Ehrendoktor der Theologie

In dem Diplom, das von Gießen aus dem Kanzler zugesandt wurde,

war gesagt worden: »Dem reichbewährten, vornehmsten Ratgeber

der evangelischen Könige von Preußen, der erlauchten Stütze

der evangelischen Sache in aller Welt, welcher darüber wacht,

daß die evangelische Kirche gemäß ihrer Eigenart und nicht

nach fremdartigem, für sie verderblichem Vorbilde regiert

werde; dem tiefblickenden Staatsmanne, der erkannt hat, daß die

christliche Religion allein Heil bringen kann der sozialen Not,

die christliche Religion, die ihm die Religion der tatkräftigen

Liebe, nicht der Worte, des Herzens und Willens, nicht der

bloßen Spekulation ist; dem einsichtigen Freunde aller deutschen

Universitäten, der zumal den evangelischen Fakultäten teuer

geworden ist durch die Entschlossenheit, mit welcher er für die

Freiheit derselben eingetreten ist, ohne welche sie dem Evangelium

und der Kirche nicht dienen können.« Bismarck erwiderte am 22.

November dankend: »Meinem Eintreten für duldsames und praktisches

Christentum verdanke ich diese Auszeichnung. Wer sich der eigenen

Unzulänglichkeit bewußt ist, wird in dem Maße, in welchem Alter und

Erfahrung seine Kenntnis der Menschen und Dinge erweitern, duldsam

für die Meinung anderer.«

[Illustration: Bismarck im »Arabic Punch«]

Für das Verhältnis zwischen dem Kaiser und seinem ersten Diener war vor

allem der Neujahrswunsch bezeichnend, den der Monarch, der im Sommer

den Staatsmann in seinem Heim zu Friedrichsruh aufgesucht hatte, am

Ende des Jahres 1889 an ihn gerichtet hat: »Lieber Fürst! Das Jahr,

welches uns so schwere Heimsuchungen und unersetzliche Verluste

gebracht hat, geht zu Ende. Mit Freude und Trost zugleich erfüllt Mich

der Gedanke, daß Sie Mir treu zur Seite stehen und mit frischer Kraft

in das neue Jahr eintreten. Von ganzem Herzen erflehe Ich für Sie

Glück, Segen und vor allem andauernde Gesundheit, und hoffe zu Gott,

daß es Mir noch recht lange vergönnt sein möge, mit Ihnen zusammen für

die Wohlfahrt und Größe unseres Vaterlandes zu wirken.«

Eine sachliche Differenz trat erst ein, als während des großen

Bergarbeiterstreiks des Jahres 1889 der Kaiser sich entschloß, die

drei Führer der Ausständigen im Schlosse zu Berlin zu empfangen. Fürst

Bismarck sah hier den Grundsatz durchbrochen, daß ein Monarch sich

niemals ohne ministerielle Bekleidungsstücke in das öffentliche Leben

hinauswagen soll; er wußte auch, daß die Delegierten Sozialdemokraten

seien und daß ihre Berufung zum Kaiser nicht nur keine Frucht tragen,

sondern die Stimmung nur verschärfen und neue Begierden wachrufen werde.

[Illustration: ~Bismarck und der Tod~

»Scher dich zum Teufel!«

»Laß mich noch hier, du Lieber, bis ich Englands Herze wiedergewonnen

habe!« (»Djabel«, Krakau, März 1889)]

Durchaus in Übereinstimmung mit dem Kaiser befand sich Fürst Bismarck

zunächst in der äußeren Politik, vor allem in dem Bemühen, den in

dem ganzen Weltteil herrschenden Argwohn zu zerstören, daß der junge

Herrscher nach kriegerischer Betätigung verlange. Hier hatte Fürst

Bismarck freilich schon früh gewisse Widerstände zu besiegen, die sich

aus der Neigung des Kaisers ergaben, das kühle Verhältnis zu England

möglichst freundschaftlich zu gestalten. Gewiß hat der Kanzler es

gebilligt, daß Kaiser Wilhelm eine weite Rundreise an die europäischen

Höfe unternahm, aber gerade aus der Überschätzung, die der neue Herr

solchen Besuchen und der persönlichen Wirkung seiner Persönlichkeit

entgegenbrachte, sollte später einer der entscheidenden Gründe für die

Trennung der beiden Männer erwachsen. Nach Wien und Rom ging der Kaiser

unter voller Zustimmung des Kanzlers, aber Bedenken erhoben sich schon,

als der Monarch auch Athen und Konstantinopel besuchte, und als er

auf der Rückreise von Petersburg seine Flotte auch in Stockholm und

Kopenhagen anlaufen ließ. Es entsprang dem Bedürfnis des neuen Herrn,

sein Verhältnis zum Fürsten Bismarck deutlich zu erweisen, daß er auf

allen diesen Reisen sich den Grafen Herbert Bismarck zum Begleiter

erkor.

Aber die neue Zeit zeigte doch hier und da schon Spuren eines neu in

das Leben der Nation eingreifenden Willens: der Wunsch des Kaisers, als

der selbständige Leiter der deutschen Politik zu erscheinen, trat immer

schärfer hervor, und um diesem Wunsche zu genügen, zog Fürst Bismarck

sich mehr und mehr in sein Heim im Sachsenwalde zurück. Man hat es ihm

später vielfach zum Vorwurf gemacht, daß er durch lange Monate der

Reichshauptstadt fern blieb. Aber er folgte hier nur der Rücksicht

auf die Wünsche seines kaiserlichen Herrn, unbekümmert darum, daß er

den Intriganten so den Weg frei gab, die jetzt in der Tat mit allem

Nachdruck den Sturmlauf gegen den verhaßten Kanzler begannen.

Nur sollte die Absicht nicht so schnell, wie die Ungeduld hoffte,

zur Erfüllung reifen. Wiederholt besuchte der Kaiser den Fürsten im

Sachsenwalde, und er nahm auch mit Vorliebe an den parlamentarischen

Abenden teil, die wieder im Kanzlerhause veranstaltet wurden.

[Illustration: ~Naturgetreue Darstellung der letzten partiellen

Mondfinsternis~

Gerüchte tauchen auf, daß Graf Waldersee der Nachfolger Bismarcks

werden soll. (»Ulk«, Juli 1889)]

Noch schwebten keine Differenzen zwischen dem Kaiser und seinem Kanzler

in den Fragen, die schon nach wenigen Monaten sie voneinander trennen

sollten. Auch in dem Urteil über das Verhältnis zu Rußland, das doch

so bald zu scharfer Meinungsverschiedenheit führte, stimmten sie

noch zusammen. Noch im Oktober des Jahres 1889 zeigte Zar Alexander

in mannigfacher Weise, wie hoch er den großen Staatsmann schätze:

Bei seinem Besuche in Berlin zeichnete er ihn in jeder Weise aus

und gab auch äußerlich seiner Freundschaft für den Kanzler durch

die Überreichung seines Miniaturbildes in Form einer geschmackvoll

gearbeiteten, überaus wertvollen Dose Ausdruck. Und in seinem

Neujahrsglückwunsch hat Kaiser Wilhelm noch besonders betont, daß es

vor allem der Tatkraft und Weisheit des Fürsten Bismarck zu danken

sei, wenn der äußere Frieden erhalten blieb und die Bürgschaften für

seine Wahrung noch verstärkt worden seien. — Hier mochte er zunächst

an die Vorgänge denken, die sich an die widerrechtliche Verhaftung des

deutschen Polizeikommissars Wohlgemuth aus Mülhausen im Elsaß knüpften.

Diesen Vorgang hatte Fürst Bismarck sehr ernst aufgefaßt; er hatte

deshalb den Niederlassungsvertrag mit der Schweiz gekündigt und darauf

hingewirkt, daß dieses Land endlich durch einen Bundesanwalt und die

Zentralisation der politischen Polizei in der Hand des Bundesrates

dem beunruhigenden Treiben revolutionärer Elemente und dem Mißbrauch

des Schweizer Asylrechtes die nötigen Schranken zog. Der Konflikt ist

beigelegt worden. Die Bürgschaften der Schweiz wurden in erwünschter

Weise verstärkt. — Ein anderes Faktum, das dem Kaiser jenen Dank für

die Sicherung des Friedens in den Mund gelegt haben mochte, hatte sich

an den Versuch der Panslawisten geknüpft, den deutschen Kanzler dem

Zaren als den Urheber des plötzlichen Todes seiner »Hauptgegner«, des

Kronprinzen Rudolf von Österreich, des Generals Chancy, Gambettas,

Skobelews und des Königs Ludwig von Bayern zu denunzieren. In einer

persönlichen Unterredung mit dem Zaren gelang es dem Staatsmann,

nicht nur diese Verleumdungen zu entkräften, sondern auch das letzte

Mißtrauen gegen seine Friedensliebe zu zerstören. Aber schon in jener

Unterredung, so hat man später erfahren, hat der Zar zu Bismarck

die Worte gesprochen: »Ja, Ihnen glaube ich, und in Sie setze ich

Vertrauen, aber sind Sie auch sicher, daß Sie im Amte bleiben?« Fürst

Bismarck sah, so erzählte er später, den Zaren erstaunt an und sagte:

»Gewiß, Majestät, ich bin dessen ganz sicher, ich werde mein Leben

lang Minister bleiben. Ich hatte«, so fügte er später hinzu, »keine

Ahnung davon, daß eine Änderung bevorstand, während der Zar selbst, wie

die Frage zeigt, von der Wandlung, die sich vollziehen würde, bereits

unterrichtet sein mußte.«

[Illustration: ~Stille Betrachtung~

»Da haben sie mir die Spitzel rausgeschmissen, und dort bei dem hohen

Turm spitzeln sie über die Schmisse, die sie von mir erhalten haben.

Soll man da nicht ärgerlich sein?«

Es handelt sich um die Affäre Wohlgemut. Ein deutscher Polizeibeamter

dieses Namens war aus der Schweiz ausgewiesen worden. (»Nebelspalter«,

15. Juni 1889)]

[Illustration: »Halt, mein Alter, hier hast du etwas zur Beruhigung.

Und wenn du weiter drängst, dann werden dir meine Freunde da im Westen

etwas auf die Hand geben.« (»La Chanson«, Mai 1889)]

[Illustration: ~Der Dreibund~

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 289 / 334 题