Einmal erzählte der Fürst: »Meine Frau wurde einst in Varzin
plötzlich nicht unbedenklich unwohl, und da gerade der Hausarzt
nicht anwesend war, wurde von Schlawe ein =Dr.= B. zur Konsultation
berufen. Dieser fand den Zustand der Patientin nicht gefährlich,
blieb aber auf Wunsch des Fürsten den Tag über in Varzin und
wurde selbstverständlich auch zur Tafel geladen. Der starke Wein
mag den guten Doktor etwas aufgemuntert haben, denn er wurde
immer gesprächiger und erzählte auch folgendes Geschichtchen:
›Bei einer großen Schlägerei in einem benachbarten Dorfe wurde
ein Bauernbursche derart verletzt, daß die Schädeldecke ganz
zertrümmert und das Hirn vollständig bloßgelegt war. Ich war
alsbald an Ort und Stelle und brauchte nicht weniger als 25 Nadeln,
um den Kopf nur einigermaßen wieder zusammenzuflicken; aber dank
meiner Kunst konnte der Bursche schon nach drei Tagen wieder seiner
Arbeit nachgehen.‹« Der Fürst, der dies ungefähr so erzählte,
machte jetzt eine kleine Pause und sagte dann zu seinen Gästen:
»Meine Herren, bevor ich weiter erzähle, muß ich Sie fragen, ob
vielleicht einer der Herren ›Stadtrat‹ ist, denn sonst kann ich
meine Geschichte nicht beenden.« Nachdem dies verneint wurde,
fuhr der Fürst fort, weiter zu erzählen: »Natürlich stellte ich
mich, als wenn ich an der Geschicklichkeit des =Dr.= B. gar keinen
Zweifel hegte, und sagte nur: ›Nun, lieber Herr Doktor, lassen
Sie sich von mir auch eine kleine Geschichte erzählen, die ebenso
wahr ist als die Ihrige.‹ Zu einem bekannten Doktor in Berlin kam
einst ein Mann, der über fürchterliche Kopfschmerzen klagte, die
er gar nicht los werden könne. ›O, da können wir leicht helfen,‹
sagte der berühmte Operateur, ›das kommt vom Hirn, an dem etwas
zu fehlen scheint.‹ Er löste hierauf die Schädeldecke, nahm das
Hirn des Mannes heraus und sagte zu ihm: ›So, jetzt werden Sie
keine Schmerzen mehr haben, kommen Sie in einigen Tagen wieder,
dann können Sie Ihr Hirn frisch hergerichtet wieder eingesetzt
bekommen.‹ Ganz erleichtert und vergnügt ging der gute Mann
nach Hause. Es währte einige Tage, der Mann kam nicht mehr. Da
schickte der Arzt zu ihm und ließ ihm sagen, er möge doch sein Hirn
holen, es fange schon an zu riechen. Der Mann aber ließ dem Arzte
zurückmelden: ›Ich bin jetzt Stadtrat geworden; ich brauche kein
Hirn mehr.‹ Unser =Dr.= B. lachte zwar auch mit, aber er beeilte
sich doch, sobald als möglich nach dem Diner heimzukommen, und hat
in Zukunft kein Jägerlatein mehr an der Tafel gesprochen.«
[Illustration: Bismarck als Vogelfänger ist begierig, ob ihm »so’n
liberaler Gimpel uff’n Leim geht«. Durch die »Heidelberger Erklärung«
hatte die Nationalliberale Partei zur Erbitterung des durch die
Sezession verstärkten Freisinns sich auf Bismarcks Seite gestellt.
(»Humor. Blätter«, 20. April 1884)]