»Auch eine bessere Bewaffnung müssen wir anschaffen, denn wenn wir
eine Armee von Triariern bilden, von dem besten Menschenmaterial,
das wir überhaupt in unserem Volke haben, von den Familienvätern
über dreißig Jahre, dann müssen wir auch für sie die besten
Waffen haben, die es überhaupt gibt (Bravo!); wir müssen sie
nicht mit dem in den Kampf schicken, was wir für unsere jungen
Linientruppen nicht für gut genug halten (sehr gut!), sondern der
feste Mann, der Familienvater, diese Hünengestalten, deren wir
uns noch erinnern können aus der alten Zeit, wo sie die Brücke
von Versailles besetzt hatten, müssen auch das beste Gewehr an
der Schulter haben, die vollste Bewaffnung und die ausgiebigste
Kleidung zum Schutz gegen Witterung und alle äußeren Vorkommnisse.
(Lebhaftes Bravo.) Da dürfen wir nicht sparen. Aber ich hoffe,
es wird unsere Mitbürger beruhigen, wenn sie sich nun wirklich
den Fall denken, an den ich nicht glaube, daß wir von zwei Seiten
gleichzeitig überfallen würden — die Möglichkeit ist ja, wie ich
Ihnen vorhin an dem vierzigjährigen Zeitraum entwickelt habe,
für alle möglichen Koalitionen doch immer vorhanden —, wenn das
eintritt, so können wir an jeder unserer Grenzen eine Million
guter Soldaten in Defensive haben. Wir können dabei Reserven von
einer halben Million und höher, auch von einer ganzen Million,
im Hinterlande behalten und nach Bedürfnis vorschieben. Man hat
mir gesagt: das wird nur die Folge haben, daß die anderen auch
noch höher steigen. Das können sie nicht. (Bravo! — Heiterkeit.)
Die Ziffer haben sie längst erreicht ... Die Tapferkeit ist ja
bei allen zivilisierten Nationen gleich; der Russe, der Franzose
schlagen sich so tapfer wie der Deutsche; aber unsere Leute, unsere
700000 Mann sind kriegsgedient, =rompus au métier=, ausgediente
Soldaten, und die noch nichts verlernt haben. Und was uns kein Volk
in der Welt nachmachen kann: wir haben das Material an Offizieren
und Unteroffizieren, um diese ungeheure Armee zu kommandieren.
(Bravo!) Das ist, was man nicht nachmachen kann. Dazu gehört
das ganz eigentümliche Maß der Verbreitung der Volksbildung in
Deutschland, wie es in keinem anderen Lande wieder vorkommt. Das
Maß von Bildung, welches erforderlich ist, um einen Offizier und
Unteroffizier zum Kommando zu befähigen nach den Ansprüchen, die
der Soldat an ihn macht, existiert bei uns in sehr viel breiteren
Schichten als in irgendeinem anderen Lande. Wir haben mehr
Offiziermaterial und Unteroffiziermaterial als irgendein anderes
Land, und wir haben ein Offizierkorps, welches uns kein anderes
Land der Welt nachmachen kann. (Bravo!) Wenn wir in Deutschland
einen Krieg mit der vollen Wirkung unserer Nationalkraft führen
wollen, so muß es ein Krieg sein, mit dem alle, die ihn mitmachen,
alle, die ihm Opfer bringen, kurz und gut, mit dem die ganze Nation
einverstanden ist; es muß ein Volkskrieg sein; es muß ein Krieg
sein, der mit dem Enthusiasmus geführt wird, wie der von 1870,
wo wir ruchlos angegriffen wurden. Es ist mir noch erinnerlich
der ohrengellende freudige Zuruf am Kölner Bahnhofe, und so war
es von Berlin bis Köln, so war es hier in Berlin. Die Wogen der
Volkszustimmung trugen uns in den Krieg hinein, wir hätten wollen
mögen oder nicht. So muß es auch sein, wenn eine Volkskraft wie die
unsere zur vollen Geltung kommen soll. Es wird aber sehr schwer
sein, den Provinzen, den Bundesstaaten und ihren Bevölkerungen
das klarzumachen: Der Krieg ist unvermeidlich; er muß sein. Man
wird fragen: Ja, seid ihr denn dessen so sicher? Wer weiß? Kurz,
wenn wir schließlich zum Angriff kommen, so wird das ganze Gewicht
der Imponderabilien, die viel schwerer wiegen als die materiellen
Gewichte, auf der Seite unserer Gegner sein, die wir angegriffen
haben. Das ›heilige Rußland‹ wird entrüstet sein über den Angriff.
Frankreich wird bis an die Pyrenäen hin in Waffen starren. Ganz
dasselbe wird überall geschehen. Ein Krieg, zu dem wir nicht
vom Volkswillen getragen werden, der wird geführt werden, wenn
schließlich die verordneten Obrigkeiten ihn für nötig halten und
erklärt haben; er wird auch mit vollem Schneid und vielleicht
siegreich geführt werden, wenn man erst einmal Feuer bekommen und
Blut gesehen hat. Aber es wird nicht von Hause aus der Elan und
das Feuer dahinter sein wie in einem Kriege, wenn wir angegriffen
werden. Dann wird das ganze Deutschland von der Memel bis zum
Bodensee wie eine Pulvermine aufbrennen und von Gewehren starren,
und es wird kein Feind wagen, mit diesem =Furor teutonicus=, der
sich bei dem Angriff entwickelt, es aufzunehmen. (Bravo!) Es ist
nicht die Furcht, die uns friedfertig stimmt, sondern gerade
das Bewußtsein unserer Stärke, das Bewußtsein, auch dann, wenn
wir in einem minder günstigen Augenblicke angegriffen werden,
stark genug zu sein zur Abwehr und doch die Möglichkeit zu haben,
der göttlichen Vorsehung es zu überlassen, ob sie nicht in der
Zwischenzeit doch noch die Notwendigkeit eines Krieges aus dem
Wege räumen wird ... Wir können durch Liebe und Wohlwollen leicht
bestochen werden — vielleicht zu leicht —, aber durch Drohungen
ganz gewiß nicht! (Bravo!) Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst
nichts in der Welt (lebhaftes Bravo), und die Gottesfurcht ist es
schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt. Wer ihn aber
trotzdem bricht, der wird sich überzeugen, daß die kampfesfreudige
Vaterlandsliebe, welche 1813 die gesamte Bevölkerung des damals
schwachen, kleinen und ausgesogenen Preußens unter die Fahnen rief,
heutzutage ein Gemeingut der ganzen deutschen Nation ist, und daß
derjenige, welcher die deutsche Nation irgendwie angreift, sie
einheitlich gewaffnet finden wird und jeden Wehrmann mit dem festen
Glauben im Herzen: ›Gott wird mit uns sein!‹«
[Illustration: ~Der Dreibund im Hypodrom~ (»Le Grelot«, 30. Juni 1889)]
Und die Vorlage wurde unter dem Eindruck dieser gewaltigen Rede
einstimmig angenommen. Und doch war der Kanzler schwerleidend gewesen,
als er sie hielt, mehrmals mußte er sich, um sich zu erholen, auf
seinen Platz niederlassen. Aber je weiter er sprach, desto höher wuchs
er selbst empor, und mit ihm die Hörer, desto durchgeistigter wurden
seine Züge, desto tiefer der Eindruck, daß er in Wahrheit des Gottes
voll sei. Ohne Beratung in der Kommission ging das Gesetz durch. Wie
eine Flamme aber war die Rede durch die Welt geflogen. Als Fürst
Bismarck hinausschritt unter die harrende Menge, um eines Hauptes Länge
sie überragend, den Prophetenblick in unendliche Fernen gerichtet, da
entblößten alle schweigend den Kopf, und er schritt dahin, gleich einem
Seher altvergangener Zeit, bis er im Tore seines Hauses verschwand.
Und auch durch die Welt zuckte der Strahl — diese Rede war in Wahrheit
eine Tat geworden. Und sie wirkte weit hin und vertrieb das Gewölk,
das am Horizonte sich ballte, und friedlich konnte Kaiser Wilhelm den
Abend seines Lebens beschließen. Es war die letzte große Freude, die
Kaiser Wilhelm noch erlebte. Wenig mehr als ein Monat verging, und das
deutsche Volk trauerte um seinen geliebten und gütigen Herrn. Am 1.
März war Kaiser Wilhelm noch bei voller Gesundheit gewesen, zwei Tage
darauf aber erkrankte er an einer leichten Erkältung, und bald trat
ein ernstes Nierenleiden hinzu. Am 7. März nahm die Krankheit eine
ernste Wendung. Es mochte den greisen Herrn auch die Trauernachricht
tief bedrücken, die von seinem Sohne aus dem Süden und von seinem
unheilbaren Leiden kam. An diesem Tage eilte Fürst Bismarck in das
Palais seines alten Herrn und verweilte dort länger als drei Stunden.
In dieser Audienz genehmigte der Kaiser den Erlaß, dem Prinzen Wilhelm,
der später Deutschlands dritter Kaiser wurde, seine Stellvertretung
zu übertragen; hier gab er auch die letzte Unterschrift seines
Lebens, durch die der Reichstag geschlossen werden sollte. Auch am
Mittag des nächsten Tages äußerte der Kaiser den Wunsch, den Gefährten
seiner Kämpfe zu sehen. Sofort eilte Bismarck herbei zu der letzten
Unterredung mit seinem teuren Herrn. Noch einmal erörterte mit ihm der
Kaiser klar und sicher die politische Lage und richtete Worte heißen
Dankes an den Mann, der sein Ratgeber zu Glück und Größe gewesen war.
Als dann der Kanzler noch einmal an das schlichte Eisenbett herantrat,
erkannte der Kaiser den Freund nicht mehr; die letzten Worte, die von
seinen Lippen drangen, haben gelautet: »Ich habe jetzt keine Zeit, müde
zu sein!«
[Illustration: »~Der Zerschmetterer~«
Österreich und Italien lecken Bismarck die Stiefel. Er selbst ruft aus:
»Fürchtet Gott und — den Humpen.« (»Le Grelot«, 19. März 1888)]
Am 9. März morgens ½9 Uhr ist Kaiser Wilhelm entschlafen.
Mittags trat der Reichstag zusammen; der Kanzler erbat sich das Wort,
und während er mit zitternder Stimme und mit tiefer Bewegung zu reden
begann, erhob sich das ganze Haus von seinen Sitzen. Und Bismarck
sprach:
[Illustration: Bismarck am Marterpfahl, der die Inschrift trägt: »Die
Eroberung von Elsaß-Lothringen ist ein Raub, nichts anderes. Gewiß,
sie ist eine Tatsache, aber Tatsachen schaffen noch kein Recht. Victor
Hugo.« (»Le Pilori«, 1887)]
[Illustration: Bismarcks Alp. (»Le Forum«, Mai 1887)]