+Die Kultur+ und ihr Verhältnis zu Glauben, Fürchten und Wissen 131
+Letzte Aphorismen+ 173
„Peer Gynt“ und Ibsen.
(Enthaltend einiges über Erotik, über Haß und Liebe, das Verbrechen,
die Ideen des Vaters und des Sohnes.)
Über Henrik Ibsen und seine Dichtung „Peer Gynt“.
(Zum 75. Geburtstage des Dichters.)
In dem Verhältnis, das wir zu den Werken eines Künstlers haben,
werden wir gut tun, ein Mehrfaches zu unterscheiden: ob wir Gedanken
darin finden, die uns aufklären, eine Lösung, die uns befreit, eine
Form, die uns befriedigt und dem Gegenstande angemessen erscheint.
Fertigkeit, die wir dem Schöpfer neiden, Phantasie, die wir lieben
oder fürchten können; und anderseits all das, was von ihm selbst in
all seiner Subjektivität in sein Werk gedrungen ist, von ihm nicht als
großem Denker und Gestalter, sondern als +genielosem+ Menschen. Und
wohl scheint es, als wäre gerade dieses Element bestimmend für den
„Stil“ seiner Kunst. „Stil“, d. h. einen eigenen Stil; +ihren+ Stil
finden freilich nur geniale Menschen, aber die +Unterschiede+ im Stil
entstammen den sonstigen Unterschieden ihrer Eigenart; und je nachdem
diese der unseren näher oder ferner steht, danach bemißt sich unser
gefühlsmäßiges Verhalten zu dem Künstler — für die große Masse der
Menschen ausschließlich danach auch ihr endgültiges Urteil über ihn.
Dies muß man in Betracht ziehen, um das Verhältnis zu begreifen,
welches die heutige Generation und ihre Wortführer zu +Ibsen+ haben.
Seine Sache ist keine Sache mehr, für oder gegen die man sich ereifert.
Er ist ein „Moderner“, und doch gar nicht „Mode“. Jeder hat ihn längst
gelesen, den einen hat er merkwürdig angezogen, den ändern ließ er
kühl, dem dritten war er äußerst antipathisch; man weiß, daß er für
die Frauen und gegen die Lebenslüge „ist“, und rühmt seinen Dialog.
Man agitiert nicht für ihn, wie für +Goethe+, und schimpft nicht auf
ihn, wie auf +Schiller+. Ein Mann, dessen Bücher um etliche Pfennige
zu kaufen sind, kann von vornherein dem Kulturmob, für den auch seine
Lektüre nur eine Frage des möglichst raren +Meublements+ ist, kaum zur
Befriedigung seiner kostspieligen geistigen Ausstattungsbedürfnisse
dienen; so verschroben diese Erklärung der jetzigen Ibsen-Verachtung
oder kühlen Ibsen-Anerkennung scheint, sie ist nicht verschrobener
als die Motivenreihen, welche heutzutage zur Thronerhebung und zur
Absetzung der künstlerischen Größen zu führen pflegen. Ein Zeitalter,
das die innere +Unruhe+ seiner Pöbelhaftigkeit dumpf als einen Makel
empfindet und ein Gegengewicht nach Parvenuart krampfhaft sucht,
glaubte dieses lieber rasch bei jeder Größe entbehrenden +Idyllikern+
wie Gottfried +Keller+ oder Theodor +Storm+ zu finden, die es in einem
Atem mit +Goethe+ zu nennen ohne Furcht vor Gelächter wagen durfte,
statt in wachem Mißtrauen gegen sich selbst der inneren Arbeit an
sich zu gedenken, einer Aufgabe, an welche es von +Ibsen+ unangenehm
sich hätte erinnert fühlen müssen. Freilich hat dieser Künstler
dreimal schwer kompromittiert zu werden das Unglück gehabt. Als junger
Mann fiel er jenem dänischen Journalisten in die Hände, der seine
Bekanntheit zumeist dem Umstande dankt, daß er als der erste die Gêne
verloren hat, den Trieb seiner angeborenen Natur zu befriedigen,
d. h. sämtliche berühmte Männer Europas zu interviewen, und dessen
unglaublich flache Schönrednerei über die Literaturströmungen des 19.
Jahrhunderts nur darum anziehen konnte, weil man lange genug unter
der professoralen Literaturgeschichtsschreibung zu leiden gehabt
hatte. Das zweite Verhängnis, dem Ibsens Werke verfielen, war ihr
zeitliches Zusammentreffen mit dem Verlangen der Frauen nach Zulassung
zu den bürgerlichen Berufen, eine Koinzidenz, die man für mehr als
zufällig hielt und kausal deutete. Es widerstrebte in begreiflicher
Weise tieferen Naturen, für einen Mann sich einzusetzen, der von den
Frauen wegen seiner Anschauungen belobt wurde. Schließlich drittens
bemächtigten sich des Dichters auch die männlichen Theoretiker der
heutigen Kultur. Er wurde vom Sozialismus und von der Gattungsethik
reklamiert. Es hatten immer jene Dichtungen Ibsens, deren Tendenz
zum Teil eine zeitlich begrenztere ist, und die deswegen von
vergänglicherem Wert sind, den meisten Staub aufgewirbelt, denn
sie schienen von jenen Tagesströmungen nicht unbeeinflußt; und wie
man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die letzten Worte
Faustens in immer engere Beziehungen zum „Liede der Arbeit“ brachte,
so interpretierten alle Weiber beiderlei Geschlechtes den Schluß von
„Klein Eyolf“ als die Hoffnung auf das „Jahrhundert des Kindes“. Und
die andere Seite der Weiblichkeit, das „Liebesleben“, kam voll auf
die Rechnung durch jenes Drama, das den Namen Ibsen am bekanntesten
gemacht hat, durch die „Gespenster“, an welchen auch der Darwinist
seine Freude hatte, indem sie ihm „nur die Anwendung“ hygienischer
Vererbungstheorien auf Schule und Haus in populärer Weise nach dem
Abschreckungssystem zu geben schienen. Die Blasierten des Sozialismus
endlich ließen Ibsen als noch unklaren und wenig entschiedenen
Vorläufer Nietzsches gelten. War den Phrasenhelden beider Richtungen
sein reicher Symbolismus anstößig, so war er den Symbolisten selbst zu
wenig Stimmungsmensch, zu +logisch+, zu +kalt+.
All dies kam zusammen, um jene gelangweilte, mißmutige Stimmung zu
erzeugen, in der man den Namen Ibsen heute fast immer aussprechen
hört. Er bedeutet den Vorgeschrittenen eine Trivialität, eine dem
klassizistischen Epigonentum entgegengesetzte Losung, die mit dem
erkämpften Siege über jenes ihren Dienst getan habe. Was er gesagt hat,
glaubt man bis zum Überdruß verstanden und längst inne zu haben. Er
ist ihnen der Verkünder einer Zeit, die ohnedies bereits angebrochen,
solcher Werke, die bereits Gemeingut der Wissenschaft seien: nichts
aber ist einem Kunstwerk tötlicher als dieses. Und daß ihn jeder kennt,
und einige seiner Dramen überall widerstandslos aufgeführt werden,
trägt nur dazu bei, ihn der Vergangenheit zu übergeben.
Wer also heute über Ibsen noch etwas sagen will, sieht sich in einer
peinlichen Lage. Er läuft Gefahr, sogleich subsumiert zu werden unter
jene Nachzügler, zu denen, wie das Fixsternlicht auf die Erde, die
Weltpost der Mode erst nach einer Reihe von Jahrzehnten dringt. Und
wer gar in den Werken gerade dieses Künstlers, und vor allem in seinem
gewaltigsten „dramatischen Gedichte“, dem „Peer Gynt“, Produkte nicht
+einer+ Zeit, sondern Schöpfungen für die Ewigkeit erblickt, der weiß
wohl +für+ wen, aber nicht recht, +gegen+ wen er Zeugnis ablegt.
Vor allem Eingehen auf den Gedankengehalt dieses „Peer Gynt“ soll
noch ausdrücklich auf eine Auseinandersetzung mit jener so allgemein
gangbaren Meinung verzichtet werden, welche in dieser Dichtung bloß
eine Persiflage des Norwegertums erblickt, die eigentlich nur für die
Landsleute des Dichters recht verständlich sei. Gewiß sind in den
„Peer Gynt“ Stellen und Szenen geraten, die ähnliches bedeuten. +Der
Held des „Peer Gynt“ ist aber die Menschheit überhaupt.+ Wer sich die
Mühe nimmt, hier weiter zu lesen oder wer sich gar nachher den Genuß
bereiten möchte, die Dichtung selbst wieder zur Hand zu nehmen, dem
wird jene Ansicht nicht anders vorkommen, als wenn jemand behaupten
wollte, Goethe habe mit dem Faust nur eine Satire auf das deutsche
Studententum schreiben wollen. Übrigens ist Ibsen wohl nirgends
sowenig verstanden worden, als in seiner Heimat. Dort, wo man +Knut
Hamsun+, dessen „Pan“ vielleicht der schönste Roman ist, der je
geschrieben wurde, für einen gewöhnlichen Skribenten hält und tief
unter den talentierten +Garborg+ stellt, wo man stets nur „Ibsen +und+
Björnson“ sagt, wo, wie speziell in Christiania, der „Peer Gynt“ vor
einem Zirkus-Publikum in einer Weise dargestellt wird, die man beim
besten Willen nicht anders als trottelhaft nennen kann, dort muß Ibsen
allerdings furchtbar unter seiner Umgebung gelitten haben. Übrigens hat
er es ja in seinem Epilog selbst zu verstehen gegeben, wie wenig er
verstanden worden ist.
„Peer Gynt“ ist ein Erlösungsdrama, und zwar der größten eines, um es
nur gleich zu bekennen. Tiefer und allumfassender als irgend ein Drama
Shakespeares, ohne an Schönheit hinter diesen zurückzubleiben, an
sinnlichem Glanze allen anderen Werken Ibsens überlegen, steht es an
Bedeutung der Konzeption ebenbürtig neben, an Gewalt der Durchführung
weit über Goethes „Faust“ und reicht beinahe hinan zu den Höhen des
„Tristan“ und „Parsifal“ von Richard Wagner. Mit diesen drei Dichtungen
gemeinsam ist ihm die Stellung des Menschheits-Problems im allergrößten
Umfang und mit den allerunerbittlichsten Alternativen.
In der Bedeutung, welche das geliebte Weib für den Mann hat, liegt der
Zentralpunkt des „Peer Gynt“, und man hoffe nicht, diesen zu verstehen,
ehe man sich nicht über jene klar geworden ist.
Jene Bedeutung erinnert zunächst freilich wenig an den „Parsifal“ und
den „Tristan“, eher an die Rolle der Frauen in Wagners ersten Dramen,
dem „Holländer“ und dem „Tannhäuser“, an Dante, an Goethe. Solveig ist
die Virgo immaculata, die geliebt, aber nicht mehr begehrt wird, die
Madonna, die Beatrice. Der Mensch — jeder Mensch und darin liegt das
große Rätsel der Liebe sowohl wie in kurzen Worten +der eigentliche
Sinn+ des ganzen „Peer Gynt“ — ist eben +nie so sehr er selbst als
wenn er liebt+. Die Liebe ist für den Menschen +eine Möglichkeit+ und
wohl die häufigste, leichteste Möglichkeit, +zum Bewußtsein seiner
selbst+, seiner Person, seiner Individualität, seiner =Seele= +zu
gelangen+. Daß er er ist, ein eigener Mensch, ein Mittelpunkt der
Welt, und nicht in einem Empfindungsmeere treibt und untergeht: das
kommt dem Menschen, wenn es ihm überhaupt bewußt wird, und nicht wie
den modernen Leugnern des Ich ewig unbewußt bleibt, am häufigsten als
+Liebendem+ zur Abhebung. Darum macht die Liebe soviele Menschen zu
Mystikern und hat selbst einen solchen Erfahrungsphilister wie Auguste
Comte dazu umgewandelt. Die Philosophen gelangen zu jenem Akte, welchen
sie (Schelling, Bahnsen, Maine de Biran, Augustinus) als „intuitive
Selbsterfassung des Subjektes“ bezeichnen, eher durch das Bewußtsein
ihrer Einsamkeit im Weltganzen und durch die Reflexion auf das ethische
Problem; von den Künstlern wird als das, was +sie+ hinanzieht, vor
allem „das Ewig-Weibliche“ empfunden; wenn es auch das moralische
Problem ist, das in gleicher Weise ihren wie der Philosophen letzten
Klarheiten und letzten Dunkelheiten zugrunde liegt.
Was den „Peer Gynt“ erlöst — diesen tiefsinnigsten Zug der Dichtung
hat man am wenigsten begriffen — ist nach Ibsen — und darin steht er
an Wirklichkeitssinn hoch über dem jungen Wagner — nicht die lebende,
leibhafte Solveig, die irgend ein beliebiges Gänschen sein mag; sondern
es ist die Solveig +in+ ihm, +diese Möglichkeit+ =in= +ihm+, die ihm
die Kraft dazu gibt. Diese Möglichkeit, durch Solveig und in der Liebe
zu ihr zu seinem besseren Selbst zu gelangen, hat er sein Leben lang
vernachlässigt. Nur darum kann ihm Solveig sagen: Du, dein wahres
(intelligibles) Wesen, +warst+ =bei mir= dein ganzes Leben lang, als er
sie +oder vielmehr sich selbst+ in wilder Bestürzung fragt:
„Wo war ich?
Mit der Marke auf meiner Stirn,
Mit dem Gottesfunken in meinem Hirn?“
Ihm selbst war seine Existenz schon vorgekommen wie die einer Zwiebel:
lauter Häute und kein Kern, lauter Attribute und Modi und keine
Substanz.
Man wird sich wundern, daß hier Ibsen ganz philosophisch interpretiert
wird, obwohl er gerade im „Peer Gynt“ über die deutsche (speziell die
Hegelsche) Philosophie sich lustig macht.
Aber +Ibsen+ gehört zu jener Reihe großer Männer, die kein sehr intimes
Verhältnis zu dem +vor+ ihnen Gedachten und Gedichteten besitzen,
ebenso wie etwa +Zola+, Knut +Hamsun+; ganz extrem vertreten diesen
Typus z. B. +Kleist+ und +Shelley+; unter den Philosophen denke
man an Giordano +Bruno+ und +Kant+, besonders aber an +Descartes+,
+Sokrates+ und +Fechner+; die andere Art großer Menschen empfindet den
+Anschluß+ an eine hinter ihnen liegende Kulturvergangenheit stets als
stärkstes Bedürfnis:[19] so in extremstem Maße +Goethe+, +Wagner+,
ferner +Grillparzer+, +Herder+, die +Romantiker+ überhaupt; unter den
Philosophen +Platon+,[20] +Leibniz+, +Hegel+, +Nietzsche+ und fast noch
mehr +Schopenhauer+.
Unter den Musikern dürften +Beethoven+ und +Bruckner+ der ersten,
+Schumann+ der zweiten Gattung angehören. Hiermit sind natürlich nur
Pole bezeichnet, zwischen denen eine Menge vermittelnder Stufen liegen.
Etwas Verwandtes mag auch der +Carlyle+-+Emerson+schen Unterscheidung
zwischen dem „Dichter“ und dem „Schriftsteller“ vorgeschwebt haben,
welche durch die neue Einteilung erweitert und schärfer begründet
scheint. Welche tieferen Wurzeln dieser Unterschied in der Natur der
beiden Abteilungen noch haben mag, dies bildet ein schwieriges Problem,
dessen Lösung mir nicht gelungen ist.
Ich sprach von Ibsen. Dessen offenbar mangelhafte Kenntnis der
philosophischen Literatur kann bei seinem so starken und urwüchsig
tiefen Interesse an den ethischen Hauptproblemen wohl nur jenen
Grund haben. Denn sonst müßte Ibsen wissen, daß +seine Dichtung
die Philosophie Kantens ist+. Niemand anderer, nur Kant und Ibsen,
haben Wahrheit und Lüge als das tiefste ethische Problem erfaßt (von
Fichte, der nur den unmittelbaren Nachlaß Kantens übernahm, kann ich
mit gutem Recht absehen); niemand anderer außer ihnen hat erkannt,
daß Wahrheit nur aus dem Besitze eines Ich im höheren Sinne, einer
Individualität, fließen kann: dies aber ist die Lehre des Ibsenschen
„Peer Gynt“ nicht minder als der „Kritik der praktischen Vernunft“;
niemand außer ihnen beiden hat die moralische Forderung in aller
Strenge und Unerbittlichkeit, wie sie die innere Stimme im Menschen
+tatsächlich stellt+, auszusprechen und so vor die Menschheit zu treten
gewagt, während alle andere Religion, Philosophie und Kunst noch immer
Kompromisse eingegangen sind. „Alles oder nichts“, das ist in gleicher
Weise das Wort Kantens wie des Ibsenschen Brand, und auch ihr Schicksal
ist das gleiche +bis+ auf das Wort Rigorist, mit dem alle halben und
unaufrichtigen Naturen beiden geantwortet haben. Speziell das Problem
der Lüge hat ja Ibsen von Anfang bis zuletzt beschäftigt, von der
„Komödie der Liebe“ an über Skule, den „Volksfeind“ und Hjalmar bis zu
Gabriel Borkmans Freundschaft mit Foldal. Am tiefsten aber ist er in
seiner größten Dichtung gedrungen, im „Peer Gynt“.
Der Dr. Begriffenfeldt, in dem man so allgemein nur eine Verspottung
des deutschen Gelehrten erblickt, ist übrigens wohl doch mehr als
eine bloße Karikatur. Denn er erkennt sehr wohl die ganze Hohlheit
des Gyntschen Selbst (des „empirischen Ich“), und weiß, wo Peer Gynts
Kaisertum einzig Geltung hat: im Irrenhause, bei den Verrückten, denen
Vernunft (wieder im Kantischen Sinne) überhaupt gebricht.[21]
Ibsen weiß (und wenn er es auch nicht in Begriffen lehrt, so zeigt
es klar seine Darstellung des Peer Gynt), daß das einzige, was einem
Menschen Wert verleiht, der Besitz eines („intelligiblen“) +Ich+,
einer +Persönlichkeit+ ist, und daß aus dem Mangel eines solchen in
einem Menschen das Bedürfnis entsteht, sich Wert von anderswo als
aus sich selbst heraus beizulegen. Daß der Wille zur Macht unendlich
tief in allem Lebenden liegt, ist gewiß eine große und über der allzu
starken Beachtung seiner Züchtungsideale lange nicht genug gewürdigte
Erkenntnis Nietzsches. Was aber speziell den Menschen betrifft, so
ist das allertiefste in diesem und sein letzter Unterschied von dem
Tiere, wie ich glaube, nicht der Wille zur Macht, sondern der +Wille
zum Wert+. Aus dem Mangel eines Wertes an sich erfließt das Bestreben,
sich Wert von anderwärts zu verschaffen; so entsteht alles Renommieren,
alle Hochstapelei im weiteren Sinne. Der Wille zum Wert ist es, der den
Menschen, Mann +und+ Weib, als solchen konstituiert. Kann ein Mensch —
dies ist +immer+ der Fall der Frauen — sich nicht von sich selbst aus
und vor sich selbst Wert geben, so sucht er ihn von einem anderen, vor
einem anderen zu erhalten: man agiert stets vor dem nämlichen Forum,
von welchem das Urteil kommt. Sicherlich aber, irgendwie und irgendwo,
sucht, zum Unterschiede von den Tieren, deren Streben nur nach der
Lust, der Befriedigung natürlicher Triebe geht, jedes menschliche Wesen
möglichst viel =Wert für sich= +zu gewinnen+.
Peer Gynt, der noch keinen Wert in sich selbst hat, lernen wir demgemäß
gleich im ersten Akte als Prahlhans und Aufschneider kennen.
Ibsen weiß, daß der Besitz einer Persönlichkeit sich im Menschen vor
allem offenbart durch das Bestreben, dem moralischen Gesetze in sich
nachzukommen. Peer Gynt, dem, wenn ich Schopenhauers Wort gebrauche,
der „Schwerpunkt“ in sich fehlt,[22] gerät damit ins Reich der Trolle,
deren Losung nur lautet: Troll, sei dir selbst +genug+: denn einem
Wesen ohne die dem intelligiblen Subjekte entstammende Moral fehlt
auch das Streben, dieses intelligible Wesen, das reine Ich, selbst
+ganz zu werden+, es hat kein Bedürfnis nach Vervollkommnung, es kennt
nicht jenen „Progressus“ nach dem ethischen Ideale hin, von dem Kant
gesprochen hat, ohne viel verstanden worden zu sein. +Sich selbst genug
sind die Tiere.+ Darum verdiente Peer Gynt den Affenschwanz. Ibsen
weiß, daß erst der Besitz eines Ich im höheren Sinne zur Anerkennung
eines Du im anderen führt, zu dieser fundamentalen Bedingung jedes
Altruismus, daß Selbstachtung Voraussetzung der Achtung anderer ist und
Individualismus also das gerade Gegenteil von Egoismus. Darum zeigt er
uns Peer Gynt engherzig und selbstsüchtig.
Der Mensch ist für Ibsen wie für Kant ein Mittelding zwischen Tier und
etwas höherem, aus Dreck und Feuer, um Goethe, er ist zugleich Lehm
und zugleich Bildner, um Nietzsche zu zitieren. +Wird der sittliche
Gedanke siegen oder der Mensch seelenlos, wertlos zugrunde gehen?
das ist die Frage, die Ibsen mit der Person des Peer Gynt stellt.+
Die Menschheit wäre ein mißglückter Versuch der Gottheit und müßte
umgegossen werden, wenn sie „ihrer Bestimmung Trotz böte bis zum
Schluß“, d. h. sich bis ans Ende untreu, unfolgsam erwiese im Dienste
des ihr innewohnenden Höheren, des Logos, des Geistes, der Vernunft (im
Sinne Kantens). Der Knopfgießer im Peer Gynt stellt, so unpathetisch
als nur möglich, in Name und Haltung, die Gottheit, das bedeutet für
Ibsen wie für Kant und Platon die sittliche Idee, und ihre Ansprüche an
die Menschheit dar.
„Du warst nur gedacht als ein blinkender Knopf
Auf der Weste der Welt; doch die Öse mißlang.“
Es ist eine großartige Szene, wie Peer Gynt, auf den (wie eben auf die
meisten Menschen) nur zweierlei sittlich läuternd wirkt, die Liebe
und der Tod, unmittelbar vor dem Sterben anfängt, nach dem Inhalte
seines Lebens zu fragen, wie er die Erinnerungen eine nach der andern
heraufnötigt, die ihm vor ihm selbst beweisen sollen, daß er nicht
ganz verloren, sein Leben als nicht ganz zwecklos zu betrachten sei.
Mit einer Kraft und Kunst, wie vielleicht überhaupt nirgends sonst
in der Weltliteratur, ist hier die Allegorisierung durchgeführt. Die
Gestalten sind mit größter Ökonomie behandelt und haben nicht den
geringsten Behang erhalten, um hierdurch ihre Existenz und Essenz
zu legitimieren; sie leben +so+, daß wir uns zu ihnen verhalten wie
Kinder zu einem Märchen: wir finden es +selbstverständlich+, daß sie
kommen; +so+, daß Ibsen darauf verzichten konnte, ihnen dem Abstrakten
näherliegende Namen zu geben, die freilich ihren tieferen Sinn der
Allgemeinheit verständlicher gemacht hätten. Der Knopfgießer ist das
Gewissen, durch das für Ibsen wie für Kant und Sokrates das Göttliche
(der „Meister“) zum Menschen spricht; und wie sein Gewissen fordert und
fragt, sucht sich Peer auszuweisen mit seinem vergangenen Leben. Denn
er fühlt sich noch gar nicht schuldig, er nimmt noch keine seiner Taten
auf sich, er will vielmehr sich bloß retten vor dem drohenden Anspruch
des moralischen Gesetzes: als ob man diesem genügen könnte, +um dann
etwas anderes zu tun+, als ob man eine einmalige Abzahlung an es zu
leisten und dann weiter nichts zu tun brauchte. Peer Gynt ist noch
immer zu verblendet, um zu fühlen: „Nur der verdient sich Freiheit wie
das Leben, der +täglich+ sie erobern muß.“ Aber es taucht in seiner
Erinnerung nicht einmal das auf, wonach er nur sucht, um sein Gewissen
zu beschwichtigen. Im Gegenteil. Er muß sich an den Dovre-Alten und
sein Leben im Reiche der Trolle erinnern. Den Affenschwanz hat er sich
zwar nicht anbinden lassen, selbst ganz Tier ist er nicht geworden; er
ist aber doch +schuldig+ geworden im Reiche der Tiere, er hat mit der
Tochter des Trollkönigs ein Kind; und hat deren Losung akzeptiert, ist
selbstzufrieden gewesen, statt sich „strebend zu bemühen“. Jetzt sieht
er erst ein, daß die Seele doch etwas anderes ist als die Sanktion
des Leibes und seiner Begierden und Trägheiten, denen er früher mit
prinzipieller Abweisung aller Bedenken (vierter Akt, Anfang) fröhnte,
ja, sich auf +dieses+ Selbst alles zugute tat; daß es wenig verschlägt,
einen Finger zu verlieren, etwas vom empirischen Ich einzubüßen, wenn
man um diesen Preis seine Individualität behaupten kann (was er früher
nicht begreifen konnte). „Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er
die ganze Welt gewänne, und nähme an seiner Seele Schaden?“ Er sieht
jetzt ein, daß das höhere Selbst mit dem niederen im Kampfe liegt, und
daß der völlige Sieg des einen der Tod des anderen ist. „Du selbst
sein, heißt sich selbst ertöten.“[23] Das alles muß er sich sagen und
sich selbst verurteilen. Nun verfällt er darauf, ob es nicht seine
Bestimmung („des Meisters Meinung“, die er „als Aushängeschild“ hätte
tragen sollen) gerade gewesen sei, +prinzipiell+ und +bewußt+ in allem
und jedem gegen jene andere Bestimmung zu fehlen, sie zu bekämpfen, ob
er nicht wenigstens +böse+ gewesen sei, wenigstens +etwas+, nur nicht
verwischt, gemein, nichts. Aber nein, er hat auch da nichts +bedeutet+.
„Denn der Sünder im wirklich großen Stil — gibt’s heutzutage nicht
eben viel.“ Auch den großen Verbrecher kann er sich nicht glauben, und
der Magere (der Teufel), dem er sich so gern verschrieben hätte, um
nur nicht +nichts+ zu sein, würde durch ihn wenig fetter werden. Die
Napoleons und die Don Juans, die Jagos und Hagen sind ebenfalls dünn
gesäet, nicht bloß die Heiligen. Hier spürt man den ganzen Zorn, die
tiefe Verachtung des Dichters für das Gros der Menschheit einmal durch.
Sie soll sich gar nicht einbilden, der Hölle wert zu sein, die für sie
viel zu nobel, zu großartig ist; der Teufel ist für ganz andere Leute
da, nicht für Affen und für Schweine. Dem Gedanken des Satan, dessen
Majestät sie lieber nicht beleidigen sollten, stellt er die Konzeption
seines Knopfgießers gegenüber. +Den+ verdiene die Menschheit reichlich,
+der+ tue ihr not.
Man denke an das Wort in der Apokalypse (3, 16): „Ich weiß deine
Werke, daß du weder kalt noch warm bist. Ach daß du kalt oder warm
wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich
ausspeien aus meinem Munde.“ Peer Gynt wäre „unsterblich in Gott“
oder „unsterblich in Satan“ wenn er eine Individualität, im Guten
oder im Bösen, mit Bewußtsein behauptet hätte. Aber er ist überhaupt
ohne ein Ich gewesen, welches ihn der Zeit entrückt, ihm ein höheres,
vom physischen Naturgesetz der Geburt und des Todes unabhängiges
Dasein und Fortleben verbürgt hätte, er hat keine weiße, aber auch
keine schwarze Seele. Peer Gynt ist der Typus der zahllosen unter uns
wandelnden, unmoralischen Menschen, die für moralisch gelten, weil sie
nicht antimoralisch sind, nicht Größe genug im Instinkt oder im freien
Entschluß haben, um das Moralische zu verneinen, die nicht etwa nicht
an das Gute und Wahre glauben und einem erklärten Unglauben gemäß
offen handeln, ihn durch die Tat dokumentieren, die Moral demonstrativ
verhöhnen,[24] sondern die selbst zu glauben vermeinen ohne tiefe
innerliche Frömmigkeit. Sie sind also nicht Verbrecher durch die
Tat oder den Plan zur Tat, und doch Verbrecher an sich selbst, weil
Betrüger ihrer selbst, indem das Gebot, das sie halten, nicht wirklich
ihnen vom Herzen diktiert ist; sie handeln legal und äußerlich oft mehr
als legal, aber ihr Motiv ist, ohne daß sie es klar wüßten, nicht,
daß sie selbst, sondern daß die anderen im anderen Falle die Achtung
vor ihnen verlieren müßten. Es sind also in Peer Gynt alle diejenigen
mitgetroffen, für welche stets der andere Mensch maßgebend bleibt,
alle eigentlichen Jehovah-Anbeter in der Menschheit: Jehovah ist ja
nur die kolossale Personifikation +des anderen Menschen+, soweit er
auf Denken und Handeln des Einzelnen Einfluß gewinnt.[25] Peer Gynt
glaubte autonom da zu handeln, wo er am heteronomsten lebte (man
vergleiche seinen Vortrag über das Gyntsche Selbst im vierten Akt),
unerschrockener, selbstherrlicher Individualist zu sein, da er bloß ein
jämmerlicher und feiger Egoist war.
Er hat also nicht seiner zeitlosen Persönlichkeit, dem wahren Selbst,
die Macht über sich eingeräumt, +er+ „war schon lange tot vor seinem
Tod“. So früh[26] findet sich bei Ibsen die Form, in welcher der
Grundgedanke seines letzten dramatischen „Epilogs“ auftritt, das Motiv
des höheren ewigen Lebens, der Grundgedanke der Lehre Christi, als
bestimmender Faktor seines Denkens und Dichtens. Ohne Individualität,
ohne einen Wesenskern, der durch das Medium einer unwirklichen Zeit die
Dinge dieser Welt nur anschaut, keine Unsterblichkeit: Unsterblichkeit
der Seele gibt es nur für Wesen mit Seele. Dann soll der Peer Gynt in
den großen Ausschußtopf, wo er die Form einbüßt, wo nur die Materie
beharrt (wie der Metallwert umgeschmolzener Münzen erhalten bleibt).
Ibsen berührt sich hier auch, ohne die damals noch nicht nach Europa
gedrungene esoterische Lehre des Buddhismus zu kennen, mit deren
Lehren über das Schicksal des Menschen nach dem Tode. Man erinnere hier
sich auch der Aristotelischen Auffassung der Seele als Form!
Von furchtbarster Angst vor dem Vergehen nach seinem aller Ewigkeit
baren Leben gepeinigt, erkennt Peer Gynt endlich in dem Gedanken an
Solveig, was er hätte sein können, und was er nicht gewesen ist. In
seiner Liebe war er doch er selbst; und wie die Liebe ihn einzig über
ein jämmerliches Erdendasein emporzutragen vermocht hat, so wird er
auch jetzt vom Erdendasein hinweggetragen — in Liebe. Jetzt endlich
geht er in ein höheres Leben ein und kann sein Selbst rein behaupten —
aber nicht auf Erden. Solveig erscheint ihm als altes Mütterchen, und
zugleich als der Tod. Niemand hat es noch in Begriffen ausgesprochen,
aber es liegt hierin eine unendlich tiefe, unbewußte Erkenntnis des
künstlerischen Genius Ibsens, dieselbe, die hinter der Alraune der
+Kleist+schen „Hermannsschlacht“ sich verbirgt, die dem Varus seinen
nahen Untergang verkündet (fünfter Akt, vierter Auftritt): +das alte
Weib hat eine geheimnisvolle Beziehung zum Tode+ (man denke auch an
die „Rattenmamsell“ des „Klein Eyolf“). Alles, was in einer engen
Relation zum physischen Leben steht, ist auch nicht ohne Beziehung
zum physischen Tode. Das Weib hat durch die Mutterschaft das intimste
Verhältnis zum Erdenleben: also auch zum irdischen Tode. +Die Furcht
vor dem alten Weibe ist nur Furcht vor dem Tode.+ So kombiniert sich
in der Solveig des letzten Aktes das reine Selbst des Peer Gynt, das
nicht ohne Tod des empirischen Ich völlig ins Dasein treten kann, und
das Sterben des letzteren in ganz einziger Weise. Und darum ist Solveig
für Peer Gynt der Tod, darum stirbt — Peer Gynt. Der Knopfgießer mahnt,
fordert, drängt; aber lauter, im Sonnenaufgang des Pfingstmorgens,
ertönt das unsäglich wundervolle Lied, das Wiegenlied der Solveig:
„Jeg skal vugge dig, jeg skal våge —
Sov og drøm du, gutten min!
+Ich+ will wiegen dich, +ich+ will wachen ...
Schlaf’ und träum’ du, Knabe mein.“
Peer Gynt ist erlöst.
Sein unsichtbares Selbst, das höhere Leben seines Geistes, wie es sich
in ihm nur in der Liebe zu Solveig offenbart hat, behält am Ende seines
Lebens dennoch den Sieg.
Es ist nun klar: dieser Peer Gynt ist keine einzelne Person und kein
einzelnes Volk. Der Mensch überhaupt wird in ihm gegeißelt, der das
Tier losgeworden zu sein glaubt, sich seiner Menschheit brüstet, ohne
auch nur zu ahnen, +was+ diese bedeuten sollte.
Der Affenmensch, in der Person des Dovre-Alten, beklagt sich darum über
die Ungerechtigkeit, daß man ihn für tot ausgebe:
„Von den Tochterkindern, wie schon gesagt,
Nach dem alten Großvater keins mehr fragt.
Sie meinen, ich lebte gar nicht mehr,
Nur höchstens in alten zerlesenen Schmöckern.“
Der Mensch aber ist für Ibsen, wie für alle irgend tieferen Geister
seit Anbeginn Leib +und+ Seele, oder, in der Fassung, die Kant dem
ältesten Dualismus gegeben hat, phänomenales und noumenales Subjekt,
empirisches Ich und intelligibles als Gesetzgeber der Moral. Die
meisten Menschen aber wissen nichts von der Existenz einer Seele
und bestreiten dieselbe, weil eben die große Mehrzahl von ihnen bis
+vielleicht+ auf wenige Augenblicke +ganz seelenlos lebt+. „Peer
Gynt“ ist die Tragödie des Menschen, der seine Seele sucht, und daher
sicherlich die Dichtung, welche für die größte Anzahl von Menschen
(wenn nicht für alle) geschrieben ist.
Die Seelenlosigkeit spielt in der Dichtung überhaupt die größte Rolle.
Anitra repräsentiert sie in der ausgebildetsten Gestalt, in welcher
sie beim Menschen möglich ist. Sie ist das, was den Mann sinnlich
reizt, ohne ihm zu höherer Regung Gelegenheit zu geben, die kokette
Puppe. In ihr ist nicht einmal ein Streben nach einem Selbst da, statt
dessen lockt sie der glänzende Edelstein, wie eine Elster.[27] In
Peer Gynt dagegen, dem Manne, ist ein Streben, wenn auch ein völlig
mißleitetes, ein Sich-Suchen, ohne sich finden zu können, weil er fort
und fort nur immer möglichst viel auf sein empirisches Ich häuft, ohne
sich hierdurch mehr als einen Scheinwert geben zu können, der jeden
Augenblick von ihm herunterfallen kann, wie der Prophetenmantel. Dieses
Wesen des Peer Gynt wird uns nun von Ibsen— und dies ist eine der
stärksten Wirkungen und einer der genialsten Züge seiner Dichtung — als
durch alle Wandlungen sich stets gleich bleibend und als ewig dasselbe
gezeigt; denn Ibsen ist durchdrungen von der unerschütterlichen
Wahrheit, daß es ein Konstantes gibt, das in allen Momenten des Lebens
sich gleich bleibt, daß der eigentliche +Charakter+ eines Menschen sich
nicht ändert.[28]
Im ersten Akte sehen wir, wie Peer Gynt durch erfundene Geschichten
sein Ansehen zu steigern mit krampfhafter Sucht bemüht ist. Hier liegt
ihm noch nichts an der Achtung vor sich selbst; bloß die Mißachtung von
anderer Seite, die kann er nicht ertragen. Er schreit es selbst:
„Könnt’ ich mit einem Griff, wie ein Schlächter,
Aus der Brust die Verachtung ihnen reißen!“
Aber in dem Augenblick, wo er dies ausruft, spürt er, daß außer
seinen Worten +noch etwas da ist+ — eine Stelle von großartiger
Unheimlichkeit, so kurz sie ist; er sieht sich um, als ob ein
höhnischer Zwerg zu ihm gemeint hätte, +das+ da, die Bewunderung
anderer, sei doch nicht +alles+. Dies ist die einzige moralische Regung
in Peer, bevor er Solveig kennen lernt. — Im zweiten Akte heißt die
Losung voll Ironie: „Am Reitzeug erkennt man die vornehmen Leute.“[29]
Denn hier hat Peer Gynt zur Rache allem Besseren abgeschworen — das
Phänomen der verschmähten Einkehr, der zurückgewiesenen Reue, an deren
Stelle immer gewaltsame Rückwendung zu den geopferten Kostbarkeiten
tritt (Tannhäuser nach dem Urteil des Papstes) — und nun hält er
sich schadlos in der völligen Gemeinschaft mit der Natur und ihren
aller Moral fremden Dämonen. Bewunderungswürdig ist diese absolute
Immoralität der Natur personifiziert durch jene drei Sennerinnen, die
mit Peer Gynt buhlen. Hier hat Ibsen etwas geschaffen, was den Mänaden
und Satyrn der griechischen Mythologie keineswegs nachsteht.
Die Begegnung mit der grün gekleideten Trollprinzessin, die Peer nach
dem Abenteuer mit den Sennerinnen hat, zeigt, wie sein Wille zum
Wert mit dem der Prinzessin auf gleicher Stufe steht. „Am Reitzeug
erkennt man die vornehmen Leute“, in dieser Losung finden sie sich.
Sie erinnert an die Art, wie +Goethe+ im „Faust“ den +Teufel+ von der
Erweiterung des Ich zum Mikrokosmus sprechen läßt:
„Wenn ich sechs Hengste zahlen kann,
Sind ihre Kräfte nicht die meinen?“
Solch „ein Herr Mikrokosmus“, wie ihn Mephisto wünscht, ist Peer Gynt
ganz und gar. Aber die Illusion, die ihn aus dem alten Eber einen
edlen Renner machen läßt, ist nicht nur eine moralische, sondern auch
eine logische; nicht nur ein von vornherein vergeblicher Versuch,
den eigenen Wert durch fremde Bewunderung zu steigern, auf sein
empirisches Ich um so mehr zu häufen, je mehr ihm sein intelligibles
gleichgültig ist, sondern auch eine vollständige +Umwertung+ der
Wirklichkeit, eine willkürliche Mißdeutung der Erfahrung, die ihm
nicht nur mit der Trollprinzessin, sondern auch mit dem Fellah des
Irrenhauses im vierten Akte gemeinsam ist. Die Szene im Irrenhause
wird hier schon vorbereitet: denn auch die +unegoistische Anteilnahme
an der Außenwelt+, wie sie sich aus dem Wahrheitsstreben +als
Wissensdurst+ differenziert, fließt aus dem gleichen intelligiblen
Wesen des Menschen, das in Peer so schwach ist. Nur insoferne ist die
Auffassung der Person des Helden als eines Phantasten gerechtfertigt,
und keineswegs soll „Peer Gynt“ die Karikatur des Dichters sein;
alle Dichtung ist ja nur höhere Wahrheit, nicht anders als Religion,
Musik, Philosophie. Die Täuschungen über die Außenwelt, denen Peer
unterliegt, sind nur die +objektive+ Seite seiner inneren Täuschungen
über sich selbst, sein +mangelnder Wirklichkeitssinn+ =eins= +mit
seiner mangelnden Wahrheitsliebe+: sie fließen beide aus der Identität
von Logik und Ethik, die eben beide im letzten höchsten Begriffe der
Wahrheit als des höchsten Gutes kulminieren. Darum gibt es für Kant nur
eine Vernunft, die theoretisch und praktisch zugleich ist. Die Tiere
entbehren ihrer; im Reich der Trolle muß daher Peer Gynt einen anderen
Blick bekommen, es muß eine Operation an ihm vorgenommen werden, bevor
er ganz Troll sein kann. Auch Lachen und Weinen, Jubel und Schmerz sind
nur menschlich, nicht tierisch. Darum fügt der Trollkönig hinzu, um
Peer die Operation vom Menschen zu empfehlen:
„Bedenke, wie viel Verdruß und Plage
Du hiedurch los wirst mit einem Schlage.
Und war nicht stets für die beizende Lauge
Der Zähren die Quelle dein klares Auge?“
Kann es weniger emphatisch, sentimental und kann es zugleich
wundervoller ausgedrückt werden, daß der Mensch, indem er die
Menschheit in seiner Person bejaht, auch den +Schmerz+ auf sich
nimmt[30] und auf das Glück verzichtet?
Aber so sehr Peer verblendet ist, so leicht ihm der Dichter auf die
Frage des Trollkönigs, wodurch sich Mensch und Troll unterscheiden,
die Satire in den Mund legen kann: „Sie gleichen einander, Zoll für
Zoll“ — so gerne Peer Gynt seinen Überzeugungen abzuschwören bereit
ist, um dafür die Süßigkeiten der Trollprinzessin auszukosten, so hat
er doch noch den Rest eines Ich, an dem auch dieser Aufenthalt im Reich
der Trolle +in der Zeit+ vorübergehen müßte. Und +darum+ weigert er
sich, +auf ewig+ den Trollen sich zu verschreiben. Das Aufflackern
seines höheren Wesens in dieser Regung, diesem Gefühl, +dem die
Ewigkeit Maßstab ist bei der Entscheidung+, befähigt ihn die Glocke des
Priesters im Tale zu vernehmen, ihren Ruf zu verstehen. Wie christlich
der Sinn dieser Dichtung ist, sieht man daraus, daß erst jetzt, vor
diesem Tone die Trolle gänzlich versinken müssen.
Im dritten Akte träumt er aber schon wieder von dem Eindruck, den
sein erhoffter Palast auf andere machen werde; seinetwegen liegt ihm
wenig an dem zu erstehenden Hause, den anderen soll es imponieren.
Man kann an diesem Punkte Ibsen mit einem Manne vergleichen, dessen
Bedeutung ich nicht anzweifeln will, der aber, mit Unrecht, sicherlich
von fast allen, an welche man die Frage richten wollte, in großer
Entschiedenheit über Ibsen gestellt werden würde, mit +Friedrich
Hebbel+. Wie dürftig, wie einseitig auf einen einzelnen Punkt sich
beschränkend, hat dieser in „Gyges und sein Ring“ das gleiche Problem
behandelt, wie wenig tief ist er gedrungen, wie wenig Willen und
Bedürfnis nach Tiefe in der Ergründung des Mannes, der seine schöne
Frau dem anderen zu zeigen nicht unterlassen kann, beweist Hebbel[31]
in dieser Dichtung.
Sehr fein ist es von Ibsen erdacht, +daß er Peer Gynt sich selbst
so oft in der dritten Person denken läßt+. So besonders in seinen
Kaiserträumen, z. B. im ersten Akte:
„.... Voran seinem Trosse,
Reitet Peer Gynt auf goldhufigem Rosse.
Die Mähr hat ’nen Federbusch zwischen den Ohren,
Selbst hat er Handschuh und Säbel und Sporen.
Der Mantel ist lang und mit Taft ausgeschlagen,
Wacker sind die, die hinter ihm jagen,
Er aber sitzt doch am stracksten zu Pferde,
Er aber strahlt doch am hellsten zur Erde.
Drunten die Leut’ stehn, ein schwarzes Gewimmel,
Ziehen die Hüt’ ab und gaffen gen Himmel.
Die Weiber verneigen sich. Alle gewahren
Kaiser Peer Gynt und seine Heerscharen.
Nickel und Silber, ein blankes Geriesel,
Streut er hinunter wie Hände voll Kiesel.“
Diese Behandlung seiner selbst, dieser Verkehr mit sich selbst in
der dritten Person, hat sehr tiefe Wurzeln. Stellt Peer Gynt hiermit
vielleicht ein Bild außer sich, dem Verehrung erwiesen wird, und
identifiziert sich nachträglich mit diesem Bilde, um sich dieser
Verehrung seiner Person in effigie mentali zu freuen, sie in einer
Reihe mit den anderen mitzuverehren? Man könnte diesen Zug so
auffassen: Als die Verlogenheit seiner Eitelkeit. Das wäre aber
weiblich und Peer Gynt +ist+ ein Mann. Das wäre der Traum eines
Mädchens von dem Grafen, der sie zu heuern kommen werde, sie vor allen
ihren Gespielinnen. Das wäre die Art, wie die Frau den Mann immer
belügt, indem sie der Idealgestalt von Tugend oder von Häuslichkeit,
die Liebesbedürfnis oder praktischer Sinn ihn verlangen läßt, zu
gleichen vorgibt, zumindest die Übereinstimmung nie in Abrede stellt.
Peer Gynts Entsubjektivierung liegt tiefer. Sie entsteht aus dem
Verzicht auf die Freiheit des Willens, der in der Abnegation der
Persönlichkeit liegt. Peer Gynt +setzt sich selbst in funktionelle
Beziehung zu etwas anderem+; er steht unter der empirischen Kausalität,
sobald die intelligible Freiheit aufgehört hat, in ihm als Idee
bestimmend zu wirken. So stellt er sich in ein Verhältnis der
Gebundenheit zu den anderen Menschen, er braucht sie als Zuschauer und
Beifallspender, er ist ihr Sklave gerade dann, wenn er ihr Kaiser zu
sein glaubt. Napoleon war ein Poseur vor allen, die er beherrscht hat.
Vielleicht war er, wenigstens in Augenblicken, als junger General,
aufrichtig gegen sich selbst. Peer Gynt hat bis nun ein verlogenes
Leben ganz und gar geführt, er war nie er selbst, er hat kein +Ich+ und
ist darum dritte Person. Aber jetzt ertappt er sich doch schon selbst
zuweilen auf seinen Lastern und leidet gleichzeitig aufs schwerste
unter diesen ewigen Rückfällen in die gemeinste Eitelkeit; wie ja
alle Selbstbeobachtung moralischen Charakter hat. Indes seine sündige
Vergangenheit kommt wieder und wieder herauf, ihre Folgen ziehen ihn
hinab, und er hat nicht die Kraft, fühlt nicht soviel Sicherheit in
sich, ihr an Solveigs Seite eine bessere Zukunft entgegenzusetzen.
Darum will er alle Vergangenheit töten: Er reitet seine Mutter in den
Tod hinüber. Denn er muß „vergessen, was ihn drückt“. Seine Mutter[32]
hat ihm gegenüber immer die Moral und die Einsicht vertreten; nun
entzieht er sich gleichsam selbst seinen Mutterboden. Vielleicht liegt
auch hier keimhaft der Gedanke zum Grunde, daß er gerade in seinem
Verhältnis zum Weibe allein er selbst war.[33]
So sehen wir ihn denn im vierten Akte am tiefsten gesunken. Der
Mensch lebt nun in völliger Gemeinschaft mit den Affen, als welche
sich das Trollpack des zweiten Aktes endgültig entpuppt (absichtliche
Wiederholung des Wortes: Der „Alte war schlimm, die Jungen sind
Bestien“); ja der +Gyntismus+ wird zur Losung der Menschheit überhaupt:
Peer Gynt wird Prophet. In dieser Eigenschaft bietet er alles auf,
um — von einem Mädchen beachtet zu werden und hierdurch etwas für
sich zu gewinnen. Am Ende erfüllt sich nun gar sein alter Traum: Er
wird Kaiser. Aber mit Schrecken muß er zuletzt gewahren, daß er in
einem Irrenhause steckt und der Kaiser der wahnsinnigen, vertierten
Menschheit ist.
In dieser Szene im Irrenhause liegt wohl die gräßlichste Ironie die
fürchterlichste Satire, auf die je ein Mensch verfallen ist.
Peer Gynt im Verein mit den Irren, von denen dieser wie eine Feder ist,
die nie zum Schreiben, sondern stets nur als Streusand gebraucht wird,
jener wie ein Papier, das nie beschrieben wurde: ein unaufgeschlagenes
Buch in seiner Mutter Schoß, sich als verdruckt erweisend, da es
aufgemacht wird. Das absolute Fehlen eines +Ich+ und das damit
verbundene völlige Fehlen eines +Soll+; den Menschen, der nicht
mehr weiß, was er ist und danach schreit, von irgend jemand seiner
eigentlichen Bestimmung zugeführt zu werden, die er selbst nicht mehr
finden und nicht aktiv mehr verwirklichen kann; die Verzweiflung daran,
je das sein zu können, wozu man geboren ist — dies alles sagt in seinen
wenigen wilden Rhythmen der Dialog mit dem Minister Hussein.
Es ist nicht meine Absicht, einen fortlaufenden Kommentar zu der
Dichtung zu liefern, in der mir so manche Einzelheiten gar nicht
durchsichtig sind. Solche Unternehmungen haben, abgesehen von ihrem
Umfange, immer zu viel Prätention und können darum nur geschmacklos
wirken.
Ich will nur noch auf einige große +Schönheiten+ der Dichtung
hinweisen: außer auf den in dieser Hinsicht allgemein berühmten
Schluß des dritten noch auf die erste Szene des zweiten und auf die
außerordentliche Mitte des fünften Aktes, wo Peer Gynt des nicht
gelebten Lebens seines höheren Ich gedenken muß („Knäuel“, „Welke
Blätter“ u. s. w.; in der Nacht auf der Heide: „Wir sind Lieder, hast
du gesungen uns?“ u. s. w.); ferner auf die mit großer Kraft packende
Erzählung vom Rennbock gleich am Anfang der Dichtung; und auf Peers
Monolog nach der Ausschweifung mit den Sennerinnen. Von furchtbarer,
zum tiefsten Herzen greifender Wirkung, hierin beinahe der Verfluchung
des Lebens im dritten Akte von „Tristan und Isolde“ vergleichbar, ist
aber jene Stelle des fünften Aktes, wo Peer die Sternschnuppe (das
Symbol des Sündenfalles der Engel als der Sterne) den Raum durcheilen
sieht und ihr zuruft:
„Gruß von Peer Gynt, Bruder Meteor!
Leuchten, erlöschen und verschwinden im Thor
Der Finsternis ...!“
und wie nun plötzlich er, der noch vorhin jeden Gedanken an Sinn und
Zweck des Lebens — denn der „fremde Passagier“ ist der +Tod+, welcher
diesen Gedanken nahelegt — zurückgewiesen hat, nach dieser Botschaft
aus der Unendlichkeit im tiefsten erschauert; und da endlich das Gefühl
eines verlorenen, dem Meteor gleichenden Lebens, sich durchringt
gegen alle Eitelkeiten, wie er zur Ahnung (wenn auch noch nicht zur
Behauptung) seines wahren Selbst und damit auch gleichzeitig zum
Unsterblichkeitsbedürfnis gelangt. Der steinreiche Unternehmer, der
Kaiser, dem die ganze Welt wie gewonnen war, erwacht aus dem Traum
seiner Welten und sieht:
„So unsäglich +arm+ kann ein Mensch also geh’n,
Zurück in den grauen Nebel des Nichts.
Du herrliche Erde, trag’ mir nicht Haß,
Daß ich achtlos zertreten nur Dein Gras.
Du herrliche Sonne, Du mußtest verschwenden
Deinen leuchtenden Strahl in leeren Wänden,
Kein Mund sprach zu Deiner Schönheit den Reim:
Der Eigner, so sagt man, war niemals daheim.
Herrliche Sonne, herrliche Erde —
Was nährtet ihr meine Mutter an eurem Herde?
Die Natur ist verschwend’risch, am Geist wird gespart ...
Die Geburt mit dem Leben büßen ist hart.
Ich will auf die höchsten Gipfel geh’n,
Noch einmal die Sonne aufgehn seh’n,
Starren mich müd’ aufs gelobte Land...
In einem Schneesturz mein Ruhbett haben;
Man mag drüber schreiben: „Hier ist +niemand+ begraben“;
Und dann — dann — dann komme das dann.“
(Ich habe hier den beiden Übersetzungen von +Passarge+ und von
+Morgenstern+ das Beste zu entnehmen und an einigen wenigen Stellen, wo
sie dem Originale nicht genug taten, noch selbst nachzuhelfen versucht.
Der Vers: „Die Geburt mit dem Leben büßen ist hart,“ ist die einzige
Stelle in +Ibsens+ Werken, wo die +Erbsünde+ enthalten ist.)
Man betrachtet ganz allgemein die großen Menschen viel zu wenig
unabhängig von ihren Werken. Man glaubt, das Leben dieser Menschen sei
Produktion und erschöpfe sich darin. Diese Meinung ist freilich eher
unbewußt als klar ausgesprochen, aber um so schwerer dürfte sie zu
bekämpfen sein. Einige ihrer Faktoren sind jedoch wenigstens ohne Mühe
nachzuweisen.
Die wenigsten Menschen empfinden das +Bedürfnis+, von dem Charakter
bedeutender Menschen der Tat oder des Gedankens eine klare Vorstellung
sich zu bilden. Sie sind gewohnt, bei der Nennung großer Namen nicht
nur den Hut zu lüften, sondern wie auf ein Kommando auch alles Denkens
sich zu entäußern. Sie rufen +Wagner+ oder +Goethe+ nicht anders
als eine Interjektion. In dieser Denkart steckt zwar ein nicht zu
unterschätzender Respekt vor dem Phänomen, und noch die so tiefe
und so alte Würdigung des Genies als einer göttlichen Offenbarung;
auch befinden sich die Menschen so viel wohler, als sie sich fühlen
würden bei jener anderen Denkart, welche berühmte Männer mit Vorliebe
in ihren Unterkleidern zeigt und triumphierend auf ihrem Gange zum
Aborte überrascht. Aber nicht dieses eudaimonistische Argument kann
dieser Anschauung zur Empfehlung dienen, sondern nur jener Gehalt an
„verecundia“, welchen z. B. Moreau de Tours und Lombroso offenbar nicht
besessen haben.
Dennoch bedeutet dieser Verzicht auf das Nachdenken über große Männer,
die Entrüstung über jeden fremden Versuch, in deren Innerem auch
nur bestimmte Züge ausnehmen zu wollen, eine arge +Würdelosigkeit+,
eine spontane Leibeigenschaft des Geistes, die ebenso blind wie
unduldsam gegen jeden Freien ist. Jeder Name wird ein Atout, mit dem
alles nüchterne Sehen niedergeschlagen wird. Auch _Hero-Worship_,
Heldenverehrung ist +heteronom+ im Sinne Kantens, auch dieser
Autoritätenglaube ist unmoralisch. Wird der Mensch, und sei er nun auch
Buddha oder Beethoven, zur Gottheit, sein Name eine Losung, so schweigt
jede bewußte, ruhige Überlegung der eigenen Vernunft und alle geistige
Entwicklung ist verrammelt.
In jüngster Zeit ist zu jener früheren gedankenlosen Unterwürfigkeit
ein neues Element hinzugetreten. Die leichtfüßigen Tanzbeine der
Zarathustra-Ideale, die lässige Grazie des süddeutschen Walzers,
studentischer Stumpfsinnsang und kunstgewerbliche Lehnstuhlschwärmerei
mußten zusammenkommen, um es allem deutschen, nordischen Ernste
gegenüber hervorzubringen und zu behaupten. Ich meine die Lüge von
dem „stilisierten Leben“ der großen Menschen, welche jene Menschen zu
Artisten degradiert, jene, die das Leben stets am ernstesten nahmen,
weil sie von ihm am ernstesten sich genommen fühlten, jene, die
sich selbst am wenigsten heimlich und glücklich befunden haben, zu
„Artisten“ ihres eigenen Lebens!
Die alte Dreistigkeit, mit welcher die bedeutendsten Namen dazu
mißbraucht werden, um den eigenen, leichten Sinn noch als den Stil der
genialen Menschen erscheinen zu lassen, soll uns nun nicht lange hier
beschäftigen.
Die so verbreitete Auffassung ist jedenfalls zurückzuweisen, welche den
hervorragenden Menschen als ein Gefäß betrachtet, aus welchem nach und
nach seine Geisteswerke herausfallen, als ein Geschöpf der Natur, durch
das diese nichts weiter wolle, als uns gewisse Dinge schenken, als
ein Orchestrion, dessen Aufgabe sich damit erschöpft, eine Anzahl von
Tonstücken abzuspielen.
Diese Auffassung macht den Poeten zum Schmetterling, den Maler zum
Berufsphotographen, den Philosophen zum Theorienbäcker und entkleidet
sie alle jeglicher Größe. Gerade die +aller+stärksten Eindrücke sind,
um nur vom Künstler zu sprechen, bei diesem zu mächtig, um sobald zum
+Aus+druck im Kunstwerk führen zu können.
Sicherlich ist das Leben großer Menschen keine Harmonie von Fortunas
Gnaden, sondern viel bewegter und stürmischer als das der anderen;
sicherlich enthält es oft die größten, unausgeglichensten Gegensätze,
die Neigung zu den merkwürdigsten Verirrungen, aber auch den größten
Kampf mit sich selbst und nur gerade nicht jene „gaya scienza“ und
„serenita“, die Nietzsche so gerne hätte erringen mögen, seitdem er die
Riviera kennen gelernt hatte.
+Wie+ furchtbar es in den hervorragendsten Menschen zugehen kann,
+was alles+ in ihnen sein, unter was sie leiden, an was allem sie
verzweifeln können, das vermöchte Ibsens „Peer Gynt“ jeden zu lehren,
der sich darüber klar geworden ist, daß man nur das auffassen, wie
darstellen kann, +was man selbst in sich hat+.
* * * * *
Man kann die Menschen einteilen in solche, die +sich+ lieben, und
solche, die +sich+ hassen. Damit meine ich nicht den Haß gegen das,
was sie in sich Unmoralisches finden. Das haßt freilich jeder Mann
in sich, wenigstens in dem Augenblicke, wo er es sich sagt und noch
mehr, wenn er dieses Geständnis unterdrücken will. Sondern, was hier
den interessanten Unterschied zunächst ins Auge springen läßt, ist
das Verhalten gegen moralisch indifferente Züge der eigenen Person.
Es gibt Menschen, die ihre ganze Subjektivität (nicht das Subjekt
selbst natürlich) hassenswert finden, es (auch in abstracto, als
Begriffe) mit einer schmerzlichen Wut verfolgen; die anderen sind
eher geneigt, alles an sich liebenswert zu finden, viel Nachsicht
mit sich zu üben, im Umgang mit sich selbst die äußerste Delikatesse
walten zu lassen, sich eventuell anderen als Muster vorzuhalten. Es
seien z. B. unter zwei Nichtrauchern, um absichtlich ein triviales
Beispiel niederster Kategorie auszuführen, der eine +philautisch+, der
andere +misautisch+: jener wird sehr mit sich zufrieden sein und es
als einen sehr hoch im Range stehenden Zug bei sich betrachten, daß
er nicht rauche. Dieser wird eher argwöhnisch zum Schlusse kommen:
daß er nicht rauche, müsse irgend ein Manko in seiner Anlage sein,
wird selbst geneigt sein, den Raucher über sich zu stellen. +Aber
irgendwie wertend verhält sich jeder Mann zu jedem Zuge in sich+, auch
zu jedem moralisch indifferenten Charakterzuge.[34] Das +Vorzeichen
dieser Wertung+, glaube ich nun, +bestimmt+, ja +entscheidet+ recht
eigentlich die =Tonart= +des inneren Lebens eines Menschen+. Gewiß hat
nur der Mann, nicht die Frau, ein Innenleben,[35] und auch der Mann um
so mehr, je höher er steht. Der allgemeinste Inhalt alles Innenlebens
aber, wenn ich vom Sinnen an die Vergangenheit und vom Träumen einer
Zukunft absehe, ist erkennende Selbstbeobachtung und moralische
Selbstbewertung. Da kann nun zweierlei sein: entweder der Mensch ist
Pessimist von Geburt und glaubt nie recht an die Erlösung, sondern
an den ewigen Unfrieden und die Verdammnis auf Erden, es ist das der
Typus des, in niedrigeren Regionen, gerne schimpfenden, malitiösen,
strengen Menschen. Oder er kommt erlösungsgläubig auf die Welt, er ist
zu ihr entschlossen, d. h. er ist ihrer immerhin auf Erden eher noch
fähig. Es ist das der milde, gutmütige, nie gerne, nie scharf tadelnde
Mensch. Er ist oft bitter, aber nie ätzend. So sind aber beide auch, ja
zunächst sich selbst gegenüber. Gesetzt, beide erwischen sich über der
nämlichen, gleich starken oder gleich schwachen unmoralischen Regung:
dieser verzieht die Mundwinkel, jener beißt die Zähne aufeinander, der
eine lächelt schmerzlich: schon wieder +einmal+! der andere murmelt
nicht ohne Ingrimm über die eigene Gemeinheit: +immer+ wieder! Der
erste begnadigt sich gerne, lange schont er die eigene Empfindlichkeit,
nur von Zeit zu Zeit geht er zur Beichte, zu der ihrem Wesen nach
immer die Absolution gehört. Der andere zerfasert sich, schweigend,
unbarmherzig, wenn auch seine Eitelkeit dabei noch wächst[36] (denn der
Wille zum Wert wird durch jede negative Wertung der eigenen Person nur
noch heftiger), er richtet und verfemt sich immerwährend. Jener hat das
Bedürfnis nach der Position, dieser nach der Negation überhaupt; der
Philautische bejaht, der Misautische verneint sich und die Welt.[37]
Der philautische Mensch ist der starke und beständige Erotiker. Um
andere Menschen zu lieben oder zu hassen, muß man zuerst sich selbst
lieben oder hassen. Man liebt und man haßt nur, womit man irgend eine
Ähnlichkeit hat; womit er gar keine hat, das kann der Mann höchstens
+fürchten+ (das alte Weib ist jene Frau, die der Mann gar nicht
versteht und nur fürchtet) ebenso wie er — die andere Grenze — das
fürchtet, womit er vollkommen übereinstimmt (den Doppelgänger). Die
Selbsthasser freilich werden immer von sich sagen, sie könnten nur
einen Menschen lieben, der gar keine Ähnlichkeit mit ihnen habe, und
behaupten, die Liebe sei nichts als ein Versuch von sich loszukommen —
weil sie überhaupt nicht lieben können, und doch das stärkste Bedürfnis
danach haben zu lieben. Womit sie Ähnlichkeit haben, das können sie
aber nur hassen, und so +versuchen+ sie ihr Liebesbedürfnis an solchen
zu befriedigen, die ihnen nicht gleichen; ohne daß ihnen dies der
Natur der Sache nach je gelingen kann. Etwas lieben heißt: ihm Seele
schenken, die eigene Seele völlig +in+ es projizieren, allen +Wert
auf+ es häufen: dazu muß es indifferent oder ähnlich sein, aber nicht
entgegengesetzt. Und noch dies: wie käme der Negativist zum +Kinde+,
das die +Position+ in der Liebe direkt +verkörpert+? Wie der niedere
Sexualtrieb das Leben bejaht, setzt, so ist Liebe höchste Position,
Bejahung des höheren, ewigen Lebens, und so erscheint sie im Evangelium
Christi. Wer liebt, liebt überhaupt; wer haßt, haßt überhaupt; wer
bejaht, bejaht überhaupt; wer verneint, verneint überhaupt. Dies ist
nicht so zu verstehen, als wäre dem Selbsthasser die Verneinung mehr
denn ein Durchgangspunkt zur Bejahung. Es gibt keinen großen Menschen,
der nicht zuletzt doch +bejahte+. Dies ist auch der letzte Grund, warum
es ungeachtet des einleitend Bemerkten kein Genie gibt, das nicht
+produktiv+ wäre. Auch aus der Liebe zu den Ideen und ihrer Bejahung,
in der +Platon+ und Schopenhauer das Wesen der Genialität am tiefsten
erkannt haben, entstehen +Kinder+. Dem Selbsthaß des misautischen
Typus ist die Verneinung nie Selbstzweck, sondern nur Mittel,[38] um
das wahrhaft Liebenswerte und nichts vor diesem zu lieben. Nur vermag
er nichts anderes zu bejahen als die Ewigkeit. Er kann nicht ein
konkretes Weib lieben, und so oft er auch Ansätze dazu macht, d. h. zu
lieben, sich in der Leidenschaft zu bestärken versucht, er fällt immer
in Kürze aus ihr heraus: er kann nicht lieben.
Nur der philautische Mensch ist deshalb auch im eigentlichen, engeren
Sinne +Vater+, er hat das Bedürfnis nach dem leiblichen Kinde, denn
er will +sich+ mit +allen+ seinen Eigentümlichkeiten, auch mit
seiner Subjektivität, seiner äußeren und inneren +Erscheinung im
Kinde wiederfinden+. Sogar zu seinen geistigen Schöpfungen hat der
extreme Selbsthasser kein rechtes warmes, inniges Verhältnis. Denn
die Vaterschaft kann sich auch auf das Geistige erstrecken. Ja, der
+Lehrer+ ist recht eigentlich der Typus des Vaters, wie dieser der
Verbreiter und Förderer der +Gleichheit+, nur im Intellektuellen noch
außer dem rein Körperlichen. Daß der Mann im Weibe nur sich liebt,
darauf komme ich noch zurück; aber auch sein Kind ist nur soweit sein
Kind, als es er selbst ist.[39] Die Vaterschaft, deren Deduktion ich
hier gegeben, und deren Zusammenhang mit der Liebe ich begründet habe,
ist natürlich jene, die ein dauerndes psychisches Bedürfnis befriedigt,
und muß mehr bedeuten als bloße akzidentielle „Paternité“.
Es ist aber möglich, noch einen Schritt weiter, tiefer in dieser Sache
zu tun. Man gedenke der Rolle, welche die Idee der Vaterschaft im
„+Neuen Testamente+“ spielt. Gott als der Vater der Menschen: so hatten
die Juden ihren Gott nicht empfunden. Ihnen war er der Herr, und sie
seine Diener, die er schalt oder belohnte, je nach ihrer Leistung.
In den Evangelien steht die neue Idee in engster Beziehung zu jenen
beiden anderen christlichen, unjüdischen Ideen der Liebe und des ewigen
Lebens, und hiermit erfährt die dargelegte Auffassung der Vaterschaft
eine neue Bestätigung. „Ich bin das Brot des Lebens“, sagt die Gottheit
des Johannesevangeliums (6, 35). +Jesus Christus+ aber gehörte nicht zu
jenen Menschen, die sich samt ihrer Subjektivität lieben. Im Evangelium
des Lukas (14, 26) heißt es: „So jemand zu mir kommt und haßt nicht
seinen Vater, Mutter, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein
eigenes Ich,[40] der kann nicht mein Jünger sein.“ Sicherlich hat
sich nie ein Mensch sowenig als +Vater+ gefühlt wie der Stifter des
Christentums; +als der Sohn+ bedurfte er vielleicht gerade darum der
Gottheit in der besonderen Gestalt des liebenden Vaters. Jesus ist auch
nicht Lehrer von Beruf, wie es etwa Sokrates in eminentem Sinne war.
„Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ „Fasse das Wort, wer es fassen
mag“ — so spricht kein Lehrer. Man sieht, wie Vaterschaft, Lehrertum,
Philautie immer miteinander da sind oder fehlen.
Wer sich als Sohn fühlt, kann sich nur hassen; den Sohn nämlich trieb
es, Sohn zu werden, +sich zeugen zu lassen+, als empirisch beschränktes
Subjekt zu entstehen. All dies Subjektive rechnet er sich zu, und darum
haßt er sich. Der Sohn weiß sich ewig unfrei, so wie er das eigene
Wollen aufgab und eine Stütze suchte, als er geboren wurde.
+So erweitern sich die Typen des sich selbst liebenden und des sich
selbst hassenden Menschen zu den Ideen des Vaters und des Sohnes.+
Daß es Väter und daß es Söhne gibt, ist im tiefsten Sinne nur einer
der Ausdrücke des Dualismus im Wesen der Welt. Söhne Gottes sind
die Menschen als geistige Wesen, wie Söhne leiblicher Menschen als
Erdenkinder: genau gesprochen freilich bloß die Männer. Denn Gott
hat keine Töchter; und nur insofern bedarf die Vorstellung der
Gotteskindschaft einer Korrektur. Der Sohn kann zur Freiheit nur
auferstehen, indem er zum Vater emporsteigt, selbst aufhört bloß Sohn
zu sein, und wieder eins mit dem Vater wird.
* * * * *
Der philautische Mensch kann auch hassen; er haßt nämlich, was ihn
im Lieben stört .... er ist der „Ästhet“. Der Selbsthasser dagegen
kann nicht lieben, was irgend sinnfällig wird. Im extremen Falle wird
ihm auch der Geschlechtsakt völlig unmöglich. Er ist also sicher
viel unglücklicher als der andere. Zum philautischen Typus, der den
Kasteiungen eines Menschen jene wesentlich zartere Form gibt — er ist
auch eine Bedingung der Abfassung einer Selbstbiographie — gehören
in extremstem Maße Shakespeare und Sophokles, besonders der erstere.
Goethe ist nicht rein philautisch — manche Stellen im Faust bezeugen
es, wie falsch es wäre, ihn ohne weiteres diesem Typus einzureihen.[41]
Man läßt sich überhaupt täuschen, wenn man in Goethe einen harmonischen
Menschen vermutet, wie dies seit Heine üblich ist und heute bis
zum Überdruß wiederholt wird. Goethe war viel eher einer der
unglücklichsten Menschen, die es je gegeben hat, und darum schamhafter
und strenger im Verbergen seines Unglückes als so viele andere. — Der
Mensch, der sich selbst am meisten gehaßt hat, dürfte Nietzsche gewesen
sein. Sein Haß gegen Wagner und gegen die Askese, sein Hinüberwollen
zu Bizet und Gottfried Keller war ja nur ein Haß gegen den Wagnerianer
und Asketen und den +gänzlich unidyllischen Menschen+, der er selbst
war. Der Selbsthaß steht gewiß moralisch höher als die Selbstliebe.
Schlimm ist also die Unaufrichtigkeit, mit der Nietzsche tat, als wäre
ihm jener Übergang (die „Genesung“ von Wagner, seiner „Krankheit“)
gelungen — es ist dies nicht die einzige Pose, die Nietzsche vor allen
anderen und vor sich selbst angenommen hat.[42] Pascal, der sich gewiß
furchtbar gehaßt hat, steht hier hoch über Nietzsche — er ist auch
sonst nie so flach, wie Nietzsche manchesmal sein kann. Während jener
es doch offen als Grundsatz auszusprechen vermochte, jenes „Le moi
est haïssable“ (Pensées I, 9, 23), hat Nietzsche sogar diesen seinen
eigenen Haß gegen sich selbst verleugnet, und — so haßte er sich —
verleumdet, heruntergesetzt: freilich nur als Eigenschaft Pascals.
Nur an einer Stelle wird Zarathustra hierüber aufrichtig: in dem
herrlichen, durchaus als ethisches Symbol zu verstehenden Liede „Vor
Sonnenaufgang“ (im III. Teile): „O Himmel über mir, du Reiner!....
+fliegen+ allein will mein ganzer Wille, in +dich+ hineinfliegen! Und
wen haßte ich mehr als ziehende Wolken und alles, was dich befleckt!
Und meinen eigenen Haß haßte ich noch, weil er dich befleckte! Den
ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden Raubkatzen: sie
nehmen dir und mir, was uns gemein ist — das ungeheuere, unbegrenzte
Ja- und Amensagen.“
Gerade bei Nietzsche entsprang der Haß gegen sich selbst dem stärksten
Willen zur Bejahung. In ihm konnte darum dieser Haß schöpferisch und
tragisch werden. Schöpferisch — denn er hieß ihn nach dem suchen, was
er an Schopenhauer vermißte, er zwang ihn zur Abkehr von diesem, der
ihn Kant nicht kennen gelehrt hatte. Tragisch — denn er war nicht
groß genug, um sich selbständig aus einer eigenen Kraft in Reinheit
zu +Kant+ durchzuringen, den er nie gelesen hatte. Darum ist er nie
bis zur +Religion+ gelangt: als er das Leben am leidenschaftlichsten
bejahte, da verneinte das Leben ihn — jenes Leben nämlich, das sich
nicht belügen läßt. Aus dem Mangel an Religion erklärt sich Nietzsches
Untergang. Ein Mensch kann an nichts anderem zugrunde gehen als an
einem Mangel an Religion; am fürchterlichsten zeigt dies der Genius.
Denn der geniale Mensch ist der frömmste Mensch, und verläßt ihn die
+Frömmigkeit+, so hat ihn das Genie verlassen. Nicht ohne tiefen Grund
war Nietzsche der „Gewissenlose des Geistes“ Problem geworden: der
„Gewissenlose des Geistes“, das ist der „geistreiche“ Mensch, und der
„geistreiche“ Mensch war die Gefahr Nietzsches und der Abgrund, der
ihn schließlich hinabzog. Hätte er es sonst für nötig gehalten, es
immer ausdrücklich zu betonen, wenn er einmal etwas ernst meinte, und
ernst genommen wirklich sehen wollte? Was Nietzsche fehlte, war die
+Gnade+; aber ohne Gnade ist die Einsamkeit auch von Zarathustra nicht
zu tragen. So war ihm die Logik kein einzig teuerstes Gut, sondern
ein Zwang von außen (denn er fühlte sich zu schwach, um nicht überall
Gefahr zu wittern); wer aber die Logik negiert, den hat sie bereits
verlassen, der ist auf dem Wege zum Irrsinn.
Das volle Gegenteil Nietzsches sonst, war doch auch Spinoza sowie
Nietzsche ein Hasser seiner selbst. In ihm aber ist es nicht der
Haß, der irgendwie schöpferisch oder tragisch geworden ist. Nicht
schöpferisch — denn das Problem der Willensfreiheit, zu dem der
höhere Mensch durch den Haß gegen sich selbst geleitet wird, hat
niemand sowenig verstanden, niemand dieses Problem als Ganzes so rüde
und intolerant zurückgewiesen wie er (Ethik I 32, II 35, 48, III 2).
Nicht tragisch — denn Spinozas Weltanschauung war kein mutiger offener
Glaube, sondern ein System von Schutzmaßregeln, mit dem er sich
umgeben, hinter dem er wie mit Stacheldraht ein feiges Ruhebedürfnis
verschanzt hatte.
Ganz unfähig des Hasses gegen sich selbst scheinen die Frauen zu
sein. Sie lieben sich aber auch nicht, sie sind nur, aber das immer,
+verliebt in sich+. Die Mutter hat keineswegs, wenn das Kind +ihr+
gleicht, jene Freude, die der Vater im anderen Falle empfindet.
Männer, die sich entschieden gehaßt haben, waren Michel Angelo und
Beethoven, die gewiß, nicht weniger als Pascal und Nietzsche, beide
vollkommen keusch gelebt haben; Beethoven mit einem fast ebenso großen
und ebenso ungestillten Bedürfnis, das Weib zu finden, das er lieben
könne, wie Nietzsche. Dagegen hat sich Mozart immer, haben Jean Paul
und Richard Wagner meistens sich geliebt; Humor ist überhaupt ein
Zeichen von Liebe, Satire eines von Haß gegen sich selbst und überhaupt
— denn der Humor ist selbst nur eine gut verkleidete Erotik. Von
Philosophen, die sich geliebt haben, nenne ich Sokrates (den Lehrer)
und Fechner, weniger schon Leibniz, noch weniger Platon; von Künstlern,
die dem misautischen Typus angehören, Grillparzer und Rembrandt.
Bei einem Manne wie Kant versagt aber wohl diese Einteilung,
so umfassend sie auch sonst Anwendung finden mag: bei solchen
Erscheinungen ohne alle Subjektivität fehlt sicherlich auch jede Weise,
in der auf eine solche reagiert werden könnte.
Es mag auch in +demselben+ Menschen +beides+ sein und miteinander
abwechseln: Complaisance und Nachsicht, wie Mißgunst und Unduldsamkeit
gegen moralisch Indifferentes in sich. Dies wird sogar die Regel bilden.
Die Selbsthasser sind die größten Selbstbeobachter. Alle
Selbstbeobachtung ist ein Phänomen des Hasser: ihr Wort heißt:
ertappen. Sie sind die unpathetischesten, weil schamvollsten Menschen,
die Menschen, denen Pathos überhaupt und in unangenehmer Weise
+auffällt+. Eine ganz einfache Rede ist ihnen unmöglich, weil sie
unter ihrem ganzen Selbst immer und ewig +leiden+, und dieses Leiden
verleugnen müßten, wenn sie pathetisch werden sollten. Der misautische
Mensch erträgt aus diesem Grunde die Einsamkeit so unendlich viel
schwerer als der philautische; und doch sind keine Zweisamkeits- und
Mehrsamkeitsversuche so unglücklich wie die seinen. Denn er leidet
an dem furchtbarsten Geschick, das einen guten Menschen treffen
kann: keinen anderen Menschen wirklich +lieben+ zu können. Ihr Wesen
kann nämlich nie frei hinausströmen, überströmen in ein anderes, das
sie lieben möchten, das sie liebt! So furchtbar ist +ihnen+ ihr Ich
immerwährend gegeben. Sie gleichen einem Hause mit ewig verschlossenen
Fensterläden: das Licht der Sonne würde wohl auch dieses Haus erwärmen
und bescheinen mögen; aber das Haus tut sich nicht auf: scheinbar
mürrisch, hart, abweisend, bitter verbittet es sich das Licht;
erschrickt es vor dem Glücke. Wie es im Hause ausschaut? Eine wild
verzweifelte Geschäftigkeit, ein langsam-furchtsam Erkennen in der
Finsternis, ein ewiges Zurechtstellen der Dinge — da drinnen. Man frage
sie nicht, wie es im Hause ausschaut.
Ein Mann, der den „Peer Gynt“ geschrieben hat, kann nur ein
Selbsthasser sein. Das Gedicht war persönlich für Ibsen[43] gewiß
ursprünglich als die +Tragödie der Eitelkeit+ (im Salomonischen
allgemeinsten Sinne) gedacht, und erst allmählich ist es Ibsen klar
geworden, daß alle Eitelkeit vor anderen, alle primäre Rücksicht auf
andere das Aufgeben des eigenen Selbstes und des Wertes vor sich selbst
zur Bedingung hat.
Der lange Exkurs aber, von dem ich nun wieder zum „Peer Gynt“
zurückgekehrt bin, und zu dessen prinzipieller Rechtfertigung auch die
einleitenden Betrachtungen über das gesteigerte moralische Innenleben
großer Menschen dienen sollten, war notwendig, um zum Verständnis jener
Schöpfung des Dichters zu verhelfen, die ich bisher noch nicht erwähnt
habe, obwohl im ganzen vielinterpretierten „Peer Gynt“ +sie+ am meisten
zu raten gegeben hat, ohne daß irgend eine Deutung die Deuter selbst
befriedigt hätte. „Der große Krumme“, die rätselhafteste und zugleich
originellste Gestalt der Dichtung,[44] wird uns jetzt soweit klar,
als er es seiner besonderen Natur nach überhaupt zu werden vermag. Der
„große Krumme“ spielt die wichtigste Rolle im zweiten und im fünften
Akte: beide Mal wird er, dies ist wohl zu beachten, durch Solveig
besiegt. Er ist die Gewalt, welche den Menschen immer wieder treulos
gegen sich selbst werden läßt, ihn immer wieder +eitel+ zeigt, ja,
wenn er sich noch so unbarmherzig aufgewühlt und gezüchtigt hat, ihn
in den letzten Falten seines Innern wieder die nicht ausgetriebene,
unversehrte Eitelkeit, sich gleich geblieben, am gleichen Platze, mit
gleichem Besitzstande gewahren läßt:
„Hin und zurück — ist ebenso weit!
Draußen und drinnen — ebenso breit!
Da ist er! Dort! Rings, wo ich mich weise!
Wähn’ ich mich draußen, steh’ ich mitten im Kreise!“[45]
Als Kind hörte ich einen Volksschullehrer der Klasse, in der ich
mich befand, folgendes über die Methode erzählen, nach der man in
Rußland die Bären töte: zwischen zwei Baumstämmen werde ein Holzblock
aufgehängt; um zwischen ihnen hindurchzukommen, müsse der Bär den
Balken zur Seite stoßen, der nun, vom Baumstamme reflektiert, mit um
so größerer Kraft seinen Schädel wieder treffe, worauf der Bär gereizt
und in Wut dasselbe solange wiederhole, bis ein stärkster Stoß seinen
Schädel zerschmettere. Ibsen hätte auch diese Geschichte als Gleichnis
für das benützen können, was er ausdrücken wollte. Der „große Krumme“
ist die ganze Kraft des empirischen Ich, mit welcher es gegen das
intelligible sich immer wieder erhebt, obwohl dieses noch eben völlig
endgültig gesiegt zu haben vermeinte; und zugleich die Stimme, mit der
es dem anderen nach immer erneutem Rückfall zurät, den hoffnungslosen,
sinnlosen Kampf zu lassen. Daher die selbstsichere Ironie, mit welcher
der Krumme dem tobenden Assaut Peer Gynts begegnet, ihn herumgehen
heißt, ihn auffordert, sich mit ihm abzufinden, weiterzuziehen und
ihn sein zu lassen, statt die unbezwingliche Festung im Sturme nehmen
zu wollen. +Der Krumme ist das die Erlösung negierende Prinzip
überhaupt+; in ihm hat Ibsen den großen Verneiner in sich selbst zu
fassen gesucht. Man mag ihn die Bequemlichkeit, die Trägheit, das Band
zwischen Seele und Körper nennen (er siegt ohne Schwertstreich, und
+allmählich+): jedenfalls ist er das, was Ibsen in sich durchbrechen
wollte, als er diesen Peer Gynt, +seinen+ Peer Gynt, festlegte. Aber er
hat es selbst gefühlt: +vor+ dem Tode werden wir mit ihm nicht fertig.
Hiermit sehen wir uns nun noch einmal zum Sinne der ganzen Dichtung, zu
der Antwort, die Ibsen für seine Frage hat, zurückgeführt. In dieser
Schlußszene des „Peer Gynt“ kann man die beiden Hauptprobleme seines
Denkens und Schaffens zusammenlaufend finden. Einerseits das Problem
Wahrheit—Lüge. So wohlbegründet und befriedigend die Deutung mir
scheint, die ich dem Krummen gegeben habe, er vertritt doch noch eine
andere Idee. Die Symbole des wahren Künstlers sind keine Allegorien,
nicht mit Personennamen behängte Personifikationen scharf definierter,
eindeutiger, philosophischer Begriffe, in die Sprache eines bestimmten
philosophischen Systems zurückzuübersetzen, sobald nur der Schlüssel
der Chiffrenschrift gefunden ist. Was der Dichter bei seinen Symbolen
unmittelbar geschaut und gefühlt hat, dem vermag der Philosoph nur
langsam und mit vieler Vorsicht nachzukommen. Der Krumme, den Peer Gynt
zeitlebens nie durchbrochen hat, weil er nie +geradeaus+ gegangen ist:
dieser Krumme ist zugleich die +Lüge+.
Daß der Mensch in diesem Leben nie in völliger +Wahrheit+ leben kann,
daß ihn von ihr immer etwas trennt, diesen Rest von Lüge, Irrtum,
Feigheit, Verstocktheit hat Ibsen im Krummen mit angedeutet.[46]
Das volle Schauen der Wahrheit ist im jenseitigen Leben möglich;
nach ihr kann im Diesseits nur immer gestrebt, erst mit dem Tode der
Krumme bezwungen werden. Es ist also nur eine andere Differenzierung
derselben Idee der Erlösungshemmung, die in dieser Seite des Krummen
zum Ausdruck gelangt ist. Peer Gynt steht da unvergleichlich höher
als der Hjalmar der „Wildente“, der in der Lüge selbstzufrieden ist,
die Wahrheitsforderung eigentlich als eine persönliche Beleidigung
empfindet, als ein Ansinnen, das ihm von anderer Seite gestellt worden
ist, und wenn sie ihm aufgedrängt wird, sie nur äußerlich akzeptiert,
um in der Lüge um so ungestörter weiterleben zu können; der das Unglück
posiert und die kleinen Widerwärtigkeiten seines kleinen Lebens als ein
Unrecht des Schicksals seiner Person gegenüber empfindet, ja sie den
anderen Menschen zum Vorwurfe macht. Hjalmar ist der absolut atragische
Mensch; das ist Peer Gynt durchaus nicht. Im Gegenteil, das ganze
Drama ist fast vollständig ausgefüllt von dem +Problem des Subjektes+,
sein Held selbst meistens mit dieser Kardinalfrage beschäftigt.
Der „Peer Gynt“ entspricht darum der Idee, +welche im Gedanken der
Tragödie liegt+, der Darstellung der suchenden und kämpfenden, irrenden
und fehlenden, zum Schuldbewußtsein gelangenden und nach Erlösung
ringenden Individualität so vollkommen wie keine andere Dichtung der
Weltliteratur.
Peer Gynt will von der Lüge, die mit dem Leben unauflöslich verbunden
ist — es gibt keinen noch so heiligen Menschen, der nicht zur Notlüge
wieder und wieder sich gezwungen sähe, und die Notlüge ist moralisch
unentschuldbar wie jede andere — Peer Gynt will von der Lebenslüge
loskommen, und er kann es nicht. Die Erlösung wird, trotz allem
Krummen, endlich herbeigeführt durch das Weib. Und hier liegt das
zweite Hauptproblem Ibsens: +das Problem der Erlösung mit Rücksicht
auf Mann und Weib. Wie verhält sich die Frau und die Liebe zur
Frau mit Bezug auf das Menschheitsproblem überhaupt?+ das ist die
Frage, die Ibsen in den letzten dreißig Jahren seines Schaffens fast
unablässig beschäftigt hat. Nicht die simple Frauenfrage in ihrem
vulgären Aspekte, die gleiche Begabung und die gleichen politischen
Rechte sind es, die Ibsen am Herzen liegen, er ist nie ein Anwalt der
einzelnen Frau oder der Gesamtheit der lebenden Frauen gewesen; und
die Geringschätzung Ibsens, die immer mehr in Mode kommt, ist zwar
psychologisch begreiflich — man findet unwillkürlich durch die Hinweise
der Frauen auf ihren angeblichen Schätzer den Schätzer selbst ein wenig
bloßgestellt — aber sie ist gänzlich ungerechtfertigt und Beweis eines
sehr vorschnellen Parallelisierens.
Wenn die Frauen den Dichter für sich reklamieren, so mag ihnen dies
nachgesehen werden; er ist zu männlich durch und durch, als daß sie
in ein wirkliches Verhältnis zu seinen Werken treten und seine wahre
Absicht erfassen könnten. Nicht so sehr die gleichen +Rechte+, als die
gleichen +Pflichten+ hat Ibsen für das Weib gefordert — und Pflicht ist
+der+ absolut unweibliche Begriff.
In „Peer Gynt“ wird der Mann durch das Weib emporgezogen, d. h.
vielmehr, +er+ läßt sich emporziehen. Nichts ist so lächerlich und
so gemein, wie die Auffassung, als könnte die bloße Passivität des
Geliebtwerdens irgend einen Einfluß auf das Schicksal der Moralität
des Individuums gewinnen, seine endgültige Wertung als gut oder böse
umwerten. Jemandem, der viel geliebt hat, mag vergeben werden, aber
nimmermehr auch nur einem Menschen, weil er, wenn auch noch soviel,
geliebt worden ist. Diese Flachheiten sind jedoch der offiziellen
Ibsen- und Wagner-Interpretation so geläufig, daß man leider nicht an
ihnen schweigend vorübergehen kann. Sie verrammeln vollständig das
Verständnis der Erlösung durch die Liebe, und das logische Mysterium
wird zur paradoxen Sentimentalität. Beschämend genug ist es, der tiefen
Auffassung der Erotik, die Ibsen gerade im „Peer Gynt“ offenbart,
nichts anderes gegenüberstellen zu können, als diese gangbare
Auslegung. Wenn auch Ibsen im „Peer Gynt“ noch ungemein kurz und dunkel
ist, so leuchtet doch auch schon hier die Anschauung hervor, die er
in seinen späteren Werken kräftiger angedeutet hat. Die Liebe und die
Möglichkeit der Erlösung durch sie besteht gerade im „Peer Gynt“ nur
darin, daß der Mann sein besseres Selbst, alles, +was er lieben möchte
und in sich nicht lieben kann, weil es da nicht unvermischt vorhanden
ist, auf die Frau projiziert und durch diese Trennung leichter in
ein wollendes, strebendes Verhältnis zur Idee der Schönheit und des
Guten und Wahren gelangt+.[47] Dies ist der tiefe psychologische Grund
für jenen Akt des männlichen Egoismus, der an die Frau viel höhere
moralische Anforderungen stellt als an den Mann — moralisch natürlich
nur dem äußeren Scheine nach als Befriedigung des Illusionsbedürfnisses
— die tiefe Wurzel des Postulates der Reinheit, der Virginität für
die Frau. Ein ähnliches Projektionsphänomen wie für die Liebe gilt
für den Haß: Der Teufel ist die geniale objektive Existenzialisierung
eines Gedankens, welcher den Kampf mit dem Bösen der eigenen Brust
Millionen von Menschen erleichtert hat, indem sie den Feind außer sich
setzten und sich eben hierdurch von ihm +unterschieden+ und +schieden+.
Ein metaphysischer Akt der Projektion ist wohl demnach die allgemeine
Wurzel alles Dualismus in der Welt: Gott will sich im Menschen finden.
Der Dualismus muß sein, weil sonst der Monismus, das Streben nach ihm,
sinnlos, ein leeres Wort ist.
Im „Peer Gynt“ spielt das Weib keine andere Rolle, als die der
Erlöserin für den Mann; sie hat kein selbständiges Leben, als die
Funktion, die ihr der Mann erteilt. Sie wird +ent+seelt, um beseelt,
gemordet, um belebt zu werden. Hier liegt der seit Novalis von so
vielen gesuchte Grund, warum Sexualität mit Grausamkeit assoziiert ist.
Wie im Coitus psychisch ein dem Morde analoges Element liegt, weil die
Zeugung des Lebens mit seiner Vernichtung verwandt ist, so ist noch
in jeder, auch der höchsten Liebe eine eigentümliche +Entwirklichung+
des geliebten Menschen, um ihm die eigene höchste Wirklichkeit zu
substituieren. Hier liegt auch die Wurzel der Eifersucht, indem der
Mann auf sein Selbst, auch wenn er es in der Frau lokalisiert hat,
immer noch ein Recht zu besitzen glaubt.[48] Darum hat Constant
recht, wenn er die Liebe, die doch das altruistische Gefühl an sich
zu repräsentieren scheint, „de tous les sentiments le plus égoïste“
nennt. +Liebe, d. h.: Sich selbst will der Mann auf dem Umwege der
Frau wiederfinden.+ Darum beginnt die Liebe so oft mit Kasteiungen,
Selbstvorwürfen, Selbsterniedrigungen und belebt das Schuldbewußtsein.
Das Weib ist der höchsten, wie der niedersten Erotik eben doch nur
Mittel zum Zweck.
Dieses Unrecht, das gerade der liebende Mann an der Frau begeht, hat
Ibsen schon im „Peer Gynt“ gefühlt; allerdings geißelt er dort die
sinnliche Form, um ihr die geistige gegenüberzustellen und ironisiert
vor allem den seelenlosen Peer, der seinem Mädchen Anitra Seele noch
schenken zu können vermeint.
„Jugend! Jugend! Herrschend, thronend,
Wie ein Sultan, heil und heiß —
Nicht durch Gyntianas Banken,
Unter Palmenlaub und Ranken —
Sondern weil in den Gedanken
Einer reinen Jungfrau wohnend! —
Wirst Du nun noch zweifelnd fragen,
Kind, warum ich Dich erküret,
Gnädiglich Dein Herz gerühret,
+Dort+ gegründet, sozusagen
Meines Wesens Kalifat?
Deine Sehnsucht will ich haben,
Allgewalt in meinem Staat!
Du sollst sein allein die Meine.
Peer mit seinem Geist und Gaben
Sei Dir mehr denn Gold und Steine.
Scheiden wir, so ist das Leben
Ausgelebt — das heißt, das Deine!
All Dein Du, inbrünstiglich,
Willenlos mir hingegeben,
Sei erfüllt von meinem Ich.“
Aber +alles+ Verhältnis des Mannes zur Frau ist +Enteignung+,
Entrechtung, soweit es erotisch ist. Das ist Ibsen später klar
geworden; der erste Schritt hierzu ist im „Puppenheim“ gemacht. Man
hat die Nora für das Wahlrecht der Frauen nutzbar gemacht und Ibsen,
den Mann, der Zeit seines Lebens weniger als alle anderen Künstler vor
und seit ihm sich selbst über das Weib zu belügen versucht hat, zum
typischen Vertreter der psychologischen Gleichheitslehre gestempelt,
den Schöpfer der Hedda Gabler das lebende Weib (seinen tatsächlichen
Qualitäten nach) ebenso hoch einschätzen lassen, wie den Mann. +Darin
liegt aber gerade die ganze sittliche Größe Ibsens und sein reiner
Heroismus+, daß er vom Manne verlangt, das Weib als selbständiges
menschliches Wesen zu schätzen, die Idee der Menschheit auch in der
Person des Weibes zu ehren, es nicht, wie in jeder Erotik, bloß als
Mittel zum Zweck zu gebrauchen, =obwohl= +die Realität gerade dem
von der erotischen Dunstwolke ungetrübten Blicke+ die =Achtung= vor
dem Weibe — die das Weib der Wirklichkeit vom Manne freilich gar nie
verlangt — so sehr erschwert.
So ist auch seine Nora nichts Wirkliches und die berühmte Umwandlung
von der kindischen, verlogenen und genäschigen Schwätzerin zum
Menschen mit freiem Entschluß kein ableitbarer Charakterzug irgend
einer wirklichen Frau, sondern eben das +Mysterium der Umwandlung+,
welche Ibsen für das Weib aus allgemein moralischem Grunde
notwendig scheint. In der Nora +begrüßt+ Ibsen die erste weibliche
Individualität, er zeigt, wie die Frau handeln +sollte+, nicht wie sie
wirklich handelt. Die Veränderung in Nora ist eben +das Wunder+, aus
dem früheren durchaus unbegreiflich; und niemand mißversteht dieses
Schauspiel so gründlich, als gerade der, welcher den Umschlag zu
vermitteln und aus der Nora der ersten Akte zu motivieren sucht. In
der „Frau vom Meer“, welche endlich in Freiheit wählen darf und kann,
hierdurch vom äußeren sinnlichen Zwange sich befreit, aber zugleich
die Verantwortung und somit die Pflicht auf sich nimmt, kehrt das
Nora-Problem wieder. „Rosmersholm“ bezeichnet nach dem „Peer Gynt“ den
zweiten Gipfel der Entwicklung, die Ibsens Gedanken über seine Probleme
genommen haben. Zum zweiten Mal kehrt er zum Problem der Erlösung
in seinem Verhältnis zum Problem der Geschlechtsliebe zurück. Hier
liegt aber die Sache schon sehr viel anders als im „Peer Gynt“. Die
Wiedergeburt erfährt vor allem das Weib unter dem Einfluß des Mannes.
Rosmersholm, das ist symbolisch die Burg der reinen Sittenstrenge, die
Stätte der moralischen Güter, habe sie gebrochen, ihre wilden Triebe
bezwungen, sagt die ehemals gänzlich =a=moralische Rebekka. Aber
auch sie hat auf Rosmer im ganzen doch einen läuternden, reinigenden
Einfluß zur Befreiung seines reinen Selbst geübt, und ihr junges
Schuldbewußtsein ist fast heftiger als die Reue Rosmers über seine
unbewußte Begünstigung ihres Vorgehens gegen Beate. So schließt die
Dichtung mit der Frage: „Das eine sag mir noch, gehst Du mit mir, oder
gehe ich mit Dir?“ und die Antwort, die Ibsen darauf gibt, lautet: „Der
Frage werden wir wohl in Ewigkeit nicht auf den Grund kommen.“
Aber auch hier auf dieser zweiten Stufe ist Ibsen nicht stehen
geblieben. In „Klein Eyolf“ wird das Schuldproblem an Rosmersholm neu
aufgenommen. Hier handelt es sich aber nicht um eine Beate, nicht um
die frühere Frau, wie in Rosmersholm, sondern — ein anderer tiefer
Gedanke — um das Kind, welches gemordet worden ist. Das Ganze ist
sinnbildlich zu verstehen: aus sündhafter Erotik kann nichts Ewiges
erwachsen, in ihr liegt bereits Mord, Mord des Kindes; der Coitus,
der das Leben zeugt, zeugt auch den Tod, dem in Sünde Entstandenes
notwendig verfallen muß. Die Immoralität der Zeugung in der Lust, der
Zusammenhang von Tod und Geburt, die Verschuldung der Eltern am Kinde,
das leichthin in die Welt gesetzt wird, ohne vorher als Person ins Auge
gefaßt worden zu sein, dies ist die Sünde, die über der Ehe von Alfred
und Rita schwebt, welche die menschliche Ehe überhaupt repräsentiert.
(Eyolf wird in derselben Stunde zum Krüppel, da seine Eltern die
wildeste Wollust auskosten.)
Das Schuldbewußtsein, zu dem Rita schließlich erwacht, erklärt sie
gänzlich für Alfreds Werk; doch er selbst wird zuletzt durch ihre
aufrichtige Buße vor Verhärtung bewahrt. Produktion, Arbeit als das
Kind reiner Liebe ist das Ziel, zu dem sich beide nunmehr vereinigen.
Zum letzten Mal erscheint das ganze Problem der Wiedergeburt beider,
des Mannes und Weibes, im Epilog: „Wenn wir Toten erwachen.“ Ibsen
nennt es das letzte Wort, das er zu der Frage zu sagen hat; und ein
Mann von fast zweiundsiebzig Jahren mußte wissen, warum er es so
genannt hat. Wir haben also hier den Kulminationspunkt der dritten
Phase seines Denkens vor uns, den endgiltigen Abschluß der Aufgabe,
der seine Lebensarbeit galt. Auch hier die Dreiheit von Mann, Weib und
Kind: es wird aber jetzt offen ausgesprochen, daß der Mann das Weib
als selbständiges metaphysisches Wesen, als Seele, tötet, indem er es
liebt, weil dieser Liebe das Weib nur Werkzeug ist, mit dem er leichter
Arbeit an sich verrichte. Dieser Mord, den alle Liebe verübt, +muß+
sich +rächen+; die +Furcht des liebenden Mörders+ heißt +Eifersucht+,
seine Reue ist das rätselhafte Schuldbewußtsein, das jeder Mann dem
geliebten Weibe gegenüber empfindet; es gibt aber Furcht und Schuld nur
wegen frei von der Person selbst verübten Unrechtes. Das Gefühl, daß er
einen Mord verübt hat, lastet dumpf und dunkel auf dem Bildhauer Rubek,
und darum stellt er sich als einen schuldbeladenen, die Reinwaschung
suchenden Mann an der Sündenquelle in Stein dar. Aber man verneint
überhaupt, und man mordet auch überhaupt, zugleich sich selbst +mit+
und +in+ dem anderen. Rubek hat in sich selbst den Quell des höheren
Lebens verstopft, da er in Irene die Seele tötete. Er muß nun selbst
wieder zum höheren Leben erwachen. Der Sinn ist hier der gleiche wie
die tiefere Bedeutung der von ihren Bearbeitern kaum verstandenen
schönen Sage vom armen Heinrich: der Mann kann durch die Liebe vom
Bösen (dem argen Aussatz) geheilt werden, aber dazu muß sich ein Weib
vernichten lassen; doch ist erst der +Verzicht+ des Ritters auf die
Entseelung des Weibes die moralische Tat, die ihn +wirklich einzig+
errettet. So soll nun auch Rubek nicht mehr (wie Lyngstrand in der
„Frau vom Meer“) das Weib für sich, sondern das Weib als Menschen,
als Selbstzweck +wollen+; und das Weib nicht mehr den Mann, damit er
bloß Kinder mit ihr zeuge, das Weib soll nicht mehr sich selbst, wie
bisher, als Mittel zum Zweck gebrauchen. Vom leiblichen Kinde ist die
Rede nicht mehr. Das mögen Ulfheim und Maja, die Menschen der niederen
irdischen Sphäre zeugen, die den Weg, der „durch Nacht in den Bergen“,
im „Sturmwinde der Spitzen“, zum Sonnenaufgang des höheren, ewigen
Lebens führt, nicht zu gehen wagen, weil dieser Weg das irdische Leben
kosten kann; die sich nie bereits tot gefühlt haben, um neu erwachen zu
müssen.
Ibsen glaubt also nach langem Zweifel zum Schlusse dennoch an die
Auferstehung des Weibes, an ein höheres, der niederen Sphäre entrücktes
Zusammenleben zwischen Mann und Weib, an das Sakrament der Ehe als
eines metaphysischen Symboles einer Unio mystica. Nicht ist ihm mehr
das Weib eine Paradoxie der Natur, dem Manne aufgebürdet, daß er sie
wider ihren eigenen Willen mitnehme; für ihn selbst zwar stets die
gefährlichste Gefahr, aber doch nicht ein dauerndes, ewiges Hindernis
dem Streben nach dem Ideal der höheren Menschheit. Zwar ist nach Ibsen
selbst die sublimste Erotik des Künstlers +bislang immer egoistisch+
gewesen; Mann und Weib aber können beide zur Setzung ihrer beider
als Individualität gelangen. Und +so+ ist und +nur+ so ist ihm eine
Vereinigung beider unter der Idee möglich. Das ist der Sinn von „Wenn
wir Toten erwachen“.
Einen merkwürdig analogen Entwicklungsgang wie Ibsen hat in dieser
Frage jener Mann genommen, dessen Vergleich mit ihm vielen einer
Entschuldigung zu bedürfen scheinen könnte, nämlich Richard Wagner.
Zieht man zunächst den jungen Wagner allein in Betracht, so gibt es
keine nicht-Wagnerische Dichtung, die so ganz wagnerisch wäre, wie
der „Peer Gynt“ in seinem ganz dem „Fliegenden Holländer“ und dem
„Tannhäuser“ gleichenden Schlusse mit dem Mysterium der Erlösung durch
das Weib es ist. Im „Holländer“ und im „Tannhäuser“ glaubt Wagner wie
der junge Ibsen im „Peer Gynt“ an die Erlösung des Mannes durch das
Weib, der Sehnsucht und des Leidens im Menschen durch die Liebe zu
diesem Weibe.
Die Nibelungensage hat beide, Ibsen und Wagner, in ihrer nordischen,
mythischen Form zur Erfüllung mit selbständigem Geiste gelockt (Ibsens
„Helden auf Helgeland“ oder „Nordische Heerfahrt“), während Hebbel
weit mehr Sucher als Wagner, und selbst als Ibsen, der kein sehr
tiefes Verhältnis zur +Natur+ besaß, die +zivilisiertere+ süddeutsche
Fassung[49] vorzog. Wagners „Ring des Nibelungen“ entspricht etwa wie
bei Ibsen „Rosmersholm“ der gleichen mittleren Phase im Denken beider.
Brünnhilde wird zwar jetzt von Siegfried +erweckt+ aus dem Schlafe,
der den Tod im metaphysischen Sinne symbolisiert; aber auch Siegfried
feiert erst in seiner Hochzeit mit der „heiligen Braut“ sterbend die
Vereinigung mit dem All. Es ist sozusagen die kosmische Begegnung des
männlichen und weiblichen Prinzipes im Weltall damit angedeutet. Dabei
erinnert an den „Peer Gynt“ und die am Schlusse desselben erfolgende
Identifikation der Solveig und Aase, daß Brünnhild sich auch als
Siegfrieds Mutter bezeichnet. Sie repräsentiert die Ewigkeit der
Gattung, mit der das Individuum Siegfried als „Wecker des Lebens“ die
Vereinigung eingeht.[50] Auch bei Ibsen ist die In-Eins-Setzung von
Mutter und Geliebter kein gedankenloser Versöhnungseffekt noch knapp
vor dem Tode, sondern deutet auf das hin, was Mutter und Geliebte
immer gemeinsam haben. Sicherlich steht das liebende Mädchen zu dem
Manne, den es liebt, sehr oft (wenn auch nicht immer) im Verhältnis
einer gewissen Mütterlichkeit: auch der Mann, von dem sie ein Kind
bekommen kann, +ist+ selbst schon in gewissem Sinne ihr Kind; auf der
anderen Seite wird der liebende Mann diesem Mädchen gegenüber selbst
zum Kinde und kann sie als seine Mutter apostrophieren. Es ist eben der
Genius der unsterblichen Gattung, der Peer in Solveig vor dem Tode
entgegentritt. Ibsens Meinung klingt hier an die Schopenhauers über
die Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich, das nur der Lebenswille
der Gattung sei, merklich an; später hat Ibsen diese die Logik des
einzelnen Menschenlebens negierende Weltanschauung überwunden und
ist nie mehr auf sie zurückgekommen. Im Schlusse des Peer Gynt
schillert sie aber, zum Schaden der Dichtung, ein wenig hindurch. Als
Vertreterinnen des ewigen Lebens der Gattung, das sie nur weiterzugeben
haben, erscheinen die Mütter mit jener symbolischen Weihe ausgestattet,
welche dem kindlichen Gefühle des Mannes zu Brünnhilde wie zu
Solveig eine tiefe Berechtigung verleiht. Der Tristan Wagners, der
pessimistisch ist und nicht +durch+ das Leben, sondern +aus+ dem Leben
+hinaus+ zum höheren Leben zu gelangen sucht, kann für diese Frage
nicht in Betracht kommen.
Die Zusammenfassung zweier Funktionen des Weibes, der Mutter und der
Geliebten, in einer Person erinnert aber auch an die Doppelnatur der
Kundry im „Parsifal“ Wagners. Dieser ist das Ergebnis der Revision,
welche Wagner an den Anschauungen seiner Jugend und seines Mannesalters
vorgenommen hat, und +sein+ letztes Wort in vielen Dingen sonst wie
auch im gleichen Probleme, das Ibsen in seinem Epilog zum letzten Male
behandelt hat. Dieses letzte Wort lautet aber anders als das Ibsens,
die Berichtigung, die Wagner an seinem früheren Schaffen anbringt, ist
eine weit radikalere Umkehrung der früheren Ansicht, als sie bei Ibsen
stattgefunden hat. Im Parsifal +könnte+ höchstens das Weib vom Manne
erlöst werden. Aber es will diese Erlösung nicht, es wehrt sich gegen
sie. Also hat das Weib für Wagner keine Stätte mehr im Reiche Gottes,
Kundry stirbt an der Schwelle desselben; das Weib kann als Weib nicht
weiter existieren, nachdem es den Gral geschaut hat. Es erschüttert zu
sehen, wie derselbe Wagner, der einst die Elisabeth besang, über das
Weib umgelernt hat; ohne tiefen Schmerz wird das kaum sich vollzogen
haben. Er verneint jetzt das Weib durch die Bejahung der völligen
Keuschheit des Mannes. Es ist damit seiner Funktion beraubt, +zwecklos+
geworden in der Welt, es muß +sterben+. Die Vergehung des Mannes
am Weibe, die in aller Erotik enthalten ist, hat Ibsen viel tiefer
erfaßt und viel stärker bereut als Wagner; die Sünde des Mannes wider
sich selbst, die in der Geschlechtlichkeit liegt, als dem Wunsche,
+sich+ in den Armen eines Weibes gänzlich vergessen zu können, ist das
Moment, auf welches Wagner schon im „Tannhäuser“ sehr viel und Ibsen
sehr wenig Nachdruck legt. Diese schwache Betonung der asketischen[51]
Forderung für den Mann dürfte bloß darin ihren Grund haben, daß Ibsen,
auch in seiner Kunst, eine viel weniger sinnliche Natur ist, als
Wagner, und sicherlich sein Leben lang in einem persönlich reineren
Verhältnis zu den Frauen gestanden ist, als dieser. Ob aber Ibsen die
tiefere erotische Schuld des Mannes, die ihn so stark gedrückt hat,
wie wohl niemanden vor ihm, und über die gewiß kein Mensch soviel
nachgedacht hat wie er, ob ihn diese Schuld des +Mannes+ für das nicht
mehr mißbrauchte und verachtete +Weib+ einer imaginären Zukunft nicht
+zu viel+ hat hoffen lassen; ob nicht der ganze +Sinn+ des Weibes im
+Weltall+ (wie zweifellos die Absicht jeder einzelnen konkreten Frau)
der ist, dem Manne Gelegenheit zum Schuldig-Werden zu geben; ob sie
nicht das +Objekt+ an sich verkörpert, an welchem nur das +Subjekt+
immer und ewig zum Bewußtsein seiner selbst wird gelangen können —
die Untersuchung dieser Frage überschritte denn doch zu weit die
Grenzen dieses Aufsatzes, der sich von der heute so allgemein üblichen
impressionistischen und technischen Kritik weit genug entfernt hat,
um nach Gewinnung höherer Gesichtspunkte zu streben; dessen Ziel aber
dennoch geblieben ist, den „Peer Gynt“ von Ibsen, seine größte und
darum am wenigsten verstandene Dichtung, einem weiteren Kreise von
Menschen näher zu bringen;[52] und dem keine höhere Ehrung widerfahren
könnte, als eine Kritik zu heißen, die des Kunstwerkes selbst nicht
unwürdig ist.
[19] Ohne darum weniger originell zu sein.
[20] Der immer Sokrates sprechen läßt!
[21] Kein Mensch ist je ganz er selbst, solange er auf Erden lebt: nur
der gänzlich Betörte vermag zu glauben, daß er ganz sich gefunden hat,
weil er nicht mehr sucht.
[22] Hat man wohl beachtet, was für einen Namen Ibsen für seinen Helden
gewählt hat? Peer Gynt — wie wenig +Gravitation+ liegt doch hierin.
Dieser Name ist wie ein Gummiball, der immer wieder von der Erde
aufspringt.
[23] Vgl. Evang. Marci 8, 34–36. („Wer sein Leben will behalten, der
wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinet- und des
Evangelii willen, der wird es behalten.“)
[24] Zur Annahme und Darstellung einer solchen Größe im Antimoralischen
war ich hier verpflichtet, um Ibsen nicht untreu zu werden. Ich selbst
halte Größe im Bösen für eine Fiktion (Geschlecht und Charakter, 1.
Aufl. S. 235 f.).
[25] Man hat Ibsen, den größten und tiefsten Individualisten seit Kant
für einen Sozialethiker auszugeben, den Verfasser des „Brand“, der
„Stützen der Gesellschaft“ und der „Frau vom Meer“ für die Oberhoheit
der Gesamtheit gegen die Freiheit der Individualität auszubeuten
versucht. Sicherlich ist Ibsen kein Verächter des Sozialen, der Idee
der Gesellschaft, wie es jene modernen Pseudo-Individualisten sind, die
an der allgemeinen Identifikation von Individualismus und Egoismus die
Schuld tragen; die ihre Unlust, sich durch Phänomene wie Krankheit und
Armut im Genusse der Tafel- und Bettfreuden oder auch nur im Eifer der
Zeitungslektüre und in der Wärme des Salontratsches +stören+ zu lassen,
mit dem Namen des zum Darwinisten ausgedeuteten Nietzsche decken.
Ibsens Individualismus ist viel entschiedener, weil viel geklärter als
der Nietzsches. Jedoch pflegt Ibsen +jedem+ seiner Kommentatoren auf
Fragen, die eine Legitimation für den Interpreten erreichen wollen,
+ohne Unterschied+ zu antworten, daß er ihn am besten von allen
verstanden habe, und so hat er es wahrscheinlich auch jener Auslegung
gegenüber, die ihn zum Sozialethiker stempeln wollte, nicht der Mühe
wert gefunden, ein Wort der Verwahrung zu sagen. Wie konnte man aber
auch den Mann für die Gattungsschwärmerei in Anspruch nehmen, dessen
Hauptproblem Wahrheit und Lüge, das +individual+ethische Problem κατ’
ἐξοχήν, ist!
[26] Wenn nicht schon früher (Catilina). Vgl. +Schlenther+, Ibsens
Werke, Bd. I, 1903, Einleitung S. 48.
[27] Die Frauen suchen Seele nur beim Mann, als Sexualcharakter wie
Bart und Muskelkraft, nicht für sich selbst.
[28] Vgl. Schopenhauer, Neue Paralipomena § 220.
[29] Im vierten Akte ergibt sich dann, daß es trotz dem Lauf der Jahre
bei dieser Parole geblieben ist.
[30] Erinnert sei hier an das tiefe und wahre Wort des Relling in der
„Wildente“ (5. Aufzug): „Nehmen Sie einem Durchschnittsmenschen die
Lebenslüge, so nehmen Sie ihm gleichzeitig das Glück.“
[31] Die Bedeutung Hebbels, welche in anderen Dichtungen, in seiner
„Judith“ und „Genovefa“, wie auch in seinen aphoristischen Epigrammen
viel stärker zum Ausdruck kommt, soll hiermit ebensowenig angetastet
als die vielen Feinheiten von „Gyges und sein Ring“ verkannt werden.
Hebbel ist sicherlich größer als Schiller, Grillparzer, Lessing
zusammengenommen; aber hinter Ibsen oder Wagner bleibt er weit zurück.
[32] Eine der vorzüglichsten Frauengestalten Ibsens, wenn auch ohne
sonderliche Tiefe behandelt.
[33] Die Interpretation dieser Schlußszene des dritten Aktes, die ich
hier versuche, ist, ich fühle es, sehr gewagt und ich kann sie nur
noch durch den Hinweis auf den fünften Akt stützen, wo die Mutter dem
endlich zum Bewußtsein seiner +Schuld+ gelangten Sohne ebenfalls als
Anklägerin eben im Hinblick auf diesen Ritt erscheint. Aber diese
Szene des dritten Aktes — für die naive Auffassung die leichteste der
Dichtung — muß in einer so durchaus symbolischen Tragödie doch auch
einen tieferen Sinn besitzen. Sollte dieser sein, daß in Peer jetzt
der Egoismus des Patienten, des von eigenen Leiden Geplagten und
+darum+ für die der anderen Achtlosen zum Vorschein komme? Daß er an
allen anderen Wesen +rächen+ wolle, daß ihm kein Glück mit Solveig
beschieden ist? Ich kann es nicht ganz glauben. Auch schiene mir nur
noch folgendes möglich. Ibsen, der in den Zeiten seiner eigentlichen
hervorragenden Produktion durchaus Masochist ist (Beweis vor allem
die „Nordische Heerfahrt“ und „Baumeister Solness“), war in seiner
Jugend nicht frei von sadistischen Zügen (in vielen der von ihm lange
zurückgehaltenen Gedichten und in „Olafs Liljekrans“; auch im „Fest
auf Solhang“ ist noch eine Spur von Sadismus). Es +sind+ nun wirklich
in den Peer Gynt des zweiten („Raub der Ingride“) und des ersten Aktes
(Drohung an Solveig) sadistische Züge geraten; möglich, daß Ibsen
auch diese Züchtigung an sich vornehmen wollte. Für den Charakter des
Peer Gynt wäre das aber durchaus unwesentlich und also ein Fehler der
Dichtung.
[34] Man denke auch an jene Menschen, denen ihr eigener Stil gefällt,
und jene, denen er immer mißfällt. Nietzsches Stilkünste sind zum Teile
aus dem letzteren Grunde zu erklären.
[35] Das Innenleben der Frauen dauert immer höchstens neun Monate.
[36] Darum ist er der richtige Aphoristiker.
[37] Was nicht hindert, daß der Misautische das größte Bedürfnis hat zu
bejahen.
[38] Der Philautische liebt, der Misautische haßt sein +empirisches+,
beide +lieben+ ihr intelligibles Ich. Das intelligible Wesen +haßt+ nur
der +Verbrecher+.
[39] Wenn er es liebt, weil es der Mutter ähnelt, so liebt er eben auch
sich; übrigens kommt dies wohl nur vor, wenn die Mutter früh gestorben
ist.
[40] „: ψυχήν“ heißt es im Griechischen (ἔτι δὲ τὴν ἑαυτοῦ ψυχήν);
Luther übersetzt es hier unrichtig mit „Leben“.
[41] Nur Hasser sind wahrhaft große Frauenkenner, weil sie unangenehme
Selbstgeständnisse in diesem Punkte sich eher machen. Shakespeare,
Sophokles, Zola und Goethe glauben an das „edle“ Weib, +wollen+ daran
glauben. Anders Schopenhauer, Nietzsche, Strindberg, Hebbel, Michel
Angelo.
[42] In der „Nuova Antologia“ war einmal ein Bericht zu lesen über
einen Besuch, den jemand Nietzsches Turiner Wohnung und seinen dortigen
Mietsleuten gemacht hatte. Da erzählten diese, wie Nietzsche, zur
selben Zeit, als er den „Fall Wagner“ schrieb, immer zu ihrem des
Klavierspieles kundigen Töchterlein kam, und immer wieder nur den „Ring
des Nibelungen“ zu hören verlangte.
[43] Wohl den unpathetischesten Menschen, den es je gegeben hat.
[44] Vielleicht bedeutet der Falke im sehr überschätzten „Brand“ etwas
ähnliches wie der Krumme des „Peer Gynt“.
[45] Eben weil der Mensch in diesem Kampfe eine Kreisbewegung ausführt,
sich an seinen Ausgangspunkt wider Willen zurückversetzt findet, darum
heißt das Symbol „Der Krumme“.
[46] Darum erinnert an den Krummen die Sphinx, die sowohl Weib als Löwe
und doch keines von beiden ist.
[47] Es läßt sich aber nicht leugnen, daß diese Idee, daß Solveig nur
für und durch Peer Gynt da ist, in der Dichtung nicht ganz rein zum
Ausdruck kommt (4. Akt).
[48] Die Frauen sind nicht eifersüchtig in der leidenden Form, nur
neidisch oder rachsüchtig. Denn sie haben kein Selbst, das sie wo
anders zu behaupten suchen würden.
[49] Ibsen steht als Charakter überhaupt in der Mitte zwischen Hebbel
und Wagner, Fichte und Schopenhauer. Er ist zudem in vielem Kant
ähnlicher als irgend ein anderer historischer Mensch außer ihm.
[50] „Ewig war ich, ewig in süß sehnender Wonne“ u. s. w. (Siegfried 3.
Akt).
[51] Ibsen ist die Askese darum mehr eine +selbstverständliche+ Sache
(als geschlechtliche Enthaltsamkeit des +Mannes+). Die gewöhnliche
Auffassung des Epiloges als des Schmerzes eines Siebzigjährigen um den
verpaßten Venusberg werde nur erwähnt, nicht zurückgewiesen.
[52] Ibsen hat im Laufe seines Lebens leider +aufgehört, gleich
Großes zu+ =wollen=, wie zu der Zeit, da er den „Peer Gynt“ schrieb.
„Kaiser und Galiläer“ bezeichnet diese Strecke seines Lebens, wo eines
der gewaltigsten Probleme angefaßt wird, mit nur schwachen Resten
des Willens, es auch zu lösen. Wäre Ibsen der Ibsen des „Peer Gynt“
geblieben, er wäre größer als Goethe geworden; denn der Mensch +kann+
alles, was er +will+. Das hervorragendste Stück der späteren Zeit,
„Rosmersholm“, ist +schwach+ gegen „Peer Gynt“; und Ibsens Wille sinkt
nach Rosmersholm weiter. Über die Idee der menschlichen Vaterschaft
gegenüber der vorwiegenden Berücksichtigung der Verbindung des Kindes
mit der Mutter sagt J. J. +Bachofen+, Das Mutterrecht, Stuttgart 1901,
S. XXVII: „Ruht die Verbindung der Mutter mit dem Kinde auf einem
stofflichen Zusammenhange, ist sie der Sinnenwahrnehmung erkennbar
und stets Naturwahrheit, so trägt dagegen das zeugende Vatertum in
allen Stücken einen durchaus entgegengesetzten Charakter. Mit dem
Kinde in keinem sichtbaren Zusammenhange, vermag es auch in ehelichen
Verhältnissen die Natur einer bloßen Fiktion niemals abzulegen. Der
Geburt nur durch Vermittlung der Mutter angehörend, erscheint es stets
als die ferner liegende Potenz. Zugleich trägt es in seinem Wesen als
erweckende Ursächlichkeit einen urstofflichen Charakter, dem gegenüber
die hegende und nährende Mutter als ὓλη, als χώρα und δεξαμένη
γενέσεως, als τιδήνη sich darstellt. Alle diese Eigenschaften des
Vatertums führen zu dem Schlusse: In der Hervorhebung der Paternität
liegt die Losmachung des Geistes von den Erscheinungen der Natur, in
ihrer siegreichen Durchführung eine Erhebung des menschlichen Daseins
über die Gesetze des stofflichen Lebens. Ist das Prinzip des Muttertums
allen Sphären der tellurischen Schöpfung gemeinsam, so tritt der Mensch
durch das Übergewicht, das er der zeugenden Potenz einräumt, aus jener
Verbindung heraus und wird sich seines höheren Berufes bewußt. Über
das körperliche Dasein erhebt sich das geistige, und der Zusammenhang
mit den tieferen Kreisen der Schöpfung wird nun auf jenes beschränkt.
Das Muttertum gehört der leiblichen Seite des Menschen an, und nur für
diese wird fortan sein Zusammenhang mit den übrigen Wesen festgehalten;
das väterlich-geistige Prinzip eignet ihm allein .... Das siegreiche
Vatertum wird ebenso entschieden an das himmlische Licht angeknüpft,
als das gebärende Muttertum an die allgebärende Erde.“
Aphoristisch-Gebliebenes.
(Enthaltend die Psychologie des Sadismus und Masochismus, Psychologie
des Mordes, Ethisches, Erbsünde etc.)
Aphoristisches.