So siehst du nicht aus

Ein kleiner Zug mag die rührende Zartheit bezeichnen, die in

dem Verhältnis des fürstlichen Paares bestand: Die letzte

photographische Aufnahme der Fürstin, der unverkennbar der Stempel

stark fortgeschrittenen Leidens aufgedrückt war, wurde bei Tische

besichtigt. »Lieber Otto, sehe ich wirklich so aus?« fragte die

Fürstin. Mit einem zärtlich besorgten Blick in die ängstlich

fragenden Augen seiner Gemahlin antwortete der Fürst ruhig und

bestimmt: »Nein, liebes Kind, so siehst du nicht aus.« Kurz darauf

siedelte die fürstliche Familie nach Varzin über, und einige Wochen

nachher erlag die Fürstin ihrem schweren Leiden.

[Illustration: ~Der verlorene Sohn~

Neutestamentarisches in neuer Beleuchtung. (»Wahrer Jakob«, September

1896)]

Mit unermüdlicher Treue und voll Hingebung, die auch vor schweren

Opfern nicht erschrak, hat die Tochter des Fürsten, Gräfin Marie

Rantzau, die Sorge für das Wohlbefinden des Vaters und für die

Leitung des Hauses übernommen. Sie hat gleich ihrem Gatten auf das

Leben in der großen Gesellschaft Verzicht geleistet, um dem Hause des

Vaters behagliche Gemütlichkeit zu verleihen. Durch und durch Dame,

außerordentlich belesen und voll Verständnis für die politischen

Fragen, war sie doch zugleich die zärtlichste Mutter für ihre drei

blühenden Knaben und die rücksichtsvollste Tochter gegen ihren

vergötterten Vater. Graf Rantzau selbst mußte es sich gefallen lassen,

der »Vizewirt von Friedrichsruh« genannt zu werden. Man darf überzeugt

sein, daß das letzte Wort, das Fürst Bismarck gesprochen hat, und das,

an die Tochter gerichtet, den schlichten Wortlaut hatte: »Ich danke

dir, mein Kind«, auch ihrem Gatten galt. Und es ist ein freundlicher

Gedanke, daß durch die Bereitwilligkeit des gräflichen Paares, auf

die große Welt dort draußen zu verzichten, die Möglichkeit geschaffen

wurde, den Lebensabend des greisen Helden mit dem Jugendglanz, mit der

Freude an dem frohen Treiben der Enkelkinder zu umrahmen. Es waren drei

schlanke, hochgewachsene Jungen, und entzückend war das Verhältnis

des Großvaters zu den Enkeln. Welch tiefe Zärtlichkeit lag in seinem

Blick, wenn die frischen Jungen zu den Mahlzeiten in das Zimmer traten,

wenn sie dem Großvater die Hand küßten, die dann liebevoll über ihre

frischen Wangen strich. Sie waren nicht dazu verurteilt, wie es der

Jugend zu oft geschieht, bei Tische mäuschenstill auf ihren Plätzen

zu sitzen, und gar manchmal hörte man ihr munteres Lachen vom anderen

Ende der Tafel. Zuweilen erschienen auch die anderen Enkelkinder, die

Töchter des früh verstorbenen Sohnes Wilhelm, denen der Großpapa bei

Tisch gern in scherzhafter Weise wie der Kavalier den erwachsenen

jungen Damen entgegenkam, während er sich mit feinem Lächeln an der

Wirkung seiner Aufmerksamkeiten auf die harmlosen jungen Gemüter

erfreute. Charakteristisch ist die Antwort, die der Fürst einmal auf

die Frage nach den Kindern seines jüngeren Sohnes gab: »Ja, er hat zwei

ganz nette Gören; wenn ich nur jetzt schon wüßte, was für ein Lump die

einmal heiratet und mein Geld durchbringt.« Das Erscheinen des ersten

männlichen Enkels, der den Namen Bismarck fortsetzte, ist eine der

größten Freuden seines sinkenden Lebens gewesen.

[Illustration: ~Das Lied der Parzen~

— — — — — — — —

Sie aber, Sie bleiben

In ewigen Festen

An goldenen Tischen.

— — — — — — — —

Es horcht der Verbannte

In nächtlichen Höhlen,

Der Alte, die Lieder,

Denkt Kinder und Enkel,

Und schüttelt das Haupt.

Die Kapitäle der Säulen tragen die Namen des Fürsten Hohenlohe und der

süddeutschen Minister Mittnacht, Crailsheim, Nokk. (»Kladderadatsch«,

März 1897)]

Von tiefer Innigkeit war auch das Verhältnis des Helden von

Friedrichsruh zu seinen beiden Söhnen Herbert und Wilhelm. Sie

standen dauernd in dem lebhaftesten Briefwechsel mit ihren Eltern.

Unvergessen wird die Treue bleiben, mit der damals, als der Vater aus

dem Amte schied, der ältere Sohn, um ihm Gefolgschaft zu leisten,

seine glänzende Laufbahn preisgab. Auch Herbert Bismarck hat das Exil

seines Vaters geteilt. Er war ein ruhiger, ernster, arbeitsamer,

kenntnisreicher Mann, der auch dann die vollen Fähigkeiten für einen

preußischen Minister besessen hätte, wenn er nicht als der Sohn seines

großen Vaters tief in das Räderwerk der politischen und diplomatischen

Maschine hineingeblickt hätte. Graf Wilhelm Bismarck, der in gewissen

Äußerlichkeiten noch mehr als sein Bruder dem Vater glich, war

vielleicht geistig beweglicher als der ältere und besaß wohl auch eine

größere Fähigkeit, sich volkstümlich zu machen, aber es fehlte ihm die

ernste Lebensauffassung und die Arbeitskraft des Bruders. Er war ein

wohlwollender Mann, schlicht, gerechtigkeitsliebend und mit einem

offenen Sinn für die Freuden des Daseins.

[Illustration: ~Bei der Sonne Gluten~

Die französische Presse beschimpft den toten Bismarck. »Rache ist süß!«

(»Der Nebelspalter«, August 1898)]

Die Männer aber, die neben der Familie dem greisen Staatsmann

persönlich besonders nahestanden, waren Bucher, Schweninger

und Lenbach. Lothar Bucher war aus dem Steuerverweigerer des

Revolutionsjahres, aus dem politischen Flüchtling einer der

hervorragendsten Mitarbeiter an dem Werke geworden, das Bismarck schuf.

Nach seinem Sturze wurde er in Friedrichsruh wie ein Hausgenosse, fast

wie ein Mitglied der Familie betrachtet, auf dessen Eigenheiten und

Wünsche man jede Rücksicht nahm. Wiederholt hat sich der Fürst über

die Bedeutung seines Mitarbeiters ausgesprochen: »Ja, ich habe viel

an ihm verloren«, so äußerte er einmal nach Buchers Tode. »Lothar

Bucher war eine stille, bescheidene, tiefe Natur, mein treuer Freund,

manchmal mein Zensor, mein Mitarbeiter an allem, was Herzblut,

gesunden Menschenverstand, klares, scharfes Denken erfordert. Er war

viel zu gut für die gewöhnliche Depeschenarbeit. Dafür hatten wir

die diplomatische Häckselmaschine Abeken. Für alles, was Phrasen

erforderte, wie Thronreden und dergleichen, war Bucher absolut nicht

zu haben. Er verstand sich nicht nur nicht auf Phrasen, er haßte sie

geradezu. Auch war er ganz unglücklich darüber, daß das Publikum sich

mit ihm beschäftigte. Ja, ich fühle mich sehr vereinsamt durch Lothar

Buchers Tod. Meine Freunde, die es wirklich waren, gehen, einer nach

dem anderen, mir voraus in den Tod, und diejenigen, die meine Freunde

zu sein behaupteten, wendeten sich ab von mir.«

[Illustration: ~Neuer Totentanz~

»Es ist ein Trost, daß es von dem Ort, wo er weilt, kein Retourbillett

gibt.« (Aus »Le petit Provençal«.) (»Süddeutscher Postillon«, Oktober

1898)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 328 / 334 题