»Eure Durchlaucht! Unter den vierzig Jahren, welche Sie soeben
erwähnten, ist wohl keins so ernst und schwerwiegend gewesen
als das jetzige. Der Kaiser Wilhelm ist heimgegangen, dem Sie
27 Jahre lang treu gedient! Mit Begeisterung jubelt das Volk
unserem jetzigen Hohen Herrn zu, der Mitbegründer der Größe des
jetzigen Vaterlandes ist. Eure Durchlaucht werden ihm, wie wir
alle, mit derselben altdeutschen Mannestreue dienen wie dem
Dahingeschiedenen. Um mich eines militärischen Bildes zu bedienen,
so sehe ich unsere jetzige Lage an wie ein Regiment, das zum Sturm
schreitet. Der Regimentskommandeur ist gefallen, der Nächste
im Kommando reitet, obwohl schwer getroffen, noch kühn voran.
Da richten sich die Blicke auf die Fahne, die der Träger hoch
emporschwenkt. So halten Eure Durchlaucht das Reichspanier empor.
Möge es, das ist unser innigster Herzenswunsch, Ihnen noch lange
vergönnt sein, in Gemeinschaft mit unserem geliebten und verehrten
Kaiser das Reichsbanner hochzuhalten. Gott segne und schütze
denselben und Eure Durchlaucht!«
[Illustration:
Bismarck: »Habe schon so viele Ministerportefeuilles mit Wonne
begraben, aber bei dieser Leich’ habe ick mir gar nicht unterhalten.«
Zum Sturze Puttkamers, der unter Kaiser Friedrich fiel. (»Hum.
Blätter«, 17. Juni 1888)]
Einer der giftigsten Pfeile, die man gegen den Kanzler geschleudert
hat, war die Verleumdung, daß er die Einsetzung einer Regentschaft
plane und beabsichtigt habe, den kranken Fürsten als regierungsunfähig
bezeichnen zu lassen. Es ist längst festgestellt, daß Fürst Bismarck
einen solchen Gedanken niemals gehegt hat. In seinem letzten
Vermächtnis hat er dies noch einmal festgestellt. Er hat es hier
auch als eine Fabel bezeichnet, daß ein Thronerbe, der an einer
unheilbaren Krankheit leide, nach preußischem Hausgesetz nicht
sukzessionsfähig sei. Gerade eine Frage staatsrechtlicher Art hat
ihn, den Kanzler, vielmehr genötigt, in das Geschick des Dulders
einzugreifen: Die behandelnden Ärzte waren Ende Mai 1887 entschlossen
gewesen, den Kronprinzen bewußtlos zu machen und die Exstirpation des
Kehlkopfes auszuführen, ohne ihm ihre Absicht angekündigt zu haben.
Da erhob Fürst Bismarck Einspruch, da verlangte er, daß nicht ohne
die Einwilligung des Patienten vorgegangen und, da es sich um den
Thronfolger handelt, auch die Zustimmung des Familienhauptes eingeholt
werde. Der Kaiser hat dann, durch ihn unterrichtet, den Ärzten
verboten, die Operation ohne Einwilligung seines Sohnes vorzunehmen.
[Illustration: Kaiser Friedrich ist gestorben, sein Tagebuch
erschienen. Den Franzosen erscheint Bismarck winzig, an dem Schatten
des Toten gemessen. (»Don Quichotte«, 6. Oktober 1888)]
Der härteste Kampf zog herauf, als ganz Deutschland in helle Erregung
durch die Nachricht geriet, daß die Prinzessin Viktoria, Kaiser
Friedrichs Tochter, sich mit dem Prinzen Alexander von Battenberg
verloben würde, dem zugleich das Kommando über ein preußisches
Armeekorps verliehen werden solle. Das Projekt ging zurück auf die
Königin Viktoria von England, bei der das allen Frauen eigentümliche
Gelüst, Ehen zu stiften, sich mit der politischen Absicht vereinigen
mochte, Rußland und Deutschland voneinander zu trennen. War doch der
einstige Fürst von Bulgarien gerade durch die Abneigung des Zaren
vom Throne gestürzt worden. Aber dieser Plan entsprach zugleich
einem Lieblingswunsch der Kaiserin Friedrich, so daß, als Bismarck
sich zu scharfem Widerspruch genötigt sah, sein Protest zugleich die
einflußreiche hohe Frau auf die Schanzen rief. Am Ostertage sollte
Prinz Alexander in Berlin erscheinen. Da überreichte Fürst Bismarck
dem Kaiser eine Denkschrift von dreißig Seiten, die später durch eine
Indiskretion, wenn auch in apokrypher Form, in französischen Blättern
veröffentlicht wurde. Königin Viktoria kam selbst in Charlottenburg an;
die Erregung im Volke war jedoch schon so hoch gestiegen, daß bei ihrer
Ankunft auf dem Bahnhofe Vorsichtsmaßregeln getroffen werden mußten.
Trotz alles heißen Bemühens der Königin lehnte Kaiser Friedrich den
Heiratsplan ab. Unerhört aber war der Sturm in der Presse, der sich
damals gegen den Eisernen Kanzler erhob. Fürst Bismarck werfe sich, so
lärmte man, zum Vormund des Kaiserhauses auf! Wie könne er sich berufen
fühlen, in einer solchen inneren Angelegenheit der kaiserlichen Familie
sein Veto zu sprechen? Er nehme nur Rücksicht auf den Zaren, er krieche
vor Rußland und schiebe deshalb sogar das Selbstbestimmungsrecht seines
Kaisers zur Seite. Jetzt sei die Frage zu entscheiden, ob in Preußen
und im Reich der Kaiser oder sein Majordomus regiere. Gewaltig war aber
auch die Erregung der anderen Teile des Volkes, die mit Schrecken die
Stellung des unersetzlichen Staatsmannes gefährdet sahen und treffend
die Frage stellten, ob die Verbindung einer Kaisertochter mit dem
Sprößling der Nebenlinie eines deutschen Fürstenhauses wichtiger sei,
als die Erhaltung des Fürsten Bismarck in der Leitung des Deutschen
Reiches.
Die Kanzlerkrisis ging zu Ende. Fürst Bismarck blieb auf seinem Posten.
Der Kaiser dankte ihm für seinen Dienst sogar durch eine Reihe von
Gnadenbeweisen, vor allem durch die Ernennung seines ältesten Sohnes
Herbert zum Mitglied des Staatsministeriums. Er hatte erkannt, daß
nie und nimmermehr die deutsche Politik von England bestimmt und
abhängig werden darf. Er lehnte es ab, wie Fürst Bismarck es nannte,
für England die bulgarischen Alarmquartiere zu beziehen und von dort
auf Englands Signal gegen Rußland zu marschieren, wobei dann England im
weiteren Verlaufe des gewaltigen Ringens mit dem wohlwollenden Gedanken
zugeschaut hätte: »Schade für jeden Hieb, der auf beiden Seiten
vorbeigeht!«
Über sein Verhältnis zu Kaiser Friedrich und seine Gemahlin hat Fürst
Bismarck sich in seinem letzten Vermächtnis noch ausgesprochen: