Die Grabrede auf den alten Kaiser

»Es steht mir nicht zu, meine Herren, von dieser amtlichen Stelle

aus den persönlichen Gefühlen Ausdruck zu geben, mit welchen

mich das Hinscheiden meines Herrn erfüllt, das Ausscheiden des

ersten Deutschen Kaisers aus unserer Mitte. Es ist dafür auch

kein Bedürfnis, denn die Gefühle, die mich bewegen, die leben in

den Herzen eines jeden Deutschen; es hat deshalb keinen Zweck,

sie auszusprechen. Aber das eine glaube ich Ihnen doch nicht

vorenthalten zu dürfen, nicht von meinen Empfindungen, sondern

von meinen Erlebnissen: daß inmitten der schweren Schickungen,

welche der von uns geschiedene Herr in seinem Hause noch erlebt

hat, es zwei Tatsachen waren, welche ihn mit Befriedigung und

Trost erfüllten. Die eine war die, daß die Leiden seines einzigen

Sohnes und Nachfolgers, unseres jetzigen regierenden Herrn, die

ganze Welt — nicht nur Deutschland, sondern alle Weltteile, kann

man sagen; ich habe noch heute ein Telegramm aus Neuyork in

dieser Beziehung erhalten — mit einer Teilnahme erfüllt haben,

die beweist, welches Vertrauen sich die Dynastie des deutschen

Kaiserhauses bei allen Nationen erworben hat. Es ist dies ein

Erbteil, kann ich wohl sagen, welches des Kaisers lange Regierung

dem deutschen Volke hinterläßt. Das Vertrauen, das die Dynastie

erworben hat, wird sich auf die Nation übertragen, trotz allem,

was dagegen versucht wird. Die zweite Tatsache, in der Seine

Majestät einen Trost in manchen schweren Schickungen empfand, war

die, daß der Kaiser auf die Entwicklung seiner Hauptlebensaufgabe,

der Herstellung und Befestigung der Nationalität des Volkes, dem

er als deutscher Fürst angehört hatte, — daß der Kaiser auf die

Entwicklung, welche die Lösung dieser Aufgabe inzwischen genommen

hatte, mit einer Befriedigung zurückblickte, welche den Abend

seines Lebens verschönt und beleuchtet hat. Es trug dazu namentlich

in den letzten Wochen die Tatsache bei, daß mit einer seltenen

Einstimmigkeit aller Dynastien, aller verbündeten Regierungen,

aller Stämme in Deutschland, aller Abteilungen des Reichstags

dasjenige beschlossen wurde, was für die Sicherstellung der Zukunft

des Deutschen Reiches auf jede Gefahr hin, die uns bedrohen könnte,

als Bedürfnis von den verbündeten Regierungen empfunden wurde.

Diese Wahrnehmung hat Seine Majestät mit großem Troste erfüllt, und

noch in der letzten Beziehung, die ich zu meinem dahingeschiedenen

Herrn gehabt habe — es war gestern — hat er darauf Bezug genommen,

wie ihn dieser Beweis der Einheit der gesamten deutschen Nation,

wie er durch die Volksvertretung hier verkündet worden ist,

gestärkt und erfreut hat. Ich glaube, meine Herren, es wird für

Sie alle erwünscht sein, dieses Zeugnis, das ich aus eigener

Wahrnehmung für die letzten Stimmungen unseres dahingeschiedenen

Herrn ablegen kann, mit in Ihre Heimat zu nehmen, weil jeder

einzelne von Ihnen einen Anteil an dem Verdienste hat, welches

dem zugrunde liegt. Meine Herren, die heldenmütige Tapferkeit,

das nationale hochgespannte Ehrgefühl und vor allen Dingen die

treue, arbeitsame Pflichterfüllung im Dienste des Vaterlandes und

die Liebe zum Vaterlande, die in unserem dahingeschiedenen Herrn

verkörpert waren, mögen sie ein unzerstörbares Erbteil unserer

Nation sein, welches der aus unserer Mitte geschiedene Kaiser uns

hinterlassen hat! Das hoffe ich zu Gott, daß dieses Erbteil von

allen, die wir an den Geschäften unseres Vaterlandes mitzuwirken

haben, in Krieg und in Frieden, in Heldenmut, in Hingebung, in

Arbeitsamkeit, in Pflichttreue treu bewahrt bleibe.«

[Illustration: Bismarck im Reichstag. Der Friedensengel und der

Kriegsgott sind gleicherweise erstaunt, als sie seine Rede vernehmen:

»Wir Deutschen fürchten Gott ...« (»Figaro«, 7. April 1888)]

Mit den Worten: »Keines Menschen Mund kann dem Schmerze Ausdruck geben,

der ganz Deutschland erfüllt«, schloß der Präsident die Sitzung. Das

tiefe und warme Urteil aber, das Bismarck in seinem letzten Nachruf

seinem alten Herrn gewidmet hat, hielt er fest in all den Bitternissen

der späteren Zeit, und noch die Grabschrift, die er sich gewählt, ist

ein rührendes Zeugnis der Treue und ein ergreifendes Bekenntnis zu

Kaiser Wilhelm dem Ersten.

* * * * *

[Illustration: ~Die deutsche Küche~

Bismarck zu seinem Gretchen: »Man muß die Eier zerschlagen, wenn man

eine Omelette backen will.« Bismarck als Koch, Kaiser Wilhelm als

Gretchen, daneben auf dem Küchenstuhle Moltke als Kater. (»Triboulet«,

1888)]

Die Sonne Bismarcks war hinabgesunken; ein langes Leben gemeinsamer

großer Arbeit war vorüber. Aber sternenklar blieb auch der Abend. Und

auch der Inhalt dieses letzten Teiles eines heroischen Daseins ist

bedeutend gewesen, ja, es konnte geschehen, daß zuletzt Fürst Bismarck,

als er des Amtes entlassen war, noch über die eigene Größe hinauswuchs.

Nur ein kurzer Abschnitt noch — zwei Jahre, dann hat das »Niemals«

des alten Kaisers seine Geltung verloren, und nur aus der Ferne des

Sachsenwaldes vernahm die Nation noch die Stimme des getreuen Eckart.

* * * * *

Den ganzen Reichtum zu erschöpfen, den das Leben des Fürsten Bismarck

in der Zeit all der vergangenen Kämpfe bot, ist unmöglich. Nur hier

und da mag aus der Fülle seines Erlebens noch ein einzelner Zug

herausgehoben und anekdotenartig verzeichnet werden.

[Illustration:

Faust: »Ich grüße dich, du einzige Phiole,

Die ich mit Andacht nun herunterhole!

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Erweise deinem Meister deine Gunst.«

Bismarck als Faust vor der Wahlurne, aus der der Kartellreichstag

hervorgehen soll. (»Kladderadatsch«, Februar 1887)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 266 / 334 题