Der Tag der Entlassung, Deutschlands Trauertag, war vorübergegangen.
Da aber hat sich das Wundersame ereignet: der Stein, der von dem
Baumeister verworfen wurde, ist zum Eckstein geworden; der Mann, dem
ein kaiserlicher Machtspruch das Amt genommen, wurde Deutschlands
heimlicher Kanzler, sein Berater in Freud und in Leid. Man hat
versucht, ihn aus dem Gedächtnis zu löschen, in Vergessenheit zu
bringen, was er geleistet, und selbst das Wort vom Handlanger fiel
kränkend in sein Herz. Er blieb dennoch, der er war.
[Illustration: Die Verstoßenen (Bismarck und Gladstone). (»Moonshine«,
5. April 1890)]
Wer in der Ordnung der Welt nicht ein loses Gefüge des Zufalls
erblickt, sondern dem großen Gedanken des Ewig-Zweckmäßigen nachsinnt,
der wird auch erkennen, daß die weltgeschichtliche Aufgabe Otto von
Bismarcks noch nicht an jenem Tage gelöst und beendet war, da ihm
das Steuer aus den arbeitsgewohnten treuen Händen entrissen wurde.
Es hieße den Weltgeist meistern, ihn, der auch die Könige nach ihrem
Pfunde fragt, wenn man verlangte, daß jene ungemeine Kraft, die sich
in dem greisen Staatsmann verkörperte, auf ein irdisches Machtwort hin
zerstört sei. Die Kleinen der Menschheit mögen so handeln, wie es der
zweite Kanzler später tat; der Genius aber kennt nur selbstgeschaffene
Gesetze, denen er folgt, auch wenn des Philisters befangener Sinn ihm
das eigene Wesen als Muster und Richtschnur empfiehlt. Ein Bismarck,
der ruhig den Geschicken sich beugte, der, des Amtes beraubt, sich auch
der Verantwortung für ledig erkannte, der die Tage der sinkenden Sonne
des Lebens still und ruhig auf seinem Gute verträumte, ein Bismarck,
der nicht mehr schaffend tätig war, der wäre ein Widerspruch gewesen
gegen sich selbst, gegen seine Vergangenheit und seine Taten; er wäre
in Wahrheit nur jener brave Handlanger geworden, als den ihn eine
irrende Legende darstellen wollte. Indem er fortan das bürgerliche
Recht der Kritik ausübte, indem er zum Türmer wurde, der auf nahende
Gefahren weist, erhob er dieses Recht zu einer Bedeutung, die das
Volk freudig anerkannt hat, als es ihm die glänzende Fahrt nach Wien,
Kissingen und Jena schuf, die ein paar Erlasse des Nachfolgers
vergebens zu beschränken sich mühten. Nur ein Mann, der anders war als
die Wanderer auf der Heerstraße des Gewöhnlichen, konnte schaffen, was
ihm die deutsche Welt verdankt: So mußte er auch anders sein, als all
die Kleinen, auch in den Jahren des Alters, in denen dennoch das Blut
seine Adern jünglingsheiß durchwallte. So ist die Geschichte Bismarcks
in acht Jahren nichts anderes gewesen als der Kampf des Genies gegen
den Durchschnitt. Und eine gewaltige Tragik lag in dem allen. In dem
»Zauberlehrling« ist die Allegorie gegeben: Die Wasser drängen und
brausen; der Meister weilt abseits. Nur daß die Wirklichkeit schärfer
zeichnet: In Fingerhüten suchten die Schüler die Wogen zu schöpfen, um
die Gefahr zu vermindern, und die Stimme des Meisters verhallte. Aber
der Meister war von Fleisch und Blut, und es zehrte an ihm, daß er
die Hand nicht mehr rühren sollte. Nicht für sich wollte er schaffen;
er brauchte nicht mehr des Ruhmes und des Erfolges; aber für sein
deutsches Volk und für das Deutsche Reich wollte er noch Hammer und
Meißel gebrauchen.
[Illustration: Dem Fürsten Bismarck wird nächstens von amtlicher Seite
Stillschweigen auferlegt werden. (»Kladderadatsch«, Sept. 1890)]
Es war das Martyrium des Genies, das Bismarck durch acht Jahre
trug. Daß er es in Größe ertrug, ja, daß er über sich selbst noch
hinauswuchs, daß er, auf sich allein gestellt, doch nicht wankte und
nicht wich, daß er den Mut der Einsamkeit besaß, hob ihn hinaus weit in
die Sphären, in denen das Kleinlich-Menschliche verschwindet. Zagend
stand die Welt, als er aus dem Amte schied; die Instinkte der Masse
sahen beklommen einen Gegensatz zwischen der Kaisertreue und der Treue
zu Bismarck, und der stürmenden Jugend wandte sich die Neigung zu. Aber
die Zeiten zogen dahin, und ein Wandel trat ein: Die Bismarckfahrten
sind das Merkmal der Stimmung geworden; sie wurden Ehrenmale des
deutschen Volkes.
[Illustration: ~Bismarck als Wotan.~ (»Figaro«, März 1890)]
Auch wer die Ereignisse nicht nur mit dem Maßstab der Nützlichkeit
mißt, wer nur dort von Erfolgen spricht, wo die Bilanz mit einem
greifbaren Plus abschließt, wer die augenblickliche Wirkung berechnet
und nicht die Früchte, die langsam aus der Saat emporreifen, wird den
Gewinn der Bismarckfahrten hoch einschätzen müssen. Die Jahre der Ära
Caprivi hatten den nationalen Gedanken verdunkelt; sie hatten die
Fortentwicklung gelähmt; sie hatten dort, wo die berufensten Träger
dieses Gedankens waren, Mißverstehen und Entmutigung geschaffen.
Auch die Träger der späteren Politik vermochten selbst da, wo ihre
Maßregeln gebilligt werden durften, das Defizit nicht zu decken, das
diese Jahre erzeugten. Die Freudigkeit der Arbeit war geschwunden, der
Pessimismus war geblieben. Da zogen denn Tausende und wieder Tausende
zum Sachsenwalde. Und während der Fahrt steigen die Erinnerungen auf
an die Tage von einst, und die Herzen wurden warm, und man sprach
vom Kaiser Weißbart und vom Versailler Schloß und von Sedan und von
den Schlachtfeldern allen, und die Augen begannen zu leuchten, wenn
einer, der dabei war, erzählte, wie er den Eisernen Kanzler damals
gesehen, als er gen Donchery ritt, und wenn ein anderer sich entsann,
wie er vor dem Reichstage stand, als Bismarck eben für die deutsche
Furchtlosigkeit gezeugt hatte, und daß er ihn heraustreten sah, ernst
und bleich, und wie das Volk schwieg, weil kein Ton das auszudrücken
vermochte, was alle beherrschte. Und war man am Ziele, blickten die
Mauern von Friedrichsruh durch das Grün, harrten die Scharen schweigend
des Augenblicks, um dessetwillen sie kamen, und schritt dann langsam,
ernst, den Blick nach innen gekehrt, der greise Kanzler heran, um sich
schweigend zu neigen und zu horchen, was die Westpreußen und Schlesier,
Schleswiger und Sachsen zu sagen haben, dann war die drängende Masse
nicht nur ergriffen, sie war erschüttert: Hier steht die große
Vergangenheit lebendig vor uns, hier blickt sie auf uns nieder mit
der ernsten Frage: Werdet ihr euch wert erzeigen dessen, was wir für
euch schufen? In dem brausenden Hoch, das dann ertönte, lag mehr als
die Liebe zu dem einen Mann, da lag auch das Gelöbnis: Wir werden uns
würdig erzeigen, wenn es gefordert wird, gleich unseren Vätern und
Brüdern freudig unser Blut auf dem Schlachtfelde zu verspritzen. Und
sie haben es später gezeigt, bei Lüttich und vor Antwerpen, an der
Aisne wie an den Masurischen Seen und vor Warschau, daß der Geist
Bismarcks lebendig blieb und daß diese Jahre, in denen die Deutschen
gen Friedrichsruh wallten, reiche Früchte in ihrem Schoße trugen.
[Illustration: Die Märchenerzählerin in Friedrichsruhe. (»Frankfurter
Laterne«, Juli 1890)]
So hat Bismarck auch nach der Entlassung das große Werk seines Lebens
weitergeführt. Er hat keine Ruhe gekannt, er hat gekämpft, auch als man
ihn vom Kampfplatz trieb, und er ist, wie stets, der Sieger geblieben.
Und wenn auch die Jüngeren versuchten, die Bahnen zu verlassen, auf
denen er glorreich dahingeschritten war, wenn sie sich klüger dünkten
als der Vielerfahrene, so hat doch die Geschichte ihnen unrecht
gegeben, und beschämt mußten sie zurückkehren zu seinen Bahnen.
Aber jeder Kampf hat seine Bitterkeit, vor allem der Kampf des Genies
gegen das Vorurteil und die Selbstgefälligkeit der Masse. Unter dem
Eindruck des Ungeheuren, das am 20. März 1890 geschah, haben selbst
Männer in ihrem redlichen Empfinden geschwankt, die sonst in treuer
Gesinnung zu dem nationalen Werke Bismarcks gestanden haben. Er war
verlassen fast von allen, und als er es wagte, noch das Recht der
freien Meinung zu fordern, zu warnen, wo es ihm Pflicht schien, da hat
man ihn geschmäht, ihn mit Gefängnis und Zuchthaus bedroht.
[Illustration: ~Der Traum Bismarcks~
Dem Schloßherrn von Friedrichsruh spiegelt die Phantasie die
triumphierende Rückkehr vor. (»Strekoza«, 1891)]