[Illustration: ~Die Zeit der erwachenden Kolonialbewegung~
Bismarck stellt die Frage: »Wohin werden wir jetzt gehen?« (»Punch«,
29. August 1885)]
So wie Fürst Bismarck den ersten Schritt auf das weite Gebiet der
sozialen Fürsorge wagte, so war er es auch, der den alten Gedanken des
Großen Kurfürsten wieder aufnahm und in den Wettbewerb um das reiche
Erbe der Welt eintrat. Er war es, der eine deutsche Kolonialmacht zu
begründen versuchte und trotz aller Schwierigkeiten, die sich ihm
vom Auslande her wie aus der Verständnislosigkeit der Fraktionen
entgegenstellten, siegreich überwand. Er war es, dem wir es verdanken,
daß die deutsche Flagge in fernen Weltteilen weht, daß der deutsche
Name geachtet ist, wo immer es Menschen gibt, daß dem deutschen Handel
und Gewerbefleiß sich neue weite Gefilde eröffneten, daß dem Überschuß
an Volkskraft sich die Möglichkeit erschloß, unter dem Schutze des
Reiches auch in die Ferne zu schweifen und nicht mehr wie bisher den
Kulturdünger für fremde Nationen zu liefern. Das Parlament unter
Bambergers Führung widerstrebte zwar den ersten Versuchen, aber im
Volke hat der Gedanke schnell Wurzel geschlagen, und als der Kaufmann
Lüderitz für seine Besitzung in Afrika den Schutz des Reiches erbat,
da setzte der Kanzler, unbekümmert um den englischen Einspruch, die
Anerkennung der deutschen Schutzherrschaft über Angra Pequena und
Lüderitzland durch: Deutsche Schiffe wurden beauftragt, dem Entschluß
Nachdruck zu verleihen, und nach London gingen so scharfe Noten, daß
die englischen Minister es für richtig hielten, ihre drohende Sprache
aufzugeben und die deutschen Rechte anzuerkennen. Aber im eigenen
Lande fand schon die Dampfervorlage, die uns die Verbindung der fernen
Erdteile mit dem Mutterlande sichern sollte, scharfe Opposition, obwohl
Fürst Bismarck alsbald erklärte, daß es nicht seine Absicht sei,
Provinzen zu gründen, sondern nur kaufmännische Unternehmungen in ihrer
freien Entwicklung gegen Angriffe aus der unmittelbaren Nachbarschaft,
gegen die Bedrückung und Schädigung durch andere europäische Mächte zu
schützen. Man warf ihm frivole Abenteuerlust vor, man stellte sich etwa
auf den Standpunkt, den einst der preußische Verkehrsminister gegen
die Begründung der ersten Eisenbahnen einnahm, und stemmte sich jedem
einzelnen Schritt, den der Kanzler versuchte, hartnäckig entgegen. So
der Ausdehnung deutscher Gewalt auf einige Küstenpunkte von Guinea
und auf Kamerun. Auch Windthorst, der Führer des Zentrums, wies immer
wieder darauf hin, daß Deutschland, rings von Feinden umgeben, nicht
auch die Kosten einer schweren maritimen Rüstung ertragen könne. Gewiß
ahnte Bismarck, daß Albion jedem Versuche Deutschlands, sein Erbrecht
an der Welt zu fordern, widerstehen werde; er wußte es auch, daß
ein künftiger Waffengang mit dieser Nation, die für sich allein die
Herrschaft über die Meere beansprucht, nicht zu vermeiden sei. Aber
dieser Gedanke schreckte ihn nicht; er vertraute dem Sterne seines
Volkes und der Kraft des von ihm geschaffenen Staates. Und wahrlich,
dreißig Jahre später hat sich seine Hoffnung und sein Glaube bestätigt.
[Illustration: Papst: »Hier hast du deine Karoline! Herr Kanzler, ich
empfehl’ mich Ihne.« Der Papst, als Schiedsrichter angerufen, überweist
die Karolinen an die Spanier. (»Frankfurter Laterne«, November 1885)]
Hier in diesem Kampfe um das neue Deutschland hat Bismarck jenes
wundervolle Gleichnis vom Völkerfrühling gebraucht, das noch immer in
allen Herzen lebt. In seiner Rede vom 2. März 1885 hat er es angewandt:
»Bei den fremden Nationen machen die Vorgänge in Deutschland ja sehr
leicht den Eindruck, daß bei uns zwar unter Umständen, wie 1870, wie
1813, die geharnischten Männer aus der Erde wachsen wie aus der Saat
der Drachenzähne in der griechischen Mythe in Kolchis, aber daß sich
dann auch stets irgendein Zaubersteinchen der Medea findet, welches man
zwischen sie werfen kann, worauf sie übereinander herfallen und sich so
raufen, daß der fremde Jason ganz ruhig dabeistehen kann und zusehen,
wie die deutschen gewaffneten Recken sich untereinander bekämpfen. Es
liegt eine eigentümliche prophetische Voraussicht in unserem alten
nationalen Mythus, daß sich, sooft es den Deutschen gut geht, wenn
ein deutscher Völkerfrühling wieder, wie der verstorbene Kollege Völk
sich ausdrückte, anbricht, daß dann auch stets der Loki nicht fehlt,
der seinen Hödur findet, einen blöden dämlichen Menschen, den er
mit Geschick veranlaßt, den deutschen Völkerfrühling zu erschlagen,
respektive niederzustimmen.« Und dann zehn Tage später: »Ich habe mir
neulich gestattet, eine Analogie aus der altgermanischen Mythologie
zu zitieren, bei der ich das Wort ›Völkerfrühling‹ gebrauchte. Ich
fürchte, daß ich dabei dunkler geblieben bin, als ich zu sein wünschte,
und daß ich nicht deutlich ausgedrückt habe, was ich meinte; aber es
liegt nicht in meiner Gewohnheit, mythologische Anspielungen weit
auszuspinnen. Es war nur etwas, was — ich kann es nicht leugnen — mich
in den letzten zwanzig Jahren ununterbrochen gequält und beunruhigt
hat, diese Analogie unserer deutschen Geschichte mit unserer deutschen
Göttersage. Ich habe unter dem Begriff ›Völkerfrühling‹ mehr verstanden
als die Kolonialpolitik, ich habe meine Auffassung — ich will nicht
sagen, so niedrig — aber so kurz in Zeit und Raum nicht gegriffen.
Ich habe unter dem Frühling, der uns Deutschen geblüht hat, die ganze
Zeit verstanden, in der sich — ich kann wohl sagen: — Gottes Segen
über Deutschlands Politik seit 1866 ausgeschüttet hat, eine Periode,
die begann mit einem bedauerlichen Bürgerkriege, der zur Lösung eines
verschürzten gordischen Knotens unabweisbar und unentbehrlich war,
der überstanden wurde, und zwar ohne die Nachwehen, die man davon
zu befürchten hatte. Die Begeisterung für den nationalen Gedanken
war im Süden wie im Norden so groß, daß die Überzeugung, daß diese
— ich möchte sagen — ›chirurgische Operation‹ zur Heilung der alten
deutschen Erbkrankheiten notwendig war: sobald sie sich Bahn brach,
war auch aller Groll vergessen, und wir konnten schon im Jahre 1870 uns
überzeugen, daß das Gefühl der nationalen Einheit durch das Andenken
dieses Bürgerkrieges nicht gestört war, und daß wir alle als ›ein
einig Volk von Brüdern‹ den Angriffen des Auslandes entgegentreten
konnten. Das schwebte mir als ›Völkerfrühling‹ vor; daß wir darauf
die deutschen Grenzländer wiedergewannen, die nationale Einheit des
Reichs begründeten, einen deutschen Reichstag um uns versammelt, den
Deutschen Kaiser wieder erstehen sahen, das alles schwebte mir als
›Völkerfrühling‹ vor. Dieser Völkerfrühling hielt nur wenige Jahre
nach dem großen Siege vor. Aber dann kam, was ich unter dem Begriff
›Loki‹ verstand: der alte deutsche Erbfeind, der Parteihader, der
in dynastischen und in konfessionellen, in Stammesverschiedenheiten
und in den Fraktionskämpfen seine Nahrung findet, — der übertrug
sich auf unser öffentliches Leben, auf unsere Parlamente, und wir
sind angekommen in einem Zustand unseres öffentlichen Lebens, wo die
Regierungen zwar treu zusammenhalten, im deutschen Reichstag aber
der Hort der Einheit, den ich darin gesucht und gehofft hatte, nicht
zu finden ist, sondern der Parteigeist überwuchert uns; und der
Parteigeist, wenn er mit seiner Lokistimme den Urwähler Hödur, der die
Tragweite der Dinge nicht beurteilen kann, verleitet, daß er das eigene
Vaterland erschlage, der ist es, den ich anklage vor Gott und der
Geschichte, wenn das ganze herrliche Werk unserer Nation von 1866 und
1870 wieder in Verfall gerät und durch die Feder hier verdorben wird,
nachdem es durch das Schwert geschaffen wurde.«
[Illustration: Bismarck hatte in der »Norddeutschen Allgemeinen
Zeitung« einen »kalten Wasserstrahl« nach Frankreich gesandt. (»Le
Grelot«, 2. Dezember 1883)]
Wenn nun auch die Politik des Fürsten Bismarck oft und stark gegen
Interessen verstieß, die andere Nationen vertraten, und wenn
andererseits das »heilige Feuer der Revanche« in Frankreich immer
noch hell zum Himmel lohte, so ist es ihm dennoch gelungen, mit Würde
und Größe das Schiff, das die Germania trug, durch alle Fährnisse zu
lenken. Seine große Schöpfung des Dreibundes hat sich durch lange
Jahrzehnte bewährt; zu Rußland fand Fürst Bismarck trotz aller
panslawistischen Umtriebe doch ein glückliches, fast freundschaftliches
Verhältnis, nachdem Skobelew und Ignatiew beseitigt waren. Niemals
waren vielleicht die Dreikaisermächte einander so nahe gekommen, wie
im Anfang der achtziger Jahre. Niemals aber hat auf der anderen Seite
England eine so scharfe Sprache vernommen, wie aus Bismarcks Munde,
zumal als die britische Gewaltpolitik sich in Ägypten eine neue Beute
suchte.
[Illustration: ~Bismarcks Schützling~
Im Rüssel des Elefanten sitzt König Alfonso von Spanien. Er war als
Gast des ersten Kaisers in Berlin gewesen, wurde Chef eines Straßburger
Ulanenregiments und als Roi-Ulan auf der Rückreise in Paris auf das
schwerste beschimpft. (»Puck«, November 1883)]
[Illustration: Bismarck führt Österreich und Italien trotz der
Erregung, die durch die irredentistischen Umtriebe entstand, wieder
zusammen. (»Figaro«, Februar 1881)]
Das Verhältnis zu Frankreich erhielt seine äußerste Schärfe in
den Tagen, da General Boulanger davon träumte, gleich dem großen
Korsen durch einen glücklichen Krieg zur Macht und vielleicht zum
Kaiserthron zu gelangen. Hatte sich schon vorher die Stimmung in
Frankreich unter dem Einfluß der hinterhaltigen Politik Gortschakows
und der orleanistischen Fälschungen so verschärft, daß man gegen den
König Alfonso von Spanien, als er als Gast in Frankreich weilte, die
Pflichten der Gastlichkeit schnöde verletzte, nur weil er zum Chef
eines preußischen Ulanenregimentes ernannt worden war, so spitzten sich
die Beziehungen in gefährlichster Weise zu, als Boulanger in Frankreich
Kriegsminister wurde. Drohungen klangen fast täglich über den Rhein,
der Stil der Presse erhob sich zu wilder Leidenschaft, der Krieg stand
auf des Messers Schneide. Vergessen war es, daß in den Jahren vorher
das Verhältnis der beiden Nationen sich so günstig gestaltet hatte, daß
man in einer Reihe von Fragen freundschaftlich zusammenging. Vergessen
waren die Mahnungen Jules Ferrys, von einer Politik des Schmollens
und Grollens abzulassen — der Revanchegedanke ergriff das ganze
französische Volk und zwang den Fürsten Bismarck zur schärfsten Abwehr.
Eine neue große Wehrvorlage war die erste Antwort auf das Gesetz
Boulangers, das die allgemeine dreijährige Dienstzeit und zugleich eine
ungeheure Summe für Heereszwecke verlangte. Als aber der Reichstag
das, was der Kanzler verlangte, verwarf, als er das Septennat ablehnte
und nur einen begrenzten Teil der Forderungen an Geld und Mannschaft
bewilligen wollte, da löste Bismarck das widerspenstige Parlament auf,
und noch einmal stürzte er sich in einen Wahlkampf, wie er ihn einst in
der Konfliktszeit durchgefochten hatte. Der Kartellreichstag war der
Lohn. Einer gesicherten Mehrheit von 222 standen nur 174 Stimmen der
Opposition entgegen. In Sachsen war kein einziger Sozialist gewählt
worden. Der Freisinn sank von 67 auf 32 Mandate. Hatte die unnationale
Haltung des Reichstags vorher die Hoffnung Boulangers auf das äußerste
belebt, so war die indirekte Folge dieses Wahlausganges das ruhmlose
Ende des abenteuernden Generals, der zuletzt durch die eigene Hand auf
dem Grabe seiner Mätresse in Brüssel sich das Leben nehmen sollte.
[Illustration: ~Boulanger vor dem Spiegel~
Boulanger: »=Sacré Dieu!= Frappante Ähnlichkeit! Bald wird es heißen
›Boulanger =I.=, Kaiser von Frankreich‹.«
Bismarck: »Jejen die Generalprobe hätte ich nu jar nischt einzuwenden.
Die Aufführung von det Spektakelstück dürfte jedoch wejen
unvorherjesehener Hindernisse abgesagt werden.« (»Der Floh«, 27. Juni
1886)]
Aber noch ehe sein Schicksal besiegelt wurde, drohten seine
kriegerischen Absichten dennoch der Erfüllung entgegenzureifen. Ein
französischer Spion mit Namen Schnäbele hatte deutschen Boden in der
Nähe der Grenze betreten und war von Gendarmen festgenommen worden.
Gegen ihn lagen die überzeugendsten Beweise vor. Aber in Frankreich,
wo man der Lüge Boulangers glaubte, daß Schnäbele völkerrechtswidrig
herübergelockt oder gar auf französischem Boden gefangen genommen
worden sei, erhob sich alsbald eine ungeheure Erregung. Fürst Bismarck
aber lehnte es ab, um einer Lappalie willen einen Weltkrieg zu
entflammen.
In jenen Zeiten der nahen Gefahr hat Bismarck eine Reihe von Reden
gehalten, so gewaltig, so staatsmännisch tief und so wuchtig, daß sie
auch heute noch als Meisterstücke deutscher Redekunst gelten. Und
doppelt stark wirkt ihr Gewicht gerade in einer Zeit, in der all die
Gefahren, die einstmals drohten, heraufgezogen sind und sich zu einem
schweren und schwarzen Gewitter ballten, das sich heute auf Europas
Fluren entladet. Niemals aber hat eine Rede eine solche Wirkung
erzielt wie jener Aufruf an die deutsche Nation vom 6. Februar 1888,
deren Leitwort: »Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in
der Welt!« das Leitwort des Volkes geworden ist. In einem grandiosen
Überblick über die Geschichte der letzten Jahrzehnte stellte Fürst
Bismarck hier fest, daß Deutschland wiederholt dem Ausbruch des Krieges
viel näher war, als die parlamentarische Schulweisheit es träumen
mochte, daß durch lange Jahrzehnte eine ununterbrochene Kriegsgefahr
bestand, die nur mit aller Anstrengung vermieden werden konnte. Das
Verhältnis zu Rußland sei allerdings immer günstig gewesen, aber
schon nach dem Berliner Kongreß hätten die Intrigen Gortschakows ihm
den Zwang auferlegt, sich nach einem Verbündeten umzusehen, da sogar
»Kriegsdrohungen von der kompetentesten Seite« erfolgten. So sei das
Bündnis mit Österreich entstanden, dessen Publikation vor wenigen Tagen
erfolgt war. Dann fuhr Bismarck fort:
[Illustration: Bismarck als Bulldogge auf Jules Ferry reitend. Unter
dem Ministerium dieses Mannes gelang es Bismarck, mit Frankreich in
einer Reihe von Fragen (Bulgarien, Ägypten, Kolonialpolitik) friedlich
zusammenzugehen. (»Le Grelot«, 19. Oktober 1884)]
[Illustration: ~Die belgische Neutralität~
»Mit welcher Sauce möchtest du gegessen werden?« — »Aber ich will ja
gar nicht gegessen werden.« — »Du hast gar nichts zu sagen.« Die Zeit
der Größe Boulangers. Im Mittelpunkt der Erörterung für den Fall eines
Krieges steht die Frage der belgischen Neutralität. (»Le Grelot«, 20.
Februar 1887)]