An diesen Abenden tauchte auch ein scherzhaftes Vorkommnis aus
der Vergangenheit auf, das Herr von Bismarck erlebte, als er noch
Gesandter beim Deutschen Bundestage war: Er hatte seinerzeit
von seinem Universitätsgenossen, dem Grafen Keyserlingk, und
bei gelegentlichen Reisen durch Kurland auch ein paar lettische
Redensarten gelernt und jagte damit einmal zwei kurländischen Damen
einen nicht geringen Schrecken ein. Er saß nämlich eines Tages in
Frankfurt a. M. an der Table d’hote zwei jungen Damen gegenüber,
welche sehr lebhaft und ungeniert miteinander konversierten. Sie
lachten sehr häufig; die Tischgesellschaft mochte wohl nicht in
eben schmeichelhafter Weise von ihnen durchgenommen werden, und
aus manchen Anzeichen entnahm Bismarck, daß er der ganz besondere
Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit war. Er verstand so viel, daß die
Sprache die lettische war. Die Damen hielten sich natürlich für
ganz sicher, in einem so barbarischen Idiom von niemand verstanden
zu werden, und ließen daher ihrem Humor immer mehr die Zügel
schießen. Inzwischen hatte Bismarck zu einem neben ihm sitzenden
Freunde leise gesagt: »Wenn Sie einige fremde Worte von mir
hören, reichen Sie mir einen Schlüssel.« Als nun beim Dessert die
Ausgelassenheit der beiden jungen Damen immer ärger wurde, hörten
sie zu ihrem größten Schrecken, wie ihr Visavis ruhig zu seinem
Nachbar sagte: »=Dohd man to Azlek=« (gib mir den Schlüssel). Er
erhielt seinen Schlüssel, aber die Damen sprangen flammenrot von
ihren Sitzen auf und stürmten zum Saal hinaus!
[Illustration: »In Deutschland suchen sie noch immer vergebens die
Stelle, wo der dreihaarige Achilles sterblich ist.« (»Figaro«, Mai
1882)]