Wir sind alt geworden

Eine ähnliche trübe Resignation spricht aus folgendem Briefe des

Achtzigjährigen an seinen Schwager:

Friedrichsruh, 18. Mai 1895.

Lieber Oskar!

Wir sind beide so alt geworden, daß wir lange wohl nicht mehr leben

werden. Können wir uns nicht noch einmal sehn und sprechen, ehe wir

abgehen? Es ist sechsundsechzig oder siebenundsechzig Jahre her,

daß wir auf dem Gymnasium den ersten Tropfen Bier zusammen aus der

Flasche tranken; es war auf der Treppe neben der Obertertia. Wollen

wir nicht den letzten trinken, ehe es zu spät wird? Wir sind beide

alt, matt und verdrießlich, aber ich habe doch das Verlangen, Deine

Stimme noch einmal zu hören, ehe ich —. Du steigst doch in die

Bahn, wenn Du Berlin verläßt, warum nicht in die Hamburger statt

der Stettiner?

Dein

v. Bismarck.

[Illustration: ~Nächtlicher Spuk.~ (Nach den Hamburger Enthüllungen)

Es regt sich was im Sachsenwald, rum, plum, plum,

Und durch die Wipfel hallt’s und schallt’s, rum, plum, plum,

Rum, plum, plumvididum, rum, plum, plum.

Der alte Herr vom Sachsenwald zieht um, zieht um.

(Nach den Rodensteinliedern)]

[Illustration: ~Bismarck, gemessen am Eiffelturm~

Wenn die Franzosen den Bismarck hätten,

Wenn er ein Franzmann, kein Deutscher wär’,

Gott, was täten sie dem für Ehr’,

Könnt’ sich vor all der Liebe kaum retten,

Die ihn bedrängte, den großen Mann!

Gesetzt den Fall, der Bismarck wäre

Franzos’, und es hätten Frankreichs Heere

Damals vor fünfundzwanzig Jahren

Die deutsche Armee getrieben zu Paaren,

Und Bismarck hätte dann kühnen Mutes

Die Ufer des Rheins oder sonst was Gutes

Den Seinen gewonnen: dann glaub’ ich dies:

Es stünd’ auf dem schönsten Platz in Paris

Ein Monument aus Erz und Stein,

Würd’ nirgends auf Erden ein schön’res sein.

Den Eiffelturm müßt’ es übersteigen,

Mannshohe Lettern die Inschrift zeigen:

»Blickt auf, Franzosen, und bewundert

Den Riesen da — in dem Jahrhundert

Ist wohl kein größerer zu finden!«

(Bei uns ist’s anders, wie sie künden.)

(»Jugend«, 6. Februar 1897)]

So wie die Fahrt des Fürsten Bismarck nach Wien, wie die Feier

seines achtzigsten Geburtstages, so haben die sogenannten »Hamburger

Enthüllungen« einen gewaltigen Sturm in ganz Deutschland erregt. Am

24. Oktober 1896, zu einer Zeit, in der in Frankreich der Russentaumel

die giftigsten Blüten trieb, erschien in dem Organ des greisen

Staatsmannes, in den »Hamburger Nachrichten«, ein Artikel über seine

Beziehungen zu Rußland. Hier wies er in einer Polemik gegen die

freisinnigen Blätter den Vorwurf zurück, daß schon zu seiner Zeit der

Draht zwischen Berlin und Petersburg zerrissen worden sei. Bis zu

seiner Entlassung, so hieß es dort, waren beide Reiche im vollsten

Einverständnis darüber, daß, wenn eines von ihnen angegriffen würde,

das andere wohlwollend neutral bleiben solle. »Dieses Einverständnis

ist nach dem Ausscheiden Bismarcks nicht erneuert worden, und wenn

wir über die Vorgänge in Berlin richtig unterrichtet sind, so war es

nicht etwa Rußland, in Verstimmung über den Kanzlerwechsel, sondern

Graf Caprivi war es, der die Fortsetzung jener gegenseitigen Assekuranz

ablehnte, während Rußland dazu bereit war.« Diesen Ausführungen war die

Bemerkung hinzugefügt: »So entstand Kronstadt mit der Marseillaise,

und die erste Annäherung zwischen dem absoluten Zarentum und der

französischen Republik wurde unserer Ansicht nach ausschließlich

durch die Mißgriffe der Caprivischen Politik herbeigeführt. Dieselbe

hat Rußland genötigt, die Assekuranz, die ein vorsichtiger Politiker

in den großmächtlichen Beziehungen Europas gern nimmt, in Frankreich

zu suchen.« Diese kurzen Bemerkungen erweckten, wie gesagt, einen

furchtbaren Sturm, und auch in dem Kaiser erwachte eine so tiefe

Verstimmung gegen den Einsiedler von Friedrichsruh, daß er in einem

amtlichen Erlaß als ein Mann hingestellt wurde, der die strengsten

Staatsgeheimnisse preisgegeben und die wichtigsten Amtspflichten

verletzt habe. Diese Kundgebung rief sofort die sämtlichen Gegner des

greisen Fürsten auf den Plan, um ihn als einen Landesverräter, als

einen Verbrecher am Vaterlande zu beschimpfen, der hinter Schloß und

Riegel, in das Zuchthaus gehört. Sie standen hierin in voller Harmonie

mit den Franzosen, die sich nicht genugtun konnten in den infamsten

Angriffen gegen ihren alten Bezwinger. »Gewissenlos, zynisch noch

in seinem Greisenalter,« so schrieb ein Pariser Blatt, »will dieser

Mensch, daß die Weltgeschichte seine Übeltaten in ihrem vollen Umfange

kennen lerne: die Geheimnisse seines doppelten Spieles, den Schlüssel

zu seinen verbrecherischen Kombinationen. Welches Schauspiel, daß er

seine waghalsige Herausforderung an der Schwelle seines Grabes an die

menschliche Gerechtigkeit in Erwartung der göttlichen gerichtet hat!

Aber der Coup ist mißglückt, das alte Ungeheuer stolpert mehr und mehr

seinem endlichen Untergang zu, den es so reichlich verdient hat.«

Der Ingrimm des Gegners bedeutet stets die Anerkennung der eigenen

Verdienste. — Aber es schien, als wenn in den Kreisen der Regierung

wiederum der Argwohn bestand, daß Fürst Bismarck die Absicht habe,

in einer weitangelegten Intrige die Stellung seiner Nachfolger zu

gefährden, ihre Unfähigkeit zu erweisen und sich selbst der Krone

wieder als Ratgeber aufzudrängen. Die Folgezeit hat leider bewiesen,

daß es gelang, auch den Blick des Kaisers zu trüben. Eben erst hatte

er, am Erinnerungstage des Friedensschlusses mit Frankreich, dem

Fürsten Bismarck ein außerordentlich herzliches Telegramm gesandt,

das mit den Worten schloß: »Welche unvergeßliche Verdienste Sie,

mein lieber Fürst, sich in der gewaltigen Zeit erwarben, in welcher

Deutschland seine Einigkeit und Größe wieder errang, Ihnen heute von

neuem in Dankbarkeit und Verehrung auszusprechen, ist mir Bedürfnis.

Neben dem Namen des großen Kaisers Wilhelm wird der Name seines großen

Kanzlers in der Geschichte aller Zeiten glänzen, und in Meinem Herzen

wird das Gefühl unauslöschlicher Dankbarkeit gegen Sie nie erstarren.«

Und doch konnte es geschehen, daß am hundertsten Geburtstage unseres

ersten Kaisers der Blick vergebens unter all den zahlreichen Gästen die

Gestalt des großen Kanzlers suchte, daß das Ohr vergebens lauschte,

ob von den Lippen des Kaisers sein Name erklinge. Wieder blieb beim

Wechsel des Jahres in Friedrichsruh der kaiserliche Glückwunsch aus.

Und selbst die Erinnerung an die Vorgänge in Wien wurde von neuem

erweckt, als Kaiser Wilhelm als Hochzeitsgast des Ministers Graf Wedel

darauf drang, daß eine Einladung, die Graf Herbert Bismarck schon

angenommen, von seinen Verwandten widerrufen wurde. Die harte Abweisung

mochte in der Form gegen den Sohn gerichtet sein, sie hat in Wahrheit

das Haus des großen Kanzlers und ihn selbst getroffen.

[Illustration: ~In Ungnade~

Der Alte vom Sachsenwalde (vor dem Nationaldenkmal): »Komm, Tyras!«

(»Lustige Blätter«, Mai 1897)]

Bald aber zeigten die politischen Prozesse, in deren Mittelpunkt ein

Berliner Kriminalkommissar gestanden hat, auch dem Kaiser, daß nur

die Verleumdung den alten Waldsitz im Sachsenwalde in einen Herd

gewissenloser Intrigen umwandeln konnte. So schlug auch die Stimmung

des Kaisers völlig um: ein Panzerkreuzer wurde auf den Namen des ersten

Kanzlers getauft, Telegramme wurden gewechselt, und ein Modell des

Schiffes fand als Gabe des Kaisers in Friedrichsruh seinen Platz. Auf

der Ausfahrt nach China hat Prinz Heinrich, der Bruder des Deutschen

Kaisers, Abschied von dem greisen Staatsmann genommen, und zwei Tage

darauf zog mit dem Prinzen Adalbert, der gleichfalls einst der Führer

der deutschen Flotte werden soll, der Kaiser selbst zum Sachsenwalde.

Und so setzten er und seine Ratgeber sich von neuem mit jenen

wertvollen Elementen in harmonischen Einklang, die mit Begeisterung und

Tatkraft durch Jahrzehnte die Politik des ersten Kanzlers unterstützten.

Dann hat Kaiser Wilhelm das Antlitz des Fürsten nicht wieder und auch

im Tode nicht erblickt.

Fürst Bismarck aber hat unbekümmert um den Groll der Mächtigen und

die Stimmungen der Menge seinen Kampf gegen alles, was ihm die

Wohlfahrt des Reiches zu gefährden schien, bis zur letzten Stunde

geführt. Er kannte keine »Phäaken-Behaglichkeit«, und noch aus seinen

letzten Tagen konnte der vertraute Arzt berichten: »Noch nicht lange

ist es her« — bei einem Gespräch über Politik —, »da griff er mit

beiden Händen nach dem Kopf und brauste auf: ›Könnte ich doch in die

Schweinerei einmal hineinfahren und ihnen sagen, wohin das führt. Aber

Sie wissen, Schweninger, meine Trompete gibt keinen Ton mehr; sie ist

durchlöchert.‹«

[Illustration: Roland in Nöten. (»Jugend«, 1896)]

Von den Getreuen, die den alten Helden in seinen letzten Jahren

umgaben, ist Fürstin Johanna zuerst geschieden. Sie ist ihrem Gatten

nicht nur das schmückende und gemütvolle Element seines Hauses, sondern

eine starke, fürsorgende Gefährtin des Lebens gewesen. »Ihr Geist«, so

schildert sie Max Bewer, »erscheint, ob sie nun über häusliche oder

schöngeistige Dinge sprach, von einer festen, bestimmten Klarheit;

es ist ein Geist in ihr, der Wärme ausstrahlt, aber selbst keiner

Liebkosung bedarf, wie das Gemüt so vieler anderer Frauen. Sie schien

mir in allem, was sie sagte und tat, Gutes und Freundliches zu geben,

ohne zu erwarten, daß ihr auch selbst gegeben werden müsse. Sie ist

eine selbständige Natur, eine Frau, die trotz Gräfin, trotz Fürstin und

Herzogin immer nur in erster Linie Frau und Hausfrau blieb, häuslich

denkend, häuslich schaffend, von der Weichheit und Güte, aber ohne die

Schwäche und Prätension des Weibes. Von kräftiger, stark mittelgroßer

Figur, hat sie sich in den stürmischen geschichtlichen Ereignissen,

die ihre Wellen aus der Politik nur zu häufig bis in ihre Häuslichkeit

geschlagen haben mögen, gesund, frisch, klar und heiter erhalten. Für

ihre Gäste hatte sie eine lautlose und doch stets überaus wachsame

Sorge. Man hat nie einen Wunsch, man bekommt alles von selbst. Es ist

die stillste und doch die wärmste und beredteste Gastfreundschaft,

die man in der Fürstin Hause genießen kann.« Der Fürst erfuhr den

Heimgang seiner Gemahlin, als er nach dem Erwachen ihr Schlafzimmer

betrat und die weinenden Enkel am Sterbebette der Großmutter fand. Sie

war am Abend vorher reger gewesen als während der letzten Tage und

hatte auch auf freundlichen Zuspruch des Arztes wiederholt Nahrung

genommen. Die Erschütterung, verdoppelt durch das Unvermittelte des

Eindrucks, war gewaltig, obwohl der Fürst durch seinen Arzt durchaus

vorbereitet worden war, daß der schwerste Schlag, der ihn treffen

konnte, unvermeidlich in naher Zeit bevorstand. Die Beerdigung hat in

den schlichtesten Formen stattgefunden.

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 327 / 334 题