Ich spielte meine Karten blank aus

»Viele haben schon«, so plauderte der Fürst, »von meinen

politischen Grundsätzen gesprochen. Den Professoren und ihren

Nachbetern in den Zeitungen tut es unendlich leid, daß ich ihnen

nicht ein Symbolum von Prinzipien geoffenbart habe, nach denen

ich meine Politik eingerichtet habe. Die Deutschen können sich,

weil sie eben noch kaum der politischen Kinderstube entwachsen

sind, nicht daran gewöhnen, die Politik als eine Wissenschaft

des Möglichen zu betrachten, wie mein intimer Gegner Papst Pius

=IX.= mit Recht gesagt hat. Die Politik ist keine Mathematik

oder Arithmetik. Man hat wohl auch in der Politik mit gegebenen

und unbekannten Größen zugleich zu rechnen, aber es gibt keine

Formeln und Regeln, um im voraus das Fazit ziehen zu können.

Darum habe ich mich nicht an die Meinungen und Mittel anderer

Staatsmänner gehalten, sondern mir ihre Rechnungsfehler zur Warnung

dienen lassen. Napoleon =I.= verdarb, weil er pochend auf seine

kriegerischen Erfolge mit allen Staaten Händel anfing, statt den

Frieden zu erhalten. Das Kriegsglück machte ihn rauflustig und

übermütig. Er begab sich in seinem Allerwelts-Herrscherdünkel in

Gefahren ohne Ende und kam darin um. Seine große Schöpfung ging

nach kurzem Bestand in die Brüche, weil er die erste Tugend des

Staatsmannes — die weise Mäßigung nach den größten Erfolgen —

gegenüber den anderen Völkern nicht übte und Europa in einen Krieg

nach dem anderen verwickelte, während ich nach 1871 den Frieden zu

erhalten mich bemühte. Aber nicht bloß zu Napoleon =I.= stellte ich

mich in einen bewußten Gegensatz, auch zu Napoleon =III.= Dieser

bemühte sich allerdings, nur die günstigeren Seiten seines Onkels

nachzuahmen; doch indem er in der Rolle des ›ehrlichen Maklers‹

immer ein Stück für sich abzubekommen versuchte, verfiel er in

die Gewohnheit jener italienischen Diplomaten des vergangenen

Jahrhunderts, welche Schlauheit mit Falschheit verwechselten. Ich

spielte meine Karten blank aus. Ich setzte der vermeintlichen

Schlauheit die frappierende Wahrheit gegenüber. Daß man mir öfter

nicht glaubte und sich dann hintennach schwer betroffen und

enttäuscht fühlte, das ist nicht meine Schuld.«

[Illustration: Bismarck vor Gericht. (Politischer Bilderbogen Nr. 221)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 323 / 334 题