Probleme des Aischylos und Dante,

Goethes, Ibsens und Dostojewskys — um von den Problemen Shakespeares zu

schweigen.

* * * * *

Motive der Rheintöchter:

„Wagalaweia“-Motiv ist die spielende Unschuld des Paradieses;

vollkommen +monistisch+, vor dem Sündenfall, ohne Kenntnis des

Dualismus; voraussetzungsloser, naiver, +überall nur sich selbst

antreffender, an sich selbst sich freuender Monismus+. (Vor dem

Sündenfall = Alberichs Aufgeben der Liebe.)

Über die letzten Dinge · 第 18 / 31 题