Bismarck beginnt die deutsche Kolonialpolitik. (»Punch«, 20. Dez. 1884)]

[Illustration: ~Die Zeit der erwachenden Kolonialbewegung~

Bismarck stellt die Frage: »Wohin werden wir jetzt gehen?« (»Punch«,

29. August 1885)]

So wie Fürst Bismarck den ersten Schritt auf das weite Gebiet der

sozialen Fürsorge wagte, so war er es auch, der den alten Gedanken des

Großen Kurfürsten wieder aufnahm und in den Wettbewerb um das reiche

Erbe der Welt eintrat. Er war es, der eine deutsche Kolonialmacht zu

begründen versuchte und trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihm

vom Auslande her wie aus der Verständnislosigkeit der Fraktionen

entgegenstellten, siegreich überwand. Er war es, dem wir es verdanken,

daß die deutsche Flagge in fernen Weltteilen weht, daß der deutsche

Name geachtet ist, wo immer es Menschen gibt, daß dem deutschen Handel

und Gewerbefleiß sich neue weite Gefilde eröffneten, daß dem Überschuß

an Volkskraft sich die Möglichkeit erschloß, unter dem Schutze des

Reiches auch in die Ferne zu schweifen und nicht mehr wie bisher den

Kulturdünger für fremde Nationen zu liefern. Das Parlament unter

Bambergers Führung widerstrebte zwar den ersten Versuchen, aber im

Volke hat der Gedanke schnell Wurzel geschlagen, und als der Kaufmann

Lüderitz für seine Besitzung in Afrika den Schutz des Reiches erbat,

da setzte der Kanzler, unbekümmert um den englischen Einspruch, die

Anerkennung der deutschen Schutzherrschaft über Angra Pequena und

Lüderitzland durch: Deutsche Schiffe wurden beauftragt, dem Entschluß

Nachdruck zu verleihen, und nach London gingen so scharfe Noten, daß

die englischen Minister es für richtig hielten, ihre drohende Sprache

aufzugeben und die deutschen Rechte anzuerkennen. Aber im eigenen

Lande fand schon die Dampfervorlage, die uns die Verbindung der fernen

Erdteile mit dem Mutterlande sichern sollte, scharfe Opposition, obwohl

Fürst Bismarck alsbald erklärte, daß es nicht seine Absicht sei,

Provinzen zu gründen, sondern nur kaufmännische Unternehmungen in ihrer

freien Entwicklung gegen Angriffe aus der unmittelbaren Nachbarschaft,

gegen die Bedrückung und Schädigung durch andere europäische Mächte zu

schützen. Man warf ihm frivole Abenteuerlust vor, man stellte sich etwa

auf den Standpunkt, den einst der preußische Verkehrsminister gegen

die Begründung der ersten Eisenbahnen einnahm, und stemmte sich jedem

einzelnen Schritt, den der Kanzler versuchte, hartnäckig entgegen. So

der Ausdehnung deutscher Gewalt auf einige Küstenpunkte von Guinea

und auf Kamerun. Auch Windthorst, der Führer des Zentrums, wies immer

wieder darauf hin, daß Deutschland, rings von Feinden umgeben, nicht

auch die Kosten einer schweren maritimen Rüstung ertragen könne. Gewiß

ahnte Bismarck, daß Albion jedem Versuche Deutschlands, sein Erbrecht

an der Welt zu fordern, widerstehen werde; er wußte es auch, daß

ein künftiger Waffengang mit dieser Nation, die für sich allein die

Herrschaft über die Meere beansprucht, nicht zu vermeiden sei. Aber

dieser Gedanke schreckte ihn nicht; er vertraute dem Sterne seines

Volkes und der Kraft des von ihm geschaffenen Staates. Und wahrlich,

dreißig Jahre später hat sich seine Hoffnung und sein Glaube bestätigt.

[Illustration: Papst: »Hier hast du deine Karoline! Herr Kanzler, ich

empfehl’ mich Ihne.« Der Papst, als Schiedsrichter angerufen, überweist

die Karolinen an die Spanier. (»Frankfurter Laterne«, November 1885)]

Hier in diesem Kampfe um das neue Deutschland hat Bismarck jenes

wundervolle Gleichnis vom Völkerfrühling gebraucht, das noch immer in

allen Herzen lebt. In seiner Rede vom 2. März 1885 hat er es angewandt:

»Bei den fremden Nationen machen die Vorgänge in Deutschland ja sehr

leicht den Eindruck, daß bei uns zwar unter Umständen, wie 1870, wie

1813, die geharnischten Männer aus der Erde wachsen wie aus der Saat

der Drachenzähne in der griechischen Mythe in Kolchis, aber daß sich

dann auch stets irgendein Zaubersteinchen der Medea findet, welches man

zwischen sie werfen kann, worauf sie übereinander herfallen und sich so

raufen, daß der fremde Jason ganz ruhig dabeistehen kann und zusehen,

wie die deutschen gewaffneten Recken sich untereinander bekämpfen. Es

liegt eine eigentümliche prophetische Voraussicht in unserem alten

nationalen Mythus, daß sich, sooft es den Deutschen gut geht, wenn

ein deutscher Völkerfrühling wieder, wie der verstorbene Kollege Völk

sich ausdrückte, anbricht, daß dann auch stets der Loki nicht fehlt,

der seinen Hödur findet, einen blöden dämlichen Menschen, den er

mit Geschick veranlaßt, den deutschen Völkerfrühling zu erschlagen,

respektive niederzustimmen.« Und dann zehn Tage später: »Ich habe mir

neulich gestattet, eine Analogie aus der altgermanischen Mythologie

zu zitieren, bei der ich das Wort ›Völkerfrühling‹ gebrauchte. Ich

fürchte, daß ich dabei dunkler geblieben bin, als ich zu sein wünschte,

und daß ich nicht deutlich ausgedrückt habe, was ich meinte; aber es

liegt nicht in meiner Gewohnheit, mythologische Anspielungen weit

auszuspinnen. Es war nur etwas, was — ich kann es nicht leugnen — mich

in den letzten zwanzig Jahren ununterbrochen gequält und beunruhigt

hat, diese Analogie unserer deutschen Geschichte mit unserer deutschen

Göttersage. Ich habe unter dem Begriff ›Völkerfrühling‹ mehr verstanden

als die Kolonialpolitik, ich habe meine Auffassung — ich will nicht

sagen, so niedrig — aber so kurz in Zeit und Raum nicht gegriffen.

Ich habe unter dem Frühling, der uns Deutschen geblüht hat, die ganze

Zeit verstanden, in der sich — ich kann wohl sagen: — Gottes Segen

über Deutschlands Politik seit 1866 ausgeschüttet hat, eine Periode,

die begann mit einem bedauerlichen Bürgerkriege, der zur Lösung eines

verschürzten gordischen Knotens unabweisbar und unentbehrlich war,

der überstanden wurde, und zwar ohne die Nachwehen, die man davon

zu befürchten hatte. Die Begeisterung für den nationalen Gedanken

war im Süden wie im Norden so groß, daß die Überzeugung, daß diese

— ich möchte sagen — ›chirurgische Operation‹ zur Heilung der alten

deutschen Erbkrankheiten notwendig war: sobald sie sich Bahn brach,

war auch aller Groll vergessen, und wir konnten schon im Jahre 1870 uns

überzeugen, daß das Gefühl der nationalen Einheit durch das Andenken

dieses Bürgerkrieges nicht gestört war, und daß wir alle als ›ein

einig Volk von Brüdern‹ den Angriffen des Auslandes entgegentreten

konnten. Das schwebte mir als ›Völkerfrühling‹ vor; daß wir darauf

die deutschen Grenzländer wiedergewannen, die nationale Einheit des

Reichs begründeten, einen deutschen Reichstag um uns versammelt, den

Deutschen Kaiser wieder erstehen sahen, das alles schwebte mir als

›Völkerfrühling‹ vor. Dieser Völkerfrühling hielt nur wenige Jahre

nach dem großen Siege vor. Aber dann kam, was ich unter dem Begriff

›Loki‹ verstand: der alte deutsche Erbfeind, der Parteihader, der

in dynastischen und in konfessionellen, in Stammesverschiedenheiten

und in den Fraktionskämpfen seine Nahrung findet, — der übertrug

sich auf unser öffentliches Leben, auf unsere Parlamente, und wir

sind angekommen in einem Zustand unseres öffentlichen Lebens, wo die

Regierungen zwar treu zusammenhalten, im deutschen Reichstag aber

der Hort der Einheit, den ich darin gesucht und gehofft hatte, nicht

zu finden ist, sondern der Parteigeist überwuchert uns; und der

Parteigeist, wenn er mit seiner Lokistimme den Urwähler Hödur, der die

Tragweite der Dinge nicht beurteilen kann, verleitet, daß er das eigene

Vaterland erschlage, der ist es, den ich anklage vor Gott und der

Geschichte, wenn das ganze herrliche Werk unserer Nation von 1866 und

1870 wieder in Verfall gerät und durch die Feder hier verdorben wird,

nachdem es durch das Schwert geschaffen wurde.«

[Illustration: Bismarck hatte in der »Norddeutschen Allgemeinen

Zeitung« einen »kalten Wasserstrahl« nach Frankreich gesandt. (»Le

Grelot«, 2. Dezember 1883)]

Wenn nun auch die Politik des Fürsten Bismarck oft und stark gegen

Interessen verstieß, die andere Nationen vertraten, und wenn

andererseits das »heilige Feuer der Revanche« in Frankreich immer

noch hell zum Himmel lohte, so ist es ihm dennoch gelungen, mit Würde

und Größe das Schiff, das die Germania trug, durch alle Fährnisse zu

lenken. Seine große Schöpfung des Dreibundes hat sich durch lange

Jahrzehnte bewährt; zu Rußland fand Fürst Bismarck trotz aller

panslawistischen Umtriebe doch ein glückliches, fast freundschaftliches

Verhältnis, nachdem Skobelew und Ignatiew beseitigt waren. Niemals

waren vielleicht die Dreikaisermächte einander so nahe gekommen, wie

im Anfang der achtziger Jahre. Niemals aber hat auf der anderen Seite

England eine so scharfe Sprache vernommen, wie aus Bismarcks Munde,

zumal als die britische Gewaltpolitik sich in Ägypten eine neue Beute

suchte.

[Illustration: ~Bismarcks Schützling~

Im Rüssel des Elefanten sitzt König Alfonso von Spanien. Er war als

Gast des ersten Kaisers in Berlin gewesen, wurde Chef eines Straßburger

Ulanenregiments und als Roi-Ulan auf der Rückreise in Paris auf das

schwerste beschimpft. (»Puck«, November 1883)]

[Illustration: Bismarck führt Österreich und Italien trotz der

Erregung, die durch die irredentistischen Umtriebe entstand, wieder

zusammen. (»Figaro«, Februar 1881)]

Das Verhältnis zu Frankreich erhielt seine äußerste Schärfe in

den Tagen, da General Boulanger davon träumte, gleich dem großen

Korsen durch einen glücklichen Krieg zur Macht und vielleicht zum

Kaiserthron zu gelangen. Hatte sich schon vorher die Stimmung in

Frankreich unter dem Einfluß der hinterhaltigen Politik Gortschakows

und der orleanistischen Fälschungen so verschärft, daß man gegen den

König Alfonso von Spanien, als er als Gast in Frankreich weilte, die

Pflichten der Gastlichkeit schnöde verletzte, nur weil er zum Chef

eines preußischen Ulanenregimentes ernannt worden war, so spitzten sich

die Beziehungen in gefährlichster Weise zu, als Boulanger in Frankreich

Kriegsminister wurde. Drohungen klangen fast täglich über den Rhein,

der Stil der Presse erhob sich zu wilder Leidenschaft, der Krieg stand

auf des Messers Schneide. Vergessen war es, daß in den Jahren vorher

das Verhältnis der beiden Nationen sich so günstig gestaltet hatte, daß

man in einer Reihe von Fragen freundschaftlich zusammenging. Vergessen

waren die Mahnungen Jules Ferrys, von einer Politik des Schmollens

und Grollens abzulassen — der Revanchegedanke ergriff das ganze

französische Volk und zwang den Fürsten Bismarck zur schärfsten Abwehr.

Eine neue große Wehrvorlage war die erste Antwort auf das Gesetz

Boulangers, das die allgemeine dreijährige Dienstzeit und zugleich eine

ungeheure Summe für Heereszwecke verlangte. Als aber der Reichstag

das, was der Kanzler verlangte, verwarf, als er das Septennat ablehnte

und nur einen begrenzten Teil der Forderungen an Geld und Mannschaft

bewilligen wollte, da löste Bismarck das widerspenstige Parlament auf,

und noch einmal stürzte er sich in einen Wahlkampf, wie er ihn einst in

der Konfliktszeit durchgefochten hatte. Der Kartellreichstag war der

Lohn. Einer gesicherten Mehrheit von 222 standen nur 174 Stimmen der

Opposition entgegen. In Sachsen war kein einziger Sozialist gewählt

worden. Der Freisinn sank von 67 auf 32 Mandate. Hatte die unnationale

Haltung des Reichstags vorher die Hoffnung Boulangers auf das äußerste

belebt, so war die indirekte Folge dieses Wahlausganges das ruhmlose

Ende des abenteuernden Generals, der zuletzt durch die eigene Hand auf

dem Grabe seiner Mätresse in Brüssel sich das Leben nehmen sollte.

[Illustration: ~Boulanger vor dem Spiegel~

Boulanger: »=Sacré Dieu!= Frappante Ähnlichkeit! Bald wird es heißen

›Boulanger =I.=, Kaiser von Frankreich‹.«

Bismarck: »Jejen die Generalprobe hätte ich nu jar nischt einzuwenden.

Die Aufführung von det Spektakelstück dürfte jedoch wejen

unvorherjesehener Hindernisse abgesagt werden.« (»Der Floh«, 27. Juni

1886)]

Aber noch ehe sein Schicksal besiegelt wurde, drohten seine

kriegerischen Absichten dennoch der Erfüllung entgegenzureifen. Ein

französischer Spion mit Namen Schnäbele hatte deutschen Boden in der

Nähe der Grenze betreten und war von Gendarmen festgenommen worden.

Gegen ihn lagen die überzeugendsten Beweise vor. Aber in Frankreich,

wo man der Lüge Boulangers glaubte, daß Schnäbele völkerrechtswidrig

herübergelockt oder gar auf französischem Boden gefangen genommen

worden sei, erhob sich alsbald eine ungeheure Erregung. Fürst Bismarck

aber lehnte es ab, um einer Lappalie willen einen Weltkrieg zu

entflammen.

In jenen Zeiten der nahen Gefahr hat Bismarck eine Reihe von Reden

gehalten, so gewaltig, so staatsmännisch tief und so wuchtig, daß sie

auch heute noch als Meisterstücke deutscher Redekunst gelten. Und

doppelt stark wirkt ihr Gewicht gerade in einer Zeit, in der all die

Gefahren, die einstmals drohten, heraufgezogen sind und sich zu einem

schweren und schwarzen Gewitter ballten, das sich heute auf Europas

Fluren entladet. Niemals aber hat eine Rede eine solche Wirkung

erzielt wie jener Aufruf an die deutsche Nation vom 6. Februar 1888,

deren Leitwort: »Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in

der Welt!« das Leitwort des Volkes geworden ist. In einem grandiosen

Überblick über die Geschichte der letzten Jahrzehnte stellte Fürst

Bismarck hier fest, daß Deutschland wiederholt dem Ausbruch des Krieges

viel näher war, als die parlamentarische Schulweisheit es träumen

mochte, daß durch lange Jahrzehnte eine ununterbrochene Kriegsgefahr

bestand, die nur mit aller Anstrengung vermieden werden konnte. Das

Verhältnis zu Rußland sei allerdings immer günstig gewesen, aber

schon nach dem Berliner Kongreß hätten die Intrigen Gortschakows ihm

den Zwang auferlegt, sich nach einem Verbündeten umzusehen, da sogar

»Kriegsdrohungen von der kompetentesten Seite« erfolgten. So sei das

Bündnis mit Österreich entstanden, dessen Publikation vor wenigen Tagen

erfolgt war. Dann fuhr Bismarck fort:

[Illustration: Bismarck als Bulldogge auf Jules Ferry reitend. Unter

dem Ministerium dieses Mannes gelang es Bismarck, mit Frankreich in

einer Reihe von Fragen (Bulgarien, Ägypten, Kolonialpolitik) friedlich

zusammenzugehen. (»Le Grelot«, 19. Oktober 1884)]

[Illustration: ~Die belgische Neutralität~

»Mit welcher Sauce möchtest du gegessen werden?« — »Aber ich will ja

gar nicht gegessen werden.« — »Du hast gar nichts zu sagen.« Die Zeit

der Größe Boulangers. Im Mittelpunkt der Erörterung für den Fall eines

Krieges steht die Frage der belgischen Neutralität. (»Le Grelot«, 20.

Februar 1887)]

Bismarck in Geschichte, Karikatur und Anekdote · 第 264 / 334 题