Orpheus lullt Cerberus in den Schlaf. (»Punch«, 19. Okt. 1889)]

Daß aber die ersten ernsthaften Differenzen zwischen dem Kaiser und

seinem Kanzler gerade auf diesem Gebiete und auch sonst bis in den

Sommer des Jahres 1889 zurückgehen, ist historisch festgestellt. Wenn

später ein Pester Blatt erzählte: »Der Gegenbesuch des Zaren in Berlin

schloß mit der Aussicht, daß Kaiser Wilhelm im Sommer 1890 wieder Gast

in St. Petersburg sein und den russischen Manövern beiwohnen werde;

Fürst Bismarck aber war von dieser Aussicht nicht so erfreut, wie es

der Kaiser wünschte«, so ist diese Auffassung leider wohlbegründet

gewesen. Und zutreffend war auch die Versicherung: »Daß der frühere

Kanzler bestrebt war, mit Rußland, wenn nicht Freundschaft, aber so

doch ein erträgliches Auskommen zu unterhalten, hat man aus seinem

Munde oft genug gehört, ebenso aber auch, daß die Bundestreue jener

traditionellen Freundschaft voranstehen muß.« Denn es ist kein Zufall,

daß die letzten Jahre seines Lebens erfüllt waren von sorgenvollen

Betrachtungen über die Ausgestaltung unserer Beziehungen zu dem

östlichen Nachbarn, und kein Zufall ist es, sondern eine wundersame

Schickung, daß ebenso wie der verewigte Kaiser, so auch sein treuer

deutscher Diener noch am letzten Tage des Lebens die Notwendigkeit

eines Einvernehmens mit Rußland hervorhob. Gerade deshalb sah er es

als ein Glück für Deutschland an, daß die orientalische Frage nicht

in den Kreis unserer Interessen fiel: »Die ist für uns mehr als für

die anderen Mächte mit dem Gravitieren der russischen Macht nach Süden

verträglich; wir können die Lösung eines von Rußland geschürzten

Knotens länger als andere abwarten.« Darum hat er auch später unsere

Initiative in der griechischen Frage mit Sorge verfolgt.

Immerhin blieb das Verhältnis zwischen Kaiser und Kanzler nach außen

hin noch durchaus herzlich. Von seiner Orientreise aus sandte der

Monarch nach Friedrichsruh begeisterte Telegramme, und stets zeigte

er ihm eine fast ängstliche Sorge um seine Gesundheit, bis dann die

verschiedenartige Auffassung der sozialen Frage und der Zusammenbruch

des Kartells zu immer schärferer Spannung führten. Am 30. September

nämlich war das Sozialistengesetz abgelaufen, und es wurde nicht nur

seine Verschärfung, sondern auch seine Verlängerung für ewige Zeiten

gefordert. Nach dem neuen Vorschlag sollten sozialistische Agitatoren

der Ausweisung unterliegen und ihre Organe nach zweimaliger Verwarnung

verboten werden können. Der alte Kämpfer war eben der Ansicht, daß

die sozialistische Bewegung in ihrer letzten Wirkung keine Rechts-,

sondern eine Kriegsfrage sei. Er hielt den Kampf mit dieser Richtung

für unvermeidlich und wollte ihn je eher je lieber führen und eben

deshalb die Staatsgewalt in den Besitz aller Mittel setzen, um sich als

Herrin im Lande zu erhalten. Im Reichstag jedoch widerstrebte man. Hier

war man nur bereit, das alte Gesetz zu verlängern, und erst später, in

der zweiten Lesung, entschloß man sich, es wohl als dauernd anzunehmen,

strich jedoch die geplante Verschärfung.

[Illustration: ~Die besorgte Erzieherin~

Direktrice: »Gefälligst für sich schauen, meine Damen. Nur keine

Zerstreuungen und Seitenblicke, wenn ich bitten darf!« (»Nebelspalter«,

20. Oktober 1889)]

Am Tage vor der dritten Lesung traf nun Fürst Bismarck in Berlin

ein, um den Vorsitz in einer Sitzung des Staatsministeriums zu

übernehmen, in der man sich über die Haltung der Regierung schlüssig

machen sollte. Sein Eintreffen war herbeigeführt worden durch eine

Depesche des Sohnes, die ihn gleichzeitig über die Schwierigkeiten

der Lage aufgeklärt hat. Schon damals stieß Fürst Bismarck bei den

Ministern auf Stimmungen, die es ihm deutlich machten, daß der Wind

an höchster Stelle umgeschlagen sei. Von der Sitzung ging dann der

Kanzler zum Kaiser und trug ihm den Wunsch vor, von der Leitung des

Handelsministeriums entbunden zu werden. Unmittelbar darauf fand

ein lang andauernder Kronrat unter dem Vorsitz des Kaisers statt.

Hier wurden zur Überraschung des leitenden Staatsmannes von dem

Minister von Bötticher die bekannten Erlasse über den Arbeiterschutz

vorgetragen, die durchaus nicht mit den Anschauungen des Kanzlers

in Einklang standen. Fürst Bismarck erklärte sich entschieden gegen

ihre Veröffentlichung. Er fürchtete, daß sie nur die Begehrlichkeit

steigern, keineswegs aber der Agitation ein Ziel setzen würden;

er war auch der Meinung, daß sie einen zu tiefen Eingriff in das

Selbstbestimmungsrecht des einzelnen machen und daß sie vor allem von

der deutschen Industrie nicht getragen werden könnten. Aber diese

Erlasse beruhten auf einer Lieblingsidee des Kaisers, und so war

Bismarck genötigt, ihnen nach Kräften eine Form zu geben, die seinen

Bedenken Rechnung trug. Vergebens hat er sich immer wieder bemüht,

den Kaiser umzustimmen, ihn gebeten, sie ins Feuer zu werfen. Hatte

aber der Monarch gemeint, durch sie einen wohltätigen Einfluß auf den

Ausfall der nahen Wahlen zu üben, so sah er sich rasch genug bitter

getäuscht. Denn diese Wahlen brachten den vollen Zusammenbruch der

staatstreuen Mehrheit. Am 4. Februar 1890 sind dann die Erlasse ohne

die Gegenzeichnung des Kanzlers erschienen.

[Illustration: »Potz Spandau, die roten Blumen sind mir gar zu sehr in

die Höhe geschossen! Da können Sie, lieber Herr Obergärtner, noch nicht

gehen, Ihr Tagewerk ist noch nicht vollbracht.« (»Figaro«, Anfang März

1890)]

Hier aber setzten vor allem die Intrigen ein, die auf seinen Sturz

zielten. Fürst Bismarck sprach sich ein Jahr später darüber aus: Ihm

sei das Aushalten wesentlich erschwert worden durch die Bestrebungen

anderer, sich zwischen ihn und den Kaiser zu schieben und dem Kaiser

näherzutreten als ihm der Kanzler stand, der nach der Verfassung der

alleinige Ratgeber des Kaisers und der dem preußischen Staat für die

Gesamtpolitik vorzugsweise verantwortliche Ministerpräsident war.

Diese Gegenströmungen waren es zunächst, die die Haltbarkeit der

verfassungsmäßigen Stellung des Reichskanzlers beeinträchtigten. »Sie

fanden von mannigfachen Seiten her statt: von militärischer Seite,

von Privatleuten, die das Ohr des Kaisers suchten, von Kollegen des

Kanzlers, von konservativen Fraktionsführern und auch von höheren

Stellen aus. Am wirksamsten waren die Beziehungen, welche Kollegen

des Kanzlers und der Umgebung des letzteren, unter Bekämpfung seiner

Politik und unter Benutzung ihres amtlichen Zutritts zur höchsten

Stelle, erlangten.« Hier hat der Kanzler wohl auf die Minister

von Heyden und von Bötticher, auf den Erzieher des Kaisers, =Dr.=

Hintzpeter, auf die Herren von Helldorff und Stöcker, auf den Grafen

Waldersee, den General von Caprivi und Herrn von Hammerstein gewiesen.

Von welcher Seite aber die üble Verleumdung dem Kaiser zugetragen

wurde, daß Fürst Bismarck dem Morphinismus und der Trunksucht in

solchem Maße verfallen sei, daß er bereits den Zusammenhang seiner

Gedanken verloren habe, ist nie erwiesen worden. Daß man sie erhoben

hat, steht aber schon deshalb fest, weil der Kaiser es für notwendig

hielt, den Hausarzt des Fürsten zu berufen, um sich vom Tatbestand zu

überzeugen. Die Antwort des derben bayrischen Arztes ließ allerdings

an Klarheit nichts zu wünschen übrig: »Majestät, das ist eine elende

Verleumdung, und ich kenne die, von denen sie ausgeht.«

[Illustration: Bei den Reichstagswahlen war das Kartell zersprengt

worden, und die Sozialdemokraten gewannen 35 Mandate. (»Hum. Blätter«,

1890)]

Die Geschichte der Entlassung des Fürsten Bismarck in jeder Einzelheit

zu verfolgen, all den Fäden nachzugehen, mit denen die Zwerge den

Riesen zu umschlingen versuchten, ist hier nicht der Ort. Es genügt der

Hinweis, daß die Differenzen über die soziale Frage, das Verhältnis

zu Rußland und die Kabinettsorder vom Jahre 1852, die den Verkehr der

Minister beim Landesherrn regelte, den Anlaß boten, und daß die Krise

ihre letzte Spitze durch den Empfang erhielt, den Fürst Bismarck dem

Führer des Zentrums, Herrn Windthorst, gewährte.

Am Abend des 19. März hat Fürst Bismarck auf das wiederholte Ersuchen

des Kaisers das Schriftstück eingesandt, das als sein Entlassungsgesuch

bezeichnet wird. In dem Handschreiben aber, mit dem der Monarch sich

von dem Berater der Nation trennte, war es noch einmal ausgesprochen,

was Deutschland, was das Haus der Hohenzollern diesem unvergleichlichen

Manne verdankte. »Gott segne Sie, mein lieber Fürst, und schenke Ihnen

noch viele Jahre eines ungetrübten und durch das Bewußtsein treu

erfüllter Pflicht verklärten Alters«, so schloß das Schriftstück.

Zugleich wurde dem großen Staatsmann der Titel eines Herzogs von

Lauenburg verliehen. Zwei Tage später telegraphierte der Kaiser an

einen Freund: »Mir ist so weh ums Herz, als hätte ich meinen Großvater

noch einmal verloren! Es ist mir aber von Gott einmal bestimmt, also

habe ich es zu tragen, wenn ich auch darüber zugrunde gehen sollte. Das

Amt des wachhabenden Offiziers auf dem Staatsschiff ist mir zugefallen.

Der Kurs bleibt der alte, und nun Volldampf voraus!«

Der Kurs ist leider nicht der alte geblieben. Gerade hieraus hat sich

dann die ungeheure Tragödie entwickelt, die mit ihren Schatten und

ihrer Qual die letzten acht Lebensjahre des Fürsten Bismarck bedeckte

und die einen Vergleich nur in dem Schicksal des Themistokles findet.

Die Entlassung Bismarcks war die schicksalsschwerste Tat Kaiser

Wilhelms =II.= Er selbst hat es später empfunden, als er wiederholt

dem treuesten Diener des deutschen Volkes die Hand zur Versöhnung bot.

Aber mit diesem Tage, der das deutsche Volk seines weisesten Beraters

beraubte, begann zugleich eine Zeit schwerer innerer Konflikte für

viele, die mit der tiefen Dankbarkeit für den Schöpfer des Reiches

auch die Ehrerbietung für den Träger der Krone vereinen wollten und

durch die wachsende Schärfe der Gegensätze immer tiefer sich verwundet

fühlten. So wurde der 20. März 1890 ein Trauertag für ganz Deutschland,

ein Tag des Jubels für alle Feinde. Er wurde von den Volksgenossen um

so schmerzlicher empfunden, als die Umstände, die ihn begleiteten,

den Eindruck erweckten, daß neben dem Unrecht auch die Kränkung nicht

fehlte. Fürst Bismarck hat später von jenen Tagen gesagt, daß er sich

mit den Seinen »etwa wie eine deutsche Familie erschien, die im Jahre

1870 aus Paris ausgewiesen wurde«. Ehe er fortging, empfing ihn der

Kaiser. Was zwischen den beiden Männern gesprochen wurde, ist nicht

bekannt. Überaus herzlich zeigte sich die Kaiserin, die ihre Knaben zum

Abschiednehmen herbeirief. Am Vormittag des 28. März fuhr dann Bismarck

hinaus zum Mausoleum und legte auf den Sarg seines alten Herrn als

letzten Gruß drei blühende Rosen. Welche Gedanken mögen damals durch

sein Haupt gegangen sein! Noch niemals hat die Künstlerin Geschichte

ein so ergreifendes Bild gezeichnet wie an diesem Tage, da der treueste

Diener sich dem treuesten Herrn zum letztenmal huldigend neigte.

[Illustration: Die tschechische Umschrift zu dem Bilde lautet: »Der

böse Geist des Berliner ›Freischützen‹ soll im Hintergrunde warten, bis

der Kaspar in der ›Marterhöhle‹ rufen wird: ›Samiel, hilf — Geschütze

zu beschaffen.‹« Die Inschrift auf dem Kessel lautet: »Deutschlands

Hegemonie.« Der Kessel ist von Totenköpfen umgeben. Im Hintergrunde

drohen Frankreich und Rußland als Fledermaus und Drache. (»Hum. Listy«,

März 1890)]

Am Tage darauf verließ Fürst Bismarck Berlin.

[Illustration: »Adieu, Kinder, gehabt euch wohl.« (»Strekosa«, März

1890)]

[Illustration:

Der neue Barbarossa,

Der grollend seitwärts schlich,

Im Friedrichsruher Schlosse

Hält er verborgen sich.

Er hat hinabgenommen

Die Kanzlerherrlichkeit

Und möchte wiederkommen

Zu ihm geleg’ner Zeit.

Der Stuhl ist elfenbeinern,

Darauf Fürst Bismarck sitzt,

Der Tisch ist marmelsteinern,

Worauf sein Haupt er stützt.

Aus seiner Tabakspfeife

Saugt er die Wolken ein,

Es wuchs sein Haar, das steife,

Dreiteilig durchs Gestein.

Er spricht zum Arzt: Nun blicke

Durchs Fenster in die Welt

Und melde mir zurücke,

Was dir ins Auge fällt.

Und wenn das Volk der Raben

Noch diesen Berg umschwirrt,

Dann muß Geduld ich haben,

Bis daß es anders wird.

(»Lustige Blätter«, 1890)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 290 / 334 题