Der höchste Ausdruck aller Moral ist: +Sei!+

* * * * *

Der Mensch handle so, daß in jedem Momente seine +ganze+ Individualität

liege.

* * * * *

Schlaf und Traum haben sicherlich etwas mit dem Zustande vor unserer

Geburt gemein.

* * * * *

Die Algebra ist begrifflich, die Arithmetik anschaulich.

* * * * *

Die Gegenwart ist die Form der Ewigkeit; das Urteil über Aktuelles hat

dieselbe Form, wie das Urteil über Immerwährendes. Zusammenhang mit der

Sittlichkeit, welche alle Gegenwart in Ewigkeit verwandeln, in die Enge

des Bewußtseins alle Weite der Welt aufnehmen will.

* * * * *

Was immer +auch+ zum Determinismus führen wird, ist die Tatsache,

daß der Kampf immer wieder aufgenötigt wird. Im Einzelfalle mag die

Entscheidung ganz ethisch erfolgen, mag der Mensch sich für das Gute

entscheiden; die Entscheidung ist aber nicht von Dauer, er muß wieder

kämpfen. Freiheit, könnte man sagen, gibt es nur für den +Moment+.

Und das liegt im Begriffe einer Freiheit. Denn was wäre das für eine

Freiheit, die ich durch einen guten Akt aus irgend einer früheren Zeit

für alle Zeit hervorgebracht, verursacht hätte: Es ist gerade der Stolz

des Menschen, daß er in jedem Augenblick von neuem frei sein kann.

Also für Zukunft wie für Vergangenheit gibt es keine Freiheit; über sie

hat der Mensch keine Macht.

Darum kann sich der Mensch auch nie verstehen: +Denn er ist selbst ein

zeitloser Akt, ein Akt, den er immer wieder vollzieht, und es gibt

keinen Moment, wo er diesen Akt nicht vollzöge+, wie dies sein müßte,

damit er sich verstünde.[53]

Die Ethik läßt sich ausdrücken: Handle +vollbewußt+, d. h. handle

so, daß in jedem Momente Du als +Ganzer+ seiest, Deine +ganze+

Individualität liege. Diese Individualität erlebt der Mensch im Laufe

seines Lebens nur im Nacheinander; darum ist die Zeit unsittlich und

kein lebender Mensch je heilig, vollkommen. Handelt der Mensch ein

einziges Mal mit dem stärksten Willen so, daß alle Universalität seines

Selbst (und der Welt; denn er ist ja der Mikrokosmus) in den Augenblick

gelegt wird, so hat er die Zeit überwunden und ist göttlich geworden.

Die gewaltigsten musikalischen Motive der Weltmusik sind solche, wo

dieses +Durchbrechen+ der Zeit in der Zeit, das Brechen aus der Zeit

heraus darzustellen versucht wird, wo auf einen Ton ein solcher Iktus

fällt, daß er die übrigen Teile der Melodie (welche als Ganzes die Zeit

vorstellt; einzelne Punkte, zusammengefaßt durchs Ich) resorbiert und

dadurch die Melodie +aufhebt+. Das Ende des Gralmotives im „Parsifal“,

das Siegfriedmotiv sind solche Melodien.

Es gibt jedoch einen Akt, welcher die Zukunft sozusagen in sich

resorbiert, allen =künftigen= Rückfall ins Unmoralische bereits

als Schuld voraus empfindet, nicht minder als alle unmoralische

Vergangenheit, und +dadurch über beide hinauswächst+: Eine zeitlose

Setzung des Charakters, die Wiedergeburt. Es ist der Akt, durch den das

Genie entsteht.

Sittliches Gebot ist: In jeder Handlung soll die +ganze+ Individualität

des Menschen sichtbar werden, jede soll vollkommene Überwindung der

Zeit, des Unbewußten, der Enge des Bewußtseins sein. Meistens tut der

Mensch aber nicht, was er +will+, sondern was er +gewollt+ =hat=. Er

gibt sich durch seine Entschlüsse immer nur eine gewisse +Direktion+,

in der er sich dann bis zum nächsten Momente der Besinnung bewegt. Wir

wollen nicht fortwährend, wir sind nur zeitweise, schubweise wollend.

So ersparen wir uns zu wollen: +Prinzip der Ökonomie des Wollens+. Aber

der höhere Mensch empfindet dies immer als durchaus +unsittlich+.

Gegenwart und Ewigkeit sind verwandt: Zeitlose, allgemeine, logische

Urteile haben die Form der Gegenwart (Logik ist erreichte Ethik): +Und

so soll auch in jeder Gegenwart+ =alle= +Ewigkeit liegen+. Wir dürfen

uns +auch von innen+ nicht +determinieren+; auch diese letzte Gefahr,

dieser letzte trügerische Schein der Autonomie ist zu meiden.

+Wolle!+ d. h.: +Wolle Dich ganz!+

Das Richtige im Sozialismus ist, daß jeder Mensch, wie er sich selbst,

seine Eigenart suchen und auch sich zu finden trachten soll, auch sein

Eigen+tum+ erst zu erwerben trachten solle; und hier darf er +von

außen+ nicht in seinen Möglichkeiten von vornherein beschränkt sein.

Auf erworbenen Reichtum mag ein Mensch stolz sein und mit Recht auf ihn

wie auf ein sittliches Symbol auch +innerer+ Arbeit blicken.

* * * * *

Der Psychologismus ist die bequemste Auffassung des Lebens, denn nach

ihm gibt es überhaupt keine Probleme mehr. Er verurteilt darum von

vornherein auch alle Lösungen, indem er die eigentlichen Probleme

sowenig anerkennt wie den Wahrheitsbegriff.

Es gibt keinen Zufall. Der Zufall wäre eine Negation des

Kausalgesetzes, welches verlangt, daß auch das zeitliche

Zusammentreffen zweier verschiedener Kausalreihen noch einen Grund

habe. Der Zufall würde die Möglichkeit des Lebens vernichten, er

würde den Menschen, der erst im Begriffe ist, das Böse zu überwinden,

abberufen von seinem Wege. Der Zufall würde die Telepathie unmöglich

machen, die doch eine Tatsache ist. Er würde den Zusammenhang der

Dinge, die Einheit im Universum streichen. Wenn es einen Zufall gibt,

so gibt es keinen Gott.

* * * * *

Die Liebe schafft die Schönheit } alle aber schaffen

Der Glaube schafft das Sein } das Leben.

Die Hoffnung schafft das Glück }

* * * * *

Haß — häßlich Der Schmerz ist das psychische

Unglaube — nichts Korrelat der Vernichtung.

Furcht — Schmerz. (Krankheit und Tod.)

* * * * *

Die Lust ist das psychische Korrelat der +Schöpfung+. Die Wollust ist

von intensivem Schmerz begleitet, weil in ihr Schöpfung und Vernichtung

in eins fließen.

Schmerz: Furcht = Sein: Wollen

Lust: Liebe = Sein: Wollen.

Das Nicht-Sein des Verbrechers ist darum der größte Schmerz und im

eigentlichen Sinne die Hölle.

* * * * *

Hoffnung — Furcht: Psychologie des Spielers. Jeder leidenschaftliche

Spieler leidet stark an der Furcht.

* * * * *

Kennt die Pflanze Lust und Schmerz? Orchideen? Die Wollust in der

Begattung scheint ihr zu fehlen! Hermaphroditismus der Pflanzen!

* * * * *

Die Enge des Bewußtseins und die Zeit sind nicht zweierlei, sondern

eine und dieselbe Tatsache. Entgegengesetzt ist das Parallelogramm

der Kräfte; indem zwei verschiedene Bewegungen sich zu einer einzigen

vereinigen, und vom selben Körper zu gleicher Zeit ausgeführt werden

können. Psychisch ist die Abwechslung, auch das Oszillieren.

Das Seelenleben der Pflanzen nun muß ein solches sein, wo die Enge des

Bewußtseins fehlt. Dem entspricht nämlich, daß die Pflanze sich nicht

bewegen kann und daß sie keine Sinnesorgane hat; denn Entwicklung

der Motilität und der Sensibilität sind immer parallel und gehören

zueinander. Die Enge des Bewußtseins (die Zeit) ist die Form der

Bewegung des Psychischen.

* * * * *

Arbeit — Schöpfung | Schmerz — Lust.

Daß es keinen Raubmord gibt, damit hat Nietzsche selbstverständlich

Recht. Einen +Mord+ um Geldes willen gibt es nicht. Aber der Raub ist

keine „Einflüsterung der armen Vernunft“ des Mörders, sondern er gehört

zum Morde: das Rauben ist ein völliges Töten; der Gemordete hätte noch

immer Realität, wenn er Geld besäße: darum muß er beraubt, d. h. völlig

getötet werden.

* * * * *

Das schwierigste unter allen prinzipiell lösbaren Problemen ist die

Beziehung des Willens zum Wert, oder, was dasselbe ist, des Menschen zu

Gott. Schafft der Wille den Wert oder der Wert den Willen? Schafft Gott

den Menschen oder verwirklicht erst der Mensch Gott? Ergreift der Wille

das Gute oder das Gute den Willen? Es ist dies das =Problem der Gnade=,

das höchste und letzte Problem +innerhalb+ des Dualismus, während die

Erbsünde das Problem des Dualismus selbst ist.

Es ist, wie ich glaube, so aufzulösen:

Der Wert wird selbst Wille, wenn er in Relation zur Zeit tritt; denn

das Ich (Gott) als Zeit =ist= der Wille. Es kann also gar nicht die

Rede sein von +Schöpfung+ des Willens oder des Wertes: das Problem

erweist hier eine Nachbarschaft zur Erbsünde. Der Wille hingegen

wird Wert (der Mensch wird Gott), wenn er gänzlich zeitlos wird; der

Wert ist ein Grenzdasein des Willens, der Wille ein Grenzdasein des

Wertes. Wenn Gott Zeit wird, dann wird er Wille, d. h. sowie das Sein

in ein Verhältnis zum Nicht-Sein sich eingelassen hat. Aller Wille

will nur zum +Sein+ zurück (sagt die Erbsünde), und ist etwas zwischen

Nicht-Sein und Sein. Von Schöpfung kann nicht die Rede sein. Wie das

Auge zur Sonne, so verhält sich Mensch zu Gott. Es ist weder die Sonne

nur durchs Auge, noch durchs Auge die Sonne.

* * * * *

Idiotie ist das intellektuelle Äquivalent der Rohheit.

* * * * *

Epilepsie ist völlige Hilflosigkeit, Fallsucht, weil der Verbrecher

Spielball der Gravitation geworden ist. Der Verbrecher +tritt+ nicht

+auf+. Gefühl des Epileptikers: wie wenn das Licht erlischt und völlig

jeder äußere Halt fehlt. Ohrensausen beim Anfall: vielleicht tritt,

wenn +Licht+ fehlt, +Schall+ ein. Der Epileptiker hat Visionen von

+roter+ Farbe: Hölle, Feuer.

* * * * *

Aus unserem Zustand +vor+ der Geburt ist vielleicht darum keine

Erinnerung möglich, weil wir so tief gesunken sind durch die Geburt:

wir haben das Bewußtsein verloren, und gänzlich triebartig geboren zu

werden verlangt, ohne vernünftigen Entschluß und ohne Wissen, und darum

wissen wir gar nichts von dieser Vergangenheit.

* * * * *

Der Mord ist eine Selbstrechtfertigung des Verbrechers; er sucht sich

durch ihn zu beweisen, daß nichts ist.

* * * * *

Man darf sich auch nicht selbst kausal bestimmen wollen etwa so: ich

werde jetzt mich selbst durch eine Handlung gut +machen+ und hierdurch

ein- für allemal gut +werden+ und von Natur aus gut handeln, weil ich

dann nicht anders können werde. Denn hierdurch verzichtet man auf die

Freiheit, welche in jedem Momente alle Vergangenheit negieren kann und

insofern dem +passiven+ (Heringschen) Gedächtnis entgegengesetzt ist.

Man macht sich zum Objekt, indem man so die +Kausalität einführt+; denn

eine Sittlichkeit, zu der ich gezwungen bin, ist schon keine mehr.

* * * * *

Müssen nicht, je mehr Wollust und sinnliche Gier in dem Verhältnis des

Mannes zum Weibe ist, desto tiefer die Kinder ethisch stehen? Desto

mehr Verbrecherisches im Sohne, desto mehr Dirnenhaftes in der Tochter

sein?

* * * * *

Man liebt seine physischen Eltern; darin liegt wohl ein Hinweis darauf,

daß man sie +erwählt+ hat.

* * * * *

Der Zustand der menschlichen +Kindschaft+ ist darum soviel kläglicher,

als der des neugeborenen Tieres und der neugeborenen Pflanze, und nur

darum muß der Mensch allein aufgezogen und erzogen werden, weil hier

die Seele sich so verloren hat; darum ist das Menschenkind so hilflos

und schwach und (Kindersterblichkeit!) der Todesgefahr soviel näher,

als der Erwachsene und leidet der Mensch an +Kinderkrankheiten+, welche

Tier und Pflanze nicht kennen.

* * * * *

Hätte der Mensch sich nicht verloren bei der Geburt, so müßte er sich

nicht suchen und wiederfinden.

* * * * *

„Die Welt ist meine Vorstellung“ — daß dies ewig wahr ist und nicht

widerlegt werden kann, muß einen Grund haben. Alle diese Dinge, die

ich sehe, sind nicht die volle Wahrheit, sie verhüllen das höchste

Sein noch immer vor dem Blicke. Als ich ward, verlangte ich aber nach

diesem Selbstbetrug und diesem Schein. Als ich auf diese Welt kommen

wollte, verzichtete ich darauf, bloß die Wahrheit zu wollen. Alle

Dinge sind nur Erscheinungen, d. h. +sie spiegeln mir immer nur meine

Subjektivität+ wieder.

* * * * *

So wie sich der Mensch zu jeder kleinsten und unbedeutendsten seiner

psychischen Regungen verhält, so Gott zum Menschen. Beide suchen sich

in jenen zu offenbaren und zu verwirklichen.

* * * * *

Dem Verbrecher ist es angenehm, wenn viel verbrecherische Menschen da

sind. Denn er sucht den Mitschuldigen, er kann keinen Richter brauchen;

er will den Richter, das Gute, aus der Welt schaffen und dem Nichts

allein Realität geben. Darum fühlt er sich von Widerspruch befreit und

entlastet, wenn der andere auch so ist, wie er.

* * * * *

Der Verbrecher ist der Gegenpol des sich schuldig fühlenden Menschen.

Denn dieser nimmt seine Schuld auf sich, der Verbrecher gibt sie dem

anderen: Er rächt und +straft+ den anderen für sich: So erklärt sich

der Mord.

* * * * *

Der +anständige+ Mensch geht selbst in den Tod, wenn er fühlt, daß

er endgültig böse wird; der gemeine Mensch muß zum Tode durch ein

richterliches Urteil gezwungen werden. Das Gefühl seiner Immoralität

ist dem anständigen gleich einem Todesurteil; +er erkennt sich nicht

einmal zum+ =Raume=, +den er einnimmt, die Berechtigung mehr zu+,

er verkriecht sich, verkleinert sich, krümmt sich zusammen, möchte

vergehen, +zum Punkte zusammenschrumpfen+. Die Moralität hingegen

erkennt sich als ihr +Recht+ das ewige Leben und den größten Raum,

d. i. Raumlosigkeit oder Allgegenwart zu.

* * * * *

Schuld und Strafe sind nicht zweierlei, sondern eins.

* * * * *

Jede Krankheit ist Schuld und Strafe; alle Medizin muß Psych-iatrie,

muß Seel-sorge werden. Es ist irgend etwas Unmoralisches, d. h.

Unbewußtes, das zur Krankheit führt; und jede Krankheit ist geheilt,

sobald sie vom Kranken selbst innerlich erkannt und verstanden ist.

Die alte Auffassung ist sehr tief, welche die Kranken und Aussätzigen

fragen läßt, was sie verbrochen hätten, daß Gott sie so züchtige.

Der Mann +schämt+ sich darum der Krankheit, das Weib nie.

* * * * *

Auch die Gesetze der Logik, nicht nur die der Ethik, suchen wir ihrem

eigentlichen Sinne nach immer besser zu verstehen und wollen sie immer

richtiger aussprechen lernen.

* * * * *

Phantasie und Schmuck,[54]

Phantasie und Kunst,

Phantasie und Spiel,

Phantasie und Liebe,

Phantasie und Schöpfung,

Phantasie und Form,

Phantasie und Schmuck.

* * * * *

Die Kunst schafft, die Wissenschaft zerstört die sinnliche Welt; darum

ist der Künstler erotisch und sexuell, der Wissenschaftler asexuell.

Die Optik zerstört das Licht.

* * * * *

Die Diskontinuität im Zeitverlaufe ist das Unsittliche an ihm.

* * * * *

Das Verhältnis der Finalität zur Kausalität ist nicht ohne Lösung des

Zeitproblems zu bestimmen.

Ursache — Wirkung } Zeit

Mittel — Zweck } Die Umkehrung der Zeit.

Wer den Zweck zum Mittel macht und die Folge wie den Grund behandelt,

der kehrt die Zeit um: +und die Umkehrung der Zeit ist böse+.

* * * * *

Mißtrauen gegen sich selbst ist Bedingung alles anderen Mißtrauens.

* * * * *

+Richter+ sind Menschen mit vielem Bösen. „Richtet nicht, auf daß ihr

nicht gerichtet werdet!“ Wer über andere zu Gericht sitzt, geht selten

in sich. Der Richter hat innerlich viel vom Henker. Er wütet auf die

Weise gegen sich selbst, daß er +gegen+ den anderen streng ist.

* * * * *

Monarch als Organ und Monarch als Symbol.

* * * * *

Wenn alle Liebe ein Versuch ist, sich im anderen zu finden, und

alles, was geschaffen wird, nur durch Liebe geschaffen wird, kann

dann die Schöpfung des Menschen durch Gott nicht als der Versuch

Gottes aufgefaßt werden, sich im Menschen zu finden? So erhält auch

der Gedanke der Gotteskindschaft einen Sinn. Die Menschheit und ihr

Korrelat — die Welt — ist die sichtbar gewordene Liebe Gottes. Das

Sittengesetz ist dieser Wille Gottes, sich im Menschen zu finden: das

+Wollen+ Gottes als das +Sollen+ des Menschen (Fechner). Und zugleich

ist Gott durch die theoretische Vernunft (die Normen der Logik) der

+Lehrer+ der Menschheit (Lehrerschaft als andere Seite der Vaterschaft).

* * * * *

Der Mörder wird durch jedes Lebenszeichen des Menschen, der sein Opfer

werden soll, von seinem Vorsatz zurückgeschreckt, d. h. widerlegt;

darum sucht er am liebsten das alte Weib, weil dies der inneren Absicht

seines Mordes nicht widerspricht; denn es ist selbst am totesten.

* * * * *

Der Engel im Menschen ist das Unsterbliche in ihm; der Teufel in ihm

ist nur das, +was zugrunde geht+.

Daß ein Mensch irrsinnig wird, ist nur durch eigene +Schuld+ möglich.

* * * * *

Ein Mensch +kann+ innerlich an nichts anderem zugrunde gehen, als an

einem Mangel an +Religion+.

* * * * *

Warum streben das Etwas und Nichts immer gegen einander? Warum wird der

Mensch geboren, warum will der Mann zum Weibe? Das Problem der Liebe

ist, so sehen wir hier, das Problem der Welt, das Problem des Lebens,

das tiefste, unauflösbarste, der Drang der Form, Materie zu formen,

der Drang des Zeitlosen in die Zeit, des Raumlosen in den Raum. Dieses

Problem treffen wir überall an: es ist das Verhältnis der Freiheit

zur Notwendigkeit. Der Dualismus in der Welt ist das Unbegreifliche:

=das Motiv= +des Sündenfalles ist das Rätsel+, der +Grund+ und +Sinn+

und +Zweck+ des Absturzes vom zeitlosen Sein, vom ewigen Leben ins

Nichtsein, ins Sinnenleben, in die irdische Zeitlichkeit; der Fall des

Schuldfreien in die Schuld. Ich vermag nie einzusehen, warum ich die

Erbsünde beging, wie das Freie unfrei werden konnte. Und warum?

+Weil ich eine Sünde erst erkennen kann, wenn ich sie nicht mehr

begehe.+ Darum kann ich das Leben nicht begreifen, solange ich das

Leben begehe, und die Zeit ist das Rätsel, weil ich sie noch nicht

überwunden habe. Erst der Tod kann mich den Sinn des Lebens lehren.

Ich stehe in der Zeit und nicht über der Zeit, ich setze die Zeit noch

immer, verlange noch immer nach dem Nichtsein, wünsche noch immer das

materielle Leben; und weil ich in dieser Sünde stehe, vermag ich sie

nicht zu fassen. Was ich erkenne, außerhalb dessen steh’ ich bereits.

Meine Sündhaftigkeit kann ich nicht begreifen, weil ich immer noch

sündhaft bin.

Der Verbrecher und der Irrsinnige leben diskontinuierlich.

* * * * *

Der Mensch lebt solange, bis er entweder in das Absolute oder in das

Nichts eingeht. Er +bestimmt+ selbst in +Freiheit+ sein künftiges

Leben: er wählt Gott oder das Nichts. Er vernichtet sich selbst oder

schafft sich selbst zum ewigen Leben. Ein +doppelter+ Progreß ist

für ihn möglich: der zum ewigen Leben (zur vollkommenen Weisheit und

Heiligkeit, zu einem der Idee des Wahren und Guten völlig adäquaten

Zustande) und dem zur ewigen Vernichtung. Nach einer dieser beiden

Richtungen aber schreitet er immer fort: ein drittes gibt es nicht.

* * * * *

Weil die Zeit einsinnig ist, darum interessiert uns weniger der Zustand

vor unserer Geburt. Unsere Geburt setzt etwas Neues, beginnt eine neue

Reihe.

* * * * *

Die Wissenschaft ist asexuell, weil sie resorbiert, der Künstler ist

sexuell, weil er emaniert.

* * * * *

Der Dualismus liegt darin, daß wir die Empfindungen nicht +schaffen+,

über die wir denken.

* * * * *

Der Idealismus aller Philosophie: „die Welt ist meine Vorstellung“,

zeigt die Resorption der Dinge durch das Ich des Philosophen am

klarsten. Für den Künstler ist der Mensch eher ein Teil der Welt, er

nähert sich den Dingen an und hebt +so+ die Niveaudifferenz zwischen

Mensch und Natur auf.

* * * * *

Da das Psychische das Physische schafft, muß der Mensch sterben. So

findet der Tod seine Erklärung: entweder nämlich der Mensch ist dem

Absoluten gleich geworden, ins ewige Leben eingegangen, dann kann er

nicht in materieller Form existieren, begrenzt in Raum und Stoff; er

wird, wenn es einen psycho-physischen Parallelismus gibt, einen Leib

bekommen, der mit der ganzen sichtbaren Natur eins geworden ist, er

wird die Seele der Natur, die Natur sein Körper; so wie der Baum, unter

dem Buddha starb, bei seinem Tode plötzlich zu blühen angefangen haben

soll: weil neues Leben die ganze Natur durchdrang.

Die andere Möglichkeit ist für den Menschen, daß er dem Nichts

anheimfalle; er löst sich in lauter materielle Atome auf: der absolute

Verbrecher. Die Vorbereitungen zu dieser psychischen Disgregation

werden vom Verbrecher schon im Laufe seines Lebens getroffen. Die Hölle

ist die Furcht des Guten vor dem Bösen: weil das Feuer das Agens ist,

um Geformtes zu zertreiben und zu zerstäuben. Aber es gibt keine Hölle:

der Gute schafft sich, der Böse vernichtet sich selbst.

* * * * *

Der Mensch entsteht körperlich durch Vater und Mutter; geistig durch

das Verlangen des Etwas, des Absoluten zum Nichts. Mythus von Uranos

und Gaia. Insofern sind wir Kinder Gottes und Söhne des Staubes (der

Materie) zugleich. Der Mensch kann auch geistig dem Vater oder der

Mutter nachgeraten: dem Vater, indem er Gott wird, der Mutter, indem

er psychisch zugrunde geht. So entsteht der Mensch durch eine höhere

Art von Vererbung, als das Tier; er kehrt zum Vater zurück, wenn er die

Erbsünde verneint, er taucht in die Verborgenheit des Mutterschoßes

unter, wenn er sie bejaht.

* * * * *

Ist die Epilepsie nicht die +Einsamkeit des Verbrechers+? +Fällt+ er

nicht, weil er nichts mehr hat, an das er sich +anhalten+ könne?

* * * * *

Inwiefern es um die psychischen Phänomene ein anderes ist als um

die physischen, kann man aus folgendem erkennen. Gesetzt, es wäre

festgestellt, daß eine unmoralische Regung stets mit einer bestimmten

Körperbewegung, einem bestimmten Gefühle im Herzen assoziiert wäre,

eine moralische Regung stets mit einer anderen Geste, einer anderen

körperlichen Empfindung verbunden, und die Art und die Lokalisation

dieser physischen Begleiterscheinungen sei der Wissenschaft oder einem

einzelnen Menschen ganz genau bekannt und für ihn wiedererkennbar:

so wäre es ganz und gar, im allerhöchsten Grade, =un=+moralisch+,

wenn dieser Mensch die Begleitempfindungen als Maßstab dafür benützen

wollte, ob seine psychischen Regungen moralisch seien oder nicht.

Hier liegt der eigentliche Unterschied des Psychischen vom Physischen.

Das Psychische +muß+ unmittelbarer erkannt werden, als das Physische —

das ist eine Forderung der +Ethik+. Man besitzt eben noch einen anderen

Maßstab und ein anderes Erkenntnis- und Beurteilungsorgan für das, was

man selbst tut und denkt und fühlt, als für die äußeren Phänomene. Und

darum kann bloß Selbstbeobachtung wahre Resultate liefern: Philosophie

und Kunst sind nichts als verschiedene Weisen einer vertieften

Selbstbeobachtung.

* * * * *

Nur aus sich selbst kann der Mensch die Tiefe der Welt erkennen: in ihm

liegen die Zusammenhänge der Welt.

* * * * *

Daß wir keine Erinnerung an ein Leben vor der Geburt haben, bildet

sowenig einen Einwand gegen die Erbsünde und den Fall aus der wahren

Existenz, daß es vielmehr gar nicht anders sein kann, als so, und

eine Erinnerung an ein Vorleben geradezu einen Widerspruch gegen den

Gedanken des Sündenfalles bilden müßte. Denn diese Erinnerung würde

die Zeit inkludieren; die Zeit ist aber erst mit der Geburt, mit dem

Sündenfall, da. Daß es Probleme, Krankheit, d. h. Schuld gibt, dies

beweist die Erbsünde. Sein und Nicht-Sein dürfen nicht in zeitlichem

Verhältnis, sondern müssen +neben+einander gedacht werden.

* * * * *

Der Mord wird vom Verbrecher verübt aus fürchterlichster Verzweiflung:

er ist ihm das Mittel, die größte innere Leere auszufüllen; denn als

Verbrecher will er nichts mehr, tut er nichts mehr; er sieht, daß sein

Leben zu keinem Ende führt, und darum will er etwas +bewirken+. Dabei

ist ihm ganz gleichgültig, +wen+ er mordet; =die Mordabsicht richtet

sich nie auf ein bestimmtes Individuum=, sonst stünde ja Mordlust als

psychologische Disposition nicht so tief; er will nur überhaupt morden,

verneinen.

* * * * *

Gewöhnung (Übung) } Schuldvermehrung, Funktion der Zeit.

Fortpflanzung }

* * * * *

Alle Schuld sucht von selbst sich zu vermehren: daraus müssen alle

Qualitäten des niederen Lebens sich erklären lassen.

* * * * *

Die Vegetarianer haben ebenso Unrecht wie ihre Gegner. Wer zur Tötung

lebender Wesen nicht beitragen will, der dürfte nur Milch trinken; denn

wer Obst oder Eier ißt, tötet noch immer Keime. Milch ist vielleicht

darum die gesündeste Nahrung, weil es die sittlichste ist.

* * * * *

Der Mensch verträgt es nicht einmal, in die Sonne zu schauen — so

schwach und unreif ist er.

* * * * *

Die Geburt ist eine +Feigheit+: Verknüpfung mit anderen Menschen, weil

man nicht den Mut zu sich selbst hat. Darum sucht man +Schutz+ im

Mutterleibe.

* * * * *

Der Verbrecher hat auch keinen geraden Gang (schiefer Gang des Hundes),

nicht nur keinen zentrierten Blick (nach M. Rappaport). Der Verbrecher

geht auch stets gebückt (alle Grade bis zum wirklichen Buckel: der

Bucklige, der Krüppel, scheint immer böse zu sein).

* * * * *

Zola ist der absolut humorlose Mensch.

* * * * *

+Rauch+ der Sonne bei ihrem Untergange.

* * * * *

+Der Ekel verhält sich zur Furcht, wie die Lust zum Wert.+

* * * * *

Die Fixsterne bedeuten den Engel im Menschen. Darum +orientiert+ sich

der Mensch an ihnen; und darum besitzen die Frauen keinen Sinn für den

gestirnten Himmel; weil ihnen der Sinn für den Engel im Manne abgeht.

* * * * *

Ob auch die Natur eine Geschichte hat? Ob auch fürs Naturgeschehen

als Ganzes (Anorganisches miteingeschlossen) die Zeit gerichtet ist?

Insoferne wäre ein Wahres an der Entwicklungslehre (Paläontologie).

Ob es eine Entwicklung der Gewitter, des Wetters gibt (etwa

korrespondierend der menschlichen Geschichte und symbolisch für diese?)?

* * * * *

Das Merkwürdige an der Zeit ist, daß trotz der ewigen Veränderung

alles in ihr gleich bleibt („alles ist schon dagewesen,“ „nichts

Neues unter der Sonne“). Langeweile = Gesetzlichkeit = Kausalität.

Neuheit = Freiheit. Die Überwindung der Zeit führt zum Begriff des

„+Ewig Jungen+“ (Wagner). Die Natur ist ewig jung. Denn hier ändert

sich wohl nichts und ist doch alles immer +neu+. Menschen, die wenig

Überzeitliches haben, wie die Juden, fühlen sich immer blasiert und

gelangweilt, weil in der Zeit sich alles gleich bleibt; Siegfried

hingegen ist „ewig jung.“

* * * * *

Die Gegenwart ist so raumlos, wie zeitlos; und das Ziel des Menschen

läßt sich bestimmen als Nurgegenwart, als Allgegenwart (man versteht

unter Allgegenwart meist nur Freiheit vom Raume, statt darunter auch

die Resorption von Vergangenheit und Zukunft, von allem Unbewußten in

die bewußte Gegenwart zu verstehen). Die Enge des Bewußtseins soll das

All umfassen: Dann erst ist der Mensch „ewig jung“ und vollkommen.

* * * * *

Lust ist noch allgemeiner zu bestimmen denn als das Gefühl der

Schöpfung. Eindeutig zu bestimmen ist sie nur als +Gefühl des Lebens+,

als +Innewerdung der Existenz+; Schmerz als Gefühl irgendwelchen

+Todes+ (darum ist die Krankheit schmerzhaft).

Gegen den Eudaimonismus ist hierbei soviel zu bemerken, daß das Ziel

des Strebens nicht verwechselt werden darf mit dem Gefühle, das

sich am Ziele einstellt (das ich aus Erfahrung kennen mag). Wenn

ich nach höherem Leben strebe, so strebe ich nach etwas, dessen

+Begleiterscheinung+ höhere Lust ist, aber nicht nach der Lust selbst.

Ebenso verlangt der Mann nach dem Weibe, das Weib nach dem Manne, nicht

direkt nach der Lust.

* * * * *

Alle Worte, welche mit dem =L=eben in einem gewissen Ausmaße

zusammenhängen, haben =L=:

=L=eben, =L=iebe, =L=ust, vo=l=uptas, =L=achen, =l=eicht, =l=eise,

=l=ispeln, =L=icht, =L=uxus, =L=ibet (Lubet, lateinisch), vo=l=o (ich

will = βούλομαι), =L=enz, =l=öschen, =L=ax, =L=aben, =l=ose, =l=argus,

F=l=uß, F=l=öte, =L=ilie, =L=uchs, =l=ocker, sch=l=üpfrig, g=l=att,

g=l=eiten, =L=ist, γλυκύς, μέλι, =L=otos, =l=indern, λάμπω, =l=ux,

=l=umen, λύχνος, =L=ecken, =L=appen (weiches Tuch), =L=amm, =L=eim,

weil λ der +reibungsloseste+ Konsonant ist und Reibung der Ganzheit und

Einheitlichkeit am stärksten entgegengesetzt (Rappaport).

Es lassen sich hiergegen freilich anführen:

Last, Leder, Lernen, Lahm, letum, lechzen, links.

* * * * *

Grundzug alles Menschlichen: +Suchen nach+ =Realität=. Wo die Realität

gesucht und gefunden wird, das begründet alle Unterschiede zwischen den

Menschen.

* * * * *

Was der Mensch erlebt, sind jeweilig abgehobene Teile aus einer

unendlichen, zeitlichen, räumlichen, stofflichen, farbigen, klingenden

Mannigfaltigkeit. Darum sind zunächst zweierlei Dinge möglich: Er

sucht die Realität im Ganzen, in der Totalität des Alls und seinem

unendlichen Zusammenhang; oder ihm wird zur Realität jedes einzelne,

sozusagen punktuelle Element des Weltganzen. Es ist ganz dieselbe Welt,

ihrer Quantität nach gleich, ganz gleich unendlich; aber dem einen

ist der Teil immer nur +Teil+ und nur soweit real, als er im ganzen

mitbegründet ist. Der andere umspannt die gleiche Welt; aber jedes

einzelne Element besteht ihm für sich als real, und er sucht unter

allen den Teil von größter Realität.

Auf das Religiöse angewendet (denn beide Typen können +fromm+ sein):

Dem letzteren kann die Sonne selbst oder eine historische Gestalt

selbst, oder die Madonna selbst, an und für sich, zur Gottheit werden.

Dem anderen wird immer nur soweit ein einzelnes Ding Gott, als es

symbolisch ist für das Ganze, und um so eher, je mehr Dinge in ihm

zusammenhängen.

Auf das Sexuelle angewendet: Dem einen ist das einzelne Weib +real+; es

ist der +Sadist+: Der Sadist wirkt darum auf das Weib, weil es für ihn

die denkbar größte +Realität+ ist (vgl. Geschlecht und Charakter, 1.

Aufl., S. 397 bis 401); dem Masochisten hingegen ist das einzelne Weib

nie real, er sucht in ihm immer noch nach etwas anderem, als nach dem

Weibe. Darum wirkt er nicht auf das Weib.

Der Sadist lebt diskontinuierlich in einzelnen Zeitmomenten, +er

versteht sich nie+: Jeder Augenblick hat für ihn an sich schon

Realität; darum ist er leicht entschlossen, indes der Masochist immer

erst aus dem All heraus handeln könnte. Der Masochist kommt nie in die

Lage, sich selbst zu fragen: „Wie hab’ ich das nur tun können? Ich

verstehe mich nicht!“ Dem Sadisten ist dies die gewöhnliche Stellung zu

seiner Vergangenheit, die für ihn jedoch darum durchaus ihre punktuelle

Realität nicht verliert. Der Sadist hat das feinste Auffassungsvermögen

und das beste Gedächtnis für alles +Einzelne+ im Moment; seine Sinne

sind fortwährend beschäftigt, weil alles Einzelne für ihn Realität hat.

Der Masochist leidet unter langen Pausen, die er mit keiner Realität

ausfüllen kann.

Unter dem, was ihm +irreal+ ist, +leidet+ nämlich der Masochist wie

unter einer Schuld. Darum fühlt =er= sich vor dem Weibe verlegen,

der Sadist nie. Er ist dem Weibe gegenüber passiv, wie jeder

Empfindung gegenüber, der er erst durch Assoziation, die zuletzt zur

Begriffsbildung führt, eine Realität für sich geben kann. Der Sadist

assoziiert nicht: er reißt der Empfindung gegenüber den Mund auf,

bereit und willens, sich ganz in sie zu stürzen, ganz und gar in einer

Empfindung aufzugehen.

Der Masochist kann darum nie ein Bild, eine Statue lieben: hier ist

allzu wenig Realität (Aktivität) für ihn. Der Sadist sehr wohl; er ist

ja auch +galant+, und +Galanterie ist+ zuerst +Schmücken von Statuen+,

denen man nachher den Schmuck wieder nimmt, oder die man zertrümmert,

wenn sie keine Realität mehr aus sich saugen lassen.

Der eigentliche Begriff von Gott ist dem Sadisten unverständlich;

in der Kunst ist er Empfindungsmensch, häuft stets alles, auch mit

Ungerechtigkeit, auf einen Mann, auf einen Moment, auf eine Situation.

Er kann +erzählen+; der Masochist nie (nicht einmal Witze), weil ihm

nichts einzelnes real genug ist, als daß er liebevoll darin aufgehen

könnte. Dem Masochisten ist der Name Napoleon Ausgangspunkt, von dem

er sich +entfernt+, um zu denken, und ihn denkend zu erfassen: für den

Sadisten liegt in einem solchen Namen alle +Welt+.

Der Masochist also ist der Empfindungswelt gegenüber ohnmächtig

schwach: der Sadist in ihr stark. Der Masochist sucht sich der

Erscheinung, der Veränderung gegenüber zu +behaupten+: er allein

kennt den Begriff des +Absoluten+ (Gottes, der Idee, des +Sinnes+).

Der Sadist fragt die Dinge nicht nach ihrem +Sinn+: „Carpe diem!“ ist

ihm das Gebot seines Ich; die Veränderung erscheint ihm real; was

ihm an der Zeit auffällt, ist nicht sie, sondern die +Dauer+ („aere

perennius“).

Der Rhythmus, welcher jeden +einzelnen+ Ton, jede +einzelne+ Silbe

genau +beachtet+, ist sadistisch; die Harmonie masochistisch, wie auch

der eigentliche melodiöse Gesang (in dem die einzelnen Töne nicht als

solche hervortreten).

Der Mystiker (sei er nun Theosoph wie Böhme, oder Rationalist wie

Kant) ist identisch mit dem Masochisten;[55] der amystische Mensch

ist der Sadist. Masochisten sind die Nordländer (auch die Juden);

Sadisten die Südländer. Bei Deutschen und Griechen findet sich beides;

dort überwiegt der Masochismus. Venetianische Epigramme, Hermann

und Dorothea (?) sind sadistisch; Iphigenie, Tasso, Werther, Faust

(größtenteils: eine Ausnahme bildet teilweise die Gretchen-Episode)

masochistisch. Der Verfasser der Odyssee war Sadist; bloß die Circe

ist natürlich masochistisches Ideal (d. h. das Ideal des Masochisten,

der seinen Masochismus nicht +bekämpft, sondern in der Passivität

dem Einzelding gegenüber+ =verbleiben= +will+). Aischylos, Richard

Wagner, Dante, vor allen aber Beethoven und Schumann sind Masochisten;

Verdi (ebenso Mascagni, auch Bizet) ist mehr Sadist, ebenso alle

anakreontischen Poeten und die Franzosen des 17. und 18. Jahrhunderts,

ferner Tizian, Paolo Veronese, Rubens, Rafael. Shakespeare hat viel

Sadistisches, ist aber doch mehr Masochist, dem Weibe gegenüber jedoch

ohne die schroffe Trennung von Sexualität und Liebe, wie sie Goethe,

Dante, Ibsen, Richard Wagner haben. +Vollkommenster+ Masochismus ist im

ersten Akte von „Tristan und Isolde“; geringer im Tannhäuser, Rienzi,

Holländer.

[Der Harmonie entspricht die Geometrie, dem Rhythmus die Arithmetik

(Addition der Zeiteinheiten?): dies zur Erläuterung der früheren

Bemerkung.]

Verbrecher, die +einzelne+ starke verbrecherische Taten begehen, sind

Sadisten; +Verbrecher im großen Stil+, die eigentlich kein einzelnes

losgelöstes Verbrechen begehen, +sind Masochisten+; Napoleon war

+Masochist+, nicht Sadist, wie oberflächlich geglaubt wird; Beweis sein

Verhältnis zu Josephine und seine Begeisterung für den Werther, sein

Verhältnis zur Astronomie und zu Gott. Das einzelne Weib hat für ihn

nie wirkliche Existenz besessen.

Der Sadist kann übrigens durchaus ein anständiger und +guter+ Mensch

sein.

Der Lustmord ist vielleicht eine Hilfe des Sadisten, wenn die Realität

des einzelnen Weibes +zu+ groß wird. (??) Ein Racheakt wie bei Zola muß

er vielleicht gar nicht sein.

Die Engländer sind sämtlich Masochisten, und vielleicht ihre Frauen

darum oft so verkümmert in der Weiblichkeit.

In dem Worte Napoleons an seine Soldaten: „Du haut de ces pyramides

quarante siècles vous contemplent“, steckt etwas Metaphysisches, dessen

ein echter Franzose und Sadist nicht fähig wäre.

Dem Masochisten fällt zuerst Ähnlichkeit, dem Sadisten zuerst

Verschiedenheit auf.

Dem Masochisten sind schon als Kind Uhren, Kalender das größte Rätsel,

weil ihm die Zeit stets Hauptproblem ist.

Der Masochist kann sich nie leichten Fußes über etwas früheres

hinwegsetzen, was der Sadist stets tut, wenn der neue Augenblick mehr

Realität verspricht als der alte.

Der Masochist empfindet alles als Schicksal; der Sadist liebt es, das

Schicksal zu spielen. Besonders im konkreten +Schmerz+ liegt für den

Masochisten immer die +Idee+ des Schicksales; der Schmerz hat für ihn

nur soviel Realität, als Anteil an dieser Idee. So ist der Sadist das

Schicksal des Weibes; das Weib das Schicksal des Masochisten. „Weib“

ist sadistisch (wer aktiv in der Empfindung des +Weibes+ ist); „Frau“

masochistisch.

Das Verhältnis des Sadisten zum Masochisten ist das Verhältnis der

Gegenwart zur Ewigkeit. Die Gegenwart ist das einzige, worüber der

Mensch +Macht+ hat; wer sich in ihr frei fühlt, wird sie nutzen, wie

der Sadist; wer sich in ihr leidend fühlt, weil sie ihm nicht real ist,

sucht sie zur Ewigkeit zu erwecken. So läßt sich auch das +ethische+

Streben beider charakterisieren: der eine will alle Ewigkeit in

Gegenwart, der andere alle Gegenwart in Ewigkeit verwandeln.

Das Gleiche gilt für den Raum. Der Sadist glaubt an, hofft auf das

Glück auf Erden: er ist der Mann des „Tuskulum“, des „Sans-Souci“; der

Masochist braucht einen Himmel.

Die +Reue+ verübelt sich der Sadist und hält sie für eine Schwäche

(Carpe diem!); der Masochist ist durchdrungen von ihrer Erhabenheit

(Carlyle).

Der Selbstmörder ist fast stets Sadist; weil dieser allein aus einer

Gegenwart heraus wollen und handeln kann; der Masochist müßte erst alle

Ewigkeit befragen, ob er sich töten dürfe, müsse.

Der Sadist sucht Menschen (wider ihren Willen, ihre konstante

Disposition) zu (momentanem) Glück oder Schmerz zu verhelfen: er ist

dankbar oder rachsüchtig.

In Dankbarkeit und Rachsucht liegt stets +Mitleidlosigkeit+,

Rücksichtslosigkeit gegen den (zeitlosen) Nebenmenschen; beide sind,

wie alle Unsittlichkeit, Grenzüberschreitungen, d. i. funktionelle

Verknüpfungen mit dem Nebenmenschen.

Psychische Schamhaftigkeit, d. h. Kontinuität, die einen einzelnen

Inhalt nicht leicht aus dem Ich entläßt (vgl. „Geschlecht und

Charakter“, 1. Aufl., S. 436), ist +masochistisch+.

* * * * *

Die heutige Gesundheitspflege und Therapie ist eine unsittliche, und

darum erfolglose: sie sucht von außen nach innen, statt von innen nach

außen zu wirken. Sie entspricht dem +Tätowieren+ des Verbrechers:

dieser verändert sein Äußeres von außen her, statt durch eine Änderung

in der Gesinnung. Er verneint so eigentlich auch sein Äußeres und mag

deshalb nicht in den Spiegel sehen, weil er +sich+ (das intelligible

Wesen) haßt, ohne Bedürfnis, sich zu lieben. Der Verbrecher freut sich,

wenn andere an ihm Anstoß nehmen (wie ihm überhaupt jede Verbindung mit

anderen, jeder Einfluß auf sie, jede Beunruhigung ihrer Person durch

seine angenehm ist).

=Jede= +Krankheit hat+ =psychische= +Ursachen+; und jede muß vom

Menschen selbst, durch seinen Willen, geheilt werden: er muß sie

innerlich selbst zu erkennen suchen. +Alle+ Krankheit[56] ist nur

unbewußt gewordenes, „in den Körper gefahrenes“ Psychische; so wie

dieses ins Bewußtsein hinaufgehoben wird, ist die Krankheit geheilt.

+Der Verbrecher im allgemeinen wird nicht+ =krank=; seine Erbsünde ist

eine andere. Such’ ich mir das ganz sinnenfällig vorzustellen, so geht

es etwa so: der Verbrecher stürzt im Augenblick des Sündenfalles vom

Himmel auf die Erde, indem er Gott den Rücken zukehrt, auf den Punkt,

auf dem er stehen könne, jedoch wohl achtet. Der andere, der Kranke

(Neurastheniker, Irrsinnige) stürzt mit flehentlich zu Gott erhobenem

Gesicht und Antlitz, und ohne Bewußtsein und Aufmerksamkeit dafür, wo

er zu liegen komme. Wenn die Gefahr des letzteren die Pflanze, die des

ersteren das Tier ist, so reimt sich das wohl: die Pflanze wächst vom

Erdmittelpunkt senkrecht weg gerade dem Himmel entgegen; der Blick

des Tieres ist gegen die Erde gerichtet. (Die Pflanze kann nie als

+antimoralisches+ Symbol gelten, wie soviele Tiere.)

* * * * *

Jedermann kann sich selbst immer bloß als Qualität auffassen; erst

durch Vergleichung mit anderen werden +quantitative+ Betrachtungen

nahegerückt. Zahl und Zeit.

* * * * *

Was ein guter Musiker ist, dessen Melodieen haben vor allem +langen

Atem+.

* * * * *

+Geschichte+ und +Gesellschaft+: Personen, die in einem Raume beisammen

sind, bilden immer eine Gemeinschaft gegen Neu-Eintretende.

* * * * *

Dankbarkeit und Rachsucht sind eines und dasselbe: es gehört zu beiden

eine Empfindung des Einzelmomentes als +real+: dankbar wie rachsüchtig

ist der Sadist, nicht der Masochist.

* * * * *

Wenn eine Frau, in entkleideter Stellung überrascht, aufschreit, so ist

das oft nur so zu verstehen, daß sie nicht gut genug darin auszusehen

fürchtete.

* * * * *

Die Disharmonie ist ein tragisches Element in der Musik. Gerade die

größten Kunstwerke der Welt (Tristan und Isolde) haben diese +tragische

Grelle+ und sind mehr als schön.

* * * * *

Der gute Aphoristiker muß hassen können.

* * * * *

Gar mancher glaubt den einen Gott los zu werden, indem er sich mehreren

anderen verschreibt.

* * * * *

Nichts wird so oft verwechselt, wie Eigensinn und Energie — vom

Eigensinnigen.

* * * * *

Der Mathematiker ist das Gegenteil des Psychologen: er ist der einfache

Mensch, einfach wie der Raum.

* * * * *

Wäre der Mensch nicht frei, so könnte er die Kausalität gar nicht

auffassen, und gar keinen Begriff von ihr bilden. +Einsicht in die

Gesetzmäßigkeit ist schon Freiheit von ihr+ und das Bedürfnis nach dem

(inneren) Wunder, das Erlösungsbedürfnis geht Hand in Hand mit dem

strengsten Gefühl für Kausalverkettung im Empirischen. Windelband,

Geschichte der neueren Philosophie, Band I, 2. Aufl., S. 346, findet

es von Hume merkwürdig, daß „der Mann, der die Erkenntnis kausaler

Verhältnisse für ein überall mißliches und höchstens wahrscheinliches

Ding erklärte, in der Psychologie des +Willens+ durch eine Reihe

glänzender Untersuchungen vertrat“.

Einer tieferen Einsicht wird dieser scheinbare Widerspruch zur

Notwendigkeit. Auch Mach, Avenarius sind so strenge Deterministen,

daß die Frage der Willensfreiheit für sie kaum zu existieren scheint,

und doch beide Leugner der Kausalität. Es erklärt sich dies daraus,

daß nur, wer von der empirischen Gesetzlichkeit durchdrungen ist,

das Bedürfnis nach Befreiung von ihr empfindet. Kausalität wird von

Freiheit aufgefaßt, erkannt, gesetzt. Der Verbrecher erkennt die

Kausalität nicht +an+, er will sie durchbrechen: er will z. B. von

einem Buckel, einem Hinken plötzlich frei werden: sowenig erkennt er

die Tatsache an (darum ist auch sein Wirklichkeitssinn gering). Ich

glaube, Paulus sagt: „Eine böse und verbrecherische Art ist es, die

nach Zeichen verlangt.“ Das ist vollkommen richtig. Das Wunder +von+

außen erwartet nur der Verbrecher; der sittliche Mensch würde sich des

Wunders von außen +schämen+; denn da wäre er ja passiv. Alle +Bigotten+

sind Verbrecher.

* * * * *

Der Transzendentalismus ist identisch mit dem Gedanken, daß es nur

+eine+ Seele gibt, und daß die Individuation Schein ist. +Hier

widerspricht der monadologische Charakter der kantischen Ethik

schnurgerade der „Kritik der reinen Vernunft“.+

* * * * *

Die Frage, ob es +eine+ Seele gibt oder mehrere, darf nicht gestellt

werden; weil die Verhältnisse der Noumena über den zahlenmäßigen

Ausdruck erhaben sind.

* * * * *

Ästhetisches und mathematisches Element (Proportionenlehre) in der

Gerechtigkeit.

* * * * *

Spiritismus und Materialismus sind +eines+, und verschiedene Phasen, in

die der nämliche Mensch nacheinander tritt. Das Geistige verlöre seine

ganze Dignität, wenn es sich materialisieren würde.

* * * * *

Einen Menschen (Kant oder Fechner) vollständig +verstehen+, heißt ihn

+überwinden+.

* * * * *

Der Masochist wirkt auf die hysterische Frau (das Weib als Pflanze),

der Sadist auf die nicht hysterische (das Weib als Tier).

* * * * *

Die Megäre ist nicht, wie ich glaubte („Geschlecht und Charakter“), das

Gegenteil der Hysterika, sondern das Gegenteil der +Dame+.

* * * * *

Herr und Dame gehören zusammen, ebenso wie Pantoffelheld und Megäre.

* * * * *

Das Bedürfnis, geliebt zu werden, wächst mit dem Gefühle des

+Verfolgtseins+ und ist diesem proportional.

* * * * *

Wo der Mann +stiehlt+, ist das Weib nur +neidisch+.

* * * * *

Doppelter Begriff des Wunders: Es gibt entweder +ein+ Wunder, welches

man +ersehnt+ (das die Erlösung bringen soll; Wunderbedürfnis als

Erlösungsbedürfnis), oder +viele+ Wunder, das sind Bestätigungen des

Glaubens, Bestätigungen sozusagen der Gesetze des Himmelreiches, wenn

auch nicht der Gesetze der mathematischen Physik.

Beide sollte man scheiden.

* * * * *

Es kommt auch vor, daß einem jemand imponiert, weil er tief unter einem

steht — wenn man ihn nicht +versteht+.

* * * * *

Dreierlei konstituiert den Philosophen, drei Elemente müssen

zusammenkommen, um ihn zu erzeugen:

Ein Mystiker, ein Wissenschaftler, ein Systematiker

(Gegenteil: Sadist) (Gegenteil: Künstler) (Gegenteil: Experimentator).

Der Mystiker } gibt erst einen Theologen, einen Dogmatiker

+ Wissenschaftler } irgend eines Glaubens.

Der Mystiker } gibt den Theosophen, der bloß der

+ Systematiker } +individuellen+ Intuition folgt, ohne

} Streben nach Beweisen und Sicherung.

Der Wissenschaftler } gibt den theoretischen Physiker, Biologen

+ Systematiker } etc.

Der Mystiker ist +eindeutig+ zu bestimmen durch die Problematisation

des Absoluten und des Nichts. Am auffälligsten ist die Problematisation

der Zeit.

Der Wissenschaftler ist bestimmt in „Wissenschaft und Kultur“; er

ist der +transzendentale+ Mensch (Kant als Nichtmystiker), er sucht

vollkommene Anerkennung für alles, was er sagt, Widerlegung aller

Gegenmöglichkeiten.

Der Systematiker ist das Gegenteil des Technikers und Experimentators;

es gibt in jeder Wissenschaft Theoretiker und Techniker. So sind in der

Mathematik:

Über die letzten Dinge · 第 17 / 31 题