Über das Thema der Musik schrieb ein Mitarbeiter der »Neuen
Musikzeitung« im Jahre 1895: »Bismarck hat einmal geäußert: ›Die
bezahlte Musik zieht mich wenig an, aber nichts lieber weiß ich
mir als die Musik im Hause.‹ Er konnte nicht müde werden, sich von
seiner Frau, einer ausgezeichneten Klavierspielerin, Beethoven
vorspielen zu lassen und aus dieser erhabenen Tonsprache Erquickung
und Erhebung zu schöpfen. Besonders in den letzten Jahren, seitdem
Bismarck in Friedrichsruh lebt, hat er in Ansprachen an diejenigen,
die sich huldigend ihm genaht, mehrfach sehr bemerkenswerte
Äußerungen über sein persönliches Verhältnis zur Tonkunst getan.
So bemerkte er einer Abordnung gegenüber: ›Bei der Überbürdung
mit Unterricht in meiner Jugend ist die Musik zu kurz gekommen.
Trotzdem fühle ich nicht weniger Liebe zu ihr. Dankbar bin ich
der Musik, daß sie mich in meinen politischen Bestrebungen
wirkungsvoll unterstützt hat. Des deutschen Liedes Klang hat die
Herzen gewonnen. Ich zähle es zu den Imponderabilien, die den
Erfolg unserer Einheitsbestrebungen vorbereitet und erleichtert
haben. Wenige von Ihnen dürften alt genug sein, um sich der
Wirkung zu erinnern, die 1841 das Beckersche Rheinlied erzielte.
Damals war dies Lied mächtig, und bei der Schnelligkeit, mit der
es von der Bevölkerung aufgegriffen wurde, hatte es die Wirkung,
als ob wir ein paar Armeekorps mehr am Rhein stehen hätten. Näher
liegt uns der Erfolg der ›~Wacht am Rhein~‹. Wie manchem Soldaten
hat das Anstimmen des Liedes auf dem winterlichen Kriegsfelde
und bei materiellem Mangel eine wahre Herzstärkung gewährt, und
das Herz und dessen Stimmung ist ja alles beim Gefecht. Die
Kopfzahl machte es nicht, wohl aber die Begeisterung machte es,
daß wir die Schlachten gewonnen haben. Und so möchte ich das Lied
als Kriegsverbündeten auch für die Zukunft nicht unterschätzt
wissen. Unsere Beziehungen zum verbündeten Österreich beruhen
doch wesentlich auf Unterlagen im kulturellen Gebiet und nicht
am wenigsten auf den musikalischen Beziehungen. Wir wären kaum
in gleich enger Verbindung mit Wien geblieben, wenn nicht Haydn,
Mozart, Beethoven dort gelebt und ein gemeinsames Band der Kunst
zwischen uns geschaffen hätten. Ja, selbst die Verbindungen
zu unserem dritten Bundesgenossen, Italien, waren früher mehr
musikalischer Natur als politischer. Die ersten Eroberungen, die
Italien bei uns gemacht hat, sind musikalische gewesen. Ich bin
kein Gegner der italienischen Musik, trotz meiner Vorliebe für
die deutsche: im Gegenteil, ich bin ein großer Freund derselben.‹
Zu Hamburger Gymnasiasten, die ihn mit einem Liede begrüßt
hatten, sagte Bismarck: ›Sie haben eben ein sehr schönes Stück
gesungen; ich habe früher auch Musik getrieben, doch bin ich
nur ein mittelmäßiger Klavierspieler gewesen und war froh, als
ich den lästigen Zwang abschütteln konnte. Das hat mir später
außerordentlich leid getan, denn die Musik ist eine treue Gefährtin
im Leben. Sie hat mir oft gefehlt, und wer von Ihnen Talent dazu
hat, dem empfehle ich ganz besonders, die Musik zu pflegen, und
ich erinnere Sie an mein Beispiel, um Sie abzuschrecken von dem
Fehler, den ich mir vorzuwerfen habe.‹ Bismarck verhimmelt nicht
die Triller einer Primadonna, er stürzt sich nicht in den Kampf
der Wagnerianer mit ihren Gegnern — er betrachtet die Kunst,
die Musik insbesondere, in ihrer Gesamtheit als ein großes, von
zeitlichen Strömungen nicht abhängiges Gemeingut des Volkes in
allen seinen Schichten. Die Musik ist ihm nicht nur ein Gemüts-
und Herzensbedürfnis, ein edler Schmuck des Familienlebens von
erhebender und bildender Kraft, sie ist ihm auch ein wichtiger
politischer Faktor, ein wertvoller Verbündeter, ein Band zwischen
den Nationen, eine moralische Stütze und Kräftigung für den
Krieger; ein Lied ist ihm unter Umständen einige Armeekorps wert.
Dringend empfiehlt er der Jugend die Pflege der Musik als einer
treuen Gefährtin im Leben und bereut selbst, sie vernachlässigt zu
haben.«
[Illustration: ~Warum der Gründer des Deutschen Reiches der Jubelfeier
fernblieb~
Bismarck: »Nanu, die Spur war nicht wegzubringen, und mit so ’nem
Mantel konnte ich doch nicht in die Festlichkeiten nach Berlin kommen!«
(»Hum. Blätter«, 26. Januar 1896)]
[Illustration: Fürst Bismarck war von der Universität Jena zum =Dr.
med.= ernannt worden, findet aber heimkehrend keinen Patienten.
(»Punch«, August 1896)]
[Illustration: Der alte Steuermann, der Schiffbruch leidet. (Nach den
Hamburger Enthüllungen.) (»Punch«, 7. November 1896)]