Das Kaiserpaar

»Man hat die Willenskraft des Kaisers Friedrich vielfach

unterschätzt. Man glaubte ihn abhängig von Schürzen und

Weiberröcken. Das ist ganz falsch. Er hatte ein hohes Bewußtsein

von seiner Souveränität, und die guten Leute, die von ihm eine

starke Wendung nach links erwarteten und in ihm eine besondere

Schwäche für den Konstitutionalismus witterten, hätten sich

arg getäuscht, wenn er länger regiert hätte. Er war äußerlich

verbindlich, aber durchaus selbstherrlich. Ich hätte selbst gegen

Weiberintrigen leicht mit ihm regiert. — Na, Kronprinzen schillern

ja immer ein bißchen liberal, das ist nun mal so, sie stehen auch

immer ein bißchen in Opposition, weil sie zu wenig zu tun haben,

wenn sie nicht ganz in den Gamaschen aufgehen, aber das schleift

sich ab. Kaiser Friedrich wäre eher ein Autokrat geworden als

ein Richterscher. — Die Kaiserin Friedrich ist eine kluge Frau,

aber sie ist im Grunde stets Engländerin geblieben. Wenn sie von

›unseren‹ Truppen, von ›unserem‹ Botschafter spricht, so meinte sie

stets die englischen Truppen und Lord Loftus oder wer gerade da

ist. Ich wünschte, deutsche Prinzessinnen, die sich wegverheiraten,

hätten auch was davon. Daß ich bei meiner Verabschiedung sie um

ihre Vermittlung bat — gar mit Tränen — ist natürlich Schwindel.

Aber sonst standen wir recht gut miteinander, besonders in den

letzten Jahren, wenn ich sie auch oft ärgern mußte, wie beim

Battenberger. Unser Verhältnis beruhte ja nicht auf Liebe, aber

auf gegenseitiger Hochachtung. Einmal, als ich zum Vortrag in

Charlottenburg war, rückte sie mir sogar einen Sessel heran. Kaiser

Friedrich hielt überhaupt immer darauf, auf meine Bequemlichkeit

Rücksicht zu nehmen. Das wurde freilich später anders.«

[Illustration: Aus Geffckens Tagen. (»Punch«, 16. Februar 1889)]

Ein harter Konflikt erhob sich alsbald auch auf dem Boden der inneren

Politik Preußens. In seinem Mittelpunkte stand der Minister des

Inneren, der hochkonservative Herr von Puttkamer, dem die öffentliche

Meinung allzu starke Wahlbeeinflussungen vorwarf. Auch der Kaiser nahm

gegen ihn Stellung und ersuchte ihn, »in Zukunft die Wahlfreiheit durch

amtliche Beeinflussung nicht einzuschränken«. Alle Versuche des Fürsten

Bismarck, den Konflikt auszugleichen, sind jedoch gescheitert, zumal

da der Minister durch das Verbot eines Lutherfestspieles, in dessen

Aufführung er eine Störung des konfessionellen Friedens erkannte, die

Verstimmung des Kaisers noch zu steigern verstand. Am 8. Juni erhielt

er die Entlassung.

Am 15. Juni 1888 ist dann Kaiser Friedrich gestorben. Die kurze Zeit

seiner Regierung ist eine Zeit der tiefsten Tragik gewesen. Entsetzlich

war das Erlöschen der Lebenskräfte dieses hochgesinnten Mannes, war

die Geschichte der furchtbaren Krankheit, vor der es kein Entrinnen

gab. Entsetzlich war auch der Streit der Ärzte am Krankenlager des

bedauernswerten Mannes. Und der Fluch, der dem britischen Arzte Sir

Morell Mackenzie nach seinem fluchtartigen Scheiden über das Meer

folgte, war sicherlich wohlverdient. Für Bismarck vor allem waren

diese neunundneunzig Tage nur Tage der Qual. Denn er, der täglich

dem Kranken Vortrag halten mußte, war einer der nächsten Zeugen der

Qualen, unter denen das Leben des Kaisers versiegte. Als dann ohne

eigentlichen Todeskampf Kaiser Friedrich dahingeschieden war, da hat

der Kanzler auch ihm den Nachruf gehalten: »Der Königliche Dulder hat

vollendet. Nach Gottes Ratschluß ist Seine Majestät der Kaiser und

König Friedrich, unser allergnädigster Herr, nach langem, schwerem,

mit bewunderungswürdiger Standhaftigkeit und Ergebung in den göttlichen

Willen getragenem Leiden heute kurz nach 11 Uhr zur ewigen Ruhe

eingegangen. Tief betrauert das Königliche Haus und unser in so kurzer

Zeit zum zweitenmal verwaistes Volk den allzufrühen Hintritt des

geliebten Herrschers.«

Der dritte Kaiser, Wilhelm =II.=, Friedrichs des Dulders Sohn, bestieg

den Thron. Eine neue Zeit brach für den großen Staatsmann an. Eine

starke, auf sich selbst ruhende, eigenwillige Persönlichkeit ergriff

die Zügel der Regierung. Und kaum zwei Jahre hindurch sollte das Band

dauern, das die beiden Männer miteinander verknüpfte.

Zunächst freilich schien es, als ob das Vertrauen, das der Kronprinz

eben dem Fahnenträger der Nation ausgesprochen hatte, auch die

Grundlage für alle Zukunft bilden werde. Schon die Thronrede, die

sich durchaus zu der Politik des Fürsten Bismarck bekannte, die das

Versprechen gab, daß auch künftig die soziale Politik »im Anschluß

an die Grundsätze der christlichen Sittenlehre« geführt werden soll,

um den Schwachen und Bedrängten im Kampfe um das Dasein Schutz zu

gewähren, die weiter den Grundsatz aussprach, dem Lande niemals die

Wohltaten des Friedens verkümmern zu wollen, wenn der Krieg nicht

eine durch den Angriff auf das Reich oder auf seine Verbündeten uns

aufgedrungene Notwendigkeit sei, bewies das Bedürfnis des Monarchen,

den Boden des Vorgängers nicht zu verlassen. Ostentativ reichte der

Kaiser nach Verlesung der Rede gleich vom Throne herab dem Kanzler die

Hand, um das herzliche Einvernehmen mit dem ersten Beamten des Reiches

offen zu bekunden. Hoffnungsvoll und freudig sah das deutsche Volk der

Zukunft entgegen, zumal da auch der Monarch sich nachdrücklich für

die Kartellpolitik, für den Zusammenschluß aller nationalen Elemente

erklärte und alle Versuche, namentlich von kirchlicher Seite, die

Stellung des Fürsten Bismarck zu erschüttern, kraftvoll zurückwies.

[Illustration: ~Duldsamkeit~

Bismarck war an Luthers Geburtstag, am 10. November 1888, wegen seines

Eintretens für Harnack, von der Universität Gießen zum Ehrendoktor

ernannt worden. In seiner Antwort hatte er gesagt: »Meinem Eintreten

für duldsames und praktisches Christentum verdanke ich diese

Auszeichnung.« (»Ulk«, Dezember 1888)]

Einen Schatten eigener Art warf nun über diese ersten Sonnentage der

unerquickliche Streich, den Professor Geffcken mit der Veröffentlichung

des Tagebuches spielte, das Kaiser Friedrich während des Krieges

gegen Frankreich geführt hatte, und das eine Reihe von Tatsachen

enthüllte, die wahrlich nicht dem eigentlichen Zwecke, die Gestalt des

verblichenen Kaisers mit einer strahlenden Krone zu umgeben, gedient,

sondern in Wahrheit den toten Kaiser und vor allem sein politisches

Verhalten im Kriegsjahr in ein unerfreuliches Licht gestellt hat:

Seine überschwengliche Vorstellung von der deutschen Kaiserwürde, die

das Recht und die Würde der deutschen Bundesfürsten tief herabdrücken

mußte, der seltsame Gedanke, den süddeutschen Fürsten die Verkümmerung

ihrer Kronrechte, wenn es not tat, mit Gewalt abzutrotzen, die

Darstellung der Differenzen mit dem Fürsten Bismarck — alles das

erweckte einen überaus peinlichen Eindruck, zumal auch geheime

Verhandlungen mit der Kurie und den süddeutschen Staaten preisgegeben

wurden. Fürst Bismarck hielt dieses Tagebuch für gefälscht; er sprach

es in einem Bericht, den der Kaiser von ihm verlangte, ausdrücklich

aus und betrieb das strafrechtliche Einschreiten gegen den Professor

Geffcken. Es ist zu einem Prozeß dann nicht gekommen, weil das

Reichsgericht das Strafverfahren eingestellt hat.

[Illustration: ~Der Teufel macht sich zum Einsiedler.~ (»Le Don

Quichotte«, 29. März 1890)]

Ob dieser Vorgang einen Einfluß auf das innere Verhältnis des Monarchen

zu seinem Kanzler übte? Wer kann es wissen! Zunächst hat jedenfalls

der Kaiser sich weiter bemüht, in zahlreichen Kundgebungen dem Fürsten

Bismarck sein Vertrauen und seine herzliche Freundschaft auszusprechen,

so starke Einflüsse sich auch dauernd gegen den Staatsmann geltend

machten. Vor allem die kirchliche Orthodoxie stand auf dem Kampfplatz,

zumal seit der Zeit, da Bismarck für den Professor Harnack, einen

Schüler Ritschls, und für seine Berufung in die Theologische Fakultät

der Berliner Hochschule eintrat. Ein Verhalten, das ihm aus Gießen den

Titel eines Ehrendoktors der Theologie eintrug.

[Illustration: Der Kanzler in Friedrichsruh. Er klebt ein Plakat

an, daß der Eintritt für Kolporteure, Musikanten und Anwärter auf

Ministerstellen verboten sei. Im Hintergrunde Bennigsen. (»Lustige

Blätter«, 30. August 1888)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 288 / 334 题