Daß aber die ersten ernsthaften Differenzen zwischen dem Kaiser und
seinem Kanzler gerade auf diesem Gebiete und auch sonst bis in den
Sommer des Jahres 1889 zurückgehen, ist historisch festgestellt. Wenn
später ein Pester Blatt erzählte: »Der Gegenbesuch des Zaren in Berlin
schloß mit der Aussicht, daß Kaiser Wilhelm im Sommer 1890 wieder Gast
in St. Petersburg sein und den russischen Manövern beiwohnen werde;
Fürst Bismarck aber war von dieser Aussicht nicht so erfreut, wie es
der Kaiser wünschte«, so ist diese Auffassung leider wohlbegründet
gewesen. Und zutreffend war auch die Versicherung: »Daß der frühere
Kanzler bestrebt war, mit Rußland, wenn nicht Freundschaft, aber so
doch ein erträgliches Auskommen zu unterhalten, hat man aus seinem
Munde oft genug gehört, ebenso aber auch, daß die Bundestreue jener
traditionellen Freundschaft voranstehen muß.« Denn es ist kein Zufall,
daß die letzten Jahre seines Lebens erfüllt waren von sorgenvollen
Betrachtungen über die Ausgestaltung unserer Beziehungen zu dem
östlichen Nachbarn, und kein Zufall ist es, sondern eine wundersame
Schickung, daß ebenso wie der verewigte Kaiser, so auch sein treuer
deutscher Diener noch am letzten Tage des Lebens die Notwendigkeit
eines Einvernehmens mit Rußland hervorhob. Gerade deshalb sah er es
als ein Glück für Deutschland an, daß die orientalische Frage nicht
in den Kreis unserer Interessen fiel: »Die ist für uns mehr als für
die anderen Mächte mit dem Gravitieren der russischen Macht nach Süden
verträglich; wir können die Lösung eines von Rußland geschürzten
Knotens länger als andere abwarten.« Darum hat er auch später unsere
Initiative in der griechischen Frage mit Sorge verfolgt.
Immerhin blieb das Verhältnis zwischen Kaiser und Kanzler nach außen
hin noch durchaus herzlich. Von seiner Orientreise aus sandte der
Monarch nach Friedrichsruh begeisterte Telegramme, und stets zeigte
er ihm eine fast ängstliche Sorge um seine Gesundheit, bis dann die
verschiedenartige Auffassung der sozialen Frage und der Zusammenbruch
des Kartells zu immer schärferer Spannung führten. Am 30. September
nämlich war das Sozialistengesetz abgelaufen, und es wurde nicht nur
seine Verschärfung, sondern auch seine Verlängerung für ewige Zeiten
gefordert. Nach dem neuen Vorschlag sollten sozialistische Agitatoren
der Ausweisung unterliegen und ihre Organe nach zweimaliger Verwarnung
verboten werden können. Der alte Kämpfer war eben der Ansicht, daß
die sozialistische Bewegung in ihrer letzten Wirkung keine Rechts-,
sondern eine Kriegsfrage sei. Er hielt den Kampf mit dieser Richtung
für unvermeidlich und wollte ihn je eher je lieber führen und eben
deshalb die Staatsgewalt in den Besitz aller Mittel setzen, um sich als
Herrin im Lande zu erhalten. Im Reichstag jedoch widerstrebte man. Hier
war man nur bereit, das alte Gesetz zu verlängern, und erst später, in
der zweiten Lesung, entschloß man sich, es wohl als dauernd anzunehmen,
strich jedoch die geplante Verschärfung.
[Illustration: ~Die besorgte Erzieherin~
Direktrice: »Gefälligst für sich schauen, meine Damen. Nur keine
Zerstreuungen und Seitenblicke, wenn ich bitten darf!« (»Nebelspalter«,
20. Oktober 1889)]
Am Tage vor der dritten Lesung traf nun Fürst Bismarck in Berlin
ein, um den Vorsitz in einer Sitzung des Staatsministeriums zu
übernehmen, in der man sich über die Haltung der Regierung schlüssig
machen sollte. Sein Eintreffen war herbeigeführt worden durch eine
Depesche des Sohnes, die ihn gleichzeitig über die Schwierigkeiten
der Lage aufgeklärt hat. Schon damals stieß Fürst Bismarck bei den
Ministern auf Stimmungen, die es ihm deutlich machten, daß der Wind
an höchster Stelle umgeschlagen sei. Von der Sitzung ging dann der
Kanzler zum Kaiser und trug ihm den Wunsch vor, von der Leitung des
Handelsministeriums entbunden zu werden. Unmittelbar darauf fand
ein lang andauernder Kronrat unter dem Vorsitz des Kaisers statt.
Hier wurden zur Überraschung des leitenden Staatsmannes von dem
Minister von Bötticher die bekannten Erlasse über den Arbeiterschutz
vorgetragen, die durchaus nicht mit den Anschauungen des Kanzlers
in Einklang standen. Fürst Bismarck erklärte sich entschieden gegen
ihre Veröffentlichung. Er fürchtete, daß sie nur die Begehrlichkeit
steigern, keineswegs aber der Agitation ein Ziel setzen würden;
er war auch der Meinung, daß sie einen zu tiefen Eingriff in das
Selbstbestimmungsrecht des einzelnen machen und daß sie vor allem von
der deutschen Industrie nicht getragen werden könnten. Aber diese
Erlasse beruhten auf einer Lieblingsidee des Kaisers, und so war
Bismarck genötigt, ihnen nach Kräften eine Form zu geben, die seinen
Bedenken Rechnung trug. Vergebens hat er sich immer wieder bemüht,
den Kaiser umzustimmen, ihn gebeten, sie ins Feuer zu werfen. Hatte
aber der Monarch gemeint, durch sie einen wohltätigen Einfluß auf den
Ausfall der nahen Wahlen zu üben, so sah er sich rasch genug bitter
getäuscht. Denn diese Wahlen brachten den vollen Zusammenbruch der
staatstreuen Mehrheit. Am 4. Februar 1890 sind dann die Erlasse ohne
die Gegenzeichnung des Kanzlers erschienen.
[Illustration: »Potz Spandau, die roten Blumen sind mir gar zu sehr in
die Höhe geschossen! Da können Sie, lieber Herr Obergärtner, noch nicht
gehen, Ihr Tagewerk ist noch nicht vollbracht.« (»Figaro«, Anfang März
1890)]
Hier aber setzten vor allem die Intrigen ein, die auf seinen Sturz
zielten. Fürst Bismarck sprach sich ein Jahr später darüber aus: Ihm
sei das Aushalten wesentlich erschwert worden durch die Bestrebungen
anderer, sich zwischen ihn und den Kaiser zu schieben und dem Kaiser
näherzutreten als ihm der Kanzler stand, der nach der Verfassung der
alleinige Ratgeber des Kaisers und der dem preußischen Staat für die
Gesamtpolitik vorzugsweise verantwortliche Ministerpräsident war.
Diese Gegenströmungen waren es zunächst, die die Haltbarkeit der
verfassungsmäßigen Stellung des Reichskanzlers beeinträchtigten. »Sie
fanden von mannigfachen Seiten her statt: von militärischer Seite,
von Privatleuten, die das Ohr des Kaisers suchten, von Kollegen des
Kanzlers, von konservativen Fraktionsführern und auch von höheren
Stellen aus. Am wirksamsten waren die Beziehungen, welche Kollegen
des Kanzlers und der Umgebung des letzteren, unter Bekämpfung seiner
Politik und unter Benutzung ihres amtlichen Zutritts zur höchsten
Stelle, erlangten.« Hier hat der Kanzler wohl auf die Minister
von Heyden und von Bötticher, auf den Erzieher des Kaisers, =Dr.=
Hintzpeter, auf die Herren von Helldorff und Stöcker, auf den Grafen
Waldersee, den General von Caprivi und Herrn von Hammerstein gewiesen.
Von welcher Seite aber die üble Verleumdung dem Kaiser zugetragen
wurde, daß Fürst Bismarck dem Morphinismus und der Trunksucht in
solchem Maße verfallen sei, daß er bereits den Zusammenhang seiner
Gedanken verloren habe, ist nie erwiesen worden. Daß man sie erhoben
hat, steht aber schon deshalb fest, weil der Kaiser es für notwendig
hielt, den Hausarzt des Fürsten zu berufen, um sich vom Tatbestand zu
überzeugen. Die Antwort des derben bayrischen Arztes ließ allerdings
an Klarheit nichts zu wünschen übrig: »Majestät, das ist eine elende
Verleumdung, und ich kenne die, von denen sie ausgeht.«
[Illustration: Bei den Reichstagswahlen war das Kartell zersprengt
worden, und die Sozialdemokraten gewannen 35 Mandate. (»Hum. Blätter«,
1890)]
Die Geschichte der Entlassung des Fürsten Bismarck in jeder Einzelheit
zu verfolgen, all den Fäden nachzugehen, mit denen die Zwerge den
Riesen zu umschlingen versuchten, ist hier nicht der Ort. Es genügt der
Hinweis, daß die Differenzen über die soziale Frage, das Verhältnis
zu Rußland und die Kabinettsorder vom Jahre 1852, die den Verkehr der
Minister beim Landesherrn regelte, den Anlaß boten, und daß die Krise
ihre letzte Spitze durch den Empfang erhielt, den Fürst Bismarck dem
Führer des Zentrums, Herrn Windthorst, gewährte.
Am Abend des 19. März hat Fürst Bismarck auf das wiederholte Ersuchen
des Kaisers das Schriftstück eingesandt, das als sein Entlassungsgesuch
bezeichnet wird. In dem Handschreiben aber, mit dem der Monarch sich
von dem Berater der Nation trennte, war es noch einmal ausgesprochen,
was Deutschland, was das Haus der Hohenzollern diesem unvergleichlichen
Manne verdankte. »Gott segne Sie, mein lieber Fürst, und schenke Ihnen
noch viele Jahre eines ungetrübten und durch das Bewußtsein treu
erfüllter Pflicht verklärten Alters«, so schloß das Schriftstück.
Zugleich wurde dem großen Staatsmann der Titel eines Herzogs von
Lauenburg verliehen. Zwei Tage später telegraphierte der Kaiser an
einen Freund: »Mir ist so weh ums Herz, als hätte ich meinen Großvater
noch einmal verloren! Es ist mir aber von Gott einmal bestimmt, also
habe ich es zu tragen, wenn ich auch darüber zugrunde gehen sollte. Das
Amt des wachhabenden Offiziers auf dem Staatsschiff ist mir zugefallen.
Der Kurs bleibt der alte, und nun Volldampf voraus!«
Der Kurs ist leider nicht der alte geblieben. Gerade hieraus hat sich
dann die ungeheure Tragödie entwickelt, die mit ihren Schatten und
ihrer Qual die letzten acht Lebensjahre des Fürsten Bismarck bedeckte
und die einen Vergleich nur in dem Schicksal des Themistokles findet.
Die Entlassung Bismarcks war die schicksalsschwerste Tat Kaiser
Wilhelms =II.= Er selbst hat es später empfunden, als er wiederholt
dem treuesten Diener des deutschen Volkes die Hand zur Versöhnung bot.
Aber mit diesem Tage, der das deutsche Volk seines weisesten Beraters
beraubte, begann zugleich eine Zeit schwerer innerer Konflikte für
viele, die mit der tiefen Dankbarkeit für den Schöpfer des Reiches
auch die Ehrerbietung für den Träger der Krone vereinen wollten und
durch die wachsende Schärfe der Gegensätze immer tiefer sich verwundet
fühlten. So wurde der 20. März 1890 ein Trauertag für ganz Deutschland,
ein Tag des Jubels für alle Feinde. Er wurde von den Volksgenossen um
so schmerzlicher empfunden, als die Umstände, die ihn begleiteten,
den Eindruck erweckten, daß neben dem Unrecht auch die Kränkung nicht
fehlte. Fürst Bismarck hat später von jenen Tagen gesagt, daß er sich
mit den Seinen »etwa wie eine deutsche Familie erschien, die im Jahre
1870 aus Paris ausgewiesen wurde«. Ehe er fortging, empfing ihn der
Kaiser. Was zwischen den beiden Männern gesprochen wurde, ist nicht
bekannt. Überaus herzlich zeigte sich die Kaiserin, die ihre Knaben zum
Abschiednehmen herbeirief. Am Vormittag des 28. März fuhr dann Bismarck
hinaus zum Mausoleum und legte auf den Sarg seines alten Herrn als
letzten Gruß drei blühende Rosen. Welche Gedanken mögen damals durch
sein Haupt gegangen sein! Noch niemals hat die Künstlerin Geschichte
ein so ergreifendes Bild gezeichnet wie an diesem Tage, da der treueste
Diener sich dem treuesten Herrn zum letztenmal huldigend neigte.
[Illustration: Die tschechische Umschrift zu dem Bilde lautet: »Der
böse Geist des Berliner ›Freischützen‹ soll im Hintergrunde warten, bis
der Kaspar in der ›Marterhöhle‹ rufen wird: ›Samiel, hilf — Geschütze
zu beschaffen.‹« Die Inschrift auf dem Kessel lautet: »Deutschlands
Hegemonie.« Der Kessel ist von Totenköpfen umgeben. Im Hintergrunde
drohen Frankreich und Rußland als Fledermaus und Drache. (»Hum. Listy«,
März 1890)]
Am Tage darauf verließ Fürst Bismarck Berlin.
[Illustration: »Adieu, Kinder, gehabt euch wohl.« (»Strekosa«, März
1890)]
[Illustration:
Der neue Barbarossa,
Der grollend seitwärts schlich,
Im Friedrichsruher Schlosse
Hält er verborgen sich.
Er hat hinabgenommen
Die Kanzlerherrlichkeit
Und möchte wiederkommen
Zu ihm geleg’ner Zeit.
Der Stuhl ist elfenbeinern,
Darauf Fürst Bismarck sitzt,
Der Tisch ist marmelsteinern,
Worauf sein Haupt er stützt.
Aus seiner Tabakspfeife
Saugt er die Wolken ein,
Es wuchs sein Haar, das steife,
Dreiteilig durchs Gestein.
Er spricht zum Arzt: Nun blicke
Durchs Fenster in die Welt
Und melde mir zurücke,
Was dir ins Auge fällt.
Und wenn das Volk der Raben
Noch diesen Berg umschwirrt,
Dann muß Geduld ich haben,
Bis daß es anders wird.
(»Lustige Blätter«, 1890)]