Das Leben in Friedrichsruh

Der Verfasser hat nach einer Reihe von Besuchen in nachstehender

Weise einen Ausschnitt aus dem Leben in Friedrichsruh zu zeichnen

versucht: Es ist natürlich, daß auch heute noch die Politik den

Fürsten Bismarck fast ausschließlich beschäftigt, daß er mit

intensivem Interesse den Wandlungen der Gegenwart folgt. Er selbst

sagte einmal, daß so manche Nebenbeschäftigung, wie die Jagd und

die Fischzucht, an denen er sonst Freude hatte, ihr Interesse

verloren, seitdem ihm die Hauptbeschäftigung genommen ist. Wer an

große Erregungen gewöhnt ist, wer über Völkerschicksale entschied,

der empfindet die Idylle als Fessel, der sträubt sich dagegen,

daß die Ruhe zum Selbstzweck werde. Ein Mann von 81 Jahren —

und welche gewaltige Kraft! Wie harmoniert selbst das Physische

an ihm mit dem Geistigen! Gewaltig von Statur, aufrecht, festen

Schrittes, so wandert er durch den Park von Varzin oder unter den

Bäumen von Friedrichsruh, so tritt er dem Besuchenden im Innern

des Hauses entgegen. Das Auge, das wunderbare, ist noch immer so

durchdringend und klar, daß es scheint, als ginge der Blick bis

in die tiefsten Falten des Herzens. Keine Spur von Ermüdung auf

dem Spaziergang oder des Abends, wenn nach der Mahlzeit durch

Stunden der Fürst das Gespräch führt. Es ist etwas Eigenes mit

diesen Gesprächen. Die meisten, die namentlich als Mitglieder

von Deputationen bei Bismarck weilten, glauben dem Hofton folgen

und stets die Anrede abwarten zu sollen — das ist falsch. Fürst

Bismarck will angeregt sein, er will das Thema erfahren, das den

anderen interessiert, und man darf sicher sein, man wird ihn nicht

in Verlegenheit setzen. Formell besitzt er die leichte Art des

Franzosen, die Kunst des Plauderns; inhaltlich aber hat selbst das

anscheinend leichte Gespräch eine solche Fülle von Beobachtung

und Urteil, daß man immer von neuem über die Reichhaltigkeit

dieses Geistes erstaunt. Ich habe nie ein so prägnantes Urteil

über Zolas »=Débâcle=« gehört, wie einst von ihm. Ihm fehlt »der

Pulverrauch in dem Buche, den eben nur der schildern kann, der

ihn selbst gerochen hat«; er nennt es phantastisch und unwahr

und führt zum Belege die Einzelheiten der Schlacht von Sedan an,

obwohl er das Buch vor langer Zeit schon gelesen. So zitiert er im

Plaudern englische und französische Dichter und Forscher; auch dem

italienischen Sprachschatz entlehnt er Vergleiche, und stets wendet

er die Ursprache an. In Erinnerung ist mir geblieben, wie er einmal

nach einem Exkurse über die oft recht geringe Verwendbarkeit seiner

Beamten scherzend das Wort Talbots anwandte, indem er es durch

die Betonung variierte: »Mit der Dummheit« — im Bunde mit ihr —

»kämpfen Götter selbst vergebens.«

[Illustration: ~Luzifer~

»Das sind die Tage, von denen Wir sagen, sie gefallen Uns nicht.«

(»Wahrer Jakob«, Juli 1892)]

[Illustration: Bismarck schickt sich an, seine Memoiren zu schreiben.

(Silhouette von B. Moloch)]

[Illustration:

Interviewer: »Bitte, Durchlaucht, sagen Sie mir nur dies eine: Was

bezwecken Sie mit Ihrem jetzigen Journalkampf?«

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 295 / 334 题