Abschied von Berlin

Heller, warmer Sonnenschein durchflutete die Straßen, ein maienhaft

schöner Frühlingstag begünstigte die Ansammlung der vielen

Tausende, welche dem scheidenden großen Staatsmann ein Lebewohl

zurufen wollten. Die Menge konzentrierte sich von vier Uhr ab

in den Straßen, durch welche der Weg nach dem Bahnhof führt, in

der Wilhelmstraße, Unter den Linden, am Brandenburger Tor, auf

dem Königsplatz bis zum Lehrter Bahnhof. Unter den Linden waren

der südliche Bürgersteig, die Fahrdämme und die Mittelpromenade

von dichtgedrängten Menschenreihen besetzt; Fenster und Balkone

waren dicht gefüllt; ein größeres Aufgebot von Schutzleuten hatte

alle Mühe, die Fahrwege freizuhalten und den Verkehr zu regeln.

Auf dem Pariser Platz waren zu beiden Seiten mehrfache Reihen

von Equipagen und Droschken aufgefahren, deren Insassen sämtlich

darauf harrten, dem Fürsten Bismarck ihren Scheidegruß zuzurufen.

Ein dunkles, dichtes Menschengewühl erfüllte die Wilhelmstraße von

den Linden bis zum Wilhelmsplatz. Hier bemerkte man viele Damen in

schwarzer Kleidung, mit Blumenbuketts und Kränzen in den Händen.

Zahlreiche Schutzleute zu Fuß und zu Pferde hatten den Bürgersteig

und die Straße vor dem Reichskanzlerpalais freigehalten; gleichwohl

gelang es mit Blumenspenden beladenen Damen und Herren, die

Schutzmannskette zu durchbrechen und vor dem Gittertor des Palais

Aufstellung zu nehmen. Schweigend und in tiefer Bewegung harrten

die Tausende des Moments der Abfahrt. — Fünf Minuten nach fünf

Uhr kam Bewegung in die Menschenmenge. Der erste der auf dem

Hofe des Palais haltenden Wagen war vor dem Portal vorgefahren,

und Fürst Bismarck in seiner Kürassieruniform mit den Abzeichen

seiner neuen Würde trat heraus, hinter ihm Graf Herbert Bismarck

in Zivilkleidung. Der Fürst hatte noch einen letzten Abschied

von seinen nächsten Gehilfen genommen. Er warf auf die ihm so

vertrauten Räume vor dem Einsteigen noch einen langen Blick. Schon

aber hatten die brausenden Hurras und Hochrufe eingesetzt, Tücher

wurden geschwenkt, und ein wahrer Regen von Blumen und Kränzen

flog in den offenen Wagen hinein, als der einfache Wagen zum

Ehrenhof hinausfuhr. Eine unbeschreibliche Begeisterung war in die

Menschenmassen beim Anblick des scheidenden Kanzlers gekommen; die

Menge warf sich dem Wagen entgegen, stürzte zu beiden Seiten vor

und brachte die Pferde zum Stehen. Einen Augenblick schien es,

als ob man die Pferde ausschirren wollte. Fürst Bismarck dankte

nach allen Seiten grüßend; ein freundliches Lächeln war über seine

ernsten Züge geflogen. Langsam nur konnte der Wagen vorwärts

kommen; wie widerwillig nur machten die Menschenmassen vor dem

Wagen Platz. Die begeisterten Hochrufe, das Tücherschwenken, die

Abschiedsrufe, die Blumenspenden wiederholten sich Unter den Linden

bis zum Brandenburger Tor hinaus. Ein nachdrängender unendlicher

Menschenstrom wälzte sich, immer anschwellend und alles mit sich

ziehend, dicht hinter dem Wagen des Fürsten einher, so daß die

anderen Wagen bald weit von dem Wagen des Fürsten getrennt waren.

In dem zweiten Wagen saßen die Fürstin Bismarck mit dem Grafen und

der Gräfin Wilhelm Bismarck, im dritten Professor Schweninger,

im vierten Wagen — was viel bemerkt wurde — Reichskanzler von

Caprivi. Die Fahrt gestaltete sich zu einem Triumphzuge, wie ihn

Berlin lange nicht gesehen hat. Auf den Bürgersteigen der Straßen

standen Kopf an Kopf Männer aus dem Volke, elegant gekleidete Damen

und Herren aus den besten Gesellschaftsschichten, darunter sehr

viele Offiziere; es schien, als ob sie alle in der Herzlichkeit

der Huldigungen wetteiferten, welche sie dem Fürsten Bismarck

darzubringen bemüht waren. Die Großartigkeit dieser unvorbereiteten

Huldigung verfehlte auf den Fürsten ihre Wirkung nicht. Der Schmelz

aufrichtiger Rührung verklärte die Züge des eisernen Mannes, und

die zuckenden Winkel seines lächelnden Mundes verrieten tiefe

Bewegung. — Auf dem vom hellen Sonnenlicht übergossenen Lehrter

Bahnhof, von dem aus die Abreise nach Friedrichsruh mit dem

Expreßzuge um fünf Uhr vierzig Minuten erfolgte, herrschte bereits

in den ersten Nachmittagsstunden ein außergewöhnliches Leben. Die

Wartesäle waren bereits um drei Uhr überfüllt; alle Schichten der

Bevölkerung waren vertreten; neben den Damen der Aristokratie, die

meistens in tiefste Trauer gehüllt waren, hatten sich zahlreiche

Frauen aus dem Handwerkerstand und aus den arbeitenden Klassen

eingefunden. Noch bunter zusammengesetzt war womöglich das

Männerpublikum: Generale in goldstrotzender Uniform, Offiziere der

Gardetruppen und der Linie. Zu ihnen gesellten sich Parlamentarier,

bekannte Rechtsanwälte, Ärzte, Studenten, Kaufleute, Handwerker,

Arbeiter; jeder Stand schien vertreten. Vor dem Bahnhofe hatten

zahlreiche Blumenverkäufer Posto gefaßt; so voll ihre Körbe auch

von Blumen waren, ein Augenblick genügte, und sie waren entleert.

Alle Frauen trugen Blumensträuße; der Wartesaal schien in einen

einzigen Blumenhain verwandelt; die Vorsitzenden und Leiter

zahlreicher Vereine hatten gleichfalls Blumenstücke von seltener

Pracht und Größe mitgebracht. Bemerkenswert war besonders eine

von englischen Damen dem Fürsten bei seiner Abfahrt überreichte

Gabe: aus florüberzogenem Veilchenkissen hob sich der Erdball,

ebenfalls mit schwarzer Gaze umzogen, hervor. — Die vierte Stunde

war herangekommen; in den Wandelgängen des Bahnhofes schob sich

die Menge; alles drängte nach den Ausgangstüren, aber dieselben

waren verschlossen, und an der Billetthalle prangte ein Plakat,

laut welchem nur denjenigen Personen, die Fahrkarten gelöst

hätten, der Eintritt zum Perron gestattet sei. Nun galt es, sich

mit Billetten zu versehen, und die Schalter wurden gestürmt: »Ich

bin ein Preuße«, so schmetterte mit einemmal die Musik; eine

Ehreneskadron der Gardekürassiere mit Fahnen rückte heran; das

gesamte Offizierkorps des stolzen Regiments befand sich bei der

Eskadron. In zwei Gliedern nahmen die Mannschaften mit gezogenem

Pallasch auf dem Bahnhof Aufstellung. Vor dem Fürstenzimmer

stellten sich zwei Gardekürassiere als Ehrenwache auf. — Als der

Fürst auf dem Lehrter Bahnhofe anlangte, stürzte sich von allen

Seiten die Menge unter Hochrufen auf den Wagen. Die Schutzleute,

welche zur Absperrung des Bahnhofes aufgeboten waren, konnten oder

wollten diesen Sturmlauf nicht hemmen; halb stieg der Fürst aus

dem Wagen, halb wurde er hinausgehoben, und hinter ihm her stürzte

die Menge auf den Bahnsteig. Mit so überwältigender Kraft vollzog

sich die Kundgebung, daß gar nicht an einen Versuch gedacht werden

konnte, ihr Einhalt zu gebieten. Der Kanzler empfing sodann aus

den Händen des Offiziers, der die Ehrenwache befehligte, unter

den Klängen des Präsentiermarsches den Rapport und schritt die

Front ab. — Es war zwanzig Minuten nach fünf Uhr; Fürst Bismarck

betrat den Perron; alle Häupter entblößten sich; tief gerührt und

freundlich lächelnd reichte der Fürst allen die Hand und schritt

dann langsam die Ehreneskadron ab. Vor dem Coupé seines Salonwagens

nahm der Fürst Aufstellung; nun spielten sich Szenen ab, geradezu

überwältigend, unbeschreiblich. Von einer Begeisterung, Glut, von

einer Wärme, von einem Feuer, von einer Nachhaltigkeit, die wie mit

elementarer Wucht hervorbrachen. Hinter den Gardekürassieren, in

den Fenstern der Wartesalons stand in dichter, undurchbrechbarer

Kette die Menge; ein Hurrarufen ohne Ende brach los; wenn die

Hochs auf der einen Stelle zu ersterben drohten, dann setzten sie

an der anderen gewaltiger wieder ein. Da erhob sich mit einemmal

eine laute, schrille Stimme mit dem Ruf: »Auf Wiedersehen!«, und

»Auf Wiedersehen!« fielen Hunderte und Tausende in diesen Ruf ein.

»Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!« so hallte es durch den weiten

Raum. »Der Begründer des Deutschen Reiches, Fürst Bismarck, lebe!«

ließ sich eine Stimme vernehmen, »er lebe hoch«; alle, alle ohne

Ausnahme fielen ein. Es stand der Fürst noch über fünf Minuten auf

dem Perron, umbraust, umstürmt von den Hoch- und Hurrarufen; der

ganze Salonwagen glich einem duftenden Hain; da fingen die Rufe:

»Auf Wiedersehen!« von neuem an; sie wurden stärker, mächtiger. Die

Glocke erklang; die Truppen präsentierten; die Musik spielte; ihre

Klänge erstarben in den Hoch- und Hurrarufen. Die »Wacht am Rhein«

wurde nochmals gesungen, und langsam fuhr der Zug aus der Halle.

Fortwährend winkte der Fürst Abschiedsgrüße zu; die Damen wehten

mit den Tüchern. Es war ein überwältigender Moment; man sah rings

tränende Gesichter, hörte lautes Schluchzen: »Auf Wiedersehen!

Auf Wiedersehen!« donnerten die Rufe hinter dem nun schnell

fortdampfenden Zuge.

[Illustration: Bismarck vor dem Bilde Kaiser Karls =V.= (»Der Floh«,

23. März 1890)]

[Illustration: Bismarck als Napoleon auf St. Helena. (»Figaro«, 1.

April 1890)]

[Illustration: ~Die Gedanken eines Eremiten~

»Der Kaiser wurde Sozialist — da werde ich Nihilist!«

(Eine ungedruckte Karikatur von 1890)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 291 / 334 题